_Fürst Abreskow_ ($tritt ein$): =J'espère, que je ne force pas la
consigne.= ($Er küßt ihr die Hand.$)
_Anna Dmitrijewna_: Sie wissen, daß =vous êtes toujours le bienvenu=.
Und jetzt, heute, ganz besonders. Sie haben mein Briefchen erhalten?
_Fürst Abreskow_: Jawohl, und mein Erscheinen ist meine Antwort.
_Anna Dmitrijewna_: Ach, mein Freund, ich fange an ganz zu verzweifeln.
=Il est ensorcelé, positivement ensorcelé.= Ich bin bei ihm noch nie
einer solchen Beharrlichkeit, einer solchen Hartnäckigkeit, einer
solchen Mitleidslosigkeit und Gleichgültigkeit mir gegenüber begegnet.
Seit diese Frau sich von ihrem Manne losgesagt hat, ist er vollständig
umgewandelt.
_Fürst Abreskow_: Aber was ist denn eigentlich geschehen? Wie steht die
Sache?
_Anna Dmitrijewna_: Er will sie unter allen Umständen heiraten.
_Fürst Abreskow_: Und wie stellt sich ihr Mann dazu?
_Anna Dmitrijewna_: Er willigt in die Scheidung.
_Fürst Abreskow_: Also so ist das!
_Anna Dmitrijewna_: Und er, Viktor, befaßt sich eifrig mit all diesen
Dingen, mit all dem Schmutz, der dabei aufgerührt wird, und den
Advokaten und den Schuldbeweisen. =Tout ça est dégoûtant.= Aber dadurch
läßt er sich nicht abstoßen. Ich verstehe ihn gar nicht. Er mit seiner
Feinfühligkeit und mit seiner Schüchternheit ...
_Fürst Abreskow_: Er liebt. Ach, wenn jemand so richtig liebt, dann ...
_Anna Dmitrijewna_: Ja, aber warum konnte denn zu unserer Zeit
die Liebe eine reine, freundschaftliche, das ganze Leben hindurch
anhaltende Liebe sein? Eine solche Liebe weiß ich zu verstehen und zu
schätzen.
_Fürst Abreskow_: Die jetzige neue Generation vermag sich nicht mehr
mit idealen Beziehungen zu begnügen. =La possession de l'âme ne leur
suffit plus.= Dagegen läßt sich nichts tun. Aber was machen wir mit ihm?
_Anna Dmitrijewna_: Nein, sagen Sie das nicht mit Bezug auf ihn.
Sondern das ist eine Art von Behexung. Er ist geradezu wie umgetauscht.
Sie wissen ja: ich bin bei ihr gewesen. Er hatte mich so darum gebeten.
Ich fuhr hin, traf sie aber nicht an und ließ meine Karte da. =Elle m'a
fait demander, si je pouvais la recevoir.= Und heute ($sie sieht nach
der Uhr$) zwischen eins und zwei, also sogleich, muß sie herkommen.
Ich habe Viktor versprochen, sie zu empfangen; aber können Sie sich in
meine Lage versetzen? Ich bin ganz verstört. Und nach alter Gewohnheit
habe ich Sie hergebeten. Ich bedarf Ihrer Hilfe.
_Fürst Abreskow_: Ich danke Ihnen.
_Anna Dmitrijewna_: Sie werden sich darüber klar sein, daß dieser ihr
Besuch für die ganze Angelegenheit, für Viktors Schicksal, entscheidend
ist. Ich muß entweder meine Einwilligung verweigern ... aber wie kann
ich das?
_Fürst Abreskow_: Sie kennen sie noch gar nicht?
_Anna Dmitrijewna_: Ich habe sie noch nie gesehen. Aber ich fürchte
mich vor ihr. Eine gute Frau kann sich nicht dazu entschließen, ihren
Mann zu verlassen. Und einen so guten Menschen! Er ist ja Viktors
Kollege und hat bei uns verkehrt. Er war ein sehr liebenswürdiger
Mensch. Aber wie er auch gewesen sein mag, =quels que soient les torts
qu'il a eus vis-à-vis d'elle=, von ihrem Manne darf sie sich nicht
lossagen. Man muß sein Kreuz tragen. Das eine verstehe ich nicht, wie
Viktor bei seinen Grundsätzen es fertigbekommen kann, eine geschiedene
Frau zu heiraten. Wie oft hat er, und erst kürzlich, in meiner
Gegenwart mit Herrn Spizyn hitzig debattiert und den Beweis dafür
zu führen gesucht, daß die Ehescheidung mit dem wahren Christentum
unvereinbar sei, und nun wirkt er selbst auf eine solche hin. =Si elle
a pu le charmer à un tel point= ... Ich fürchte mich vor ihr. Aber
ich habe Sie hergebeten, um Sie zu hören, und statt dessen rede nur
ich selbst immerzu. Was meinen Sie? Reden Sie! Was muß ich nach Ihrer
Ansicht tun? Was halten Sie für nötig? Haben Sie mit Viktor gesprochen?
_Fürst Abreskow_: Ja, ich habe mit ihm gesprochen. Und ich glaube, daß
er sie liebt, daß diese Liebe ihm schon zur vollen Gewohnheit geworden
ist und eine gewaltige Macht über ihn gewonnen hat; und er ist ein
Mensch, welcher Neigungen nur langsam in sich aufnimmt, sie aber dann
um so energischer festhält. Was einmal in sein Herz eingedrungen ist,
das geht nicht wieder hinaus. Er wird nie eine andere Frau als sie
lieben und kann mit keiner andern glücklich werden.
_Anna Dmitrijewna_: Und wie gern würde ihn Warja Kasanzewa heiraten!
Was ist sie für ein prächtiges Mädchen, und wie liebt sie ihn!...
_Fürst Abreskow_ ($lächelnd$): =C'est compter sans son hôte.= Das ist
jetzt ganz ausgeschlossen. Und ich glaube, es ist das beste, sich zu
fügen und ihm zu der Heirat behilflich zu sein.
_Anna Dmitrijewna_: Zu der Heirat mit einer geschiedenen Frau, damit er
dem ersten Manne seiner Frau fortwährend begegnet? Ich verstehe nicht,
wie Sie mit solcher Ruhe davon reden können. Ist das etwa eine Frau,
wie eine Mutter sie ihrem einzigen Sohne, und noch dazu einem solchen
Sohne, zur Gattin wünschen kann?
_Fürst Abreskow_: Aber was ist da zu machen, liebe Freundin? Natürlich
wäre es besser, wenn er ein Mädchen heiratete, das Sie kennen und gern
haben. Aber wenn das eben nicht möglich ist ... Und dann: wenn er nun
eine Zigeunerin oder Gott weiß wen heiratete? Lisa Protasowa aber ist
ein herzensgutes, liebenswürdiges Wesen. Ich kenne sie durch meine
Nichte Nelly: sie ist eine sanfte, gutherzige, liebevolle, moralisch
tadellose Frau.
_Anna Dmitrijewna_: Eine moralisch tadellose Frau, die es fertigbringt,
sich von ihrem Manne loszusagen?!
_Fürst Abreskow_: Ich erkenne Sie gar nicht wieder. Sie sind ja so
hart und grausam. Der Mann dieser Frau ist einer von jenen Menschen,
von denen man sagt, daß sie keinen andern Feind haben als sich selbst.
Aber in noch höherem Grade ist er ein Feind seiner Frau. Er ist ein
schwacher, völlig heruntergekommener, trunksüchtiger Mensch. Er hat
sein ganzes Vermögen und ihr ganzes Vermögen verschwendet; sie hat ein
Kind ... Wie können Sie nur eine Frau verurteilen, die einen solchen
Mann verlassen hat? Zudem hat nicht sie ihn verlassen, sondern er sie.
_Anna Dmitrijewna_: Ach, welch ein Schmutz! welch ein Schmutz! Und ich
soll mich damit besudeln!
_Fürst Abreskow_: Und Ihre Religion?
_Anna Dmitrijewna_: Ja, ja, die Vergebung! „Wie auch wir vergeben
unsern Schuldigern.” =Mais c'est plus fort que moi.=
_Fürst Abreskow_: Wie kann sie denn mit einem solchen Menschen weiter
zusammenleben? Auch wenn sie nicht einen andern liebte, müßte sie sich
von jenem trennen. Um des Kindes willen müßte sie das tun. Er selbst,
ihr Mann, der, wenn er sich in nüchternem Zustande befindet, ein
verständiger, guter Mensch ist, er selbst rät ihr, dies zu tun.