Herr Heindel »na werden das auch noch selber hier ausfinden; waren wohl
gar da oben um Manuscript zu verkaufen?«
»Ich? -- o nein« sagte Theobald, und fühlte daß er bis weit hinter die
Ohren roth wurde. Herr Handel sah das aber nicht; er hatte beim ersten
Begegnen zwar zu seiner neuen Bekanntschaft aufgeschaut, war dann aber
an dessen Blick immer wieder wie scheu heruntergefahren, und ließ den
eigenen bald auf Theobalds Westenknöpfen, bald auf dessen Halstuchschleife
oder Hemdkragen haften, was bei diesem aber auch zuletzt ein unangenehmes,
fast nervöses Gefühl erzeugte, und ihn selber wünschen ließ einen Blick
auf die so scharf aufs Korn genommenen Gegenstände zu thun, ob der
Fremde irgend etwas außergewöhnliches --Fleck oder Riß daran entdecke.
Herr Heindel hatte übrigens andere Sachen im Kopf, als Herrn Theobalds
Vatermörder oder Westenknöpfe, und nur einen derselben, nach dem der
junge Mann rasch hinunterschielte, fassend und festhaltend, sagte er,
indem er die Augenbrauen in die Höhe zog und bedenklich mit dem Kopfe
nickte:
»Würde Ihnen auch wenig helfen, verehrter Herr, würde Ihnen verdammt
wenig helfen -- ich habe selber darin verwünscht bittere Erfahrungen
gemacht. Ja stehlen -- stehlen thun sie; diese nichtswürdigen Hallunken
von Zeitungsredakteuren, wo sie die Hand an irgend etwas Gedrucktes
legen können, aber Manuscript _bezahlen_, irgend etwas selbstständig
Vernünftiges mit baarem Gelde _kaufen_? -- Gott bewahre!«
»Es sind das eigenthümliche Verhältnisse« stammelte Theobald, der nicht
mit Unrecht um seinen Westenknopf besorgt war, und mit Schrecken daran
dachte daß er hier in Amerika nicht einmal wieder einen passenden zu dem
ausgesucht schönen halben Dutzend bekommen würde. Aber trotzdem hatte er
nicht den Muth sich von der arbeitenden Hand des wunderlichen Fremden zu
befreien, der ihm wieder unverwandt auf den Rockkragen sah -- er _mußte_
da irgend einen Fettfleck, oder wenigstens eine Spinne sitzen haben.
»Eigenthümliche Verhältnisse?« rief aber Herr Heindel entrüstet, und
stieg mit seinen Augen bis zu Theobalds Halsbinde auf -- »Spitzbübereien
sind's, nichtswürdige erbärmliche Gaunereien, unter denen ordentliche,
anständige Menschen aus ihrer Heimath fort nach dem vermaledeiten
Amerika gelockt werden, bis sie hier sind, in der Falle drin sitzen und
nicht wieder hinaus können. Hol der Teufel das ganze Amerika, so viel
sag ich, und alle die Canaillen dazu, die dicke Bücher zu dessen Lobe
schreiben -- ich wünsche ihnen weiter Nichts als daß sie wieder herüber
müßten.«
»Aber sollte es denn wirklich so schlecht hier sein?«
»Schlecht? -- erbärmlich, hundsföttisch sag ich Ihnen« rief der Mann,
ganz eifrig über das Thema werdend, »arbeiten, immer nur arbeiten ist
die Losung, und zwar arbeiten mit den Fäusten, als ob alle Menschen als
geborene Holzhacker auf die Welt gekommen wären -- Kopfarbeit wird hier
gar nicht gerechnet, Gott bewahre, und die Deutschen hier, sind nun gar
die erbärmlichste Nation die sich ein Mensch auf der Welt denken kann.
Glauben Sie daß das Volk in irgend einer Proceßsache einen _deutschen_
Advocaten anstellt, so lange sie einen Amerikanischen Lumpen bekommen
können? -- Gott bewahre, nicht d'ran zu denken, und dabei quälen sie
sich mit ihrem nichtswürdigen Englisch ab, radebrechen, daß man glaubt
die Kinnladen gehen ihnen dabei entzwei, und lassen sich nachher
anschmieren nach Noten.«
»Ja, das hab' ich auch gehört« seufzte Theobald, durch seine bisherigen
regelmäßig verunglückten Versuche seine Manuscripte in Geld zu verwandeln,
doch nach und nach ängstlich gemacht, »daß man unvernünftig arbeiten
müsse um hier ehrlich in Amerika durchzukommen.«
»Ja und _was_ für Arbeit« rief Herr Heindel, »draußen im Wald Büsche
ausroden und Bäume umschlagen, an denen ein einzelner unverheiratheter
Mann eine halbe Woche hacken kann, und hier in der Stadt Straßen fegen,
hinter der Bar stehn und Schnaps ausschenken, Zeitungen herumtragen,
Zettel ankleben, bei irgend einem schmierigen Handwerker als Handlanger
in Dienst gehn, oder gar unten an der Levée Fracht mit helfen aus- und
einladen, Porkfässer heraufrollen und Kaffee- und Reissäcke wieder
hinunterschleppen bei 32 Grad Hitze; das sind so die verschiedenen
Beschäftigungen, denen die Holzköpfe den Namen _ehrliche Arbeit_ geben.
Arbeit schändet nicht sagen sie dabei; das dank' ihnen der Teufel; auch
noch schänden -- wenn sie nicht schändet ruinirt sie aber die Knochen,
und unter _Arbeit_ verstehen gebildete Leute nicht bloß mit der Mistgabel
und der Schaufel wirthschaften, sondern eher noch sein Gehirn zum
Besten der Menschheit anstrengen, und für das Volk, jenes tollpatschige
Ungeheuer das nun einmal seine halbe Lebenszeit an den Tatzen leckt, zu
denken, zu überlegen. Glauben Sie daß neulich so ein erbärmlicher Schuft
von Amerikanischem Advocaten, dem ich ein Compagniegeschäft anbot und
ihm meine deutsche Praxis dafür einzubringen versprach -- _ich_ habe sie
_auch_ bis jetzt nur erst versprochen bekommen -- mir die Compagnieschaft
vor der Nase abschlug, aber die Frechheit hatte mir eine _quasi_
Schreiberstelle bei sich anzutragen?«
»Es ist doch kaum denkbar« sagte Theobald, dessen Gedanken übrigens
mehr bei seinem bedrohten Knopfe, als bei der dem deutschen Advocaten
gemachten schändlichen Zumuthung geweilt hatten.
»Allerdings« rief Herr Heindel -- »aber« fuhr er dann in allem Eifer und
jetzt jedenfalls auf seinem Steckenpferde reitend fort -- »was ist denn
auch Amerika für ein Land, _für_ wen ist es und zu was? für unsere
tölpischen Bauerjungen von daheim, die sich nicht anders glücklich
fühlen, als wenn sie mit aufgestreiften Ärmeln den ganzen Tag in
Schmutz und Arbeit wühlen können, und es nicht besser haben wollen und
dürfen. Wenn _die_ Canaillen nur ein oder zwei Mal Fleisch den Tag und
keine Schläge kriegen, sind sie oben auf, und lassen sich mit Vergnügen
politisch knechten und unter die Füße treten. Das Gesindel ist zu
_Allem_ zu gebrauchen, und glauben Sie daß da _ein_ Deutsches oder
Amerikanisches Blatt ein Einsehn hätte, und ein paar hundert Dollar
daran wenden möchte dieses Volk einmal aufzuklären über ihre Pflichten
als Staatsbürger, wenn sie nun doch einmal in einer solchen leidigen
Republik leben wollen und müssen? fällt ihnen nicht ein -- besser wissen
wollen sie, was man ihnen sagen könnte -- besser wissen und gescheuter
sein wie Leute, die ihre Lebenszeit darauf verwandt haben ein
staatliches Leben zu übersehen und in die Speichen mit kundiger Hand
einzugreifen. Arbeiten -- arbeiten -- es thäte bei Gott Noth daß man
sich noch zwischen den Irländern als Straßenkehrer anstellen ließe, und
mit dem Besen in der Hand umherliefe, sein »tägliches Brod« auf
den Trottoirs zusammenzukehren. Na lassen Sie mich nur erst wieder
einmal nach Deutschland zurückkommen, _das_ Amerika werde ich ihnen
anstreichen; eine Lebenszeit verwende ich darauf es schlecht zu machen.
Aber kommen Sie Freund« brach er plötzlich kurz ab, und faßte Theobald
unter den Arm, »wir wollen uns nicht über diese Amerikanischen
Jämmerlichkeiten und Lumpereien unnützer und thörichter Weise ärgern;
ändern können wir's doch nicht, und bessern wollen sich die Lumpe ja
nicht lassen. So gehn Sie da drüben mit in das Kaffeehaus hinein, daß
wir ein Glas auf bessere Bekanntschaft und bessere Zeiten trinken.«
Theobald hatte Nichts dagegen; er bedurfte selber einer kleinen
Aufregung, der niederschlagenden Erfahrung von heute Morgen etwas
entgegenzuarbeiten, und Herr Heindel bestellte zu dem Zweck, gleich wie
sie den Saal des sogenannten Cafés, wo aber fast nur Spirituosen feil
gehalten wurden, betraten, eine Flasche Champagner.
Es war Theobald, der darin viel Ehrgefühl besaß, unangenehm, sich von
einem so gänzlich fremden Mann gleich an Champagner traktiren zu lassen;
gleichwohl hatte er so viel schon von Amerikanischem Leben gesehn daß er
wußte, es wäre eine Unhöflichkeit gewesen mit Jemand mit dem man, von
ihm aufgefordert, ein Schenkhaus betreten hat, nicht zu trinken. Ebenso
bezahlt auch stets der, der die Getränke fordert, für sich oder für so
viele wie mit ihm trinken. Das Einzige was ihm zu thun übrig blieb war,
sich bei einem nächsten Begegnen zu revangiren -- aber auch hierbei
genirte ihn der Champagner.
An der Sache ließ sich aber für jetzt Nichts mehr ändern; die Flasche
war gebracht und mußte getrunken werden, und Theobald, selbst in einiger
Aufregung über das was er bis jetzt von Amerikanischem Leben, von seinem
Standpunkt aus betrachtet, gesehn, goß mit einem gewissen Wohlbehagen
ein Glas nach dem anderen des feurigen Tranks hinunter.
Sein neuer Bekannter machte sich selber indessen ein Vergnügen, und zog
über die Vereinigten Staaten los, von denen er dem armen jungen Dichter
ein Bild entwarf, daß diesem angst und bang zu Muthe wurde. Seiner
Beschreibung nach, und er behauptete das Land durch und durch zu kennen,
bestand die eine Hälfte der Bewohner aus Räubern, und die andere aus
Spitzbuben, die nicht allein wie die Mosquitos gemeinschaftlich über die
armen Einwanderer herfielen, und sie aussögen so lange sie noch einen
Blutstropfen in sich trügen, sondern auch, wenn sie mit denen fertig
wären, einander selber angriffen und auffräßen. Gesetze gab es dabei gar
nicht, die Geschworenen Gerichte waren nur zum Schein da, und die, die
ihnen in die Fäuste liefen, gleich von vorn herein verloren -- das
deutsche Gerichtsverfahren war Gold gegen diesen Auswurf der Menschheit.
Bestechlichkeit herrschte dabei bis zum äußersten, wobei er selber als
glänzendes, mit Füßen getretenes Beispiel da stand, indem er nur aus dem
einzigen Grund keine brillante und seinen Fähigkeiten angemessene
Stellung erlangt, weil er es verschmäht, für unter seiner Würde gehalten,
einen einzigen Dollar zu einem solchen Zwecke auszugeben. Und selbst die
Bauern waren übel dran, trotz den lügenhaften Berichten, die Amerika
freundliche, das heißt demokratische, rothrepublikanische Zeitungen
in Deutschland darüber ausstreuten. Wenn die »Schaafsköpfe« hätten in
Deutschland so arbeiten wollen, wie sie hier arbeiten _mußten_, so würden
sie es -- seiner Meinung nach -- auch zu 'was gebracht haben, aber
jetzt, da sie gezwungen wären die faulen Knochen zu regen, nur um nicht
zu verhungern, thäten sie auf einmal als ob ihnen der Staar gestochen
wäre, und sie nun das gelobte Land gefunden hätten --Brummköpfe die es
wären, wenn sie die Lüneburger Haide oder sonst einen noch brach
liegenden anständigen Fleck in Deutschland so in Angriff nähmen, könnten
sie sich auch Farmen darauf gründen und dann, statt hier vogelfrei zu
sein, unter glücklichen Gesetzen, unter einer väterlich für sie
sorgenden Regierung darauf leben.
Herr Dr. Heindel hatte sich so in Gift und Bitterkeit hineingesprochen,
daß er sich den Rest der Flasche in sein Glas stülpte, und dieses auf
einen Zug leerte, dann aufstand und seinen Hut ergreifend in die Tasche
fühlte die Flasche zu bezahlen, wegen der sich ihm der _barkeeper_ schon
freundlich genähert hatte.
»Ja mein junger Freund,« sagte er dabei, an Theobald wieder hinuntersehend
bis sein Blick an dessen Knieen haftete und diesen ebenfalls dort
hinunterschielen machte -- »ja mein junger Freund, nehmen Sie sich
besonders vor diesen verwünschten Amerikanern in Acht, und wenn Sie es
irgend können, wenn es Ihnen Ihre Mittel nur halbwege erlauben, so
schiffen Sie sich wieder so rasch Sie können nach Deutschland ein;
lieber trockene Brodrinde dort, mit vaterländischem Quell- oder
Brunnenwasser, als Champagner hier, in diesem Gottvergessenen Lande
--Donnerwetter,« unterbrach er sich dabei in alle seine Taschen fühlend,
»jetzt habe ich mein Portemonnaie zu Hause auf meinem Schreibtisch
liegen lassen -- ei das ist mir doch ungemein fatal -- ah lieber Freund,
bitte legen Sie diese Flasche doch einmal bis heute Nachmittag für mich
aus; -- Sie logiren?« --
»Im Weißeschen Kosthaus,« sagte dieser etwas überrascht und verlegen.
»Sehr schön -- ich kenne das Weißesche Kosthaus, da sind wir ja halbe
Nachbarn -- wohne kaum drei Thüren von Ihnen entfernt; desto besser --
und nun was ich Ihnen noch sagen wollte« -- er hatte wieder denselben
schon vorher in Beschlag genommenen Westenknopf gefaßt -- »stecken Sie
Ihr Manuscript in den Ofen -- «
»Aber mein bester Herr Doktor -- «
»Stecken Sie Ihr Manuscript in den Ofen,« rief aber Herr Dr. Heindel
in einiger Aufregung, »die Lumpe hier sind nicht werth daß sie einen
ordentlichen deutschen Originalaufsatz bekommen -- hol sie der Böse --
sie glauben daß sie einem Schriftsteller noch einen Gefallen thun, wenn
sie ihre Setzer nur nach einem Manuscript arbeiten lassen, da diese
gewohnt sind fast nur schon Gedrucktes zu setzen. Und dann schiffen Sie
sich ein -- schiffen Sie sich ein so rasch Sie können« -- er war mit
seinen Augen wieder bis zur Weste in die Höhe gefahren. -- »Amerika ist
ein vortreffliches Land für Taback und Baumwolle, für Mosquitos und
Alligatoren, für Räuber und Diebe; aber für einen gebildeten Mann, für
Jemand, der weiß was er sich und seiner Nationalehre als deutscher
Bürger schuldig ist, paßt Amerika gerade so gut, wie -- wie der Knopf
hier,« setzte er hinzu, als er das unglückliche Stück Perlmutter endlich
wirklich abgedreht hatte, »zu dem Kehrichthaufen da« -- und mit den
Worten schleuderte er, ehe Theobald danach greifen konnte, oder in der
That eine Ahnung hatte was der exaltirte Mensch damit anfangen wollte,
den besagten Knopf wirklich auf einen, unfern der Thür liegenden
Kehrichthaufen in der Straße; dann aber Theobalds Hand rasch ergreifend
und freundlich schüttelnd rief er ihm noch zu: »Guten Morgen lieber
Freund -- guten Morgen -- ich komme heut' Nachmittag hinüber zu Ihnen,
die Kleinigkeit mit Ihnen abzumachen,« und verschwand gleich darauf um
die nächste Ecke.
»Aber mein Knopf,« rief Herr Theobald, und wollte auf den Kehrichthaufen
zueilen, sein Eigenthum wiederzusuchen, als ihm der Kellner den Weg
vertrat und freundlich sagte:
»Nicht wahr, _Sie_ bezahlen die Flasche?«
Theobald hatte eine unbestimmte Idee, was der junge Mann in Hemdsärmeln,
mit der Englischen Anrede meinte, nickte deshalb, in aller Verlegenheit
mit dem Kopfe und sagte _Yes_ und mußte endlich wirklich die zwei und
einen halben Dollar für den Champagner »auslegen« wie sein neuer, etwas
zweideutiger Freund gemeint hatte.
Als er das, wenn auch nicht zu seiner eigenen, doch zur Zufriedenheit
des _barkeepers_ abgemacht, ging er hinaus vor die Thür, nach seinem
Knopf zu sehn, hatte aber kaum eine halbe Minute auf der Erde da
herumgesucht, als sich schon sechs oder acht Menschen um ihn sammelten
und ebenfalls, in Erwartung irgend eines bedeutenden Fundes,
umhersuchten. Alle Vorübergehenden blieben jetzt stehn und drängten
herbei, und Theobald, wenn er nicht einen Straßenauflauf veranlassen
wollte, mußte sich rasch zurückziehn und den Knopf -- das halbe Dutzend
war schändlich verdorben -- seinem Schicksal überlassen.
Capitel 6.
Der Feuermann.
Es war Nacht, und die »Backwoods-Queen« schnaubte den Strom hinauf. Das
Boot hatte vor kurzer Zeit die nördliche Grenzlinie Louisianas hinter
sich gelassen, und auf dem linken Stromufer, im Staat Mississippi Holz
eingenommen. Es mochte elf Uhr vorbei sein, und die Feuerleute und
Deckhands der »Hundewache« (von 12-4), die aus ihrem kurzen Schlaf
aufgestört worden die Feuerung mit an Bord zu tragen, mochten sich,
der halben Stunde wegen, nicht wieder niederlegen, und saßen und lagen
jetzt bunt gruppirt vor den Kesseln auf dort nachlässig hingeworfenem
Klafterholz, dem letzt an Bord gekommenen, das hier nur so ohne
Ordnung hingeschüttet worden, gleich mit verfeuert zu werden. Vor den
Kesseln, unter denen die mächtigen Thüren geschlossen waren und die
langen Scheite, über diesen, durch kleine dazu angebrachte Klappen
hineingeschoben wurden, standen die Feuerleute, die ihre Wacht von
acht bis zwölf hatten, mit den unten rothheißen Schürstangen in den
rußgeschwärzten Händen, und wühlten die flammenden Scheite durch- und
ineinander, daß sie wieder Raum bekamen frische oben hineinzuwerfen, als
Nahrung für die Gluth.
Mitten zwischen der Gruppe stand eine riesige blecherne Kanne, die wohl
einen halben Eimer Kaffee fassen mochte, daneben eine bauchige Kruke mit
Whiskey gefüllt, und Einer der Leute kam eben vom Bug vorn, wo ein halb
Dutzend gewaltige Zuckerfässer, die nicht mehr in den Raum gingen, frei
auf Deck lagen, und brachte eine große Blechschaale voll Zucker herbei,
die er mit einem gespaltenen Schilfstück aus den großen, der frischen
Luft wegen darin angebrachten Bohrlöchern der Fässer herausgepurrt
hatte.
Es war dieß ein vielleicht dreiundzwanzig Jahr alter wunderhübscher
junger Bursche, mit einem leichten dunklen Schnurrbart auf der
Oberlippe, und langem wie seidenem, fast mädchenhaftem Haar; auch das
Gesicht, wo es Rußflecke nicht bedeckten, war zart und weiß, und die
langen Wimpern schatteten ein paar dunkle, aber keck und entschlossen
umherblitzende Augen, die jetzt besonders von einem eigenen lebendigen
Feuer leuchteten.
»Hallo Wolf, was bringen Sie?« rief ihm Georg Donner lachend entgegen --
»hat's Brei geregnet draußen?«
»Brei nicht,« lachte der junge Mann, »aber Zucker! Wetter noch einmal,
wir werden doch diese Unmasse guten Stoffes nicht den Mississippi
hinaufführen, ohne wenigstens so viel Zoll davon zu erheben, als wir in
unseren Whiskey brauchen; kommen Sie her Donner, nehmen Sie eine von den
kleinen Blechschaalen dort, ich will uns einmal einen richtigen
Feuermannstrank zusammenbrauen.«
»Bei Golly,« lachte Einer der andern Feuerleute, ein Neger, der mit zwei
andern Landsleuten oder wenigtens doch gleichfarbigen Kameraden, an der
Larbordseite des Bootes, das sechs Feuerleute auf Wache hatte, heitzte,
»was die Bukras[13] da für Zeug zusammenschwatzen, keine Kuh wird d'raus
klug.«
»Aber was der da ineinander gießt werden wir schon verstehn,« schmunzelte
der Andere. -- »Oh Jimminy das riecht gut.«
Der junge Deutsche hatte indessen die gereichte Schaale halb voll
Whiskey gefüllt, dann Kaffee dazu gegossen, fast so viel als das Gefäß
halten wollte, und warf nun, mit dem gespaltenen Rohr, mit dem er auch
die Mischung ordentlich umrührte, Zucker hinein, es süß zu machen.
»So,« sagte er, als er es erst langsam gekostet, und dann einen
tüchtigen Zug gethan, »das wird gut sein -- brennt wie Feuer und treibt
die Hitze hier von den Kesseln wieder hinaus aus dem Körper. So lange
wir das haben, brauchen wir nicht zu fürchten krank zu werden.«
»Ist doch ein wunderliches Leben hier an Bord,« sagte Georg, der
ebenfalls einen tüchtigen Zug that, und zurück zu den Kesseln trat, die
Scheite, die nur wenige Minuten ruhen dürfen, wieder frisch aufzuschüren,
»großer Gott, wenn man bedenkt wie wir von zu Hause gewohnt waren zu
existiren, und jetzt dieß Dasein damit vergleicht -- und darum nach
Amerika;« setzte er langsam mit dem Kopf schüttelnd hinzu.
»Geht es mir besser?« lachte Wolf, der mit Georg Donner, drei Negern
und einem Irländer ein und dieselbe Wacht hatte, während Carl Berger
ebenfalls mit drei Negern, einem Amerikaner und einem Franzosen feuerte
-- (die dritte Wacht, die erst um vier an die Reihe kam, war gleich nach
dem Holztragen wieder zu Coye gegangen) »geht es mir etwa besser? --
wenn Sie meine Geschichte kennten, Georg, würden Sie mehr als einmal den
Kopf schütteln über den Wahnsinn, der mich, z.B. hierher über das Meer
getrieben.«
»Lieber Gott, es wird die Geschichte von Tausenden von uns sein« sagte
Georg -- »sehn Sie dort den jungen Burschen an, der sich da kaum auf die
Scheite geworfen hat, und schon wieder so sanft und süß eingeschlafen
ist, als ob er im weichsten Bette läge; das ist ein deutscher Deserteur,
den die Soldaten noch wieder vom Schiff holen wollten, und den der
Untersteuermann, wir wissen selbst nicht wie, auf so geschickte Weise
versteckt hatte, daß ihn die Policey nicht finden konnte, und ihn aufgeben
mußte. Jetzt arbeitet er sich nun tüchtig in's Leben hinein und wer
weiß, ob er nicht in einigen Jahren, anstatt die Muskete in Deutschland
herumzuschleppen, hier seinen eignen Heerd gegründet hat. Ich selbst --
wer hat es mir an der Wiege gesungen, daß ich einmal hier auf dem
Mississippi, nachdem ich in Deutschland studirt, die Kessel eines
Dampfboots, mit Negern und Mulatten zusammen, heitzen sollte, und
doch bin ich jetzt scharf dabei, und noch sogar froh eine derartige,
wenigstens lohnende Beschäftigung gefunden zu haben. Kommt Zeit kommt
Rath, und nur erst einmal vollkommen der Englischen Sprache mächtig,
findet sich dann auch schon etwas anderes, besseres für uns.«
»Das ist Alles recht schön und gut« lachte Wolf, »aber lange nicht so
romantisch oder -- toll wenn Sie wollen, wie mein eignes Schicksal, das
es vielleicht recht gut mit mir gemeint, dem ich aber im wahren Sinne
des Wortes durch die Lappen gegangen bin.«
»Die Romantik hat an unserer jetzigen Beschäftigung allerdings nur einen
ganz geringen Theil« sagte Donner lächelnd.
»Ja und nein« rief Wolf, seinen Strohhut auf das Holz und seine dunklen
Locken mit einer raschen Bewegung des Kopfes aus der Stirn werfend;
»auch ich betrachte es als Mittel zum Zweck, und muß, so prosaisch das
klingen mag, Geld dabei verdienen.«
»Da ist die Romantik schon zum Teufel« sagte Georg.
»Und doch nicht« rief Wolf, »ja wenn ich es thäte zu _leben_, aber mein
Vater ist reich.«
»Dann begreife ich freilich nicht, weshalb Sie sich hier in den
_untersten_ Schichten der Gesellschaft auf solche Art herumtreiben«
sagte Georg, »zum Vergnügen doch wahrhaftig nicht.«
»Wäre wenigstens ein wunderbarer Geschmack« lachte der junge Mann,
»wüßten Sie aber meine Geschichte, würden Sie mir recht geben.«
»Sie sind jedenfalls aus guter Familie« sagte Georg.
»Meine Freunde in Deutschland -- bah, _Freunde_, das Wort ist zu gut für
sie -- meine _Bekannten_ in Deutschland würden allerdings nicht sowohl
lachen als die Nase rümpfen, wenn sie den einzigen Sohn des Grafen vom
Berge hier als Feuermann auf einem Dampfboot, mit Negern aus einer
Schüssel essen, in einem Feuer schüren sähen!«
»Aber was um Gottes Willen hat Sie da zu diesem verzweifelten Entschluß
getrieben?«
»Die Liebe« lachte der junge Mann, seinen Schürer wieder ergreifend, die
kleine Thür oder Klappe öffnend, und mit dem langen Eisen die Scheite
durcheinander rührend -- »die Liebe, Georg, und die Sache ist ungeheuer
einfach und rührend. Ich liebte und liebe ein bürgerliches Mädchen, mein
Vater, noch ein ächt Pommerscher Graf von altem Schrot und Korn, drohte
mich zu enterben, wenn ich dem Mädchen nicht entsagte, und ich arbeite
jetzt daran ihm zu beweisen, daß ein Graf vom Berge keine hinterlassenen
Schätze braucht, sich selber einen eignen Heerd zu gründen. In Deutschland
wäre mir das nicht möglich gewesen, hier bietet sich die Aussicht dazu.
Schon ein Jahr arbeite ich jetzt wie ein Sclave -- aber nur um ein ganz
kleines Capital zusammenzuhaben; mit harter Arbeit allein wird jedoch
Niemand hier im Stande sein rasch Geld zu verdienen, die Speculation muß
ihm dabei helfen, und dieß wird deshalb die letzte Reise sein, die ich
auf einem Dampfboot mache, dann gehe ich nach dem Westen der Vereinigten
Staaten in das Indianische Territorium, dessen Verhältnisse ich schon
recognoscirt habe, und fange einen Schweinehandel an. Lachen Sie nicht,
das Geschäft ist, wenn richtig betrieben, vortrefflich und wenn ich
sieben Jahre, wie Jacob um seine Rahel dienen müßte, ich habe meinen
Kopf darauf gesetzt, und setze ihn durch -- oder gehe darüber zu
Grunde.«
»Und Ihr Vater?«
»Wenn ihm der _Sohn_ mehr am Herzen gelegen als sein Wappenschild, hätte
er mich gar nicht ziehen lassen.«
»Und haben Sie sich das ganze Jahr in solchem Leben schon herumgetrieben?«
frug ihn Georg erstaunt.
»Gott bewahre« rief Wolf, wieder neue Scheite ergreifend und durch die
enge Öffnung in den inneren, glühenden Raum stoßend -- »lieber Himmel,
was habe ich nicht schon Alles getrieben seit ich in Amerika bin.
Zeitungsaustragen war mein erstes Geschäft, um nicht zu hungern, aber
das rentirte schlecht und widerstrebte mir auch, einer Masse Sachen
wegen die drum und dran hingen; dann wurde ich Holzschläger am
Mississippi, auch das war nicht schlecht, aber ich bekam es satt; ging
dann wieder in die Stadt und wurde Mäkler. Dabei aber fühlte ich das
Mangelhafte meines Englisch und zog in den Wald, mir mit der Jagd Geld
zu verdienen. Das war die schlechteste Speculation; wo es Wild gab, galt
weder Wildpret noch Haut viel, und wo Nichts mehr zu schießen war,
versäumte ich Wochen oft vergebens. Da brach das gelbe Fieber in
New-Orleans aus, Alles flüchtete von dort und _das_ schien mir der
geeignete Platz rasch zu einer kleinen Summe zu kommen und meinen Plan,
den ich als Jäger im Westen von Arkansas gefaßt, in's Werk zu setzen.
Bald sah ich daß ich mich nicht geirrt -- zwischen Leichen und Gräbern
eine Zeit durchlebend, die mir noch jetzt das Blut in den Adern gerinnen
macht, wenn ich daran zurückdenke, erreichte ich aber meinen Zweck und
verdiente _Gold_. Arbeiter waren fast gar nicht mehr zu bekommen, und
die wenigen, die aus Noth oder Gleichgültigkeit der Seuche trotzten,
wurden mit Geld überschüttet. Neben mir fielen dabei meine Kameraden,
Burschen von allen Farben und Nationen, wie die Fliegen, ich selber
blieb, Dank meiner guten Natur, oder wenn Sie wollen von jenem
unerforschten Wesen beschützt, gesund und kräftig. Jetzt aber ist die
Zeit in New-Orleans vorbei; das Fieber hat seine letzten Opfer für
dieses Jahr gefordert, Arbeiter strömen, so rasch sie eine Unzahl von
Dampfbooten den Strom nieder oder aus Europa herüberführen kann, in
ordentlichen Schaaren dahin, und ich selber bin jetzt im Stand einem
anderen, besseren Leben entgegenzugehen. Ich hätte als Passagier fahren
können, aber es liegt ein eigner Reiz, den ich früher nie gekannt,
darin, ein kleines, selbsterworbenes Capital nicht unnöthiger Weise
wieder zu verringern, sondern eher zu vergrößern; so schür' ich mich
denn nach St. Louis hinauf, verlasse dort das Boot, und beginne meinen
Handel, der mich ein freies prächtiges Jägerleben dabei führen läßt.
Werden Sie mir nun einräumen, daß auch in diesem Beruf auf solche Weise
Romantik liegen kann?«
»In dem Beruf darum doch nicht, Herr -- ich weiß jetzt wahrhaftig nicht
wie ich Sie nennen soll« -- unterbrach sich Georg lächelnd.
»Wolf, bei meinem Vornamen« rief der junge Mann rasch, »das Andere paßt
nicht zur Schürstange und zu der Umgebung hier, hab ich mir den _Titel_
einst wieder verdient, darf ich ihn tragen, _hier_ klänge er wie Spott.«
»Vorwärts _boys_, vorwärts« rief da des Ingenieurs Stimme, der um die
Kessel herum nach vorn gekommen war, das Heitzen zu überwachen. »Steht
nicht da wie die Schlafmützen und laßt mir das Feuer ausgehn; die Pest
auch, es sieht ja ordentlich schwarz unter den Kesseln aus.«
»Geht nicht mehr hinein Massa« lachte ihm der eine Neger entgegen,
»hahaha bei Golly, wenn wir noch mehr feuern, blasen wir das süße Ding
von einem Boot in die Luft hinein!«
»Blaßt sie zum Teufel!« rief der Ingenieur, »aber, gebt ihr Hölle --
verdamm' meine Augen, wenn ich nicht die Kessel noch rothheiß haben will
-- zu _boys_, zu, macht daß wir von der Stelle kommen, das alte faule
Boot kriecht ja nur so am Land hinauf!«
»Alle Wetter« rief Georg, als der Mann wieder zurück zu der Maschine
gegangen war, »der Bursche scheint selber »rothheiß« zu sein, wie er es
nennt, und dem Whiskey mehr als gerade zweckmäßig zugesprochen haben;
wenn er nur keine dummen Streiche macht.«
»Ah bah,« sagte Wolf, »so ist er jedesmal auf seiner Wacht, aber sonst
ein guter Kerl, und sorgt dafür daß seine Feuerleute ebenfalls nicht
Durst leiden -- er weiß am Besten wie das thut -- heda Scipio, Du gießt
ja den Whiskey hinein als ob's Wasser wäre -- laß noch 'was in der Kruke
Gesell.«
»Genug Wulfy, genug« lachte der Schwarze, die fast gefüllte Schaale, die
reichlich eine halbe Flasche des starken Trankes halten mochte, auf
einen Zug leerend, »und andere Wacht mag wieder für sich selber sorgen
-- dieß Kind,« auf seinen eigenen Magen deutend, »macht's genau ebenso.«
Der Mate oder Steuermann stieg in diesem Augenblick die kleine steile
Treppe vom Boilerdeck nieder, ging nach der vorn hängenden Glocke und
schlug darauf nach Schiffsart, acht Glasen (12 Uhr).
»Feierabend!« rief Wolf seine Schürstange aufgreifend, den Raum unter
den Kesseln, wie das Sitte ist von der abziehenden Wacht, noch einmal
frisch aufzufüllen.
»Das ist recht Jungens, das ist recht!« nickte ihnen der wieder
zurückkommende Ingenieur Beifall zu, indem er auf der »_guard_« stehen
blieb und nach dem nahen Lande -- sie passirten eben eine der größeren,
mitten im Mississippi liegenden Inseln -- hinüberdeutete -- »hurrah wie
das geht; jetzt soll uns einmal eines der anderen schuftigen Boote
versuchen nachzukommen. Feuert Jungens, feuert, daß sich die andere
Wacht die faulen Knochen wärmen kann, wenn sie dran kommt.«
»So -- wieder auf acht Stunden Ruhe« rief Wolf, seine Schürstange zu
Boden werfend, »nun können sich unsere Kameraden ein Vergnügen machen --
hallo Berger? -- auch schon munter? -- wie der Bursche verschlafen
aussieht -- «
»Oh -- i« sagte dieser, der die kurze Zeit benutzt hatte, noch auf dem
rauhen Holz ein halb Stündchen zu schlafen, indem er sich langsam
streckte und dehnte -- »ist das ein Leben, aber -- zum Teufel auch --
ich habe einen furchtbaren Traum gehabt, wie ich da auf dem verwünscht
scharfen, eckigen Holze lag.«
»In der kurzen Zeit?« rief Wolf.
»Mir träumte« sagte der junge Bursch, in sich selber dabei
zusammenschaudernd -- »die Rothkragen hätten mich in Bremerhafen vom
Schiff geholt, ich läge drin in der Festung auf scharfen Latten, und
sollte mit Tagesanbruch Spießruthen laufen. Wie die Glocke dort tönte,
knarrte die Thür und -- ha« -- er schüttelte sich in Furcht und
Entsetzen bei dem Gedanken -- »der Henker kam herein, mich abzuholen --
Gott sei Dank, daß es nur ein Traum war.«
»Dickes Blut, Kamerad« lachte Wolf -- »da steht noch Kaffee und Whiskey
-- nehmt einen Schluck, der wird Euch gut thun. Nun gute Wacht! -- aber
trinken möcht' ich noch einmal -- haben Sie den Wassereimer da, Georg?«
»Hier liegt er« sagte dieser -- »warten Sie, ich zieh' es selbst herauf
-- habe auch Durst!«
Carl Berger hatte eben die Schürstange aufgegriffen, nach dem Feuer zu
sehn, während die beiden jungen Leute auf die _guards_ hinausgingen,
einen Eimer Wasser heraufzuziehen, als ein wilder gellender Schrei von
Deck heraustönte:
»Thüren auf -- um Gottes Willen -- Feuer aus!«
Die Feuerleute fuhren empor und horchten, den Befehl nicht gleich
begreifend, auf, als ein grell und dröhnend schmetternder Schlag das
Boot bis in den Kiel erschütterte. Kochend heißer Dampf füllte zugleich
einen Theil der unteren Räume, während Wolf und Georg entsetzt einen
weißen zischenden Strahl über sich hinausschießen sehen, dem Trümmer und
Balken, wie von dem Ausbruch eines Vulkans hinausgeschleudert, folgten.
Ein Moment todtenähnlicher Stille folgte diesem Knall, aber im nächsten
Augenblick schon schlugen die ausgeworfenen Stücke auf das Wasser
nieder, während jammernde Menschenstimmen nach allen Richtungen hin laut
wurden.
»Die Kessel sind geplatzt!« gellte der schrille Weheruf über die Fluth
und die, durch die geborstenen Thüren hinausgeschleuderten brennenden
Scheite Holz vermehrten nur noch die Verwirrung.
In diesem ersten Augenblick war sich auch, die schwer Verwundeten
ausgenommen, noch Niemand bewußt, welches Unglück sie am Meisten
bedrohe, ob das Boot sinke oder brenne oder ein zweiter Schlag sie
vielleicht Alle zerstückt in die Ewigkeit senden würde -- keinen Schritt
weit konnte man dabei vor sich hinsehn, oder selbst den nächsten
Nebenmann erkennen, so füllte dicker weißer zischender Qualm den ganzen
Raum und lag wie ein dichter, undurchdringlicher Schleier auf dem Boot.
Bald aber änderte sich das Schauspiel -- ein scharfer Windzug der über
den Strom herüber strich, fegte wie mit einem Schlag den Nebel über
Bord, und als Georg und Wolf zurück vor die Kessel sprangen, bot sich
ihren Augen ein Anblick, der ihnen das Blut in den Adern starren machte.
Von den Leuten, die dort noch vor wenigen Minuten gesund und kräftig
gestanden, lagen vier todt und zerstückt über das Holz hingeschmettert,
das von glühenden Scheiten bestreut, zu brennen begann. Durch das
Boilerdeck und in die obere Cajüte hinein, war ein mächtiges Loch
geschlagen, aus dem Winseln und Hülferufen wiedertönten, und beide
Schornsteine -- riesige wohl dreißig Fuß hohe Röhren von schwarzem
Eisenblech mit fünf Fuß im Durchmesser hingen zerrissen über Deck, und
neigten das Boot nach der Seite, während aus dem Zwischendeck ebenfalls
schrilles und markdurchschneidendes Hülfegeschrei hervorgellte.
Die beiden jungen Leute, ohne für den Augenblick an einen der
Verwundeten zu denken, griffen nur rasch die brennenden Scheite auf und
warfen sie über Bord -- noch größeres Unheil von dem Boote und seiner
übrigen Mannschaft abzulenken, als ein neuer Schreckensruf auch diese
Arbeit unnöthig machte.
»Wir sinken -- wir sinken!« schrie es von der anderen Seite herüber »wir
sind verloren!«
Wolf sprang wieder an den Rand des Bootes, sich von der Wahrheit des
Rufs zu überzeugen, und fand hier wirklich daß die Guards kaum noch
einen halben Fuß von der Oberfläche des Wassers entfernt waren, ja
konnte den gurgelnden stillgrollenden Ton sogar hören, mit dem die
gierige Fluth sich in einem irgendwo nicht weit von dort entfernten Leck
sog. Dicht unter ihnen, denn das Boot, das jetzt keinen Fortgang mehr
machte, trieb mit der Strömung wieder abwärts, ragten aber Bäume und
dunkle Stämme aus dem Wasser -- sie befanden sich gerade oberhalb
derselben Insel, an der sie vorhin hinaufgelaufen, und wenige Minuten
noch mußten ihr Schicksal entscheiden.
Georg hatte sich indessen über die Unglücklichen gebeugt, die der erste
Schlag des platzenden Kessels getroffen, und erkannte mit Schaudern
unter ihnen Carl Bergers Gestalt, der mit zerschmetterter Schulter,
blutend und bewußtlos über die Scheite hingeworfen lag. Wohl athmete er
noch, aber wie war ihm hier Hülfe zu bringen?
Ein heftiger Stoß traf zu gleicher Zeit gegen das Boot, unter dem
die eine, das Boilerdeck tragende und stark gesplitterte Decke
zusammenbrach, während ein Theil des vorderen Decks ihr nachfolgte. Die
Frauen kreischten, die Verwundeten stöhnten und winselten, die Männer
fluchten wild durcheinander, und hie und da sprangen Einzelne in
Todesangst über Bord, die dort aus dem Wasser ragenden Äste versenkter
Bäume zu erfassen, und sich dadurch vor dem, ihnen gewiß scheinenden
Untergang des Bootes zu retten. Von dort aber konnten sie nirgends an
Land; die dunkle Fluth quirlte und gurgelte dabei um sie her, und als
ihre Kräfte erschlafften, und das kalte Wasser ihre Glieder mit
Fieberfrost schüttelte, schrieen sie von dort herüber, wieder an Bord
geholt zu werden.
Aber das Boot sank _nicht_, und ob auf den Sand, oder irgend einen
schützenden, unter Wasser liegenden Stamm gelaufen, wohin es durch die
mächtige Strömung gedrängt worden, blieb es sitzen, und nur das
Vordertheil, gegen das die volle Fluth anpreßte, drückte sich halb unter
Wasser, und ließ das schäumende Element darüber hinspritzen.
Wohl eine halbe Stunde verging, ehe nur einiger Maßen der erlittene
Schaden übersehn, und Ordnung in das durcheinander Schreien und Stürzen
der zum Tode erschreckten Menge, unter der sich auch mehre Frauen aus
Cajüte und Zwischendeck befanden, gebracht werden konnte. Georg Donner
hatte indessen den schwer verwundeten Landsmann mit Wolf's Hülfe zurück
in das höher liegende Zwischendeck gebracht, wo jetzt auch die übrigen
Todten und Verwundeten auf aus den Coyen gerissenen Matratzen gebettet
wurden, und die beiden jungen Leute gingen dann daran, das Terrain zu
untersuchen, auf dem sie sich befanden.
Mit einer über Bord geschobenen Planke, von denen der Zimmermann eine
Menge auf dem hinteren Deck liegen hatte, fühlten sie daß das Wasser
dicht hinter dem Boot und nach der Insel zu kaum vier Fuß tief war,
und von übereinander gestürzten und dort anschwemmten Stämmen fast
überdeckt wurde. Durch diese hin arbeiteten sie sich bis zu der,
höchstens zwanzig Schritt entfernten Sandbank, die an dichtes Gestrüpp
und Unterholz hinanlief. Wolf watete dann zum Boot zurück und ließ sich
von dort unter den Kesseln vor, ein brennendes Scheit herüber reichen,
das an seinem unteren Ende mit einem rasch aufgegriffenen Kopfkissen aus
dem Zwischendeck, umwickelt wurde, um es in der Hand halten zu können.
Dieß trug er zum Ufer, und bald loderte dort, von hinzugeschleppten,
niedergebrochenen dürren Ästen reichlich genährt, ein helles Feuer auf,
das die unheimliche Scene des gestrandeten Bootes mit seinem rothen
Lichte übergoß.
Nun wünschte der Capitain besonders, an Bord zu bleiben und den Tag zu
erwarten, damit sie von einem vorbeikommenden Boot konnten abgeholt
werden; der Steuermann aber, der vorn am Bug das Wasser untersucht und
es dort weit tiefer gefunden hatte als das Boot war, erklärte jetzt daß
dieses nur auf irgend einen Stamm oder Ast aufgeritten sei, und jeden
Augenblick von diesem abrutschen oder ihn niederdrücken könne, wo sie
dann gar nicht sicher wären das ganze Boot dem einsinkenden Bug
nachfolgen zu sehn; je eher sie daher das Wrack verließen, desto besser.
[Illustration: Capitel 6]
Die Leute gingen denn auch, unter des Steuermanns Leitung, rasch daran
eine sogenannte »_stage_« von zusammengebundenen Bretern zu bauen, die
eine Brücke bis an Land bilden sollte, denn die Jölle war, bis Bahn
gehauen werden konnte, in den verworrenen Ästen nicht zu brauchen.
Diese halfen ihnen aber vortrefflich den rasch hergerichteten
Plankenweg, oder die ihn haltenden Taue, zu tragen, und das beendet,
wobei sie noch durch einen plötzlichen Ruck, den das Boot gab, zu
größerer Eile angetrieben wurden, trugen sie vor allen Dingen die
Verwundeten hinüber auf den Sand und neben das wärmende Feuer, wo ihnen
die unverletzt gebliebenen Passagiere ein so gutes Lager als möglich
herrichteten, während die Mannschaft dann beordert wurde zu retten was
irgend anging.
Dazu aber behielten sie keine Zeit; der Steuermann hatte nur zu recht
gehabt als er trieb das Boot zu verlassen, denn durch das in den Raum
gedrungene Wasser, das besonders die Zuckerladung gleich sättigte, war
der Rumpf so furchtbar schwer geworden, daß ihn der Stamm, auf den er
jedenfalls aufgesessen, nicht mehr zu tragen vermochte, jetzt ein Stück
nachgab, und dann, vielleicht mit der Wurzel ausgehoben, den Vordertheil
des Boots niedergleiten ließ.
Die kecksten der Matrosen und Feuerleute, und unter ihnen der junge
Wolf, denn Georg war mit den Verwundeten beschäftigt, ließen sich
allerdings nicht durch das erste Sinken abhalten, sprangen nur zurück
auf das hintere Deck, wo sie sich festhielten, und erwarteten das
Weitere, ob dieser Theil des Bootes über Wasser bleiben, oder dem
vorangegangenen Gewicht nachfolgen werde. Einen Augenblick schien es
auch als ob es sich setzen wolle, aber ein neuer Stoß warnte sie bald
auf ihre eigene Sicherheit bedacht zu sein; noch einen Moment schwankte
das große mächtige Boot, das jetzt halb seitwärts gegen die Strömung
angedreht war, dann preßte diese es auf die Seite; das was es bis dahin
noch gehalten gab nach, und schwerfällig die Fluth von sich abstoßend,
die vor der andringenden Masse zurückwich, um gleich nachher nur so viel
gieriger über die Beute herzufallen, glitt das Wrack in so tiefes Wasser
hinein, daß nur der obere Theil seiner Cajüte an der Larbordseite daraus
hervorsah, und die schmutzig gelbe Fluth gar unheimlich mit den weiß und
gelben Zierrathen der blitzenden Fensterreihe spielte.
Die Leute hatten dabei wirklich kaum Zeit gehabt sich über die Planken
hin an Land zu retten, und standen jetzt, ihres Alles beraubt, halbnackt,
naß, erschöpft, Einzelne davon selbst ohne Hut und Schuhe, auf dem kahlen
Sand der Insel.
Über den Kameraden hinüber gebeugt, der gerade die Augen zu ihm
aufschlagen und die Lippen wie zum Sprechen bewegt hatte, stand Georg.
»Wie ist Ihnen, Berger, haben Sie viel Schmerzen?« frug er theilnehmend.
»Wasser,« stöhnte der Unglückliche.
Wolf sprang zum Wasserrand und brachte den gefüllten Hut zurück; der
Verwundete that ein paar Züge, dann ließ er den Kopf zur Seite sinken.
»Mein Traum,« flüsterte er, »sie -- sie -- holen -- mich« -- und sank
todt in die Arme des Kameraden.
Über die Leiche gebeugt, mit gefalteten Händen, stand ein anderer
Reisegefährte von ihm, Schultze, der auf demselben Boot nach St. Louis
Passage genommen.
»Guter Gott« stöhnte er leise vor sich hin -- »wie unerforschlich und
dunkel sind Deine Wege; wie jubelte der junge Mensch als er sich frei,
seinen Verfolgern entzogen sah, und wenige Monate nur, und todt und
verstümmelt liegt er auf demselben Boden, dem er mit solch freudiger
Hoffnung und Zuversicht entgegenstrebte!« --
»Hülfe -- Wasser -- « jammerten Andere daneben, und füllten mit ihren
Wehklagen die Luft -- »oh mein Gott -- oh mein Gott! Hülfe, Hülfe!« und
die Feuer loderten dazu hoch und glühend auf, und warfen ihren
blutrothen Schein über diese Scene des Schreckens und des Jammers.
»Das ist die Vergeltung -- das ist Gottes Gericht!« murmelte da dicht
neben Georg, der mit Einem der anderen Verwundeten schon beschäftigt
war, und dessen Schmerzen zu lindern suchte, eine leise, heisere Stimme
in deutscher Sprache, und als er sich dorthin wandte, erkannte er
überrascht die Frau von der Haidschnucke, die auf der damaligen
Überfahrt fast fortwährend krank in ihrer Coye gelegen und jetzt, nicht
weit von dem einen Feuer auf den Sand gekauert, die beiden mageren Arme
um ihre Knie geschlagen saß, und vor sich hin in die Flamme stierend,
mit dem Kopfe kalt und unheimlich dazu nickend, murmelte: »das ist die
Strafe für begangenen Frevel von dem alten Mann da oben, der mir das
Gewissen schon fast in Stücke zerrissen hat auf der langen Fahrt -- die
_Kinder_ sind uns nachgekommen -- die todten Kinder, und haben sich mit
auf das Boot gesetzt -- _die_ zogen's hinab auf den Grund -- tief, tief
hinab -- ha!« rief sie da plötzlich lauter und zusammen schaudernd --
»sie haben ein furchtbar entsetzliches Gewicht.«
»Du wirst Dir das Maul noch verbrennen mit den tollen, wahnsinnigen
Reden« flüsterte ihr da der Mann, der sich über sie gebogen, finster und
mürrisch in das Ohr -- »denk' wenigstens nicht laut, wenn Du denn einmal
solch albernes Gewäsch fortwährend im Kopf herumtragen mußt, oder, Gott
verdamm' mich, ich -- ich kriege die Geschichte einmal satt, und gehe
meiner Wege.«
»Wie das Kleine da im Bettchen liegt, mit den rothen gesunden Backen«
fuhr die Frau aber fort, ohne auf die Drohung des Mannes zu achten, ja
ohne sie wahrscheinlich zu hören -- »ich _mußte_ es noch einmal küssen,
brach mir doch so beinah das Herz, und gleich wieder schlief es ein und
schlief so sanft -- so süß.«
»Beim ewigen Gott!« rief da Georg Donner, dem keines der Worte entgangen
war, während er zugleich in das von der Flamme hell beschienene bärtige
Gericht des Mannes geschaut hatte, indem er aufsprang und auf diesen
zutrat -- »Ihr stammt aus Waldenhayn, heißt Steffen und seid derselbe,
der mit der Frau flüchtig geworden und die eigenen Kinder der Noth, ja
dem Hungertode preis gegeben, zurückgelassen hat!«
»Geht zum Teufel -- was wollt Ihr von _mir_?« rief der schwarze Steffen
aber ärgerlich »ist Euch auch der Dampf in den Kopf gestiegen? -- ich
heiße Meier und nicht Steffen.«
»Was ist, was giebts?« rief auch jetzt Wolf, aufspringend und zu dem
Kameraden tretend -- »was ist mit dem Manne?«
»Das ist der Schuft der seine Kinder verlassen hat?« rief aber auch
jetzt Herr Schultze sich gegen den Verbrecher wendend -- »das ist der
Bursche den sie in Deutschland mit Steckbriefen verfolgt, und den wir
auf unserem eignen Schiff mit herüber gebracht haben nach Amerika?«
»Hallo -- wo brennts nun wieder?« riefen aber die Amerikaner, die mit um
das Feuer standen und kein Wort von der ganzen Verhandlung begriffen
hatten, wirr durch einander; »was zum Henker kauderwelscht Ihr da jetzt
zusammen?«
Da schilderte ihnen Georg, in edler Entrüstung das Verbrechen der
Beiden, und zornfunkelnde wilde Blicke hafteten dabei auf der Gestalt
des Mannes, der ihnen finster und trotzig gegenüber stand.
»Tod und Teufel!« schrie ein langer Bootsmann, »da ist's kein Wunder
wenn wir, mit solcher Fracht an Bord, aufgeblasen sind -- der Schuft
verdiente seine Hände zusammengebunden zu haben und hier in's Wasser
geworfen zu werden, wo es am tollsten wirbelt.«
»In's Wasser nicht; der würde die Fische vergiften« schrie da ein
Kentuckier, sich durch die Übrigen Bahn machend, auf den Burschen zu,
»aber an einem der Bäume hier sollte er hängen, zur Verzierung der
Insel.«
»Zurück da!« rief aber der Mann, einen Schritt bei Seite springend, als
der Amerikaner nach ihm herüberdrängte -- »was wollt Ihr von _mir_? -- es
sind Lügen und Verläumdungen!«
»Was sagt er?« riefen Andere wieder, die ihn nicht verstanden -- »und
das da ist die Frau? -- eine schöne Mutter!«
»Wie sie geschaut haben werden« flüsterte aber diese, das Toben und
Schreien um sie her gar nicht beachtend, indem sie, in derselben Stellung
als vorher, sich herüber- und hinüberwiegte -- »wie sie geflucht haben
werden, als sie am anderen Morgen kamen und die Alten vom Neste geflogen
fanden, die Jungen zu füttern hatten -- aber -- was ist denn das?« --
setzte sie unruhiger, sich scheu überall umsehend hinzu -- »sie kommen
_nicht_ -- nicht den ersten Tag -- nicht den zweiten --nicht den dritten
-- das Mehl ist aufgezehrt -- die Milch sauer geworden für das Kind --
wie es schreit und die Händchen nach der Mutter ausstreckt -- großer
barmherziger Gott, ich muß zurück -- ich _muß_, ich _muß_ zurück!«
Sie war aufgesprungen, und hatte beide Hände, zwischen denen die matten
glanzlosen Augen stier und wild umherschauten, fest gegen die Schläfe
gepreßt. Georg, der wohl fühlte wie ihr Geist von den letzten Schrecken,
mit dem nagenden Wurm des verübten Verbrechens am Herzen, angegriffen
und erschüttert sei, trat da zu ihr, legte ihr die Hand auf die
Schulter und wollte sie beruhigen.
»Fort« sagte sie aber leise, ohne sich nach ihm umzusehn -- »an Deiner
Hand ist Blut -- mich schaudert wenn ich Dich anschaue.«
»Sie ist übergeschnappt« riefen jetzt die Bootsleute, die sich um sie
drängten, und ihr halb scheu halb neugierig ins Gesicht sahen -- »bei
Gott sie ist verrückt!« Die Frau aber, ohne sich weiter um die Männer zu
kümmern, sank wieder an ihrem vorigen Platz zusammen, zog sich ihr
weißes Tuch über, daß es den Kopf völlig bedeckte, und blieb so, still
und regungslos neben dem Feuer kauern. Als sich die Übrigen jetzt aber
wieder nach dem Manne umsahen, war er in dem dichten, die Sandbank
umgrenzenden Unterwuchs und Rohr der Insel verschwunden.
Allerdings wollte ein Theil der Leute den Burschen, der durch seine
Flucht sein böses Gewissen hinlänglich bekundet hatte, aufgesucht, und
den Amerikanischen Gerichten übergeben haben, die Insel war aber groß,
und so lange es dunkel blieb an etwas derartiges gar nicht zu denken.
Dann aber nahm auch die eigene Lage ihre Aufmerksamkeit viel zu sehr in
Anspruch, sich mit dem Fremden viel länger zu beschäftigen, als man ihn
eben sah, und Alles drängte sich jetzt um den zweiten Ingenieur her, der
ebenfalls schwer verwundet am Feuer lag, und gerade wieder ein erstes
Lebenszeichen gab. Donner sprang zum Wasser hin, tauchte dort sein Tuch
ein, es wieder anzufrischen, und legte es dem noch halb Bewußtlosen um
die Schläfe, während ihm Wolf die Lippen netzte, und etwas Wasser in
das Gesicht spritzte.
Der Mann kam endlich wieder zu sich, und seine Wunden erwiesen sich
glücklicher Weise nicht so schwer, an seinem Aufkommen zweifeln zu
lassen; andere aber, und unter ihnen zwei Passagiere, ein Deutscher und
ein Amerikaner waren von dem heiß ausgeströmten Dampf furchtbar verbrüht
worden, und jammerten und stöhnten, und baten um Gottes Willen ihren
Leiden ein Ende zu machen.
Während Alles für diese geschah, was der Augenblick nur zu thun
erlaubte, hatte sich der Ingenieur wieder so weit erholt, um wenigstens
einige Fragen zu beantworten, die der Capitain über die Ursache des
Unglücks an ihn richtete.
Was der arme Teufel noch aussagen konnte stimmte mit dem Zeugniß der
Feuerleute überein. Er war kurz vorher, ehe die Explosion erfolgte, zu
seiner Wacht geweckt worden, und hinunter in den Maschinenraum gegangen,
wo ihm das schon auffiel, daß er Niemanden dort antraf. Über die Guards
hin rasch den Feuerleuten zugehend, begegnete er hier dem andern
Ingenieur den er augenblicklich für halb betrunken erkannte. Er bat ihn
jetzt um das Holz, das dieser noch in der Hand hielt, die Stärke des
Dampfes zu prüfen, der aber weigerte sich lachend ihm das zu geben, sich
noch dabei äußernd daß er ihm dann seinen besten Dampf hinausließe, und
das Boot gerade jetzt gegen den Strom anlief wie ein durchgehendes
Pferd. Zurückgehend zur Maschine sah er da zu seinem Schrecken, daß die
Sicherheitsvalve auf eine Weise beschwert war, die die Sicherheit des
Bootes auf das höchste bedrohen mußte -- rasch sprang er zu, die
Gewichte fortzureißen, und rief dabei nach vorn die Thüren zu öffnen als
er, wie er sich zu erinnern glaubt, auf dem Maschinenholz, in der Hast
und Angst ausrutschte und in demselben Augenblick zu Boden stürzte, wo
der eingepreßte Dampf sich endlich mit Gewalt seinen Weg in's Freie
bahnte und die Kessel sprengte. Das allein rettete ihn jedenfalls, er
wäre sonst, wie der andere Ingenieur der neben ihm, aber aufgerichtet
stand, zu Atomen zerschmettert worden.
Mächtige Feuer waren indessen auf der Sandbank und dicht am Holzrand
entzündet worden, Gesunden wie Verwundeten ein nur einiger Maßen
erträgliches Nachtquartier zu bieten, und vorzüglich hatten die
Amerikaner schon für die Damen aus der Cajüte, an einem besondern Feuer,
ein dichtes Dach von Zweigen hergerichtet, sie gegen den Nachtthau und
die kalte, über den Strom herüberstreichende Zugluft zu schützen; an
Schlaf war aber, selbst für die gar nicht Verletzten, kaum zu denken,
denn die Unglücklichen stöhnten und winselten in ihrem Schmerz bis an
den hellen Morgen. Donner gab sich dabei jede nur erdenkliche Müh' ihre
Schmerzen zu lindern, zerriß sein leinenes Hemd, das letzte das ihm
geblieben, Verbände zu machen, und suchte vor allem die Fiebergluth der
Armen zu kühlen. Aber menschliche Mittel, selbst wenn er Alles zu Händen
gehabt hätte was er bedurfte, reichten da nicht mehr aus, und die beiden
Verbrühten, die im Maschinenraum als die Kessel explodirten, auf dort
aufgestapelten Kaffeesäcken geschlafen hatten, starben ihm unter den
Händen, noch ehe die Sonne aufging und die traurig wilde Gruppe
beleuchtete.
Bald nach Sonnenaufgang kam ein Boot stromauf, und dicht an der Insel
vorbei -- das noch zum Theil aus dem Wasser ragende Wrack, wie die
Menschen am Ufer verriethen ihm deutlich genug was hier vorgefallen, und
es schickte sein Boot an Land Mannschaft und Passagiere aufzunehmen und
nach der nächsten Stadt zu bringen, wo sie Hülfe bekommen konnten.
Die Verwundeten wurden zuerst an Bord geschafft, in Memphis wieder
ausgeschifft zu werden, und nur die Frau, die noch immer regungslos am
Feuer saß, weigerte sich ihnen zu folgen. Sie wollte keinen Schritt
weiter mit dem Manne gehn, der Fluch und Elend über sie gebracht, und
erst als ihr Georg, der die Unglückliche nicht in dem Zustand ihrem
Schicksal überlassen mochte sagte, daß Steffen in den Wald entsprungen
und nicht zurückgekommen wäre, stand sie endlich auf, strich sich die
langen wirren Haare aus der Stirn, und folgte dem jungen Mann von da an
willenlos, wohin er sie brachte.
In Memphis angekommen, wurden die Verwundeten gelandet und ärztlicher
Pflege dort übergeben, und der Capitain der »Mississippi-Belle« wie das
Dampfboot hieß das sie aufgenommen, erbot sich freundlich Passagiere und
Mannschaft der Backwoods-Queen die sämmtlich ihr Gepäck mit dem Untergang
des Bootes verloren hatten, unentgeltlich mit nach St. Louis zu nehmen,
wohin auch er bestimmt war. Die meisten nahmen dieß großmüthige
Anerbieten an, obgleich fast Alle, wie auch Wolf und Georg, ihr baares
Geld bei sich trugen und gerettet hatten, nur Wolf verlangte seine
Passage als Feuermann abarbeiten zu dürfen, wobei sich ihm Donner
anschloß. Der Capitain lachte freilich über die eigensinnigen Burschen,
ließ sie aber gewähren, und Wolf wie Georg wurden Feuerleute auf der
Mississippi-Belle.
Die Frau brachte Georg, kurz vor der Abfahrt des Bootes, in ein
deutsches Kosthaus, und bat die Leute dort sich ihrer anzunehmen, bis
sie sich erholt habe; er selber wolle dann auf dem Rückweg wieder
vorsprechen, und gern die Kosten, zu denen er schon einige Dollar da
ließ, tragen.
Die Frau sprach dabei kein Wort -- sie dankte ihm nicht, sie sah nicht
auf, und saß still und regungslos, wie sie am Feuer gesessen hatte, in
der Ecke, als er das Haus verließ.
Capitel 7.
Die Deutschen in Cincinnati.
Herr von Hopfgarten, den wir auf seiner Fahrt nach Cincinnati verlassen
haben, hatte sich indessen in der »Königin des Westens« wie sie
ernsthaft, oder _Porkopolis_ -- wie sie der ungeheueren Masse Schweine
wegen, die dort jährlich geschlachtet und verschickt werden, scherzhaft
im Lande heißt, einige Wochen aufgehalten, um sich mit dem Leben und
Treiben einer der inneren Städte Amerikas bekannt zu machen.
Die Lage Cincinnatis, das den Centralpunkt aller dort gelegenen
deutschen Ansiedelungen bildet, ist reizend; der wunderschöne Ohio
(schon von den Indianern _O-hy-o_ -- der schöne Strom genannt) bespühlt
ihren Fuß und bietet ihr eine treffliche Landung, an der die größten
Mississippi-Dampfer ihre Frachten ein- und ausladen können, während
freundliche, jetzt schon vielfach mit Reben bepflanzte Hügel die Stadt
im Rücken umschließen. Es kam ihm dabei so vor, als ob fast der dritte
Theil der Einwohner Deutsche wären, und einzelne Viertel besonders
schienen nur von Landsleuten bewohnt, ja auf dem trefflich bestellten
Markt hörte man kaum etwas anderes als Deutsch sprechen, und besonders
amüsirte es ihn dabei die Verschmelzung der Trachten, den Übergang des
deutschen Bauers, der nur erst nach hartnäckigem Widerstand in _jeder_
Hinsicht den deutschen Bauer auszieht, in den Amerikaner zu beobachten.
Wunderliche Transformationen kamen da vor, nicht unähnlich denen, wie
man sie überall an wilden Stämmen beobachten kann, und unser deutscher
Bauer hat wirklich einige Ähnlichkeit, so sonderbar das klingen mag,
mit dem Indianer. An seinen alten Sitten mit einer Zähigkeit hängend die
ihres Gleichen sucht, betrachtet er Jeden der ihm daran rütteln will
mistrauisch, eifersüchtig selbst -- sein Vater hat das so und so gethan
und so war's gut, warum sollt's jetzt wohl anders werden -- etwa weil
»Stadtmenschen mit Brillen auf, die das aus Büchern gelesen haben« --
meinen sie könnten es besser machen? _die_ hatten jedenfalls ihre
Absichten, suchten ihren Vortheil dabei, das war Alles. So gehn sie auch
nach Amerika, nicht etwa weil sie sich dort ein freieres, ungebundeners
Schaffen versprechen, sondern weil ihnen Steuern und Abgaben im
alten Vaterland zu drückend werden, und Briefe auf Briefe von dort
herüberkommen, die ihnen mit goldenen Schilderungen den Mund so lange
wässrig machen, bis sie eben nicht länger widerstehen können und nun
auswandern. Und nicht um dort zu lernen, und sich den Sitten und
Gebräuchen der neuen Heimath zu fügen, betreten sie das fremde Land,
sondern fest überzeugt daß sie den Leuten dort noch zeigen müssen wie
man ackert und säet. Ihre eigene Sitten, ihr eignes Ackergeräth und
Handwerkszeug, so unpraktisch das sein mag, so wenig es den dortigen
Bedingnissen entspricht, ändern sie auch deshalb nicht, bis nicht ihre
Kinder herangewachsen und den Bettel aus dem Hause werfen, oder die Noth
sie zwingt das eine oder andere zu verbessern.
So mit ihrer Kleidung; mit den langen blauen Zimmermannsröcken mit
fingerbreiten Kragen, und riesigen, zwischen den Schößen zeitweilig
herausfahrenden weißleinenen Taschen, mit dem ausgeschweiften Hut und
den kolossalen Schuhen, und die Frauen mit ihren kurzen Röcken und
weiten Ärmeln, den wunderlichen Hauben, dick wattirten, wulstigen
Jacken und tausendfach gefalteten Röcken, wie lange währt das, bis sie
auch nur das kleinste daran ändern, und thun sie's selbst, legen sie das
und jenes ab, und dieß und das dafür an, die Art wie sie's tragen bleibt
dieselbe, und der Deutsche ist im Nu herauszufinden.
Herr von Hopfgarten hatte Briefe an ein paar deutsche Kaufleute mit. Der
Eine, den er zuerst besuchte, hielt einen Laden im Mainstreet, und schien
durch Importiren deutscher Waaren ein ziemliches Vermögen erworben, sein
Deutsch aber dabei vergessen zu haben. Er sprach nur Englisch -- wenn
auch freilich mit traurigem Accent -- selbst mit seinen deutschen
Dienstleuten, die sich abquälen mußten ihn nur zu verstehen -- kleidete
sich ganz Amerikanisch, d.h. er coquettirte damit einen sehr feinen,
aber an dem einen Ellbogen zerrissnen Rock zu tragen, besuchte den
ganzen Sonntag Amerikanische Kirchen und -- kaute Taback.
»Wie er sich räuspert und wie er spuckt,
Das habt Ihr ihm glücklich abgeguckt.«
Das vernachlässigte, Widerliche des Amerikanischen Charakters nehmen
diese Art Leute an, das aber, was seinem ganzen Wesen die innere
Triebkraft giebt, das Bewußtsein seiner Freiheit, sein Nationalstolz,
mit dem er sein Vaterland wachsen und gedeihen sieht, wie noch kein
Beispiel die Geschichte je geliefert, das leider Gottes liegt ihnen
unerreichbar fern. Sie sagen sich nicht allein los vom deutschen
Vaterland -- das ist gut, das Vaterland kann sie verschmerzen und
hat des Gelichters noch leider mehr als genug -- nein sie schämen sich
auch Deutsche zu sein, schimpfen nicht auf das was Deutschland so
niedergedrückt hat und zu Boden gehalten, sie haben das nie begriffen
noch gefühlt, nein auf den deutschen Stamm, dem ihre eigene Mutter
angehörte, und spreitzen sich in ihrem fremden Wesen, mit dem gewonnenen
Reichthum, von dem ordentlichen Amerikaner ausgelacht, von dem wackeren
Deutschen verachtet, in einem kleinen Raum herum, den ihr eigener
Dunstkreis bildet, und den sie für die Welt halten.
Hopfgarten konnte sich nicht wohl bei diesen Menschen fühlen; diese
vornehme Gemeinheit widerte den wackeren Mann an, und er suchte sich
eine andere Schicht der Bevölkerung unter den Deutschen.
Er wurde bei einem Landsmann, der eine Apotheke in ---- _street_ hatte
eingeführt und sehr freundlich aufgenommen, und lernte hier einige
Doktoren, Advocaten und Geistliche kennen, aber ein steifer Ton
herrschte auch in diesen Zirkeln; von einem herzlichen Verstehen war
zwischen ihnen nicht die Rede. Die Doktoren waren natürlich nur solche
die zur Ausführung ihrer Recepte die Patienten nach _seiner_ Apotheke
schickten, die Advocaten und Pastoren »gute« Patienten von beiden, aber
auch hier wurde kein freundliches Wort über die _Landsleute_ gesprochen.
Alle diese Männer befanden sich noch nicht in den Verhältnissen ihren
Beruf aufzugeben und von ihren Zinsen zu leben, ja Manche waren erst
seit kurzer Zeit von Europa herübergekommen und suchten sich erst eine
Carriere oder Stellung zu gründen. Der Apotheker _protegirte_ Manche von
diesen, und war außerdem, seiner Äußerung gegen Herrn von Hopfgarten
nach, _stolz_ darauf ein »Bürgerlicher« zu sein.
Hopfgarten lachte damals über diese etwas wunderliche Bemerkung, und
meinte darauf, Herr Hohlziegel habe dazu wohl eben so wenig Grund, als
wenn _er_ auf seinen Adel stolz sein wolle, da sie als vernünftige
Männer doch wüßten wie des Menschen Handeln seinen Werth bestimme --
aber wohl konnte er sich dennoch nicht zwischen den Leuten fühlen. Es
war auch dabei von Nichts die Rede als von Geschäften, und wenn ein Mann
genannt wurde, mußte die Zahl seines Vermögens den Zunamen bilden -- das
ganze Geschlecht wurde in _gut_ und _nicht gut_ geschieden. Selbst der
Geistliche, der neu angekommen, in den nächsten Tagen eine Probepredigt
zu halten hatte, damit sich dann die Gemeinde entscheiden könne ob sie
ihn haben wolle oder nicht, sprach nur von dem _Effekt_ seiner Rede, von
dem »Packen der Menge« und von seinem _Gehalt_.
Diese Leute verschmähten es, oder hielten es vielmehr unter ihrer Würde
in ein deutsches Bierhaus zu gehn, und tranken mit kleinen Stückchen
sehr trockenen, staubig schmeckenden Confekts, einen nichtswürdig
saueren Amerikanischen Wein, der das Einzige zu seiner Entschuldigung
hatte, daß er auf Herrn Hohlziegels eigenem Weinberg gereift war, und
dieses Meinung nach, einmal ein »famoses Gewächs« werden mußte.
Hopfgarten stand eines Abends, nach einem schrecklich verlebten
Nachmittag in Verzweiflung unten in der Apotheke und beschloß schon
Cincinnati mit seiner prachtvoll gebauten Unterstadt, und den
Holzbaraken des Canalviertels in Mismuth zu verlassen, als der Provisor,
ein behäbig aussehender Mann, mit fettem Unterkinn und kleinen lebhaften
Augen, seinen Hut aufsetzte, dem anderen jungen Mann in der Apotheke
zurief daß er mit dem »fremden Herrn« ausgegangen sei, und diesen dann
sehr zu dessen Erstaunen ohne weiteres unter den Arm nahm und hinaus auf
die Straße führte.
»Wenn Ihr Magen von dem verdammten Grüneberger Ausbruch noch nicht
ruinirt ist,« sagte er dabei, »und Sie noch eine halbe Stunde aufsitzen
können ohne einzuschlafen, wie es die »Honoratioren« gewöhnlich machen,
so denk' ich Sie zu einem guten Glas Bier zu führen, wo wir auch muntere
Gesellschaft finden. Gemischtes Publicum allerdings, aber nette Kerle,
und Cincinnati Bier mit Limburger Käse.«
»Oh Sie scherzen,« rief Hopfgarten rasch, »Limburger? ächter Limburger?
Herr, das ist eine schwache Seite von mir.«
»Sie werden ihn _riechen_ sobald wir in's Haus kommen,« sagte Bohle, der
Provisor. Überhaupt aber ziemlich schweigsamer Natur, ließ er sich auch
unterwegs auf kein großes Gespräch weiter ein, sondern beantwortete alle
an ihn gerichteten Fragen so einsylbig als irgend möglich.
Sycamorestreet hinauf und in eine der Queerstraßen, die mit dem Strom
parallel laufen, einbiegend, erreichten sie endlich ein Haus, das
nicht mit dem entsetzlichen »Deutsches Coffe-Haus« wie fast alle
Schnapskneipen die Überschrift tragen, versehen war, sondern wo ein
weiß und blaues Schild -- ein Stückchen Heimweh des bairischen
Bierbrauers -- dem durstigen Wanderer mit lakonischen aber zum Herzen
sprechenden Worten kündete, daß hier ein gutes Bier verzapft werde. Es
war keine Prahlerei mit dem Worte Bairisch dabei, kein Coquettiren mit
der Zugabe »Amerikanisch« -- es hieß nur »gutes Bier« und ein kleines
hölzernes Täfelchen was darunter hing trug, anscheinend mit dem in
Stiefelwichse getauchten Finger geschrieben, die Worte:
Limburger Käse!
Schweizer Käse!
Rettiche!
Der Platz bedurfte weiter keiner Empfehlung, und Hopfgarten betrat mit
einer gewissen Art von heimischem Wohlbehagen den kleinen niederen,
schon von zahlreichen Gästen belebten Raum, wo sie kaum seinen Begleiter
erkannten, als ihnen auch an einem der Tische Raum gemacht und sie
freundlich eingeladen wurden sich dort niederzulassen.
»Meine Herren,« begann da Bohle seinen Gast vorzustellen, »ich bringe
Ihnen hier ein Opfer der Etikette, einen Unglücklichen, den Hohlziegel
mit Cincinnati-Ausbruch vergiftet und der Doktor Held außerdem aus der
Haut getrieben hat vor langer Weile. Der Herr hier ist erst vor kurzer
Zeit von Deutschland herübergekommen, heißt von Hopfgarten und würde
Cincinnati mit der moralischen Überzeugung verlassen haben, daß es der
ekelhaft langweiligste Platz unter der Sonne sei, und die Deutschen
darin nicht einmal deren Scheinen verdienten. Ich habe ihn gerettet,
unter den Arm genommen und bin mit ihm hierher an Land geschwommen --
bitte meine Herren, stellen Sie sich jetzt eigenhändig vor, damit unser
neuer Freund weiß woran er ist, und in welch anständiger Gesellschaft er
sich eigentlich befindet. -- Sie Lochhausen, fangen Sie einmal an; aber
hallo hier Brand, bringen Sie uns doch Bier, zum Donnerwetter, sollen
wir denn an der Quelle verschmachten. Zwei Quart Bier und einen halben
Limburger Käse! also Lochhausen.«
»Ich heiße von Lochhausen,« sagte der junge Mann, der dicht neben Herrn
von Hopfgarten saß, ein junger blondhaariger Bursche mit blauen treuen
und doch lebendigen Augen, »und bin Zeitungsträger beim Volksblatt, wie
auch Exzeitungsträger des Christlichen Apologeten, habe aber die Hoffnung,
wenigstens das Versprechen der betreffenden Behörden, denen ich durch
meine Familie dringend empfohlen bin, eine feste Anstellung als
Straßenkehrer für Sycamore und Wallnutstreet zu bekommen.«
Hopfgarten sah seinen Führer von der Seite an, denn unwillkührlich stieg
der Verdacht in ihm auf, daß man sich vielleicht auf seine Kosten
amüsiren wolle, und ihn für »grün« genug halte zu glauben was man ihm
eben aufbinde. Bohle, der aber etwas Ähnliches vielleicht vermuthen
mochte, sagte freundlich:
»Fürchten Sie nicht, lieber Herr, daß Ihnen Einer der Leute hier eine
Unwahrheit erzählt, sie würden _Alle_ über ihn herfallen; die ganze
Geschichte soll Ihnen auch eigentlich nur einen Beweis liefern, wie uns
das Schicksal hier zusammengewürfelt hat, und was wir treiben. Am Tag
müßten Sie Gott weiß wo überall umherkriechen uns anzutreffen, Abends
finden wir uns aber gewöhnlich hier von selber zusammen; nicht aus
freiem Willen übrigens, sondern durch die Nothwendigkeit zu einander
getrieben, einen Anhalt in uns selber gegen das praktische Leben draußen
zu haben. Jetzt kommen Sie Höfner.«
»Meinen Namen haben Sie eben gehört« sagte der also Aufgerufene, mit
einer leichten freundlichen Verneigung gegen den Fremden; »ich bin der
Sohn des früheren Justizministers Höfner aus -- seit zwei Jahren in
Amerika und im ersten halben Jahr in einer Kohlengrube in Pennsylvanien
beschäftigt gewesen. Die Arbeit war mir zu hart, ich ging deshalb als
Koch auf ein Dampfboot, wurde später Bäcker in Dayton und drehe jetzt
Cigarren, in welchem Geschäft ich mir schmeichle ziemliche Fertigkeit
erlangt zu haben.«
»Ich heiße Sorgfeld,« sagte der Dritte, »war früher Officier in
Braunschweigischen Diensten, kam vor drei Jahren nach Amerika, wurde
Farmer, d.h. diente anderthalb Jahr als Ackerknecht, bekam Streit mit
einem Amerikanischen Advokaten in der Nachbarschaft, und flüchtete in
Folge eines Duells nach Ohio, wo ich jetzt Bilderrahmen in der
Spiegelfabrik von _Hoppe & brothers_ vergolde.«
Der vierte war eine etwas schwammige, eben nicht übermäßig reinliche,
in einen grauen Sommerrock eingeknöpfte Gestalt mit einem dicken
aufgedunsenen Gesicht, in dem aber Humor und viel Gutmüthiges lag, trug
eine Brille schief auf der Nase, daß er über das eine Glas hin und unter
dem anderen weg sah, und hatte eine Gewohnheit sich mit den Fingern
durch das lange dünne feuchte Haar zu fahren.
»Ich heiße Müller,« sagte er, dabei still vor sich hinlächelnd, »und bin
Redakteur des Volksboten -- ultra demokratischer Würgengel und Hackklotz
des Christlichen Apologeten wie »Wahrheitsfreundes«[14] -- Principal
jenes jungen blondhaarigen Menschen da, dem ich etwas mehr auf die
Finger sehen muß, da ich nicht begreife wie er mit dem geringen Absatz
meines Blattes so viel Biertrinken vereinigen kann -- habe früher in
Deutschland _jura_ studirt und eine Zeitlang hier Recht verdreht, dann,
als das nicht mehr gehn wollte, und die Eisenbahnspeculation begann, bei
der ich mich auch in etwas betheiligen wollte, zwei Monate an der St.
Louis-Bahn mit geschaufelt und gegraben, bin dann, da die Arbeit meiner
Constitution nicht zusagte, hierher nach Cincinnati gekommen, wo ich
eine Zeitlang für einen hiesigen Kürschner, meinen Nachbar hier, Felle
zupfte, und habe nachher, einem »dringenden Bedürfniß« abzuhelfen, den
»Volksboten« gegründet, an dem mich jetzt meine Zeitungsträger und
Setzer ruiniren.«
»Ich bin der Kürschner Helfich,« sagte ein kleiner Mann mit einem großen
Höker auf der linken Schulter, mit dem er nicht viel mehr als eben auf
den Tisch hinauf reichte. »Habe hier in Amerika eine Ladung Pelze
gekauft, dieselben nach Deutschland hinüber zu schaffen, litt dicht vor
dem Hafen Schiffbruch, bekam, da die Assecuranzcompagnie einfach
bankerott machte, nur fünf Procent, etwas über meine Einzahlung
vergütet, und begann nun hier, da ich solcher Art nicht zurückkehren
mochte, ein kleines Geschäft ganz von vorn; habe auch Clavierunterricht
und Zeichenstunde gegeben, und werde mich im nächsten Frühjahr einer
Gesellschaft anschließen, eine Reise mit der Pelzcompagnie in die
Felsengebirge zu machen.«
»Ich bin Doktor Eberhard,« sagte der nächst ihm Sitzende, »meine
Geschichte ist bald erzählt; vor zwei Jahren als Schiffsdoktor
herübergekommen, habe ich mir die wenigen Patienten, die mir Glück oder
Zufall geliefert, selber todt gemacht -- wenigstens behaupten meine
Freunde so,« sagte er, als die Übrigen lachten, »und würden einen
Mordscandal erhoben haben, hätte ich etwas anderes erzählt. Jetzt habe
ich einen Cigarrenladen errichtet, an dem mein Freund Höfner da
Mitarbeiter ist.«
»Ich habe Theologie studirt« nahm der letzte am Tisch, der neben Bohle
saß, die Reihenfolge auf, »und heiße Tanne. Glaubte auch meinen Beruf
hier in Amerika, nach Allem, was ich früher darüber gehört, sehr bequem
fortsetzen zu können, fand aber nach Jahresfrist daß ich mich darin
geirrt. Von einer Gemeinde in Pennsylvanien engagirt, wöchentlich ein
Mal zu predigen und sämmtliche Festtage zu halten, wofür ich 30 Dollar
monatlich bekam, war ich den Orthodoxen bald nicht orthodox, den
Freisinnigen nicht freisinnig genug. Darin vereinigten sich beide
Partheien, daß ich nicht für sie tauge und ich ging nach Ohio, wo ich in
Columbus eine Zeitlang der deutschen Gemeinde predigte. Umtriebe, die
von einem andern »Pfarrer« dort gemacht wurden, ließen mich meine
dortige Stellung freiwillig aufgeben, und ich zog die ruhigere
Beschäftigung eines Constablers -- quasi Nachtwächter -- in Dayton vor,
wo ich gleichen Gehalt wie als Prediger bekam. Die Nachtluft sagte aber
meiner Constitution nicht zu -- ich wurde dann in Covington, über dem
Ohio drüben, Schullehrer, ärgerte mir da fast den Tod an den Hals und
machte dann zwei Reisen als Koch auf einem Dampfboot, bis ich mich jetzt
endlich als Pillenfabrikant hier zu Ruhe gesetzt habe, und jetzt
ziemlich einträgliche Geschäfte, besonders nach dem Westen der Union mit
blutreinigenden sogenannten Tanneschen Pillen mache.«
»So« sagte Bohle, »haben Sie nun die Güte und introduciren Sie sich
ebenfalls.«
»Lieber Gott, das ist bald geschehen« lachte Hopfgarten »und ich komme
mir, diesen Mannigfaltigkeiten gegenüber, hier ordentlich klein vor. Ich
heiße von Hopfgarten, und reise durch die Vereinigten Staaten von
Nord-Amerika, das Land selber kennen zu lernen und einen richtigen
Begriff davon zu bekommen -- sonst bin ich hier noch weiter Nichts
gewesen als -- Passagier.«
»Aller Ehren werth« rief da Müller lachend, »wenn Sie wirklich noch
weiter Nichts gewesen sind; die meisten Fremden sind gewöhnlich in der
ersten Zeit auch noch »Hühnchen« und werden gerupft.«
Hopfgarten lachte und meinte, das stünde ihm wohl noch bevor. Von jetzt
an wurde das Gespräch allgemein; dadurch übrigens, daß sich alle selber
persönlich aufgeführt und vorgestellt hatten, war ein heiterer,
ungenirter Geist in das Ganze gekommen; der Fremde war ihnen nicht mehr
fremd, und fühlte sich zum ersten Mal, seit er Amerika betreten hatte,
wirklich wohl in einer fremden Umgebung. Die Gesellschaft bestand nur
aus gebildeten Leuten, die sich schon in der Welt etwas umgesehn und
ihre Kräfte versucht hatten, es herrschte ein höchst anständiger, aber
vollkommen zwangloser Ton, und trotz ihren verschiedenen
Beschäftigungen, die Alle vielleicht wieder in den nächsten Monaten
wechselten irgend etwas anderes ihnen mehr zusagendes oder mehr
einträgliches zu ergreifen, sah man daß sie einander achteten und gern
hatten.
»Und es gefällt Ihnen in Amerika?« hatte Hopfgarten im Lauf der
Unterhaltung gewissermaßen die Frage an die ganze Gesellschaft
gerichtet; »Sie fühlen sich wohl und zufrieden hier?«
»Ich will Ihnen etwas sagen, mein lieber Herr von Hopfgarten,« nahm hier
Tanne die Frage auf -- »die Antwort kann nicht einfach mit ja oder nein
gegeben werden. Von gefallen oder nicht gefallen kann überhaupt nicht
die Rede sein irgend einen Maasstab anzulegen, denn das richtet sich
auch großentheils nicht allein nach den Ansichten des Einzelnen, sondern
auch nach dem, was er in der alten Heimath zurückgelassen hat. Das
Vaterland liegt uns noch _Allen_ in den Gliedern, und wird darin liegen,
so lange wir einen Tropfen _menschlichen_ Blutes in uns laufen haben,
und nicht solche erbärmliche nichtsnutzige Schwachköpfe -- ja ich möchte
fast sagen, _Schufte_ geworden sind wie jenes Gesindel, das, ohne irgend
eine Vergangenheit, ohne ein Gefühl von Liebe oder Dankbarkeit sich
_schämt Deutsche_ zu sein. Eigentlich ist das übrigens nur ein Irrthum
von ihnen, sie geben dem Gefühl der Schaam, die ganz richtig in ihnen
besteht, nur einen falschen Namen, sie sollten sich überhaupt schämen
daß sie auf der Welt sind, und reduciren das auf das Vaterland. Doch
um auf unser Thema zurückzufallen -- die Galle läuft mir immer über,
wenn ich auf das Gesindel zu sprechen komme -- so meine ich mit dem
_Gefallen_, daß es sich besonders danach richtet, was wir im alten
Vaterland zurückgelassen haben. War das viel Liebes und Gutes, dann
freilich wird es Manchem schwer werden, hier in ganz anderen, fremden,
ja kalten Verhältnissen -- denn Jeder sorgt hier nur für sich selbst,
und Gott für uns alle -- zurecht zu finden, oder wohl zu fühlen. War das
nicht der Fall, gingen wir mit leichtem Herzen fort, ist es freilich
etwas anderes, und wir werden auch im Stande sein, uns hier leichter
einzurichten. Es sind dann nicht zu viel alte Herzensfasern, beim
Herausreißen aus dem Mutterboden darin zurückgeblieben, und die Pflanze
kommt besser fort und gedeiht -- wenn ich auch gerade nicht weiß, ob ich
_die_ Leute beneiden soll« -- setzte er ernster hinzu. »Überhaupt ist
es mit dem _ubi bene ibi patria_ eine eigene Sache, es klingt recht gut
im Lied, und singt sich ganz erträglich, ist aber doch nicht wahr -- zur
Ehre des Menschengeschlechts nicht wahr, und in melancholischen Stunden,
die fast jeder Staatsbürger einmal hat, und die sich bei den hiesigen
Deutschen gewöhnlich am auffallendsten zur Weihnachtszeit einstellen,
sing' ich die Geschichte manchmal verkehrt.«
»Also das Heimweh existirt doch auch in Amerika« sagte Hopfgarten.
»Moralischen Katzenjammer nennen sie's hier« sagte Müller,
»und gebrauchen Bier und Cognac dagegen.«
»Zeitweise existirt's« fuhr Tanne fort, »aber _Amerika_ ist da nicht die
Ursache, sondern die Fremde überhaupt, und so wunderlich es mir hier
schon gegangen, ja so erbärmlich oft und miserabel, wär' ich der Letzte
der über das Land klagte. Es ist ein großes, herrliches Reich dieß
freie Amerika, von tüchtigen edlen Männern gegründet, die einen
Grundstein für die Ewigkeit gelegt. Nachfolgende Generationen haben daran
unverdrossen weiter gebaut, und wenn auch hie und da einmal ein Miston,
durch die _vielen_ Baumeister hineingekommen, wenn auch hie und da
ein wilder Schnörkel oder Knauf die massenhafte Hoheit des Ganzen
unterbricht und stört, andere Stellen noch roh und unbehauen liegen und
der Arbeiter harren, die _Harmonie_ des Ganzen kann's nicht stören, das
wächst und steigt und breitet sich nach Nord und Süd und West ein Asyl
den Bedrückten, den Nothleidenden, ein weiter Hafen für die ganze Welt.«
»Ja« sagte Hopfgarten, »das klingt nicht so übel, ist aber die alte
Geschichte von der romantischen Seite aufgefaßt; mir läge daran das
_Praktische_ zu hören.«
»Darin kann _ich_ Ihnen vielleicht dienen« sagte Müller, sein Glas
wieder vollschenkend und austrinkend, und das geleerte Blechmaas dem
Wirth um »neuen Stoff« zurückreichend. »Tanne hat die schwache Seite daß
er manchmal Verse macht, und es wird ihm sogar hier nachgesagt, er hätte
in Pennsylvanien einmal eine »gereimte« Predigt gehalten -- _das_ konnten
die Leute nicht vertragen und er mußte fort. -- «
»Ihr reitet nur immer auf _uns_ herum« lachte Tanne -- »wenn Ihr die
Geistlichen nicht hättet --
»Und keinen Löffel, so müßten wir unsere Suppe _trinken_, ja wohl, das
ist ganz in der Ordnung,« sagte Müller trocken, »die kommen aber hier
gar nicht in Betracht, sondern unser Amerika, in dem wir nun einmal
existiren, und wenn vielleicht wenig Menschen weniger Ursache haben
günstig davon zu denken, so wär' ich es, wollte ich eben ungerecht sein
und die ganze Geschichte nur nach mir selber beurtheilen. Wenig Deutsche
in Amerika haben aber gerade so viel Gelegenheit das Wirken und Schaffen,
das Fortschreiten und Wachsen ihrer Landsleute zu beurtheilen, wie
gerade wir Zeitungsredakteure, deren _Beruf_ es eben ist, sich, indem
sie für sich selber sorgen, um Andere zu bekümmern. Wir gerade lernen
dabei eine Menge Menschen kennen, die herüber kommen, hören am
häufigsten was sie darüber sagen, weil wir eben _darauf_ hören, lesen
was sie darüber schreiben, und fühlen zuletzt, wie wir nur zu häufig die
Triebfedern durchschauen, die sie zu dem oder jenem Urtheil geleitet.«
»So zum Beispiel -- um Ihnen die Sache etwas handgreiflicher zu machen
-- ist seit lange nicht so viel Volk vom alten Vaterland herübergekommen,
wie in den letzten zwei Jahren, und zwar meistens aus einer Klasse, die
Sie zwar hier im Zimmer und an diesem Tische besonders vertreten finden,
die wir aber gerade hier in Amerika am allerwenigsten gebrauchen können,
und die auch in der That hier am allerwenigsten mit sich selber anzufangen
weiß. Ich meine eben die mittellose gebildete Klasse, die für ihre
Schulbildung hier keinen Markt findet, und nur zu häufig dann auch noch
zu faul ist da mit den Händen zuzugreifen, wo sie mit dem Kopf nichts
ausrichten kann. Hierzu gehören Juristen, Geistliche -- wenn sie sich in
die bestehenden Eigenthümlichkeiten nicht fügen können oder wollen --
Philologen und Philosophen, die unglückseligsten Menschenkinder von
Allen zwischen den praktischen Amerikanern -- und jene Unmasse von
»falschen Doktorn« wie man sie hier nennt, solche nämlich, die Doktoren
heißen, aber keine Ärzte sind, und deren Schicksal Einen manchmal
wirklich dauern könnte, wenn es nicht gerade auch oft wieder so
komisch wäre. Eine Masse Advokatengesindel, _present company always
excepted_[15] kommt daher, radebrecht Englisch auf eine schauerliche
Art, kennt die hiesigen Gesetze nicht, will nichts Anderes ergreifen,
und schimpft und raisonirt dann über das Land, nimmt das Maul voll und
thut als ob ihm das größte Unrecht geschehen wäre; Ladenschwengel, die
in Deutschland in einer »angenehmen Condition« gestanden, finden hier
nicht gleich Jemand, in dessen Laden sie mit gekräuselten Locken und
faden Redensarten den Angenehmen spielen können. Daß sie nun ihre
_Fäuste_ brauchen, die ihnen der liebe Gott nicht allein zum
Kattunausmessen gegeben hat -- Gott bewahre, nein, Amerika ist ein
gesetzloses, nichtsnutziges Land, gesetzlos, weil sie irgendwo in einer
Kneipe, wo sie sich unnütz gemacht, oder an Plätzen herumgekrochen, wo
sie Nichts zu suchen hatten, hinausgeworfen wurden; nichtsnutzig, weil
man ihnen keine, »ihren Fähigkeiten entsprechende Stellung« anweißt.«
»Eine Menge von diesen Leuten suchen sich dann in hiesigen Blättern zu
expectoriren, theils in Versen, theils in Prosa, schreiben Bogen lange
Artikel über das Land, das sie nicht kennen, über die Verhältnisse, von
denen sie Nichts verstehn, und verlangen dann auch noch Honorar dafür.
Nehmen wir es nun nicht -- denn wenn man all den Unsinn drucken wollte,
hätten _zehn_ Schnellpressen Arbeit -- dann schicken sie die Wische,
weil sie doch einmal geschrieben sind, nach Deutschland, und dort gelten
sie dann als »Stimmen aus Amerika« -- der Schreiber des und des Artikels
muß ja die Sache verstehn, =er ist ja selber drüben= -- daß sie der
Teufel hole. -- «
»Ein Glück für uns, daß von dem Gelichter es doch manchmal ein oder der
Andere möglich macht nach Deutschland zurückzukommen; dort schlägt er
Feuerlärm, schildert uns als Tabackkauende, betrügerische Ungeheuer,
das ganze Land als eine gesetzlose Wildniß -- eine Falle leichtgläubige
Menschen zu fangen, zählt alle Mordthaten und Diebstähle, die in dem
ganzen ungeheueren Reiche, und _wenigstens_ in der Hälfte durch _Fremde_
ausgeübt werden auf, und hält dadurch doch wenigstens viele Andere
seines Gelichters ab herüberzukommen.«
»Der fleißige Arbeiter -- der Ackerbauer, der Handwerker, dem es hier
gut geht, der sich glücklich und wohl fühlt, der schimpft nicht, und
schreibt auch keine albernen Artikel über Amerika, höchstens Briefe in
die Heimath, seine Anverwandten, und die die er lieb hat, herüberzurufen.
Still und unverdrossen geht der seine Bahn fort; sieht sein Land sich
mehr und mehr verwerthen, mit jedem Tag seine Heerden wachsen, seine
Felder blühen, und segnet die Stunde, in der er den Entschluß gefaßt
auszuwandern.«
»Daß es nicht Allen glückt -- wenigstens nicht gleich in der ersten Zeit
und Manche viel Böses und schwere Zeit durchzumachen haben, versteht
sich von selbst -- es fiele mir auch nicht ein, Allen anzurathen
hierherzukommen, das wäre Wahnsinn. Man wirft dem Amerikaner vor daß er
kein Gemüth hat, und ich glaube fast der Vorwurf ist gerecht, wenigstens
im Allgemeinen; auf ein _gemüthliches_ Leben darf man hier im Land denn
auch nicht rechnen, außer man hat _sehr_ viel Geld, und in dem Fall
kehrt der Deutsche doch am liebsten wieder nach Deutschland zurück.
Amerika paßt auch wirklich nicht für eine Menge Leute, und wem es
halbwege gut in Deuschland geht, wem die Verhältnisse dort nicht zu
drückend auf den Schultern liegen, der soll bleiben wo er ist; dort weiß
er was er hat, hier weiß er nicht was er kriegt, und das ist, das
Wenigste zu sagen, eine unangenehme Geschichte.«
»Wenn man nur einmal so einen richtigen deutschen Farmer über Amerika
könnte sprechen hören« sagte Hopfgarten »das wäre mir in der That
ungemein interessant.«
»Nichts leichter als das« lachte Helfig »Ohio wimmelt davon, und wohin
Sie hinein in's Land gehn, finden Sie deutsche Ansiedlungen. Sie
brauchen auch nicht zu fragen wo Deutsche wohnen, Sie sehn es schon an
den reinlichen massiv errichteteten Gebäuden, den steinernen Scheunen,
dem ordentlich aufgestellten Ackergeräth, den sorgfältig urbar gemachten
Feldern.«
»Aber es fällt doch noch manches Außergewöhnliche in den Städten vor«
sagte Hopfgarten, in wirklicher Besorgniß jetzt, daß sie ihm die ganze
Romantik des Landes über den Haufen würfen; »in Cincinnati besonders
habe ich mir sagen lassen, daß Raubanfälle keineswegs zu den
Seltenheiten, und zwar in den besten Theilen der Stadt gehörten.«
»Ah Papperlapapp,« lachte von Lochhausen, »ja es kommt vor, aber im
Verhältniß zu der Unmasse von Proletariat, das uns die alte Welt
herüberschickt, doch unverhältnißmäßig selten, außer in den Fällen wo
sich die Leute selber an Orte begeben in die sie nicht gehören, wie
Müller sagt. Mancher ist in liederlichen Häusern bestohlen worden, und
macht nachher ein Geschrei daß er angefallen und beraubt wäre -- er mag
natürlich nicht sagen _wo_ er sein Geld verloren hat; Andere erzählen
solche Geschichten, wie sie von Abenteuern mit Tigern und Bären
erzählen, sobald sie nur den Fuß in Wald oder Busch gesetzt. Einbrüche
und Raubanfälle kommen vor, ja, aber nicht mehr wie in jeder andern
großen Europäischen Stadt, London gar nicht gerechnet. -- Lieber Gott,
wir Alle die wir hier sitzen, fürchten uns nicht vor der Nachtluft, und
sind schon manchmal Abends spät zu Hause gegangen, und ist schon Einer
von uns Allen angefallen worden? und so wird es Ihnen schwer werden
Jemanden zu finden, der Ihnen etwas derartiges aus eigener Erfahrung
bestätigen kann, wenn er die Wahrheit reden will -- aber es fällt vor!«
»Nun laßt aber Amerika,« rief Sorgfeld dazwischen, »die Geschichte
wird langweilig; wenn der Herr da noch länger hier bei uns bleibt, wird
er sich seine Meinung schon selber bilden; uns Allen wie Tausenden, ja
Millionen unserer Mitbrüder hat das wackere Land die Arme freundlich
geöffnet und uns seine Schätze geboten nach allen Richtungen hin; wer
blöde war und nicht zulangte, oder nicht wußte wie er es anfangen
sollte, dessen eigene Schuld war's -- und vielleicht lernt er's noch
-- Amerika soll leben -- _hoch_!« und das Glas erhebend standen die
meisten Deutschen von ihren Sitzen auf, stießen mit den Gläsern an, und
stimmten in das Hoch ein. -- Einzelne blieben auch sitzen.
Das Gespräch ging von da an wieder auf allgemeine Gegenstände über;
es wurde dabei gelacht und erzählt bis zum Abend; und als Herr von
Hopfgarten ziemlich spät an den Aufbruch dachte, mußte er sich gestehen
daß dieß eigentlich der erste Abend sei, an dem er sich in Amerika
wirklich amüsirt habe. Durch das Gespräch war aber auch der Wunsch um so
mehr in ihm rege geworden, einen Theil des inneren, cultivirten Landes
hier zu sehen, denn die Umgegend von Cincinnati sollte einem Garten
gleichen; so schon am nächsten Morgen miethete er sich ein Pferd in der
Stadt, und ritt Mainstreet hinauf über den Canal durch die deutsche
Vorstadt hin, wo jedes Schild fast einen deutschen Namen trug, und ganze
Schaaren frisch eingewanderter Staatsbürger, in ihren Nationaljacken und
Röcken die Straßen durchwanderten.
Die Hügel, welche die Stadt umgeben, und zu denen sie hinaufsteigt, und
die sie in gar nicht so langen Jahren wird erstiegen haben, lagen zum
Theil mit Gärten, zum Theil mit Rebenpflanzungen bedeckt, und eine
treffliche Straße wand sich dort hindurch. Oben auf dem Hügel aber
hielt Hopfgarten still, das Thal zu überschauen das er eben verlassen,
und das sich jetzt in wundervoller Herrlichkeit vor ihm ausbreitete.
Drüben den Hintergrund bildeten die eben nicht sehr hohen, aber
freundlichen Hügel Kentuckys, theilweise noch mit Wald, meist aber mit
wohl umfenzten Feldern überzogen, bis zu dem Häuserbedeckten Ufer des
Ohio, der seine klaren Fluthen schlängelnd durch das reizende Thal wand.
Haus an Haus aber drängte an dieser Seite des Stromes die junge
Riesenstadt, ein wundervolles Panorama regen thätigen Lebens, das hier,
mit tropischer Keimkraft fast, dem Boden wie entsprungen liegt.
Im Jahre 1788 standen hier in dem Thal, in einer Wildniß, die von Bären
und Büffeln nur bewohnt, von den leichtfüßigen Söhnen der Wälder auf
ihren Kriegszügen durchstreift wurde, drei einzelne Blockhütten, aus den
Stämmen des Waldes aufgebaut -- fünfzig Jahr später zählte die Stadt
Cincinnati 40000 Einwohner,[16] und von da an vermehrte sich die Zahl
fast mit jedem Jahre um 6-7000. Der Strom, den damals fast nur das
schlanke Canoe des Indianers durchfurchte, wimmelte jetzt von mächtigen
Dampfbooten, die mit dem dünnen weißen Schaumstreifen hinter sich, auf-
und niederglitten, und überall streckten qualmende Riesenschornsteine
die langen Hälse empor, thätiges schaffendes Leben bekundend. In den
Straßen der Stadt selber wogte die rastlose Menge auf und ab, zahlreiche
Wagen mit Früchten und Gemüsen, dem reichen Herbstsegen, schwer beladen,
kamen die breite vortrefflich macadamisirte Landstraße nieder, und wie
der Blick weiter schweifte, über die Hänge und Flächen dort umher,
haftete er überall an reizenden Villen, schattigen Gärten, fruchtbaren
Feldern, auf denen Gottes Segen ruhte, und über die sich der reine
wolkenleere Himmel in durchsichtiger Bläue spannte.
»Welch wundervolles Land!« rief Hopfgarten da unwillkührlich aus, »welche
Lebenskraft -- welche Zukunft liegt für dich noch in der Zeiten Schooß
-- wie das gährt und kocht und keimt und sproßt und Blüthen treibt und
Früchte reift -- und über dem Allen _ein einziges Banner_ -- _ein_
Schlachtschrei im Krieg für ein einig Volk, _ein_ Ziel im Frieden, für
das ganze Reich -- armes Deutschland«, setzte er dann seufzend hinzu,
als er sein Thier wieder wandte und der Straße weiter folgte, »kein
Wunder daß ein solches Volk mit solchen Resultaten, solcher Zukunft vor
sich, manchmal über die Stränge schlägt oder ein klein wenig übermüthig
wird, wie ein junges kräftiges Füllen -- hat es doch Ursache dazu, und
darf sich freuen zu seines Schöpfers Lob. -- Wir Deutschen sind freilich
ruhig und gesetzter, springen und schlagen nicht und gebehrden uns nicht
so unanständig; singen keinen Yankeedoodle -- haben auch keine Ursache
dazu, und keine Flagge, sondern nur ein Flickwerk von bunten Lappen;
nicht einmal ein gemeinsames Vaterland, das wir das unsere nennen dürfen.
Aber das Alles möchte sein, schlimmer und schlimmer uns drücken was uns
drückt -- knechten was uns knechtet in Religion und Gewissens-Freiheit
und politischer Meinung; die Hoffnung wäre ja da, daß auch uns vielleicht
einmal ein Washington erstände, wie er den Amerikanern erstanden ist,
gerade als sie seiner am nöthigsten bedurften. Das aber ist ja eben das
Verzweifelte unserer Lage -- _wir_, könnten ihn gar nicht gebrauchen,
wir würden gar nicht wissen was wir mit ihm anfangen sollten, denn wenn
er nicht in allen acht und dreißig Ländern _zugleich_ geboren wäre,
würde ihn ja doch keiner der Nachbarstaaten anerkennen. -- Ich wollte
ich wäre ein Amerikaner,« setzte er leise seufzend hinzu als er, kaum
noch auf den Weg achtend, die breite Straße entlang ritt -- »ich wollte
ich wäre ein Amerikaner und könnte _so_ Deutschland beneiden, wie ich
jetzt Amerika beneiden muß.«
[Illustration: Capitel 7.]
Der kleine Mann, der sich einen weit anderen Eindruck von dem
freundlichen Ritt versprochen, war ganz schwermüthig geworden bei den
trüben Bildern, die sich seine Phantasie heraufbeschwor, ja vergaß fast,
zwischen Fenzen und Hecken, und einzelnen reizend gelegenen
Häusergruppen durchreitend, den Zweck seines Ausflugs, bis das Pferd,
dessen Zügel er nur ganz locker in der Hand hielt, plötzlich rechts
einbog, das Gebiß, als er es rasch umlenken wollte, zwischen die Zähne
nahm, und sporenstreichs mit ihm in einen Hof, über diesen weg auf eine
offene Thür zu und so direkt in den dort befindlichen Stall hineinfuhr,
daß der Reiter kaum noch Zeit behielt sich in der Thür zu bücken und
nicht gegen den oberen Balken und aus den Sattel geschlagen zu werden.
»Hallo, so eilig?« rief da eine lachende Stimme in deutscher Sprache
hinter ihm drein, und in Holzpantoffeln schlurrte eine etwas
schwerfällig aber sonst behäbig und gutmüthig genug aussehende Gestalt
in gelber unten um die Knöchel gebundener, kniefettiger Lederhose, mit
rother Weste auf der zwei Reihen silberner Knöpfe funkelten und in
Hemdsärmeln, auf dem Kopf aber eine große unförmliche braune Pelzmütze,
über den Hof, und blieb in der Stallthür stehen, neben der sich
Hopfgarten eben aus dem Sattel geschwungen und den Zügel über den Kopf
des Pferdes geworfen hatte, das er jetzt aus Leibeskräften, aber
ebenfalls ohne den geringsten Erfolg, wieder aus dem Stall
hinauszuziehen suchte.
»Laßt den Braunen nur stehn« lachte aber der Bauer, »der kennt die
Krippe und hat da schon manche Metze Hafer gefressen. Guten Morgen
Landsmann, Ihr seid doch ein Deutscher.«
»Allerdings, Herr Landsmann,« sagte der höfliche Hopfgarten, mit einem
eben nicht ganz freundlichen Seitenblick auf den Braunen, »aber es ist
doch immer fatal, wenn man nur eben da halten muß, wo es dem Pferde
gerade einfällt zu bleiben.«
»Deshalb braucht Ihr Euch aber keine Sorge zu machen« sagte der Deutsche
schmunzelnd -- »er macht's seinem Herrn oder allen Anderen die ihn
reiten, nicht besser, und seit den letzten drei Jahren kann sich Niemand
rühmen auf _dem_ Pferd, ohne bei mir anzuhalten, hier vorbeigeritten zu
sein. -- Seid Ihr schon lang in Amerika?«
»Erst wenige Wochen.«
»Und Ihr gleichts?«
Hopfgarten wußte daß dieß der deutsch-amerikanische Ausdruck für
»gefallen« sei und sagte »Sehr.«
»Nu das ist hübsch -- da seid Ihr wohl Landkaufen gekommen -- aber hier
im Stall wollen wir doch nicht stehen bleiben« unterbrach er sich rasch,
»Ihr ruht Euch nun doch schon ein halb Stündchen bei mir aus, und seht
Euch einmal mein Feld und meine neue Scheune an -- seid wohl kein
Bauer?«
Hopfgarten mußte dieß, während der Mann einem Jungen pfiff, und ihm
befahl »Bless,« (wie der Braune nach einem kleinen weißen Fleck vorn
an der Stirn hieß) zu besorgen, und ihm ordentlich Futter zu geben,
verneinen. Bless hatte ihm aber, durch seinen Entschluß sich hier etwas
aufzuhalten, wirklich einen Gefallen gethan, denn von Hopfgarten fand
bald, daß er in dem Mann gerade gefunden was er suchte: einen richtigen
deutschen Bauer, der seit vier Jahren hier im Land angesiedelt war, und
sich in der Zeit eine allerliebste, wohleingerichtete Farm hergestellt
hatte.
Der Mann war aber entsetzlich neugierig, und er selber, ehe er irgend
etwas von ihm herausbekommen konnte über sein Leben und Treiben,
genöthigt _ihm_ erst Alles zu sagen was ihn selber betraf: wo er her
sei, mit welchem Schiff er gekommen, wie viel Passagiere es an Bord
gehabt, wo gelandet, ob Krankheiten unterwegs, ob sie gute Kost an Bord
gehabt hätten, ob er nicht in New-Orleans Jemanden Namens Schmidt kennen
gelernt habe, der »in der Nähe vom Wasser« wohne und einen kleinen
Schenkstand oder einen Kleiderladen habe, und was _Corn_ (Mais) jetzt in
New-Orleans koste. -- Nur nach Deutschland frug er nicht, weder aus
welcher Gegend der Fremde stamme, noch wie es dort aussehe jetzt, im
alten Vaterland. Es waren gerade vier Jahre, daß er die Heimath
verlassen, und als ihn von Hopfgarten später danach frug stellte sich
heraus, daß er noch nicht ein einziges Mal an seine Verwandten drüben,
Geschwister und Schwäger geschrieben habe. Die hatten zu leben, es ging
ihnen gut, das wußte er, wenigstens hätten sie es ihm sonst wohl
gemeldet (sie konnten nicht einmal eine Ahnung haben, wo er angesiedelt
sei) und ihm selber fehlte auch Nichts; seine Farm gedieh, sein Vieh
wuchs heran, seine Erndten waren vortrefflich -- was hatte er da groß zu
schreiben?
In der Stube d'rin bei ihm sah es genau so aus wie in den Bauerstuben
daheim; das Amerikanische Kaminfeuer verschmähend, hatte er sich einen
tüchtigen, ächt deutschen Ofen, dessen Tafeln jedenfalls von Europa
herübergeschafft worden, eingesetzt, hinter dem die Familie in
Winterszeit gewiß eben so geschmort, wie daheim. An der Seite auf dort
befestigten Bretern prangten die alten deutschen irdenen Schüsseln und
Teller, mit ihren frommen Sprüchen und Phantasieblumen, mit Jahreszahl
und Datum, in der Ecke der Stube stand eine blaugemalte, und ebenfalls
mit großen hellen, durch die Chablone gemalten Blumen verzierte Kiste,
auf der noch mit weißen Buchstaben jene bedeutungsschweren Worte
»Auswanderer-Gut -- Cincinnati Ohio, für Johannes Rohrberger aus
Sohlfeld« obgleich später einmal mit dünner blauer Farbe übermalt, doch
noch deutlich sichtbar waren, und am Fenster in der Ecke saß eine alte,
aber noch rüstige Frau an ihrem alten Spinnrad -- jeder Zoll eine
Deutsche. Der aber lag manche Frage wohl schwer auf dem Herzen, als sie
den Landsmann bei sich eintreten sah; dennoch mochte sie ihn selber
nicht anreden, und als die Frau des Bauers, ein hübsches rundes
Weibchen, ebenfalls in ihrer heimischen Tracht mit dem mit Knöpfen und
Zierrathen besetzten Mieder und dem dickgefalteten Rock, in die Stube
kam, und schneeweißes Waizenbrod, und Butter mit einem Kleeblatt in der
Form, und guten deutschen Käse auftrug, und ein paar blitzende Gläser
daneben setzte, zu denen der Mann einen selbst gebrauten dunkelrothen
Kirschschnaps aus dem kleinen Schranke holte (den Schlüssel dazu trug er
selber in der Westentasche) mußte sich Hopfgarten an den Tisch setzen,
und vor allen Dingen essen und trinken. Nachher wollten sie hinaus in
das Feld gehn »damit der Herr auch sähe daß es bei den _Deutschen_ nicht
etwa so liederlich gearbeitet würde wie bei denen Amerikanern.«
Hopfgarten sah nun dort allerdings nicht sehr viel, denn er verstand zu
wenig vom Amerikanischen Ackerbau und besonders von den Schwierigkeiten,
mit denen ein erster Ansiedler zu kämpfen hat, sein Land nicht allein
urbar, sondern auch _holzrein_ zu bekommen (zwei sehr von einander
verschiedene Sachen) die hier gethane Arbeit gehörig würdigen zu können.
Der Amerikaner nämlich -- beiläufig gesagt ein furchtbarer Holzverwüster
so lange ihm nur ein Stück im Wege ist -- schlägt, wie bekannt, die
Bäume um, rollt die kurz abgehauenen Stämme auf Haufen, brennt sie
an, und läßt dabei die Stümpfe stehn, um die er indeß herumackert,
und die in zehn Jahren etwa genug abfaulen mit dem Pflug stückweis
herausgerissen zu werden. Die Deutschen lernen ihnen diese bequeme Art
zu arbeiten bald ab; Viele aber, und besonders in der Nähe von Städten
wo das Holz auch schon eher einen Werth hat, gehen sparsamer mit dem um,
was ihnen Gott auf ihrem Land bis dahin hat wachsen lassen, und scheuen
sich der Arbeit nicht auch das Geringste darauf zu verwerthen.
So lagen Johannes Rohrbergers Felder frei von all diesen fatalen
Stümpfen, glatt und eben als ob sie schon Jahrzehnde dem Pfluge dienstbar
gewesen da; keine Holzverschwendenden Zickzack- oder Wurmfenzen umgaben
sie, sondern Eichen-Pfosten waren ringsum eingeschlagen und durch breite,
unten dicht schließende Queerhölzer, den Ferkeln den Eintritt zu
verweigern, geschlossen, und nicht weit davon aufgeschichtete, selbst
gesägte Breter, Planken, Rafters und Stützen bewiesen, wie der Deutsche
einen besseren Gebrauch für sein treffliches Holz gewußt habe, als es
eben zu verbrennen. Hinter dem Haus lagen außerdem einige achtzig
Klafter, aus dem sich im Winter guter Nutzen in der Stadt ziehen ließ,
und die im Feld errichteten Getraidefeimen gaben zugleich auch Zeugniß
von der Thätigkeit des Mannes nach dieser Richtung hin.
»Sie sind fleißig hier gewesen« sagte Hopfgarten, als ihn der Bauer auf
das Alles aufmerksam gemacht, »und müssen jetzt wackeren Nutzen von
ihrem Lande ziehen.«
»Ach ja es geht« schmunzelte der Mann; »die ersten Jahre freilich kam's
mir ein Bischen hart an; ich kaufte die Farm von einem Amerikaner, der
nach Arkansas übersiedeln wollte, um einen eben nicht zu hohen Preis,
aber es sah auch furchtbar darauf aus -- wüste holzgefüllte Felder,
zerfallene Blockhäuser, von Scheunen und Ställen kein Gedanke, die
Hälfte Boden noch mit Busch bewachsen. Da ging ich mit meinen drei
Jungen an's Werk, und wie wir es erst einmal so weit gebracht hatten daß
wir unser deutsches Handswerkszeug, was wir mitgeschleppt, wegwarfen,
und uns Amerikanische Äxte und Pflüge anschafften, förderte es auch.
Wir haben zwar gearbeitet wie die Pferde, das ist wahr; vor Tag heraus,
und hinein bis in die späte Nacht. Die Amerikaner lachten uns dabei noch
aus, und meinten daß wir es uns unnöthig schwer machten; und in mancher
Hinsicht mochten sie recht haben, denn wir wußten eben noch nicht
ordentlich wie wir die Sache anzufangen hatten, und mußten noch lernen.
Aber schon nach zwei Jahren kriegte der Platz ein anderes Ansehn; ich
nahm mir noch Amerikanische Arbeiter dazu, und _wir_ setzten uns
ebenfalls nicht in die Stube, sondern arbeiteten tüchtig mit; da
förderte es denn freilich. Nicht allein daß uns die Amerikaner, die doch
wenigstens eben so zufassen mußten wie wir selber, ein ordentlich Stück
Arbeit fertig machten, sondern wir lernten auch von ihnen ihre Handgriffe
und ihr praktisches Wesen, denn das muß man ihnen lassen. Ich hätte sie
auch gerne noch ein halb Jahr länger bei mir behalten, wäre mir meine
Alte nicht in einem hin in den Ohren gelegen sie fortzuschicken. Die
konnte sie nicht leiden, weil sie nicht verstand was sie sagten, und
weil sie ihr die reingescheuerten Stuben überall vollspuckten -- immer
freilich in die Winkel hinein, wo sie vielleicht glaubten daß man nicht
hinkäme, aber meine Alte kam doch hin, und es wurde nicht eher Frieden
im Haus bis sie weg waren.«
»Und jetzt geht es Ihnen gut? -- Sie befinden sich wohl hier?«
»Ich glaub's« sagte der Bauer schmunzelnd -- »ich hatte in Deutschland
ein kleines ärmliches Gütchen, das seinen Mann freilich eben nährte,
aber ich mußte mich abquälen und plagen, wie ich eben nur hier die
beiden ersten Jahre gearbeitet habe, ohne, was vor mich zu bringen. Mein
Grundstück fiel dabei eher im Werth als daß es stieg, Abgaben und
Steuern, von denen die Herren im Gericht zuletzt gar nicht mehr wußten
wie viel sie fordern sollten, eine Masse unnützes Gesindel zu füttern
die wir nicht brauchten, die uns aber haben mußten zum Zahlen, und dann
noch holzgrob dabei waren, wuchsen von Jahr zu Jahr, und wenn's mir und
der Alten auch schwer wurde von daheim fortzugehn, jetzt gereut mich's
doch nimmermehr, und ich möchte nicht wieder zurück.«
»Und was haben Sie für Ihre Farm gezahlt?« frug Hopfgarten.
»Viertausend Thaler hab' ich, nach Abzug meiner Passage, mit herüber
gebracht« sagte der Mann, »um zweihundert etwa hatten sie mich noch in
Deutschland geprellt beim Geldwechseln, und vierhundert bin ich nachher
hier an meine Landsleute losgeworden. Für die Farm, mit achtzig Acker
Land, und dem Bischen Vieh was drauf war, und den Gebäuden, in denen
aber ein Christenmensch gar nicht existiren konnte, zahlte ich dann
dreitausend fünfhundert _Dollar_, zweitausend gleich baar an, und das
übrige in jährlichen Raten, und dabei befinde ich mich vortrefflich,
denn mit noch eben so viel beinah, was ich jetzt nach und nach
hineingesteckt habe, ist der Platz in der Zeit das vierfache werth
geworden, und selbst dafür gäb' ich ihn jetzt nicht wieder her. Aber
Land genug ist noch hier herum zu bekommen« setzte er dann rasch hinzu,
»wenn Ihr Euch etwa hier ansiedeln wolltet. Die Amerikaner, mögen sie
einen noch so guten Platz haben, wenn sie einen Profit bekommen,
verkaufen _Alle_ aus; einem Amerikaner ist auch Alles feil was er an
sich hat. Es sind Euch närrische Kerle, sie verkaufen das Hemd vom
Leibe, wenns Einer haben will, die Stiefel von den Füßen, und beim
Pferdehandel betrügen sie den eigenen Vater -- wenn er nicht selber klug
genug ist -- ohne daß sie sich gerade, was Böses dabei denken.«
»Hm hm« sagte Hopfgarten nachdenkend vor sich hin, als er mit ihm zum
Haus zurückging -- »_Sie_ befinden sich nun hier so wohl, Ihnen geht es
so gut, und Sie sehen dabei wie sich Alles vorwärts arbeitet und besser
wird, und andere Leute klagen wieder über das Land, schimpfen darüber
und warnen vor Auswanderung.«
»Das sind die Hungerleider« lachte der Bauer, »ich habe auch schon
ein paar Mal solche bei mir gehabt; die kommen herüber und wollen
Anstellungen haben, wo sie eben so wenig dabei zu thun brauchen wie in
Deutschland, und vom Bauer dabei gefüttert werden, und wenn's damit
nachher nicht geht, wenn das Geld alle ist, und die Kosthäuser nicht
weiter borgen wollen, dann heißt's »wir müssen arbeiten« und dann
kommen sie in Handschuhen heraus und fragen nach »Beschäftigung« wie
sie's nennen. Von denen schick' ich aber _keinen_ fort,« schmunzelte er
dabei, »die stelle ich nur an einen richtigen Baumstumpf zum Ausroden,
und nach drei Stunden haben sie solche Blasen in den Händen, daß sie
keine Radehacke mehr heben können. Nachher essen sie bei mir zu Mittag,
ziehen ihre Handschuh wieder an, gehen nach Cincinnati zurück und
schreiben Bücher über Amerika.«
»Apropos, was ich Sie fragen wollte« rief da Hopfgarten, »Sie haben doch
freie Jagd hier überall -- schießen Sie viel?«
»Schießen? -- ich möchte wissen was« sagte der Bauer -- »es giebt ja
hier Nichts wie so eine kleine Art Rebhühner, ein Bischen größer wie bei
uns die Wachteln, und Kaninchen und Eichkätzchen. Die Eichkätzchen thun
im Felde viel Schaden und hinter die machen wir manchmal Feuer, und die
Rebhühner fangen wir im Winter in Schneehauben, wie wir's in Deutschland
manchmal heimlich gemacht haben; sonst sollte Einer schöne Zeit versäumen,
wenn er mit der Flinte draußen herumliefe und meinen Jungen mache ich
das schon gar nicht weiß. Ein Bauer der auf die Jagd geht ist immer
schon ein halber Lump.«
Hopfgarten mußte noch die neuaufgeführten und in der That trefflich
gebauten Scheunen und Ställe bewundern, wohin ihn Rohrberger »den
nächsten Weg« über eine frisch geackerte Stürze führte, damit der Fremde
doch auch sähe was er für wackere Pferde hätte, und wie brav seine
Jungen ackerten, dachte aber dann auch wieder an den Aufbruch, um noch
mehr vom inneren Land zu sehn, und seinen Ritt so auszudehnen, daß er
wenigstens erst gegen Abend nach Cincinnati zurück kam.
Als er seinen freundlichen Wirthen für ihre Gastfreundschaft gedankt
hatte, und in der Thür von ihnen Abschied nahm, kam auch die Alte
hinter dem Spinnrad vor, gab ihm die Hand, sah ihm eine Weile scharf
und forschend in's Gesicht und sagte dann:
»Ihr seid wohl nicht in der Gegend von Sohlfeld zu Hause?«
»Nein liebe Frau, ich weiß nicht einmal wo der Ort liegt.«
»Seid auch in Muschenberge nicht bekannt?«
»Auch nicht im mindesten.«
»Hm, hm« murmelte die Frau vor sich hin und humpelte langsam, ohne
weiter ein Wort zu sagen, zu ihrem Spinnrad zurück.
Der Junge hatte »Bless« indessen wieder vorgeführt, und Rohrberger gab
dem Fremden die Richtung an, die er am bequemsten nehmen könnte einen
hübschen Ritt zu machen, und doch zu Abend wieder in der Stadt zu sein.
Dort würde er auch unterwegs noch eine Menge deutsche Farmen und Gärten
finden, und »wenn er sein Pferd am sieben Meilen-Haus vorbeibrächte« wo
er aber wahrscheinlich wieder auf kurze Zeit halten müßte, des Braunen
wegen, sollte er auf der nächsten Farm die rechts am Wege läge
einsprechen.
Hopfgarten grüßte noch einmal freundlich zurück, und sprengte dann rasch
auf seinem jetzt vollkommen zufrieden gestellten Braunen, die Straße
hinauf.
Capitel 8.
Professor Lobenstein als Farmer.
Herr von Hopfgarten fühlte sich nur halb befriedigt durch seinen Ritt.
Das Land selber ließ allerdings nichts zu wünschen übrig, und war in
einer Art cultivirt die er »soweit westlich« wirklich kaum für möglich
gehalten hatte. Reges Leben herrschte dabei auf den Straßen, Fuhrwerke
gingen nach allen Richtungen, überall waren Bauten im Werk, wurden
Schienenwege gelegt, das Land auch vom Strome ab in seinen Hauptplätzen
mit einander zu verbinden, und ein rastlos thätiges Leben herrschte
wohin das Auge traf, aber von Romantik war auch keine Spur dabei zu
finden. Alles ging seinen festen praktischen Gang, Hals über Kopf zwar,
aber in gleichen Bahnen fort, als ob das ganze Amerika schon ein
einziger Schienenweg geworden, und selbst die Gespräche der verschiedenen
Leute mit denen er verkehrte, drehten sich um Nichts anderes als Handel
und Geschäfte, Preise der verschiedenen Produkte, Eisenbahnaktien, und
wo wirklich einmal irgend etwas Außerordentliches, Außergewöhnliches
geschehen war, so wurde der »ferne Westen« als der Ort genannt.
Der _Westen_ genirte ihn überhaupt; nach der Landkarte hatte er sich
schon Cincinnati als einen ungemein _westlich_ gelegenen Punkt gedacht,
einen Binnenort Amerikas, der gewissermaßen schon den Charakter der
Backwoods vertreten müsse; hier angelangt fand er aber zu seinem
Erstaunen, daß von _backwoods_, wie die Wälder des Westens genannt
werden, auch nicht die Spur mehr zu finden sei, und selbst da wo noch
Wald existirte, kleine Farmen überall hindurchgestreut lagen, und Wege
ihn überall durchkreuzten.
Weiter _westlich_ beschloß er also zu ziehen; der Osten interessirte ihn
nicht weiter, denn um große Cultur aufzusuchen war er nicht nach Amerika
gekommen; ihm lag daran, die noch wenig civilisirten Stellen kennen zu
lernen, er wollte _das_ Amerika aufsuchen das _er_ sich gedacht, und das
fand er in und um Cincinnati und überhaupt in einem Staat nicht, wo die
Cultur schon solche Fortschritte gemacht, daß es wirklich nur noch der
schon fast beendeten Eisenbahnen bedurfte, sie vollkommen zu nennen.
Hierbei so wenig als möglich Zeit zu versäumen, beschloß er nach
Lobensteins Farm zurückzukehren, dort seinen Koffer zu lassen den er
sich, in New-Orleans wieder angekommen, jede Woche konnte nachschicken
lassen, und nur seinen Reisesack mit auf die nächste Wanderung zu
nehmen, wodurch er in den Stand gesetzt wurde im Wald zu Wagen oder auch
zu Pferd, ja wenn es möglich war in einem _Canoe_ seine Reise,
unbehindert durch Gepäck, fortzusetzen.
Einmal einen Entschluß gefaßt, und der kleine energische Mann ließ mit
der Ausführung auch nicht lange auf sich warten; Dampfboote, den Strom
hinunter, gingen jetzt an jedem Tage fünf oder sechs ab, und eins
derselben benutzend, landete ihn dieses bald wieder am Fuß des
Grahamstown Werftes, das noch eben so still und öde in der Sonne lag,
als an dem Tag wo sie es zuerst betreten.
Ezra Ludkins war aber nicht zu Hause, sondern wie man ihm eben sagte,
nach St. Louis in Geschäften gegangen, er hielt sich auch deshalb gar
nicht in der Stadt auf, sondern miethete nur ein Pferd, das ihn selber
trug, wie einen Mann, der ihm sein Gepäck nach »Lobensteins« -- oder wie
sie den Platz hier schon nannten, der »deutschen Farm« hinausschaffen
sollte, und galopirte bald darauf die ihm wohlbekannte Straße entlang,
sein Ziel noch vor Sonnenuntergang zu erreichen.
Er fand Lobenstein's auf ihrem neuen Besitzthum, und wurde von ihnen mit
einer Herzlichkeit begrüßt, als ob er selber mit zur Familie gehörte.
Sie hatten sich hier schon so gut eingerichtet, wie das eben in der
kurzen Zeit möglich gewesen; aber das Innere des Hauses, mit seinen
kahlen, rohbehauenen Balken, der unbedeckte Erdboden, nur theilweise
mit Stücken alten Teppichs belegt, die zum Umpacken gedient hatten, die
noch zur Hälfte ungeöffneten Kisten, die in dem anderen Gebäude nicht
hatten sämmtlich untergebracht werden können, und hier zum Theil mit zu
Bettstellen benutzt wurden, sahen keineswegs wohnlich und behaglich aus.
Dazu paßte der schöne Mahagony-Flügel ebenfalls nicht, der mit den
Messing-Rollen in die Erde hineingegraben in der einen Ecke stand, und
den knappen Raum der Wohnung nur noch mehr beengte; aber man hatte ihn
nirgends anders trocken unterbringen können, und seine obere Decke mußte
jetzt, wo an _Spielen_ doch nicht gedacht werden konnte, zum Sammelplatz
aller leichteren, Raum wegnehmenden Dinge, wie Hutschachteln etc. dienen,
von denen ein ganzer Berg auf ihn gehäuft war.
Mit den Arbeiten ging es dagegen, wie ihn der Professor versicherte,
rüstig vorwärts; er hatte außer der Weberfamilie noch acht eben von
»drüben herüber« gekommene Deutsche gemiethet, ihm die nöthige
Einrichtung, den nächsten Hausbau wie das Bestellen der Felder beenden
zu helfen -- die Leute campirten jetzt alle zusammen mit in der Hütte
des Webers, dessen Frau für sie kochte -- und nur das eine vermißte er
bis jetzt noch, daß er kein deutsches Dienstmädchen bekommen konnte,
ihnen in den Hausarbeiten, die meistentheils auf den Töchtern lasteten,
beizustehn. Mit den Amerikanerinnen war Nichts anzufangen, sie machten
enorme Forderungen und wollten Nichts arbeiten, und der Professor
äußerte sich, daß er gesonnen sei in nächster Woche selber nach
Cincinnati zu fahren, um sich von dort ein paar Dienstboten zu holen.
Wenn er das vorhergewußt, hätte ihnen Herr von Hopfgarten gleich eine
oder zwei von dort mitbringen können.
»Aber des Webers Frau?« --
»Lieber Gott, die hatte jetzt alle Hände voll mit Kochen und Waschen zu
thun.«
»Und wo war Eduard?« Hopfgarten hatte ihn noch nicht gesehn.
»Eduard -- oh, der fühlte sich ganz glücklich in diesem neuen Leben und
hatte, das Land und die Umgegend ein wenig kennen zu lernen, die
Doppelflinte und Botanisirtrommel auf den Rücken genommen, und war schon
seit zwei Tagen 'im Innern', mußte aber jetzt jeden Augenblick
zurückkommen.«
Dem Professor gefiel es ungemein hier, wo er ein ganz neues frisches
Feld für seine Thätigkeit gewonnen, und in Stand gesetzt war, das, was er
bis dahin in Deutschland nur theoretisch betrieben, endlich einmal im
praktischen Leben ausführen zu können. Er versprach sich dabei
Außerordentliches von den hier neueinzuführenden Systemen, mit denen er
den Amerikanern, die nur so oberflächlich in's Blaue hineinarbeiteten,
einmal beweisen wollte wie man eine solche Farm, nach allen Zweigen und
Richtungen hin, ausbeuten und verwerthen könne. Er hatte großartige
Pläne in dieser Mannigfaltigkeit, über die er sich aber jetzt noch nicht
näher auslassen und Herrn von Hopfgarten damit überraschen wollte, wenn
derselbe sie im nächsten Sommer, wie er das fest versprochen, wieder
besuchen würde. Bis dahin mußte schon viel in Angriff genommen und
geschehn sein.
Die Frau Professorin war leidend; sie hatte sich in dem ungewohnt
luftigen Aufenthalt sehr erkältet. Dazu war der Ärger mit einem
kürzlich in's Haus genommenen und gleich wieder fortgeschickten
Amerikanischen Mädchen gekommen, dessen Eltern sich jetzt gekränkt
glaubten, und dem Vater schon einige unangenehme Auftritte gemacht
hatten; sie hütete deshalb das Bett, um sich in dem jetzt eintretenden
kälteren Wetter keinem Rückfall auszusetzen.
Hopfgarten beabsichtigte, als er Cincinnati verließ, ein paar Tage bei
Lobensteins zuzubringen, ehe er seine Reise fortsetze; er hatte die
Familie lieb gewonnen, und nahm wirklich Theil an ihrem Wohlergehn. Wie
er aber jetzt hier die Zustände fand, mit kaum Platz für sich selber
die Nacht zu schlafen, hielt er es doch für besser schon am andern Tag
wieder aufzubrechen, und seinen Besuch lieber das nächste Mal, wenn sie
vollständig eingerichtet sein würden, länger auszudehnen.
Zu gleicher Zeit konnte er sich aber auch eines unbehaglichen Gefühles,
dem er trotzdem keinen rechten Ausdruck zu geben wußte, nicht erwehren;
die ganze Art, wie der Professor seine Ansiedlung in Angriff nahm,
schien ihm nicht die rechte; die vielen _deutschen_ Arbeiter, die so
wenig von der hiesigen Art zu bauen und Feld zu bestellen wußten, und
nebenbei ein schmähliges Geld kosten mußten; die _vielen_ Pläne, die der
gewiß sehr gelehrte, aber vielleicht gar nicht so praktische Mann auf
einmal hatte; das Spatzierengehn des Sohnes selbst, eine Kleinigkeit an
und für sich, aber doch von Bedeutung hier, wo es im Hause eben noch
_Alles_ zu thun gab -- er sträubte sich gegen das Gefühl so viel er
konnte, aber es war ihm immer als ob da nicht Alles so in Ordnung sei,
wie z.B. bei dem deutschen Bauer Rohrberger, den er bei Cincinnati
getroffen, und konnte nur jetzt hoffen daß er sich irre, und Professor
Lobenstein die Sache viel besser verstehe als er es ihm, wenn er recht
aufrichtig sein wollte, zutraute.
Nur Marie war heiter wie immer, lachte über die Masse von kleinen
Unbequemlichkeiten die sie auszustehen hatten, und freute sich wie ein
Kind auf die nächste Zeit, wo ihre Hühnerzucht heranwachsen und ihr
Garten erst in Ordnung sein würde. Bis dahin hatte sie freilich noch
ein wenig zu thun; aber der nächste Sommer mußte das, nach Vaters
Versicherung, auch Alles beendet sehn. Wenn nur erst einmal das Haus
stand, denn das war für jetzt die Hauptsache, und in der That auch der
Punkt, um den sich jede weitere Hoffnung für Bequemlichkeit und
Wohnlichkeit drehen mußte.
Marie hatte übrigens, trotz all dem Wirwarrr in dem sie Hopfgarten
antraf, doch Zeit gefunden den versprochenen Brief an Clara Henkel
zu schreiben. Eine nähere Adresse wußte sie freilich nicht darauf
anzugeben, als das St. Charles Hotel, das Henkel selber dem Professor
als sein nächstes Domicil, bis er eine eigene Wohnung würde in Stand
gesetzt haben, bezeichnet hatte; das genügte aber auch, und war er
von da wirklich schon ausgezogen, so konnte er weiter erfragt werden.
Überhaupt mußte ja auch die Firma selber leicht aufgefunden werden
können.
Übrigens wünschte Hopfgarten die Reise nach St. Louis nicht gern,
wie er gekommen, zu Wasser fortzusetzen; es lag darin etwas gar zu
monotones, und er bekam auch auf die Weise das Land wirklich gar nicht
zu sehen; aber wie das anders anfangen? Reiten sagte seiner Constitution
nicht besonders zu; er hatte sich an dem einen Tag bei Cincinnati schon
einen solchen Denkzettel im Sattel geholt, daß er drei Tage danach nicht
ordentlich gehen konnte, und war deshalb auch nicht im Stande eine
längere Tour auszuhalten -- zu Fuß wäre noch viel weniger möglich
gewesen und Eisenbahnen existirten noch nicht; was nun anfangen? -- Der
Professor erzählte ihm da, daß er unter anderen Annehmlichkeiten seines
Platzes auch die hätte rühmen hören, in kaum fünf Meilen von der Farm
eine nach St. Louis vorbeigehende Postverbindung zu haben, die eben all
die kleinen, im Inneren liegenden Orte berührte, und eigentlich nach
Vincennes am Wabasch bestimmt schien, von wo aus sie dann weiter durch
Illinois, gerade West nach St. Louis lief, und auch wohl, wenn er nicht
sehr irre, schon theilweise mit einer Eisenbahn in Verbindung stand.
Hier war eine Aushülfe, auf einer Amerikanischen Post zu fahren überdieß
schon etwas Neues und Interessantes, und ging dieselbe vielleicht gar
mehrmals die Woche, konnte man auch leicht an einem, des Bleibens
werthen Platz ein paar Tage anhalten, von da kleine Ausflüge in die
Nachbarschaft machen, und mit der nächsten Post weiter fahren. Die
nächste Post_station_ war also Hollowfield, etwa fünf Meilen von
Lobensteins Farm gelegen; die Postkutsche selber lief, als Speculation
eines Privatunternehmers, von irgend einer kleinen Stadt am Ohio nach
Vincennes hinauf, wo sie mit der Vereinigten Staaten Post, die von
Cincinnati nach St. Louis ging, zusammentraf und wieder zurück fuhr,
während die letztere die mitgekommenen Passagiere weiter zu befördern
hatte. Sein Koffer konnte indeß, wie er sich das auch gedacht, hier
stehen bleiben bis er selber wieder in New-Orleans angekommen war, die
nothwendigsten Sachen hatte er auch schon in einen Reisesack gepackt,
und der Professor, der ihn unter den jetzigen Umständen gar nicht
nöthigen konnte länger bei ihm zu bleiben, versprach ihm am nächsten
Morgen zwei Pferde mit einem Mann zu besorgen, der ihn, nebst seinem
Reisesack sicher nach Hollowfield geleiten konnte.
Als Hopfgarten am nächsten Morgen nach eingenommenem Kaffee die Farm
verließ, sah er die Deutschen draußen beschäftigt theils im Wald
abgesägte Stämme mit Ochsen herbeizuschaffen, theils schon hergebrachte
zu behauen. Er blieb, bis die Pferde gebracht wurden, bei ihnen stehn
und schaute ihnen zu, aber Alles was sie anfaßten ging ihnen nur langsam
von Händen; sie arbeiteten, wie es schien, sehr akkurat, aber mit keiner
Idee von dem Werth der Zeit hier in Amerika. Es waren Tagelöhner, die
nur eben auf anständige Weise ihren Tag von Mahlzeit zu Mahlzeit
durchzuschleppen hatten, und jede Anstrengung, die sie dabei ihrem
Körper ersparen konnten, galt natürlich für reinen Gewinnst; daß der
Professor ihnen dabei ihren _vollen_ Lohn bezahlte, verstand sich von
selbst.
Der Weber, als auf dem Schiff gelernter Zimmermann, hatte die Leitung
des Ganzen überkommen und that allerdings sein Möglichstes; der
Professor hielt mit Recht große Stücken auf ihn. Dem Weber waren aber
auch im Anfang die vielen verschiedenen Arbeiter nicht recht gewesen,
die Einem ja, seiner Äußerung nach, »die Haare vom Kopf fräßen« -- wann
hätte aber da das Haus fertig werden sollen? --
Als Hopfgarten endlich im Sattel saß, und sein Führer den Eingang zur
Fenz niedergelegt hatte, daß die Reiter hinauskonnten, standen
Lobensteins in der Thür ihres Hauses, und winkten ihm noch ein letztes
Lebewohl nach. Marie war schon an der Arbeit gewesen und stand
hochaufgeschürzt, mit aufgestreiften Ärmeln, neben dem kleinen Viehhof
in dem ihre Melkkühe eingesperrt waren.
»Und grüßen Sie mir Clara viel tausendmal!« rief sie ihm nach.
»Und sie soll recht, recht bald schreiben,« bat Anna noch.
»Ich werde Alles bestellen,« winkte Hopfgarten zurück, schwenkte noch
einmal den Hut gegen sie, und galopirte dann, seinem Thiere die Sporen
eindrückend, rasch den schmalen Weg entlang, der gen Hollowfield führte.
* * * * *
Der Brief Mariens, den er in seiner Brieftasche für Clara mit sich trug,
lautete:
»Meine liebe gute Clara!«
»Wenn Dich diese Zeilen erreichen, hast Du Dich hoffentlich ganz
wieder erholt, und bist wieder das frohe, heitere Wesen, das Du
warst, als wir zusammen das Schiff betraten.«
»Uns geht es hier recht gut; Vater hat eine Farm in Indiana, nur
einige englische Meilen von dem schönen Fluß Ohio gekauft, und
wenn wir uns auch jetzt noch ein wenig behelfen müssen, wird es
später desto freundlicher werden.«
»Früher hatten den Platz Amerikaner inne, aber Du glaubst gar
nicht, Clara, wie ihn die zugerichtet hatten; mit Körben und
Schaufeln haben wir den, überall in die Ecken gekehrten Schmutz
zum Hause hinaus und auf das Feld getragen, und unter dem Dach auf
den Queerbalken, wo einzelne Breter lagen, fanden wir den Staub
fingerdick und schon ganz hart geworden. Vater läßt aber jetzt ein
anderes bauen; von den Arbeitern, die wir angenommen haben ist
Einer Maurer, und will uns das Ganze ordentlich herstellen.«
»Wir besitzen jetzt schon zwei Pferde, vier Zugochsen, acht Kühe,
drei Kälber, elf Hühner und vier Truthühner; Anna, die das
Milchwesen überkommen, hat schon einmal gebuttert, und in vierzehn
Tagen denken wir unsere erste Butter nach der Stadt -- freilich
ein kleines erbärmliches Nest -- zu verkaufen. Wir haben zwar noch
eine andere Stadt, Hollowfield -- die erste heißt Grahamstown und
liegt am Ohio -- irgendwo im Lande drin in der Nähe, die wird aber
auch nicht besser sein als die erste, und der Weg dorthin soll
sehr schlecht sein. Wir arbeiten jetzt aber sehr viel; um fünf Uhr
wird aufgestanden, und da haben wir vollauf zu thun bis es dunkel
wird; ja die Tage vergehn uns dabei nur immer noch zu schnell.
Anna hat sich hier recht erholt und ist munterer als sie auf dem
Schiff war, auch Camilla wird dick und fett, und muß ebenfalls
schon mit zufassen, die Hühner füttern, in der Küche mit
aufwaschen helfen, und allerlei kleine Arbeiten thun. Wir haben
allerdings die Webersfamilie, die zufällig auf demselben Dampfboot
mit uns stromauf ging, in Dienst genommen, und auf ein Jahr
engagirt, und eigentlich sollte uns die Frau die Küche besorgen;
die hat aber jetzt so viel mit den Arbeitern zu thun, und mit
Scheuern und Waschen, daß sie noch nicht dazu kommt. Wenn wir nur
erst einmal weniger Arbeiter brauchen wird das schon besser
werden.«
»Eduard fühlt sich ganz glücklich hier; er ist jetzt auf einen
Entdeckungszug, wie er es nennt, in das Innere; wenn er aber
zurückkommt muß er auch tüchtig mit zufassen; denn faule Leute
können wir hier nicht brauchen -- hier muß Alles arbeiten.«
»Die Lage unserer Farm ist reizend; in einem kleinen Thalkessel,
von nicht sehr hohen aber dicht bewaldeten Hügeln umgeben, liegen
wir wie mitten in der Wildniß, und sind doch ganz dicht an
civilisirten Gegenden. Ein kleiner Bergbach mit klarem Wasser
läuft kaum zwanzig Schritt am Haus vorbei. In dem allerdings sehr
verwilderten Garten stehen dabei eine Menge junger Pfirsich- und
Quitten- und Apfelbäume, die einmal später gute Früchte tragen
werden, im Walde wachsen eine Unmasse wilder Brombeeren, und
überhaupt viele andere Fruchtbäume mit wildem Wein, die ich Dir in
meinem nächsten Briefe näher beschreiben werde, denn jetzt hab'
ich sie selber noch nicht aufsuchen können.«
»Mit unserem Englisch geht es noch sehr schwach, und die Nachbarn,
der Eine in Grahamstown ausgenommen der uns den Platz verkaufte
und ein Pennsylvanier ist, sprechen gar nichts Anders wie Englisch,
und wir radebrechen dabei schön mit ihnen herum; da wir aber
lauter deutsche Arbeiter haben, können wir das Englisch jetzt noch
eine Weile entbehren.«
»Mutter ist leider die letzten Tage unwohl gewesen und hat das
Bett hüten müssen; das ganz neue fremde Leben hat sie auch wohl
mehr angegriffen als uns, die wir noch jung sind und uns gerade
keine Sorgen machen. Im Anfang hat sie sogar immer verweinte Augen
gehabt -- wenn sie es auch vor uns verbergen wollte, wir haben es
doch gemerkt. Jetzt aber, da sie sieht daß es vorwärts geht,
findet sie sich schon besser hinein, und im nächsten Jahre wird
hoffentlich Alles gut sein.«
»Vater ist jetzt ganz glücklich; er ist von früh auf bei der Hand,
und zeichnet und mißt aus und ordnet an, und wenn er sich auch
manchmal mit den Leuten zankt, die Vieles nicht so machen wollen
wie er es für gut befindet, so bekommt ihm die kleine Aufregung
doch ganz gut, denn er wird dick und fett dabei, und sieht wohl
und munter aus.«
»Aber jetzt genug von uns; mich und uns Alle drückt die Sorge wie
es Dir in Deinem neuen Leben geht, mein Herz, und ob Du Dich von
Deiner Krankheit vollständig erholt. Herr von Hopfgarten, der Dir
viel von uns erzählen wird, hat uns freilich versprochen Dich
selber aufzusuchen, und uns genauen Bericht abzustatten, aber wir
möchten auch von Dir selber es schriftlich sehn daß es Dir gut
geht, bis Dein lieber Mann sein Wort hält, und Dich zu uns bringt.
Wir freuen uns unendlich darauf, und bis dahin sind wir auch schon
besser eingerichtet als jetzt. Unsere Adresse schreibe ich Dir
hier unten ganz genau. Wie geht es denn Hedwig, ist sie froh und
gesund?« --
»Doch ich muß jetzt schließen, draußen kommen die Leute mit der
einen Kuh, die uns fortgelaufen war, und nach der sie schon den
ganzen Tag gesucht haben, in der Küche ist auch so viel zu thun,
daß ich nicht länger hier sitzen darf; ich wollte Dich nur
wenigstens wissen lassen wie es uns geht. So lebe recht wohl,
grüße Deinen lieben Mann und Hedwig recht freundlich von uns
Allen, wie mir auch Alle für Dich viel tausend Grüße aufgetragen
haben, und gedenke manchmal freundlich