Illustrirt von Carl Reinhardt.
Vierter Band.
Leipzig,
Hermann Costenoble,
Verlagsbuchhandlung
Berlin,
Rudolph Gaertner,
Amelang'sche Sort.-Buchhandlung.
1855.
Inhalt des vierten Bandes.
1. Die Fahrt durch Arkansas 1
2. Die Gräfin Olnitzka 50
3. Der alte Herr Hamann 86
4. Verschiedene Beschäftigungen 117
5. Literarische Bekanntschaften 144
6. Der Feuermann 171
7. Die Deutschen in Cincinnati 197
8. Professor Lobenstein als Farmer 233
9. Herrn von Hopfgartens Abenteuer 247
Capitel 1.
Die Fahrt durch Arkansas.
Den Mississippi hinauf brauste das kleine, aber tüchtige Dampfboot
_Little Rock_, nach Fort Smith, dem Grenzort des Indianischen
Territoriums bestimmt, aber auch an allen Zwischenorten, wo eben
Passagiere aussteigen oder an Bord kommen wollten, oder wohin Fracht
von New-Orleans aus eingeladen war, anlegend.
Passagiere hatte es aber nicht sehr viele an Bord, denn der große
Menschenstrom der Einwanderung geht vorzugsweise den Mississippi hinauf
bis St. Louis und zu den nördlicher gelegenen Staaten, Iowa oder
Wisconsin, oder den Ohio hinauf, wohin wir der Jane Wilmington mit
unseren Bekannten gefolgt waren. Den Arkansas aufwärts war der Zug der
Einwanderung noch nicht so stark, denn die Fremden fürchteten die kalten
Fieber, die in den östlichen Theilen des Staates herrschen, und scheuen
sich ebenso sehr nach dem Westen zu gehen, den ihre Phantasie nicht
selten auf viel zu poetische Weise mit Bären, Panthern und Gott weiß was
sonst noch für reißenden Thieren bevölkert.
Nichts destoweniger haben die dort gelegenen Städte zum Theil schon
recht wackere Fortschritte gemacht, und blühen und gedeihen in dem
jungen Land, das Fruchtboden aufzuweisen hat, wie kaum ein anderer
Staat der Union, und in seinen westlichen Bergen dabei so gesunde und
trefflich gelegene, überall von schönen Strömen durchzogene Flächen
bietet, wie es der Farmer nur wünschen kann. Freilich war es noch wild
in dem Squatterstaat, noch entsetzlich wild, und als der Little Rock,
der nach der Hauptstadt von Arkansas seinen Namen bekommen, und auch in
der That einem Kaufmann dort gehörte, den lebendigeren Mississippi
verließ, und bei dem kleinen Städtchen Napoleon links in die Mündung des
Arkansas selber einbog, schien Wald, endloser Wald die Ufer zu decken,
aus denen nur hie und da kleine urbar gemachte, oder von den Holzhauern
gelichtete Waldblößen die Wildniß nicht etwa unterbrachen, sondern nur
die Färbung derselben in etwas veränderten. Dicht und unmittelbar
dahinter nahm sie wieder ihre dunklen Schatten an, und die mit wehenden
Schlingpflanzen in schwingenden Festons behangenen Zweige streckten sich
oft weit über das Ufer und den daran hinschäumenden Strom hinaus.
Breite, helle Sandbänke füllten dabei die äußeren Biegungen des in
dieser Jahreszeit ziemlich niedrigen Stromes, auf denen Schwärme von
Wildenten und Gänsen saßen, beim Nahen des heranbrausenden Bootes die
langen dunklen Hälse hoch emporreckten, mit den Flügeln schlugen, und
dann aufstrichen in ihren schnurgeraden Reihen, bis sich der Führer hoch
oben in blauer Luft seinen Zug keilförmig ordnete, und queer über den
Wald weg hielt, einem stilleren Sumpf oder Binnensee zu.
Überall ragten hier häßliche _snags_ und _sawyers_ (in Sand oder Schlamm
unten festsitzende Stämme und Äste) aus der Fluth empor, den Lootsen in
dem nicht so breiten Fahrwasser zu doppelter Vorsicht mahnend, und
auch die Ufer dieses Stromes, wie die des Mississippi, verriethen die
Verheerungen, die er hier angerichtet am bewaldeten Ufer. Ganze Strecken
der hohen, aus dem herrlichsten Fruchtboden bestehenden Bänke waren
unterwühlt, hunderte von mächtigen Stämmen hineingerissen in die um ihre
Äste jetzt quirlende Fluth, und wieder und wieder bohrte und wusch die
Strömung unter den schon halb blos gelegten Wurzeln der nächsten Bäume,
auch sie nachzuholen in ihre gelben Strudel.
Sycamoren, Baumwollenholzbäume, Eschen und Cypressen, mit stämmigen
Weiden am unmittelbaren Ufer, der Unterwald, wie am Mississippi, oft von
dichten fast undurchdringlichen Schilfbrüchen gefüllt, bilden die
Vegetation des Flußlandes, wenigstens die, die vom Fluß selber aus dem
Vorbeifahrenden sichtbar ist, und hier allerdings schleicht der scheue
Panther Nachts zum Strome nieder, seinen Durst zu löschen, oder dem
schlanken Hirsch aufzulauern, der das Wasser des Arkansas, seines
Salzgehaltes wegen, eifrig sucht; in diesen Schilfbrüchen schlägt sich
der Amerikanische gelbnasige Bär sein Lager zurecht, mit den Tatzen, der
wilde Truthahn bäumt in die hohen Baumwollenholzstämme, und sucht von
deren Gipfel aus mit schwerem, leicht ermattetem Flug das andere Ufer zu
erreichen, und das Catamount, ein Mittelding zwischen Panther und wilder
Katze, duckt sich dicht am Ufer in stiller Nacht, als es das Dampfboot
mit den regelmäßig klappenden Radschlägen und dem scharfen Keuchen
stromauf arbeiten hört, und flieht mit flüchtigen Sätzen die steile
Uferbank hinan, als die gegen das Land geworfenen Wellen nach ihm
aufspritzen und züngeln.
Es ist ein wunderbares, nicht zu beschreibendes Gefühl, auf raschem Boot
zwischen diesen stillen rauschenden Wäldern dahinzugleiten, und füllt
die Brust des Fremden besonders, dessen Blick vergebens in des Waldes
Tiefe einzudringen sucht, mit einem halb zagenden Verlangen jene Wildniß
zu betreten. Wie die Wipfel so leise flüstern und so geheimnißvoll, und
im Winde schwanken, herüber und hinüber, und ihren duftigen Schleier über
das zitternde Dunkel des Urwaldes breiten -- wie es da drinnen knarrt und
stöhnt und seufzt, und hindurch schleicht, durch das gelbe, Jahre und
Jahre lang aufgehäufte gelbe Laub mit leisem, scheuem Schritt, und in
den Blättern raschelt, und durch die Büsche hin. -- Hui -- vorbei -- was
war das? -- wie ein Phantom glitts an dem Rand der Waldung hin, und ein
paar glühende Augen blitzten einen Moment von dort herüber. Ein Wolf?
-- vielleicht; die schwarzen tückischen, mordlustigen Burschen haben dort
ihren Tummelplatz, und wenn die Nacht kommt, tönt noch der wunderbar
klagende, unheimlich hohle Laut der Eule von dort heraus, mit dem
neckenden Schrei der Nachtschwalbe,[1] die den Gespielen ruft -- »_whip
poor will_ -- _whip poor will_.«
Der schöne -- wunderschöne Wald -- aber er bleibt Dir ein _verschlossenes_
Heiligthum, wenn Du nicht kühn und keck vom Boote springst, mit starken
Armen die Büsche theilst und den heiligen Boden betrittst, der Gottes
Tempel ist, und seine hohen mächtigen Säulen trägt. -- Nur sein Athmen
hörst Du, wenn Du an der Pforte stehst, die Dir die Arme trotzdem weit
und gastlich entgegen breitet, das stille Rauschen seiner dunklen Wipfel,
und sie grüßen Dich wohl und nicken Dir zu, wie man den Fremden grüßt,
den man auf der Straße trifft, aber der liebende Ton ist es nicht, mit
dem sie den _Freund_, der ihrem Schutz vertraut, das Schlummerlied
flüstern -- leise, leise, daß es ihn nicht stört, und ihm die
Mondesstrahlen von den Augen halten.
»Oh wie großartig -- oh wie herrlich!« seufzte eine entzückte weibliche
Stimme von den _guards_ des Dampfers aus, als dieser dicht an dem wilden
rauschenden Ufer vorüberbrauste -- »wer jetzt hinüber konnte -- dahinein,
die Wunder dieser düsteren, geheimnißvollen Welt zu erforschen!«
»Ja, Mosquitos und Holzböcke würden Sie genug finden, verehrtes
Fräulein,« sagte in diesem Augenblick eine Stimme, als Amalie von
Seebald, die ihren Gefühlen ganz unbewußt laute Worte gegeben, die Arme
fest an die Brust gepreßt, den Blick sehnsüchtig auf die rauschenden
Wipfel geheftet, auf der Gallerie der Damencajüte des Little Rock stand
und nach dem dunklen Wald hinüberschaute.
Fräulein von Seebald schaute überrascht empor, und sah eine kleine
untersetzte, in einen grauen Überrock geknüpfte und mit einem etwas
abgetragenen Strohhut bedeckte Menschengestalt dicht über sich auf dem
Radkasten stehen, die ein Tuch in der Hand hielt und im Begriff schien,
Jemandem, der noch etwas weiter oben am Ufer in einer kleinen, kaum
bemerkbaren Lichtung stand, zuzuwinken.
»Ungeheuer viel Mosquitos da drin,« sagte der kleine freundlich
aussehende Mann, »enorm viel, und Holzböcke? -- puh, ich bin einmal da
drin gewesen, gleich unter der Post Arkansas; Tschisus Etsch Dobbeljuw
Kreist, was für Holzböcke! wenn mich nicht ein Theil festhielt, hätte
mich der andere aus dem Bette gezogen, und am nächsten Morgen war meine
Haut wie ein Sieb, daß ich mich mit Baumharz ordentlich anstreichen
mußte, um nur nicht auszulaufen -- ist aber famoses Land da drinnen.«
»Sie sind hier bekannt?« frug Fräulein von Seebald mit mehr Interesse,
als sie sonst wohl an dem kleinen unscheinbaren Mann genommen
hätte -- »kennen das Land vielleicht und die Leute?«
»Kennen?« sagte der kleine sonderbare Fremde mit einem ungemein
selbstbewußten Lächeln, indem er als bildliche Darstellung seiner
Antwort seine rechte Rocktasche herausdrehte und gegen die Dame
hielt -- »kenne ich meine Tasche? -- ich bin Charley Fischer -- haben
Sie noch nicht von Charley Fischer in Little Rock gehört? wie? -- noch
nicht? -- bin schon zwölf Jahre hier im Lande und habe Little Rock
mit bauen helfen; war damals wirklich ein _little_ Rock,[2] ist aber
jetzt ein hiep bigger geworden.«
Fräulein von Seebald lächelte über die wunderliche Ausdrucksweise des
Mannes, es lag ihr aber daran die genaue Situation der Farm kennen zu
lernen, die dem Grafen Olnitzki gehörte und die, da sie gar nicht so
sehr weite Strecke von der Hauptstadt Little Rock entfernt sein sollte,
auch jedenfalls von dem Mann gekannt sein mußte.
»Dürfte ich Sie da vielleicht um eine Auskunft bitten über Jemand, der
in Ihrer Nähe wohnt? frug sie ihn, und erschrak fast, als der kleine
Fremde ganz zutraulich den kleinen Steg vom Radkasten nieder und zu ihr
auf die Gallerie kam. Sie machte dabei eine fast unwillkürliche Bewegung
zurück, und sah sich nach ihrer Cajütenthür um, Charley aber, der die
Bewegung falsch verstand, sagte freundlich:
»Hat Nichts zu sagen, mein Fräulein; ich darf überall hin, der Capitain
kennt mich und ist mein intimer Freund. Habe selber erst eine kleine
Reise nach Napoleon gemacht, um dort nach Sachen zu sehen, die für mich
von New-Orleans heraufkamen und mit denen das Boot nahe bei Napoleon
verunglückte, habe aber ziemlich Alles wieder bekommen und die ganze
Geschichte gleich selber mitgenommen. Und nach wem wollten Sie sich
erkundigen, wenn ich fragen darf?«
»Kennen Sie einen Graf Olnitzki, der in der Nähe der _Oakland grove_
eine Farm hat und dort ebenfalls schon mehre Jahre ansässig ist?«
»Graf Olnitzki -- Graf Olnitzki?« sagte Charley Fischer, wie er sich
selbst genannt hatte, sein Kinn dabei mit der rechten Hand streichend,
während er die linke tiefer und tiefer in die entsprechende Rocktasche
hineinbohrte -- »Graf Olnitzki -- den Namen habe ich doch oft genug
gehört; er muß auch schon einmal bei mir in Little Rock gewesen
sein -- was hat er denn nur da gewollt -- ich glaube irgend etwas zum
Verkauf gebracht?«
»Wahrscheinlich seine Produkte -- türkischen Weizen oder Baumwolle -- «
sagte Fräulein von Seebald.
»Ne, ne -- es war etwas anderes,« meinte Charley.
»Oder der Ertrag seiner Jagden -- Hirschhäute und Bärenschinken.« --
»Ne, ne,« beharrte der kleine Deutsche, »es war was ganz absonderliches;
Jemine noch einmal, daß ich mich jetzt nicht mehr darauf besinnen kann.«
»Aber das hat ja auch gar Nichts zu bedeuten. -- Sie kennen jedenfalls
die Lage und können mir sagen, wo ich vom Dampfboot abgehen muß den
Platz am leichtesten zu erreichen. Der Capitain meinte, ich würde bis
Little Rock mitfahren müssen.«
»Jedenfalls, jedenfalls,« sagte Charley schnell, »können dann bei mir
logiren, ich halte auch seit einiger Zeit ein Hotel; mein Bruder hält
zwar ebenfalls eins, und wir haben dadurch gewissermaßen eine Opposition
gegeneinander, aber die Opposition ist ja die Seele der Gesellschaft,
der Lebenstrieb, der unsere ganzen Staaten zusammenhält; was wären wir
hier alle mit einander ohne Opposition?«
»Aber ich gedenke mich gar nicht in Little Rock aufzuhalten,« sagte
Fräulein von Seebald ausweichend.
»Es wird aber wohl Abend werden bis wir hinkommen,« meinte Charley --
»doch das können Sie sich noch überlegen; hier haben Sie jedenfalls
meine Adresse.«
»Und welchen Weg schlage ich von Little Rock ein?« frug die junge Dame,
mit einer leicht dankenden Verbeugung die Karte nehmend -- »der Platz
liegt soviel ich weiß auf der anderen Seite des Stromes -- .«
»_Oakland grove?_ -- ja wohl, aber an der Straße -- prächtige Straße
dorthin -- ein Bischen naß, wenn's geregnet hat, aber sonst breit und
famos durch den Wald ausgeschlagen.«
»Und wann geht die Post dorthin ab?« frug Fräulein von Seebald.
»Die Post?« -- sagte Charley, sie rasch und erstaunt dabei ansehend,
setzte aber, sich besinnend, hinzu: »die _Brief_post meinen Sie? -- der
Mailrider[3] geht die Woche zweimal nach Batesville hinauf und kommt
zweimal wieder.«
»Und die Fahrpost?«
»Fahrpost, hahaha« -- lachte Charley, »die Bären und Panther würden
ungemein erstaunt sein, wenn sie einmal eine Fahrpost zwischen sich
durchrasseln hörten. Segne Ihre Seele, mein Fräulein, dahinein geht
keine Fahrpost. Nichts wie ein berittener Bote, und wenn Sie nach
Oakland Grove wollen, so müssen Sie entweder zu Fuß gehen oder reiten.
Ihr Gepäck können Sie indessen zu mir in's Haus stellen.«
»Das wäre ja schrecklich!« rief Fräulein von Seebald.
»Oh es steht dort ganz sicher,« sagte Charley.
»Nein ich meine den Weg zu Fuß oder zu Pferde zu machen; -- ich habe
noch nie auf einem Pferd gesessen.«
»Das ist ganz leicht,« sagte Charley, »der linke Fuß kommt in den
Steigbügel und das rechte Knie nehmen Sie, sehn Sie, _so_, -- über die
Knuppe hinauf, die an dem Damensattel sitzt, dann können Sie gar nicht
herunter fallen, und hängen oben wie eine Klette.«
»Und wie weit ist der Platz von Little Rock?«
»Oakland Grove?«
»Nein, wo Graf Olnitzki wohnt?«
»Ja das weiß ich wahrhaftig nicht genau,« sagte Charley achselzuckend,
»ich bin nach der Richtung hin noch gar nicht gekommen; aber dahin
müssen Sie sich doch einen Führer mit Pferden nehmen, und Ihr Herr
Gemahl -- Sie sind doch verheirathet, wenn ich fragen darf?«
Die Frage kam so plötzlich, daß Amalie von Seebald unwillkürlich darüber
erröthete, aber lächelnd antwortete:
»Nein; ich bin _nicht_ verheirathet.«
»Aber Sie haben doch jedenfalls Begleitung,« sagte Charley.
»Ich bin _ganz_ allein,« erwiederte die Dame.
»_Ganz_ allein? -- und wollen ganz allein in den Wald hinein?«
»Und warum nicht?«
»Nu hören Sie, das nehmen Sie mir nicht übel,« sagte Charley, freundlich
lächelnd, »das ist denn nun doch wohl blos Ihr Spaß?«
»Aber weshalb um Gottes Willen?« frug Fräulein von Seebald wirklich
beunruhigt über das ganze Wesen des Mannes -- »was kann mir denn im Wald
geschehn? Sind noch Indianer dort?«
»Indianer? -- nein; am Fluß lagern vielleicht welche, aber die stehn
unter Aufsicht und sind harmlos.«
»Oder wilde Thiere?«
»Nun ja, es giebt wohl Bären und Panther da, aber man hört doch selten
davon daß sie Jemanden angefallen haben.«
»Was sollte mich also sonst hindern?«
»Ih nun ja« sagte Herr Fischer -- »es ist wahr, es _ginge_ schon,
aber -- ich weiß doch nicht, ich möchte nicht alleine und ohne Gewehr
nach Oakland Grove und von da noch weiter in den Wald hinein gehn, und
ich bin doch nun schon zwölf Jahr in Arkansas. Überhaupt, es ist
nirgends besser wie in Little Rock; das ist ein capitaler Fleck und
sollte mich gar nicht wundern, wenn es einmal die erste Stadt in der
Union würde. Nachher ist aber Charley Fischer am Platz, denn ich habe
eine ganze Parthie Lots gekauft und die müssen einmal einen heillosen
Werth bekommen.«
»Aber es hat doch ungemein viel Romantisches, so allein durch den Wald
zu gehn« sagte Fräulein von Seebald.
»Romantisches, Du lieber Gott« erwiederte achselzuckend der kleine
praktische Mann, »das kauf ich nicht theuer, denn das bringt Nichts ein.
Habe schon mehre Leute hier gekannt -- auch deutsche junge nette Kerle,
die ihre Kräfte hätten an was Vernünftiges wenden können, die thaten
auch eben weiter gar Nichts als im Wald mit der Büchse allein herum zu
laufen, blos ein paar lumpiger Hirsche und des Bischens Romantik wegen.
Was ist nachher aus ihnen geworden? -- weiter hatten sie Nichts auf dem
Leib als ihr ledernes Jagdhemd und ihre Leggins, dabei Moccasins an den
Füßen und keinen Cent in der Tasche, ja nicht einmal eine Tasche an
sich, einen Cent hinein zu thun, wie vielleicht ihren Kugelbeutel, und
nachher brachten sie mit Mühe und Noth Felle genug zusammen um eben ihre
Passage auf einem Dampfboot zu bezahlen, wieder fortzukommen. Der Teufel
soll eine solche Romantik holen -- ne da lob' ich mir Little Rock.«
»Und Sie kennen den Grafen Olnitzki nicht persönlich? -- waren nie dort
in der Gegend?«
»Nein Madame -- mein Fräulein wollt' ich sagen, aber wissen Sie, mit dem
_Grafen_ hat es hier auch nicht viel zu bedeuten.«
»Wie so, geht es ihm schlecht?« frug Amalie rasch und erschreckt.
»Wem? dem Olnitzki? ja ich weiß nicht -- nein ich meine nur mit dem
Titel überhaupt. Wissen Sie, hier in Amerika sind wir alle gleich -- alle
freie Bürger, Einer soviel wie der andere, und wenn ich mich zum Spaß
Graf Charley Fischer nennen wollte, hätte auch Niemand etwas dawieder,
ich wäre eben Graf Charley Fischer, und wenn die Leute zu mir kämen und
ein Glas Brandy trinken wollten, würden sie mir wie jetzt auf die
Schultern schlagen und sagen: 'nu Graf Fischer, altes Haus, wie gehts,
_how do you_ thuts Euch?'«
»Ich glaube auch nicht daß Graf Olnitzki Anspruch auf eine höhere
Stellung macht« sagte Fräulein von Seebald.
»Ne, kann ich mir denken« sagte Charley freundlich, »würde ihm auch gar
Nichts helfen; besonders hier nicht in Arkansas. Wir haben hier übrigens
eine ganze Menge Polen; da ist der Graf Doraski am Red River und der
Graf Potelsk -- Podelscyk -- na wie heißt er denn gleich, verwünschte
Namen tragen die Polen manchmal, und die Amerikaner haben ganz recht
wenn sie meinen, man könnte sie nur aussprechen wenn man dreimal nießte
und dann _ski_ sagte -- na es ist einerlei wie er heißt. Sonderbar, von
Polen kommen blos lauter Grafen hier her, denn wenn man einen Polen
findet, kann man sich auch fest darauf verlassen daß es ein heimlicher
Graf ist; es muß ungeheuer viel Grafen dort im Lande geben.«
»Wie sind aber nur die Verhältnisse der Ansiedler hier in der Nähe von
Little Rock?« frug Fräulein von Seebald, die es drängte etwas Näheres
über die ihr am Herzen liegenden Menschen zu hören, »kommen sie manchmal,
an Sonntagen vielleicht, in die Stadt, zu Theatern oder Concerten? --
haben die Deutschen untereinander nicht Bälle oder andere Festlichkeiten,
bei denen sie sich zusammenfinden und vergnügt sind? das Waldleben denke
ich mir wundervoll, herrlich, aber das Schönste bedarf doch manchmal
einer Abwechslung.«
»Bälle? -- ja, die haben wir manchmal hier unter den Deutschen« lachte
Charley Fischer vergnügt vor sich hin, vielleicht in der Erinnerung
mancher dabei verlebter Stunden, »und amüsiren thun sie sich dabei im
Anfang und prügeln am Schluß, gerade wie bei uns zu Hause; aber wenn die
Farmer, besonders die, die so weit wegwohnen, dazu hereinkommen wollten,
da hätten sie viel zu thun. Die Männer ja, die reiten manchmal her,
stehen[4] auch wohl ein paar Tage und verthun was sie herein gebracht
haben an Produkten, manchmal auch noch das mit, was sie das nächste Mal
bringen wollen, aber die Frauen bleiben zu Hause und hüten das und ihre
Kinder, und haben dabei alle Hände voll zu thun.«
»Aber die Nachbarn kommen dann unter einander wahrscheinlich sehr häufig
zusammen.«
»Ja, wenn sie Nachbarn haben, die Nachbarschaft in Arkansas soll aber
der Henker holen,« sagte Charley -- »die nennen sich so und wenn sie
zwanzig Meilen von einander sitzen.«
»Das ist ein Beweis für ihre Geselligkeit« lächelte Fräulein von
Seebald.
»Ja schöne Geselligkeit, wenn Niemand dazwischen wohnt« meinte
Charley -- »ne, da lob' ich mir Little Rock; wenn mir da mein eigener
Brandy nicht mehr schmeckt, gehe ich um die Ecke herum zum Georg und
trinke da anderen, und alle Wochen kommen ein paar Dampfboote den Strom
herauf oder herunter, die auch Neues bringen, und wo man doch etwas zu
hören und zu sehn bekommt. S'ist ein ganz famoses Leben in Little Rock.«
Fräulein von Seebald fühlte sich, obgleich ihr der fremde Deutsche gar
nichts Direktes von den Ihrigen sagen konnte, und diese jedenfalls
in ganz andern Verhältnissen lebten wie er sie hier schilderte, doch
unangenehm berührt durch diese Beschreibung, sie wußte eigentlich selber
nicht recht weshalb. Es war ihr auch erwünscht daß die Unterhaltung
in diesem Augenblick durch die in der Cajüte geläutete Klingel, das
Zeichen zum Mittagstisch, abgebrochen wurde, und sie zog sich mit einer
leichten dankenden Verbeugung gegen Herrn Fischer, die dieser mit einem
freundlichen Kopfnicken erwiederte, in die _Ladies cabin_ zurück, dort
den Nachmittag hindurch ihren eignen Betrachtungen und Gedanken
nachzuhängen.
Das Boot setzte indessen rasch und wacker seinen Weg fort; die Scenerie
blieb dieselbe -- Wald -- endloser Wald an beiden Seiten, der sich
selbst bei kleinen einzeln zerstreuten Städten, die sie trafen, bis
dicht um diese her zu ziehen schien, als ob er wieder frisch aufgewachsen
sei, seit sie entstanden, und das Land zurück verlange, das sie ihm
abgedrängt.
Am nächsten Tag, gegen Abend, erreichten sie Little Rock, und die
breite, weit ausgehauene Lichtung verrieth schon von weitem eine größere
Ansiedlung, wie sie bis jetzt getroffen. Als sie näher kamen erkannten
sie große ansehnliche steinerne Gebäude, allerdings oft neben kleinen
modernen Holzhütten, und eine Dampffähre spielte über dem Strome nach
dem andern Ufer hinüber. Auch der Landungsplatz, gegen den sie jetzt
aufliefen, bot, wenn auch nicht mit New-Orleans zu vergleichen, doch das
belebte Bild einer größeren, geschäftigen Stadt, die hier im Herzen
eines sonst noch ziemlich wilden Staates entstanden; Karrenführer von
allen Farben drängten sich herbei Güter und Passagiergut fortzuführen,
sobald nur die Taue ausgeworfen und die Planken übergeschoben wären, und
eine Menge Ungeduldiger, wie auf allen Landungspunkten am ganzen Strom
hinab, warteten mit Sehnsucht auf den Augenblick, wo sie an Bord
springen konnten, Neues und Neuigkeiten in Empfang zu nehmen, oder
gegen die mageren Stadt-Berichte einzutauschen.
Fräulein von Seebald befand sich aber jetzt wirklich in Verlegenheit,
denn in der festen Überzeugung, und gar nichts anderes für möglich
haltend, als daß eine Post doch wenigstens die Woche ein paar Mal nach
jener Ansiedlung, auf der ihre Schwester wohnte, hinauf laufen müsse,
hatte sie ihr ganzes Gepäck, drei Koffer und mehre Hutschachteln mit
noch ein paar kleinen Kisten, die Geschenke für Schwester und Schwager
enthielten, mit an Bord des Dampfers genommen. Wie sollte sie die jetzt
mit fortbringen, in den Wald hinein? und fort mußten sie, denn sie
brauchte, wie sie meinte, dort Alles nothwendig was sie enthielten.
Charley Fischer half ihr da übrigens, als die Landung nur erst überstanden
und er alle seine tausend Freunde begrüßt und mit ihnen, wie er's
nannte, Hands geschäkt[5] hatte, aus der Noth, denn er war erstlich
nicht der Mann irgend Jemanden, aus dem er irgend einen Nutzen zu ziehen
hoffte, unbeachtet zu lassen, dann aber auch die gutmüthige Gefälligkeit
gegen Damen selber, und glaubte hier noch dazu das doppelte Interesse an
einer Reisegefährtin nehmen zu müssen. Kaum daher in die Stadt hinauf
gekommen, sah er sich auch schon, alles Übrige indeß hintansetzend, auf
das Eifrigste nach einer möglichen Gelegenheit nach _Oakland grove_ um,
wozu die Landung selber der beste Platz war, da dort fast alle Gastwirthe,
oder doch Leute von ihnen, bei der Ankunft eines Dampfers zusammen
kamen. Zufällig war in der That ein Geschirr -- freilich nur ein
gewöhnlicher Leiterwagen von Rosemores (einer Farm, die eine kleine
Strecke überhalb der _Oakland grove_ lag) in Little Rock, hatte Butter,
Eier, geräucherte Hirschkeulen und andere Produkte hereingebracht, und
nahm Mehl, Kaffee, Zucker, Brandy etc. etc., kurz Provisionen die dort
nicht zu bekommen waren, wieder mit hinaus. Der Fuhrmann wollte am
nächsten Morgen mit der ersten Fähre über den Strom gehen und, da er nur
halbe Ladung hatte mit Vergnügen gegen eine mäßige Entschädigung die
Sachen der Dame bis zu »_Billy Jones clearing_« mitnehmen, von wo aus
ein Fuß- oder Reitpfad nach _Old Nitzkys range_, wie der Mann den Namen
des Grafen Olnitzki mishandelte, hinüberlief. Wollte die Dame bis Billy
Jones mit auf seinem Wagen fahren, so war sie »_perfectly welcome_«, das
heißt: er stand ihr mit Freuden zu Diensten, und durch ein oder zwei
Arme voll Maishülsen ließ sich auch schon zur Noth ein ziemlich bequemer
Sitz herstellen.
Charley Fischer lief ungesäumt mit dieser »guten Nachricht« an Bord
zurück, wo Fräulein von Seebald eben in ziemlicher Ungewißheit war, ob
sie die Karte des Herrn Charley Fischer benutzen, oder ihr Gepäck in ein
anderes Gasthaus sollte schaffen lassen, dessen riesige Firma sie schon
über die Straße herüberleuchten sah. Des kleinen gefälligen Mannes
Erscheinen entschied dies zu seinem Gunsten, die Koffer und Kisten
wurden aufgeladen, und die junge Dame befand sich bald darauf in
einem kleinen kahlen unbehaglichen, nicht überreinlichen Gemach auf
Pinestreet, in dem sie jedoch bald von der freundlichen Wirthin selber
aufgesucht und unterstützt wurde ihre Toilette zur Abendtafel, die aus
einem recht guten compakten Mahl mit Thee bestand, vorzubereiten.
Charley Fischer hätte nun gar zu gern diese Gelegenheit benutzt, aus
seinem Gast alles nur Mögliche über ihre Lebensverhältnisse und besonders
den Zweck ihrer Reise heraus zu bekommen, denn daß eine junge Dame
eine solche Fahrt _allein_ unternommen, hatte jedenfalls auch etwas
ganz Absonderliches zu bedeuten. Nun sagte ihm Fräulein von Seebald
allerdings ganz einfach, daß sie nur nach Arkansas gekommen wäre ihre,
an den Grafen Olnitzki verheiratete Schwester zu besuchen, aber das
glaubte er ihr natürlich nicht, und suchte nun erst recht etwas
Geheimnißvolles unter dem Besuch. Je bereitwilliger und freigebiger er
dabei mit seiner eigenen Lebensgeschichte war, desto mehr verdroß es ihn
natürlich, wenn Andere nicht Gleiches mit Gleichem vergelten wollten.
Fräulein von Seebald war aber ermüdet von der Reise sowohl, als sie sich
auch angegriffen von der Aufregung der letzten Tage, dem erhofften
Wiedersehn entgegenharrend, fühlte, und suchte deshalb zeitig ihr Lager.
Charley Fischer versprach ihr übrigens sie wecken zu lassen, wo sie das
Frühstück bereit finden und immer noch zeitig genug zur ersten Fähre
kommen sollte. Der Fuhrmann hatte dabei zugesagt, bei seinem Hause, wo
er überdies seinen gewöhnlichen Morgentrunk nahm, vorzufahren, und eine
Versäumniß war deshalb gar nicht möglich.
Der Morgen kam; die Sachen wurden vor das Haus geschafft, die beiden
kleinen Kisten besonders mit wieder und wieder empfohlener Vorsicht, da
sie zerbrechliche Sachen enthielten, Fräulein von Seebald hatte ihre
Reisetoilette wie ihr Frühstück beendet, ihre nicht übermäßige Rechnung
bezahlt, ein Glas Brandy und Zucker, das ihr ihr freundlicher Wirth auf
das hartnäckigste gegen die rauhe Morgenluft aufzudringen suchte, wieder
und wieder verweigert, der Wagen kam, die Sachen wurden aufgeladen, und
Charley Fischer ließ es sich nicht nehmen Fräulein von Seebald seinen
Arm zu reichen und sie zur Fähre hinunter zu begleiten.
Allerdings hätten die beiden Figuren nach unseren deutschen Begriffen
vielleicht ein wenig wunderlich zusammen ausgesehen, und Fräulein von
Seebald selber fühlte sich auch so unbehaglich als möglich in der
Begleitung, die sie nicht gut verweigern konnte. Die Dame nämlich war
ganz modern, ja sogar modisch angezogen, mit einem hellen Kleid von
roher Seide, und feinem Strohhut, und einer dunkelrothen seidenen
Schärpe um, während Charley dagegen in einem etwas sehr kurzen und auch
nicht übermäßig reinen leinenen Röckchen prangte, unter dem ein paar
ebenfalls etwas kurze gestreifte wollene Hosen hervorsahen. Er trug
dabei Schuh und gelbwollene Strümpfe oder vielmehr Socken, die nicht
oben blieben wie er erklärte, er mochte dagegen thun was er wollte, und
der alte Strohhut deckte noch immer seinen Scheitel, wie auf dem Schiff;
nur ein reines gelb und roth gestreiftes Hemd hatte er heute Morgen
angezogen, und ein saftblaues seidenes Tuch darum geknüpft. In Amerika
fällt etwas derartiges aber nicht auf; man sieht sogar, selbst in den
größten Städten, die Damen sehr häufig an dem Arm eines Herrn, der in
kurzer weißleinener Jacke geht, in Sammet und Seide nebenher rauschen;
das Kleid macht dort nicht den Mann, sondern der Mann das Kleid.
Nichts destoweniger und trotz der frühen Morgenstunde war Fräulein von
Seebald fest davon überzeugt, daß die Augen sämmtlicher Einwohner
von Little Rock, an deren Fenstern sie vorüber gingen, in Spott und
Neugierde auf sie geheftet wären, und dankte ihrem Gott, als sie das
Fähr- oder Ferryboot endlich erreichten, wo sich Herr Charley Fischer
auf das Angelegentlichste von ihr verabschiedete, wie sie auch ersuchte,
ihn ihrer Frau Schwester, wenn auch unbekannter Weise, freundlichst zu
empfehlen.
Die kleine Fähre dampfte über den ziemlich breiten Strom, auf dem noch
der leichte Morgennebel in dünnen, hie und da von einem blitzenden
Sonnenstrahl getheilten Schwaden lag, und auch den gegenüberliegenden
Uferrand bedeckte. Nur eine Reihe niederer, hellangestrichener,
viereckiger Holzhäuser wurden da sichtbar, die mit riesigen Schilden
bedeckt, und wenn das möglich gewesen wäre, verunstaltet, den oberen
Rand der steilen Uferbank krönten, und wieder ihrerseits von den hohen
majestätischen Wipfeln riesiger Baumwollenholzbäume überragt wurden.
Diese kleine Stadt hier, die dem wachsenden Little Rock ihren Ursprung
verdankte, bestand fast einzig und allein aus Schenkständen -- sogenannten
»_groceries_ und _provision stores_,« in denen, neben allen möglichen
Lebensbedürfnissen, die spirituösen Getränke den Hauptbestandtheil
bildeten; aber sie sah neu und häßlich aus, wie eine Schachtel frisch
ausgepackter Nürnberger Spielwaaren in eine Reihe gestellt, über die der
darüber wohnende Urwald den Kopf schüttelte, und seufzend dabei den
Krebsschaden erkannte, der sich weiter und weiter in seine Seite fraß.
Fräulein von Seebald, von den Leuten an Bord neugierig betrachtet, die
eine einzelne und dabei so elegant gekleidete fremde Dame nicht so oft
und früh zwischen sich sahen, hüllte sich übrigens, ohne mit irgend
Jemand zu verkehren, fester in ihren Shawl -- die Morgenluft wehte
frisch und kühl über den Strom -- und schaute unverwandt nach dem andern
Ufer hinüber, dem sie rasch entgegenstrebten.
Ha, was war das? -- unten am Strand -- dicht unter der hohen steilen,
wohl sechzehn Fuß schroff emporsteigenden Lehmbank, und bis jetzt von
dem tief streichenden Nebel verdeckt, der sich, wie sie dem Lande näher
kamen, theilte, oder doch durchsichtiger wurde, breitete sich eine Scene
vor den erstaunten Blicken der jungen Dame aus, wie sie ihre kühnste,
romantische Phantasie nur im Stande gewesen wäre herauf zu beschwören.
»Indianer!« rief sie fast unwillkürlich laut aus, denn das ganze Ufer
dort war bedeckt, belebt von einem wilden Schwarm brauner, halbnackter
Gestalten, die theils unter niederen ledernen Zelten, theils nur an
kleinen Feuern campirt haben mußten. Pferde wieherten und galopirten am
Ufer hin, Kinder sprangen und jauchzten in und neben dem Wasser, an dem
sie badeten und spielten, Frauen kochten oder trugen Holz herbei, das
andere oben von der Uferbank herunter warfen, und die Männer saßen
theils still und theilnahmlos an den Feuern, ihre Pfeife rauchend, oder
standen am Ufer, die Ankunft des Dampfers zu erwarten.
»Leben hier noch Indianer?« frug Fräulein von Seebald erstaunt einen
der neben ihr stehenden Leute, der auf dem das Deck umschließende
Lattengitter lehnte, und ebenfalls nach den Eingeborenen hinüber
schaute.
»Nein, Madame!« sagte der Mann, ohne seine Stellung zu verändern, »Gott
sei Dank, daß wir die Rothfelle los sind; würden uns weiter Nichts als
Teufels-Eier in die Nester legen. Hole sie alle mit einander der Böse.«
»Aber was thuen diese hier?«
»Die da? -- die wandern aus -- das sind Seminolen, die Onkel Sam[6] nach
dem Territorium schickt, sich dort mit ihren Kameraden, den Creeks und
Cherokesen, den Chocktaws und Kickapuhs und wie sie alle heißen, so gut
zu vertragen wie sie eben können -- oder noch besser, sich einander die
Hälse abzuschneiden -- das Gescheuteste, was sie auf der Gottes Welt
thun könnten.«
»Sie lieben die Indianer nicht.«
»Ich? -- nein, da ist der Himmel mein Zeuge -- habe auch eben keine
Ursache dazu, und weniger Lust -- wenn ich etwas wüßte, die ganze Race
mit einem Schlag von der Erde zu vertilgen, ich thät's.«
Der Mann richtete sich dabei aus seiner Stellung auf und ging langsam an
die andere Seite des Decks, als ob er die rothen Männer nicht einmal
anschauen wollte, so lange er's verhindern konnte. Er sah dabei so
finster und erbittert aus, daß Fräulein von Seebald froh war, seiner
unheimlichen Gesellschaft bald enthoben zu sein.
Das Boot legte indessen an seinen gewöhnlichen Landungsplatze, einem
dort befestigten riesigen flachgedeckten Boote, auf das Geschirre und
Pferde leicht hinaus oder an Bord gebracht werden konnten, an, und die
Indianer, besonders die Kinder, halb scheu, halb neugierig den Platz
umdrängend, sammelten sich dort, die fremden weißen Männer und Frauen
aussteigen zu sehen. Die Kinder gingen fast sämmtlich nackt, die
Erwachsenen aber trugen ein Tuch um die Hüften, und meist ein ledernes
oder kattunenes Jagdhemd, die Haare dabei in einen Büschel gebunden,
Einzelne mit Zierrathen, zwei mit einer Adlerfeder darin. Nur die Frauen
hielten sich schüchtern zurück bei ihren Lagerfeuern, und schauten kaum um
nach dem rasch den Dampf auspuffenden Boot, oder den weißen Leuten -- sie
hatten davon genug gesehen, mehr als ihnen wohl lieb war, und waren von
ihnen aus der Heimath vertrieben und einem fremden unbekannten, kalten
Lande zugeführt -- wie konnten sie sich da an den verhaßten Wesen
freuen. Auch die Männer schauten still und finster drein, und wo sie
Einer der Weißen anredete, drehten sie sich mürrisch ab von ihnen und
schritten ihrem Lager wieder zu.
Es waren edle, kräftige Gestalten unter ihnen, Manche mit schweren, kaum
geheilten Wunden auf der breiten braunen Brust, und wacker schlugen sich
auch diese Krieger in ihrem Vaterland, jeden Fußbreit Boden den weißen
Eindringlingen mit Tomahawk und Büchse streitig machend; ja noch Jahre
lang würden die Bleichgesichter, die sie oft mit blutigen Köpfen
heimgeschickt und in deren Lager selbst sie so manche Nacht den
Schlachtschrei getragen und die nackte Brust keck und todtesmuthig den
Bayonetten entgegenwarfen, ihre Truppen vergebens gegen sie geführt
haben, hätten sie dem _Verrath_ so gut begegnen können wie der blanken
Waffe. Aber ihr Häuptling fiel -- der wackere Osceola, von den
Amerikanern gegen Krieg und Menschenrecht verrätherisch gefangen
genommen, wo er dem _Wort_ des weißen Mann's vertraut, starb elend im
Gefängniß -- andere Häuptlinge wurden übergekauft, und das Banner der
Staaten fügte einen blutigen Stern zu seinen weißen.
»Nun Madame, wenn Sie jetzt aufsteigen wollen,« unterbrach da der
Wagenführer, der sein Geschirr glücklich von Bord und über das Flatboot
weg auf festen Grund und Boden gebracht hatte, die Betrachtungen seiner
Reisegefährtin -- »die Pferde sind ausgeruht und können's schon ziehen,
und hier hinauf geht sich's doch schlecht für so zarte Füße.«
Fräulein von Seebald wäre gern noch länger hier geblieben, das Leben und
Treiben der Indianer mehr zu beobachten und sich vielleicht gar in ein
Gespräch mit ihnen einzulassen; gebrochen Englisch wenigstens sollten
doch Viele von ihnen sprechen. Aber allein ging das auch nicht an, und
dann schien auch der Wagenführer, der noch einen weiten Weg vor sich
hatte, keine große Lust zu haben länger zu warten. Sie mußte sich
deshalb wirklich nicht allein entschließen, den Platz zu verlassen, der
ihr zum ersten Mal in ihrem Leben eine Scene ächt wilder Romantik bot,
sondern auch auf höchst unromantische Weise, und noch dazu im Beisein
einer Masse fremder Menschen, die gewiß dabei ihren Spott über sie
hatten, auf einen ganz gewöhnlichen Rüstwagen hinaufklettern, und sich
dort in raschelnden Maishülsen, zu denen ihr ganzer Anzug auch nicht im
mindesten paßte, vergraben. Es kostete ihr der Entschluß in der That
eine Überwindung; aber trotz ihrem oft übertriebenen Hang zur
Schwärmerei hatte Amalie von Seebald, wie sie auch schon durch ihre
ganze Reise bewiesen, doch viel Charakterstärke, die, mit dem
Abenteuerlichen ihrer Situation, sie bald bewog sich über alles Andere
hinwegzusetzen.
Der Amerikaner brachte indessen, wie überhaupt keine Nation aufmerksamer
gegen Damen sein kann als diese, aus der nächsten _grocery_ einen Stuhl
heraus, daß sie bequemer auf den Wagen kommen konnte; lachend und
verschämt nahm dabei die Dame ihre Kleider zusammen, stieg auf den
Stuhl und schwang sich, von der breiten Hand des Wagenführers dabei
unterstützt, auf das Rad und von da in den Wagen, ein junger Bursche
trug den benutzten Stuhl in die _grocery_ zurück, der Amerikaner
klatschte mit der Peitsche, die Pferde zogen an, und neben hergehend,
bis sie die obere Bank erreicht hatten, fuhr das ziemlich schwerfällige
Geschirr, von den kräftigen Thieren gezogen, verhältnißmäßig rasch den
steilen Weg, der auf das obere Ufer führte, hinan. Die Indianer stießen
dabei einen gellenden Schrei aus, die Kinder jubelten, die Hunde bellten
und der Wagen rasselte, während der Mann selber im Fahren aufsprang und
sich neben die Dame in die Maishülsen setzte, den etwas holperigen
ausgefahrenen Weg rasch entlang.
Das kleine Nest von Wirthshäusern ließen sie dabei gleich zurück,
Lichtungen am Weg zeigten aber noch junge Farmen; sie fuhren eine
Strecke lang zwischen Fenzen hin, die erst kürzlich urbar gemachtes Land
umschlossen -- auch diese hörten endlich auf; hie und da lagen noch
dicht am Weg gefällte und zu Fenzstangen zerspaltete Stämme, dort waren
junge Bäume zu Feuerholz abgeschlagen, und jetzt zog sich die, wohl
breit ausgehauene, aber sonst sehr verwilderte und nur allein durch die
Axt hergestellte Straße, durch den finsteren dichten Urwald hin, der sie
in all seiner großartigen Majestät umfing.
So beengt und unbehaglich sich übrigens Fräulein von Seebald noch bei
dem ersten Besteigen des Wagens, und so lange sie die vielen fremden
Menschen um sich her wußte, gefühlt hatte, so wohl, so frei wurde ihr es
jetzt. Das Herz ging ihr auf, und wie die letzten Fenzen hinter ihr
verschwunden waren, wie jene mächtigen riesigen Bäume, die gerade zu
ihrer gewaltigsten Höhe in diesen Niederungen aufsteigen, ihre Stämme
wie gigantische Säulen um sie her emporreckten, und die prachtvollen
Wipfel schüttelten und mit ihnen rauschten und flüsterten, als ob der
Wald Leben gewonnen hätte; als sie die wunderlich geflochtenen und
verschlungenen Lianen in weiten Festons den Weg überhängen, und von den
höchsten Ästen der Bäume niederschaukeln sah, und ihre Phantasie dabei
diese dunklen Waldesschatten mit all dem Wild und Raubzeug des weiten
Landes dicht belebte, da wußte sie sich vor Glück und Seligkeit kaum zu
fassen; die Thränen traten ihr in die Augen, und sie hätte laut
aufjubeln mögen vor Lust und Wonne.
Ihr Ziel war jetzt erreicht, wonach sie Jahre lang gestrebt und sich
gesehnt; derselbe Wald umfing sie schon, der ihrer Schwester eine
Heimath, ein Paradies geschaffen, und nur ein Herz fehlte ihr jetzt, mit
dem sie ihre Seligkeit theilen, dem sie das Alles zujauchzen konnte, was
ihre Brust in diesem Augenblick erfüllte und erhob.
Mit dem Mann an ihrer Seite, der trocken und gleichgültig auf seinem
Platz saß und nur manchmal, wenn der Weg eine kurze Strecke glatt
fortging, die Pferde zu rascherem Lauf antrieb, ließ sich aber freilich
nicht reden; auch war sie des Englischen kaum mächtig genug, gerade den
Gefühlen Worte zu geben, die es sie trieb und drängte auszusprechen. So
fuhren sie eine Zeitlang schweigend mit einander hin, wobei der Weg
indeß, je weiter sie in das Land hinein kamen, schlechter und sumpfiger
wurde, und die ganze Aufmerksamkeit des Wagenführers erforderte. Der
großartige, wirklich herrliche Wald dieser Niederungen blieb dabei
unverändert, unverkümmert, aber die Bewohner und Besitzer desselben, die
Mosquitos, meldeten sich ebenfalls, und wenn sie auch gerade nicht
häufig waren und durch die Bewegung des Fahrens schon abgehalten wurden,
ließen sie sich doch, wenn der Wagen manchmal auf einen Augenblick hielt
und der Fuhrmann absteigen mußte, irgend einen niedergebrochenen Ast aus
dem Weg zu räumen, oder die Thiere um eine stehengebliebene Wurzel
herumzuführen, hören und fühlen, während die zarte Haut der jungen Dame
leicht unter dem scharfen Stich der kleinen scharfsäftigen Thiere
anschwoll.
Dadurch wurde übrigens ihr Geist auch wieder in etwas mehr dem Irdischen
zugewandt und Fräulein von Seebald begann den Wagenführer nach ihrem Weg,
der Länge desselben, den verschiedenen Ansiedlungen oder »Plantagen«
(wie sie es nannte, was er aber im Anfang nicht verstand) zu fragen.
Der Bursche war ein einfach schlichtes »Kind des Waldes«, wie Fräulein
von Seebald bald genug fand; er wußte auch in der That nicht viel mehr,
als was im Bereich seines Waldes und der Landung von Little Rock lag.
Allerdings kannte er den Weg genau, jeden Stumpf und Stamm, jede
»Clearing«, jedes »_improvement_« wie die allerersten Niederlassungen
genannt werden; war dabei im Stande genau anzugeben, wie viel jeder
»Nachbar« den Tag über »Fenzriegel« spalten könne, wie viel Hirsche
Johnny Bligh in der letzten »_season_« erlegt, und wie viel _coons_[7]
sie in ihrem letzten _crop_ (Erndte) im Maisfelde mit den Hunden
gefangen oder geschossen hätten. Auch die Pferde und Rinder der Nachbarn
kannte er persönlich, wußte jeden Flecken an ihnen, jeden Brand anzugeben,
zeigte ihr auch den Platz, als sie daran vorbeifuhren, wo im vorigen
Jahr der Panther ein junges Füllen erwürgt und beinah auch noch
gefressen hätte, wäre er nicht glücklicher Weise (freilich zu spät es
vor dem Erwürgen zu bewahren) dazu gekommen, und ging dann speciell in
seiner Unterhaltung auf die deutschen Einwanderer über, von denen, wie
er meinte, ein »_heap_« die letzten Jahre herüber gekommen sein müßten,
denn am _cashriver_ hätte er zwei gesehen, und nach Little Rock wäre
eine ganze Familie gekommen, der Mann, die Frau und drei oder vier
Kinder. In Little Rock wären überhaupt eine Masse Deutscher, es wimmelte
ordentlich davon -- er allein kannte sechs oder sieben, und Charley
Fischer sei der fidelste von Allen, und »_a monstrous smart hand too!_«
-- ungeheuer schlau und pfiffig -- und hätte ihm neulich einmal (vor
drei Jahren) einen ganz faulen Western Reserve-Käse aufgehangen -- was
er ihm aber nicht besonders übel zu nehmen, sondern sich eher darüber zu
freuen schien, daß er das fertig gebracht.
Nur von dem »Grafen Olnitzki« wußte er wenig oder gar Nichts zu
erzählen; seine »_old lady_«[8] kannte er gar nicht, hatte sie nie
gesehn und glaubte auch nicht, daß sie viel aus der _range_ (eigentlich
Weideplatz, aber auch von Ansiedlungen gebraucht) herauskäme. _Old
Nitzky_ wie er ihn unverdrossen nannte, sollte übrigens _a powerful
hand_ (sehr geschickt) mit der Büchse sein, und viele Hirsche und auch
schon einige Bären geschossen haben. Jetzt war er lange nicht »in die
Ansiedlungen« gekommen, aber er konnte sich noch recht gut auf ihn
besinnen, denn er war ein großer starker Mann und trug »das ganze
Gesicht voller Haare.«
Wenn aber der Führer ihr auch keine nähern Nachrichten über die geben
konnte, deren Schicksal ihr so sehr am Herzen lag, und die es sie so
glücklich machte, nach so langer Trennung wieder zu sehen, so war er
doch in so mancher anderen Art praktisch und unendlich gutmüthig. Er
brach ihr einen Sassafrasbusch ab, sich damit der dann und wann zu ihnen
kommenden Mosquitos zu erwehren, und hielt einige Male besonders an, ihr
einen Hut voll saftiger, zuckersüßer Persimonen, die dort in Masse
wuchsen, zu suchen und zu bringen, oder wilde Weintrauben zu pflücken,
die von manchen Bäumen in schweren blauen Massen niederhingen. Auch die
Muscadinebeeren, vor deren häufigen Genuß er sie des kalten Fiebers
wegen warnte, mußte sie kosten, und die lange, fast widerlich süße
Papaofrucht. Wie sie dann weiter in den Wald hinein und von den dem
Fluß zunächst liegenden Ansiedlungen abkamen, zeigte er der Fremden hie
und da die rasch erspähte Gestalt eines flüchtigen Hirsches, der
stutzte, als er das Knarren der Räder hörte, und den schönen Kopf mit
dem wunderlich gebogenen Geweih zurückwerfend flüchtig über die Büsche
hinweg in das Dickicht setzte; oder das häßliche aber komische Opossum,
das Amerikanische Beutelthier, das eigentlich, nach Australien gehörig,
nur aus Versehn hier von der Natur geschaffen scheint, wie es scheu über
den Weg lief, oder rasch an niederhängenden Weinreben emporklomm, einer
vermutheten Gefahr zu entgehen. Manchmal hielt er sogar an, um ihr auf
der Straße selber Bären-, Wolf- und Pantherfährten zu zeigen, die sie
hier auf ihren nächtlichen Wanderungen in den weichen Boden eingedrückt,
und that überhaupt Alles was in seinen Kräften stand, der jungen Dame
den langen, etwas monotonen Waldpfad so viel als möglich zu verkürzen.
So zogen sie den ganzen langen Weg dahin; die Straße war breit
ausgehauen, auf einer wie auf der andern Stelle, zeigte aber nur wenig
Gleise, mehr Hufspuren und fast noch mehr die Fährten wilder Thiere.
Dann und wann passirten sie eine große Ansiedlung, und gegen Mittag
hielten sie sogar an einem Ort, deren drei oder vier Blockhütten den
stolzen Namen einer Stadt beanspruchten. Die Leute dort, ein einziger
Farmer mit seinem Bruder, der einen kleinen Laden hielt, waren aber
nicht stolz auf diese Bevorzugung vor den Nachbar _clearings_, bestellten
ihr Land noch selber und machten neues urbar, nicht etwa Häuser darauf
zu bauen, sondern Mais hineinzupflanzen.
Dort wurde ein frugales Mittagmahl eingenommen, da fast sämmtliche
Farmer in den westlichen Wäldern, wenigstens Alle die an einer
Haupt- oder _county_straße wohnen, darauf eingerichtet sind Fremde
zu beherbergen und zu speisen. Wirths- und Gasthäuser giebt es dort
nur sehr wenige; baar Geld haben die Leute auch sehr wenig in ihrem
gegenseitigen Verkehr, da wird dann das Fremdebewirthen gewissermaßen zu
einer Erwerbsquelle, der sie sich um so lieber widmen, als sie wenig
mehr Auslagen dabei haben, wie ein paar Betten mit Matratzen und
wollenen Decken herzustellen. Die alte westliche _Gastfreundschaft_, wie
sie in früheren Zeiten Sitte war, geht dabei freilich verloren; eine
Mahlzeit kostet einen Viertel Dollar, ein Pferd zu beherbergen von einem
Viertel bis halben Dollar, je nach der Gegend, das Bett für den Gast
einen »Bit« bis ein Viertel Dollar, oder Nachtlager mit Abendbrod und
Frühstück für einen Reiter gewöhnlich einen Dollar. Daß sie Jemanden
umsonst beherbergen könnten fällt ihnen nicht ein; hat aber ein armer
Teufel wirklich kein Geld, und sagt er ihnen das gleich von vorn herein,
ehe er etwas verzehrt und genossen hat, so wird ihm selten ein
Amerikaner alles das versagen, was er ihm sonst gegen Zahlung nur
gegeben hätte.
Im Wald selbst, das heißt ab von der Straße, wohin kein ausgehauener,
von Geschäftsreisenden betretener Weg führt, und wohin sich nur der
Jäger dann und wann verliert, ist das ganz etwas anderes. Der Wanderer
theilt da Tisch und Bett mit seinem Wirth und am Morgen, fragte er
wirklich was er dafür schuldig sei, lautet die Antwort: »das Wiederkommen,
Fremder, für das was Ihr gehabt, war't Ihr willkommen; lieber Gott, es
war wenig genug, was wir Euch bieten konnten,« setzt die Frau auch wohl
hinzu.
So wenig neugierig die Leute auch gewöhnlich dabei sind, was der
Reisende treibt, woher er kommt, wohin er geht, wenn sie ihn auch
manchmal im Laufe des Gesprächs danach fragen, so erstaunt waren hier
die Waldbewohner, eine »_lady_« im wahren Sinne des Worts in seidenem
Kleid und Hut mit Handschuhen an den Händen und Ringen an den Fingern,
mit einem Schleier vor, und anderen »_fixin's_« wie sie's nannten,
_allein_ im Wald zu sehn, und wenn sie es auch nicht wagten, die Dame
selbst nach alle dem zu fragen, was sie gern von ihr wissen mochten, und
was ihnen fast das Herz abdrückte vor Neugierde, so stahlen sie sich
doch einzeln hinaus, wo Billy Jones's Mann die Pferde versorgte, von
diesem herauszubekommen was die fremde Dame vermocht haben konnte, eine
so abenteuerliche Fahrt allein zu unternehmen.
Billy Jones's Mann wußte aber auch nicht mehr, als daß die Dame mit
einem Dampfer nach Little Rock gekommen sei -- das verstand sich
ohnedieß von selbst -- und nach _Old Nitzkis_ Farm irgendwo im Busch
drin, Nord-Ost von der _Oakland grove_, hinüber wollte; es müßte wohl
eine Verwandte von _Old Nitzki_ oder seiner Frau sein.
Die Damen hätten sich übrigens die Mühe ersparen können, denn Fräulein
von Seebald kam ihnen bei Tisch auf halbem Wege entgegen, erzählte
ihnen, daß sie ihre Schwester aufsuchen wolle, die sie in zehn Jahren
nicht gesehen, und die hier, unfern von Oakland Grove an den Grafen
Olnitzki verheirathet sei, und frug jetzt selber, ob keine der Frauen
sie vielleicht kürzlich gesehen habe, und wie es ihr gehe.
Niemand kannte sie -- ein Mann wohnte allerdings dort oben im Wald, der
so hieß, er war auch verheirathet, aber noch nie hierher zu ihnen
gekommen, hatte wenigstens nie an ihrem Hause angehalten. Es sollte
übrigens vortreffliches Land sein, wo er wohnte -- nur ein wenig
sumpfig. --
»Und wie weit war es noch bis dorthin?«
»Ih nun, nicht mehr so weit; in ganz gerader Richtung hätte es kaum
vielleicht mehr als zwölf Englische Meilen sein können, aber es führte,
eines dazwischen liegenden Sumpfes wegen, kein Weg direkt dorthin, nur
die Jäger kamen manchmal dahinein; es war ausgezeichneter Jagdgrund. Wer
sonst hinüber wollte, mußte über _Rosemores_ Farm; von da führte ein
ziemlich betretener Pfad hinüber nach der Richtung, wie der alte Mann,
dem das Haus hier gehörte, meinte, und er glaubte auch gehört zu haben,
daß ein Pole da drüben ein »_improvement_« habe.«
Fräulein von Seebald begriff gar nicht daß Graf Olnitzki, der doch von
seiner Farm aus einen lebhaften Verkehr mit Little Rock, der Hauptstadt,
unterhalten mußte, hier so wenig gekannt sei; oder gab es vielleicht
einen andern Punkt im Innern, wohin er seine Produkte absetzte?
»Ih nun ja es sei möglich,« lautete die Antwort, »daß es ihm bequemer
oder ebenso bequem nach Batesville am Whiteriver wäre, wo hinauf auch
kleine Dampfer liefen.«
So mußte es auch sein; wahrscheinlich verkehrte er mit Batesville,
jedenfalls auch eine bedeutende Stadt, wenn sie Dampfbootverbindung
hatte. Viel Zeit zu weiteren Erkundigungen blieb ihr aber auch nicht
mehr, denn »Billy Jones's« Mann hatte wieder eingespannt, Rosemores
Platz noch vor Dunkelwerden zu erreichen; Fräulein von Seebald erfragte
und zahlte deshalb ihre Zeche, und wenige Minuten später rasselte der
Wagen wieder, jetzt auf etwas besserem Wege, durch den Wald weiter und
weiter nach Norden hinauf, seinem Bestimmungsorte zu.
»Dort liegt _Oakland grove_!« sagte der Fuhrmann da plötzlich, als sie
einen kleinen sandigen Hügel hinaufgefahren waren, und in der Ferne
durch den Wald ein paar helle Fenzen herüberschimmern sahen.
»Haben wir von hier noch weit bis zu der Stadt?«
»Stadt? -- was für eine Stadt?«
»_Oakland grove._«
»Ist keine Stadt; unsere Farm und der Wald hier heißt so.«
»Und wo liegt die nächste Stadt?«
»Das ist Batesville; aber noch ein hübsch Stückchen Weg bis man dahin
kommt.«
Bald darauf erblickten sie in der Ferne, an einer langen, ziemlich
gut gehaltenen Fenz hinfahrend, zwei durch eine offene Verandah mit
einander verbundene, aus gut beschlagenen Balken errichtete Blockhütten,
deren ganzes Aussehn wie Umgebung einen gewissen Wohlstand verrieth.
Eine Menge kleiner, dicht daran errichteter Gebäude dienten zu Ställen,
Maisscheuern und Futterböden, und Hühner und Gänse um das Haus herum,
wie eine Meute kleffender wohlgenährter Hunde gaben dem Platze etwas
Lebendiges, Wohnliches, hier mitten in dem stillen Wald.
Dasselbe Behäbige bot auch das Innere des Hauses, und als Fräulein von
Seebald, noch in der Thür, von einer würdigen Matrone, deren ganzes
Äußers schon einen unendlich wohlthätigen Eindruck auf sie machte, nach
kurzen einführenden Worten des Fuhrmanns, begrüßt wurde, und im Hause
selbst noch zwei reizende junge Mädchen fand, die zwar sehr einfach in
selbst gewebte Stoffe, aber nichts destoweniger höchst geschmackvoll
gekleidet waren, und als diese auch alles Mögliche thaten es der Fremden
bei sich recht wohnlich und bequem zu machen, fühlte sie sich zum ersten
Male wieder frei von jenem drückenden Gefühl, das ihr den ganzen
Nachmittag, sie wußte sich eigentlich selber keine Rechenschaft zu geben
weshalb, auf dem Herzen gelegen. Die Häuser, die sie bis jetzt hier
überall getroffen, hatten gar so ärmlich und dürftig ausgesehen, die
Menschen so kränklich und das Nothwendigste selbst entbehrend, was man
doch zu einem wenigstens menschlichen Leben bedurfte. Hier war das
anders, und der kleine Platz wirklich nicht allein praktisch, sondern
auch mit Geschmack angelegt, mit schattigen Bäumen und Sitzen vor
der Thür, und, was sie bis jetzt noch bei allen übrigen Blockhütten
schmerzlich vermißt, einem kleinen Gärtchen dicht daneben. Also das war
doch möglich -- die Wildniß bedingte nicht ein fast Indianisches Leben,
die Leute konnten es sich, wenn sie den Trieb und die Lust dazu hatten,
wohnlich und bequem machen, und mehr noch durfte sie das jetzt bei
Olnitzkis erwarten, die sogar das Bedürfniß dazu vom alten Vaterland mit
herüber gebracht.
Auch das Innere des Hauses war weit verschieden von dem der letzten
Farm, wo sie Mittag gegessen. Statt der zerbrochenen Rohrstühle und
umgedrehten Fässer, die dort als Sitze dienen mußten, fand sie hier
ordentliche Meublen; sogar einen Secretair und ein kleines dicht
besetztes Bücherbret. Große reinlich überzogene und mit bunten Decken
und jetzt aufgeschlagenem Mosquitos-Netz versehene Betten füllten den
hinteren Raum aus, große eiserne Holzstützen mit blankgescheuerten
Messingknöpfen lagen im Kamin, neben dem, ebenfalls von Messing,
Schaufel und Zange hingen; Fenster mit reinlichen Gardinen daran waren
sogar in die mächtigen Stämme, welche die Wände bildeten, eingeschnitten,
und der bald darauf mit dem weißesten Linnen bedeckte Tisch zeigte
eine Menge von delikaten Speisen.
Der ganze Platz, mit dem freundlichen Benehmen seiner Bewohnerinnen, die
ordentlich herzlich gegen sie wurden als sie erst erfuhren _weshalb_ und
wie weit sie hierher gekommen, heimelte sie an; das war, wenn auch mit
sehr bescheidenen Ansprüchen, eine Waldwohnung, wie sie sich solche früher
wohl gedacht und ausgemalt -- hier in der stillen Einsamkeit des Forst's,
unter dem leisen Rauschen der Waldwipfel, von keinen äußeren Stürmen
getroffen und berührt, lebte ein einfach glückliches Volk -- glücklich
in seiner Ruhe und Freiheit, und der Traum einer solchen Existenz, von
kalten egoistischen Menschen im alten Vaterlande oft verlacht und
verspottet, war endlich Wahrheit geworden und lag in Wirklichkeit hier
um sie her. Mit dem seligen Gefühl wuchs aber auch die Sehnsucht nach
der Schwester, und sie konnte den Morgen schon kaum erwarten, der ihr
wieder auf ihren Weg leuchten sollte, in die Arme der Geliebten zu
eilen.
Auch die Entfernung war nicht mehr so groß; nur noch zehn englische
Meilen etwa von hier -- ein flüchtiges Pferd hätte solche Strecke in
einer Stunde durchlaufen können, lag Olnitzkis Farm (das Wort Plantage
hatte sie endlich fallen lassen) oder Olnitzkis »_improvement_« wie es
die Leute auch hier nannten; wenn sie bei Zeiten aufbrachen, konnten sie
den Platz recht gut um Mittag erreichen und dann. -- Wie ihr das Herz
so ungeduldig -- so freudig und doch auch wieder so ängstlich pochte;
lieber Gott, zehn Jahre sind eine lange Zeit -- zehn Jahre hatte sie die
Schwester nicht gesehen, in den letzten Jahren sogar nicht einmal etwas
von ihr gehört, wie manches Schmerzliche ihr dabei mitzutheilen aus der
Heimath, die jene, ein Kind noch fast und von dem Glück der ersten Liebe
wie berauscht, verlassen. Die Mutter war vor zwei Jahren gestorben, und
wenn auch Sidonie die Trauerbotschaft bekommen, blieb das erste Begegnen
der Geschwister nach _dem_ Verlust doch immer schmerzlich, und mußte
ja die Freude des Wiedersehens trüben. Aber fort mit solch traurigen
Gedanken jetzt, wo sie so viel des Freudigen auch dabei brachte -- ihr
Bruder war von seinem Hofe ehrenvoll ausgezeichnet und angestellt
worden, ihre jüngste Schwester die Braut eines geliebten Mannes, ihr
Vater noch immer rüstig und gesund, stand seinen Berufsgeschäften wie
jemals vor, nur mit dem einen Verlangen, sein Kind, sein liebes Kind,
das er damals so ungern von sich gelassen, noch einmal wieder zu sehen.
Wie hatte er sich in jener Zeit gesträubt seine Einwilligung zu einem
Bündniß zu geben, das er allein der tollen Schwärmerei des Augenblicks
zugeschrieben, und in das er nur endlich willigte, sein Kind durch eine
Weigerung nicht noch vielleicht unglücklicher zu machen, als es, wie er
fürchtete, durch die Verbindung werden würde. Jetzt lag _die_ Zeit in
weiter Ferne hinter ihnen. Sidonie war glücklich geworden, wie alle
ihre Briefe ja bezeugten, und wenn sich auch die Schwärmerei der ersten
Jugendliebe in ein ruhigeres und stilleres Gleis die Bahn geöffnet, so
hatte sie doch auch mit keiner Zeile ja erwähnt, daß sie sich fortsehne
aus dem neuen, selbst gewählten Leben, daß sie bereue den Schritt gethan
zu haben, der sie aus den Armen ihrer Familie, der sie aus dem
Vaterlande riß.
Viel Unglück hatte sie trotzdem gehabt -- der älteste Knabe war ihr im
vierten Jahr gestorben, und in dem _letzten_ Brief, den sie zu Haus
geschrieben -- schon zwei Jahr her, schien ihr auch das jüngste Kind,
ein Mädchen, schwer erkrankt. Aber seit dem, und nach dem Tod der
Mutter, hatte kein Brief von ihr die Heimath mehr erreicht, und nur
ein einziges Mal war mündlich Nachricht von ihnen durch einen Fremden
hinübergedrungen, der den Grafen Olnitzki zufällig in Little Rock
gesprochen, und von diesem erfahren hatte, daß sich die Frau vollkommen
wohl befinde und in ihrem, allerdings etwas einsamen Aufenthalt von
Herzen glücklich fühle.
Wunderbarer Weise behaupteten aber auch _Rosemores_ nicht im Stande zu
sein ihr genügende oder nähere Auskunft über die, doch nur kurze Strecke
von ihnen entfernt wohnenden Leute zu geben. Olnitzki allerdings kam
manchmal herüber zu ihnen, ja hatte sogar früher schon einige Mal in
ihrem Hause übernachtet, die Frau dagegen sich noch nie bei ihnen
blicken lassen.
»Aber sie hatte doch andere Nachbarn in ihrer Nähe?«
Allerdings, _Jack Owen_ wohnte kaum tausend Schritt von ihrem Hause
entfernt an der _bearlick ridge_, und _Sam Houston_, ein anderer
Farmer hatte sich, etwa eine Meile oberhalb des »_postoak hollow_«
niedergelassen. -- Beide waren verheirathet, und verkehrten gewiß mit
einander, und besonders _Jack Owens_ junge Frau war ein liebes braves
Weibchen. Wunderbarer Weise wußten diese »Nachbarn« nicht einmal ob
Olnitzkis Kinder hatten, und wie viel -- ein oder zwei waren ihnen
gestorben, aber auch das nur als Gerücht zu ihnen gedrungen, denn dort
hinein führte kein bestimmter Weg, zu ihnen heraus kamen die Leute auch
nicht, so bildete sich denn jeder seinen Wirkungskreis in der eigenen
Umgebung, den Nachbar entbehrend und sich wenig um ihn kümmernd.
Aber was bedurfte Amalie von Seebald auch jetzt noch weitläufiger
Berichte, wo sie sich ja morgen schon -- in wenigen Stunden -- selber
von Allem mit eigenen Augen überzeugen konnte. Nur wie sie hinüber
kommen sollte beunruhigte sie noch; die Frauen vertrösteten sie aber auf
die Ankunft der Männer, die jedenfalls zum Abendbrod daheim sein und
schon Mittel und Wege finden würden sie mit ihrem Gepäck hinüber zu
schaffen. Lieber Gott, das sei nicht mehr als ihre Schuldigkeit, dafür
zu sorgen daß eine einzelne Frau, die so vertrauungsvoll hier herüber zu
ihnen gekommen war, auch nicht ohne Hülfe und Beistand gelassen würde,
und Billy Jones, der Schwiegersohn des alten Rosemore, oder Mr. Rosemore
selber fänden da schon Rath.
Hundegebell und Pferdegestampfe kündigte die Erwarteten, die irgendwo im
Walde gewesen waren nach ein paar ausgebliebenen Kühen zu sehn, auch
schon vor Dunkelwerden an, und drei Reiter hielten gleich darauf vor
Rosemores Thür, sprangen aus den Sätteln, die sie mit dem Zaum den
Thieren abnahmen, ihre weitere Versorgung einem herbeispringenden
Negerknaben überlassend, und betraten bald darauf die innere Fenz, zum
Hause kommend.
»Das trifft sich glücklich!« rief da Sarah, Mr. Rosemores jüngste
Tochter, die in die Thür getreten war den Vater zu begrüßen, »da ist Mr.
Owen von _bearlick ridge_ selber, mit Vater und Bill; der weiß Rath und
geht gewiß morgen früh ebenfalls nach seinem Haus zurück.«
»Halloh Miß Sarah,« lachte der also bezeichnete _back-woodsman_, der
die Worte verstanden hatte, und mit seinem Sattel über dem linken Arm,
seine Büchse in der Rechten, zum Hause heran kam, »haben Sie mich
erwartet?«
»Ich nicht, Mr. Owen,« lachte das junge Mädchen, »aber eine fremde
_lady_, die hier im Hause sitzt, und vor Sehnsucht nach Ihnen schon fast
vergangen ist.«
»Alle Wetter,« rief der Jäger, seinen Sattel rasch unter den Zwischenbau
der beiden Häuser legend und die lange Büchse daneben lehnend -- »eine
fremde _lady_? das wäre der Teufel.«
»Nun der _Teufel_ gerade nicht Mr. Owen,« sagte die Matrone, mit einem
leisen Vorwurf in dem Ton, mit dem sie das Wort wiederholte.
»Bitte tausend Mal um Entschuldigung Missis Rosemore,« sagte der Mann,
leicht erröthend, indem er ihr die Hand entgegenstreckte -- »es fuhr mir
nur so heraus; Ihr wißt ja schon, ich mein' es nicht so bös.«
Es war eine kräftige, männliche Gestalt, der Mann, in die gewöhnliche
Tracht der Hinterwäldler, in ein ledernes Jagdhemd mit eben solchen
Leggins gekleidet; an den Füßen trug er Moccasins von demselben Stoff,
auf dem Kopf aber einen alten abgetragenen, arg mißhandelten Filz, und
an der rechten Seite seine Kugeltasche, während an der Linken in dem
breiten Ledergürtel, das lange Amerikanische Bowie- oder Jagdmesser stak.
Das Haar war gelockt, sein Auge blau und der Ausdruck seines Gesichts
entschieden ehrlich und gerade aus, nur um den Mund und die selbst fein
geschnittenen Lippen lag ein etwas harter Zug, der aber ebensogut Muth
und Entschlossenheit deuten konnte, und den westlichen Amerikanern, die
im Wald erzogen und allen seinen Beschwerden und Gefahren von Kindheit
an preisgegeben sind, besonders eigen ist.
Jack Owen war mit einem Wort ein prächtiges Urbild jener kräftigen,
stählernen Menschenrace, die den westlichen Urwald der Union erst als
Jäger durchziehn, und dann mit ihren keck bis weit über die Grenzen der
Civilisation vorgeschobenen »_improvements_« besiedeln, dem Indianer und
Bären ihre Heimath abtrotzen, und nur mit Büchse und Axt bewehrt, im
Schatten der dichten Wildniß eine Heimath schaffen. Diese Race bildet
den Übergang von der Rothhaut zum weißen Mann, und wie der Wolfshund,
der halb dem Wolfgeschlecht noch angehörig ist, keinen ärgeren Feind
kennt als gerade den Wolf, so haßt der Pionier nichts ärger auf der Welt
als den, in dessen Fußstapfen er doch hier getreten, den rothen Sohn der
Wälder.
Als diese Männer, die mit dem freien, natürlichen Leben um sich her,
auch eben solche Sitten angenommen haben, und sich, von Anderen dasselbe
verlangend und glaubend, ebenso geben wie sie sind, das Zimmer betreten
hatten, gingen sie auf die fremde Dame zu, boten ihr zum Willkommen
freundlich die Hand, und dann ihre Sitze am Feuer einnehmend, an dem sie
ihre Moccasins auszogen, und zum Trocknen aufhingen, war ihre erste
Sorge den Frauen Bericht über die entlaufenen oder ausgebliebenen Kühe,
die wie es schien wieder eingefangen waren, abzustatten. Das Gespräch
drehte sich jetzt ausschließlich um Kühe, Rinder und Schweine, bis zum
Abendbrod, welches die beiden Töchter der alten Mrs. Rosemore indeß
bereitet hatten, und alle Theile der _range_, oder des Weidegrundes, wo
sich noch ein oder das andere Stück verhalten, wurden durchgenommen. Die
Frauen selber interessirten sich dabei so viel dafür wie die Männer, und
Fräulein von Seebald, die dabei als stille Zuhörerin mit am Kamin saß,
war wirklich erstaunt so viel Ortskenntniß bei ihnen zu finden, mit der
sie die nach Meilen entfernten Stellen im Wald bezeichneten, und ihre
Richtung dabei nicht etwa bei bestimmten Wegen, sondern nach den
Himmelsgegenden und kleineren sie durchströmenden Wassercoursen
bezeichneten.
Mit dem Abendbrod, bei dem sich Alle um die im Zimmer zusammengerückten
Tische sammelten, nahm aber auch das Gespräch eine andere Wendung; Jack
Owen wurde der Fremden als der nächste Nachbar ihrer Schwester und jenes
»Mr. Olnitzki« bezeichnet, und dann selber aufgefordert einen Rath zu
geben, wie die junge Deutsche am Besten und Leichtesten mit ihrem Gepäck
hinüber kommen könne.
Jack Owen schien übrigens die letzte Frage ganz zu überhören, denn wie
er erfuhr daß die Fremde eine Schwester der »Missis Olnitzki« und über
das Weltmeer nur einzig und allein herübergekommen sei sie zu besuchen,
sah er sie mit den klaren treuherzigen Augen eine ganze Weile ernst und
sinnend an, und fing dann auf einmal wieder, ohne ein Wort darauf zu
äußern, von vorn an zuzulangen, als ob er bis dahin ganz vergessen habe
zu essen.
»Und können Sie mir nicht etwas Näheres über die Schwester sagen?« bat
Amalie, »ich habe schon so oft und oft gefragt, und wie verschollen
schien sie dort im Wald zu wohnen; Niemand konnte mir Rede stehn,
Niemand erinnerte sich in der That sie je gesehn zu haben.«
»Lieber Gott,« sagte der Jäger, ohne sein Essen auch nur auf einen
Augenblick zu unterbrechen, »unsere Frauen kommen Alle wenig fort;
manchmal zu einer Betversammlung oder irgend einem Nachbarfest beim
Klötzerollen oder Decken-Steppen, und da die Nachbarn so dünn gesäet
sind bei uns, fällt selbst das nicht häufig vor.«
»Aber Sie kennen sie doch?«
»Ich? -- oh gewiß -- wohne keine halbe Meile davon.«
»Und es geht ihr gut? -- «
»Das kalte Fieber hat sie neulich einmal ein klein wenig abgeschüttelt,
hatte aber nicht viel zu sagen, und ist bald vorüber gegangen.«
»Und ihr Kind? hat sich das arme kleine Mädchen erholt?«
»Das Mädchen?« -- wiederholte der Mann, zum ersten Mal zu ihr
aufschauend -- »der Knabe, meinen Sie.«
»Hat Sidonie einen Knaben?« rief Amalie überrascht.
»Hm,« meinte der Jäger, sich ein neues Stück Wildpret auf den Teller
nehmend, »seit wann haben Sie denn eigentlich keine Nachricht von ihr
gehabt?« --
»Seit über zwei Jahren.«
»Lieber Gott,« sagte die alte Mrs. Rosemore.
»Dann freilich,« brummte der Jäger halb laut vor sich hin -- »seit der
Zeit ist das Mädchen gestorben und vor einigen Monaten ein Knabe geboren
worden, und _das_ Kind allerdings ist jetzt schwer krank.«
»Das Mädchen todt -- du großer Gott -- die arme, arme Sidonie.«
»Das Herz wird ihr wohl zu voll und schwer gewesen sein in _der_ Zeit
Briefe zu schreiben,« sagte die Matrone bedauernd, »ja aus_sprechen_ und
aus_weinen_ mag man sich dann wohl gern, aber zum Schreiben zwingt man
die Hand da nicht.«
»Aber wie bekommt die Fremde die vielen Sachen hinüber Mr. Owens?« fiel
Sarah hier ein, Amalie zu zerstreuen, daß sie sich nicht dem traurigen
Gedanken zu sehr hingebe -- »es wird schwer sein das Alles zu Pferde zu
transportiren.«
»Ist's denn so viel?« frug Jack Owen.
»Ei die beiden Kisten hier, dann jene Koffer dort, und diese Schachteln
und Reisesäcke.«
»Hm, das allerdings -- packt sich auch verd -- ungemein schlecht auf ein
Pferd; aber das ist das wenigste -- sind es Sachen für Mrs. Olnitzki
bestimmt?«
»Zum großen Theil; wie auch mein eigenes Gepäck.«
»Sehr gut, dann schaffen wir auch Rath,« sagte der Jäger gutmüthig --
»solltet Ihr nicht mit Euerem kleinen Wagen über die _greenbriar ridge_
hinüberkommen können, Rosemore? nachher geht's glatt und leicht durch
den offenen Wald, dicht an der Bayo hin.«
»Über die _greenbriar ridge_ mit dem Wagen, Mann,« sagte aber der Alte,
dabei mit dem Kopfe schüttelnd, »wo denkt Ihr hin; da müßten wir erst
eine ordentliche Straße durch _brushy hollow_ aushauen, und blieben
nachher noch immer im Sumpf an der andern Seite stecken. Nein nicht in
acht Tagen brächten wir das fertig, aber mit den Thieren an der _overcup
flat_ hin geht es ganz gut; die Kisten und Koffer sind eben nicht
übermäßig schwer, und lassen sich recht gut auf einen Packsattel laden.
Freilich muß man nachher tüchtig im Wald herumlaviren mit den Thieren,
freie Bahn durch die Bäume durchzufinden, aber es geht doch, und ich
getraue mich sie in fünf bis sechs Stunden hinüber zu führen.«
»Aber Euer Falbe wird das nicht tragen wollen.«
»Bah, ich habe gerade Widdersons beide Maulthiere in meiner Fenz, die er
von Santa Fé mitgebracht hat und nach Batesville hinaufnehmen will, die
mögen ihr Futter abverdienen.«
»Das wäre vortrefflich!« rief Jack Owen, »wann wird aber die Dame nach
Olnitzkis zu aufbrechen wollen?«
»Oh so bald nur irgend möglich« -- rief Fräulein von Seebald -- »ich
ginge die Nacht hindurch, die Schwester nur eine Stunde früher zu sehen,
zu begrüßen.«
»Das möchte uns durch _den_ Wald doch wohl schwer werden,« lachte der
Jäger gutmüthig, »aber morgen mit Tagesgrauen steh' ich zu Diensten,
und bin gern bereit Sie hinüberzuführen; ich gehe doch zu Haus.«
»Aber nicht vor dem Frühstück,« fiel ihnen hier Mrs. Rosemore in die
Rede, »mit leerem Magen verläßt Niemand mein Haus, wenn ich's verhindern
kann, und die Mädchen werden schon früh auf sein, daß es nicht zu lange
dauert.«
Amalie von Seebald fügte sich gern dem freundlichen Wunsch, noch dazu da
sie ihren Führer nicht auch vor dem Frühstück fortziehen mochte, und die
Männer besahen sich jetzt das Gepäck, und trafen ihre Eintheilung mit
den Packen, die auf die beiden Maulthiere vertheilt werden sollten,
wonach dann Jack Owen selber noch einmal mit seinem Pferd zurückkommen,
und den Rest nachholen wollte. Die Maulthiere sollte Bill Jones selber
mit seinem Knecht hinüber bringen, Jack Owen aber wollte rascher mit der
Lady voraus nach Olnitzkis _improvement_ gehn.
Der Morgen kam, und mit klopfendem Herzen hatte Amalie ihre Vorbereitungen
zu dem Marsch getroffen, als Jack Owen, nach beendigtem Frühstück, einen
Damensattel auf sein Pferd geschnallt, vor der Thür erschien, und die
Lady einlud sein Thier zu besteigen, während er selber zu Fuß voran
ging. Die junge Dame gestand jetzt freilich mit Erröthen, daß sie noch
nie auf einem Pferd gesessen, der Einwand wurde aber nicht beachtet;
Jack Owens Ponny war anerkannt das frömmste Thier in der _range_, ließ
vor und neben sich schießen, wie der Reiter gerade Lust hatte, und ging
seinen festen sicheren Schritt ruhig fort, fast wie ein Maulthier. Die
Mädchen halfen ihr dabei lachend in den Sattel, ordneten ihre Kleider,
gaben ihr eine kleine Gerte in die Hand, das Thier vorwärts zu treiben,
und Jack Owen, mit der langen Büchse auf der Schulter, von fünf
mächtigen Rüden umbellt, schritt ihr voran, in den dunklen Wald hinein.
Capitel 2.
Die Gräfin Olnitzka.
Im Anfang hatte Amalie von Seebald genug mit ihrem Pferd und dem neuen
Sitz zu thun, auf dem sie sich noch nicht sicher fühlte, und deshalb
auch nicht wohl befinden konnte; das Ungewohnte der Bewegung dabei, und
das öftere Anstreifen an die überhängenden Büsche nahmen ihre ganze
Aufmerksamkeit in Anspruch, und ließen sie sich ängstlich dabei an den
Knopf des Sattels anhalten, nicht herunterzufallen, wie sie immer noch
fürchtete. Das gutmüthige Thier, das Jack Owen auf seinen Jagden schon
so abgerichtet hatte ihm wie ein Hund zu folgen, ging aber einen so
ruhigen sicheren Schritt, und kümmerte sich so gar nicht um die wild
und fröhlich es umbellenden Hunde, nur auf den Weg und die darüber
hinliegenden Wurzeln und Stämme achtend, daß sie sich bald daran
gewöhnte, und nach kaum halbstündigem Ritt schon fast die bis dahin
gefühlte Angst vergaß.
Jack Owen ging dabei meist vor ihr, oft neben ihr her, die Büchse auf
der linken Schulter, über deren Kolben die linke Hand herunter hing, die
Hunde hinter sich, die jetzt, im wirklichen Walde drin, keinen Lärm mehr
machen durften, etwa irgendwo stehendes Wild nicht zu verscheuchen, und
sein Blick schweifte dabei ruhig und forschend über alle offene Stellen
die sie passirten, haftete oft auf einem, vom Herbst gefärbten Busch, ob
sich nicht doch in den gerötheten Blättern die schlanke Gestalt eines
Hirsches berge, und suchte dann wieder in dem weichen Boden des Pfads
die frisch eingedrückten Fährten des Rothwildes oder Raubzeuges, die
herüber und hinüber gewechselt waren.
So hatten sie schweigend einen großen Theil des Wegs zurückgelegt, und
Amalie sah schon in jedem helleren Waldesfleck der vor ihnen lag, die so
heiß ersehnte Lichtung von ihres Schwagers Farm; aber ein Dickicht
wechselte nur mit dem anderen, der Weg, der bis dahin ziemlich breit in
den Wald hinein gereicht hatte, wurde zum engen, kaum mehr begangenen
Pfad, und noch immer zeigten sich nicht jene Spuren der Civilisation,
die unzertrennlich von einer größeren Ansiedlung sind, und wie der dünne
Rauch über einer Stadt, die Nähe des schaffenden Treibens thätiger
Menschen verrathen. Kein Fuhrwerk hatte diesem Boden hier je seine Räder
eingedrückt, keine Axt noch die mächtigen Stämme berührt, und selbst die
wenigen Pferdespuren im Pfad waren von Hirsch- und Pantherfährten fast
unkenntlich gemacht, und doch näherten sie sich mehr und mehr der Farm
des Grafen, doch konnte nur kurze Strecke Waldes mehr, sie von dort
trennen. Nur eins war da noch möglich, daß sein ganzer Verkehr mit
jener nördlich von ihm gelegenen Stadt bestand, die ihm doch wohl näher
liegen mußte als Little Rock, ja vielleicht gar durch einen Strom die
Verbindung erleichterte; aber das Herz des armen Mädchens füllte
sich dennoch, so sehr sie auch dagegen ankämpfen wollte, mit einer
unbestimmten Furcht, und wenn sie der auch keinen Namen zu geben wußte,
drängte es sie doch zuletzt, von ihrem wortkargen Führer das unheimliche
Gefühl verscheucht zu sehn.
»Es ist so einsam hier und still,« brach sie das Schweigen endlich, »und
doch können wir nicht mehr so weit von jener Farm entfernt sein, der
dieser Weg zuführen soll.«
»In einer Stunde kann man's von hier aus, wenigstens in dieser Jahreszeit
gehn,« sagte der Mann, »aber im Winter ist's weiter, denn die Gräben
sind dann mit Wasser gefüllt, und man muß Umwege machen ihrem Schlamme
auszuweichen.«
»Daß sich Olnitzki so tief im Walde angesiedelt hat,« sagte die
Deutsche, fast mehr zu sich selbst als zu dem Führer redend.
»Ja, s' ist etwas einsam hier, für eine Frau wenigstens,« lautete die
Antwort, »aber der Mann fühlt sich desto wohler unter den Bäumen, und
mir ist, wenn ich's aufrichtig gestehen soll, nichts fataler auf der
Welt, als wenn ich an eine Fenz komme -- meine eigene ausgenommen.«
»Wie es Sidonie nur ausgehalten hat.«
»Ist das der Name Euerer Schwester?« frug der Jäger, mit etwas leiserer
Stimme, und sein Blick glitt über die Gestalt der Fremden flüchtig aber
doch forschend hin.
»Ja -- kennt Ihr ihn nicht, als nächster Nachbar?« sagte Amalie rasch
und etwas bestürzt.
»Es ist Sitte bei uns, die Frauen nur nach dem Namen ihres Mannes zu
nennen,« erwiederte der Jäger, »selbst unsere eigenen; ich kann ihn aber
trotzdem doch wohl einmal gehört haben, denn ich kam früher öfter mit
Olnitzki zusammen.«
»Und jetzt nicht mehr?« --
»Oh doch ja, dann und wann wenigstens,« sagte der Mann ausweichend; »er
ist gerade ebenso wie wir Anderen -- eben nicht umgänglicher Natur, und
hält seine Büchse und Hunde für die beste Gesellschaft auf der Welt.«
»Aber die arme Frau -- _sie_ verkehrt doch wenigstens mit ihren
Nachbarn?« frug Amalie.
»Sie? -- o ja -- ja wohl« -- sagte der Jäger -- »im letzten Winter war
sie zweimal bei uns hüben, und meine Alte auch dort, und wie ihr vor
zwei Jahren das Kind krank wurde und dann starb, ist wenigstens eine
von den benachbarten Frauen fortwährend und abwechselnd bei ihr
gewesen -- sie wurde auch damals selber krank und mußte doch eine
Pflege haben.«
»Lieber Gott, im letzten _Winter_,« seufzte Amalie still und kaum hörbar
vor sich hin, und der Wald schien ihr ordentlich unheimlich dazu zu
rauschen, in seiner öden Einsamkeit. Sie fürchtete auch von dem Augenblick
an wirklich eine weitere Frage zu thun, bis ihr Führer selber wieder das
Schweigen brach.
»Ihr habt die Schwester seit langer Zeit nicht gesehn?«
»Seit zehn Jahren nicht.«
»Eine lange Zeit, und wir werden alt dabei.«
»Sidonie war noch so jung wie sie die Heimath verließ.«
»Aus glücklichen, ruhigen Verhältnissen vielleicht heraus« sagte der
Jäger, und sein Blick schweifte dabei wieder über den engen
Waldeshorizont, der ihm da frei lag, nach einem Wilde auszuspähn.
»Aus den glücklichsten,« sagte die Schwester, seufzend der Zeit
gedenkend, »lieber Gott, sie hatte Alles was das Herz begehrt, begehren
kann; in Überfluß und Reichthum erzogen, wurde sie von den Ältern auf
Händen getragen, und die glänzenste Zukunft hätte ihrer im alten
Vaterland gelacht.«
»Hm,« sagte der Jäger, seine Büchse etwas weiter zurück über die
Schulter werfend, und den Tabackssaft seines Priemchens gegen die
nächste Eiche spritzend -- »hm -- und Mr. Olnitzki hatte auch viel
Geld?«
»Der Graf Olnitzki? -- nein,« sagte Amalie, »aus Polen flüchtend, wo
sein Volk besiegt und zerstreut worden, waren ihm von dem Russischen
Czaaren die Güter confiscirt, war ihm selbst die Rückkehr in sein
Vaterland abgeschnitten worden, und jenen unglücklichen Tapferen blieb
damals nichts übrig, als in der neuen Welt auch eine neue Heimath zu
suchen und zu gründen.«
»Aber wie bekam er da so geschwind die reiche Frau?« frug der praktische
Amerikaner, halb ungläubig dazu den Kopf schüttelnd.
»Ich weiß nicht ob Sie sich jener Zeit noch erinnern,« sagte, tief
aufseufzend wieder Amalie, »weiß auch nicht ob Sie in Amerika damals
unsere Gefühle getheilt; aber in Deutschland war es fast, als ob ein
neuer lebendiger Geist über das ganze Volk gekommen, und die träumenden
Nationen aus ihrem Schlafe aufgerüttelt habe. Ein Schrei für Polen ging
durch Deutschlands Gauen, nicht bei den Regierungen zwar, die es mit dem
Nordischen Koloß nicht verderben wollten, wohl aber bei den Völkern.
Doch statt das Schwert aufzugreifen für den bedrohten, geknechteten
Nachbarstaat, begnügten sich die Männer Sammlungen zu veranstalten, den
Verwundeten und Beraubten Hülfe zu bringen, die Frauen zupften Charpie
und sandten Leinwand und Bandagen in die Lazarethe, und als die letzte
Schlacht geschlagen, als die ungeheueren Russischen Heere das kleine
Reich mit ihren Massen überschwemmten, als Polen zertreten, vernichtet
unter den stampfenden Rossen seiner Feinde lag, und die Wenigen seiner
tapferen Krieger, die sich noch bis zur Grenze durchgeschlagen, fremden
Boden Hülfe suchend betreten mußten, da war es Deutschland besonders,
das ihnen seine Arme öffnete, das sie in seine Familien, an seinen Heerd
nahm, die Kranken und Verwundeten pflegte und kräftigte, die Armen
unterstützte, die Besiegten aufrichtete, mit Trost und Hoffnung und
eigener That. Feste, Bälle und Concerte wurden gegeben, Summen zusammen
zu bekommen und den Flüchtigen Reisegeld nach Amerika zu verschaffen,
und Frauen und Mädchen besonders wetteiferten darin ihre Sympathieen für
die zertretene Nationalität der Unglücklichen zu zeigen. Wir trugen in
den Schleifen und Zierrathen unseres Costümes nur die Polnischen Farben,
Polnische Flaggen wehten in den erleuchteten Festesräumen, und viele,
viele von uns gaben was sie an Schmuck und goldenen Zierrathen besaßen
willig her, die Spende für die tapferen Krieger zu erhöhn.«
»Hm, hm, hm, hm,« sagte der Jäger, der mit dem Kopf heftig dabei
schüttelnd, rascher neben dem Pferde herging.
»Auch in unsere Familie,« fuhr Amalie fort, »hatten wir einen jungen
edlen Polen aufgenommen, der unsere Schwelle, von Fieberfrost
geschüttelt, mit einer Menge ungeheilten Wunden, mit zerrissener
Uniform, dem Untergang schon nahe, betrat, und kaum ein Lager für sich
eingerichtet bekommen, als ein hitziges Fieber sein Leben bedrohte, und
ihn für Monate an den Rand des Grabes brachte. Sidonie und ich pflegten
ihn in der Zeit wie Schwestern; Sidonie besonders wich kaum mehr von
seinem Bett, und wir hatten die Freude den Unglücklichen nach langen
Monden dem Leben, der Gesundheit zurückgegeben zu sehn. Vollkommen
endlich wieder hergestellt, und mit Allem reichlich versehn was er zu
einer so weiten Reise brauchte, wollten meine Ältern dann den Fremden
entlassen -- aber es war zu spät; Sidoniens Herz hing an dem fremdem
Mann und konnte -- wollte ihn nicht lassen. Vater und Mutter baten und
beschworen sie -- umsonst, der Pole durfte nicht länger auf deutschem
Boden weilen, unsere deutschen Regierungen fürchteten das Misvergnügen
des Czaaren zu erregen, und mit der warmen Frühlingsluft die über die
Berge zog, und unsere Ströme vom Eis befreite -- mit dem ersten Schiff,
das den aufgethauten Strom befuhr -- verließ Sidonie als Olnitzkis
Gattin das väterliche Haus.«
Amalie schwieg, und Jack Owen ging wieder eine ganze Zeitlang lautlos,
aber recht schwer aufathmend neben dem Pferde her -- endlich sagte er
leise:
»Aber Olnitzki hatte Vermögen wie er Amerika betrat.«
»Mein Vater ist wohlhabend, und wollte die Tochter nicht der Ungewißheit
einer selbst zu erkämpfenden Existenz preis geben.«
Jack Owen blieb stehen und sah die Fremde überrascht und ungewiß
an -- er hatte augenscheinlich nicht recht verstanden was sie mit
den Worten meinte.
»Olnitzki hat also sein Geld nicht mit von Polen herüber gebracht?«
frug er endlich.
»So reich er dort gewesen sein mochte,« sagte Amalie, »der Krieg
verschlang Alles, und jene edlen Herzen warfen nicht allein ihr Leben,
nein Alles was sie auf Erden ihr eigen nannten in die Schaale, das
Vaterland zu retten.«
»Hm, hm, hm, hm, hm!« sagte der Jäger wieder, und schritt rascher
vorwärts, als ob er die versäumten Minuten einholen müsse; aber er
erwiederte nichts weiter, schien sogar jedes fernere Gespräch vermeiden
zu wollen, und beschäftigte sich ausschließlich mit dem Weg, der hier
auch in der That noch eher wilder und verworrener wurde, und seine ganze
Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, der Fremden nur einiger Maßen Bahn zu
brechen. Amalie aber fühlte sich beunruhigt durch das ihr auffällige
Benehmen des Führers, trieb ihr Pferd, jetzt schon vollkommen an den
Ritt gewöhnt, und dreist gemacht durch den sanften Schritt des Thieres,
zu etwas schärferem Schritt mit der Gerte an, und sagte halb schüchtern,
halb entschlossen jeder weiteren Ungewißheit ein Ende zu machen:
»Wie geht es meiner Schwester -- ist sie _glücklich_, und lebt sie so
wie wir es in Deutschland erwartet haben daß sie leben würde und
sollte?« --
»Pst!« sagte ihr Führer aber als einzige Antwort, und bei der rasch
doch vorsichtig abwärts gedrehten rechten Hand, blieb das gelehrige,
aufmerksame Thier wie in den Boden gewurzelt stehn, regte sich nicht mit
dem Kopf, und schüttelte weder Schweif noch Mähne. Der Jäger aber, mit
der Hand langsam, keine rasche auffällige Bewegung zu machen, nach vorne
deutend, zeigte der Fremden, die dem ausgestreckten Finger mit den Augen
folgte, die schlanke prächtige Gestalt eines stattlichen Hirsches, der
aus einem dichten Gebüsch herausgetreten war und sich, keine Gefahr
ahnend, über eine kleine Waldblöße langsam hinüber äßte.
Vorsichtig nahm der Jäger die Mütze vom Kopf, ließ sie geräuschlos auf
den Boden gleiten, und eine Bewegung seiner Hand, mit einem Blick den
die klugen Thiere wohl verstanden, gebot den Hunden den Platz zu wahren
bis er wiederkehre. Nur Einer von ihnen, Deik, ein alter, von Narben
zerrissener Bursche mit ganz kurz abgeschlagenem Schwanz und eben
solchen Ohren, zugestutzt, als ob sein Herr eben nicht mehr von ihm
hätte haben wollen als unumgänglich nöthig war, wußte sich von dem
Befehl ausgenommen, und als der Jäger jetzt, sich nieder duckend und den
Schutz eines kleinen Busches benützend, rasch aber lautlos durch das
feuchte gelbe, den Boden bedeckende Laub hinglitt, folgte er ihm dicht
auf den Fersen, haltend, wenn jener stehen blieb, und vorsichtig
ausschreitend wenn es der Jäger für rechtzeitig hielt weiter
vorzuschleichen.
Amalie selbst vergaß aber in dem neuen Eindruck der Jagd, der jetzt den
Wald mit einem eigenen, kaum geahnten Zauber füllte für den Moment
wenigstens, alles Andere. Das edle, sich so sicher fühlende Wild; die in
das Gras gedrückten klugen Hunde; die lebendige ausdrucksvolle Gestalt
des Jägers mit dem schleichenden Thier an seinen Fersen; das Pferd
selbst auf dem sie saß, das wie ängstlich den klugen Kopf nach dem
leisen Rascheln ihres Kleides wandte; das Rauschen der mächtigen Wipfel
dazu, durch das weit, weit herüber, der gellende Schrei eines Falken
tönte -- sie preßte fast unwillkürlich ihre rechte Hand auf's Herz, so
laut kam ihr jetzt dessen Klopfen vor, und während sie in ängstlicher
Sorge um das Leben des wunderschönen Thieres bangte, das so frei und
glücklich dort durch den Wald schritt, mochte sie selbst kaum athmen,
dem Bedrohten nicht die Nähe des Feindes zu verrathen.
Jack Owen aber war in diesem Augenblick nur noch einzig und allein
Jäger; an seine Schutzbefohlene kaum denkend die er jedoch auch sicher
auf dem Thiere wußte, glitt er, jetzt den Stamm einer Eiche oder eines
Sassafrasbaumes benützend, jetzt einen Busch oder umgestürzten Baumstamm
als Schutz gebrauchend, zugleich aber auch nicht ganz direkt auf das
Wild zu, sondern etwas seitab schleichend, damit durch irgend ein
vielleicht unvorsichtig gemachtes Geräusch die Aufmerksamkeit des
scheuen Wildes nicht etwa auf das im Wege haltende Pferd gelenkt würde,
rasch und geräuschlos über den Boden hin, bis in vielleicht noch hundert
Schritt von seiner Beute. Da knickte ein trockner unter dem Laub versteckt
gelegener Zweig, und ob sich der Moccasin über ihm zusammenzog, und
Jäger wie Hund instinktartig zusammensanken wo sie standen, war der
schwache Laut doch hinübergedrungen zu dem Hirsch, der gerade selber mit
Äsen aufgehört hatte, und hinüberhorchte nach dem Schrei des Falken. Die
Thiere der Wildniß haben eine Sprache untereinander, die der Mensch
nicht versteht -- eine Stimme zu warnen und zu rufen, zu locken und zu
verscheuchen, und sie achten darauf, wenn selbst ein feindliches
Geschlecht die Warnung gäbe.
Einmal aufmerksam geworden, wußte Jack Owen aber auch recht gut, daß
sich das scheue Thier nicht wieder beruhigen würde, weitere Annäherung
zu gestatten, so also rasch die Büchse hebend, die er in der Bewegung
spannte, suchte das Auge den tödtlichen Fleck, der Finger zuckte, scharf
schmetterte der Schlag durch den Wald, und wie sich der Hirsch hob und
zusammenbrach, und wieder empor und mit wilden Sätzen in das Dickicht
hineinschnellte, fuhren die Rüden, die sich nicht länger halten ließen,
von dem Platze auf, an dem sie gekauert, und folgten heulend und
kleffend der flüchtigen Beute. Jack Owen aber wischte indessen
vollkommen ruhig seine Büchse mit dem, an den Ladestock geschraubten
Krätzer aus, lud sie wieder, und sie dann auf die Schulter werfend,
kehrte er zu seinem geduldig haltenden Pferd zurück, seine Mütze
aufzuheben, und das Thier mit sich zu der Stelle zu führen wo sie das
Wild verendet finden sollten.
»Er ist davongelaufen« sagte Amalie von Seebald, als der Schütze
herankam, und sein Pferd ihm -- ohne jedoch seine Stelle zu verlassen,
freudig entgegenwieherte -- halb zufrieden damit, halb in getäuschter
Erwartung.
»Ja Miß« lachte der Jäger, »aber nicht weit; ich bin gut abgekommen und
die Kugel sitzt, vielleicht nur ein wenig tief, auf dem rechten Fleck;
die Hunde haben ihn schon.«
»Die Hunde? wo? -- sie bellen ja noch.«
»Ja,« lachte der Hinterwäldler, »aber nicht mehr gegen den Hirsch,
sondern gegen Deik an, der Besitz von ihm genommen, und keinen
der anderen mehr hinanläßt; der alte Bursche weiß schon was sich
schickt, kommen Sie jetzt mit mir, wir gehen sogar nicht einmal um,
sondern schneiden dort hinüber durch die jetzt vollkommen trockene
Gründorn-Ebene eher noch ein paar hundert Schritte ab bis zu Olnitzkis
Fenz, die auf der anderen Seite daranstößt; ich will nur den Hirsch
aufbrechen und in die Slew hängen, damit ihn die Schmeißfliegen nicht
gleich bedecken; nachher hol ich ihn ab.«
Einen leisen Pfiff dabei ausstoßend, den das Poney gut genug verstand,
drehte er sich, von diesem jetzt dicht gefolgt, wieder auf dem Absatz
herum, und die dichtesten Plätze vermeidend, führte er die Fremde ganz
unbekümmert mitten in das Herz der Waldung hinein. Näher und näher aber
kam dabei das Bellen der Hunde und als sie diese endlich erreichten, war
es wie Jack Owen vorher gesagt. Deik hatte seinen Platz dicht neben dem
schon verendeten Hirsch genommen und sich, seiner Autorität bewußt,
ruhig dabei zusammengekauert, die Ankunft seines Herrn zu erwarten,
während die anderen Rüden ihn kleffend und knurrend, immer aber in
achtungsvoller Ferne, umsprangen, und die Zeit nicht schienen erwarten
zu können, wo ihnen ein Theil des Wildprets preis gegeben wurde. Das
geschah bald; Jack hatte im Nu den Hirsch herumgeworfen, aufgebrochen
und zerwirkt, und dann den vorderen Theil, die beiden Blätter mit Hals
und Kopf an dem das Geweih noch saß, vom übrigen Körper trennend und in
einzelnen mächtigen Stücken den verschiedenen Rüden zuwerfend, zog er
ein Stück Bast von einem dicht dabeistehenden Papaobaum ab, und durch
die Hessen der Hinterläufe des Erlegten, schleifte das Wildpret dann zum
kaum zehn Schritt davon entfernten Wasser, dem das tödtlich getroffene
Thier noch zugeeilt war, und hing es hinein, wusch sich dann selbst
die Hände in der Fluth, warf die Büchse wieder über die Schulter und
schritt, dem Poney ein neues Zeichen gebend, rasch mitten durch den Wald
hin, einer bestimmten Richtung zu.
Diese brachte die Wanderer aber nach kaum viertelstündigem rüstigen
Marsch an die Ecke eines eingefenzten, mit Mais bepflanzten, aber sonst
noch ziemlich wild aussehenden Feldes, in dem die meisten Bäume nur
geringelt und abgestorben oder mitten hinein in das Feld gebrochen,
standen und lagen, und um das hin ein schmaler Feldweg führte.
»Da sind wir am Ziel« sagte der Jäger, als er den Arm gegen das Maisfeld
ausstreckte und zugleich um die Ecke desselben bog, von der aus sie
einen freieren Blick auf die kleine Ansiedlung selber erlangen konnten,
»das hier ist Olnitzkis Feld, und er hat drüben auf der anderen Seite im
letzten Jahr noch drei andere Acker Land urbar gemacht.«
»Und wie weit haben wir noch bis zum Haus?« frug Amalie der das Herz
anfing in fast fieberhafter Aufregung zu klopfen, indem sie fast
unwillkürlich den Zügel des Poneys anhielt, sich erst zu sammeln.
»Zum Haus? -- dort liegt es« sagte der Jäger, und sein Blick haftete
wie in Mitleid auf der bleichen, zitternden Gestalt, die in Angst und
Schreck die Hände faltete, als das suchende Auge nur eine kleine niedere
Hütte traf, aus der dünner Rauch in die blaue Morgenluft emporkräuselte.
»Das?« hauchte sie mit kaum hörbarer, trostloser Stimme -- »_das_
Olnitzkis Haus? -- das der Aufenthalt meiner armen Schwester? -- «
»S'ist eben nur eine Waldwohnung« sagte der Jäger verlegen lächelnd --
»mein eigen Haus ist eben nicht viel besser, und Olnitzki will, glaub'
ich, auch ein anderes bauen; unser Klima hier verlangt es aber kaum
anders, und zum bloßen Staat wäre die Mühe hier ebenfalls weggeworfen.
Doch wollen wir nicht hinangehen?«
»Nein -- bitte, lassen Sie mich vom Pferd« bat Amalie -- »es ist nur
eine kleine Strecke -- ich will von hier zu Fuß gehn -- ich -- ich
möchte gern -- «
»Ich kann mir denken daß Sie die Schwester nach so langer Abwesenheit
allein zu begrüßen wünschen« sagte der Jäger freundlich, indem er dabei
seine Büchse an die Fenz lehnte, und sie mit starkem Griff aus dem
Sattel hob; »ist's Ihnen recht, so gehe ich indeß zurück und hole
mein Wildpret. Ich weiß nicht ob Olnitzki gerade frisches Fleisch im
Hause hat, und da er jetzt Besuch bekommen, wird ihm ein Theil davon
vielleicht willkommen sein. Wild giebt's hier noch genug im Wald, aber
es trifft sich nicht immer daß man gerade zum Schuß kommt wenn man etwas
nothwendig braucht, und besser ist besser. Sie können übrigens nicht
mehr fehlen; der Pfad hier führt Sie, an der Fenz entlang, bis vor die
Thür; das Meiste Ihrer Sachen wird auch bald eintreffen, und das Übrige
bringe ich Ihnen morgen früh.«
Er war bei den letzten Worten in den Damensattel gesprungen, und ohne
einen Dank der Fremden abzuwarten, drückte er dem Thier die Hacken in
die Seite und sprengte, von den Rüden gefolgt, rasch zurück in den Wald,
der sich im nächsten Augenblick schon wieder hinter ihm schloß.
Fräulein von Seebald blieb allein zurück, und brauchte noch Minuten, ehe
sie sich soweit sammeln konnte, der Schwester gefaßt entgegenzutreten.
Aber was zögerte sie auch hier, was fürchtete sie? -- hatte denn der
Jäger nicht vollkommen recht, und durfte sie mitten im Wald etwas anders
erwarten als die Wohnung eines Jägers? Auch Rosemores wohnten in einem
eben so unscheinbaren, vielleicht etwas höheren Blockhaus, und wie
freundlich, wie wohnlich sah es bei denen aus. Es war unrecht von ihr,
sich solch kindischem Kleinmuth in einem Augenblick hinzugeben, wo sie
ihr weitgestecktes Ziel endlich erreicht, und in den Armen der Schwester
wollte und mußte sie ja bald jede solch thörichte Furcht verscheucht,
vernichtet sehn.
Dort lag die Wohnung, und dorthin trug sie jetzt, in Freude und Sehnsucht
zitternd, der Fuß; an der Fenz hin, manchmal noch durch niederes Gestrüpp
und Unkraut das den Boden dicht bedeckte, oder auch über niedergebrochene
Stämme und Äste hin, lief und kletterte sie, von den weiten Kleidern
oft gehalten, in immer wachsender Ungeduld, und erreichte endlich den
kleinen freien, von zahmem Vieh zertretenen und etwas schmutzigen Platz
unmittelbar vor der Hütte, die in die Fenz hineingebaut lag. Hier sah
sie auch das erste lebende Wesen, denn bis jetzt hatte ihr nur der blaue
Rauch die Nähe von Menschen verrathen --eine Frau, in einem ordinairen
weiß-baumwollenen Rock -- der selbstgewebte Stoff der Backwoodsfrauen --
die vor der Thür der Hütte stand und das zu Mittag wahrscheinlich
gebrauchte Geschirr in einem hölzernen Troge reinigte. Gott sei Dank, da
war Jemand den sie erst fragen konnte ehe sie das Haus betrat, und mit
auf dem weichen Boden geräuschlosen Schritten zu ihr hinangehend sagte
sie, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehn, mit lauter Stimme, aber in
Englischer Sprache:
»Guten Tag _madame_[9], könnt Ihr mir sagen ob die Gräfin -- ob Mrs.
Olnitzka zu Hause ist?«
Die Frau drehte sich nach ihr um und sah ihr starr und regungslos in die
Augen, erwiederte aber kein Wort -- sie mußte die Anrede nicht
verstanden haben.
»Entschuldigt mich liebe Frau« sagte die Fremde, den Blick dabei unruhig
nach der Thür der Hütte werfend, als ob sie von dort in jeder Secunde
die Gestalt der Schwester zu sehn erwarte -- »ich bin fremd hier -- eben
erst angekommen und suche die Dame der dieß Haus gehört.«
Die Frau hob langsam die Hände auf -- ihr Blick erst erstaunt und
erschreckt, wurde immer stierer und wilder, und während das Geschirr das
sie darin gehalten ihren Fingern entfiel, streckte sie plötzlich wie
abwehrend die Arme von sich, und den bleichen Lippen entrang sich das
Wort »Amalie!«
»Heiliger -- allmächtiger Gott!« schrie Amalie, in diesem Augenblick von
jähem Schreck getroffen, während sie ihre Stirn mit beiden Händen hielt
und die vor ihr stehende Frau anstarrte, als ob ein Geist vor ihr dem
Boden entstiegen wäre -- »Sidonie!« und die Arme nach ihr ausstreckend
umfing sie wie krampfhaft die bleiche, zitternde schmächtige Gestalt. --
»Meine Sidonie -- mein liebes liebes Herz« flüsterte sie dabei in
ängstlich liebkosender Hast, ihr die blassen eingefallenen Wangen
streichelnd und in vergehendem Schmerze fast, die abgehärmten an sie
geschmiegten Glieder fühlend, »mein armes verlassenes Kind« -- aber sie
vermochte nicht mehr zu sagen, und auch die Schwester hing lautlos --
schluchzend in ihren Armen.
Aber Sidonie faßte sich zuerst wieder, und gewaltsam die Bewegung
zwingend der sie sich im ersten Augenblick wohl unwillkürlich, unbewußt
selbst, hingegeben, strich sie die Haare aus der marmorweißen und fast
eben so kalten Stirn, und die Schwester leise auf Armeslänge von sich
pressend, schaute sie ihr voll und zärtlich in die thränengefüllten
Augen, und sagte mit leiser und so unendlich weicher Stimme:
»Amalie -- oh wie Dein lieber Anblick meinen Augen so wohl thut -- aber
wo kommst Du her -- Mädchen, um Gottes Willen, was hat Dich aus
Deutschland herüber in den Wald gebracht -- Du -- Du bist doch nicht -- «
»Herübergekommen Dich zu sehen und zu küssen« rief aber die Schwester,
sie von Neuem an sich ziehend -- »Du böse böse Frau schreibst ja doch
nicht mehr, und da wir nicht länger ohne Nachricht von Dir leben konnten,
gab der Vater endlich meinen dringenden Bitten nach und ließ mich
ziehen, Dich selber aufzusuchen. -- Aber Sidonie -- um Gottes Willen, Du
bist krank -- Du siehst bleich und elend aus, und strengst Dich dann
dabei noch übermäßig an mit unnützer Arbeit -- was lässest Du die Magd
das nicht besorgen?«
»Die Magd?« sagte die Frau verlegen wehmüthig lächelnd.
»Nun ja, Herz, oder Einen Deiner Leute -- lieber Himmel ich habe Dich ja
gar nicht wieder erkannt, als ich Dich traf, so blaß, so abgemagert
siehst Du aus -- daß wir Dich doch nie fort von uns gelassen hätten.
Aber wo ist Dein Mann? -- wo Dein Kind? und hier -- hier drinnen in dem
kleinen Häuschen wohnst Du wirklich Sommer und Winter?«
»Olnitzki ist hinaus auf die Jagd gegangen, aber ich erwarte ihn heute
zurück, und mein armer kleiner Oscar schläft -- es war recht schwer,
recht schwer krank, das Kind. -- «
»Ich hörte es schon am Weg« sagte Amalie -- »aber Du erwartest Deinen
Mann _heute_ von der Jagd zurück? -- bleibt er denn da über Nacht auch
aus?«
»Selten, aber doch wohl manches Mal.«
»Und läßt Dich mit den Leuten hier ganz allein?«
»Mit den Leuten, Amalie?« sagte die Schwester leise und mit einem halb
verlegenen halb schmerzlichen Lächeln zu ihr aufschauend -- »wir leben
hier einfacher als Ihr daheim zu glauben scheint. Der Wald erzeugt wenig
Bedürfnisse, und den wenigen zu begegnen sind wir selbst genug -- wir
halten keine Leute.«
»Keine Leute für das Feld?« rief Amalie erstaunt -- »und Dein Mann
bestellt das Alles allein?«
»In der Arbeitszeit nimmt er sich manchmal einen Mann herüber ihm zu
helfen« sagte die Frau -- »aber komm Amalie, komm in das Haus; die
Herbstsonne sengt Dir noch die Haut, und Du wirst müde von der Reise
sein; auch mußt Du mir erzählen wie und mit wem Du hierher gekommen,
mitten auf _oakland grove_ allein und ordentlich aus dem Boden
herausgewachsen. Wie ich Dich so da vor mir stehen sah, glaubt ich
wahrhaftig erst, ich sähe Deinen Geist -- aber Du wirst Dir Dein Kleid
verderben, hier bei uns.«
»Warum verderben?« lachte Amalie unter zurückgehaltenen Thränen vor,
als sie die dünne, fast durchsichtige Hand der Schwester faßte und ihren
Arm um ihre Schulter legte, sie zum Haus zu führen, »und wenn es wäre,
ist es ja doch für die Reise bestimmt.«
Sie hatten sich indeß der Thür genähert, und Sidonie streckte den Arm
aus sie zu öffnen -- aber der Arm zitterte, zögerte, und der Schwester
Hand ergreifend und sie plötzlich fest, fast krampfhaft in die ihre
pressend, sagte sie mit wie von innerer Bewegung erstickter hastiger
Stimme:
»Amalie -- meine Heimath ist nicht das was Du, trotz des ärmlichen
Aussehns zu erwarten scheinst -- wir leben einfach -- fast ärmlich, wie
der geringste Waldbewohner im weiten Reich -- Du wirst -- Du wirst Dich
nicht wohl hier bei uns fühlen -- _kannst_ es nicht, denn der Abstand
aus dem Leben das Du gerade frisch verlassen ist zu groß -- zu
-- furchtbar -- für Dich heißt das nur -- für den nicht daran Gewöhnten,
während wir es nicht besser wissen nicht besser -- verlangen.«
»Sidonie, um des Heilands Willen, was ist hier vorgegangen?« rief Amalie
in Todesangst, »was verheimlichst Du mir? was soll die Vorbereitung
jetzt bedeuten?«
»Nichts, Amalie« sagte die Frau jetzt schon gefaßter, »als Dich eben,
wie Du es nennst, vorbereiten, auf ein wildes, ungewohntes, und wie Du
es ja in Deinen Briefen mir so oft beneidet, ein -- romantisches Leben.
Schrick aber nicht davor zurück -- unter der rauhen Außenschaale birgt
es doch noch oft den süßen Kern, und hunderte von Familien leben hier im
Wald gerad' wie wir, und glücklich -- und zufrieden.«
»Aber Du?«
»Ich gehöre zu ihnen« sagte die Frau leise -- »bin eine von den ihren
und -- wenn mir mein Kind erhalten wird -- verlange ich nicht mehr.«
Ihre Sprache war dabei fast zu einem Flüstern herabgesunken, aber ein
schwacher Schrei im Inneren machte ihrem Zögern rasch ein Ende. Das
kranke Kind war erwacht und die Mutter, der Schwester kaum noch
gedenkend, stieß hastig die aus gespaltenen Bretern roh zusammengesetzte
Thür auf, zu dem Liebling zu eilen. Über dessen Lager gebeugt, und
welch ärmliches Bettchen war es für den Grafensohn, ließ sie die
Schwester auf der Schwelle stehn, und Amaliens Blick überflog schaudernd
das Innere der ärmlichen Hütte, die ihr, sie mochte sich dagegen stemmen
wie sie wollte, gerade mit den Resten mancher Überbleibsel aus
früherer, besserer Zeit, nur noch trostloser, leerer, verlassener
vorkam, als das ärmlichste Blockhaus, das sie bis jetzt im Wald gesehn.
Die Wände waren kahl und überall von den unverstopften Spalten der
übereinander gelegten und nur oberflächlich zusammengefügten Stämme
durchbrochen; nur wo die beiden schmalen, kaum mit dem nothdürftigsten
Bettzeug belegten Betten standen hatte, vielleicht die Hand der
Frau, Maisstöcke und Überreste von Kleidungsstücken hineingestopft,
unmittelbaren Zug wenigstens von dort her abzuhalten. An der einen Wand
hing ein zerbrochener Spiegel von starkem herrlichen Glas, dessen
verwitterter, einst reich vergoldet gewesener goldener Rahm durch
Streifen Hickorybast zusammengehalten wurde. Dicht daneben war ein roh
gespaltenes Bret durch hölzerne Pflöcke in den dicken Eichenstamm
befestigt, und neben einem alten Pulverhorn und ein paar nachlässig
dahinaufgeworfenen Sporen, neben Blechbechern und alten Kannen und
blechernen Tellern, standen einzelne Obertassen mit abgebrochenen
Henkeln und ausgebrochenen Stücken, aber vom feinsten vergoldeten und
gemalten Severs-Porcellan. Nur über dem Bett der Frau hingen noch zwei
Bilder aus der früheren Zeit -- die ihrer Eltern -- mit unzerbrochenen
Gläsern; aber die Feuchtigkeit des Hauses hatte das Papier vergilbt und
gefleckt, daß sich kaum noch eine Ähnlichkeit erkennen ließ.
Amalie sah nicht mehr -- heißaufquellende Thränen füllten ihr den Blick,
und als sich Sidonie von dem Krankenbett des Kindes aufrichtete, die
Hand nach ihr ausstreckte und sie zu dem Lager des armen Kleinen zog,
der in einem, aus rohen Bretern zusammengenagelten Gestell, aber auf
weichem, wohl der Mutter entzogenen Kissen sein Bettchen hatte, da brach
die Kraft die sie sich zugetraut in einem wilden Thränenstrom sich Bahn,
und neben dem Kinde niedersinkend barg sie ihr Haupt an dem Bett und
schluchzte laut.
Sidonie wollte sie aufrichten -- wollte sich und den Gatten
entschuldigen -- wollte _lügen_ daß sie sich glücklich und zufrieden
fühle hier in der freilich einsamen, ungewohnten Welt, aber -- sie
vermochte es nicht mehr. Das Jahrelang ertragene, bestandene Weh, hielt
jeden Ton, jedes Wort zurück, und bleich, zitternd, mit thränenlosem
stieren Blick stand sie neben der Knieenden und schaute still und
regungslos zu Boden.
Hundegebell vor dem Haus und Pferdegestampfe unterbrach die peinlich
werdende Stille. Amalie richtete sich rasch und wie erschreckt empor,
und auch Sidonie trat zur Thür und öffnete diese, den rückkehrenden
Gatten zu begrüßen.
»Hallo _the house_!« rief dieser schon von weitem die eigene Wohnung an
-- »heda Dony _hupih_! komm heraus Schatz und sieh was ich Dir
mitgebracht!«
Bis dicht vor die Thür sprengte dabei, von der Hand des Reiters gelenkt,
das Thier, bis es mit den Hufen die Schwelle betrat, und mit dem klugen
Kopf die Thür zu öffnen suchte, in der jetzt Sidonie erschien, und vor
der Nähe des Pferdes erschreckend, angstvoll den Vater bat des eignen
Kindes mit dem Lärm zu schonen.
»Ah paperlapapp« lachte aber der Mann, »wird ihm nicht gleich 'was
schaden -- sieh hier was ich Dir mitgebracht,« und in seinen Armen wand
sich, mit den gebundenen Pranten vergebens arbeitend, von den Banden die
ihn zusammenschnürten loszukommen, ein junger Bär, und die Hunde heulten
und klefften und schnappten am Pferd hinauf, die ihnen vorenthaltene
Beute zu ergreifen und zu zerreißen.
»Ruhe Ihr Bestien!« lachte dabei der Jäger vom Pferd herunter, »Ruhe und
nieder mit Euch Canaillen -- Dony, nimm einmal ein paar Brände heraus
und wirf sie zwischen die Satansthiere, sie ziehen mich sonst wahrhaftig
noch vom Pferd hinunter. -- Zurück mit Euch Watch und Bull -- warte
Bestie, wenn ich hinunter komme dreh ich Dir den Hals um für den Biß.«
»Das Kind ist kränker geworden als es war, Olnitzki,« bat die Frau -- »geh
nur wenigstens mit dem furchtbaren Lärm hier von der Thüre weg; es stirbt
mir ja vor Angst und Schreck.«
»Ah bah -- das ist zäh und stirbt nicht,« sagte der Mann finster, »sonst
wären wir den Jammer lange los,« und hinunter springend vom Pferd, das
er sich selber überließ, während er den jungen Bär mit riesiger Kraft in
den linken Arm gepreßt hielt, führte er mit dem scharfen Büchsenkolben
wohlgezielte Stöße gegen die heranpressenden Hunde, die sie heulend
zurücktrieben in sichere Entfernung. Den Gefangenen dann zu Boden
werfend, nahm er eine Kette herunter, die an einem der äußeren Balken
des Hauses hing, befestigte sie mit einem starken Ledergurt um den Hals
des Thieres, das er zu einem der nächsten Bäume trug, schlug das andere
Ende der Kette um einen der unteren Äste, und die Banden dann rasch mit
dem Messer lösend sprang er zurück und rief lachend.
»So mein Bursche, nun wehre Dich selber Deiner Haut! hupih! Ihr Rüden --
hupih -- jetzt thut was Ihr könnt.«
Und mit dem Jagdruf warf sich die Meute in toller Wuth gegen den kaum
entfesselten jungen Bär, und hätte ihn zerrissen, wäre dieser nicht
rasch und gewandt, seine theilweise Freiheit benutzend, an dem Stamm, an
den ihn die Kette gefesselt hielt, emporgeklettert, wo er sich dann auf
dem untersten Aste festsetzte, und mit zurückgelegten Ohren und
fletschenden Zähnen nach den gierig und wild gegen ihn aufspringenden
Hunden hinunter hieb.
»Hahahaha, das ist göttlich, das ist kostbar!« schrie und jubelte dabei
der Pole, »hupih meine Burschen, hupih! brav Watch, beinah hoch genug,
aber der schwarze Bursche theilt auch dafür böse Ohrfeigen aus -- hupih
-- hahahahaha! Aber Wetter noch einmal,« unterbrach er sich dabei, »wie
er mich selber da zugerichtet hat -- Dony, Dony, da wirst Du tüchtig mit
Nadel und Zwirn und Heftpflaster nachhelfen müssen, alle die verschiedenen
Risse an Leib und Jacke wieder in Ordnung zu bringen -- hallo -- wen
haben wir hier?«
Der überraschte Ausruf galt der Fremden, die er nicht wieder erkannte,
und in seiner Hütte fand als er die Schwelle betrat. »Wie gehts, Madame?
weshalb setzen Sie sich nicht? hier ist ja noch ein Stuhl -- wohl eine
neue Nachbarin von uns?«
»Sie kennen mich nicht mehr, Graf Olnitzki?« sagte Amalie aber auf die
englische Anrede in deutscher Sprache -- »ist mein Gesicht Ihnen in den
zehn Jahren so gänzlich fremd geworden?«
»Alle Wetter!« rief der Pole, überrascht einen Schritt zurücktretend und
die Thür hinter sich aufstoßend, mehr Licht in den inneren fensterlosen
Raum zu bekommen -- »ist das nicht -- ist das nicht Fräulein Amalie,
meine sehr verehrte Schwägerin? aber zum Teufel, Schwägerin, wo kommen
_Sie_ auf einmal her, hier mitten in den Wald hinein? -- Nun einerlei,
das erzählen Sie mir nachher; jetzt sein Sie uns herzlich willkommen,
und machen Sie es sich so bequem wie -- nun wie es die Umstände gerade
erlauben. Es ist gerade nicht _verdammt_ bequem bei uns, läßt sich aber
doch aushalten und genügt für den Wald. Gegen die Indianer leben wir
noch immer wie die Fürsten.«
Er hatte ihr dabei die rechte Hand entgegengestreckt, zog sie aber
lachend zurück, denn sie war mit Blut bedeckt.
»Um Gottes Willen wie siehst Du aus Olnitzki?« rief aber auch in
demselben Augenblick die Frau -- »zerrissen und blutig am ganzen Körper;
was hast Du gemacht?«
»Du hättest dabei sein sollen Dony,« lachte der Pole, seine Mütze in die
Ecke werfend und die ausgestreckten Arme, die Zeugniß des bestandenen
Kampfes gaben, von sich haltend. »Wie ich schon auf dem Heimweg, mein
altes Jagdunglück verwünschend, bin, und drüben an der _brushy slew_
vorüber halte, sehe ich plötzlich eine alte Bärin mit einem Jungen bei
sich, die mir die Hunde vorher auch nicht im mindesten gespürt oder
bezeichnet hatten, aus einem kleinen Schilfbruch aufstehn und das Weite
suchen. Ja wohl Weite; wir mit einem Hupih und Hurrah hinterher wie die
wilde Jagd, und wenn es die Alte auch noch eine Weile ausgehalten hätte,
konnte das Junge doch bald nicht mehr fort, und bäumte auf. Hätt' ich
schon 'was geschossen gehabt die Zeit, wär's mir nicht eingefallen mit
dem Kalbfleisch vorlieb zu nehmen, so aber dacht ich, das Ding auf dem
Baum wär' sicherer wie die magere Alte im Busch drin, warf mein Pferd
herum, sprang herunter und hätt' es nun bequem niederschießen können,
aber so leichte Jagd wär ein Schimpf gewesen, und die Büchse deshalb
unter den Baum legend, mit meinem Sattelseil umgehangen, klett're
ich hinauf zu dem kratzenden schlagenden Ding, pack' es bei einer
Hinterprante und will es eben, während es ein mörderisches Geschrei
ausstößt, mit mir hinunterziehn auf ebenen Boden, als ich die Büsche
wieder brechen und krachen höre, und straf mich Gott, wie ich mich
umsehe kommt die Alte mit zurückgelegten Ohren und weit offenem
rothglühenden Rachen -- aber zum Donnerwetter Ruhe da Ihr Bestien, man
kann ja sein eigen Wort nicht verstehn vor der Teufelsbrut -- kommt die
Alte wie ein losgelassener Satan wieder durch den Wald gesaust, und auf
mich zu. Das Junge loslassen und am Stamm herunter nach meiner Büchse
fahren war im Nu geschehn; aber kaum hatte ich Zeit den Hahn zu spannen
und zu zielen, als die schnaubende Bestie heran kam wie zehntausend
Teufel. Meine Kugel traf sie mitten durchs Herz und die Büchse
fortwerfend behielt ich gerade noch Zeit mein Messer aus der Scheide zu
reißen als sich die Wüthende, wie unverwundet, auf mich warf, und ich
fühlte wie mir Kleider und Haut in Fetzen vom Leibe flogen. Glücklicher
Weise dauerte die Geschichte nicht lange; die Kugel wirkte, und die Alte
brach todt über mir zusammen; aber nun ging der Spaß mit dem Jungen von
vorne los, und ich glaube bei Gott es ist kein handgroßer Platz an
meinem ganzen Leib, wo ich nicht einen Riß oder Biß habe, von den
Satansthieren. Du wirst mich tüchtig ausflicken müssen Dony.«
Das Kind fing wieder an zu schreien; der Lärm der Hunde draußen ließ es
nicht ruhen, und der Mann warf sich indessen, während die Frau nach dem
Kleinen sah, erschöpft und blutig wie er war, auf das Bett.
»Nun Fräulein Schwägerin, oder _Frau_ Schwägerin, ich weiß nicht einmal
wie man jetzt sagen muß so lange haben wir Nichts von einander gehört,
welchem glücklichen Ungefähr verdanken wir diesen Besuch, oder« -- er
fuhr bei einem ihn plötzlich durchzuckenden Gedanken rasch von dem Lager
auf und blickte scharf nach der Frau hinüber -- »hat mich Sidonie damit
freundlich _überraschen_ wollen?«
»Sidonie wußte so wenig von meiner Ankunft wie Sie, lieber Graf,« sagte
Amalie, die mit Entsetzen den versteckten Verdacht in den Worten fühlte,
und deren Blicken sich ein Abgrund öffnete.
»Graf?« lachte der Pole aber spöttisch auf -- »den Grafen müssen Sie
hier weglassen, Fräulein von Seebald; sieht das hier aus wie in einer
gräflichen Wohnung? -- da, das ist der Rest meiner Vergangenheit,« rief
er, während er dort an der Wand hängende baumwollene Frauenkleider
zurückschob, und einen alten mit Rost überlaufenen Cavalleriesäbel an
Tageslicht brachte -- »auch ein prächtiges Symbol,« setzte er mit
höhnischer Bitterkeit hinzu, »denn die Lumpen hängen darüber hin, und
_verstecken_ die letzten Überbleibsel des _Grafen_. Wie gefällt es
Ihnen bei uns, heh? -- hübsch nicht wahr? -- romantisch genug, nur ein
Bischen zu viel davon. Ja,« setzte er dumpf brütend dazu, während er auf
das Bett zurücksank und den Kopf in die Hand stützte, »früher war's
Anders -- besser vielleicht -- vielleicht auch nicht, und ein freies,
fröhliches Leben führen wir doch. Aber komm, komm Dony, sieh nur nach
dem Leib, der verdammte Bär hat mir doch weh gethan, und ich glaube, ich
habe viel Blut verloren, es wird mir so schwach und schwindlich auf
einmal.«
Sidonie trat zu dem Bett des Gatten, mit zitternder Hand die blutigen
Kleider zu lösen, und nach den Wunden zu sehn, die ihm der Bär im
Todeskampf geschlagen, während Amalie, die schon Hut und Tuch abgelegt
hatte, zu dem Kind ging und ihm den von der Mutter eingegossenen Trank
zu geben suchte. Olnitzki hatte dabei recht gehabt; an Brust und
Schultern trug er fast unzählige frische Wunden, keine aber glücklicher
Weise tief oder gefährlich, nur alle in das Fleisch hineingerissen, und
mit dem Verband schwand auch bald jeder Anfall von Schwäche, den
Blutverlust und übermäßige Anstrengung im Halten des jungen, schon ganz
kräftigen Bären auf wenige Momente herbeigezogen.
Sidonie bereitete dann rasch etwas zu essen für den erschöpften Gatten
sowohl, wie für die Schwester, setzte die Kaffeekanne zum Feuer, und
that Kaffee in die Mühle. Früher hätte es Amalie freilich nicht für
möglich gehalten daß die Schwester, auf deren Wink sonst zahlreiche
Dienstboten lauschten, allein, ohne eine einzige Hülfe einem solchen
Leben, solcher Arbeit preisgegeben sei; jetzt kam kein Laut des Staunens
noch des Schmerzes mehr über ihre Lippen. Sie sah, sie fühlte was,
fürchtete sogar, daß noch mehr geschehen war als sie sah, und nur die
Angst erfüllte jetzt ihr Herz, ob da zu helfen -- _wie_ da zu helfen
sei.
Stimmen wurden draußen laut, die Hunde, die sich in etwas beruhigt
hatten als der junge Bär seinen sicheren Platz auf dem Baumast nicht
mehr verließ, und auf die unter ihm gelagerten Rüden ruhig niederschaute,
schlugen wieder an, und Jack Owen's Stimme rief gleich darauf, nach
Waldes Art, das Haus an, von den Bewohnern Einen in die Thür zu ziehn.
Olnitzki sprang selber, trotz Sidoniens Bitte sich zu schonen, von
seinem Lager auf, zu sehn wer da sei, und blieb verwundert in der Thür
stehn, als er die Masse von Sachen, Koffern und Kisten auf die
Maulthiere gepackt, vor seiner Wohnung halten sah.
»Hallo Ihr Leute -- guten Tag -- was bringt Ihr da?« rief er hinaus --
»Wetter noch einmal Rosemore, seid Ihr ein wandernder Krämer geworden,
der mit seinen Packen im Lande herumzieht, Band und Stecknadeln zu
verkaufen? -- ah Jack, Ihr führt wohl die Provisionen mit? -- nur herein
mit Euch, der Kaffee wird gleich fertig sein, und ein heißer Becher voll
uns gut thun.«
»Zum Henker noch einmal, Olnitzki, wie seht Ihr denn aus?« sagte Jack
Owen, der indeß vom Pferde gestiegen war und das Wildpret auf der
Schulter auf ihm zu kam -- »wer hat Euch denn so zugerichtet?«
»Der Bursche da und seine Mutter,« lachte der Pole, auf den
aufgebäumten jungen Bär deutend, »aber was solls mit dem Wilde?«
»Ihr habt Besuch bekommen,« meinte der Jäger leicht erröthend, »und da
ich nicht wußte ob Ihr gerade frisch Fleisch im Hause hättet, wollte ich
Euerer Frau das Stück hier, das ich an der Gründorn-Ebene drüben vor
einer Stunde etwa geschossen, herüber legen -- mir sind die Woche ein
paar vor die Büchse gelaufen.«
»Und die Sachen da draußen?«
»Gehören der Dame -- Euerer Frau, Schwester, glaub' ich, die gestern von
Little Rock mit Billy Jones Geschirr herübergekommen.«
»So? -- so ist die Sache? nur herein Ihr Leute -- stellt die Geschichten
nur indeß da vorne hin, Rosemore; kann Euch wahrhaftig nicht einmal
dabei helfen, denn der verdammte Bär hat mir die Arme so zerfetzt, daß
sie mir steif und matt zu werden anfangen.«
Der alte Rosemore, der mit Bill Jones und Owens Hülfe die Kisten und
Koffer bis zum Haus geschafft, trat jetzt mit diesem hinein, begrüßte
die Frauen, frug nach dem kranken Kind, das er sich aufmerksam betrachtete
und der Mutter verschiedene Kräuter anrieth, ein Bad daraus zu bereiten,
und ließ sich dann von Olnitzki sein Abenteuer mit dem Bär erzählen,
wollte aber unter keiner Bedingung mit zum Essen bleiben; er sah wie
beengt der Raum schon ohnedieß da war, und weigerte sich auch schon
jetzt eine Bezahlung für den Transport der Sachen anzunehmen. Die
Maulthiere gehörten nicht ihm, wie er sagte, und er mußte den
Eigenthümer erst fragen, was er für den halben Arbeitstag für sie
verlange -- seinen eigenen Spatziergang verstünde es sich wohl von
selbst, daß er den nicht rechnete.
Olnitzki redete den Nachbarn auch eben nicht besonders zu noch zu
verweilen, und eine Viertelstunde später trabten diese wieder, auf den
indeß ausgeruhten Thieren, der eigenen Heimath zu.
Sidonie hatte indessen der Schwester Hülfe für heute, da sie ja noch
nicht bescheid wisse in Haus und Wirthschaft, lächelnd abgelehnt, und
Kaffee gemahlen und von dem frischen Fleisch in die Pfanne geschnitten,
so daß bald ein recht gutes, nahrhaftes Mahl von Maisbrod und Wildpret,
Honig und Kaffee auf dem reinlich gedeckten Tische dampfte. Nur mit
Sitzen, wie mit Geschirr und Messer und Gabeln sah es ärmlich aus.
Amalie bekam die einzige noch ordentliche Gabel mit dem dazu gehörigen
Messer, Olnitzki nahm seinen Genickfänger, mit einer einzinkigen Gabel,
das Fleisch, das er schneiden wollte, damit zu halten, und Sidonie
benutzte ein ausgeschnittenes Stück Rohr, das allem Anschein nach schon
lange diesen Dienst verrichtet, abwechselnd des Gatten Messer dabei
gebrauchend. Auch für den Kaffee bekam die Schwester eine der freilich
henkellosen Tassen aus der alten Zeit, und wenn die Untertasse auch
nicht dazu paßte, trank es sich doch besser daraus wie aus den
Blechbechern, die von Olnitzki und seiner Frau benutzt wurden. Aber ein
eigenes unheimliches Gefühl bemächtigte sich der Schwester, als sie den
breiten Goldrand des zerbrochenen Geschirrs neben der blechernen
Schüssel stehen sah, und dann der Zeit gedachte wo sie selber diese
Tasse einst der jungen hoffnungsseligen _Braut_ geschenkt.
Das Gespräch bei Tisch war ziemlich einsylbig, und Sidonie selber konnte
kaum fünf Minuten hintereinander auf ihrem Platz bleiben, so nahm das
kranke Kind sie noch in Anspruch; Olnitzki aber neckte Amalie dabei, daß
sie so viel Gepäck mit in den Wald gebracht, wo sie so wenig brauchten,
und war dann selber neugierig zu sehen was die Kisten enthielten, als
ihm die Schwägerin sagte daß das Meiste darin nur für ihn und seine Frau,
wie für sein todtes kleines Kind bestimmt gewesen, dessen Hinscheiden
sie nicht einmal erfahren.
Einige Schwierigkeit hatte es für ihn, als das Essen beendet und das
Kind in Schlaf gebracht worden, die Kisten mit seinen verwundeten Armen
zu öffnen, aber es gelang ihm endlich, und Amalie suchte jetzt im
Auspacken die Schwester -- ja sich selber zu zerstreuen, denn Manches
hatte sie mitgebracht ihr und dem Gatten eine Freude zu machen. Aber,
lieber Gott, bei der Auswahl der Dinge war es ihnen daheim freilich
nicht eingefallen die Lieben in dem fernen Lande sich in solchen
Verhältnissen zu denken, als sie dieselben jetzt gefunden, und
wunderlich nahmen sich die prachtvollen Stickereien von Cigarrentasche
und Lesepult, Briefmappe und Taschenbuch, die Spitzenhauben und
Glacéhandschuh, das kleine reizende Dejeuner vom feinsten gemalten
Porcellan, das auf seinen Kannen und Tassen Landschaftsscenen aus
Sidoniens Heimath trug, die reich verzierte Lampe, die niedlichen
gestickten Pantoffeln, und alle die anderen unendlich geschmackvoll und
elegant gewählten Sachen in der ärmlich wilden Hütte aus, die ihr graues
Bretdach über sie spannte.
[Illustration: Capitel 2.]