Als der Spitalpfleger Christopher Kemmeter die Ratsschelle hörte,

befahl er seiner Schwester Margret, die ihm den Haushalt führte,

ein starkes Weinsüpplein zu kochen und, zu besonderer Süßung,

gehörig Zimt und Zucker hineinzutun. Dann zog er seinen Bürgerrock

an, stopfte sich eine holländische Kreidepfeife und nahm ein altes

Buch zur Hand, in dem die besonderen Rechtsfälle der Stadt seit dem

Jahre 1594 verzeichnet standen. Nicht ohne Seufzen öffnete er das

dickleibige Werk: er wußte, was er von der Frankenthaler Festfreude

erwarten durfte, wenn die Leidenschaft des Volkes erregt war, und

hegte keinen Zweifel, daß dieser Streich gegen das hübsche Babettle

von den Anhängern des Bürgermeisters Lienlein ausging, den er nicht

riechen konnte; denn der Gestrenge trug die Schuld, daß er mit seiner

Schwester als Junggeselle hausen mußte, weil er ihm, als er auf

Freiersfüßen ging, sein Schätzlein, die ehrsame Jungfer Katharina

Ziegenspeck, vor der Nase wegstibitzt hatte. Von diesem Erlebnis war

ihm nicht nur ein alter Groll gegen den regierenden Herrn, sondern

auch eine Geringschätzung der Weiber geblieben, denen er lange Haare

und kurze Gedanken nachsagte, obwohl er seiner leiblichen Schwester

einen scharfen Verstand zubilligen mußte: von der Jungfer Margret

Kemmeter hieß es in der Stadt, sie sei mit Haaren auf den Zähnen auf

die Welt gekommen und schlafe wie ein Drache auf dem Strumpf, in dem

sie ihre Reichstaler verwahre. Als die Schwester des Ratsherrn mit

dem dampfenden Weinsüpplein in das Zimmer trat, sah sie, daß die

Runzeln in dem Gesicht ihres Bruders seltsam zuckten: sie kannte

dieses Schelmengesicht, auf dem das Lachen nicht zum Ausbruch kam,

und gab dem vergnügten Kracher einen Rippenstoß, den er mit einem

meckernden Gelächter beantwortete; aber er war nicht zu bewegen, das

Geheimnis, das ihn in heimliches Behagen versetzte, preiszugeben, und

als er sein süßes Süppchen ausgelöffelt hatte, nahm er sofort Hut und

Stock, um, wie er sagte, auf die Ratsstube zu gehen und da vor der

Hexengerichtssitzung noch einen Herrenschoppen zu stechen und für

die Kehlenklärung des hochweisen Gerichtskollegiums zu sorgen. Er

machte aber, da es noch zeitig am Tage war und er nicht tief in die

Kanne zu steigen gedachte, einen Umweg durch die Talgärten, wo er dem

staatsmäßig in schwarzen Strümpfen und mit dem Dreispitz unterm Arm

einherwandelnden Stadtschreiber Lerch begegnete.

„Er sucht sich wohl ein Taubenhaus aus, wo Er nach der Hochzeit mit

Seiner Lalage schnäbeln kann?“ fragte er den Trübseligen, und fügte

dann hinzu:

„Es geht doch, sagt mir, was ihr wollt,

Nichts über Wald- und Gartenleben,

Und schlürfen ein dein trinkbar Gold,

O Morgensonn’, und sorglos schweben

Daher im frischen Blumenduft

Und mit dem sanften Weben

Der freien Luft,

Als wie aus tausend offnen Sinnen

Dich in sich ziehn, Natur, und ganz in dir zerrinnen.“

„Es ist schrecklich,“ entgegnete der Stadtschreiber.

„Meint Er das alamodische Carmen?“ entgegnete der Alte, den das

gedrückte Wesen seines Schützlings reizte. Und plötzlich fuhr er auf:

„Seh Er sich nach einem andern Schätzchen um. Was hat Er an dem kecken

Ding? Ein hübsches Lärvchen und ein Spatzenseelchen, weiter nichts.“

„Sie werden sie verbrennen,“ seufzte Friedrich Lerch wieder.

„Hat Er’s aus hochmögendem Mund gehört, oder hat Er’s aus den Akten

herausgefischt, daß die Frankenthaler noch jede Hexe verbrannt haben?

Er ist ein gewissenhafter Mensch; deswegen sollte Er auch wissen, daß

es noch viele andere hübsche Frauenzimmer in der Welt gibt. Ob Er nun

hier oder sonstwo an eine Hexe gerät, ist gleich: denn Hexen sind sie

alle. Ich bin in meinem Leben mindestens zehnmal verhext worden, aber

durch die Gnade unseres Herrgotts immer heil und gesund davongekommen.“

Friedrich Lerch lächelte säuerlich, um seinem Gönner zu zeigen, daß er

dessen Scherze verstehe und zu würdigen wisse; aber in Wirklichkeit war

ihm wund und weh zumute: denn seit Babette im Hexenturm gefangen saß,

quälte ihn die Frage, ob er ihr im Geist doch nicht unrecht getan habe,

in einem fort, und die Erinnerung an die Stunden stummen Glücks, da er

beim Surren des Spinnrades an ihrer Seite gesessen, erfüllte ihn mit

quälender Sehnsucht.

Als der Ratsherr sah, daß sein Schützling zu keinem Gespräch zu

bringen war, ließ er ihn unwirsch stehen, um noch einen Blick in

die Ratstrinkstube zu werfen, wo die zwölf Gerichtsherren vor der

Sitzung jeweils einen gehörigen Frühtrunk zu tun pflegten. Er fand die

Trinkstube voll wie an höchsten Festtagen. Es saßen da würdige Männer,

die mit ihrer Meinung, daß sich die Stadt mit dieser Hexengeschichte

ein böses Süpplein eingebrockt und, zum mindesten, lächerlich gemacht

habe, nicht hinterm Zaun hielten; aber dafür fehlte es unter den alten

Hochmögenden auch nicht an solchen, die sich im Auftischen saftiger

Hexenstücklein gar nicht genug tun konnten, und wer von ihnen selbst

nicht behext worden war, wußte zu berichten, daß wenigstens sein

Urgroßvater oder dessen Geschwisterkind die schönsten Hexen, wie es

keine mehr gebe, gekannt habe.

Der Ratsherr Kemmeter hängte seinen Dreispitz an einen Nagel und

stopfte umständlich seine holländische Pfeife; dann ließ er sich von

dem Ratsküfer einen Becher Faßwein reichen und ging von einem der

alten Stecher zum andern, und sein Becher klang beim Anstoßen so klar

und regelrecht wie die kleinen Glocken der Kilianskirche. Aber jeder

der Herren, mit dem er anstieß, bekam eine Bosheit zu hören, ohne daß

die Kracher aus dem Häuschen gerieten: denn sie kannten die Gewohnheit

des alten Spitalpflegers, allen Leuten einen Floh ins Ohr zu setzen,

und die Alten lasen aus den Mienen Kemmeters einen Spaß heraus, von

dem sie sicher waren, daß er zu dem bevorstehenden Hexenspektakel

paßte. Die Gerichtsherren waren samt und sonders voll süßen und sauern

Weins, als sie endlich auf schwankenden Ratsherrnbeinen in die große

Gerichtsstube hinaufstiegen, wo der neue Kanzler Friedrich Lerch, dem

auch das Amt eines Zehntschreibers oblag, mit käseweißem Gesicht schon

hinter seinem Amtstische saß. Er hielt eine neugeschnittene Rabenfeder

in der Hand, und auf seinen Zügen lag ein solcher Kummer, daß der alte

Kemmeter auf ihn zuging und ihn derb am Ohre zupfte. --

Babette war schon vorher, nach altem Frankenthaler Rechtsbrauche, aus

dem Hexenturm in eine „feine Stube“ des Rathauses verbracht worden, wo

der Dekan Lotter ihrer wartete, um sie durch geistlichen Zuspruch auf

das Verhör in dem Hexenrichtercollegio vorzubereiten. Der geistliche

Herr nahm es gelassen hin, daß sein Beichtkind alle Schuld bestritt;

aber es mißstimmte ihn, daß Babette allem Zuspruch ein hartnäckiges

Schweigen entgegensetzte, die Hand, mit der er ihr die Backe streicheln

wollte, voller Abscheu wegschlug und sich mit gesenktem Köpfchen an die

Tür stellte, wo der Stockmeister auf einem hölzernen Stühlchen hockte.

Die Tränen liefen ihr noch wie helle Perlen über die Wangen, als sie,

von zwei Ratsknechten geführt, in die Gerichtsstube trat, wo die zwölf

Richter hinter einem langen Tische beisammen saßen. Auf Befragen des

uralten Hexenrichters Götz Schlegelmilch erklärte sie schluchzend, daß

jedermann sie kenne: sie sei von ihrer Tante in christlicher Zucht und

Ehrbarkeit erzogen worden; sie habe wohl gehört, daß es Hexen gebe;

aber sie wisse nicht, was Hexerei sei, und glaube auch nicht, daß in

Frankenthal Hexen zu finden seien. Da erhob sich der Gerichtsherr

Valtin Zipfel und sagte stammelnd aus, als er aus der Trinkstube

gekommen, habe er plötzlich, im Vorraum vor dem Gerichtssaal, einen

solchen unterirdischen Ruch von Rosen um sich gespürt, daß er vermeine,

solches könne nur die Frucht des teuflischen Hexenwerks sein.

Darauf erklärte der Ratsherr Kemmeter, auch er habe diesen Ruch

mit seiner Nase wahrgenommen; aber der sei, wie er beim Evangelio

beschwören könne, aus den zinnernen Bechern der Ratsstube

emporgestiegen, von einem Jahrgang Wein, den er, vor zehn Jahren,

zu sechs Gulden das Fuder und also um einen Jammerpreis, an den

hochmögenden Rat geliefert habe. Im übrigen müsse er bemerken, daß der

Stechheber, mit dem der Ratsküfer den Schoppenwein aus den hahnenlosen

Fässern ziehe, schon längst schadhaft sei, weil er nicht genug geputzt

und gescheuert werde; er selbst habe hie und da mit Abscheu beim ersten

Schluck ein vermischtes Geschmäcklein auf der Zunge verschmeckt, was,

gegen alles städtische Herkommen, aus zwei Fässern zugleich stammte,

und eine solche Schlamperei sei dazu angetan, Geschmack und Wein der

Stadt in schlechten Geruch bei den Nachbarn zu bringen.

Dies brachte den Hexenrichter Götz Schlegelmilch in Harnisch: er

bekundete, daß er jüngst, als er von einem Nachttrunk heimgekehrt, aus

der Hottenlochgasse ein solch teuflisches Getöse, Toben, Schreien,

Singen vernommen, daß er nicht anders meine, als diese Lustbarkeit sei

von dem Erzfeind und Teufel wider alles Verbot der Obrigkeit angestellt

worden, um eine Hexe zu feiern und sein Reich zu heben. Worauf der

Ratsherr Kemmeter zwinkernd im Kreis umherblickte und erklärte: Daß

Weinsümpfe doppelt sähen, habe er gewußt; daß sie doppelt hörten, habe

er nun erfahren. Im übrigen rühre aber dies Geschrei, das guten Bürgern

die Nachtruhe störe, von den welschen Arbeitern am Schloßbau her, die

mit ihren Menschern die halbe Nacht durchtanzten und das Messer los im

Sacke trügen.

Doch der Gerichtsherr Schlegelmilch blieb bei seiner Aussage und

verlangte, daß die Malefikantin Barbara Glock alsogleich, nach altem

Brauch, zu Recht nackt ausgezogen, auf ihre Hexenmale untersucht und,

wenn solche nicht gefunden würden, mit Schrauben gepreßt werde.

Worauf der Ratsherr Christopher Kemmeter erwiderte: Er müsse die Schuld

an besagter Augentrübung des Hexenrichters noch einmal auf den schlecht

gehaltenen Wein schieben, der es bewirkt habe, daß er seine eigenen

Miträte auf dem Vorplatz für Hexenmeister genommen habe; er schlage

vor, den Ratsküfer ~edictaliter~ zu zitieren, um ihn zu christlicher

Verwaltung seines Amtes zu vermahnen, die Füllung der Weinfässer durch

ein wohlbestalltes Kollegium prüfen zu lassen und zwei Stechheber,

einen für die Katholiken und einen für die Evangelischen, auf Kosten

der Republik Frankenthal anzuschaffen.

Während die Ratsherren die Köpfe zusammensteckten, um über die

vorgebrachten Anträge zu beraten, ließ der Stadtschreiber Friedrich

Lerch Babette nicht aus dem Auge. Der Anblick des blassen Köpfchens,

das seinen Blicken auswich, erfüllte ihn mit unendlichem Mitleid, und

immer wieder gedachte er der Augenblicke, wo ihm das Licht ihrer Augen

das wunderbarste Glück verhieß.

Das eifrige Getuschel und Gerede der Gerichtsherren fand jedoch

ein jähes Ende, als sich der alte Kemmeter wieder erhob und mit

flötenweicher Stimme erklärte, er müsse, noch ehe ein Bescheid des

Hohen Collegii ergehe, die hochmögenden Gerichtsherren auf eine alte

Verordnung vom 13. Aprilis de anno 1563 hinweisen, wonach es den

Katholischen nicht erlaubt sei, eine Hexe allein der hochnotpeinlichen

Halsgerichtsbarkeit zu überliefern, sondern wonach es zu Recht bestehe,

daß die Lutherischen ebenfalls eine Hexe beizubringen hätten, wenn

den Katholischen der Fang eines solchen Tierleins gelungen wäre,

und so verlange er, als Bekenner der Augsburger Konfession, daß man

das peinliche Verfahren aussetze, bis es auch den Evangelischen

beliebe, eine Hexe ihres Glaubens aufzustöbern und der von Gott mit

scharfem Verstand begabten Obrigkeit zu peinlicher Rechtfertigung oder

Aburteilung zu übergeben. Seit der Glaube an die höllische Hexenzunft

bestehe, sei in Frankenthal niemals eine Hexe allein geschwemmt oder

verbrannt worden, und dies gleichzeitige Verfahren habe dem Stadtsäckel

manchen Batzen erspart, der dann auf schicklichere Weise, in einem

guten Trunk oder Schmaus, vertan worden sei. Auch sei es in Frankenthal

von alters her der Brauch, daß vor Vernehmung einer beschuldigten

Person ein dreitägiges Fasten für die Gerichtsherren aufzuschreiben

sei, womit verhindert werde, daß üble Dünste aus dem Magen aufwärts

steigen und die Helligkeit des Hirns trüben. Er heische übrigens noch

einmal die Herbeiführung eines Ratskonklusums über die Anschaffung

zweier neuer Stechheber, und falls sie der Ratsküfer in Zukunft nicht

paritätisch blank und sauber halte, solle er, zu Pfingsten und zu

Weihnachten, gestäupt und bei widerspenstiger Beharrung in seiner

Faulheit seines Amtes zu Ungnaden enthoben werden. Die Ratsherren sahen

sich mit langen Gesichtern an: der eine oder der andere hatte von der

alten Verordnung munkeln gehört, und da die Reichsstadt wegen der

Treue, mit der sie an den Verordnungen der Väter hing, in ganz Franken

berühmt war, so erging denn zunächst der Bescheid, daß Babette Glock,

die ob des Gehörten an allen Gliedern zitterte, ohne Verweilen zu

weiterem Gewahrsam in den Hexenturm zurückgebracht werde. --

Inzwischen redeten und schrien die Hochmögenden, die nun deutlich in

zwei feindliche Gegnerschaften auseinander traten, mit vorgestreckten

Gesichtern und spitzen Fingern aufeinander ein. Der alte Kemmeter aber

stand wie ein Fels dazwischen, rieb sich die Hände und zwinkerte den

Stadtschreiber Lerch mit vergnügten Äuglein an: er wußte zwar noch

nicht, wie die Regierenden seinen Antrag aufnehmen würden und was

daraus entstehen mochte; allein die Tatsache, daß er den hochmögenden

Herren einen richtigen Kemmeterstreich gespielt und einen Stein in den

Frankenthaler Karpfenteich geworfen habe, erfüllte ihn mit einer wahren

Weinfreude: entweder, so sagte er sich, gingen seine Glaubensgenossen

selbst daran, eine lutherische Hexe in den Turm zu liefern, damit das

hochnotpeinliche Gericht seinen Fortgang nehmen konnte, und dann sah

sich der Propst Schlegelmilch, der aus seinem geläuterten Rationalismus

kein Hehl machte, in einer üblen Lage; oder die Katholiken machten sich

selbst auf die Hexenjagd, um ein evangelisches Hexenstück zu erwischen,

und dann konnte es geschehen, daß Mord und Todschlag einrissen. Zwar

waren die Evangelischen in früheren Zeiten immer von dem löblichsten

Wetteifer geplagt gewesen, nicht weniger Hexen zu liefern als ihre

katholischen Mitbürger; aber sie hatten es stets aus freien Stücken

getan, ohne daß der hie und da aufflammende Glaubenszwist der beiden

Konfessionen bei diesen Hexenstreitigkeiten eine Milderung erlitten

hätte; ja, er war gerade bei derartigen Gelegenheiten in solche

Heftigkeit ausgeartet, daß sogar die Hexen beim Verhör erzählten, es

habe niemals eine lutherische Hexe mit einer katholischen auf einem

Maientanz tanzen mögen. Auch war es vorgekommen, daß die Aussagen der

Hexen über die Gebräuche bei den Walpurgisnachttänzen manchmal, je nach

dem Glauben der Beklagten, ganz wesentlich voneinander abwichen: bei

dem großen Hexenbrand im Jahre 1617 war, wie aus den Aufzeichnungen des

ehrsamen Ratschreibers Veit Unruh hervorging, ein gewaltiger Streit

zwischen den beiden angeklagten Hexen entstanden, weil die lutherische

Hexe steif und fest behauptete, bei dem Hexenmahl sei süßer Wein

getrunken worden, während die katholische selbst in den spanischen

Stiefeln nicht von ihrer Aussage abzubringen war, der Wein, den ein

rothaariger Küfer mit einer Feder hinter dem Ohr auf den Tisch gestellt

habe, sei so sauer gewesen, daß sie ihn heimlich, damit der Grüne es

nicht sehe, weggespien habe. --

An den nun folgenden Tagen summte und brummte die alte Reichsstadt

wie ein Bienenkorb vor dem Schwärmen. Meister und Gesellen verließen

ihre Arbeit und standen feiernd an den Straßenecken beieinander.

Die breitesten Gassen rochen wie eine dampfende Wurstküche, und die

zahlreichen Becken, die ein ererbtes Schenkrecht ausübten, sowie die

Zunftküfer und Weinwirte des niederen Volkes mußten ihre ältesten

Fässer anstechen, um den Hexenbrand der Meister und Gesellen zu

löschen, die sich hinter den Kannen mit listigen Äuglein maßen. Die

alten evangelischen Mainfischer schrien in ihrer Mundart, daß sie

sich kein Brotkrümlein von ihrem Rechte abzwicken ließen; denn es

sei eine Frechheit, wenn die Katholischen sich herausnähmen, ein

eigenes Hexenrecht zu schaffen. Die Aufgeklärten, die sich in solche

Konventikel verirrten, suchten die wilden Männer zu beruhigen, indem

sie erklärten, daß es in Frankenthal schon seit einer halben Ewigkeit

keine Hexen mehr gebe, weil die Vorväter, in vorausschauender Weisheit,

die ganze Brut schon längst mit Stumpf und Stiel ausgerottet hätten.

Daraufhin erklärten die Parteigänger des Bürgermeisters Lienlein, daß

man schon eine protestantische Hexe finden könne, wenn man nur wolle:

denn daß noch ungefangene Hexenweiber in Frankenthal herumgingen,

beweise der Umstand, daß der Sohn des Bürgermeisters in der Nacht

zuvor, als er an dem Hexenturm vorbeigegangen, von unsichtbaren Fäusten

so zerbläut worden sei, daß er die blau und gelben Male noch an seinem

Körper trage. Bald hieß es auch, daß Kaspar Lienlein, der seit einer

Woche die halbe Nacht in dem Weinhaus „Zur warmen Wand“ liege, mit

seinen Freunden auf eigene Faust und Gefahr ein evangelisches Hexlein

zu fangen gedenke, damit die eingetürmte Babette Glock endlich dem

Urteil überantwortet und geschwemmt oder zu Asche verbrannt werde.

Indessen ging es auf dieser Jagd dem Sohne des Bürgermeisters schlecht:

er wurde von unbekannten Händen in eine randvolle Jauchengrube

geworfen, und als man den jämmerlich Schreienden herauszog, fand es

sich, daß ihm sein rechtes Auge heraushing. --

Da unter solchen Umständen der Bürgerkrieg in Frankenthal drohte,

traten die beiden Geistlichen, der protestantische Propst Ehrwürden

Veit Schlegelmilch und der katholische Dekan Kilian Lotter, zu einer

Beratung zusammen. Die beiden Herren lächelten süß, als sie sich in

einem Ratszimmer trafen, um diese leidige Sache zu erwägen und mit

Gottes Hilfe einen Ausweg zu finden. Der Dekan Lotter, dessen feistes

Prälatengesicht den Himmel auf Erden widerspiegelte, beklagte zunächst

den Umstand, daß man ein Kind seines Glaubens der Hexerei bezichtige;

aber weder seine Miene noch seine Worte verrieten die geringste

Unruhe: er erklärte, er habe dem fürstbischöflichen Kommissariat einen

Bericht erstattet und sehe nun allen Weiterungen mit der Ruhe eines

guten Gewissens entgegen. Da jedoch in jedem geistlichen Gemüt ein

Flickereien Rost glänzt oder ein Tröpfchen Bosheit giert, belehrte er

den Propst, daß schon der Pater Friedrich Spee sein Leben daran gesetzt

habe, den greulichen Hexenwahn zu bekämpfen, und der Eindruck, den

der fromme Priester von dem Elend der Hexenprozesse gewonnen, sei so

groß gewesen, daß sein Haar im schönsten Mannesalter weiß wie frischer

Schnee geworden sei, wie aus seinem Buche „~Cautio criminalis~“

hervorgehe. Und als Gegenstück zu dieser frommen Lichtgestalt ließ

er den sächsischen Kanzler und Protestanten Carpzow auftauchen, der

allein das Todesurteil von zwanzigtausend Hexen unterzeichnet habe.

Der Propst Schlegelmilch hörte diese Unterweisung mit mildem

evangelischen Lächeln an; sein Gemüt war zwiespältig: während er einem

gemäßigten Vernunftglauben zuneigte, ging seine Seele heimlich in

verschlossenen Seelengärtchen spazieren, wo Liebeswunder herrnhutischen

Gepräges geschahen und Weltliches und Geistliches wie Rosen- und

Liliendüfte ineinanderflossen. Er bedauerte den Geist der Stadt, der

allzusehr an Altem hänge und nicht davor zurückschrecke, um eines

Festes willen sein Seelenheil aufs Spiel zu setzen; aber im stillen

gelobte er sich, seinem katholischen Amtsbruder die Anspielung auf den

lutherischen Kanzler Carpzow bei Gelegenheit mit Zins und Zinseszinsen

heimzuzahlen und bei der Verteilung des städtischen Deputatholzes

darauf zu sehen, daß die katholischen Holzknechte nicht die schönsten

Scheite ihrem Seelenhirten zu übermäßigen Klaftern schichteten. --

So verlief die Unterredung der beiden Geistlichen, ohne eine Wendung

im Schicksal der Babette Glock herbeizuführen. Dafür beschlossen die

beiden Gerichtsherren Unruh und Zipfel, bei dem störrischen Babettchen

selbst auf den Busch zu klopfen, um aus ihrem Munde zu erfahren,

mit welchen Hexen sie zu Pfingsten auf der Galgenweide getanzt und

geschmaust habe. Sie fanden die Gefangene blaß, aber gefaßt in der

Fensternische ihres Turmes sitzen: sie dachte just des Tages, da ihr

Jugendgespiele Friedrich Lerch, von der Akademie heimkehrend, zum

erstenmal in die Stube bei ihrer Tante getreten war, und ein Gefühl

glücklicher Erwartung erquoll aufs neue in ihrer Brust. Als die beiden

Kracher von dem Hexentanz anfingen, flammte das alte Wesen in ihr

auf: sie ging mit geballten Fäusten auf die Alten los, so daß diese

mit aufgehobenen Händen bis an die schwere Eisentür des Verließes

zurückwichen, von wo aus sie erschreckt und zitternd auf das bebende

Mädchen blickten.

Der Ratsherr Zipfel begann als erster zu lachen: „He, Jungfer Glock,

nichts für ungut, mit Euch möcht ich selbst ein Hexentänzchen wagen.“

Und er spitzte den Mund, als ob er ein Schmätzlein pflücken wolle.

Im stillen war er jedoch voll Ärgers, daß er nicht allein gekommen

war, um dem schönen Kind das Hexenherzchen schwer zu machen. Er trat,

da Babette ruhig blieb, wieder einen Schritt näher und fuhr meckernd

fort: „Aber so sagt uns doch nur, mit welchen Hexen Ihr beim letzten

Tanz zusammen waret. Ist kein lutherisch Hexle dabei gewesen? Aus der

Hottenlochgasse, wo die Hexen von alters her wachsen? So sagt es doch.

Verbrannt werdet Ihr doch; denn es ist noch niemals erlebt worden, daß

eine Frankenthaler Hexe freigekommen ist.“

Da ging Babette in jäh ausbrechender Wut wieder auf die Alten los,

und aus ihren Augen flammte ein solches Licht, daß die Gerichtsherren

zähneklappernd die Flucht ergriffen. Sie vergaßen sogar, die eichene

Gefängnistüre mit dem Schlüssel zu schließen, und keiner wußte zu

sagen, wie er die ausgetretene Wendeltreppe heruntergekommen war. Der

Ratsherr Unruh erzählte am Abend in der Ratsstube, er habe nun auch den

Rosengeruch gespürt, der den Gerichtsherren dazumalen, beim Gang aus

der Ratstrinkstube, in die Nase gestiegen sei; aber es sei ihm dabei

so elendiglich zumute geworden, daß er in seiner Seele nicht mehr froh

geworden, bis er bei seinem ehelichen Weib zu Hause gesessen und drei

Rosenkränze nebst der lauretanischen Litanei gebetet habe. --

Unterdessen geschah es in der aufgewühlten Stadt, daß bald diese

oder jene Frankenthalerin als Hexe genannt wurde. Infolge dieses

heimlichen Geredes kam es an verschiedenen Abenden zu blutigen

Schlägereien zwischen Katholiken und Evangelischen, und da auch die

Frankenthalerinnen ihre Zungen gehen ließen, gerieten die Gemüter in

solche Erhitzung, daß bald jede Frau in jeder andern eine heimliche

Hexe sah.

Indessen saß Babette weltverlassen in ihrem Turm und brütete in

wechselnder Gemütsart vor sich hin. Sie konnte es nicht begreifen,

daß kein Wunder geschah und Tag um Tag verging, ohne daß der Geliebte

erschien, um sie aus dem Jammer fortzuführen. Der Blick, den er

ihr zugeworfen, als sie den Rathaussaal verlassen hatte, wo die

leibhaftigen Teufel in Ratsherrengestalt auf ihren hochlehnigen Stühlen

hockten, glänzte noch immer vor ihr her, und wenn sie unwillig wegen

seiner Schüchternheit werden wollte, die alles verschuldet habe,

löschte dieser lange Blick jeden Groll in ihrer Seele aus. Sie schloß

ihre Augen, um diesen Blick immer wieder mit vollem Herzen zu genießen,

und das Glück, das sie ersehnte, stand dabei so klar vor ihrer Seele,

daß sich ihre Wangen mit brennendem Rot färbten, wenn sie seiner

gedachte. Von einem Augenblicke seligen Beisammenseins spann sich ein

goldenes Fädchen in ähnliche Augenblicke späteren Daseins hinüber, und

wenn sie die Augen aufschlug und das blecherne Eßgeschirr vor sich

stehen sah, floh sie eiligst in die Mauernische, wo sie nur den Schrei

der Dohlen vernahm, die den Knauf des alten Hexenturms umschwärmten.

Dann quoll ein seltsames Mitleid mit sich selbst, das doch nicht ohne

Süße war, in ihrem Herzen auf, und die Gassenbuben, die vom Stadtwall

aus nach dem Hexenturm herüberblickten, erschienen ihr, wie durch einen

Schleier hindurch, zum Greifen nah und doch unendlich ferne.

Die Hexe: Eine Erzählung · 第 2 / 4 段