»Nein,« sagte sie, »ich will mich selber nur fortschicken, Klaus, damit
wir nicht ins Verschwenden geraten.«
»Traud -- wir sind ja so reich -- --«
Sie nahm sein Gesicht zwischen ihre Hände und schüttelte den Kopf.
»Nichts, nichts haben wir auf Vorrat gesammelt. Verstehst du das,
Klaus? Nichts miteinander an Sehnsucht, die Zinsen bringen soll, an
diesem steten und immer stärker werdenden Zusammenbegehren, das die
kleinste Erfüllung zu einem Sonntag macht, nichts als diesen einen
allerersten Frühlingstag, der alles zum Blühen gebracht hat. Klaus, ein
rechter Gärtner, der seinen Garten lieb hat, nimmt nicht die Blüten.
Klaus, der freut sich täglich an dem Früchtereifen und auf die reiche
Ernte. Willst du mich nicht verstehen? Sieh, du lieber Mann, ich möchte
dir mehr sein als eine Episode, ich möchte dein Garten sein.«
Er blickte an ihr vorüber. Irgendwohin in den dunkeln Gang. »Also ich
soll warten und werben. Das ist es.«
Und neben ihm sagte sie in die Dunkelheit hinein mit ruhiger Stimme:
»Ich gehöre dir.«
Da beugte er sich hastig nieder, ergriff ihre Hände und küßte sie und
küßte jede einzelne. »Gute Nacht, Traud. Ich danke dir. Gute Nacht, und
auf morgen und all die Tage.« Und er wollte schnell an ihr vorbei.
Da kehrte ihr mit einem Schlage all ihre Fröhlichkeit zurück, und sie
ergriff ihn bei den Schultern, rüttelte ihn ein wenig und lachte ihm
in die Augen. »Was, das ist alles? Und nun soll ich hier sitzen und
meine geküßten Hände besehen, während du dort oben in eurem Hause
Lieder singst und den Becher schwingst und mit deinen Kumpanen in alten
Abenteuern schwelgst? O nein, Herr Professor, das ist mir zu wenig, und
wenn ich für den Handkuß aus besonderen Gründen auch sehr dankbar bin,
Bevorzugungen dulde ich nun einmal nicht, und hier, hier der Mund, will
auch sein Privatissimum haben.«
»Genug? Du --! Bevorzugungen dulde ich nicht. Diese lieben Augen --
dieser liebe Hals --«
Sie knickste so tief, daß sie unter seinem Arm entschlüpfte. »Gute
Nacht -- alter Pirat!« Und er hörte ihre Stiefelchen die Treppe
hinaufklappern. Und draußen umfing ihn die Frühlingsnacht, daß er sie
mit Händen hätte greifen mögen, und in ihm läuteten Glocken und sangen
jubilierende Chöre Auferstehungslieder: »Wieder jung geworden -- wieder
so jung geworden!«
Und bis in die späte Nacht hinein saß er zwischen den Freunden von
einst und den Gedanken von heut, und kein Neid kam mehr an sein
Herz heran, weil es voll war vom Köstlichsten der Erde, voll von
Erwartungen. Mit dem Sohn ging er heim und hörte lächelnd seinen
Schwärmereien zu, die er nie in dem streng erzogenen Jungen zu finden
geglaubt hätte, und unterbrach ihn nicht ein einziges Mal.
»Aber das Schönste war, Papa, daß du gekommen bist.«
»Weshalb denn, Walter?«
»Weißt du, weil ich dich so jung gesehen habe, und das hat mich dir
soviel näher gebracht. Ich könnte dir jetzt immer alles sagen und würde
mich nur noch vor dir schämen, aber mich nicht mehr vor dir fürchten.
Wir -- zwei Männer.«
An diesem Abend küßte Klaus Kreuzer seinen Jungen zur Guten Nacht: »Wir
-- zwei Männer ...«
Er hatte seinen Stuhl neben Trauds Klavierbank gerückt und sah zu, wie
das Morgenlicht über die Tasten rieselte und sich unter dem leisen
Anschlag ihrer Finger streicheln ließ. Und wenn sie seinen Blick
fühlte, wandte sie den Kopf nach ihm, sah ihn lange an und nickte ihm
zu.
»In einer Stunde, Traud, kommt der Mittagsschnellzug und holt mich nach
Berlin. Wirst du mit zum Bahnhof gehen?«
»Nein, Klaus. Wir trennen uns ja gar nicht.«
»Ich hätte gern als Letztes einen Blick von dir mit mir genommen. Aber
du hast recht, und es muß auch ohne das Symbol gehen!«
Und sie sah ihn lange an und ließ die Finger im leisen Anschlag durch
die Sonne gleiten und nickte ihm zu.
»Ich lass' dir den Walter, Traud. Laß _ihn_ zuweilen zuhören, wenn du
spielst, und zusehen, wenn soviel Sonne im Zimmer ist.«
»Ja, Klaus.«
»Marianne hat ihm nicht viel Heiterkeit mitgegeben, und ich saß wie
ein rechter Streber zwischen den Büchern und wurde abends von Marianne
in den Gesellschaften -- vorgezeigt. Da blieb nicht viel übrig
für den Jungen. Und doch ist soviel Ungehobenes in ihm und soviel
Quellenreichtum, der übersprudeln möchte, wie in jedem jungen Menschen.«
»Er ist ja dein Sohn, Klaus.«
»Er ist es wohl noch nicht, aber ich möchte, daß er es wird. _Mein_
Sohn.«
»Ich werde ihm häufig aus der Zeit erzählen, in der sein Vater jung war
und« -- sie lächelte -- »in der er es wieder wurde.«
Er beugte sich über sie und küßte sie aufs Haar.
»Da ich es doch durch dich wurde, so mußt du schon seine Mutter sein.«
»Ja, Klaus, das will ich.« Und es wurde still und feierlich in ihnen
und um sie her.
Klaus Kreuzer saß und hielt die Hände zwischen den Knien. Und begann
noch einmal, leise und beschämt: »Es war ja nicht recht von uns,
so einfach den Zufall, daß du deiner Mutter Haus geerbt hattest,
wahrzunehmen und den Jungen bei dir einzuquartieren. Aber Marianne
meinte, pekuniär machte es dir nichts aus, und du ergriffst auf diese
Weise gewiß gern die Gelegenheit, den verlorenen Anschluß an die
Familie zurückzugewinnen. Ich sagte Ja und Amen. Traud, ich kannte dich
ja gar nicht.«
Sie war blaß geworden und ließ die Hände in den Schoß sinken.
»Den verlorenen Anschluß an die Familie ...« murmelte sie. Und
plötzlich erhob sie sich mit einer jähen Bewegung und warf ihm die Arme
um den Hals. »Mir gehörst du, mir, und dein Junge gehört mir auch.
Schon als Kind habe ich dich lieb gehabt, dich und deine Freude,
und die andere hat dich mir genommen, und dir hat sie deine Freude
genommen.«
»Nicht so, Traud --«
»Nein, nicht so. Und nun wollen wir nie wieder davon sprechen. Aber
geben wollen wir uns aus vollem Herzen alles das, was die anderen nicht
wollen und was uns so nötig ist wie das Atmen: unsere Freude, Klaus.«
Er hielt sie ganz fest, und in ihre Augen hinein sagte er: »Daß wir
noch so jung sind, Traud.«
»Daß wir noch eine so lange, lange Wegstrecke vor uns haben, Klaus.«
»Leb wohl, Traud. Das ist kein Abschied. Das ist ein Dank aufs
Wiedersehen.«
»Auf Wiedersehen, du -- --«
Ein paar Schritte tat er und kehrte um, nahm ihr Gesicht in seine Hände
und blickte tief in ihre Augen.
»Ich mußte noch einen Blick in meinen Garten werfen.«
Dann ging er.
Sie hörte seinen Schritt die Treppe hinaufgehen und wieder herabkommen.
Band um, Mütze auf, sah sie ihn elastischen Schrittes über die Straße
schreiten, den Sohn neben sich, der seine Farben trug. Und Klaus
Kreuzer schritt zum Bahnhof und fand die Couleur vollzählig versammelt
und die alten Herren, die vom Feste noch übriggeblieben waren, und er
ging von einem zum anderen und schüttelte allen die Hand.
»Wiederkommen! Wiederkommen!«
»Ihr könnt euch darauf verlassen.«
Und der Zug lief ein, der Abschied vom Jungen war vorbei, und er stand
am offenen Gangfenster und hielt die Mütze vor der Brust.
»Abfahren!« Und der Zug zog an.
»Stoßt an! Marburg soll leben! hurra hoch!
Die Philister sind uns gewogen meist,
Sie ahnen im Burschen, was Freiheit heißt.
Frei ist der Bursch -- frei ist der Bursch!«
Das klang wie Schwerterklang und Bechersang aus einem halben Hundert
Jungmännerkehlen zu ihm auf und schwang sich hinter dem Zuge her und
rief zu Lebenskämpfen und Lebensfesten, daß ihm das Wasser in die Kehle
treten wollte. Noch immer lehnte er im Fenster und hielt die Mütze zum
Gruß fest vor der Brust. Dann war der Bahnhof zu Ende, und er tat einen
Ruck und stand hochaufgerichtet und starrte geradeaus.
Da stand am Ende des Bahnsteigs eine Frau und sah ihn an mit
weitgeöffneten, hellen Augen.