»Du! Du hast es leicht gegen mich mit deiner einstigen
Mädchensehnsucht. Nun bist du meine Mannessehnsucht, und das ist heute,
und morgen und alle Tage wird es nun nicht mehr anders sein!«
»Gott sei gedankt,« sagte sie, »daß du wieder etwas zu ersehnen hast.«
»Traud -- ist das dein Leichtsinn?«
»Ja,« wiederholte sie, »das ist mein Leichtsinn. Das ist der Sinn,
der das Leben leicht macht. Gott sei gedankt, daß du wieder etwas zu
ersehnen hast, du lieber Mann, denn die Sehnsucht wird dich jung halten
und dir Träume geben, wenn es grau um dich ist, und die Spannkraft, an
Schöpfungen heranzugehen, die voll blühenden Lebens sind und nicht
voll Bücherweisheit.«
»Nein, nein, du, das ist mir nicht genug! Ich werde oft und oft kommen
müssen, um nachzuprüfen, ob die Sehnsucht vor dem Bilde noch standhält!«
Sie reckte sich, daß ein Schwellen durch die schlanke Gestalt lief.
»Komm nur, ich fürchte mich nicht.«
Und er stand und trank mit weitgeöffneten Augen das Bild in sich hinein
und wußte, daß es seine Jugend sei, und tat einen Schritt vor und nahm
sie fest in beide Arme.
»Bleibst du mir treu?«
»Ich liebe dich!«
»Ob du mir treu bleibst?«
»Sorge dafür.«
Da verstand er sie.
»Ich bleibe mir treu. Hab keine Sorge mehr um mich. Ich lass' von
meiner Jugend nicht mehr locker, und die Menschen sollen den Gewinn
davon haben.«
»Mach die Menschen fröhlich, Klaus, mach sie fröhlicher als weise!«
Und im Wald war ein Frühlingsrauschen, und sie gingen ihm nach,
bis die Schwedenschanze sich vor ihnen hob, und bunte Mützen,
weiße Mädchenkleider auftauchten und schwanden und auftauchten und
verharrten. Und ein junges Lachen war um sie her. Und da unten lag
Marburg, die alte, liebe Stadt, streckte die Elisabethenkirche ihre
Türme zu ihnen auf, winkte vom Schloßberg der Landgrafenbau und dicht
im Grün des Hanges das Haus seiner alten Verbindung, die jung blieb
durch den unerschöpflichen Menschenfrühling.
»Und da lachten sie beid',
Zur Sommerzeit,
Wenn am Walde, am Walde,
Die Heckenrosen blühn --«
sang und jubelte es über die Heide, kraftvolle Jungmännerstimmen und
helle, süßklingende Mädchenstimmen darüber hinaus. Und die beiden
Menschen am Waldrande nahmen das Lied auf, und sie spürten den wilden
Rosenduft noch auf ihren Lippen, als sie lange schon im lauten,
frühlingsbewegten Kreise saßen, den Rosenduft, der aus der braunen
Dornenhecke bricht, wenn die Natur befiehlt.
Da war auch Walter Kreuzer, der jüngste Fuchs, und Mütze und Band waren
mit Anemonen dicht besteckt, und an jedem Arme führte er ein lachendes
Mädchen dem Vater zu. »Papa, du sollst entscheiden. Sie wollen beide
von mir wissen, wer die schönste sei. Ich finde sie beide entzückend.«
»Das genügt uns nicht,« riefen die übermütigen Mädchen, »wir sind in
Deutschland und nicht in der Türkei!«
»Wollt ihr euch einem salomonischen Urteil unterwerfen, ihr fröhlichen
Frühlingskinder?«
»Ja, ja, Herr Professor!« Und sie knieten ihm zu beiden Seiten und
machten ihre lieblichsten Augen.
»Das Schönste an der Frau,« sagte Klaus Kreuzer, »ist das Unsichtbare,
die Seele. Und die Gelehrten streiten sich, wo der Sitz der Seele
sei. Ich streite mich nicht, denn ich weiß, sie liegt auf den Lippen.
Dort in euren rosigen Mundwinkeln kauert sie und wartet darauf, Gutes
zu tun. Wer die wohltätigste Seele hat, ist die allerschönste auf der
Welt! Vorwärts, ihr Mädchen, jetzt will ich entscheiden!«
Da flatterten sie auf wie erschreckte Singvögel, und die weißen Röcke
stoben um sie her wie der Flaum des Nestrandes, und sie jagten mit
purpurnen Gesichtern ins junge Volk hinein, das die Arme nach ihnen
ausbreitete und durcheinander schrie: »Seelenkunde! Seelenkunde! Fort
mit allen Fakultäten! Wir wollen nur noch Seelenkunde treiben!«
»Nun hast du ihnen den Himmel aufgestoßen, Klaus! Ist das nicht die
fröhlichste Wissenschaft?«
»Traud, sie kommt von dir. Aufgeschlossen hast du!«
»Ich bin nur der Torhüter.«
»Und wenn der Torhüter Feierabend macht?«
»Gott, Klaus, ein Torhüter ist doch auch nur ein Mensch und muß Stunden
haben, in denen er sich mal gründlich um das Wohl der lieben Seinen
bekümmert.«
»Traud, ich glaube -- diese Stunde ist jetzt da.«
Sie saß unbeweglich und blickte, als wäre kein Wort an ihr Ohr
gedrungen, über den Kreis der Menschen hin. Aber in ihren Mundwinkeln
zuckte es ganz leise, wie ein verhaltenes Lachen, und sie drängte es
zurück, daß es ihr zum Herzen strömte und die Brust sich heimlich hob.
»Siehst du,« sagte er, »du kannst mir nichts verheimlichen.«
Da sprang sie auf und lief zu den Frauen und Mädchen und riß sie mit
zu tausend Neckereien und Spielen und Scherzen und ließ keinen ihrer
Blicke mehr zu ihm hinüber. --
Im purpurnen Abendschein lag Marburg. Und die Luft war so voll vom
Jubilieren der Vögel, daß die Menschen in ihrer lauten Lustigkeit
innehielten, stiller wurden und endlich schweigsam. Die purpurne Glut
aber griff nach der dunkelblauen Decke, die der Himmel ihr hinhielt,
und verbarg ihr letztes Sonnenglück vor den Augen der Menschen.
Ein tiefer Atemzug von der Erde zitterte hinter ihr her.
»Wo bist du, Klaus?«
»Neben dir!«
»Fackeln an! Antreten zum Zuge! Es wird der Harmonie wegen und
lediglich der Harmonie wegen gebeten, daß nur harmonisch gestimmte
Paare -- Wie? -- Seelenkunde bei Fackelbeleuchtung? Ich habe hier die
Mamas zu vertreten und bitt' mir aus: Mäulchen werden nur gespitzt
zum schönen Lied. Silentium! Schönes Lied steigt! ›Wenn wir durch die
Straßen ziehen! ...‹«
Und der flotte Chargierte, eine weißhaarige Professorengattin am Arm,
setzte sich, kräftig intonierend, an die Spitze des Zuges.
Wenn wir durch die Straßen ziehen, recht wie Bursch' in Saus und
Braus,
Schauen Augen, blau und graue, schwarz und braun aus manchem Haus.
Und ich lass' die Blicke schweifen, nach den Fenstern hin und her,
Fast, als wollt' ich eine suchen, die mir die Allerliebste wär'.
Die Fackeln blitzten durch den Wald, und die Augen blitzten hinüber und
herüber, und junge Schultern suchten aneinander Halt beim Abstieg zur
Stadt, als könnten sie so noch einen Herzschlag lang den Zauber bannen,
der sie alle befallen hatte im Frühlingswald.
Durch die Straßen der Stadt ging es fackelschwingend und liedersingend,
und Klaus Kreuzer und Traud Werder schritten inmitten der großen
Schar und waren still und ganz allein mit sich und freuten sich, als
sie es fühlten und einer es dem anderen immer wieder mit einem Druck
des Armes sagen mußte. Die Fenster der Häuser waren voll von nickenden
und lachenden Mädchenköpfen, und vor den Haustüren erhoben sich die
Philister von den Bänken und zogen die Mützen und setzten sie ärgerlich
wieder auf, wenn ihnen ein Spitzname auf die würdige Glatze geflogen
kam im Überschwang des Jugendübermutes.
Und Traud Werder trat an einer Seitenstraße unbemerkt aus der Reihe
heraus und Klaus Kreuzer mit ihr, und sie ließen den brausenden Schwarm
an sich vorbei und atmeten tief auf. Dann standen sie vor Traud Werders
Haus, und sie schloß auf, wandte sich in der offenen Tür nach ihm um
und reichte ihm die Hand.
»Gute Nacht, Klaus. Nun habe ich mir so viel Schönes mitgebracht, daß
ich nicht mehr allein bin.«