»Ich muß euch mal nebeneinander sehen. So -- -- Aha, die Länge ist die
gleiche. Und das dunkle Haar --«
»Ich habe schon weiße, Traud.«
»Bitte, sich nicht interessant machen zu wollen. Also das dunkle Haar
hüben wie drüben. Das Gesichtel in der jüngeren Auflage --«
»O Gott, das Gesichtel!«
»Ich spreche doch wahrhaftig nicht von deinem, Klaus. Ja, Walter,
vorläufig noch mehr Milch als Blut, aber verlaß dich nur auf deine
alte Tante, die Couleur wird für die richtige Couleur schon sorgen.«
Und sie streichelte ihm mütterlich das volle Haar.
Der Junge errötete unter der frauenhaften Liebkosung. »Erstensmal bist
du nicht alt, sondern noch sehr jung, und zweitens lege ich wirklich
gar keinen Wert auf das Saufen und Raufen. Ich werde schon meine Zeit
anders verwenden, und morgen geht es, trotz der Antrittskneipe heut,
ins Kolleg.«
Sie streichelte noch immer sein Haar.
»Ja, ja, du bist ein braver Junge, aber -- Bravheit schützt vor Jugend
nicht.«
Da lachten sie alle drei mitsammen, und der Junge haschte nach ihrer
Hand und küßte sie in wohlerzogenem Respekt.
»Dein Vater, Walter, sieht aus wie dein älterer Bruder. Forsch, was?
Gib acht, daß er nicht noch sämtliche studentischen Völkerschaften
Marburgs vor die Klinge nimmt.«
»Ach -- Tante! Aber er sieht wirklich anders aus als zu Hause.«
»Das tut die gute Marburger Luft. Und nun hab' ich euch mit meinem
Schwatz lange genug aufgehalten, und ihr kommt schon zu spät auf den
Berg. Du bleibst doch noch einige Tage, Klaus?«
»Der Minister hat dringende Arbeiten für mich, sonst hätte ich
den Walter selbst hergebracht. Nun langt's nur für den Tag der
Antrittskneipe, den ich mir für den Jungen nicht nehmen lassen wollte.«
»Schade --. Aber -- der Minister und Marburger Frühling -- das reimt
sich schlecht zusammen. Also ein andermal, und viel Vergnügen für
heute.«
»Auf morgen, Traud. Wir werden diese Nacht sehr leise auftreten.«
»Versprich nicht zu viel, oder ich streue Erbsen.«
»Adieu, Tante Werder. Morgen heißt's frisch sein.«
In der Tür wandte sich der Professor um. »Entschuldige, aber da vergaß
ich ganz, dir die schönsten Grüße von Marianne auszurichten und ihren
verbindlichen Dank für die gute Aufnahme des Jungen. Wir rechnen dir
das ganz besonders hoch an, weil -- nun, weil --«
»Ach, lieber Klaus, nun geh schon lieber auf die Kneipe.« Und sie
lachte ihn aus.
Der Junge polterte schon auf der Stiege. Da trat er noch einmal ins
Zimmer und griff nach ihren Händen.
»Sag mir nur das eine. Wie hast du dir durch alle die schweren
Lebenslagen hindurch nur deine Lustigkeit bewahren können?«