J. C. Heer

zu eigen

[Illustration]

Da lag die alte, liebe Stadt zu Füßen. -- Da krochen die alten,

lieben Gassen wie ehedem den Berg hinan, wie heimliche Liebhaber auf

gewundenen Pfaden, und umkreisten das Landgrafenschloß, das sechs

Jahrhunderte und mehr ihnen zuwinkte und doch nur schöner geworden war.

Da breitete sich die stille, grüne Ebene weit hinaus, so weit, wie man

Gedanken senden kann, bis zu der Hügelkette, die den Horizont erklomm,

die Äste ihres Waldgebietes ausspannte und den ziellos schweifenden

Gedanken zurief: Bleibt hier -- nutzet den Tag! ...

Und aus der Ebene lachte das sonnenglitzernde Gewässer der Lahn,

und ein Frühlingswind, der nicht mehr als ein Streicheln war, trug

spielerisch die Blütenblätter der Obstbäume mit sich und streute sie

über den Fluß. Da war's, als ob auch die alte Lahn im Brautgewande

schimmerte und verstohlen nach dem Bräutigam hinaufblinzelte, der

alten Stadt Marburg, aus deren Höfen und Gärten blühendes Strauchwerk

hervorsproß wie Blumensträuße am Hochzeiterrock.

Und Stadt und Schloß, Flußtal und Berghänge, die sich seit

Jahrhunderten schon ihre Liebe kund taten, waren nicht älter und waren

nur schöner geworden.

»Wie ist das möglich ...?« fragte sich der Mann am Fenster, »wie ist

das möglich? Sechs Semester hab' ich hier einmal durchtobt und später

geglaubt, alles das wäre nur mit den leicht entzündbaren jugendlichen

Sinnen aufgenommen worden. Und nun ist das alles so geblieben und blüht

noch stärker und setzt sich über Zeit und Alter hinweg. Und auch --

über mich. Und lacht über meinen Professorentitel und über meinen

Lebensernst ... Oder ist es nur ein wenig Spott, weil ich mich hier --

mit Farben schmücke -- von denen meine Seele -- nichts mehr weiß?«

Ein gespannter Zug trat in sein Gesicht. Als wäre ein Gedanke in

ihm aufgetaucht, den er sich mühte bis zu seinem Ausgangspunkt zu

verfolgen. Und die Spannung löste sich in eine Versonnenheit, und die

Versonnenheit wurde zu einem Lächeln, das sich heimlich aufmachte und

suchend durch die Gassen irrte und fand und verharrte und weiterzog und

wieder fand.

»Der lange Ritter --! Der dicke Baum -- ›Deutschlands Eiche‹

genannt --! Lindner, der knabenhafte ›reine Tor‹ --! Sein Gegenspiel

Werder, der große ›Amoroso‹ --! Die ganze Schar --! Und mitten darunter

-- war er das nicht, Klaus Kreuzer, den sein eigenes Lächeln jetzt

begrüßte -- der übermütige Junge da mit der Mütze im Nacken, den Rock

auseinandergeschlagen, auf daß man das hehre Dreifarbenband gebührend

sehe und respektiere, dem herausfordernden Blick, der immer zum

Waffengang zu laden schien?«

Und das Lächeln verweilte, wurde unruhig und nahm Abschied.

»Unsinn. Verlorene Zeit. Der Junge wird sie besser nützen.«

Er trat einen Schritt vom Fenster zurück. Er bemerkte, daß er

hemdärmelig war. Ja, ja, er mußte das Band umlegen. Und er rollte

es über dem Finger auf und schob es um die Brust. »Wenn mich jetzt

Marianne sähe.«

Der Gedanke an seine Frau machte ihn unsicher. Hastig zog er den Rock

über, daß nur ein Stückchen des bunten Bandes sichtbar blieb. Und

unschlüssig wog er die alte Studentenmütze in der Hand.

Es klopfte. Da setzte er mit einem Ruck die Mütze in den Nacken.

»Komm nur herein, Walter. Von mir aus kann's losgehen.«

»Papa --! Nein, Papa, wie du aussiehst!«

»Bitte, bitte, um mich handelt es sich hier nicht. Ich bring' dir ganz

einfach ein Opfer. Tritt mal an, damit ich sehe, ob du auch anständig

bestehst. Na ja.«

Sein Blick streifte Fuchsenband und Mütze des Sohnes, streifte den

schlanken Wuchs und heftete sich auf die mädchenhaft feinen Züge.

»Bis auf den Milchbart wär' alles in Ordnung. Das ist kein Vorwurf. Im

Gegenteil, ich hoffe mit deiner Mutter, daß du immer der wohlerzogene

Junge bleibst, das Ziel des Studiums im Auge.«

»Darauf kannst du dich verlassen, Papa. Die Couleur darf mich nicht

stören.«

Der Vater sah ihn noch immer an. Er horchte, als hörte er den Sohn

weitersprechen. Nein, nicht den Sohn. Das war die Stimme der Mutter,

Mariannens Stimme. »Die Couleur darf den Jungen nicht stören. Er geht

zur Couleur, weil sie ihm in seiner späteren Laufbahn einmal nützlich

sein wird.« Weshalb -- weshalb war er selber denn einmal Couleurstudent

geworden? Aus Nützlichkeitsgründen? Ach nein, weil das alles einmal

für ihn untrennbar von Jugend -- Jugend, Jugend gewesen war.

Gewesen war! ...

Das war heute anders geworden. Wirklich? War es das wirklich? Oder nur

bei Mariannens Sohn und -- bei Mariannens Gatten? Und er spürte den

erstaunten Blick des Sohnes, daß er keine weiteren Lehren mehr zu geben

habe. Da besann er sich.

»Recht so, Walter. Die Zeiten, von denen die Renommistenlieder melden,

das Saufen und Raufen, Liebe und Trompetenblasen, existieren nur noch

im Kommersbuch. Das Leben ist fortgeschritten und stellt immer höhere

Anforderungen, und ihr seid um so vieles weiter, als wir es waren.«

»Du sagst das nicht besonders fröhlich, Papa.«

»Wie --?«

»Du mußt mal ein mordsfideler Student gewesen sein. Die steile Terz da

und der wilde Durchzieher querüber --«

»Fuchs, krasser, was faselst du --? Erstens ist das keine steile Terz,

sondern ein Spicker, den mir ein verfluchter Linkser hinaufgehauen hat,

und zweitens bitte ich, eine regelrechte Quart von einem windhündigen

Durchzieher zu unterscheiden, und drittens -- und viertens -- ist das

überhaupt nicht der Zweck unserer Unterredung. Was wollt' ich dir doch

noch sagen? Nun, du wirst es ja auch so wissen. Was ist das für eine

wundersame Frühlingsstimmung ... -- Mütze auf. Wir wollen gehen.«

»Willst du nicht erst Tante Werder begrüßen?«

»Tante -- Werder? Ach so. Aber natürlich.«

»Und meine Studentenbude mußt du dir auch noch ansehen. Hier, gleich

neben deinem Zimmer. Die Aussicht ist doch köstlich, Papa.«

Aber Professor Kreuzer schien von der Aussicht keine Notiz mehr zu

nehmen. Er war mit dem Sohne auf den schmalen Korridor hinausgetreten

und stand nun auf der Schwelle des kleinen, schmucken Zimmers. Sein

Blick überflog die Zimmereinrichtung, das weißüberzogene Bett, den

weißen Tisch, die weißen Stühle, die lustigen weißen Gardinen. »Das ist

ja ein Boudoir, Walter.«

»Hübsch, nicht wahr? Bei Tante Werder scheint es sich leben zu lassen.«

»Junge, meine Studentenbude sah ein klein wenig anders aus. Direkt

unter dem Dach, bei einem alten Lederhändler. Das ganze Haus roch

nach Gerberlohe, und beim Aufstieg fiel man zwei dutzendmal in die

Lederrollen, bis man seine drei Quadratmeter Sperlingslust erreicht

hatte. Aber schön war's doch, wenn man auch die lange Pfeife mitsamt

den Kanonenstiefeln zum Dachfenster hinausbaumeln lassen mußte -- um

Raum zu sparen.«

Der Junge lachte.

»Na, na, Papa. Wo hättest du da studieren können.«

»Studieren. Du sagtest: studieren? Ja, das ging da eben sehr schlecht,

und ich machte mich denn auch eines Tages auf nach Berlin, um -- hm --

wie man so sagt: mehr Ellenbogenfreiheit zu gewinnen.«

»Das ist dir gründlich gelungen, Papa.« Und der Sohn suchte die Hand

des Vaters und sah bewundernd zu ihm auf.

Einen hastigen Blick warf der Professor zum Fenster hinaus. Da lag

Marburg. Und er wandte sich um und schritt auf den Gang hinaus.

»Nun wird es aber Zeit, mich bei der Hausfrau zu melden.«

Der Junge zeigte den Weg. Ein paar Stufen führte er hinab und klopfte

an eine weiß gestrichene Tür. ›Wie freundlich das alles hier ist,‹

dachte der Professor und betrat auf ein helles »Herein« das Zimmer. Mit

rascher Bewegung zog er die Mütze vom Kopfe und verbeugte sich tief und

ritterlich vor der Frau, die in hellem Hauskleid blond und fröhlich vor

ihm stand.

»Meine gnädige Frau --«

»Für den Anfang nicht schlecht. Da bin ich begierig, wie's weiter geht.«

Der Professor streckte sich aus seiner Verbeugung auf. »Verzeihung,

meine gnädige Frau --«

Sie behielt ihre Hände in den Schürzentaschen. Den Kopf ein wenig zur

Seite geneigt, schien sie sein Bild prüfend zu umfassen, und doch

war es dem Manne, als säße eine durchaus nicht zum Empfang gehörige

Lustigkeit in ihren Augenwinkeln.

»Verzeihung,« wiederholte er mit einiger Zurückhaltung.

Erstaunt hob sie die Augenbrauen. »Wofür denn nur? Ihr habt mich doch

nicht vergessen und mir den Jungen geschickt. Das ist doch ein Beweis

der Wertschätzung. Und ich war nicht immer artig nach euren Begriffen.

Aber davon wollte ich doch gar nicht sprechen.« Und nun nahm sie die

Hände aus den Schürzentäschchen und schlug sie zusammen. »Wie famos du

aussiehst, Klaus. In Couleur! Das verjüngt dich mit einem Schlage,

oder du bist überhaupt nicht älter geworden.«

Er sah unsicher nach ihr hin. Auch auf das Du war er nicht vorbereitet

gewesen. Und unwillkürlich prägte sich die Zurückhaltung auf seinem

Gesichte deutlicher aus. »Verehrte Hausfrau --« begann er noch einmal.

»Ich glaube wahrhaftig, Klaus, du hast meinen Namen vergessen. Aber ich

nehme dir das nicht übel. Du bist auf deiner Höhe, die mich von Herzen

freut, an ganz andere Namen gewöhnt. Ich heiße also immer noch Traud,

weißt du, die Abkürzung von Gertrud, und -- ja, jetzt muß _ich_ wohl

um Verzeihung bitten, denn du machst so ein sonderbares Gesicht? Wenn

ich gegen die Formen verstoßen haben sollte, Herr Professor -- pardon,

Herr Geheimrat -- Gott, wir sind gegen Berlin Hinterwäldler und hier in

Marburg noch so ganz in der alten Zeit steckengeblieben.«

Da schob der Professor die Mütze in den Nacken und ging, beide Hände

ausgestreckt, auf die lachende Frau zu. »Guten Tag, Traud. Ich freue

mich, daß _du_ wenigstens in der alten Zeit steckengeblieben bist.«

Sie ergriff die Hände und drückte sie. »Guten Tag, Klaus. Also doch mal

wieder heimgefunden nach Marburg?«

»Heimgefunden. Das weiß Gott. Hier war die Heimat meiner Jugend.«

»Und bringst jetzt den Jungen daher? In die alte Couleur?«

»Wenn ich dich ansehe, das alte, liebe Marburger Mädchengesicht, möcht'

ich fast, ich könnt' den Jungen nicht nur in meine alte Couleur, ich

könnt' ihn in meine alte Jugend hineinbringen.«

»Sie war doch schön, Klaus. Was? Trotz deines hohen Fluges.«

»Herrgott nochmal.«

»So, und nun könntest du wohl meine Hände loslassen. Nein, nein,

verwandtschaftliche Beziehungen reden in solchen Sachen durchaus nicht

mit. Kopf zurück. Und der Junge ist auch da.«

»Wahrhaftig, Traud, der Junge ist auch da. Bist du mit ihm zufrieden?«

»Der hatte doch sofort mit Immatrikulation und Kollegbelegen zu tun.

Und seit drei Tagen ist er erst da.«

»Und ich bin erst seit einer halben Stunde da, und schon bist du mit

mir unzufrieden.«

Sie schüttelte lachend den Kopf. »Pirat,« sagte sie nur.

Da lachte auch er.

»Das war mein alter Spitzname in der Verbindung, und ihr Mädels habt

ihn aufgeschnappt.«

»Keinen friedlichen Studenten konntest du vorüberlassen, ohne die Segel

gegen ihn zu hissen und das Enterbeil in die Faust zu nehmen. Das

imponierte uns höheren Töchtern mächtig. Bist du immer noch so wild?«

Der Professor suchte den scherzenden Ton beizubehalten.

»Ordentlicher Professor an der Universität Berlin und Geheimer

Regierungsrat,« meldete er dienstlich, »außerdem« -- und es klang

eine Schärfe hinein -- »zwanzig Jahre verheiratet mit deiner Cousine

Marianne.«

Sie sah schnell nach dem Jungen hin, der sich in beschaulicher Ruhe zum

Fenster hinausgelehnt hatte, ging an dem Mann vorüber und strich ihm im

Vorbeigehen über die Augen.

»Mach doch ein ander Gesicht! Bist ja in Marburg. -- Walter!«

Die Welt in Gold: Novelle · 第 6 / 18 题