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Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
ist _so ausgezeichnet_.
Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
Buches.
Religion
und
Kosmos
von
Johannes Schlaf
[Illustration]
Berlin 1911
A. Hofmann & Comp.
Copyright 1911
by A. Hofmann & Comp.
Vorwort
Dies Buch handelt von der so brennenden Krise, in der heute Religion
und Wissenschaft stehen. Eine Krise, die unter Umständen zu einer
ungeheueren Gefahr für die europaeische Sozietät werden kann.
Angesichts dieser Gefahr aber kommt alles auf den glücklichen und
endgültigen Austrag des heute so bedenklich in der Schwebe hängenden
Problems der exakten Naturwissenschaft an. Das aber will besagen:
darauf, daß die völlige Brüchigkeit und Unmöglichkeit der gegenwärtigen
mechanistischen Wissenschaft und ihrer Prinzipien ausgesprochen
wird. Im besonderen aber kommt alles darauf an, daß man endlich
die höchst positive, sichere und im erkenntnistheoretischen, was
schließlich bedeutet: _religiösen_ Betracht durchaus ausschlaggebende
Bedeutung zweier glorreicher Errungenschaften der bisherigen exakten
Naturwissenschaft, an denen diese neuerdings aber höchst bedenklicher
und gefährlicher Weise wieder irre geworden ist, daß man die
ausschlaggebende, _religiöse_ Bedeutung der Entwicklungstatsache
und der Tatsache der Erhaltung einheitlicher Kraft -- ich sage
besser und exakter: Polarität! endlich mit vollstem Bewußtsein ihrer
unausweichlichen Notwendigkeit, ja ihrem _hypothesenfreien_ Charakter
nach erfaßt! Denn in Wahrheit beruhen diese beiden so überaus wichtigen
wissenschaftlichen Ausmachungen auf Grundlagen, denen unausweichlich
_axiomatischer_ Charakter eignet, so daß es durchaus nicht mehr angeht,
sie als bloße Hypothesen zu behandeln! --
Soviel über den wesentlichsten Inhalt des vorliegenden Buches.
Aus mehr als einem Grunde mag es sich aber lohnen, daß ich auch
noch ein Wort über meinen astronomischen Standpunkt verliere,
der im Zusammenhange dieser Arbeit und der Erörterungen über die
wissenschaftliche Krise, die sie bietet, wenn auch nur ganz kurz
angedeutet, von sicherlich nichts weniger als nebensächlicher Bedeutung
ist.
Die Öffentlichkeit weiß von meiner astronomischen Angelegenheit und
der von mir ausgesprochenen Unhaltbarkeit der kopernikanischen,
heliozentrischen Anschauung. Diese Angelegenheit ist nun neuerdings
insofern in ein neues Stadium eingetreten, als meine geozentrische
Feststellung inzwischen von zwei Seiten her eine fachmännische
_Zustimmung_ erfahren hat.
Ich stand seit Spätsommer vorigen Jahres, anläßlich meiner damaligen
Veröffentlichungen in »Nord und Süd«, in einem sehr regen und
ausführlichen Briefwechsel mit Ph. Fauth, dem bekannten Mond- und
Planetenforscher und Besitzer des Planetographischen Observatoriums zu
Landstuhl i. d. Pfalz. Dieser Briefwechsel hat inzwischen aber insofern
zu einem nicht unwichtigen Ergebnis geführt, als Herr Fauth mir in
einem Brief vom 31. März d. J. ausdrücklich zugestand, daß die Logik
meiner geozentrischen Feststellung, die ich ihm, was ich öffentlich
bisher noch nicht getan, ihrem Zusammenhange nach mitgeteilt hatte,
eine »unantastbare« sei.
Neuerdings kam ich dann noch, anläßlich eines ausführlichen Aufsatzes,
den er mir hatte zugehen lassen, in einen nicht minder regen und
eingehenden Briefaustausch mit Herrn W. Becker, einem Astronomen der
Berliner »Urania«. Der Aufsatz war eine umfangreiche Polemik gegen
meine vorjährigen Veröffentlichungen über die Rückläufigkeit Jupiters
und der Planeten vom kopernikanischen Standpunkte aus.
Ich konnte Herrn Becker indessen auf einen inzwischen von mir in
der »Nationalzeitung« veröffentlichten Aufsatz »Kosmische Rotation«
hinweisen, in dem ich meine vorjährige Jupiterfeststellung öffentlich
berichtigt hatte. Zugleich übermittelte ich Herrn Becker einen
ausführlicheren Aufsatz, in dem ich auch ihm meine geozentrische
Feststellung ihrem ganzen Umfange nach vortrug. Bald darauf erhielt ich
von Herrn Becker eine Zustimmung, die noch ungleich entschiedener war,
als die Einräumung, die mir vorher bereits Herr Fauth gemacht hatte.
Herr Becker schrieb mir in einem Brief vom 3. Juni d. J.:
»Ihre Kosmoslehre hat eine so innere Wahrscheinlichkeit, ja, ich
halte dieselbe mit zu den durchdachtesten und verständlichsten
Kosmosanschauungen. Die Beweise, die Sie für die einheitliche
Geschlossenheit des Systems« (des allgemeinen, absoluten, kosmischen
Systems) »mit einem Zentralkörper anführen, sind großartig
detailliert.« -- Ferner über die Beweise, die ich in meinen Briefen
dafür aufgestellt hatte, daß außer der Erde kein Himmelskörper
Achsenrotation hat:
»Da nun die Erde rotiert und die Bewegungen der Körper nur Ausweitungen
der Rotation« (der Erde) »sein können, so muß dann selbstverständlich
die Erde der Zentralkörper sein« ... »Die Beweise für die Nichtrotation
der kosmischen Körper sind überlegt durchgeführt« ... »Der ständige
Rhythmus von Repulsion und Kontraktion« (den ich als die wesentlichste
Bewegung des kosmischen Systems und der Untersysteme nachgewiesen
hatte) »läßt ... keine Rotation« (der Himmelskörper) »zu«. -- »Was
ich in meinem großen Aufsatz« (dem oben erwähnten) »über die Rotation
der Körper sagte, deren Beweise, abgeplattete Gestalt, Störungen bei
den Bewegungen der Trabanten usw. fallen ..., gebe ich offen zu,
vollständig weg.«
In einem Brief vom 12. Juni aber machte Herr Becker mir dann sogar noch
weiter gehende und höchst wichtige Zugeständnisse, indem er vor allem
die Prämisse meiner geozentrischen Feststellung, die sich ausdrücklich
als eine _hypothesenfreie_, auf axiomatischer Grundlage beruhende
darbietet, voll und ganz anerkannte! -- Und etwas später teilte er mir
mit, daß es mir vollstens gelungen sei, die Kopernikanische Anschauung
zu entkräften; und er schloß ab mit der Erklärung: »Die kopernikanische
Theorie ist also für uns erledigt«.
Einerseits das Zugeständnis, von anerkannter fachmännischer Seite,
daß die Logik meiner geozentrischen Feststellung »unantastbar« sei
-- man hat der Logik der kopernikanischen Prämisse bekanntlich noch
niemals Unantastbarkeit nachsagen können! --, andrerseits dann
sogar die unbedingte Zustimmung, daß meine Prämisse selbst wirklich
hypothesenfrei sei: das bedeutet sicherlich einen hochwichtigen
Schritt, den die geozentrische Weltanschauung vorwärts getan hat!
-- Denn hat man den _hypothesenfreien, auf axiomatischer Grundlage_
beruhenden Charakter meiner Prämisse erst einmal zugestehen müssen,
so ist damit ein anderes ausgeschlossen, als daß die geozentrische
Tatsache als endgültige und absolut exakte Anschauung in Kraft
tritt! -- Von welcher Tragweite das aber für den endgültigen Ausbau
der Wissenschaft, ja für unsere ganze Kultur ist, das will diese
vorliegende Arbeit, wenn auch vorerst nur in knappen Umrissen,
aussprechen.
_Weimar_, Juni 1911.
Johannes Schlaf
Man erklärt die Religion heute für eine Privatangelegenheit jedes
Einzelnen, will sie in das »persönliche Belieben« stellen; man ist
bestrebt, den konfessionellen Religionsunterricht aus der Schule zu
entfernen, ja sogar der Austritt aus der Landeskirche spielt nach wie
vor seine Rolle.
Zu gleicher Zeit macht sich nun aber in immer größerem Umfang eine
Neigung zur Bildung sogenannter _monistischer_ Religionsgemeinschaften
geltend; ja man hat sogar allen Ernstes schon den Begriff einer
»monistischen Kirche« aufgestellt; und ferner ist man drauf und dran,
in den Schulen dem Unterricht in den exakten Naturwissenschaften
einen immer größeren Spielraum zu erobern; gewiß nicht ohne die
offene oder stillschweigende Erwartung, daß er gerade auch auf die
_religiöse_ Erziehung der Jugend einen ganz besonderen und sogar
einen besseren Einfluß zu üben geeignet sei, als der konfessionelle
Religionsunterricht.
Tritt in alledem nun aber nicht ein ganz entschiedener Widerspruch zu
Tage?
Man macht einerseits die Religion zu einer Privatangelegenheit jedes
Einzelnen, zugleich aber bildet man monistische Gemeinden oder ist gar
auf eine »monistische Kirche« hinaus! Man will den konfessionellen
Religionsunterricht ausschalten, ihn zugleich aber durch den
naturwissenschaftlichen ersetzen, von dem man sich eine neue und
bessere religiöse Ausbildung der Jugend verspricht. Man will also auf
der einen Seite die Religion in das persönliche Belieben stellen,
zugleich aber macht man sie trotzdem wieder zu einer ebenso gemeinsamen
und öffentlichen Angelegenheit, wie das bisherige Religionsbekenntnis
eine ist!
Man sollte also doch lieber offen eingestehen, daß man tatsächlich
lediglich ein öffentliches und allgemeines Religionsbekenntnis durch
ein anderes ersetzen will. Das entspräche alsdann dem wirklichen
Tatsachenbestand. _Vor allem aber bedeutet es zugleich die einzig
denkbare Möglichkeit!_
Denn es ist einfach nicht möglich, widerstrebt allem Gesetz und aller
Natur von Sozietät, Religion und religiöses Bekenntnis lediglich
zur Privatangelegenheit des Einzelnen zu machen und sie so ganz in
dessen persönliches Belieben zu stellen. Es kann sich höchstens um
gegenseitige Duldung zwischen verschiedenen religiösen Bekenntnissen
handeln, die sich noch niemals in aller Welt vermeiden ließen.
Soweit man also bei dieser recht unklaren »Privatangelegenheit des
Einzelnen« eine solche _Duldung_, ein solch möglichst friedliches
_Gleichgewicht_ verschiedener religiöser Bekenntnisse im Sinn hat, hat
man Recht und befindet sich auf dem rechten Wege. Alles übrige aber
bedeutet eine höchst bedenkliche Unklarheit in einem wesentlichsten
Punkte. -- Nämlich darin, daß nach wie vor ein paar _größere_ religiöse
Bekenntnisse vorhanden sind und sein werden und neben ihnen eine Anzahl
von mehr oder weniger freien Sekten und Bekenntnissen, denen aber nur
eine Minderzahl von Staatsgenossen angehört. Da nun aber ausnahmslos
alle diese Bekenner Angehörige eines _Staates_ und durch ganz besondere
organische, politische und sonstige völkisch sozietäre Interessen
miteinander verbunden sind, Interessen, die in staatlichen Gesetzen,
Satzungen und Einrichtungen formuliert sind, und da unweigerlich je
und je alle diese staatlichen Interessengruppen in gegenseitiger
organischer Abstufung standen und stets in ihr stehen werden, so ist
ein anderes undenkbar, als daß sich das mit dem _religiösen_ Bekenntnis
all dieser Staatsgenossen genau so verhält! Auch das wird nach wie vor
seine Formulierung und öffentliche Regelung erfahren müssen. (Nichts
anderes kann ja auch der Sinn und Verstand sein, der diesen neuen
monistischen Gemeinden, oder gar einer neuen »monistischen Kirche«
eignet!)
Es ist bei alldem nun aber durchaus unvermeidlich, daß jene
Bekenntnisse, auf welche sich die Mehrzahl der Staats- und
Volksgenossen einigt -- sie werden zugleich die religiös wichtigsten
und stärksten sein -- das in einem _ganz besonderen Grade sind_, was
im übrigen auch alle Nebenbekenntnisse sind: nämlich Staatsreligion
oder Religion von Staatsbürgern! -- Nur daß die Nebenbekenntnisse
den anderen gegenüber untergeordneter Natur sind. Das ist eine ganz
natürliche und aus allem Wesen von Sozietät heraus sich ergebende
Tatsache und Ordnung! An der nach wie vor in allem wesentlichen nichts
zu ändern sein wird. Das schließt dann aber weiter sofort ein, daß ein
allgemeiner Religionsunterricht des Bekenntnisses, auf das sich die
Mehrzahl der Staatsbürger einigt, auch in den Schulen statthat, und
aus dem Unterrichtsplan der Schulen nicht ausgeschaltet werden kann.
Daß sich hierbei nach wie vor Schwierigkeiten ergeben werden, da wo
entweder eine katholische oder eine protestantische oder sonst eine
religiöse Enklave besteht, ist wohl wahr, aber niemals zu vermeiden. Es
kann einzig darauf ankommen, ein möglichst tolerantes Gleichgewicht der
hier einschlägigen Interessen zu erreichen und aufrecht zu erhalten.
Eine andere Sache ist nun allerdings die, daß die hauptsächlichsten
christlichen Konfessionen heute wieder mal in einer Krise stehen, die
sogar eine recht brennende ist! --
Man sollte indessen in den Mitteln, sie ihrer Lösung entgegenzuführen,
beileibe nicht unvorsichtig vorgehen! Ein höchst bedenkliches Mittel
aber würde es bedeuten, den konfessionellen Religionsunterricht
_prinzipiell_ und _als solchen_ auszuschließen! Da es sich, wie wir
schon sahen, ja doch überhaupt um nichts anderes handeln kann als um
die Ersetzung des _einen_ konfessionellen Religionsunterrichts durch
einen anderen, neukonfessionellen, so sollte man jenen nur mit der
größten Vorsicht ausschalten; wenn das übrigens wirklich in einem so
radikal antichristlich-antikirchlichen Sinne vonnöten sein sollte, wie
man gegenwärtig meint!
Vor allem nun aber hüte man sich darauf auszugehen,
den Religionsunterricht in den Schulen durch den
exaktnaturwissenschaftlichen zu ersetzen! Und zwar deshalb, weil die
exakten Naturwissenschaften grade in ihrer gegenwärtigen Verfassung
nichts weniger als zu einem solchen Ersatz geeignet sind! _Denn die
exakten Naturwissenschaften stehen selbst in einer nur zu brennenden
Krisis!_ -- Was aber die monistische Religionsbewegung anbetrifft,
die neuerdings eine so bedeutende Ausbreitung gewonnen hat, so ist
sie zwar sicher eine sozietäre Erscheinung von großer Wichtigkeit,
andererseits darf man sich aber nicht verhehlen, daß sie in ihren
tragenden Prinzipien vorderhand noch sehr schwankt. Und zwar aus keinem
anderen Grunde, als weil sie allzu einseitigen Anschluß an die exakte
Naturwissenschaft nimmt und diese noch lange nicht in der Lage ist
wahr zu machen, was sie verspricht: nämlich die Heilsüberzeugungen
des religiösen Glaubens durch endgültig ausgemachte wirkliche
Tatsächlichkeiten zu ersetzen.
* * * * *
Das beruht aber, wie ich schon bei anderer Gelegenheit (in meinem
erkenntnistheoretischen Buch »Das absolute Individuum und die
Vollendung der Religion«, Oesterheld & Co., Berlin W.) nachgewiesen
habe, auf einer unvermeidlich zwiespältigen Eigenschaft der exakten
Wissenschaften!
Einerseits nämlich ist die exakte Wissenschaft, wie früher die
Theologie und Philosophie, eine religiöse und erkenntnistheoretische
Funktion; ist sie doch ihrem Ursprung nach nichts anderes als eine
Abzweigung und besondere Ausgestaltung vorzeitlich religiösen,
priesterlichen Nachdenkens über die göttlichen Dinge. Noch
eigentlicher ist die exakte Wissenschaft indessen in Anbetracht
ihrer analytisch-experimentativen Methode und außerdem ihres
engen Zusammenhanges mit aller praktischen Technik eine technisch
praktische Funktion. Nicht umsonst hat die exakte Wissenschaft
heute gerade als solche so unerhörte, ihre größten, verdientesten,
bewunderungswürdigsten Triumphe errungen!
Es kann nun aber schlechterdings nicht anders sein, als daß dieser
vorwiegend analytische und praktisch technische Charakter der exakten
Wissenschaft ihre erkenntnistheoretische Eigenschaft und die Werte
und Wertungen, die sie nach dieser Richtung errungen hat, beständig
beeinträchtigt. Denn er hinderte die exakte Wissenschaft ein für
allemal, eine so vollkommen _synthetische_ Funktion zu sein, wie das
hier gänzlich unerläßlich ist!
Außerdem aber hat sich die exakte Wissenschaft, insoweit sie
erkenntnistheoretische Funktion ist oder erkenntnistheoretische und
religiöse Folgerungen ziehen will, einen recht bedenklichen und
verhängnisvollen Fehler zu schulden kommen lassen! Sie hat nämlich
gemeint, daß der religiösen Konfession überhaupt erst eine empirisch
sichere Prämisse gewonnen werden müsse und daß der bisherigen
religiösen Prämisse -- will sagen: der Prämisse aller Religionen und
_der_ Religion -- eine solche Sicherheit nicht eigne.
Indessen es ist nun unschwer einzusehen, daß der bisherigen religiösen
Prämisse sogar die denkbar sicherste, nämlich eine geradezu
axiomatische, identische Sicherheit, also geradezu die größte
Selbstverständlichkeit eignet! --
* * * * *
Ich sprach eben von einer Prämisse, die allen Religionen und also der
Religion als solcher eigne; mit anderen Worten: daß alle Religionen
auf einer und derselben Prämisse und Grundtatsache sich aufbauen. Das
scheint eine Behauptung, die sicherlich dem entschiedensten Widerspruch
der heutigen monistischen Gemeinschaften begegnen wird; vertreten diese
doch den Standpunkt, daß die Religionen von ihrem ersten Anfang an bis
heute sehr verschiedenartig, wenn nicht gar die eine der anderen völlig
entgegengesetzt seien.
Doch kann man sich leicht überzeugen, daß diese Annahme, obgleich sie
behauptet, sich auf exaktwissenschaftliche Ausmachungen zu stützen,
eine irrtümliche ist und höchstens in dem Sinne zutrifft, daß die
einzelnen religiösen Bekenntnisse ihrer formalen Ausgestaltung nach
sich voneinander unterscheiden, und durch sonstige Modifikationen,
die mit der Rasseeigenschaft und den Lebensbedingungen der einzelnen
Völker in Zusammenhang stehen. In Wahrheit aber können wir gar wohl
einen ganz bestimmten und unveräußerlichen Grundinhalt und eine solche
Prämisse aller Religionen und also _der_ Religion feststellen, in dem,
in der sich die urvorzeitliche Religion des Urmenschen durchaus mit der
vorgeschrittensten aller Religionsformen, der christlichen, wurzeleins,
ja geradzu identisch erweist!
Die Religion des Urmenschen war ein Toten- und Ahnenkult. Er bewahrte,
verehrte, beschwor noch lediglich das Gedächtnis eines Urpaares und
seiner Familie und Sippe, an welchen Kult sich alsdann der Kult aller
anderen Toten angliedern mochte. Der Mensch, will sagen: ein bestimmtes
menschliches Paar und eine sich ihm angliedernde Elite waren noch
rein als solche Gegenstand eines primitivsten religiösen Kultes. Noch
verehrte man keine Personifikationen der Naturmächte und Götter.
Doch mußte sich dieser letztere, vorgerücktere Kult bald mit
Notwendigkeit aus dem Ahnen- und Totenkult ergeben. Je mehr nämlich
die Bewußtheitlichkeit des Urmenschen zu einer eigentlicheren
Intellektualität erwachte, um so mehr gewahrte der Urmensch den
innigsten Zusammenhang, in dem er mit aller ihm umgebenden Natur stand;
und zugleich gewahrte er den innigsten Zusammenhang jenes ersten
Ahnenpaares und seiner Elite, deren Gedächtnis und Kult von der
Tradition ein für allemal bewahrt und weitergetragen wurde, mit den
Mächten und Elementen der Natur, aus denen sie bei Lebzeiten bestanden
hatten und in die sie im Tode übergegangen waren.
Diese Wahrnehmung nun aber erst einmal gewonnen, mußte sich mit jeder
Notwendigkeit die weitere Ausgestaltung des Toten- und Ahnenkultes des
Urpaares und seiner Elite zu einem Kult von Himmelsgöttern vollziehen!
Wenn man heute aber diesem Götterkult der Vorzeit gegenüber von
einem allzu naiven, der »Wirklichkeit« gar nicht entsprechenden
Anthropomorphismus spricht, so ist das eigentlich nichts weniger als
recht aufmerksam und wissenschaftlich! Denn da der Mensch, wie ja
gerade die exakte Wissenschaft selbst ermittelt hat, die höchste Stufe
der organischen Entwicklung bedeutet, und er andererseits nicht nur
aus den anorganischen Elementen -- und doch sicherlich schließlich aus
schlechterdings allem Umfang derselben hervor geworden ist, sondern
diese auch in seiner Physis einbeschließt und zur Aufrechterhaltung
seiner Lebensfunktion ihrer als Nahrung und Erneuerung von außen her
beständig bedarf, so ist ja doch nichts notwendiger, wahrer, exakter,
ja selbstverständlicher als die Auffassung der Urmenschen, die die
Umwandlung des Ahnen- und Totenkultes in den Kult der Naturmächte und
Himmelsgötter vollzog, und ihr »Anthropomorphismus«! --
Die Naturmächte und Elemente sind tatsächlich menschlich und Mensch,
sind das Individuum Mensch; und ihre chemische Zweipolarität
stimmt diesem ihrem Charakter nach vollständig mit der organischen
Zweiseitigkeit des Individuum Mensch (Mann und Weib) überein! Daß
der Urmensch nun aber in gewissen grundtypischen Eigenschaften der
elementaren Erscheinungen und Kräfte entsprechende Eigenschaften und
Temperamente der menschlichen Seele wiederfand und wiedererkannte, ist
sicherlich nicht weniger exakt! Denn kalt und heiß, hart, weich, sauer,
süß, bitter, scharf, stumpf, heftig, sanft u. s. f. sind die Elemente
durchaus in Übereinstimmung mit der Eigenschaftlichkeit menschlichen,
bewußtheitlich lebendigen Temperamentes.
Wenn also Urpaar und seine Elite nach ihrem Abscheiden als persönliche
und unterschiedliche Götter und Naturmächte weiterbestanden und in
allen Umfang menschlicher Sozietät hineinwirkten, über dem Menschen
»walteten«, andrerseits aber von ihm bestimmt wurden, so entspricht
das vollständig dem empirisch exakt ausmachbaren wirklichen
Tatsachenbestand und kann von der exakten Wissenschaft nicht
aufgehoben, sondern lediglich bestätigt werden!
Wie also kann man anders als in eigentlich recht unaufmerksamer Weise
den Anthropomorphismus des Urmenschen und des Menschen der historischen
Antike als einen allzu naiven und exaktem »Wirklichkeitsbefund«
widersprechenden bezeichnen?
Ja, der Urmensch, bezw. der Mensch der historischen Antike hatte
sogar auch mit seinem Tierkult recht! Denn die Götter, das Ahnenpaar
und seine Elite, waren ja, bevor sie Menschen wurden, Tiere gewesen.
Wahrlich, tiefwundersam muß uns nicht nur die von allem Uranfang an
festgehaltene und bis auf den heutigen Tag weitergeführte Tradition
eines menschlichen Ahnenpaares und seiner Elite und eines obersten
Götterpaares und seiner Elite, seinen Untergöttern, erscheinen, sondern
auch die festgehaltene und so sorgfältig durchgeführte Erinnerung
an die tierische Abkunft des Menschen, wie sie sich in dem Tierkult
bekundet!
* * * * *
Mochte diese Prämisse und Grundtatsache der Religion mit der weiteren
organischen und bewußtheitlich-kulturellen Entwicklung wie auch immer
sich weiter ausdifferenzieren, so wurde sie selbst doch nicht einen
Augenblick aufgegeben und konnte auch gar nicht aufgegeben werden!
-- Mochten die Götter später mit hundert und tausend Köpfen, Armen
und Beinen vorgestellt werden, mochten zu den Hauptgöttern noch ganze
Scharen von Nebengöttern in Himmel-, Ober- und Unterwelt hinzukommen,
so waren doch alle solche Attribute oder waren diese Scharen von
Nebengöttern dennoch nicht einen Augenblick im Widerspruch mit der
religiösen Prämisse und Grundtatsache. Die hundert, tausend oder mehr
Köpfe und Glieder stimmten nicht nur für die betreffende Gottheit, die
man mit ihnen ausstattete, sondern auch für das persönlich menschliche
Urahnenpaar. Denn sie besagten ebenso wie die Scharen der Nebengötter,
nichts als den Machtbereich und die gewaltige Vielseitigkeit seiner
Eigenschaftlichkeit; ja sie besagten sogar allen sozietären Umfang des
Urpaares, der ja tatsächlich nichts anderes war und nichts anderes ist
als seine direkte organische gattliche Ausgliederung und ihr Umfang.
Auch hier sind die vorzeitlichen Vorstellungen also keineswegs blos
so »naiv« und wirklichem Tatsachenbestand widersprechend, sondern
vielmehr durchaus mit ihm in Einklang und sogar erstaunlich exakt tief,
identisch erfaßt!
* * * * *
Aber wir haben freilich noch einen anderen Umstand in Rücksicht zu
ziehen!
Nämlich mit der vorschreitenden geistigen Kultur erfuhr ja Wissen und
Anschauung des Menschen von Erde und All eine wesentliche und wichtige
Veränderung.
Es verfeinerten sich die Denkmethoden, indem sie ihren anfänglichen
symbolistischen und vorwiegend emotional-dichterischen und bildlichen
Charakter gegen einen abstrakten logischen vertauschten, der das
allzu grobsinnlich drastische Symbol in ein logisches Begriffssymbol
verwandelte. Es erwachte das philosophisch-logische Denken.
Es erhoben sich die so rein geistigen Begriffe des Bram, Nirwanas,
der von jeder sinnlichen Anschauung losgelöste Unendlichkeitsbegriff.
Später mit der griechischen Philosophie, die schon als Vorläufer
moderner exakter Wissenschaft anmutende Elementar- und
Naturphilosophie, die Begriffe der Kraft und des Atoms, die Ideen
Platos, der Begriff des Geistes und der Geistigkeit. Die alten
Göttervorstellungen, ihre Olympe und Walhalls, schienen ein für allemal
in Wegfall gekommen. Es vollzieht sich die Umwandlung der persönlich
anthropomorphistischen antiken Nationalgottheit und der vielen Götter
in den geistigen Ein-Gott.
Kurz: die bisherige Prämisse und Grundtatsache der Religion scheint
sich durch eine andere ersetzt zu haben.
Aber zugleich nimmt ja auch das Problem des Menschen wieder eine
besonders dringliche Gestalt an! Schon die altionische Philosophie
bedeutet den Anfang einer solchen höchst eindringlichen Behandlung
des Problems Mensch, und von ihr an ist die ganze Entwicklung der
griechischen Philosophie bis Socrates und bis zum Christentum hin
eigentlich nichts anderes als eine bis dahin unerhörte intensive
Erörterung dieses Problems. Der Abschluß dieser Erörterung ist aber
der, daß aus dieser wundersamen Vorahnung der höchste vollkommenste,
freieste Mensch in Gestalt und Erscheinung tritt und mit dem Christus
»ins Fleisch geboren« unter allen Menschen vorhanden ist, um sie
aus der Enge ihrer antik nationalen Eingeschränktheit zu höchster
Vollkommenheit und -- _Gotteinheit_ zu erlösen!
Dieser persönlich leibliche, so durchaus konkrete Inbegriff »Mensch«
aber? _Ist nichts geringeres als der geistige Ein-Gott selbst als
»Sohn« ins »Fleisch geboren« und in die Erscheinung hinein!_ -- Nur
daß er dem »alten Menschen,« dem »alten Adam« gegenüber durch eine
tiefwundersame innere Wandlung (μετανοια) zu einem _neuen_ Menschen
werden soll, durch ihn, der sich den »neuen Adam« nannte oder so
genannt wurde. Zu einem neuen Menschen, dem diesmal die Herrschaft über
den _ganzen_ Erdball bestimmt war, und der diesmal zum umfassendsten
und restlosesten Umfang der Erkenntnis des Menschen von sich selbst
gelangen sollte; dem es bestimmt war, dereinst sich als den Inbegriff,
die Krone und höchste Stufe aller organischen, ja auch unorganischen
Wesenheit und also als den Inbegriff allen Weltwesens und Kosmos zu
erkennen! Als den, der stets der gleiche und eine von allem Uranfang
der Welt an durch eine heilige Stufenfolge organischer Wandlungen bis
hierher gelangt war!
Weiter aber: dieser ins Fleisch geborene alleinige Gott hat als
»Sohn« und Christus wieder eine ganz bestimmte Elite von Aposteln und
männlichen und weiblichen Heiligen bei sich!
Was besagt dies alles aber anderes, als daß die Umwandlung und
vergeistigende Ausgestaltung des Gottesbegriffes die alte religiöse
Prämisse und Grundtatsache in Wahrheit nicht aufgehoben hat, sondern
daß sie nach wie vor vorhanden ist und zu Recht besteht, nur in
erweiterter, vertiefter, vergeistigterer Form und mit ihrem weitesten
Umfang vertrauter? Daß aller elementar materielle Weltumfang im Grunde
ein geistiges Sein und Einwesen ist, welches aber in einem organischen
Individuum und seiner Elite und zugleich als dieses Individuum und
seine Elite und als sein gesamter organischer Umfang sich selbst in
Erscheinung bringt, lebt und auswirkt?
So daß also nach wie vor in allem wesentlichen alles beim alten ist und
sich auf einer höheren und höchsten Stufe lediglich erst recht und ganz
bekräftigt!
* * * * *
Aber das »Dogma« von der Gottgeeintheit, von der Göttlichkeit Christi,
will sagen dieses durch die Stufen der organischen Entwicklung herauf
sich umwandelnden organischen Individuums und seiner Elite, wird ja
heute von der exakten Wissenschaft angefochten! Es heißt, der Christus
sei »nur ein Mensch,« wenn auch der edelste und vollkommenste Mensch
gewesen. Und überdies hat die exakte Wissenschaft mit den Ausmachungen
ihrer empirischen Methode, scheint es, die Bedeutung, die der Mensch
ehedem sich selbst, bezw. jenem Individuum und seiner Elite zusprach,
ein für allemal zunichte gemacht. Sie stellt in Abrede, daß der Mensch
ein göttliches und unsterbliches Wesen sei; sie glaubt nachgewiesen
zu haben, daß er stattdessen nichts sei als ein vergängliches Produkt
der Elemente und Kräfte, daß diese ihm gegenüber das dauernde und
absolute seien, daß sein Geistiges, seine Seele nichts sei als eine
mechanische Komplikation von Stoff und Kraft, von ihnen vollständig
abhängig oder wohl gar von hundert Zufälligkeiten. Seit man zu der
Annahme eines räumlich unendlich ausgedehnten Kosmos gelangt ist, und
dieser Kosmos von unendlich vielen Welten und Systemen ausgefüllt ist,
ist der Mensch, sowohl in seiner Gesamtheit als Menschheit wie als
einzelner Mensch -- und auch menschlicher Urahn, wie alle Gottmenschen,
die seither gelebt, neue organische Sozietätsgebilde oder Religionen
gegründet haben -- fast zu einem Nichts, zu der erbärmlichsten aller
Vergänglichkeiten geworden.
Die bisherige religiöse Prämisse und Grundtatsache, die Tatsache
_ewiger_ Ahnen und Götter und _eines_ ewigen Ahnen und Gottes scheint
also dennoch in Wegfall gekommen zu sein.
Indessen, wir berühren hier lediglich die ganze Fragwürdigkeit, die
den Ausmachungen der sogenannten exakten mechanistischen Wissenschaft
anhaftet und die brennendste Krise, in der sie heute steht!
* * * * *
Gehen wir darauf jetzt näher ein.
Wir wissen: Die exakte Naturwissenschaft ist nicht blos
eine technisch-praktische, sondern auch eine religiöse und
erkenntnistheoretische Funktion.
Als letztere hat sie aber der religiösen und erkenntnistheoretischen
Entwicklung zwei Tatsachen von außerordentlich wichtigem und
ausschlaggebendem erkenntnistheoretisch-religiösen Wert ermitteln
können. Indem sie nämlich, hier in engem Anschluß an die
Schelling-Hegelsche Entwicklungsidee stehend, empirisch exakt die
_Tatsache_ der Entwicklung feststellte; und außerdem die andere
Tatsache von der Erhaltung und Einheit der Kraft!
Indessen ist zu sagen, daß die Wissenschaft diese beiden so überaus
wichtigen und ausschlaggebenden Tatsachen ihrem wahren synthetischen
Wert nach nicht zu erfassen vermocht hat!
Das ist allerdings unschwer zu verstehen. Ist doch die Wissenschaft,
wie wir bereits sahen, ihrem eigentlichen Charakter nach keine
synthetische, sondern eine analytisch-experimentierende Funktion, hat
sie sich doch um eine möglichst genaue Feststellung von Einzeltatsachen
und ihres Zusammenhanges im Sinn einer möglichst genauen Beschreibung
derselben zu bekümmern, je nach der betreffenden Disziplin und ihrem
Tatsachenbereich. (Welch' letzterer Umstand gerade heute noch dazu zu
einem bekanntermaßen nachgerade schon heillosen Spezialistentum und
seiner eingekapselten Eigenbrödelei geführt hat!)
Man kann es daher auch kaum anders als einem äußerlich formal
schematischen Sinne nach eine wissenschaftliche Synthese nennen,
wenn die exakte mechanistische Wissenschaft die Ergebnisse ihrer
experimentativen Einzelempirie in allgemeinen Sätzen und Gesetzen
formuliert. Das ist mehr eine Sache der bequemeren Übersicht als
eine wirkliche erkenntnistheoretische, religiös anwendbare Synthese.
Kann eine solche doch naturgemäß auch weder auf dem Gebiete der
Biologie, wo die Entwicklungstatsache bis jetzt fast ausschließlich
ihre Rolle gespielt hat, noch auch auf dem der Physiologie, der
Physik, Chemie oder sonst einer exaktwissenschaftlichen Disziplin
erreicht werden. Jede dieser Disziplinen kann vielmehr nur ihren
jeweiligen Hauptgegenstand möglichst exakt feststellen, beschreiben
und formulieren. Es bleibt durchaus dabei, daß die exakte
Naturwissenschaft auch in erkenntnistheoretischer Hinsicht lediglich
eine Hilfsdisziplin ist, die ihre hauptsächlichsten Ermittlungen erst
einem wirklich überschauenden synthetisch philosophischen, bezw.
religiösen Nachdenken, oder vielmehr, wie wir gleich nachher erkennen
werden, einer einzigen _ein für allemal feststehenden, identischen,
axiomatischen_ Grundtatsache darbietet, damit an dieser eines Tages
endgültig ausgemacht werden kann, daß und wie sie sich bis daher
lediglich weitergeformt und entwickelt, indessen ihrem wesentlichsten
Grundbestand nach nicht einen Augenblick aufgehoben hat!
Denn, meine man doch ja nicht etwa, daß die exakte mechanistische
Wissenschaft erst ihrerseits eine neue und endgültige Prämisse und
Grundtatsache für die Religion auszumachen oder ausgemacht hätte!
Vielmehr steht es also gerade so, daß die mechanistische Wissenschaft
von den beiden großen Tatsachen der Entwicklung und der Einheit und
Erhaltung der Kraft noch nicht einmal für ihre Einzeldisziplinen von
der Biologie aus einen wirklichen Vorteil zu ziehen vermocht hat! Man
könnte zwar sagen, daß wenigstens Physiologie und vor allem Chemie jene
beiden Tatsachen sich zu Nutz gemacht, zu ausschlaggebender Anwendung
gebracht und sich nach ihnen umgewandelt hätten: indessen auch sie
noch nicht einmal in einer wirklich zureichenden Weise, wie wir bald
erkennen werden.
Es kommt nun außerdem aber ganz und gar noch hinzu, daß, nachdem
die Versuche, welche hervorragende Biologen, Physiologen und
Chemiker neuerdings machten, von ihren Wissenschaften aus eine
Erkenntnistheorie und Philosophie auszubauen, wie nicht anders zu
erwarten war, gescheitert sind, und nachdem man augenblicklich unter
dem dringlichsten Zwang die brennende erkenntnistheoretische und
religiöse Krise zu lösen, wieder zu dem rein spekulativen Moment der
früheren deutschen Metaphysik sich zurückgewandt hat, leider sogar in
der Naturwissenschaft selbst ein direkter Zweifel an der Tatsache der
Entwicklung und der Einheit und Erhaltung der Kraft Platz gegriffen
hat. Wahrlich das allerbedenklichste, was sich ereignen konnte, und was
der exakten Wissenschaft sogar geradezu letal werden könnte! Denn sie
ist im Begriff, durch diesen Umstand, anstatt mehr und mehr überhaupt
der Hypothese sich zu entäußern, in ein so verzwicktes Wirrsal von
Hypothesen und Hypotheschen hineinzugeraten, daß sie unfehlbar unter
ihm zusammenbrechen muß!
Jedenfalls sieht man, daß die exakte Wissenschaft, wie sie
augenblicklich dasteht, nichts weniger als geeignet ist, in
religiösen Angelegenheiten irgend einen Ausschlag zu geben oder den
konfessionellen Religionsunterricht entbehrlich zu machen. Denn
wahrhaftig: eine bösere Wendung der Dinge kann man sich doch kaum
vorstellen, als die, daß dieselbe Wissenschaft, welche die frühere
Metaphysik erledigt zu haben glaubte, und ganz sicherlich auch berufen
ist, sie zu erledigen und die vorwärtsschreitende Entwicklung über
sie hinauszuführen, neuerdings wieder mit dieser selben Metaphysik
kompromittiert und sich gar von ihr in ihren eigenen Angelegenheiten
und Disziplinen irritieren läßt! Aber das Rad der Entwicklung ist
wahrhaftig nicht aufzuhalten oder rückwärtszudrehen! Noch Niemand ist
ihm ungestraft in die Speichen gefallen!
* * * * *
Entweder also sind die beiden Tatsachen der Entwicklung und der Einheit
und Erhaltung der Kraft in Wirklichkeit keine sicheren empirischen
Ausmachungen und der Erkenntnistheorie, der Religion und der
Wissenschaft selbst droht, ich weiß nicht was für ein in seinen Folgen
unausdenkbarer Zusammenbruch, oder sie sind dennoch vollständig sichere
Tatsachen und nicht nur die Wissenschaft, sondern, worauf vor allen
Dingen alles ankommt, Erkenntnistheorie und Religion erstarken zu neuer
Kraft und sind imstande, sich endgültig auszubauen.
Aber, gottlob: sie sind wirklich solche unantastbar sicheren
Ausmachungen! Die von der Embryologie geleisteten Feststellungen
zunächst stehen über jedem Zweifel. Die organische Ontologie, die
Entwicklung des Tieres und des Menschen vom befruchteten Ei bis zur
Geburt, die Übereinstimmung der wichtigsten Phasen dieser Entwicklung
ist ein für allemal festgemacht. Erreichte ein Darwin und Häckel aber
außerdem eine sichere phylogenetische Ausmachung und erwies sich die
vollständige Übereinstimmung der wesentlichsten phylogenetischen Phasen
mit den ontogenetischen, so bedarf es hier wahrlich keines weiteren und
besseren Beweises mehr.
Man erhebe doch nicht den Einwand, daß verschiedene Stufen und
Übereinstimmungen in der ontologischen Entwicklung sich nicht auffinden
ließen, oder daß auch in der phylogenetischen Stufenfolge eine
lückenlose Geschlossenheit sich nicht erreichen lasse! Das kann der
Entwicklungstatsache, wie sie von der Biologie festgestellt worden ist,
keinen Augenblick einen ernstlicheren Abbruch tun. Das tatsächliche
Vorhandensein bestimmter Stufen und ihre Übereinstimmung in Ontologie
und phylogenetischer Entwicklung steht über jedem Zweifel, und das
ist die Hauptsache. Die Ausfälle, die noch bestehen bleiben, werden
sicherlich niemals restlos zu ergänzen sein; aber es benötigt ihrer
auch gar nicht. Es bedeutet die verhängnisvollste Kurzsichtigkeit,
zu meinen, daß nichts erreicht wäre, weil sie noch nicht ergänzt
seien. Man wird sie ja genau so wenig ergänzen können, als man etwa
jemals imstande sein wird, alle Atome des Universums Stück für
Stück abzuzählen und festzustellen. Aber hängt davon irgend etwas
wesentliches ab?
Eine nicht minder verhängnisvolle Kurzsichtigkeit bedeutet es aber
ferner, wenn man meint, es sei noch gar nichts sicheres hinsichtlich
einer Tatsächlichkeit der organischen Entwicklung ausgemacht, weil man
die eigentliche Übergangsstufe von der anorganischen Kristallisation
zum Protoplasma noch nicht gefunden habe.
Man wird sie sicher niemals finden, und es bedeutet völlig unnütz
vertane Zeit und Mühe, nach ihr zu suchen in der Meinung, daß erst
durch ihre direkte Auffindung der einheitliche Zusammenhang zwischen
anorganischer und organischer Welt erwiesen sei.
Er ist vielmehr bereits vollkommen ausreichend und exakt erwiesen
mit der festgestellten Übereinstimmung oder Berührung der äußersten
Grenzgebiete der höchsten anorganischen Kristallisation und dem
Protoplasma, oder dem noch vor diesem im heißen Urmeer bestehenden
Mycocem, das die giftigen Säuren und Salze seiner Umgebung vertrug,
während das Protoplasma in ihnen noch nicht existieren konnte.
Das Problem des Zusammenhanges zwischen anorganischer und organischer
Welt und der Aufstieg der organischen Entwicklung aus der anorganischen
ist übrigens sogar für jeden Laien sofort mit der unmittelbaren
schlichten Tatsache gelöst, daß der pflanzliche, tierische und
menschliche Organismus aus anorganischen Elementen besteht und daß
er diese in Gestalt von Nahrung und in anderer Weise jeden Augenblick
bedarf und in sich aufnimmt.
Es verhält sich also mit unantastbarer Sicherheit so, daß der
ausgebildete menschliche Organismus sich bis zu dem Urelement
zurückführen läßt. Denn bis auf dies ist es ja neuerdings der Chemie
gelungen, wie die anorganische, so alle Entwicklung zurückzuführen.
Daß die Chemie das Urelement als solches niemals wird darstellen,
reproduzieren, finden können, besagt wiederum ganz und gar nichts. Es
wird ihr direkt ewig unzugänglich sein, weil es eben im allgemeinen
kosmischen Bestand direkt auffindbar nicht lokalisiert ist. Niemals
wird es möglich sein, den »Weltäther« direkt zu untersuchen, und wäre
das Urelement etwa im Inneren des allgemeinen kosmischen Zentralkörpers
lokalisiert, so würde es auch hier direkt unerreichbar sein; selbst
wenn es sich um das Innere der Erde handeln sollte.
Was nun aber die Einheit und Erhaltung der Kraft anbelangt, so ist sie
erstlich bereits in sehr zureichender Weise ausgemacht, andererseits
aber ergibt sie sich, was bis daher, so einfach es ist, noch nicht
genügend berücksichtigt wurde, mit jeder Sicherheit aus dem Bestand und
der Tatsache der kontinuierlichen Entwicklung der anorganischen und
organischen Welt.
Ist Kraft von Substanz nicht ablösbar und besteht sie nicht selbständig
_neben_ dieser, so hat sie, da die Substanz sich einheitlich
entwickelt, auch ihrerseits eine einheitliche Entwicklung. Um so mehr,
da doch sicherlich gerade sie es ist, welche diese Entwicklung erst
auswirkt und ausbaut!
Nichts also kann selbstverständlicher sein, als die Einheit der Kraft.
Einheit aber schließt in weiterer Folge auch Erhaltung bezw. absoluten
Bestand ein. Was dann wieder ganz selbstverständlich auch die Einheit
und Erhaltung der Substanz einschließt.
Also gegen die beiden Tatsachen der Entwicklung und der Erhaltung und
Einheit der Kraft ist schlechterdings nicht anzukommen! Es handelt sich
hier um einen unantastbar positiven und exakten Tatsachenbestand!
* * * * *
Dennoch ist es der exakten Wissenschaft z. B. bis daher noch nicht
gelungen, eine wirklich exakte, zentrumfeste Bewegungs- und Kraftlehre
zu entwickeln!
Warum aber nicht? Weil eine wissenschaftliche Disziplin heute nicht
imstande ist, aus gewissen großen endgültigen Errungenschaften der
anderen für sich wirklich wesentliche und fruchtbare Folgerungen
zu ziehen; so heillos haben sich die einzelnen Disziplinen in ihr
Spezialistentum eingekapselt!
Denn wenn es der Bewegungs- und Kraftlehre etwa nicht gelingen könnte,
auf eigenem Gebiet und mit eigener Methode sich zu einer _zentral
einheitlichen Polaritätslehre_ zu entwickeln, so hätte sich ihr doch
unbedingt von der _Chemie_ aus dazu all und jede Möglichkeit dargeboten!
Der Chemie selbst mag es ja weiter nicht zu verdenken sein, wenn
sie von dem von ihr festgestellten Urelement aus die Folgerung auf
eine zentral einheitliche Polarität nicht gezogen hat, obgleich das
vielleicht noch nicht ganz außer dem Bereich ihrer Disziplin läge:
aber ist nicht zu beklagen, daß die Kraft- und Bewegungslehre aus der
Tatsache des Urelementes keinen Vorteil zu ziehen wußte? Und doch
ergibt sich vom Urelement aus mit unausweichlicher Notwendigkeit die
Tatsache einer zentral einheitlichen Polarität!
* * * * *
Dieser Zusammenhang und sein logischer Duktus bietet sich zudem
wahrhaftig einfach genug dar.
Zuvor wäre allerdings eine Frage zu lösen: nämlich die nach
Lokalisation und Verteilung des Urelementes.
Hier würde sich ja aber auf der Stelle ein sehr fruchtbarer
Gesichtspunkt ergeben und maßgebend sein. Nämlich der, daß, wenn alle
vorhandenen Elemente aus dem Urelement hervorgegangen sind, bezw.
Ausdifferenzierungen desselben darstellen, sie irgend einmal noch nicht
vorhanden gewesen sein können, sondern daß stattdessen der gesamte
kosmische Umfang eine einheitliche Urelementformation gewesen sein muß.
Ich kenne die Anschauungen über das Urelement, die heute in der
Chemie bestehen, nicht des näheren: ich glaube aber, man nimmt eine
ätherähnliche Beschaffenheit desselben an, und man würde also den
sogenannten »Weltäther« als das Urelement ansprechen dürfen.
Damit wäre das Urelement bereits lokalisiert. Lokalisiert man
es indessen wirklich solchermaßen, so würde sich sofort ein
schwerwiegender Einwand erheben.
Da man nämlich eine unendliche Ausdehnung des Kosmos annimmt, muß
mit dieser auch eine unendliche Ausdehnung des Weltäthers oder der
vormaligen einheitlichen Urelementformation gegeben sein. Aus dem
Weltäther, dem Urelement, bilden sich alsdann durch Kontraktion die
übrigen Elemente hervor.
Wäre es denn nun aber wirklich angängig, von einer solchen
uranfänglichen Entstehung der Elemente aus dem Weltäther (Urelement) zu
reden, da die Elemente ja doch, angesichts der _unendlichen_ Ausdehnung
des Kosmos, beständig und noch dazu in Gestalt von unendlich vielen
körperlichen Gebilden vorhanden sein müßten?
Mit anderen Worten: es läßt sich angesichts einer _Unendlichkeit_
des Kosmos überhaupt nicht feststellen, daß die Elemente aus einem
Urelement, einem Weltäther irgendeinmal erst _entstanden_ wären!
Vielmehr wäre ein anderes undenkbar, als daß die Elemente ewig
_neben_ dem Weltäther und in ihm vorhanden wären. Alsdann aber könnte
dieser letztere offenbar nichts anderes sein, als _ein_ Element neben
_anderen_, oder noch besser: nichts als ein durch die Kontraktionen
äußerst angespannter und verdünnter Zustand der Substanz.
Also nochmals: angesichts der bisher bestehenden Anschauung von einer
unendlichen Ausdehnung des Kosmos kann von einer uranfänglichen
Ausdifferenzierung der Elemente aus einem Urelement und einer
einheitlichen Urelementformation hervor, deren Annahme doch vollständig
unerläßlich ist, ganz und gar nicht die Rede sein, sondern es müssen
ewig alle Elemente neben- und ineinander vorhanden sein. Dagegen ist
nicht der geringste Einwand zu erheben.
* * * * *
Nun steht es ja aber in Wahrheit so, daß die Chemie die gesamte
organisch-anorganische Entwicklungsreihe bis auf eine ursprüngliche
einheitliche Urelementformation tatsächlich hat zurückführen können;
daß also vordem wirklich eine einheitliche Urelementformation bestanden
hat.
Was kann daraus aber einzig noch folgen? _Nichts anderes, als daß eine
unendliche Ausdehnung des Kosmos ein völliges Unding ist! Und schon
rein von der Chemie und der Tatsache des Urelementes aus muß sich diese
Unmöglichkeit ergeben!_
Also kann es sich denn in Wahrheit lediglich um einen _endlichen_
Kosmos handeln.
Alsdann wäre aber das Urelement bereits so gut wie lokalisiert.
Zunächst damit, daß einstmals dieser endliche Kosmos eine einheitliche
Urelementform war, welche irgend eins der übrigen nachherigen Elemente
noch nicht hervorgebildet hatte.
Indessen: war der Kosmos wirklich seiner _ganzen_ Ausdehnung nach eine
Urelementformation?
Kurz: Die Lokalisation des Urelementes bleibt erst noch näher zu
spezialisieren.
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Dazu gelangen wir, wenn wir in Erwägung ziehen, daß diese
Urelementformation noch nicht der allereinfachste Zustand des Kosmos
gewesen sein kann.
Element und Substanz besagt ja noch in _jedem_ Falle eine Aggregation,
einen zusammengesetzten Zustand. Haben wir aber eine einheitliche
_Entwicklung_ bis jetzt von einem allerkompliziertesten Zustand aus bis
zu einem bereits so einfachen wie das Urelement zurückführen können, so
werden wir diese Zurückführung auch noch des weiteren bewerkstelligen
können.
Bedingt wird alles Zusammengesetzte durch das, woraus es sich
zusammensetzt, oder was sich zu ihm aggregierte. Das kann aber
angesichts des Urelementes schon nur mehr noch das _Atom_ sein.
(Ich bin mir bewußt, daß man neuerdings von einer noch winzigeren
Körperlichkeit spricht, als das Atom eine ist, von Elektronen,
Ionen usw.: indessen, da es ja nur auf den Begriff einer kleinsten
Körperlichkeit überhaupt ankommt, so möchte ich den für diese populär
gewordenen Begriff des Atoms hier beibehalten.)
Es muß also vor der Urelementformation eine rein atomistische bestanden
haben!
Da nun aber erst mit dem Urelement der Begriff und Zustand einer
Substanzialität einsetzt, so kann _vor_ dem Urelement noch keine
Substanz vorhanden gewesen sein und also kann das Atom kein
substanzielles Gebilde sein. Also ist es eine unsubstanzielle
Körperlichkeit. Und also ist es ein Gebilde reiner Kraft. Als solches
aber wieder und als eine Körperlichkeit muß es und kann es nur noch
ein primitivstes Produkt _zwiepolarer_ Spannung und kann es selbst
lediglich eine winzige zwiepolare Spannung sein. Also ein winzigstes
_elliptisches_ Gebilde.
So wäre denn also der endliche (elliptisch in sich geschlossene)
Kosmos vor dem Urelement eine rein zwiepolare Formation reiner, noch
unsubstanzieller Kraft gewesen.
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