Ich bin einer Familie entsprossen. Meine Mutter war eine Geborene. Auch
mein Vater war ein Mensch. Im übrigen habe ich diese Leute nie
kennengelernt. Der liebe Gott hat es so gewollt. Den schäbig
zurückhaltenden Seitenverwandten habe ich nichts zu verdanken gehabt. Sie
wärmten sich reich am Ofen, ich stand draußen und erprobte die Wasserdichte
meiner empfänglichen Waisenknabenstiefel. Ich zerstand vor den Auslagen und
sehnte mich. Aber der Schaufensterdekorateur hatte die Dinge, seine
göttliche Welt, nicht für mich arrangiert. Ich sehnte mich, auch einmal im
Raseurladen auf einem schwarzen Lederpolster zu sitzen und eingeseift zu
werden. Hierauf hätte ich gern den erträumten Zylinder ergriffen und mich
elegant und Trinkgelder verspendend entfernt. Mir blühte eine andere
Wirklichkeit: ich konnte nur Motschker rauchen, die Zigarrenstummel, denen
die Bürger das Beste entsogen hatten. In den Volkskonditoreien saßen die
Götter und aßen Buchteln, gefüllt mit Powidl, schwarzfunkelndem Powidl.
Ambrosia nennen ihn die Alten. Nie befriedigt schlich ich um die glühen
Blechofen der Maronibrater, aber Kastanien, Bratäpfel und die weiß
klaffenden Kartoffeln galten nicht mir, ihr Erwerb war an den Besitz von
Münzen geknüpft, mit denen der Waisenvater mich nie versah. Wenn eine Herde
von uns, bleichbackig, uniform vom grau in grau des Nebels gekleidet,
unmunter die Vorortsstraßen durchstrich, fühlbar rottete sich das Mitleid
in vorübergehenden Eltern zusammen und ballte sich zu Prügeln an die
eigenen Kinder: »Sei folgsam und brav, Werner, sonst stirbt auch dir dein
Vatti beziehungsweise Mutti.«
Ich mag mich an die kargen Tage der Kindheit und geschändeten Jugend nicht
erinnern. Stadt und Staat hatten wenig für uns übrig. Die Fußbälle waren
schlecht, die Wochenkleider verschlissen, die Feste verregnet, man durfte
nicht einmal onanieren: »Hände auf die Decke!« Gott strafte die Sünden des
Katecheten Masturbal an seinen Kindern.
Nie durfte ich von den Bergen in den Himmel springen. Wir waren durch einer
Anstalt Gitter getrennt von der wilden Welt. Alle grünen Ströme rannen uns
gelb und schmutzig in ein trübes Meer.
Wann tauchte das erste Segel auf, hoffnungsrot und tollkühn? Es war ein
Papiersegel. Robinson wurde neugeboren in mir mit dem Entschluß, über den
städtischen Fluß zu schwimmen. Und im Gewimmel der blauen Auen und Adern
eine selige, selig lehrerlose Insel zu finden. Aber statt des Eilands ward
mir nur Influenza, Strafe und die späte Erkenntnis, daß die Städte, in
denen ich geboren zu werden pflege, von Kanälen triefen. Die stolzen Ströme
weichen ihnen aus.
Meine Finger mußten mein Abenteuer nachfühlen: vom Rohrstock brennende
Finger. Nun wollte ich mich rächen und justament ein großer Mann werden.
Obwohl das zeitraubend ist, es gewiß viel praktischer wäre, sich sofort in
ein Monument zu verwandeln.
Die Lehrer hemmen einen aber auch immer, wenn man gerade ein großer Mann
werden will. Sofort wird man während einer Schularbeit beim Schwindeln
entdeckt oder beim Karl-May-Lesen -- unter der Bank -- vom Indianergeheul
des Professors überfallen. Dies verlorene Schuljahr und eine
spröd-unglückliche Jugendliebe treibt fieberhaft in den Selbstmord. Aber
wenn man sich dann endlich keusch und jäh umgebracht hat, scheint die
Existenz viel heiterer und liebenswürdiger. Man liegt entleibt da in seiner
oder des Staates grau in grauer Waisenknabenuniform, Opfer der Zeit, ein
Kranz ziert den sorgenvollen Sarg und ein weinendes Schnupftuch zerknüllt
sich der Wäscheleine entgegen. Der Totengräber spuckt siegreich in die
Hände, wenn er nicht Fäustlinge trägt, und die Bahre läuft davon vor dem
Erdgeruch. Der Selbstmörder hintersinnt sich nachdenklich: soll er nicht
Universitätsjahre riskieren und Syphilisangst und noch einen Selbstmord?