Jürgen schritt trotz seines schweren Pelzes rasch vorwärts. Er
hatte seine Pelzkappe tief über die Ohren herabgezogen, so daß nur
sein Gesicht hervorsah. An seinem Bart bildeten sich durch den
ausgestoßenen Atem Eiszapfen, doch achtete er nicht darauf. Von
Zeit zu Zeit holte er den kleinen Kompaß hervor, um die Richtung zu
kontrollieren, in der er ging.
Vom Dampfer mußte er schon ein ganzes Stück fort sein. Das Läuten
der Schiffsglocke tönte nur noch schwach zu ihm herüber. In der
zurückgelegten Strecke waren keine Waken zu erwarten gewesen. Jetzt
aber näherte er sich mehr und mehr dem Ufer, und die Gefahr, in
ein Loch zu geraten, das zum Fischen ins Eis geschlagen wurde, trat
unmittelbar auf.
Er schob seinen Stock vor sich hin; stieß dieser an eine kranzartige
Erhöhung, so blieb er stehen und untersuchte den Umkreis. Mehrmals
entdeckte er noch im letzten Augenblick eine Wake. Die Zeit verrann,
er strengte sich stärker an. Der Amerikadampfer mußte auf jeden Fall
aufgehalten werden, bevor er das Papenwasser verließ und durch Signale
schwer erreichbar wurde. Mit Mühe zog er seine Uhr hervor. Über eine
halbe Stunde befand er sich unterwegs, und noch spürte er nichts von
den Eisschollen, die sich gegen das Ufer zu auftürmten.
Er wollte immer schneller vorwärts kommen, aber der tiefe Schnee, der
unaufhörlich weiter fiel, hemmte den Fuß. Schweißperlen traten auf
seine Stirn; es war eine außerordentliche Leistung, selbst für den
besten Fußgänger.
Wo blieb nur das Ufer? Er mußte es der Zeit nach schon lange erreicht
haben. Er stand jetzt still und versuchte, um sich zu schauen. Nichts
war zu sehen.
Jürgen lief es kalt über den Rücken. -- Wo befand er sich? War er irre
gegangen? Er hatte doch genau auf seinen Kompaß geachtet. Wenn er an
anderer Stelle in die Nähe der Fahrtrinne zurückkam und einbrach? Bei
dem starken Schneetreiben konnte alles möglich sein.
Warum setzte er sich diesen Gefahren aus? Es gab nur eine Richtschnur
in seinem Leben -- Sorge für seine Familie, die aus den Geschwistern
bestand. Von dem Tode seines Vaters an hatte er diese Pflicht
übernommen und treu erfüllt. Wenn er sich die Abrechnung vorlegte,
befand sich kein Fehler darin. Er handelte stets nach Ehre und
Gewissen. Einmal ließ er in der Härte seiner Bestimmungen nach, als
Ilse Hergenbach vor Monaten aufgenommen wurde.
Ihre Gegenwart wirkte störend auf die Harmonie im alten
Plüddekampschen Hause ein. Wolf war gänzlich verändert -- er selbst
mußte dagegen ankämpfen, um ihr nicht ein größeres Interesse zu
zeigen. Er sah deutlich, wie sie ihm entgegenkam, sich ihm immer mehr
nähern wollte. So kalt war seine Natur nicht, aber seine Rauheit half
ihm, und seine Charakterstärke schüttelte jede aufflammende Regung ab.
Einige Augenblicke hatte er auf den Kompaß gestarrt, dabei flogen ihm
diese Gedanken rasch durch den Kopf. Nun trieb es ihn wieder vorwärts,
der Amerikadampfer mußte um jeden Preis ein Signal erhalten. Plötzlich
hörte er zur Linken Laute; waren es menschliche Stimmen oder lag dort
ein Schwarm Taucherenten? Er horchte aufmerksam hin. Jetzt klang es
wie der dumpfe Hufschlag eines Pferdes. Es mußten also Leute aus einem
naheliegenden Dorf sein, bei denen er sich Auskunft holen konnte.
Eilig schritt er auf sie zu, und schon nach wenigen Minuten tauchte
dicht vor ihm ein Kufenschlitten mit zwei Männern auf.
»Holla!« rief er ihnen entgegen. »Wo seid ihr her? Ich komme von der
Swinemünder Fahrt und will rasch ans Ufer.«
Die Leute hielten das Pferd an. Auf dem Schlitten lag ein mächtiges
Schleppnetz, wie es unter dem Eis von einer Wake zur anderen gezogen
wird. Ein großer mit Fischen angefüllter Kasten stand daneben.
»Wir sind aus Swantewitz,« sagte der eine, »und fahren nach Haus!«
»Aus Swantewitz!« rief Jürgen erstaunt. »Das liegt ja am östlichen
Ufer! So weit seid ihr fort.«
»Nein, Herr! Das liegt ja dicht dabei. Wir sind gleich da!«
»Es ist rein unmöglich! Ich habe vor etwa einer Stunde den Eisbrecher
›Odin‹ verlassen und ging in der Richtung auf Neuwarp zu.«
Die Fischer sahen sich verdutzt an.
»Neuwarp? Das liegt ja zwei Meilen von hier, Herr!«
Jürgen faßte sich an die Stirn.
»Sollte ich -- rein unerklärlich! Alle Teufel -- ich werde doch in der
Eile nicht steuerbords anstatt Backbord abgesprungen sein! -- Aber der
Kompaß?«
Er hatte doch Norden rechts und nicht an der linken Seite gehabt.
Freilich war es nur ein kleiner Taschenkompaß, der sonst an seiner
Uhrkette hing. Er schaute schnell noch einmal darauf -- die Nadel
spielte richtig ein.
»Das ist ja, um verrückt zu werden,« fluchte er ingrimmig. »Der Kompaß
lügt nicht -- die Leute lügen nicht! Wer hat nun recht?«
Er hielt den Kompaß mit dem linken Arm vor sich. Plötzlich fiel sein
Auge auf das Magnetarmband, das er noch zufällig um das Handgelenk
trug. Es diente zur Prüfung von Grassamen, der mit Eisenfeile
beschwert schien.
Nun wurde ihm der Vorgang sofort klar. Die Nadel spielte auf den
starken Magnet ein und zeigte darum entgegengesetzt. Aus der Richtung
des Papenwassers heulte jetzt dumpf ein Signal herüber. Jürgen
erschrak.
»Der Dampfer!« rief er aus. »Es ist zu spät, ihn aufzuhalten! Was wird
daraus entstehen?«