Nach Mitternacht, als alle in tiefem Schlafe lagen, Herta hatte Ilse
mit in ihre Kabine genommen, überwölkte sich der Himmel, und mächtige
Schneeflocken fielen langsam rieselnd nieder. Gegen Morgen wurde das
Schneetreiben so dicht, daß man vom Dampfer aus keine zehn Schritt
weit sehen konnte.
Jürgen kam sehr früh an Deck. Als er die Lage überschaute und mit
dem Kapitän in dessen Kajüte Rücksprache genommen hatte, grollte es
gewaltig in ihm. Nirgends zeigte sich ein Ausweg aus der mißlichen
Lage. Der Maschinendefekt ließ sich im besten Falle erst bis gegen
Abend einigermaßen beheben. Ein weiteres Durchbrechen des Eises war
unmöglich, der Dampfer mußte nach Stettin zurück. Die Rückfahrt würde
schon schwierig genug sein und nur langsam vonstatten gehen.
Bei dem dichten Schneetreiben konnte es niemand wagen, über das Eis
ans Land zu gelangen. Also ausharren! Während Jürgen und der Kapitän
noch sprachen, kam Konsul Martens hinzu, dem die Unruhe den Schlaf
verkürzt hatte. Anstatt des Morgenkaffees wurde gleich ein heißer Tee
mit Arrak gebraut. Die Schiffsräume waren stark durchkältet, denn die
Dampfheizung war nicht in Ordnung. -- Als die Schiffsmaschine bei dem
gewaltigen Anlauf gegen die starken Eiswände versagte, strömte der
Dampf zurück. Durch die entstandene hohe Spannung wurden die Rohre
undicht und erlitten mehrere Brüche. Die Feuerung mußte aufhören, weil
der Dampf an vielen Stellen der Leitung gefahrdrohend herauszischte.
Die Maschinisten hatten die ganze Nacht durchgearbeitet, um die
Schäden auszubessern, und ermüdeten sichtlich.
»Wann können wir bestimmt darauf rechnen, Fahrt zu haben?« fragte
Martens den Kapitän.
»Es kommt darauf an, wie lange die Kraft der Leute aushält, Herr
Konsul.«
»Gehen wir in den Maschinenraum hinunter, Charles,« warf Jürgen ein.
»Vielleicht lassen sich die Leute durch eine Prämie anfeuern.«
»Die Maschinisten geben ihr Bestes von selbst her,« erwiderte der
Kapitän, »es bedarf keiner besonderen Belohnung. Sie können sich davon
überzeugen, meine Herren!«
In den unteren Schiffsräumen brannten Lampen, weil die elektrische
Leitung durch den Stillstand der Dynamos versagte. Eine Anzahl Männer
arbeiteten mit größtem Eifer bei spärlichem Lichte in der kleinen
Werkstätte. Es wurde Eisen auf offenem Kohlenfeuer geglüht, das ein
Blasebalg anfachte, und dann mit Hämmern bearbeitet. Andere waren
dabei, auf einer Drehbank Gewinde zu ziehen und auf Schraubstöcken
Eisenstangen passend zu feilen.
Der Schiffsingenieur und der Obermaschinist griffen zu und besserten
die Schäden an den Rohren aus. Die gesamte Leitung mußte untersucht
werden. Die Männer im unteren Schiffsraum erstarrten fast vor Kälte
und mußten fortgesetzt heiße Getränke erhalten.
Die Tatsache lag klar -- unter weiteren zehn bis zwölf Stunden
konnte an ein neues Arbeiten der Maschinen nicht gedacht werden,
vorausgesetzt, daß die Mannschaften diese Überanstrengung aushielten.
--
»Unser Mißgeschick ist mir höchst unangenehm, lieber Jürgen,« sagte
Konsul Martens zu dem Freunde. »Namentlich der Damen wegen. Auf dem
›Odin‹, unserem stärksten Eisbrecher, kam noch nie etwas derartiges
vor und lag außer der Berechnung. Nun heißt es aushalten.«
An Deck begann jetzt die Schiffsglocke unausgesetzt zu läuten. Der
Steuermann trat zum Kapitän und sagte: »Ich habe drei Mann ausgesucht,
die sich halbstündlich ablösen!«
»Es können Dampfer ausgelaufen sein. In den Zeitungen stand, daß der
›Odin‹ nach Swinemünde ging. Die Fahrtrinne wird für offen gehalten.
Die Dampfsignale gehen nicht, daher muß die Glocke in Bewegung
bleiben,« erklärte der Kapitän den Herren die erhaltene Meldung.
Jürgen sah darauf seinen Freund fragend an:
»Ist das Aufrennen eines anderen Dampfers möglich?« fragte er langsam,
jedes Wort abwägend.
Martens wechselte mit dem Kapitän einen Blick.
»Ausgeschlossen ist es nicht,« erwiderte dieser zögernd.
Mit einem Ruck straffte sich Jürgens Gestalt.
»Es muß ausgeschlossen sein, Charles! Meine Geschwister sind an Bord.«
»Wir wollen überlegen, was zu tun ist, Jürgen.« Konsul Martens wurde
jetzt die große Verantwortung fühlbar, die ihn traf.
Sie kehrten in die obere Kajüte zurück. Herta, Wolf und Ilse hatten
sich ebenfalls dort eingefunden. Das junge Mädchen sah bleich und
übernächtig aus, sie mußte wenig geschlafen haben. Die gestrige gute
Stimmung war verschwunden. Es fröstelte alle trotz der Pelzkleidung.
Konsul Martens versuchte, den Damen die Lage im besten Lichte zu
schildern, und machte Aussicht auf ein recht langes Frühstück und bald
darauffolgendes Mittagessen.
»Essen und Trinken erhält uns warm, und darin tritt in den nächsten
vierundzwanzig Stunden kein Mangel ein,« schloß er.
»Aber die Langeweile, lieber Freund,« sagte Herta, leicht gähnend.
»Die Kälte macht uns müde und ungemütlich.«
»Ich weiß eine Abwechslung, Ilse,« flüsterte Wolf dieser zu, als sie
in der Kajüte auf und ab ging. »Der einzig warme Raum im Schiff ist
die kleine Kambüse. Wir beide wollen uns dorthin flüchten und helfen
dem Küchenchef bei der Zubereitung der Speisen, -- für die anderen
gehen wir auf Deck.«
Sie gab ihm kein Zeichen des Einverständnisses, sondern stellte sofort
ihre Wanderung ein und blieb in Hertas Nähe stehen. Wolf trat heftig
mit dem Fuße auf. Was war nun wieder in sie gefahren? Sie wollte
anscheinend nichts von ihm wissen, und Herta unterstützte sie dabei.
Konsul Martens ließ seine Pelzdecke holen und hüllte die Damen darin
ein, obwohl sich Ilse anfangs gegen das Stillsitzen sträuben wollte.
Auf Hertas Wunsch folgte sie jedoch sofort. --
Draußen wurde es etwas heller, nur das Schneegestöber ließ nicht nach.
Jürgen, Martens und der Kapitän standen an dem einen Kajütenfenster
und beratschlagten.
»In zwei bis drei Stunden kann der Amerikadampfer hier sein,« hörten
die anderen des Kapitäns Stimme, »er ist sicher zur festgesetzten Zeit
ausgelaufen. Bei langsamer Fahrt wird er unsere Glocke hoffentlich
hören. Er versperrt aber die Fahrtrinne -- die Schwierigkeit,
fortzukommen, wird bedeutend größer.«
Wolf und Herta sahen sich bei diesen Worten an. Es gab also Gefahren;
davon war ihnen bisher noch nichts bewußt gewesen.
Jürgen Plüddekamp zog seine Uhr hervor.
»Ich gehe ans Land, Charles,« sagte er dann kurz.
»Du -- Jürgen?« stieß Martens erschrocken aus.
»Die Gegend kenne ich, und mein Taschenkompaß gibt mir die Richtung
an,« antwortete er.
»Bedenke die offenen oder mit Schnee bedeckten Waken. Die Gefahr ist
zu groß, Jürgen,« versuchte der Konsul ihm sein Vorhaben auszureden.
»Ich nehme eine Stange mit, Charles! Weiteres Reden hat keinen Zweck
-- ich gehe!« Man sah es der mächtigen Mannesgestalt an, daß sie von
dem einmal gefaßten Entschluß nicht mehr abwich.
»So laß wenigstens einen Matrosen folgen und dich anseilen, Jürgen,«
bat der Konsul.
»Warum? Dadurch kann höchstens Gefahr entstehen, die ich allein
vermeide!« erwiderte dieser. »Steward!« rief er diesem zu, der soeben
einen neuen Aufguß heißen Tees brachte. »Füllen Sie mir sofort eine
Feldflasche mit Rum und Ingwer!«
»Mir auch, Steward!« ertönte es aus Wolfs Munde. »Ich begleite dich,
Jürgen!«
»Auf keinen Fall -- mein Junge! Ausgeschlossen. -- Du mußt mit Charles
bei Herta und Fräulein Hergenbach bleiben.« Das Gebot Jürgens klang
fast schroff, er duldete in solcher Lage keinen Widerspruch.
Kurz darauf verabschiedete er sich und reichte den Geschwistern, sowie
Martens die Hand. Herta bat ihn noch: »Jürgen -- denk an uns -- sei
vorsichtig!«
»Ich bin es immer, liebe Herta! Soweit es allerdings möglich ist,«
setzte er scherzend hinzu.
Er zögerte einen Augenblick, ehe er Ilse die Hand gab. Sie mußte
darauf gewartet haben; nun schlossen sich ihre schlanken Finger mit
festem Druck um die seinen, als wollten sie ihn nicht fortlassen.
Es war eine heftige Bewegung, mit der sich Jürgen alsdann abwandte
und auf Deck eilte, wohin ihm Konsul Martens und Wolf folgten.
Nach weiteren zwei Minuten hatte er sich eine kräftige Stange mit
Eisenspitze ausgesucht und schwang sich über Bord.
»Achtung!« rief Martens ihm nach. »Es ist noch junges Eis in der
Fahrtrinne!«
Die starken Schollen hatten sich aber am Dampfer dicht
übereinandergeschoben und waren während der Nacht zusammengefroren,
so daß Jürgen auf festem Eisboden dahinschritt. Er sah sich noch
einmal um, winkte Bruder und Freund zu und verschwand dann in dem
dichten Schneegestöber. Es kam ihm dabei im letzten Augenblick noch so
vor, als wenn eine schlanke Frauengestalt auf Deck erschiene. Es mußte
wohl Herta sein, die ihm besorgt nachschaute.
Als jedoch Wolf und Konsul Martens in die Kajüte zurückkehrten, saß
Herta auf ihrem alten Platz. Ilse war fortgegangen und kam erst nach
einer geraumen Zeit wieder.
»War es nicht angenehm in der Kambüse, Ilse?«
»Nein, Tante Herta! Ich habe mich genug erwärmt.«