1
Er geht, der Schweiger, Gott führt ihn.
Die beiden Grafen sind schon gefangen; Alba verspricht dem Schweiger
Milde und Verzeihung, wenn er vor ihm erscheint.
Bei dieser Kunde sagt Ulenspiegel zu Lamm: „Beim Mantel meines
Liebchens! Der Herzog läßt auf Dubois, des Generalprokurators Drängen,
den Prinzen von Oranien, Ludwig, seinen Bruder, von Hoogstraten, van
den Bergh, Kuilenburg, von Brederode und andre Freunde des Prinzen
entbieten, in dreimal vierzehn Tagen vor ihm zu erscheinen, und
verspricht ihnen gerechtes Urteil und Begnadigung. Höre, Lamm: Eines
Tages forderte ein Amsterdamer Jude einen seiner Feinde auf, in die
Gasse herunterzukommen; er stund in der Gasse, der andere an einem
Fenster. „Steig doch herunter“, sagte er, „und ich werde Dir einen
solchen Faustschlag auf den Kopf geben, daß er Dir in die Brust rutscht
und daß Du durch Deine Rippen siehst, wie ein Dieb durch das Gitter
seines Gefängnisses.“ Der Aufgeforderte erwiderte: „Wenn Du mir auch
hundert Mal mehr versprächest, so würde ich doch nicht herunterkommen.“
Also mögen Oranien und die Andern antworten.“
Und sie taten es, indem sie sich weigerten zu erscheinen. Von Egmont
und von Hoorn folgten ihrem Beispiel nicht. Und Schwachheit in der
Pflicht ruft das Schicksal herbei.
2
Zur selbigen Zeit wurden auf dem Roßmarkt zu Brüssel die Herren von
Andelot, die Kinder Battenburgs und andere erlauchte und tapfere Ritter
enthauptet, welche sich der Stadt Amsterdam durch einen Überfall hatten
bemächtigen wollen. Und dieweil sie zum Richtplatze gingen und Psalmen
sangen / es waren ihrer achtzehn / erdröhnten die Trommeln vor und
hinter ihnen, den ganzen Weg entlang.
Und die hispanischen Söldner, die sie begleiteten und brennende Fackeln
trugen, verbrannten ihnen damit den Körper an allen Stellen. Und wenn
sie des Schmerzes halber zuckten, sagten die Söldner:
„Wie, Ihr Lutheraner, tut es Euch denn wehe, so bald verbrannt zu
werden?“
Und der sie verraten hatte, war einer namens Dierick Slosse; der hatte
sie zu dem noch katholischen Enkhuyse geführt, um sie des Herzogs
Bluthunden zu überliefern.
Und sie starben tapfer.
Und der König erbte.
3
„Sahest Du sie vorbeigehen?“ fragte Ulenspiegel, welcher als Holzhacker
gekleidet war, den gleich ausstaffierten Lamm. „Sahest Du den schlimmen
Herzog mit seiner Stirn, die oben so flach ist wie die des Adlers, und
seinem langen Bart, der dem Ende eines Strickes gleicht, der von einem
Galgen herunterhängt? Daß Gott ihn daran erdrossele! Sahest Du diese
Spinne mit ihren langen, haarigen Beinen, die Satan beim Erbrechen auf
diese Lande spie? Komm, Lamm, komm, wir wollen ihr Steine ins Netz
werfen ...“
„Wehe,“ sagte Lamm, „wir werden lebendig verbrannt werden.“
„Komm nach Groenendal, viellieber Freund; komm nach Groenendal. Da
ist ein schönes Kloster, allwo Seine Herzogliche Gnaden, die Spinne,
Gott um Frieden bitten wird, auf daß er ihn sein Werk vollenden lasse,
welches ist: seine unsauberen Geister an Aas zu ergötzen. Wir sind
in der Fastenzeit, und nur des Blutes will Seine Gnaden sich nicht
enthalten. Komm, Lamm, es sind dreihundert gewappnete Reiter um das
Stadthaus von Ohain, dreihundert Mann Fußvolk sind in kleinen Trupps
aufgebrochen und dringen in den Wald von Soignes ein.
„Alsbald, wenn Alba seine Andacht halten wird, gehen wir auf ihn los,
und wenn wir ihn gefangen haben, setzen wir ihn in einen schönen,
eisernen Käfig und schicken ihn dem Prinzen.“
Doch Lamm sprach, vor Angst schaudernd, zu Ulenspiegel:
„Große Gefahr, mein Sohn! Ich würde Dir bei diesem Unternehmen folgen,
wenn meine Beine nicht so schwach wären, und mein Bauch von dem sauern
Bier, so sie in dieser Stadt Brüssel trinken, nicht so aufgebläht wäre.“
Diese Reden wurden in einem Loche geführt, das im Walde mitten im
Dickicht in die Erde gegraben war. Plötzlich, da sie wie das Auge eines
Dachshundes durch die Blätter spähten, sahen sie die gelben und roten
Röcke der herzoglichen Söldner, die zu Fuß durch den Wald gingen. Ihr
Gewaffen blitzte im Sonnenschein.
„Wir sind verraten,“ sagte Ulenspiegel.
Als er die Söldner nicht mehr sah, rannte er im schnellsten Lauf bis
nach Ohain. Die Söldner ließen ihn ob seiner Holzhackertracht und
der Holzlast, so er auf dem Rücken trug, unbeachtet passieren. Da
fand er die Reiter wartend; er verbreitete die Kunde, und alle stoben
auseinander und entkamen, außer dem Herrn von Bausart d’Armentières,
der gefangen ward. Von den Fußsoldaten aber, die aus Brüssel kamen,
konnte man keinen fassen. Herr von Bausart zahlte grausam für die
andern. Und es war ein feiger Verräter vom Regiment des Herrn von
Likes, der sie allesamt verriet.
Ulenspiegel, dem das Herz vor Angst klopfte, ging nach dem Viehmarkt zu
Brüssel, um seine grausame Hinrichtung anzusehen.
Und der arme Armentières ward auf das Rad geflochten und empfing
siebenunddreißig Schläge mit der Eisenstange auf die Beine, Arme, Füße
und Hände, die eines um das andere zerbrochen wurden, denn die Henker
wollten ihn grausam leiden sehen. Und den siebenunddreißigsten empfing
er auf die Brust und starb daran.
4
An einem hellen, linden Junitage ward zu Brüssel auf dem Markte vor dem
Rathaus ein mit schwarzem Tuch bedecktes Schaffot aufgerichtet und
daneben zween hohe Pfähle mit Eisenspitzen. Auf dem Blutgerüst waren
zwei schwarze Kissen und ein Tischlein, darauf ein silbern Kreuz stand.
Und auf diesem Schaffot wurden die edlen Grafen von Egmont und von
Hoorn mit dem Schwerte enthauptet. Und der König erbte.
Und der Gesandte von Franz, dem ersten dieses Namens, sagte von Egmont:
„Ich sah soeben dem, der zweimal Frankreich erzittern machte, das Haupt
abschlagen.“
Und die Köpfe der Grafen wurden auf die Eisenspitzen gesteckt.
Und Ulenspiegel sprach zu Lamm:
„Die Leiber und das Blut sind mit schwarzem Tuche verdeckt. Gesegnet
seien, so in den schwarzen Tagen, die da kommen werden, Mut hoch und
den Degen aufrecht halten.“
5
Um dieselbige Zeit brachte der Schweiger ein Heer zusammen und ließ es
von drei Seiten in die Niederlande einfallen.
Und Ulenspiegel sprach in einer Versammlung wilder Geusen von Marenhout:
„Auf den Rat der Inquisitionsmänner hat Philipp der König alle
Einwohner der Niederlande des Majestätsverbrechens schuldig erklärt
durch die Tat der Ketzerei, sowohl wer ihr angehangen, als wer ihr
kein Hindernis in den Weg gelegt hat. In Ansehung dieses abscheulichen
Verbrechens verdammt er sie alle, ohne Rücksicht auf Geschlecht oder
Alter, mit Ausnahme der namentlich Bezeichneten, zu den Strafen,
die auf solche Frevel stehen; und solches ohne alle Hoffnung auf
Gnade. Der König erbt. Der Tod mäht in dem reichen, weiten Lande, das
die Nordsee, die Grafschaft Emden, die Ems, die Länder Westphalen,
Cleve, Jülich, Lüttich, die Bistümer Cöln und Trier, die Länder
Lothringen und Frankreich begrenzen. Der Tod mäht auf einer Fläche
von dreihundertundvierzig Meilen in zweihundert mit Mauern umgebenen
Städten, in hundertundfünfzig Dörfern mit Städterecht, in den Flecken,
auf den Feldern und Ebenen. Der König erbt.
„Elftausend Henker sind nicht zuviel, um die Arbeit zu tun. Alba nennt
sie Soldaten. Und das Land der Väter ist ein Beinhaus geworden, woraus
die Künste fliehen, das Handwerk entweicht und welches die Gewerbe
verlassen, um den Fremden zu bereichern, der ihnen erlaubt, bei ihm den
Gott des freien Gewissens anzubeten. Tod und Verderben mähen. Der König
erbt.
„Die Lande hatten ihre Privilegien erworben durch viel Geld, das
sie bedürftigen Fürsten gaben; diese Privilegien sind eingezogen.
Sie hatten gehofft, den Verträgen gemäß, die zwischen ihnen und den
Herrschern geschlossen waren, den Reichtum, die Frucht ihrer Arbeit, zu
genießen. Sie täuschen sich: der Maurer baut für die Feuersbrunst, der
Handarbeiter arbeitet für den Dieb. Und der König erbt.
„Blut und Tränen! Der Tod mäht auf den Scheiterhaufen, an den Bäumen,
die längs der Heerstraße als Galgen dienen, in den offenen Gruben, in
welche die armen Mägdlein lebendig geworfen werden. Andre werden in
den Gefängnissen ertränkt, inmitten von angezündeten Reisigbündeln
bei langsamem Feuer gebraten oder kommen in brennenden Strohhütten in
Flamme und Rauch um. Der König erbt.
„Also hat der römische Papst es gewollt.
„Die Städte sind übervoll von Spionen, so ihren Anteil vom Vermögen der
Opfer erwarten. Je reicher, desto schuldiger ist man. Der König erbt.
„Doch die tapferen Männer des Landes werden sich nicht gleich Lämmern
erwürgen lassen. Unter den Flüchtigen sind Bewaffnete, die in die
Wälder flüchten. Die Mönche hatten sie angezeigt, auf daß man sie töte
und ihnen ihr Vermögen nähme. Darum stürzen sie sich bei Nacht und Tag
wie die wilden Tiere auf die Klöster und nehmen dort das Geld wieder,
das dem armen Volke in Gestalt von Leuchtern, güldenen und silbernen
Reliquienschreinen, Speisekelchen, Hostientellern und kostbaren
Gefäßen gestohlen ist. Nicht so, Ihr guten Leute? Und sie trinken dort
den Wein, den die Mönche für sich bewahrten. Die geschmolzenen oder
verpfändeten Gefäße werden zum heiligen Kriege dienen. Es lebe der
Geuse!
„Sie beunruhigen des Königs Soldaten, töten und berauben sie und
fliehen dann in ihre Schlupfwinkel. Bei Tag und Nacht sieht man in
den Wäldern nächtliche Feuer brennen und verlöschen und immerwährend
den Platz verändern. Das ist das Feuer unserer Gelage. Unser ist
das Wild mit Fell und Feder. Wir sind die Herren; die Bauern geben
uns Speck und Brot, wann wir wollen. Lamm, betrachte sie. Zerlumpt,
wild, entschlossen, mit stolzem Blick, irren sie mit ihren Äxten,
Hellebarden, langen Degen, kurzen Schwertern, Piken, Lanzen, Armbrüsten
und Hakenbüchsen in den Wäldern umher. Alle Waffen sind ihnen recht,
und sie wollen nicht unter Fahnen marschieren. Es lebe der Geuse!“
Und Ulenspiegel sang:
„Slaet op den trommele, van dirre dom deyne,
Slaet op den trommele, van dirre dum, dum.
Schlaget die Trommel, van dirre dom deyne.
Schlaget die Trommel des Krieges.
Dem Herzog reißt die Eingeweide aus
Und peitscht damit sein Angesicht!
Schlaget die Trommel des Krieges,
Verflucht sei der Herzog! Zum Tod mit dem Mörder!
Werft ihn den Hunden hin! Zum Tod mit dem Henker! Es lebe der Geuse!
Hängt an der Zunge ihn auf,
An der Zunge, die das Todesurteil befiehlt,
Und am Arm, der es unterschreibt!
Schlaget die Trommel des Krieges! Es lebe der Geuse!
Kerkert den Herzog lebendig ein mit den Leichen seiner Opfer!
Auf daß in dem eklen Dunst
Er an der Leichenpest sterbe!
Schlaget die Trommel des Krieges! Es lebe der Geuse!
Christe, blick nieder auf Deine Soldaten.
Dem Feuer und Strick bieten sie Trutz
Und dem Schwert um Deines Worts willen.
Sie wollen Befreiung des Vaterlands.
Slaet op den trommele, van dirre dom deyne,
Schlaget die Trommel! Es lebe der Geuse!“
Und alle tranken und schrieen:
„Es lebe der Geuse!“
Und Ulenspiegel trank aus dem vergüldeten Humpen eines Mönches und
betrachtete voller Stolz der wilden Geusen kühne Gesichter.
„Ihr wilden Männer,“ sagte er, „Ihr seid Wölfe, Leuen und Tiger,
fresset die Hunde des Blutkönigs.“
Sie sangen und sagten: „Es lebe der Geuse!
Slaet op den trommele van dirre dom deyne,
Slaet op den trommele van dirre dum, dum.
Schlaget die Trommel des Krieges. Es lebe der Geuse!“
6
Da Ulenspiegel zu Ypern war, warb er Soldaten für den Prinzen. Von des
Herzogs Bluthunden verfolgt, bot er sich dem Propst von Sankt Martin
als Küster an. Er hatte allda einen Glöckner namens Pompilius Numa zum
Gefährten, eine ausgemachte Memme, der nachts seinen Schatten für den
Teufel und sein Hemd für ein Gespenst hielt.
Der Propst war fett und feist wie ein Masthuhn, das für den Spieß reif
ist. Ulenspiegel sah alsbald, von welchem Kraut er weidete, um soviel
Speck anzusetzen. Wie er es von dem Glöckner erfuhr und mit eigenen
Augen ersah, speiste der Propst um neun Uhr zu Mittag und um vier zu
Abend. Bis acht ein halb Uhr blieb er im Bette, alsdann ging er vor dem
Mittagessen in seiner Kirche spazieren, um zu sehen, ob die Opferstöcke
wohl gefüllt seien. Und die Hälfte davon tat er in seinen Säckel. Um
neun verspeiste er eine Satte Milch, eine halbe Hammelkeule, eine
kleine Reiherpastete und leerte fünf Humpen Brüsseler Wein. Um zehn Uhr
lutschte er etliche Backpflaumen, begoß sie mit Wein aus Orleans und
bat dabei Gott, ihn nimmer in die Versuchung der Völlerei zu führen. Um
Mittag knabberte er zum Zeitvertreib einen Flügel und Hinterteil von
Geflügel. Um ein Uhr leerte er einen großen Becher hispanischen Weines
und gedachte an sein Nachtmahl. Alsdann streckte er sich auf sein Bett
hin und erfrischte sich durch einen kleinen Schlummer.
Erwachend, genoß er ein wenig gesalzenen Lachs, um den Appetit zu
reizen, und leerte einen großen Humpen Antwerpener ~dobbelknol~. Dann
ging er in die Küche hinunter und setzte sich vor den Kamin an das
schöne Holzfeuer, das darinnen flammte. Er sah zu, wie ein großes Stück
Kalbfleisch oder ein wohl abgebrühtes Spanferkel für die Mönche der
Abtei darin briet und sich bräunte; das hätte er lieber gegessen, denn
einen Laib weißen Brotes. Doch es gebrach ihm ein wenig an Hunger. Und
er betrachtete den Spieß, der sich wie durch ein Wunder ganz von allein
drehte. Das war das Werk Pieters van Steenkiste, eines Schmiedes, der
in der Kastellanei von Kortrijck wohnte. Der Propst bezahlte ihm für
einen dieser Spieße fünfzehn Pariser Franken.
Dann ging er wieder hinauf in sein Bett und schlummerte vor
Ermüdung ein; er erwachte gegen zwei Uhr und verschluckte ein wenig
Schweinsgallert nebst Wein aus der Romagna, zu zweihundertvierzig
Gülden das Stückfaß. Um drei Uhr aß er ein Vögelchen in Madeirazucker
und leerte zwei Gläser Malvasier zu siebzehn Gülden das Fäßchen. Um
dreieinhalb Uhr genoß er einen halben Topf Eingemachtes und trank Meth
dazu. Alsdann war er recht wach, nahm einen seiner Füße in die Hände
und ruhte sinnend aus.
Wenn der Augenblick des Nachtessens kam, so erschien oftmals der
Pfarrer von St. Johanni, ihm zu dieser saftigen Stunde seine Aufwartung
zu machen. Manches Mal wetteiferten sie, wer am meisten Fisch,
Geflügel, Wildbret und Fleisch essen würde. Der am schnellsten satt
war, mußte dem andern ein Gericht Kalbsrippen liefern, das mit drei
Weinen, vier Würzen und siebenerlei Gemüse zubereitet war.
Also essend und trinkend, schwatzten sie mitsammen von den Ketzern und
waren übrigens der Meinung, daß man ihrer nicht genug vernichten könne.
Derhalben fingen sie niemals Händel an, ohngerechnet den Fall, wo sie
über die neununddreißig Arten, gute Biersuppe zu machen, diskutierten.
Dann neigeten sie ihre ehrwürdigen Häupter auf ihre priesterlichen
Bäuche und schnarchten. Manches Mal, wenn einer von ihnen halb
erwachte, sagte er, daß das Leben ein gar lieblich Ding in dieser Welt
sei und daß die armen Leute Unrecht hätten, sich zu beklagen.
Dieses heiligen Mannes Küster ward Ulenspiegel. Er bediente ihn
trefflich bei der Messe, nicht ohne zu dreien Malen die Meßkännchen zu
füllen, zweimal für sich und einmal für den Propst. Der Glöckner Numa
Pompilius half ihm bei Gelegenheit dabei.
Ulenspiegel, der Pompilius so blühend, dickbäuchig und pausbäckig
sah, fragte ihn, ob er im Dienste des Propstes den Schatz dieser
neidenswerten Gesundheit gesammelt habe.
„Ja, mein Sohn,“ antwortete Pompilius, „aber schließe die Türe gut, auf
daß uns keiner höre.“
Dann sagte er ganz leise:
„Du weißt, daß unser Meister Propst alle Weine und Biere, alle Arten
Fleisch und Geflügel mit zärtlicher Liebe liebt. Derhalben schließt
er das Fleisch in einen Kasten und die Weine in einen Keller, und die
Schlüssel dazu trägt er immerdar in seinem Säckel. Und beim Einschlafen
hat er die Hände darauf. Nachts, wenn er schläft, gehe ich und nehme
ihm die Schlüssel vom Wanst und lege sie nicht ohne Zittern wieder
dahin, mein Sohn; denn wenn er um meine Missetat wüßte, so würde er
mich bei lebendigem Leibe kochen lassen.“
„Pompilius,“ sagte Ulenspiegel, „Du mußt Dir nicht soviel Mühe machen,
sondern mir nur einmal die Schlüssel geben; ich werde nach diesem
Muster welche anfertigen, und wir lassen die andern auf dem Bauche des
guten Propstes.“
„Mache sie, mein Sohn,“ sagte Pompilius.
Ulenspiegel machte die Schlüssel. Sobald er und Pompilius um acht Uhr
Abends vermuteten, daß der gute Propst eingeschlafen sei, stiegen
sie hinunter, um sich Fleisch und Flaschen auszusuchen. Ulenspiegel
trug die Flaschen und Pompilius das Fleisch, maßen er allzeit wie
Espenlaub zitterte und Schinken und Hammelkeulen nicht zerbrechen, so
sie hinfallen. Etliche Male bemächtigten sie sich des Geflügels, ehe
es gebraten war, dieserhalb wurden mehrere Katzen der Nachbarschaft
angeklagt und wegen solcher Tat umgebracht.
Alsdann gingen sie in die Ketelstraet, das ist die Straße der Dirnen.
Da sparten sie nichts und gaben ihren Schönen mit vollen Händen
geräuchertes Ochsenfleisch und Schinken, Hirnwurst und Geflügel, und
gaben ihnen Wein aus Orleans und der Romagna zu trinken und von dem
„Ingelschen Bier“, das die jenseits des Meeres Ale nennen. Und sie
gossen es in Strömen in die jungen Kehlen der Schönen. Und sie wurden
mit Liebkosungen bezahlt. Eines Morgens jedoch nach der Mahlzeit ließ
der Propst alle beide zu sich bescheiden. Er hatte eine furchtbare
Miene und lutschte grimmig an einem Markknochen aus der Suppe.
Pompilius zitterte in seinen Hosen und sein Bauch ward von Furcht
geschüttelt. Ulenspiegel verhielt sich ruhig und befühlte vergnüglich
die Kellerschlüssel in seiner Tasche.
Der Propst sprach zu ihm und sagte:
„Man trinkt meinen Wein und man ißt mein Geflügel; tust Du das mein
Sohn?“
„Nein,“ antwortete Ulenspiegel.
„Und hat nicht dieser Glöckner“, sagte der Probst, auf Pompilius
zeigend, „seine Hände bei diesem Verbrechen im Spiel gehabt? Denn er
ist bleich wie ein Verscheidender; gewißlich aus Ursach des gestohlenen
Weins, der bei ihm als Gift wirkt.“
„Ach, Herr,“ entgegnete Ulenspiegel, „Ihr beschuldigt Euren Glöckner
zu Unrecht, denn wenn er bleich ist, so ist es nicht, weil er Wein
getrunken hat, sondern weil er nicht genug zu schlürfen bekam. Wovon er
so entkräftet ist, daß, wenn man seine Seele nicht aufhält, sie sich in
Strömen in seine Hosen ergießen wird.“
„Ja, es gibt arme Leute in dieser Welt,“ sagte der Propst und trank
einen großen Schluck Wein aus seinem Humpen. „Aber sag mir, mein Sohn,
ob Du, der Du Luchsaugen hast, nicht die Spitzbuben sahest?“
„Ich werde gut Acht geben, Herr Propst,“ sprach Ulenspiegel.
„Gott erhalte Euch alle beide fröhlich, Kinder,“ sagte der Propst, „und
lebet mäßig. Denn von der Unmäßigkeit kommen uns viele Leiden in diesem
Jammertal. Gehet hin in Frieden.“
Und er segnete sie.
Und er lutschte noch einen Markknochen aus der Brühe und trank noch
einen großen Schluck Wein.
Ulenspiegel und Pompilius gingen hinaus.
„Dieser garstige Filz hätte Dir nicht einen einzigen Tropfen seines
Weines zu trinken gegeben. Ihm noch mehr zu stehlen ist so gut wie
geweihtes Brot. Doch was ist Dir, daß Du so zitterst?“
„Meine Hosen sind ganz naß,“ sagte Pompilius.
„Wasser trocknet rasch, mein Sohn,“ erwiderte Ulenspiegel. „Doch sei
guter Dinge. Heut abend in der Ketelstraet werden die Flaschen klingen.
Und wir wollen die drei Nachtwächter trunken machen, also daß sie
schnarchend die Stadt bewachen.“
Solches geschah.
Indessen kam Sankt Märten heran, und die Kirche ward für das Fest
geschmückt. Ulenspiegel und Pompilius gingen des Nachts hinein,
schlossen sorgsam die Türen, zündeten alle Kerzen an, nahmen eine
Bratsche und einen Dudelsack und huben an, auf diesen Instrumenten
zu spielen, so gut sie konnten. Und die Kerzen strahlten wie Sonnen.
Aber das war nicht alles. Da ihre Arbeit getan war, gingen sie zum
Propst, den sie ohngeachtet der vorgerückten Stunde noch auf fanden,
wie er einen Krammetsvogel knusperte, Rheinwein trank und die Augen
aufsperrte, da er die Fenster der Kirche erleuchtet sah.
„Herr Propst,“ sagte Ulenspiegel zu ihm, „wollet Ihr wissen, wer Euer
Fleisch isset und Euern Wein trinket?“
„Und diese Beleuchtung,“ sagte der Propst, auf die Fenster der
Kirche weisend. „O, Herr Gott, erlaubst Du dem heiligen Märten, also
nächtlicher Weile die Kerzen der Armen unbezahlt zu verbrennen?“
„Er tut noch ganz andere Dinge, Herr Propst,“ sagte Ulenspiegel, „aber
kommt.“
Der Propst nahm sein Kruzifix und folgte ihnen. Sie traten in die
Kirche.
Allda sah er inmitten des Hauptschiffes alle Heiligen aus ihren Nischen
herabgestiegen und im Kreise aufgestellt und von Sankt Märten, der sie
alle um Haupteslänge überragte, schier kommandiert. An seinem zum Segen
ausgestreckten Zeigefinger hielt er einen gebratenen Truthahn. Die
andern hielten Stücke von Hühnern oder Gänsen, Würste, Schinken, rohen
und gesottenen Fisch in der Hand oder führten sie zum Munde, unter
anderm einen Hecht, der gut seine vierzehn Pfund wog. Und ein jeder
hatte eine Flasche Wein zu seinen Füßen.
Bei diesem Anblick konnte der Propst sich vor Zorn nicht halten. Er
ward so rot und sein Antlitz so geschwollen, daß Ulenspiegel und
Pompilius vermeinten, er werde platzen. Aber der Propst ging, ohne
ihrer zu achten, gerade auf den heiligen Märten zu, indem er ihn
bedräuete, gleich als wollte er ihm die Missetat der andern zur Last
legen. Er riß ihm den Truthahn vom Finger und bläute ihn so wacker
durch, daß er ihm Arm, Nase, Kreuz und Mitra zerbrach.
Was die andern angeht, so sparte er ihnen keine Püffe, und mehr als
einer verlor unter seinen Schlägen Arme, Hände, Mitra, Kreuz, Beil,
Rost, Säge und andere Sinnbilder der Würde und des Martertodes. Alsdann
machte der Propst sich mit wackelndem Bauche selbsteigen daran, die
Kerzen hurtig und wütend auszulöschen. An Schinken, Geflügel und
Würsten raffte er an sich, soviel er vermochte, und unter der Last
schier erliegend, ging er wieder in sein Schlafgemach, dermaßen betrübt
und ergrimmt, daß er Zug auf Zug drei große Flaschen Wein trank.
Nachdem Ulenspiegel sich versichert hatte, daß er schlief, trug er
alles, was der Propst gerettet zu haben vermeinte, in die Ketelstraet,
desgleichen alles, was in der Kirche blieb, aber nicht, ohne zuvor die
besten Bissen dortselbst verspeist zu haben. Und den Abfall legten sie
zu Füßen der Heiligen.
Am anderen Morgen läutete Pompilius die Glocke zur Frühmette, und
Ulenspiegel stieg zum Schlafgemach des Propstes hinan, mit der Bitte,
in die Kirche hinunterzukommen.
Allda wies er ihm die Reste der Heiligen und des Geflügels und sprach
zu ihm:
„Herr Propst, es hat Euch nichts genutzt, sie haben trotz allem
gegessen.“
„Ja,“ erwiderte der Propst, „sie sind wie Diebe bis ins Schlafgemach
gedrungen, um zu nehmen, was ich in Sicherheit gebracht hatte. O, Ihr
hohen Heiligen, ich werde mich beim Papst darüber beschweren.“
„Ja,“ versetzte Ulenspiegel, „aber übermorgen ist die Prozession. Die
Arbeiter werden bald in die Kirche kommen. Fürchtet Ihr nicht, der
Bilderzerstörung angeklagt zu werden, wenn sie hier all die armen
Heiligen verstümmelt sehen?“
„Ach, Heiliger Märten“, sagte der Propst, „erspare mir das Feuer, ich
wußte nicht, was ich tat.“
Dann wandte er sich an Ulenspiegel, derweil der furchtsame Glöckner
sich an den Glocken schaukelte.
„Man wird den Heiligen Martin nimmermehr von jetzt bis auf den Sonntag
ausbessern können,“ sagte er. „Was soll ich tun, und was wird das Volk
sagen?“
„Herr“, antwortete Ulenspiegel, „man muß zu einer unschuldigen
Ausflucht greifen. Wir kleben Pompilius einen Bart aufs Gesicht, das
gar ehrwürdig ist, maßen es allzeit melancholisch ist, vermummen ihn
mit Mitra, Meßgewand und Chormütze und dem großen Mantel des Heiligen
und empfehlen ihm an, gut auf seinem Sockel zu stehen; so wird das Volk
ihn für den Heiligen Martin aus Holz halten.“
Der Propst ging zu Pompilius, der sich an den Stricken schaukelte.
„Hör auf zu läuten,“ sagte er, „und hör mich an. Willst Du fünfzehn
Dukaten verdienen? Am Sonntag, dem Tage der Prozession, sollst Du
der Heilige Martin sein. Ulenspiegel wird Dich ausstaffieren, wie es
sich gehört, und sofern Du, während Deine vier Männer Dich tragen,
eine Bewegung machst oder ein Wort sagst, laß ich Dich bei lebendigem
Leib in dem Öl des großen Kessels sieden, den der Henker just auf dem
Hallenplatz aufgemauert hat.“
„Ich werde gehorchen, Euer Gnaden,“ sprach Pompilius gar kläglich.
7
Des andern Tages ging die Prozession bei hellem Sonnenschein aus
der Kirche. Ulenspiegel hatte, so gut er konnte, die zwölf Heiligen
zusammengeflickt, die auf ihren Sockeln zwischen den Bannern der Zünfte
hin und her schwankten. Dann kam die Statue Unsrer lieben Frau, alsdann
die Marienkinder, schneeweiß gekleidet und Hymnen singend; dann die
Bogen- und Armbrustschützen. Dem Baldachin zunächst kam Pompilius, der
mehr schwankte als die andern und sich unter den schweren Gewändern des
Heiligen Martin bog.
Ulenspiegel hatte sich mit Juckpulver versorgt und Pompilius
eigenhändig mit dem bischöflichen Ornat bekleidet, ihn mit Handschuhen
und Kreuz versehen und ihn die lateinische Weise, das Volk zu segnen,
gelehrt. Er hatte auch den Priestern beim Ankleiden geholfen. Den
einen legte er die Stola, den andern die Chormütze und den Meßnern das
Chorhemd an. Er lief in der Kirche hierin, dorthin, um ein Wams oder
eine Hose in die richtigen Falten zu legen. Und jedwedem streute er
auf die Halskrause, den Rücken oder das Handgelenk eine Fingerspitze
voll Juckpulver.
Aber der Dechant und die vier Träger des Heiligen Martin bekamen das
Meiste ab. Was die Marienkinder betraf, so verschonte Ulenspiegel
ihrer, in Ansehung ihrer kindlichen Anmut.
Die Prozession zog mit fliegenden Bannern und entfalteten Fahnen in
schöner Ordnung daher. Männer und Frauen bekreuzten sich, wenn sie sie
vorbeiziehen sahen. Und die Sonne schien heiß.
Der Dechant war der erste, der des Pulvers Wirkung verspürte
und sich ein wenig hinter dem Ohr kratzte. Priester, Bogen- und
Armbrustschützen, alle kratzten sich insgeheim an Hals, Beinen und
Handgelenken. Die vier Träger kratzten sich gleicherweise, aber der
Glöckner, den es mehr juckte als die andern, denn er war der glühenden
Sonne mehr ausgesetzt, wagte nicht einmal sich zu rühren, aus Furcht,
lebendig gesotten zu werden. Er kniff die Nase zusammen, machte eine
häßliche Fratze und zitterte auf seinen schlotternden Beinen, denn
allemal, wenn die Träger sich kratzten, war er nahe daran, zu fallen.
Die Priester sangen eine Hymne auf Unsere liebe Frau:
~„Si de coe ... coe ... coe ... lo descenderes
O sanc ... ta ... ta ... ta ... Ma ... ma ... ria.“~
Denn ihre Stimmen zitterten des Juckens halber, das maßlos wurde; doch
sie kratzten sich bescheidentlich. Dem Dechanten jedoch und den vier
Trägern des Heiligen Martin waren Hals und Handgelenke ganz zerfressen.
Pompilius stand schlotternd auf seinen armen Beinen, die am meisten
juckten.
Doch siehe, auf einmal standen alle, Armbrust- und Bogenschützen,
Domherren, Priester, Dechant und Träger des Heiligen Martin still, um
sich zu kratzen. Das Pulver juckte Pompilius an den Fußsohlen, doch er
wagte nicht sich zu rühren, aus Furcht zu fallen.
Er bewunderte und lobte die blinkenden Waffen der Armbruster und die
furchtbaren Bogen der Bruderschaft der Bogenschützen.
Und die Fürwitzigen sagten, daß der Heilige Martin die Augen gar wild
rolle und dem armen Volk eine dräuende Miene mache. Dann hieß der
Dechant die Prozession weiterziehen. Die heiße Sonne, die senkrecht
auf all die Rücken und Bäuche in der Prozession fiel, machte alsbald
die Wirkung des Pulvers unerträglich. Und nun sah man Priester und
Schützen, Domherren und Dechant wie eine Schar von Affen stillhalten
und sich ohne Scham überall kratzen, wo es sie juckte.
Die Marienkinder sangen ihre Hymne und alle diese frischen, gen Himmel
steigenden Stimmen waren wie Engelchöre.
Übrigens machten sich alle davon, wohin sie konnten. Der Dechant
brachte, sich kratzend, das Heilige Sakrament in Sicherheit; das fromme
Volk trug die Reliquien in die Kirche. Die vier Träger des Heiligen
Martin warfen Pompilius derb auf die Erde. Der arme Glöckner, der nicht
wagte, sich zu kratzen, zu bewegen, noch zu sprechen, schloß fromm die
Augen.
Zwei junge Bürschlein wollten ihn fortschaffen, doch da sie ihn zu
schwer befanden, stellten sie ihn aufrecht an eine Mauer, und da weinte
Pompilius dicke Tränen.
Das Volk versammelte sich um ihn. Die Frauen hatten Sacktüchlein von
feinem, weißen Linnen geholt und wischten ihm das Antlitz, um seine
Zähren wie Reliquien zu bewahren. Sie sprachen zu ihm: „Euer Gnaden,
wie schwitzt Ihr.“
Der Glöckner blickte sie jämmerlich an und schnitt wider Willen
Grimassen.
Doch da die Zähren in Strömen aus seinen Augen flossen, sprachen die
Frauen:
„Großer Sankt Martin, weinet Ihr über die Sünden der Stadt Ypern? Rührt
sich nicht Eure edle Nase? Wir haben trotzdem die Ratschläge von Louis
Vivès befolgt, und die Armen von Ypern haben zu arbeiten und zu essen.
O, die großen Tränen! Das sind Perlen. Hier ist unser Heil.“
Die Männer sagten:
„Großer Sankt Martin, muß die Ketelstraet Eurer Stadt niedergerissen
werden? Aber belehret uns vor allem über die Mittel, die armen
Mägdlein zu hindern, abends auszugehen und sich also tausend Abenteuern
auszusetzen.“