Urzeiten, in welchem das Weib im geliebten Manne zu einer köstlichen
zweisamen Einheit von Seele und Leib ganz aufzugehen vermöchte, das
Höhere und Edlere sei.
Irid war zur Barbarin geworden!
Als mir das Verständnis aufging für die Konflikte, die sich mit
unbedingter Notwendigkeit hieraus ergeben mußten, war es schon zu spät.
Im übrigen hätte ich doch nicht vermocht ein Naturereignis aufzuhalten.
Ich bemühte mich nun wie in der ersten Zeit unseres Beieinanderseins,
mich Irids früherem Denken und Sprechen wieder zu nähern. Ich drang
darauf, daß sie meine Unterrichtung in ihrer Sprache mit größerer
Intensität betriebe. Ich fand auch große Freude daran, mich in der
schweren Schriftsprache ihrer späten Welt unterrichten zu lassen.
Diese Schriftsprache ist eine Synthese von Buchstaben- und
Zeichenschrift. Konkrete Dinge werden wesentlich in Buchstabenschrift
gegeben, abstrakte dagegen, Haupt- wie Zeitwörter, in Zeichenschrift,
und zwar dergestalt, daß man in einer geistvollen und inhaltsreichen
Weise die Zeichen der einzelnen Grundelemente zu neuen Gruppenzeichen,
die dann die auszudrückenden Begriffe ergeben, vereinigt.
So kann man sich, um ein Beispiel zu geben, das gesprochene Wort »Liebe«
auf die mannigfaltigste Weise geschrieben denken, je nach der seelischen
oder vielleicht auch rein körperlichen Art der bestimmten »Liebe«, von
der die Rede sein soll:
Will man etwa von der ersten keuschen Liebe eines knabenhaften Jünglings
zu einem noch halb kindlichen Mädchen sprechen, so vereinigt man in
gewisser Weise, je nach Geschmack, Phantasie und Absicht, vielleicht die
Zeichen für Knospe, Herz, Sonnenaufgang und Liebessehnsucht zu einem
neuen synthetischen Zeichen. Oder aber man will eine rein erotische,
ohne seelische Beteiligung stattfindende, lediglich geschlechtliche
Liebe ausdrücken, so finden sich Zeichen mehr anatomischer Genesis zu
einem Gesamtbegriff zusammen.
Man sieht, daß diese Art des Schreibens sich stark der
kollektivistischen Denk- und Ausdrucksmethode der Drom-Menschen nähert.
Aber so sehr mir auch die Beschäftigung mit dieser Schrift Freude
bereitete, und je mehr ich darin fortschritt, Irids Interesse neigte
sich immer mehr und mehr dem Primitiven zu.
Der innere seelische Grund hierzu lag natürlich letzten Endes in ihrer
Liebe zu mir, die alles, was mit mir zusammenhing, in besonders
günstigem Lichte erscheinen ließ.
Aber es schien mir doch, als ob auch eine gewisse, schon im Untergrunde,
ihr selbst nicht bewußt, vorhanden gewesene Übersättigung durch die
Leidenschaft für mich nur geweckt worden wäre.
Ich hatte ähnliche Beobachtungen mehr genereller Art von Rückfall in die
Neigung zum Primitiven als Folge der Übersättigung schon auf meiner Erde
gemacht.
Eines Umstandes will ich noch Erwähnung tun, der sehr wesentlich dazu
beitrug, Irid mir seelisch zu nähern. Das war die Beschäftigung mit der
Kunst, für die wir beide eine gleich tiefe Neigung empfanden.
Es hatte sich die merkwürdige Tatsache ergeben, daß in diesen Bezirken
menschlicher Geistesbetätigung der Unterschied unserer Betrachtungsarten
keineswegs so groß war, als es nach der Differenz unseres Gattungsalters
hätte vermutet werden müssen.
Je länger nämlich ich auf der Drom lebte, um so mehr war ich zu der
Erkenntnis gelangt, daß die allgemeine Vergeistigung der Kunst nicht zum
Gewinn gereicht hatte.
Es schien mir vielmehr unwiderleglich, daß die Menschheitsjugend, der ja
auch ich angehörte, mit ihrer ursprünglichen, barbarischen Frische und
Naivität der Kunst einen weit fruchtbareren Boden bereitet hatte, als
das vergeistigte Alter es vermochte.
Das Wesen der Vergeistigung ist Trennung von der Materie. Für die Kunst
bedeutet das Loslösung von der empirischen Natur.
Ich will nun keineswegs bestreiten, daß die Kunst der Drom in ihrer
Naturbefreiung nicht auch Bedeutendes und Großes geleistet habe. Ich
sah, um nur eines zu erwähnen, auf öffentlichen Plätzen gigantische,
buntfarbige Glasflüsse, hochragend gleich Kathedralen, deren Eindruck zu
dem Gewaltigsten gehört, das man sich zu denken vermag. Man setzte sie,
um Taten des Geistes, die der Menschheit Dienste geleistet hatten, zu
ehren.
Aber doch hat die Scheu, sich wieder dem Vorbilde der Natur zu nähern,
im Laufe der letzten Zeitepoche geradezu zu einem Sterben der Kunst
geführt.
Die Malerei, nicht mehr imstande Landschaften, Bildnisse oder andere
gegenständliche Dinge der Erfahrungswelt zu gestalten, erschöpfte sich
in immer neuen abstrakten Farben- und Linienkompositionen von derartig
vergeistigtem Wesen, daß zuletzt eine glatte Fläche von einfarbigem
Blau, Rot, Gelb, Grün oder Weiß dem ermüdeten Auge eine Wohltat dünkte.
Als dann gar die Erkenntnis aufkam, daß der Regenbogen der Atmosphäre an
abstrakter Farbengebung jegliches Menschenwerk weit hinter sich läßt,
war das Ende der Tafelmalerei erreicht.
Der Maler kehrte zurück zur Urform seiner Kunst: Er bestrich die Häuser
und die Geräte mit schönen Farben, und versah sie, in abgeklärtem
Geschmacke, mit knappen, einprägsamen Zieraten.
Dem Plastiker, dem sein Schönstes, das Spiel mit dem Menschen- und
Tierleibe, genommen war, fand keinen vollen Ersatz im Errichten
abstrakter, phantastischer Formengebilde oder im Erfinden schöner, edler
Proportionen. Auch seine Kunst senkte sich dem Abend zu.
Die Genügsamkeit, die weise Selbstbeschränkung und die dünne Verbreitung
der alternden Menschheit nahm auch dem Architekten die jugendliche
Freude am Werke seines Geistes. Allerdings gehörten die kleinen Häuser
und die einfachen Gebäude der Manufakturen, an denen fast ausschließlich
er seine Kunst betätigen konnte, in dem rhythmischen Gleichmaß ihrer
Verhältnisse zu dem Wohltuendsten, das ich je gesehen habe.
Am meisten hatte an ursprünglicher Frische und Gestaltungskraft die
Dichtkunst eingebüßt.
Die Formung des nur Geistigen widerstrebt der Dichtkunst. Die Abneigung
gegen die Gestaltung der menschlichen Beziehungen hatte zu einer nur
aphoristisch-philosophischen Dichtart geführt, die zwar tiefer und
letzter Weisheit voll war, aber dennoch nicht einmal den Anspruch des
Erstmaligen erheben konnte, denn schon aus den Uranfängen der
überlieferten Literatur sind philosophische Dichtwerke höchster und
letzter Potenz auf uns gekommen, die niemals überboten werden konnten.
Die Schauspielkunst, die all' ihr Lebensblut aus der Menschengestaltung
sog, war schon längst nicht mehr. Schon die Vergeistigung der Materie,
des Körperlichen, hatte ihr schweres, unheilbares Siechtum gebracht. Als
aber gar die Lüge und die Verstellung aus der Welt schieden, deren edle
und schöne Seite sie ihr Leben lang den sonst nur gemein und bösartig
betrogenen Menschen gezeigt hatte, legte auch sie sich aufs Sterbelager.
Die _Musik_ aber lebte über Raum und Zeit!
In ihren edelsten Formen schon von jeher frei von der Materie, schwebte
sie körperlos und ohne Beziehung zu Körpern durch den Raum als der
Schöpfung erster, letzter und reinster Ausdruck.
Musik war, als der Urmensch im Dreitakt an den hohlen Baum schlug, als
das Krescendo des Trommelwirbels der Wilden an den Nerven riß, Musik
war, als die Trompeten der Barbaren schmetterten auf den
Schlachtfeldern, als die Pauken und Posaunen dröhnten über dem lodernden
Katafalk des Helden. Musik war, als die armen kleinen Kantoren auf den
wurmstichigen Orgelbänken ihren Gott lobten in vierstimmigen Sätzen von
solch' himmlischer Seligkeit, daß der Gott klein ward vor der Größe der
bescheidenen Musikanten.
Der erste Strahl des Lichtes, das die Welt durchfloß, war Rhythmus
seiner Wellen. Harmonie ist der Donnergang des Kosmos. Rhythmus und
Harmonie sind die Musik der Welten. Musik war im Anbeginn und Musik wird
sein von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Je mehr Irid in mir aufging, je mehr sich ihre Seele in die meine
verkroch und ihr Leib von dem meinen lebte, um so mehr schloß sie sich
von der Außenwelt ab. Sogar ihre Dienerin Okk wollte sie entlassen, und
nahm nur auf mein nachdrückliches Abraten davon Abstand.
Dabei wurden ihr Körper, ihr Antlitz, der Ausdruck ihrer Augen immer
herrlicher und lockender.
Seit sie Muttergefühle zu verspüren glaubte, schien sie neu zur Welt
gekommen. Ihre Stimme, die wie Silber geklungen hatte, war die einer
geheimnisvoll läutenden Glocke geworden. Ihre Schritte, jede ihrer
Bewegungen waren Verheißungen, und ein Duft von sinnlichem, blühendem,
schwellendem Leben ging aus von ihrem weißen Körper. Ich atmete
Seligkeiten.
Unsere Wünsche kannten keine Steigerung mehr. --
Nicht daß ihr Vater sie wegen ihrer Sinnesänderung getadelt hätte. Dazu
war der Begriff der persönlichen Freiheit zu tief eingewurzelt in jener
Welt.
Aber er verstand zum ersten Male seine Tochter nicht mehr, und da diese
jetzt in einer andern Welt lebte, so verstärkte sich das Mißverstehen
von Tag zu Tag.
Unsere Besuche beim alten Worde wurden seltener, und auch er entschloß
sich nicht mehr so leicht als früher in unser Haus zu kommen.
Und noch ein Anderes ereignete sich: Vasen Ott stellte sich wieder ein.
Vasen Ott, von dem ich, da auch ich ihn bisher nur aus den Erzählungen
meiner Freunde kannte, noch nicht berichtet habe, war eine Erscheinung
aus Irids Leben vor meiner Zeit. Ein großer Mensch von schlanker Gestalt
und mit tiefdunkeln, träumerischen Augen.
Er hatte gleichfalls den Ehrgeiz gehabt, Kinderlehrer zu werden, konnte
aber die Qualifikation dazu nicht erwerben, und war in die Laufbahn der
Beamteten des Wohnkreises übergetreten, zu welcher Tätigkeit seine
Eigenschaften ausreichten. Seit einiger Zeit stand er an der Spitze der
Beamteten und galt als umsichtiger und zuverlässiger Verwalter der
allgemeinen und öffentlichen Angelegenheiten.
Er kannte Irid von Jahren gemeinsamen Studiums her und liebte sie seit
langem. In der Zahl der Männer, die um sie geworden hatten, war er
derjenige gewesen, der ihre Sympathien am meisten besaß. Mehrere Male
glaubte sie dicht davor gewesen zu sein, seinem stillen, wortlosen
Verlangen nachzugeben. Aber immer hatten sie jene Gedanken, von denen
ich jetzt wußte, abgehalten, ihm ihre Liebe zuzuwenden.
Vasen Ott zog sich schließlich enttäuscht von ihr zurück, und eine
andere Frau wurde dann später die Seine. Die beiderseitige Liebe hatte
aber nicht länger als zwei Jahre vorgehalten und, jetzt, da er wieder
allein lebte, wandte sich sein Begehren abermals Irid zu.
Er begann mit Besuchen bei Worde, der, als einer der Ältesten des
Wohnkreises, ohnehin in öffentlichen Geschäften mit ihm, als dem ersten
Angestellten, manches zu tun hatte.
Von Worde erst erfuhr Vasen Ott über das merkwürdige Auftreten des vom
Himmel gefallenen Wilden in Irids Hause.
Da die Barbaren-Erfindung der Zeitungen seit undenklichen Zeiten nicht
mehr bestand, und man sich auch sonst grundsätzlich niemals
unaufgefordert um die Angelegenheiten seiner Mitmenschen kümmerte, so
war es, was nach irdischen Begriffen unwahrscheinlich erscheinen müßte,
durchaus möglich, daß ich jahrelang hätte bei Irid wohnen können, ohne
daß Leute, die mich nicht persönlich kennenlernten, überhaupt etwas von
mir erfuhren. Irgendeine Registrierung der Einwohner, anders als
lediglich nach der Kopfzahl, stand den Angestellten der Wohnkreise nicht
zu.
Vasen Ott erfuhr von Worde, da es ja zwischen jenen Menschen keine
Geheimnisse gibt, daß Irid von dem Wilden ein Kind erwarte.
Weit davon entfernt, Irid, deren vollkommenste Freiheit ihm ebenso
heilig war, wie die jedes anderen seiner Mitmenschen, dieserhalb zu
zürnen, erschrak er doch heftig und beschloß, um ihr Schicksal, zumal in
seelischer Hinsicht, besorgt, sie aufzusuchen.
Eines Nachmittags trat er bei uns ein. Irid empfing ihn mit freundlicher
Begrüßung und stellte mich als ihren Gefährten vor.
Vasen Ott, der schon wußte, daß man sich mit mir lediglich in der
Kindersprache verständigen könne, fragte Irid vorsichtig, ob es möglich
sei, den Wilden jetzt zu entfernen. Er wolle mit ihr allein sprechen.
Irid wurde rot, aber bat mich, der ich ihre kurze Unterhaltung nur halb
verstanden hatte, sie mit dem Gaste allein zu lassen. Dabei küßte sie
mich. Ich ging hinaus.
Nach einiger Zeit sah ich von einem Fenster aus den schönen Mann
davongehen und zwar bewegte er sich mit in diesem Lande des gemessenen
Benehmens ungewöhnlich hastigen Schritten. In der Gartenpforte drehte er
sich noch einmal nach dem Hause um, und in seinen vorher so stillen
Rehaugen war ein ungewöhnliches Leben.
Da hörte ich schon Irids Schritte draußen. Ich eilte ihr entgegen, und
zu meinem ernsten Erstaunen warf sie sich, wie ein Kind weinend und
schluchzend, an meine Schulter.
Ohne daß sie ein Wort sagte, wußte ich, der Mann habe sie beleidigt.
Meine schnelle Frage bestätigte es mir.
Ein ganz irdischer, höchst ungeistiger Zorn stieg in mir auf. Daß der
unverschämte Kerl die Entfernung des »Wilden« verlangt hatte, war schon,
nicht so sehr meinetwegen als Irids halber, die ihn als ihren Gefährten
vorgestellt hatte, ein starkes Stück gewesen. Es hatte mich schon einige
Mühe gekostet, davon Abstand zu nehmen, den feinen jungen Herren
kurzerhand vor die Tür zu befördern.
Jetzt aber kochte es in mir einigermaßen über. Ich stürzte, die
erschrockene Irid verlassend, hinauf, ergriff in der Tür meinen dort
hängenden derben Wanderstock, rief meinen Freund Turu, den Hund, und
dann liefen wir beide den Weg entlang, auf dem dieser traumäugige
Heilige davongegangen war.
Schon auf dem Waldwege bekam ich ihn in Sicht. Ich hetzte Turu, der,
glücklich über die wilde Jagd, bellend an mir hochsprang, hinter ihm
her.
Der kluge Hund, der ohnehin der Unterredung der beiden beigewohnt und
gewiß gefühlt hatte, daß Irid den Mann nicht im Guten entließ, fegte nun
mit wütenden Sätzen vor mir her.
Vasen Ott, die wilde Jagd hinter sich herkommen hörend, blieb
gravitätisch stehen.
Der große Hund sprang ihm mit bösem Geheul an der Schulter hoch, und
stand, ihm seinen Hundeatem ins Gesicht blasend, bis ich heran war.
Dann tat ich, was mir mein Zorn gebot, nämlich den vergeistigten Herren
ganz irdisch und barbarisch zu verprügeln, bei welcher seinen Instinkten
angenehmen Beschäftigung Turu sich durch Vernichtung eines sehr
wichtigen Teiles der Vasen Ottschen Kleidung beteiligte.
Ein Heldenstück ist diese Tat allerdings, trotzdem der Mann mir an Größe
mindestens glich, auch einen Handstock trug, nicht gewesen, denn einmal
war er überrumpelt worden, vor allem aber ist unter den geistigen
Menschen jener Welt jegliche Gewalt, und sei es auch nur im Spiel der
Kinder, in solchem Maße verpönt, daß man auf Erden schon einen
kompletten Menschen totschlagen muß, um sich ein solches Maß von
Mißbilligung zuzuziehen, wie die alternde Menschheit der Drom sie dem
zuteil werden ließe, der es unternähme, einen Menschen im Zorn auch nur
am Rockkragen zu fassen.
Vasen Ott, der Traumäugige, hatte also nicht die geringste Übung in
solchen Lebenslagen, und konnte gewiß auch, trotz Turus aggressiven
Benehmens, eine derartige Handlungsweise von mir nicht vermutet haben.
Aber da es sich ja für mich keineswegs darum gehandelt hatte, in
ritterlichem Kampfe meine Kräfte mit dem Störenfriede zu messen, sondern
vielmehr ausschließlich ihn für die Beleidigung, die er Irid zugefügt
hatte, zu züchtigen, so kehrte ich befriedigt und im angenehmen
Bewußtsein des erreichten Zweckes mit Turu nach Hause zurück.
Als ich Irid berichtete, was sich zugetragen hatte, war diese anfangs
namenlos entsetzt, fand sich aber doch überraschend schnell in die
Situation.
Für meine Handlungsweise an sich konnte sie zwar das volle, irdische
Verständnis kaum ganz aufbringen, aber was ich tat, war in ihren Augen
gut, und trotz aller Vergeistigung durch Jahrtausende alte Kultur, die
uns trennte, schien doch ein Fünkchen jenes menschlichen Urgefühls der
Rache für erlittene Unbill in ihr verblieben zu sein, das sich jetzt mit
Genugtuung meldete.
Da Vasen Ott ein öffentlicher Angestellter war und sogar als deren
erster auch nur vorübergehend schwer zu ersetzen, so konnte es nicht
verborgen bleiben, als er arg verbläut einige Tage seiner Tätigkeit fern
sein mußte.
Nun gibt es auf der Drom keine Gesetze mehr, die den einzelnen zu
treffen vermöchten. Es war also nicht möglich, mich nach irdischen
Begriffen für meine Tat zu strafen.
Dafür aber pflegte in den überaus seltenen Fällen, da ein Mensch einem
anderen Ungemach zugefügt hatte, und dieser vor den Ältesten des
Wohnkreises Klage erhob, ein alter Gebrauch angewandt zu werden: die
öffentliche Bekanntmachung der Tat und des Namens des Täters in den
Versammlungen der Einwohner. Eine andere Folge trat nicht ein.
Aber schon diese zwangsweise Preisgabe des Namens an die öffentliche
Beurteilung wird als ein demütigend tiefer Eingriff in die persönliche
Freiheit empfunden. Da sonst niemals, auch nicht in Gedanken, ein Mensch
über einen anderen irgend ein tadelndes Urteil fällt, in diesem
besonderen Falle aber Alle zur Kritik aufgefordert werden, so ist das
eine Ungeheuerlichkeit.
Man kann sich, aufgewachsen in den unzähligen und nie endenden
Beschränkungen des unfreien Menschen unserer Erde, schwer eine
Vorstellung von dem Wesen vollkommenster, auch gedanklicher, Freiheit
machen, das jener Menschheit so viel späterer Jahrtausende zur
selbstverständlichen Gewohnheit geworden ist. --
In der nächsten Versammlung der Kreisinsassen ward mein Name und meine
Tat bekanntgegeben. Seit mehreren Jahrzehnten war Derartiges nicht mehr
erfolgt.
Worde, wie berichtet, selber einer der Ältesten des Kreises, war, obwohl
natürlich der Name seiner Tochter nicht genannt wurde, tief betrübt,
mehr aber über den Ausbruch tierischer Wildheit des Geliebten seiner
Tochter als über die kränkende Strafe.
Für Irid war dieses Ereignis nur der Anlaß, sich noch mehr als bisher
von der Außenwelt abzuschließen und sich ganz auf mich zurückzuziehen.
In das hohe Glück unserer zweisamen Tage aber mischte sich drückend das
Bewußtsein des Dualismus in Irids Seele.
Sie stand zwischen zwei Welten. Ihre Vergangenheit, die unendliche Reihe
ihrer Vorfahren, die Erbschaft von Jahrtausenden, hielt sie fest in der
Welt ihrer Geburt. Ihr inneres Wollen aber, ihr warmes Sehnen, ihr
ganzes starkes Ich, das als die höchste Macht und das einzige Gesetz zu
betrachten sie mit ihrer gesamten Mitwelt gewohnt war, zog sie zu der
jungen, barbarischen Menschheitsstufe des geliebten Mannes.
Dazu kam noch, daß ihr schöner Lehrerberuf sie in ernste seelische
Verlegenheiten brachte, seit sie innerlich dem Barbarismus zuneigte.
Die größte Sorge aber bereitete ihr der Knabe, den sie in nicht mehr
dreiviertel Jahren zu gebären hoffte.
Empfangen in einer Stunde heißester Wildheit, so meinte sie jetzt,
gezeugt von einem Vater von, wie sie wähnte, urmenschlich quellender
Jugendkraft, mußte die Zwiespältigkeit des Gefühls, wie es jetzt sie
erfüllte, in ihm dereinst zur Tat erstehen, und statt eines Erneuerers
der alternden Menschheit müsse er, wie sie nun in Stunden seelischer
Depression vermeinte, an ihr zum Verbrecher werden. --
Eines Abends, nachdem sie den Tag nachdenklich verbracht hatte,
veranlaßte sie mich, mit ihr an den See hinunter zu gehen.
An der Stelle, wo wir voreinander gekniet hatten bei meiner Ankunft,
hatte ich eine Bank errichtet.
Hier ließen wir uns nieder, und Irid begann mit dringenden Worten die
Forderung an mich zu richten, in meine Welt zurückzukehren und sie mit
mir zu nehmen, auf daß sie dort ihres Knaben genesen, ihn unter Menschen
seines eigenen Blutes aufziehen und mit mir leben könne im Rhythmus und
in den Gedanken meiner Welt.
Ich hielt ihr die Gefahren der furchtbaren kosmischen Reise entgegen,
die Unsicherheit der Ankunft, und die Möglichkeit, daß dort drüben
vielleicht bittere Enttäuschungen ihrer warten möchten.
Sie aber blieb fest in ihren Bitten. Was ihr Wohlbefinden in jener Welt
beträfe, so könne es nirgends größer sein als da, wo ich wäre, und wenn
wir unser Ziel nicht erreichen sollten, im Äther zerstöben oder an
Weltkörpern zerschellten, so würde es uns gemeinsam treffen und ein
schöner Tod sein, denn mit ihren Haaren wolle sie uns aneinander
fesseln. --
An diesem Abend beschlossen wir von dannen zu gehen, sobald sich der Tag
meiner Ankunft gejährt habe.
Noch etwa eine Woche hatten wir vor uns. Irid nutzte sie, um in der
Stille ihre Angelegenheiten zu ordnen. Unter heißen Tränen schrieb sie
einen Abschiedsbrief an den geliebten Vater. Auch ich fügte Worte des
innigsten Dankes hinzu.
Die letzten Tage, nachdem sie alles erledigt hatte, lebte sie wie in
einer Art von Ekstase. Ihre Augen leuchteten in innerer Glut, ihre Füße
schienen, wenn sie schritt, kaum den Boden zu berühren, und ihr Mund,
der so mitteilsam gewordene, war wieder verstummt und flüsterte nur noch
meinen Namen. --
Am Abend vor der Nacht unsres Fortgehens trat sie nackt in mein Zimmer.
Wie ein goldschimmernder Mantel lag ihr Haar um das Weiß ihres
herrlichen, makellosen Körpers.
Gleich einer Priesterin breitete sie die Arme aus, und ihre Augen waren
wie die Verheißung des Paradieses.
Ich kniete vor ihr und küßte ihren Leib.
Als die Nacht halb vorüber war, schritten wir, noch trunken von Wollust,
nackt hinunter zum See, wo ich ein Lager bereitet hatte.
Irid flocht ihr Haar in schwere Zöpfe. Wir legten uns nieder, verbanden
uns durch Irids Zöpfe, umschlangen uns fest und blickten, all' unser
Inneres auf den einen Gedanken unsres Ziels richtend, hinauf zu dem
winzigen Nebel, in dem meine Erde kreiste.
Gleich einem einzigen Körper und einem einzigen Gedanken lagen wir
ineinander gefügt in einer nie gefühlten Fülle sinnlichen Vergehens.
Als der Himmel sich rötete, war mir, als ob mein Körper sich zu
erleichtern begänne. Fester umschlangen meine Arme den zitternden Leib
meines jungen Weibes, dessen Mund im Paroxysmus den meinen suchte.
Das Klingen, Harfenschwirren hub an, ein tiefer Orgelton erfüllte die
Luft, und als die ersten Sonnenstrahlen über den Wald huschten, war die
Verbindung mit dem Lager gelöst:
Ich schwebte frei empor und -- durch die Wollust der Ekstase hindurch
fühlte ich die Freude über den Erfolg -- Irid blieb fest in meinen
Armen.
Ihr Atem floß heiß über mein Gesicht. In allem Brausen der beginnenden
Transfiguration vernahm ich deutlich das süße Wimmern ihres Mundes, wie
sie meinen Namen stammelte. Dann schwand mir das Bewußtsein.
Auch heute, lange einsame Jahre nach den Ereignissen, deren Schilderung
ich hier qualvoll niederschreibe, Jahre, da kein Tag versank, an dem
nicht diese Stunden mir nahe waren, auch heute noch muß ich mich
zwingen, den tiefen Schmerz meiner Seele zu bannen, um in sachlicher
Folge zu berichten, was nun geschah:
Als mein Bewußtsein zurückkehrte, war das erste, dessen ich gewahr
wurde, ein furchtbarer körperlicher Schmerz. Aber ich fühlte dennoch,
daß Irid noch in meinen Armen war. Ich vermochte die Augen aufzuschlagen
und sah uns auf felsigem Untergrunde halb im Wasser liegen. Irids Augen
waren geschlossen. Mich deuchte, daß ihr Mund, wie im Traume, lächelte.
Einige Menschen umstanden uns, und ich hörte Stimmen. Dann schwanden mir
wieder die Sinne. --
Zum anderen Male erwachte ich im Helldunkel eines engen Raumes.
Beizender Rauch zog mir in die Nase. Wieder fühlte ich schwere Schmerzen
in Kopf und Gliedern.
Vor mir saß ein altes Weib mit schwarzem, strähnigem Haar und rotgelben,
faltigen Zügen. Alte, verbrauchte Decken waren über mich gelegt.
Das Weib sprang, da sie mich die Augen öffnen sah, hoch, kreischte,
anscheinend freudig erregt, auf, und begann eilig mir irgendwelche
Nahrung einzuflößen. Bei dieser Prozedur fiel ich wieder in Ohnmacht.
Als ich abermals erwachte, war Nacht umher. Ich vermochte vor Schmerzen
kaum meine Gedanken zu sammeln, griff aber doch um mich, um Irid zu
fassen. Ich fand sie nicht und rief ihren Namen. Ein Stöhnen nur mag es
gewesen sein.