Man sollte auch meinen, daß wenigstens die in der damaligen Urzeit

höchst mangelhafte Kenntnis des menschlichen Körpers, die es nicht

erlaubte, mit den Krankheiten fertig zu werden, die Menschheit

verkleinert habe. Dem aber war nicht so: zwar raffte die Krankheit

gleich dem Kriege unzählige Millionen dahin, aber wie Hydraköpfe wuchs

die wuchernde Menschheit nach.

Der unerhörten Überschätzung verstandesgemäßen, technischen Könnens

jener wilden Zeit entsprach eine unwirkliche, phantastische und

barbarische Ethik:

Der große Irrtum der Menschen jener Drom-Epoche, der viele Jahrtausende

angehalten hat, daß nämlich sich im Körper die Seele als besonderes

Lebewesen, als eine Art Einwohner, aufhalten solle, führte dazu, dieser

Seele übersinnliche Eigenschaften beizulegen, und ihr aus Gründen

mangelnden Naturerkennens die Fiktionen von Gottheiten der

verschiedensten Art vorzusetzen, vom einzigen Gotte bis zu einem ganzen

Götter- oder Heiligenhimmel, oft auf das tiefsinnigste und

gehaltreichste ausgedacht und mit unendlicher Liebe mystisch verklärt,

um welche Gottheiten sich die Drom-Menschen dann dauernd bis aufs Blut

uneinig waren.

Durch das ungeistige Wesen, das sie in ihrer Verblendung um die

Gottheiten herum inszenierten, schufen sie den Begriff von Gut und Böse,

und trieben durch Lehre und Beispiel sich selber gegenseitig immer von

neuem unwiderstehlich zum Schlechten.

Zwar gab es auch schon in jenen Urzeiten Menschen, die den Mut besaßen,

diese Gottheiten als Erzeugnisse der menschlichen Phantasie zu erkennen,

als Produkte des menschlichen Bedürfnisses nach Anlehnung, Unterordnung,

Unfreiheit, nach übersinnlicher Mystik oder doch als die gedachte

transzendente Verlängerung einer zu kurzen sinnlichen Erkenntnis, als

die bequeme Erklärung scheinbar rätselhafter Vorgänge. Aber diese

wenigen Menschen wurden einerseits mit Haß und Abscheu oder wenigstens

mit Geringschätzung behandelt, anderseits taten sie sich auf ihre

Erkenntnis etwas Besonderes zugute, legten sich wissenschaftlich

klingende Namen bei und machten ein aufdringlich großes Wesen von sich.

Daß in solch' barbarischem Getriebe die Kunst unbeirrt die herrlichsten

und köstlichsten Blüten trieb, erscheint uns heute auf den ersten Blick

unverständlich, erklärt sich aber aus der blutwarmen, unverbrauchten,

gärenden Jugend des damaligen Menschengeschlechtes, als dessen reinste

Kräfte die Künste aus dem Grunde des brodelnden Kessels gleich Gasblasen

durch alles siedende Aufwallen hindurch unverletzt zur Oberfläche

aufstiegen.

Auch die Wissenschaft, soweit sie sich nicht zur Sklavin der Technik

machte, stand bereits inmitten vergleichsweise hoher Erkenntnisse. Von

dem Lebenswichtigsten allerdings, vom Menschen, wußte sie wenig.

Überhaupt kam der Mensch in dieser sonderbarsten und aufregendsten Zeit,

die der Drom je beschieden war, am schlechtesten weg.

Die immer mehr wachsende Überfüllung des Planeten, die sich höchst

unzweckmäßigerweise auf einigen ihrer Gebiete einstellte, während andere

frei blieben, schuf von selbst die Notwendigkeit der Einteilung und

Organisation der sich drängenden Menschheit.

Von jeher hatte in jenen Urzeiten eine merkwürdige Doppelschichtung

bestanden, deren Lagerungen sich in unregelmäßigen Perioden veränderten.

Auf der einen Seite war dies die über die ganze Drom hinweggehende

wagerechte Schichtung in eine dünne obere Lage und eine dichte untere

Lage. Die obere Lage bestand aus den Besitzenden, die untere aus den

Besitzlosen. Geistiges hatte damit nichts zu tun. Es handelte sich

lediglich um das Materielle.

Dem stand auf der andern Seite die senkrechte Schichtung gegenüber. Sie

teilte die Menschheit nach dem Ursprungsorte ihrer Sprachen und Stämme

und der geographischen Lage ihrer Wohnsitze in allerhand größere oder

kleinere Gemeinschaften, die sich »Nationen« nannten, meist

untereinander bitter verfeindet waren, und sich, wenn es irgend anging,

auf das heftigste und in jeder Art bekriegten. Die Kriege pflegten dann

die Grenzen der senkrechten Schichtungen über ihre ursprüngliche

sprachliche und geographische Lage mehr oder weniger weit hin und her zu

schieben, welche Verschiebungen immer neuen Anlaß zu weiteren Kriegen

gaben. Oft gar nahmen diese Verschiebungen einen solchen Umfang an, daß

eine der Nationen das Gebiet der andern ganz bedeckte.

Gelegentlich einigte man sich in der Menschheit dahin, daß die Kriege

von nun an aufhören, und alle einen großen Freundschaftsbund schließen

sollten. Diese Einigung pflegte aber nur den Mächtigeren der senkrechten

Schichtungen zugute zu kommen, und zwar auch nur so lange, als diese

sich untereinander vertragen, ein Zustand, der selten lange anhielt.

Auch die große wagerechte Doppelschichtung der Besitzenden und

Besitzlosen änderte oftmals ihre Lage zueinander. Dieser Wechsel war

stets von Kämpfen begleitet, die den Kriegen der Nationen an

Furchtbarkeit nicht nachstanden.

Die dichtere Lage der wagerechten Schichtung, die Besitzlosen, strebte

zudem dauernd danach, das System der senkrechten Schichtung in Nationen

überhaupt aufzuheben, weil dieses System ihrem Streben, die Oberhand zu

gewinnen, entgegenstand. Wenn tatsächlich die spätere und längere

Geschichte der Drom-Menschheit eine solche senkrechte Schichtung der

Nationen nicht mehr aufweist, und lediglich die Dichtkunst in Prosa und

Vers die schönen Ursprachen jener Epochen auf uns überbracht hat, so ist

das aber nicht als ein Erfolg der Schicht der Besitzlosen anzusprechen,

sondern lediglich die Wirkung der großen _Geisteszeit_, die einsetzte,

als mit dem Ende der Elektrizitätszeit die Drom-Geschichte einen

Gipfelpunkt von goldener und blutroter Strahlung erreicht hatte, wie er

nicht höher und machtvoller, aber auch nicht wilder und furchtbarer

gedacht werden kann.

Ein gewaltiger, himmelragender Weltberg muß jener Gipfel gewesen sein,

umlagert von den großen, immer gärenden und wechselnden

Menschheitsorganisationen.

Das Einzelstudium der Geschichte jener Drom-Zeit weist, wie mich Worde

lehrte, Organisationsformen der mannigfaltigsten Art auf.

Am verbreitetsten war gegen das Ende jener unseligen Zeit die sogenannte

Republik, in welcher Einrichtung stets eine (meist nur geringe) Mehrheit

der Minderheit die Gesetze vorschrieb, und in der es zuzugehen pflegte,

wie auf einer jener schnell rotierenden Drehscheiben, wie man sie früher

zur Volksbelustigung auf den Jahrmärkten vorführte. Auf ihnen hält sich

immer, um nicht abgeschleudert zu werden, einer am andern fest. Nur

einigen wenigen aber gelingt es, in der Mitte der Scheibe so lange

festzusitzen, bis sie der Zug eines anderen, gleichfalls zur Mitte

Strebenden aus dem Gleichgewicht bringt und der tangentialen Wirkung der

Rotationskraft aussetzt.

Diese sogenannten Republiken gab es in allen Formaten und Spielarten.

Stets aber mußte ein erheblicher Teil der Menschheit dem Willen des

andern Teils untertan sein, obwohl das Wort »Untertan« als in hohem Maße

beleidigend galt.

Auch Republiken mit schön drapierten Herrschern waren darunter. Diese

letzteren band man in der Mitte der Drehscheiben an für sie

eingeschraubten goldenen Ringen bewegungslos fest.

Zeitweilig hatte sich auch eine ganz besondere Organisationsform

aufgetan, die leugnete eine Republik zu sein und von sich behauptete,

die Lösung der großen Menschheitsfrage bringen zu können.

In der Theorie war sie, das muß man ihr noch heute, nach langen

Jahrtausenden, zugestehen, schon vergleichsweise recht unbarbarisch

ausgedacht. Keiner sollte darin mehr bedeuten, mehr besitzen und mehr

Gewalt haben als der andere. Alle die trennenden und aufregenden

Schichtungen, sowohl die wagerechten in Besitzende und Besitzlose, wie

die senkrechten in Nationen, sollten damals schon, wie es heute ist,

aufgehoben werden.

Aber es blieb bei der Theorie, denn die Voraussetzung für ihre

praktische Durchführung, die _Vergeistigung der Menschheit_, war in

jenem Menschheitszustande der Barbarei noch nicht erfüllt.

Die Versuche zur Errichtung solcher Gemeinschaften waren

begreiflicherweise dazu verurteilt, am Materiellen kleben zu bleiben,

und erreichten nur, daß das Individuum sich wie in einem gewaltigen,

alles nivellierenden Schafstalle vorkam, in dem keiner sich wohl fühlte,

jeder unfreier war als zuvor, und daß sich neben und vor die reinen und

gutgläubigen Gründer und Führer Unberufene, Eitle, Macht- und

Blutdürstige drängten, die der Menschheit das Leben zur Hölle machten.

Die Hauptsache aber, der oberhalb des geknebelten Individuums thronende

»Staat«, ohne den die ungeistige Menschheit jener Barbarenzeit eben

nicht bestehen konnte, blieb, wie sehr die Schöpfer der Organisation

dies auch bestritten, unter anderem Namen nach wie vor am Leben.

Am wohlsten scheint sich nach den erhaltenen Inschriften und

schriftlichen Überlieferungen die Menschheit noch in jenen seltenen

Ausnahmefällen befunden zu haben, wo ein durch ungewöhnliche Gaben vor

seinen Mitmenschen ausgezeichneter Einzelner, getragen von dem Vertrauen

aller, diktatorisch an der Spitze der Organisation stand.

Aber auch die geringe Zahl dieser Einzelnen, von denen die Geschichte

weiß, Führer im Geiste, blutgeborene Könige aus den Geschlechtern der

Urzeit, oder geistesgeborene Söhne des Volkes, hatten unter dem

Barbarismus und dem niedrigen Kulturniveau ihrer Umwelt schwer zu

leiden.

Im ganzen betrachtet, bedeutete jede Änderung der Organisationsform, so

hoch auch sie von ihren Anhängern als die endliche Erfüllung der

ersehnten Freiheit gepriesen wurde und welcher Art sie auch gewesen sein

mochte, nichts als günstigenfalls einen Gewinn für die Gesellschaft auf

Kosten des Individuums.

Ich drang im Laufe unserer Abende in Worde, mich wissen zu lassen, wie

sich die Dromgeschichte nach dem Versinken jener gewaltigen

Elektrizitätsepoche gestaltet habe.

Es wurde dem alten Gelehrten nicht leicht, sich mir verständlich zu

machen. Meine Welt, unsere irdische Menschenwelt, war gegen jene der

Drom, das hatte ich inzwischen begriffen, um zahlreiche Jahrtausende in

der Entwickelung zurück, mir aber mangelte die Erfahrung jenes

gewaltigen Zeitunterschiedes.

Wiederholtes Geschehen gibt gleich addierten Zahlen eine Summe. Dies

wiederholte Geschehen findet im Rahmen der organischen Welt seinen

reichsten und letzten Ausdruck in der Vererbung. Da aber das höchste

Organ die menschliche Psyche ist, entstanden in der Entwickelung

ungezählter Zeiträume, so klingt in unserm Bewußtsein die Psyche aller

hinter uns versunkenen Jahrtausende mit.

Mir aber fehlten in der meinen eine Anzahl von Jahrtausenden, und zwar

gerade die letzten.

Der alte Gelehrte befand sich also mir gegenüber in einer Lage, als ob

etwa auf unserer Erde jemand einen vielleicht aus der Steinzeit wieder

auferstandenen Mann, dem man unsere Sprache, soweit er sie zu begreifen

vermag, notdürftig beigebracht hat, die Entwickelung der letzten

Jahrtausende erklären will.

Es gelang aber doch Wordes feinem psychologischen Verständnis, sich in

mein primitives Denkvermögen hineinzufinden und mir den weiteren Verlauf

der Dinge auf der Drom einigermaßen begreiflich zu machen.

Alle diese Menschheitsorganisationen, fuhr er fort, haben also nur eines

erreicht: ihren eigenen Aufbau und Zerfall. Dem _einzelnen Menschen_

gaben sie wenig oder nichts. Im Gegenteil: je stärker und machtvoller

die Organisation als solche dastand, um so weniger bedeutete darin der

einzelne Mensch, auf dessen Erhaltung, Freiheit, Wohlbefinden es jedoch

letzten Endes ja allein hätte ankommen sollen.

Es hält heute schwer, sich eine Vorstellung von einer Welt zu machen, in

der die Nahrungs- und Ordnungsorganisationen _oberhalb_ der einzelnen

Individuen standen, in der die Organe dieser Organisationen, deren

Versammlungen, Kommissionen, ja deren einzelne Beamtete berechtigt und

sogar verpflichtet waren, über den Menschen zu bestimmen, Regeln für

sein Verhalten aufzustellen, ihm Befehle zukommen zu lassen, ihm Verbote

zu erteilen, wie wir es unsern Haustieren gegenüber zu tun pflegen.

Aber nicht nur diese wirtschaftlichen Verbände, Staat, Gesellschaft,

Gemeinschaft oder wie immer sie sich nannten, übten eine Gewalt über den

einzelnen Menschen aus, auch merkwürdige, irreale Begriffe der

verschiedensten Art hatte sich die Menschheit im Laufe der Jahrtausende

ihres Urzustandes selber ausgedacht, von denen sie sich in jedem ihrer

Schritte quälend beeinflussen ließ.

Religion, Sitte, Moral und wie sonst sie diese selbstgeschaffenen

Begriffe nannten, die gleich unsichtbaren, nur in der naiven Phantasie

jener Menschen vorhandenen Gespenstern ihre Geißeln über ihnen

schwangen, sie mehr und mehr von der Natur und dem Selbstverständlichen

fortführten, ihre psychischen Qualitäten von Jahrhundert zu Jahrhundert

verschlechterten und unermeßliches Elend über die Menschheit brachten.

Es ist -- um nur eines davon zu nennen -- für uns heute unbegreiflich,

welch' ungeheuerliches, fürchterliches, dumm-geheimnisvolles Getue jene

Menschheit mit dem reinsten und schönsten Dinge des Lebens, der Erotik

anstellte! Die alte Geschichte lehrt, daß auf keinem Gebiete

menschlicher Beziehungen mehr Unheil angestiftet wurde, als gerade hier.

Mehr noch als in allen anderen Angelegenheiten ihres Lebens machten sich

jene Menschen hier selber zu den armseligsten Sklaven. In

unbegreiflicher Selbstqual verkümmerten sie sich künstlich den schönsten

Ausdruck der Freiheit und des Lebens, den ihnen die Natur verliehen hat.

Es muß eine armselige, enge und dunkle Zeit gewesen sein inmitten aller

ihrer Wunderwerke eines einseitig und künstlich hochgetriebenen

Verstandes!

Das Höchste und Wertvollste an uns, unser Ich, die köstliche Freiheit,

das zu tun oder geschehen zu lassen, wozu uns unser Wunsch und unser

Wille treibt, von dieser Freiheit des Ich war in der Finsternis jener

frühen Tage des Menschengeschlechtes nichts zu finden.

Der lange Weg vom behaarten Menschentiere, das in den

Schachtelhalmwäldern nach Nahrung suchte, zum heutigen geistigen

Menschentume führte durch eine gewaltige, öde Wüste, in der lediglich

die Kunst Oasen einer allerdings köstlichen Erfrischung schuf.

Wie lange doch hat es gedauert, bis man sich dazu verstand, alle die

unzähligen, phantastischen Selbstbeschränkungen über Bord zu werfen, zu

lernen auf den eigenen Füßen seines eigenen Ich zu stehen und als

einziges Gesetz anzuerkennen:

»Sei frei wie der Adler über den Bergen, aber nicht auf Kosten eines

deiner Mitmenschen, deren jedem dein Handeln zu allen Stunden Vorbild

sein soll.«

Um aber endlich die arme gemarterte und gefesselte Menschheit aus dem

Dunkel der Sklaverei ins Licht der wahren Freiheit zu führen, bedurfte

es erst der größten Umwälzung aller Zeiten: der _Vergeistigung_.

Wer diese höchste Tat vollbrachte, wer das große Menschenrätsel endlich

löste, diese Frage ist schwer zu beantworten.

Schon in der vor-elektrischen Maschinenzeit begann jene

Wissenschaft aufzukeimen, die man damals Psychologie nannte, eine

unbegreiflicherweise gering geschätzte Wissenschaft, der man gerne die

»Wissenschaftlichkeit« absprach, und die man zeitweilig sogar als

»materialistisch« mit Haß verfolgte.

Die Erkenntnis nämlich, daß die Wahrheit, das »Ding an sich«, dem

Menschen bis in Ewigkeit verschlossen bleiben wird, daß er seiner Umwelt

gegenüber niemals aus der Menschenperspektive herauszutreten vermag, daß

alles Denken und scheinbare Wissen nichts ist, denn eine Vorstellung,

diese Erkenntnis führte zu dem innigen Wunsche, wenigstens diese

Vorstellung zu bessern, zu veredeln, zu vergeistigen. Das Organ aber der

Vorstellung ist die Psyche. Ziel und letzte Forderung menschlichen

Strebens also ward die Beherrschung der Funktionen unserer Psyche.

Schon inmitten des fürchterlichen Getriebes der Elektrizitätszeit war

von einigen wenigen gelehrten und zugleich einsichtsvollen Männern

dieser Erkenntniskeim sorgfältig gehütet und gepflegt worden.

Man entdeckte dann in der Großhirnrinde den Sitz der Funktion des

bewußten Willens.

In jahrhundertelangem stillen Denken und lautlosem Experimentieren

gelang es dem immer größer werdenden Kreise der psychologischen

Forscher, denen auch die Biologen und die übrigen Naturwissenschaftler

eifrig dienten, als erste Erkenntnisstufe die Funktion dieses Willens

derartig klar zu erfassen und in seinen einzelnen Elementen bloßzulegen,

daß es darauf nur noch eines weiteren Schrittes bedurfte, um ihn seinem

Besitzer, dem Menschen, als Instrument in die Hand zu geben, dessen er

sich wie seiner übrigen Organe, Augen und Ohren, Geruch und Geschmack,

ja wie seiner Glieder, nun willkürlich bedienen konnte.

Denn so unglaubwürdig es klingen mag, bis dahin hatte der Mensch seinen

Willen zwar besessen und sich seiner auch in gewissem Umfange bedient,

aber fast ausschließlich zu äußeren Handlungen. Im Innern lag die

ungeheure Kraft des Willens brach.

Die Kenntnis der Funktion des inneren Willens nun endigte die

Elektrizitätszeit, deren gewaltige Evolution die gesamte Drom-Menschheit

zu armseligen Sklaven gemacht hatte.

Ihm trat der Überwinder entgegen, der einzelne Mensch, _das Ich des

Menschen_. In herrschend erhobener Hand schwang er das unbesiegbare

Schwert seines inneren Willens.

Nachdem der Mensch sich dergestalt auf sich selbst besonnen und sich von

der Materie zum Geiste gewandt hatte, war die erste grundlegende

Umformung, deren der neuerkannte Wille sich annahm, die Regelung der

Zeugung:

Das frei gewordene Weib ward unabhängig vom blinden Zufall. Der Wille

des Weibes bestimmte, ob der Akt der Zeugung, dem sie sich nun frei

hinzugeben vermochte, mit der Schaffung eines Menschen enden solle oder

nicht, und der Wille des Weibes bestimmte das Geschlecht des von ihm

gewollten Kindes.

Ein ungeheurer Rückgang der Geburten war die Folge. Mutter wurde nur das

Weib, das den innern Beruf dazu verspürte. Die Zahl der Kinder richtete

sich nach der Fähigkeit der Mutter, sie zu erhalten.

Nachdem der Mensch ein Ich geworden und das hastende Gedränge der

Überfüllung einer bequemen, weitläufigen Ruhe und inneren Sicherheit

Platz gemacht hatte, wurde das Weib auch von dem Manne frei, und erst

damit die wahre Mutter ihrer freien Kinder. Wo das Seelenband zerriß,

hielt nichts mehr die Mutter beim Vater. Sie ward frei von ihm und er

von ihr. Nur der freie Wille bestimmte fortan das Verhältnis der

Geschlechter untereinander.

Das schönste Geschenk der Natur war von den Fesseln gelöst, die

menschliche Beschränktheit ihm angelegt hatte: der freie Liebesgenuß!

Eine weitere Befreiung brachte der Instrument gewordene Wille: der

Mensch ward Herr der Krankheiten.

Wohl vermochte er nicht dem Tode als dem Beschließer des Alters zu

gebieten, wohl konnte er nicht verhindern, daß eine schwere Wunde

entstand, wenn eine unachtsame Sense das Bein traf, aber von dem

gewaltigen Heer der inneren Krankheiten verlor der größte Teil seine

Kraft.

Schon die Urmenschheit kannte den psychischen Einfluß auf die inneren

Erkrankungen, aber sie wußte ihn nicht zu meistern. Ratlos stand sie vor

Tatsachen, wie solchen, daß nach einem schweren Schiffbruche alle

geretteten Kranken der Besatzung, auch die mit heftigem Fieber

behafteten, gesund waren und sich erst entsannen, überhaupt krank

gewesen zu sein, als die Erregung des Unglücksfalles schwand. Man sah

nicht, daß hier, noch unbewußt, der innere Wille die Krankheit beendet

hatte.

Kranksein ward ein Zustand, der von nun an nicht mehr periodisch durch

alle Menschenleben zog und in der addierenden Wirkung auf die Reihe der

sich folgenden Geschlechter die Menschenkörper verkümmerte und die

Psyche auf das ungünstigste beeinflußte. Von einem gesunden Vater

gezeugt, von einer gesunden Mutter geboren, im Besitze eines alle seine

inneren Vorgänge beherrschenden Willens, blieb der Mensch frei von

hemmender Krankheit und nahm zu an Größe und Schönheit des Leibes. --

Eine neue Menschheit erstand, Abscheu und Grauen war in ihr vor allem

Künstlichen, vor alle dem barbarischen Werke ungeistig hochgezüchteten

und überschärften Verstandes, aber auch vor den entsetzlichen

Menschenhäufungen, die man »Städte« genannt hatte, und die in Wahrheit

die Brutstätten aller Ungeistigkeit gewesen waren.

Keiner der fabelhaften Fähigkeiten der Vorzeit mehr bedurfte es, die

Menschen in ihren Bedürfnissen zu erhalten. Die Frucht des Feldes und

des Gartens genügte zu ihrer Ernährung.

Das Wort »Freiheit«, mit dem die früheren Jahrtausende sich vergeblich

heiser geschrien hatten in brünstigem Verlangen, verlor sein Gewicht,

nachdem es geworden war wie die Luft: keiner kann ohne sie leben, aber

keiner ruft nach ihr, denn sie erfüllt den Raum.

Niemand war des anderen Herr oder Knecht. Nur ein Herr noch galt unter

der Sonne: Ich!

Das Verhältnis der Menschen untereinander begann sich ganz natürlich

nach Neigung und Fähigkeiten zu regeln.

Wer das Bedürfnis verspürte, als freier Mann oder als freies Weib in

Sold zu stehen, oder wer nicht die Fähigkeiten fühlte, auf eigenen Füßen

in der Welt zu leben, trat in eines anderen Dienst, ohne daß der andere

Gewalt über ihn erlangte.

Die großen Menschheitsorganisationen, die Schichtungen, die wagerechten

der Besitzenden und Besitzlosen sowohl wie die senkrechten der Völker,

lösten sich ineinander auf.

Die Menschen, weit auseinander hausend, schlossen sich zu freiwilligen

Wohnkreisen zusammen. Männer und Frauen fanden sich, die gemeinsamen

wirtschaftlichen Dinge, wie Produktionsaustausch, Post, Hygiene und

ähnliche Notwendigkeiten zu besorgen. Die Wissenschaft schuf sich selbst

ihre eigenen Institutionen.

Niemals wieder aber bekam die Organisation Gewalt über irgendeinen der

Einzelmenschen. Sie hing nicht mehr über den Köpfen der Organisierten,

sondern lag unter ihren Sohlen.

Morgenröte war aufgegangen am Menschheitshimmel. --

Aber noch stand nicht die Sonne letzten Friedens am Himmel. Noch immer

gab es Ruhestörer. Wenn auch ihre Zahl gering war, so bedurfte es doch

noch der Gesetze und ihrer Güter. Noch fehlten zwei Stufen zum vollen

Werke der Menschheits-Vergeistigung.

Jahrtausende des Suchens, Forschens und Erkennens lagen wieder zwischen

jeder dieser Stufen.

Die erste war die _Erkenntnis der Psyche des anderen_.

Die Arbeit begann mit der Bloßlegung der Funktionen des Denkens, welch'

letzterer Beschäftigung man bisher wohl mit intensivster Hingabe, aber

doch ohne irgendeine Kenntnis ihrer Elemente obgelegen hatte.

Nachdem aber der Organismus der Denktätigkeit wissenschaftlich erkannt

war, gab man dem Menschen die Fähigkeit in die Hand, zwar noch nicht

sein eigenes Denken planmäßig zu erkennen und zu kontrollieren, aber das

jedes anderen Menschen bis in die letzten Zellenregungen zu beobachten.

Embryonale Anfänge zu solchem Erkennen anderer Menschen waren ja auch

schon den Alten bekannt gewesen. Liebesleute, Freundespaare, Mutter und

Kind und ähnliche Menschenverbindungen, zwischen denen eine tiefe

Sympathie -- welches Wort für einen unbekannten Begriff man einsetzte --

bestand, glaubten sich in vielen Dingen zu verstehen, ohne miteinander

zu sprechen. Von zwei Künstlern des Altertums erzählt man, daß sie den

Abend miteinander schweigend verbrachten und sich dann unter

gegenseitigen Worten des Dankes für die schöne Unterhaltung

verabschiedeten.

Aber erst die wissenschaftliche Aufdeckung der Psyche ermöglichte es,

jedes beliebigen Menschen psychische Regungen zu erkennen, auf den man

sich einstellt.

Welche Wirkungen diese Fähigkeit, die im Laufe der Zeiten Gemeingut der

gesamten Menschheit wurde, ausübte, liegt auf der Hand: die Lüge und die

Falschheit, die bösen Geister vieler Jahrtausende, schwanden aus der

Welt.

Nebel der Andromeda Das merkwürdige Vermächtnis eines Irdischen · 第 4 / 7 段