Da legte auch ich mich nieder zu Träumen, die von nun an das wache Leben

an Traumhaftigkeit weit hinter sich lassen sollten.

Am nächsten Morgen schaute Irid in meine Tür und winkte mir, der ich vom

Geräusche ihres Erscheinens erwachte, fröhlich Guten Morgen zu. Sie kam

in weitem weißem Mantel aus dem Bade, und ihr weiches, lichtes Haar

bedeckte sie bis zu den Hüften.

Das Frühstück war im Gärtchen vor dem Hause angerichtet. Im nahen Walde

sangen und zwitscherten die Vögel. Ich konnte mich nicht besinnen, je

einen Tag köstlicher und friedlicher begonnen zu haben.

Nach dem Frühstücke nötigte mich Irid in die Halle, wies mir einen Stuhl

im Hintergrunde an und legte, mich bedeutungsvoll ansehend, den Finger

auf den Mund.

Aus dem Walde begannen jetzt Kinderstimmen laut zu werden, und bald

stürmten drei kleine pausbäckige Buben von sieben oder acht Jahren in

die Halle und hingen sich mit Hallo und Freudengebrüll an die Kleider

der lachenden Irid, die sich der aggressiven Bürschchen kaum erwehren

konnte.

Binnen kurzem sprang noch ein Pärchen herein, Junge und Mädel, und

einige Minuten danach noch zwei kleine Mädchen. Alle Kinder waren etwa

im gleichen Alter, sehr leicht, einfach und reinlich gekleidet und von

prachtvoller Gesundheit. Mit dieser kleinen Schar kam Leben in die

bisher stumme Welt.

Wenn auch die kleinen Geister nicht so viel plapperten, wie Kinder

meiner Erde, und überdies Irid noch recht oft den Zeigefinger auf die

Lippen legte, um das Mäulchenkonzert noch weiter abzudämpfen, so taten

mir die jungen, menschlichen Stimmen nach all dem Schweigen doch wohl.

Auch Irids schönes, volles Organ bekam ich nun öfter zu hören.

Die Kinder lagerten sich auf den Ruhebetten an den Wänden, Irid setzte

sich auf einen Stuhl in der Mitte der kleinen Halle, und ich stellte

fest, daß ein regelrechter Schulunterricht begann.

Auf mich achtete, nachdem jedes der Kinder mich durch eine kleine

Verbeugung begrüßt hatte, niemand mehr. Es war für die Kinder, als ob

ich nicht mehr da sei.

Ich muß gestehen, daß dieser Schulunterricht, von dem ich nicht das

leiseste Wort verstand, mich erheblich mehr ermüdete als offenbar die

Kinder, die oft mit Lachen und Fröhlichkeit den Ernst der Stunde

unterbrachen.

Vorausberichtend will ich schon jetzt sagen, daß Irid Lehrerin von Beruf

war. Sie unterrichtete die kleinen Abcschützen, die aber nicht vor

vollendetem siebenten Jahre zur Schule geschickt werden. Der Unterricht

findet für diese Kleinen in Gruppen von nicht mehr als acht Kindern, und

ausschließlich in den Häusern der Lehrer statt. Diese Häuser sind,

überall verteilt, an besonders schönen Punkten gelegen und werden, neben

einer reichen Bezahlung, den Lehrern und Lehrerinnen von der

Gemeinschaft zur Verfügung gestellt.

Bei der dünngesäten Bevölkerung des Planeten und der weitläufigen

Wohnweise seiner Bewohner ist es möglich, die Kinder in nur so geringer

Zahl zu verteilen.

Der Lehrberuf, zumal der für die Kinder bis zu 16 Jahren, ist der

angesehenste auf dem Planeten. Kinderlehrer zu sein gilt für die höchste

Auszeichnung.

Die Ernennung seitens der Gemeinschaft der einzelnen Wohnkreise erfolgt

schon seit undenklichen Zeiten nur nach eingehender Prüfung vor allem

der menschlichen und seelischen Qualitäten des sich Bewerbenden, der

sich die geforderte umfassende wissenschaftliche Vorbildung ganz nach

eigener Neigung selber beschaffen muß.

Wer nicht über eine heitere, geduldige Sinnesart und über einen gesunden

Humor verfügt, hat von vornherein keinerlei Aussichten. Ebenso wird

nicht zugelassen, wer zur Pedanterie, zum leichten Verärgertsein, zu

besonderer Ordnungsliebe neigt, oder wer die schlechte Angewohnheit,

alle Dinge von der praktischen Seite anzufassen, nicht loswerden kann.

Gesundheit, körperliche Frische und Gewandtheit, Lebenssicherheit und

eine vollkommene Beherrschung aller Formen sind Voraussetzung. Alles

dieses wird bei der Auswahl der sich Bewerbenden erheblich mehr beachtet

als die wissenschaftliche Befähigung.

Da aller Unterricht, auch der höchsten Art, kostenlos erteilt wird, so

steht es jedem frei, sich auf den vielgesuchten Lehrerberuf

vorzubereiten. Wenige jedoch nur erreichen das Ziel. Den anderen ist das

vielseitige Studium für ihre Geistesbildung nicht verloren.

Eine solche Lehrerin nun war Irid, und zwar stellte ich später mit

Genugtuung fest, daß ihr Ruf weit über den ihres eigenen Wohnkreises

hinausging. Zahlreiche andere Wohnkreise schon hatten sich um sie

beworben. Sie aber zog es vor, in dem ihrer Geburt zu bleiben und sich

mit dem vergleichsweise anspruchslosen Hause zu begnügen, das ihr hier

zur Verfügung stand.

Ihre Jugend -- sie war erst 23 Jahre alt -- wäre nach unsern Begriffen

ihrem Ruhm ein Hindernis gewesen. Dort aber bedeutet Jugend, wenn sie

mit Tüchtigkeit verbunden ist, ein besonderes Guthaben in der

allgemeinen Einschätzung. Jungen Leuten wird in allen Berufen, mit

Ausnahme des der Totengräber, der Vorzug gegeben.

In den nächsten Tagen begann ich von Irids Unterricht wohl einiges zu

begreifen, aber dies genügte mir, die gesamte gedankliche Grundlage der

Bildung jenes Planeten als von der des unserigen grundverschieden zu

erkennen, dergestalt, daß ich nur mit der größten Mühe überhaupt folgen

konnte, und mich, der ich auf Erden geglaubt hatte, ein über den

Durchschnitt hinausgehendes Maß von Intelligenz zu besitzen, schämte,

hier hinter den Kindern zurückzustehen.

Ich sprach, um mich und Irid nicht bloßzustellen, im Unterricht kein

Wort. Des Nachmittags aber, wenn ich mit dem Mädchen allein war, lehrte

sie mich so gut es ging ihre Sprache verstehen.

Den tieferen Grund meiner für diese Welt geringen Begriffsgabe erfuhr

ich erst später, erst nach meiner Bekanntschaft mit Irids Vater, von der

ich bald berichten werde. --

Bis zum Beginn dieser Bekanntschaft zogen die Tage in gleichmäßiger

Einförmigkeit hin. Ich sah außer Irid, der Dienerin, die Okk hieß, den

Kindern und dem Hunde Turu niemanden, wohnte des Vormittags dem

Schulunterrichte bei, erhielt des Nachmittags in wunderschönen Stunden

Sprachunterricht, und verbrachte stumme, fragende und nicht immer

glückliche Abende mit dem schönen Mädchen, zu dem mich ein immer stärker

aufkommendes Liebesgefühl mit Leidenschaft hinzog.

Irids seelische Kraft und Sicherheit aber setzte eine unübersteigbare

Mauer zwischen mich und ihre letzte Gunst.

Das Mädchen war von starken Sinnen. Ich fühlte das mit Bestimmtheit. Und

daß sie mich gern habe, daß ich ihr vielleicht mehr als sympathisch sei,

mußte ich allein aus der Tatsache meiner Aufnahme in ihrem Hause

entnehmen. Auch ließ sie sich von mir kleine Liebkosungen gern gefallen,

pflegte Hand in Hand mit mir zu gehen, legte ihren Arm um meine

Schulter, bot mir oft Wange und Scheitel zum Kusse, zeigte sich ohne

Scheu, aber auch ohne jede Spur von Koketterie, oftmals in der

allerknappsten Kleidung vor mir, pflegte des Morgens, um mich zu wecken,

mein Zimmer zu betreten, und liebte es überhaupt, sich mit mir auf einen

derartig innigen Verkehrsfuß zu stellen, daß ich daraus das

Allerglücklichste hätte für mich entnehmen können, wenn mich das

Bewußtsein ihrer absoluten geistigen und seelischen Superiorität auch

nur einen Augenblick hätte verlassen können. Dann ihren Widerstand zu

brechen, dachte ich mir leicht.

So aber blieb ich der Hörige und Abhängige, und begann mich immer mehr,

trotz aller hingebenden Güte und Freundschaft des Mädchens, als eine Art

Genossen ihres Hundes Turu zu fühlen, in welchem Vergleiche ich überdies

noch den kürzeren zog, da Turu vor mir voraus hatte, von der Sprache

unserer gemeinsamen Herrin erheblich mehr zu verstehen, als ich.

Als wir dieses Leben einige Wochen geführt hatten, bedeutete mir Irid

eines Tages, daß sie ausgehen würde.

Am Abend kehrte sie zurück. Sie war bei ihrem Vater gewesen.

Am nächsten Nachmittage kam dieser selber zu uns. Er wohnte, wie ich

erfuhr, nicht weit von Irids Hause, und war einige Wochen verreist

gewesen.

Ein hochgewachsener Mann trat ein, trotz seines Alters von elastischer

und fast jugendlicher Haltung. Grauweißes, halblanges Haar umrahmte in

leichten Locken ein kluges Antlitz von starken Zügen, dessen erster

Eindruck Güte war.

Er erschien reich und sorgfältig gekleidet und stützte sich auf einen

Stock mit goldenem Knopfe.

Irid begrüßte ihn herzlich und küßte seine Hände. Dann setzten wir uns.

Jene saßen Hand in Hand einander gegenüber und sahen sich wortlos lange

in die Augen. Dabei verrieten aber ihre lebhaften Mienen, daß während

dieses befremdlichen Anschauens allerlei in ihnen vorging. Eine

regelrechte Unterhaltung mit Zustimmung, Verneinung, Freude,

Überraschung oder anderen Empfindungen schien stattzufinden.

Ich hatte Ansätze zu solcher höchst merkwürdigen Unterhaltungsart schon

zwischen Irid und ihren kleinen Schülern, und auch zwischen ihr und der

Dienerin Okk zu bemerken geglaubt. Um was aber es sich handelte, konnte

ich vorläufig nicht ergründen.

Die stumme Konversation schien sich jetzt offenbar um mich zu drehen,

denn nun wandte sich der alte Herr zu mir, ergriff meine Hand und sah

mir mit ebensolchen stummen Fragen in die Augen, wie es schon seine

Tochter so oft getan hatte.

Ich gestehe, daß ich recht verlegen war und gewiß keine eindrucksvolle

Rolle gespielt habe an diesem Abend. Der Vater meiner Herrin aber

lächelte freundlich und strich mir über Haar und Wangen, wie man ein

fremdes großes Tier streichelt, das sich als gutartig erwiesen hat.

Während des ganzen Abends wurden keine zwanzig Worte gewechselt. Nicht

einmal als Irid Wein herbeitrug, kam ein hörbares Gespräch in Fluß.

Als nach dem stummen Abendbrote der alte Herr sich empfohlen hatte,

blieben Irid und ich noch ein Weilchen beim Weine sitzen. Dann holte sie

aus ihrer Bibliothek ein geigenähnliches Saiteninstrument, auf dem sie

ein leidenschaftlich bewegtes Spiel begann.

Sie hatte nur wenige Takte gespielt, als ich zu meiner freudigen

Überraschung eine Könnerin in ihr erkannte. Doch muß ich gestehen, daß

es einiger Wochen gebrauchte, bis ich mich in den neuen ungewohnten

Reichtum ihrer ungemein komplizierten und mir fremdartigen Harmonik

einzufühlen vermochte.

Aber schon an dem ersten Abend empfand ich die schier unerschöpfliche

Fülle dieser Musik, die in starkem Widerspruch zu dem gesetzten Wesen

dieser wortgeizigen, gemessenen Menschen stand.

Als Irid geendet hatte und ich ihre Hände in die meinen nahm, fühlte

ich, daß ihr Körper leise zitterte in innerer Erregung.

An diesem Abend duldete sie es, daß ich ihre Lippen küßte. Doch

erwiderte sie meine Küsse nicht. Als ich meine Arme um sie schlang und

mein Gesicht gegen ihre Brust preßte, hörte ich wohl ihr Herz schneller

schlagen, aber meine Stunde war noch nicht gekommen.

Als die Dämmerung des nächsten Abends begann, gab mir Irid zu verstehen,

daß wir ihren Vater besuchen würden.

Es war mein erster Ausgang auf dem Planeten. Ich nahm an, daß Irid mich

bisher geflissentlich zurückgehalten und auch vor Besuchern geschützt

habe, weil sie wollte, daß ich mich erst notdürftig in die neuen

Verhältnisse einleben solle.

Wir gingen eine kleine Stunde weit auf guten Wegen zwischen hohen

Wäldern hindurch und an einigen sorgfältig bestellten Feldern vorbei.

Nur wenige Häuser inmitten schöner Gärten standen am Wege.

Die Vegetation glich ganz der meiner Erde, nur wollte mich dünken, als

ob die Mehrzahl der hiesigen Pflanzen voller, reicher, üppiger sei. Ganz

besonders fiel mir das am Korn auf: die Ähren schienen wenigstens die

doppelte, oft auch die drei- oder vierfache Trächtigkeit der unsern zu

haben. Gleich Weinbeeren quollen die Körner am Halme.

Die Häuser erwiesen sich durchgängig als vergleichsweise nur klein. Aber

alle waren in ungemein wohltuenden Proportionen gebaut und leuchtend in

der Farbe. Der geringen Zahl der Häuser entsprach auch die der Menschen,

denen wir begegneten.

Diese Menschen waren ausnahmslos groß, gut gewachsen, von schönen Zügen

und edler, sicherer Haltung. Ich, der ich daheim als eine Art Riese in

meiner Umwelt wanderte, zählte hier unter den Männern keineswegs zu den

besonders großen.

Wortlos, wie stets, ging ich neben meiner gut ausschreitenden Wirtin

her. Gelegentlich wies sie auf Dinge, denen wir begegneten, und prägte

mir ihre Namen ein.

Die Sprache jenes Planeten, um auch dies, was ich erst in mühseligen

Studien später erfuhr, schon vorausgreifend zu berichten, ist gegen die

unserige ungemein entwickelt: Sie bedient sich der einfachen

Wortbegriffe unseres irdischen Inventars lediglich für konkrete Dinge,

für ungedankliche Gegenständlichkeiten. Alles Abstrakte, Mentale dagegen

drückt sie in merkwürdig konzentriert zusammengesetzten

Begriffskomplexen aus, die, wenn man ihre Einzelelemente beherrscht,

verblüffend bildhaft, anschaulich, fast anfaßbar wirken und die

buntesten und reichsten Zusammensetzungen zulassen.

Gespräche gedanklichen Inhaltes werden dabei wie das Schauen in ein

Kaleidoskop: zu immer neuen, überraschenden Bildern formen sich durch

die leiseste Bewegung des Geistes die Einzelteile der Gedanken.

Sprachliche Zwischenglieder werden kaum angewendet. Man reiht die

Gedankenkomplexe scheinbar verbindungslos aneinander. Bindung geben

lediglich die innere Logik und der äußere tektonische Aufbau.

Jene Menschen denken und sprechen -- soweit letzteres überhaupt geübt

wird -- nicht mehr in der alle Denkarbeit retardierenden Wortsprache

unserer Erde, sondern in synthetischen Einzelbildern, gewissermaßen in

gedanklich wunderbar tiefen und reichen Differenzialen oder Integralen.

Diese Einstellung gibt die Möglichkeit, den bunt durcheinander

kollernden, sich überstürzenden Gedankenreichtum des Gehirns sofort zu

greifen und in handlichen Formen festzuhalten, während bei der

schwerfälligen, und dabei doch dünnen Wortsprache unserer Erde auch den

größten Meistern der Rede eine Fülle der blitzartig kommenden und

gehenden Gedanken unausgedacht, ungenutzt und kaum selbst geahnt im

Äther verpufft. »Denken« ist für uns irdische Menschen ja nur ein Name.

Hinter das wahre Wesen sind wir noch nicht gekommen.

Inwieweit durch die hohe Entwicklung dieser Sprache auch deren

schriftliche Fixierung eine ganz besondere Gestaltung erfahren hat,

darüber will ich später einiges sagen, jetzt aber in Kürze --

vorausgreifend -- andeuten, daß auch die Logik jener Welt von der unsern

erheblich verschieden ist: Das Kausalitätsgesetz besteht dort nur noch

in der Geschichte der Philosophie: Man hat sich längst abgewöhnt, jede

Zustandsänderung als Wirkung mit einer Ursache zu verknüpfen. Man nimmt

die Geschehnisse in ihrer Gesamtheit.

So hörte ich einmal Irids Vater einen Begriffskomplex äußern, der etwa

bedeutete: »Es werden so viele Menschen geboren, die nie den Leib der

Mutter sehen, und gerade diese halte ich für die wertvollsten. Ich

glaube nämlich, daß durch den brutalen Akt der Zeugung und die sich

daran anschließende höchst langsame Fleischwerdung das Beste im Menschen

vernichtet wird.«

Ich erfuhr, daß man die Geburt des Menschen schon von dem Augenblicke an

rechnet, in dem das Weib den Wunsch der Befruchtung durch einen

bestimmten Mann verspürt, und der Befruchtungswille dieses Mannes sich

gleichzeitig mit dem des Weibes kreuzt.

Der Trieb zur Befruchtung gilt also nicht als die Ursache der Entstehung

eines Menschen, sondern ist schon der Mensch selber in seinem Beginne.

--

Irids Vater empfing uns in seinem geräumigen, bequemen Hause mit einem

reichlichen Mahle, dem aber auch leider, wie an Irids Tische, jegliche

Fleischspeise fehlte.

Als ich hierüber einmal zu Irid eine Bemerkung gemacht hatte, war sie

tief entsetzt und fast beleidigt gewesen. Ihr Vater erklärte mir später,

daß man schon seit vielen Jahrtausenden kein Fleisch von toten Tieren

äße. Diese fürchterliche Unsitte der Urmenschen sei, nachdem das

Verzehren von Menschenfleisch schon früher sein Ende gefunden habe,

längst erloschen, und nur mit Abscheu berichte die Menschheitsgeschichte

von solchen Exzessen barbarischer Wildheit.

Der Vater, Worde mit Namen, war gleichfalls Kinderlehrer gewesen. Er

hatte dann aber vor einigen Jahren sein Amt an Irid abgegeben, als diese

die Qualifikation dazu erlangt hatte, und lebte nun ganz seinen privaten

Studien.

Später erfuhr ich, daß er einen weittönenden Namen als Historiker führe,

und stellte fest, daß er seine umfangreichen historischen Arbeiten auf

soziologischer Grundlage aufbaue und auf für unsere Begriffe

unergründliche tiefe naturwissenschaftliche und vor allem aber

psychologische Kenntnisse stütze.

Die Psychologie überhaupt war die Wissenschaft, die alles andere weit

hinter sich ließ, und die man als die große Wurzel des geistigen Lebens

auf diesem Planeten betrachtete.

Wir tranken einen ausgezeichneten roten Wein zum Mahle und fühlten uns

in aller unserer Wortkargheit recht heiter und vergnügt. Vater und

Tochter pflegten sich in die Augen zu sehen und sagten sich dabei in

ihrer stummen Sprache offenbar viele Dinge, die auch mich betrafen.

Jedenfalls erwiesen sie mir oftmals lächelnd kleine Freundlichkeiten,

strichen mir über das Haar, legten mir gute Bissen auf und tranken mir

lachend zu, welche Sitte sie von mir erlernt hatten, und von welcher

Worde übrigens sagte, daß sie ihm in uralten Niederschriften schon

begegnet sei.

Nach Tische öffnete der alte Herr in der Halle eine Art Wandschrank, der

den Spieltisch einer Hausorgel mit zwei Manualen, Pedal, Registern und

Koppeln enthielt.

Und nun zogen die Klänge einer reinen vierstimmigen Fuge durch den Raum.

Gleich einer Symbolik des Menschenlebens wob es dahin, ein sich Finden

und sich Trennen, ein Zusammenklingen und Wiederauseinanderströmen, ein

Verlieren, Suchen und glückliches Vereinigtsein, eine unendliche

Harmonie der Linien und der Töne, die alles Irdische vergessen ließ und

den Geist in Raume führte von unerschöpflicher Seligkeit.

Irid hatte ihren Kopf an meine Schulter gelegt. Ich sah, daß Tränen in

ihren Augen standen.

Als der Vater geendet hatte, faßte sie mich mit beiden Händen und küßte

mich auf den Mund.

Nach einem Weilchen stillen Versunkenseins und -- wie ich gestehe, in

der Erinnerung an Johann Sebastian Bach -- einigem Heimweh meinerseits,

trug Worde neuen Wein herbei, und wir wurden wieder fröhlich, bis ich

dann mit Irid Arm in Arm durch die Nacht zu unserem Hause

zurückwanderte.

Vor ihrer Schlafzimmertür küßte sie mich noch einmal, wehrte aber meinen

Händen und bot mir Gutenacht.

Die Tätigkeit meines inneren Menschen bewegte sich zwischen zwei Polen:

der von Tag zu Tag wachsenden Liebe zu dem über alles Begreifen schönen

und für mich so rätselvollen jungen Weibe, zu dessen Gefährten mich ein

großes Wunder gemacht hatte, und der Beobachtung der merkwürdigen

außerirdischen Welt, die mich hier umgab.

Meine Liebe zu Irid war zu heißer Leidenschaftlichkeit gediehen, und das

nahe Zusammensein mit ihr, ohne daß wegen der starken Hemmung durch ihre

psychische Überlegenheit eine vollkommene Vereinigung zwischen uns

möglich gewesen wäre, hätte mich aufgerieben und seelisch und körperlich

krank gemacht, wenn ich nicht durch die sich mir von Stunde zu Stunde

mehr erschließende Umwelt dauernd auf das lebhafteste gefesselt worden

wäre.

Zumal der wohltuende Umgang mit dem alten Worde, der außer Irid fürs

erste der einzige Mitwisser meiner kosmischen Herkunft blieb, gab meinem

immer mehr erwachenden Wissensdurst reichliche Nahrung. Der alte

Gelehrte, dem es bald leicht fiel, sich in der so außerordentlich viel

primitiveren Wortsprache, welche allein ich beherrschen lernte,

auszudrücken, begann mich immer mehr und mehr in sein Herz zu schließen,

und führte mich allgemach in die Welt seines Planeten, soweit ich sie zu

begreifen vermochte, ein.

Allerdings mußte ich mir gefallen lassen, mich als eine Art gebändigten

Wilden oder günstigenfalls als ein großes Kind angeschaut zu wissen, wie

denn auch die Wortsprache, die allein unser Verständigungsmittel blieb,

die Ausdrucksform der Kinder ist. Worde sowohl wie Irid sprachen also

mit mir, im Vergleiche mit ihrer eigenen »erwachsenen« Ausdrucksweise,

etwa wie bei uns törichte Mütter mit ihren kleinen Kindern zu plappern

pflegen.

Ich hatte inzwischen erkannt, daß der Planet, auf dem ich jetzt meine

Tage verbrachte, der Erde in allen seinen kosmischen und physikalischen

Lebensbedingungen vollkommen gliche. Er kreist in einem gleichen

Abstande und mit gleicher Umlaufszeit um seine Sonne, hat dieselbe

Größe, dieselbe geologische Beschaffenheit und überhaupt dieselbe

Gesamtverfassung, wie die Erde, so daß sich auf ihm, da die

biologischen, chemischen und physikalischen Grundgesetze im ganzen

Weltall die gleichen zu sein scheinen, und überdies jene Sonne eine der

unsern gleiche Wärme spendet, dieselben Lebensformen entwickelten wie

auf der Erde. Auch nur ein einziger Mondtrabant umkreist ihn.

Es mögen um die Milliarden und aber Milliarden von Sonnen des Weltalls

wohl manche solcher Planeten kreisen, die Zwillings-Geschwister der

irdischen Erde sind.

Daß gerade von einem solchen ich in meiner Atomisierung angezogen wurde,

hatte seinen Grund nicht in meinem Willen, sondern lag, wie ich später

erfuhr, in anderer Ursache.

Meine Unterhaltungen mit dem alten Gelehrten aber zeigten mir doch einen

gewaltigen, grundlegenden Unterschied zwischen dem jetzigen Zustande der

Erde und dem der »Drom«, wie jener Planet sich nannte: das war das Alter

des Menschengeschlechtes. Die Drom-Menschheitsentwickelung wies gleich

der unserer Erde verschiedene Epochen auf, die in ihren Anfängen ganz

denen der Erde gleichen: Man unterscheidet dort, wie bei uns, eine

Steinzeit sowie eine Kupfer- und Bronzezeit, auf die eine Eisenzeit

folgte. Dann begann eine Maschinenzeit von kürzerer Dauer, die in eine

ungemein intensive Elektrizitätszeit überging. Im ersten Anfange dieser

letzteren Zeit etwa stand die Erde, als ich sie verließ.

Auf der Drom hatte die Elektrizitätszeit einen geradezu märchenhaften

Aufschwung alles technischen Könnens gezeitigt. Die alte Geschichte

enthält die phantastischsten Beschreibungen von unerhörten Wunderwerken

der Elektrizität und anderer Kräfte.

Himmel, Erde, Feuer und Wasser boten dem menschlichen Verstande keine

Hindernisse mehr.

Wenn man anfangs den Vogelflug mit Erfolg nachgeahmt hatte, so gelang

dies später in noch vollkommenerem Maße mit dem der Insekten. Mit

blitzartiger Geschwindigkeit und in vollkommenster Sicherheit

durchsausten die damaligen Drom-Menschen die Lüfte. Ungeheure Tunnel,

von denen Spuren noch heute erhalten sind, führten von Erdteil zu

Erdteil. Die Hülle der Drom bohrte man an, um das Feuer daraus zu

entnehmen. Die Stickstoffzufuhr aus der Atmosphäre wurde durch

künstliche Entladungen vervielfacht: man setzte die Wirkung des Blitzes

in das Wachstum der Pflanzen, die Muskelkraft des Tieres, die

Gehirnsubstanz des Menschen um, man nutzte radioaktive Ausstrahlungen

als Wärme- und Kraftquelle, und am Ende gar verstand man es, die

Rotationskraft des Mondes als Vorspann zu nehmen.

Aber die Geschichte lehrt, daß all dies den heutigen Menschen

unbegreifliche Getriebe jener versunkenen Fabelwelt kein Glück gebracht

hat.

Inmitten ihrer grandiosen Erfindungen bekämpfte sich die Menschheit

untereinander in unerhört gewaltigen Kriegen, von deren mörderischer

Furchtbarkeit man sich heute keine Vorstellung mehr machen kann, und

schlug sich in grauenhafter Bestialität gegenseitig zu Millionen und

aber Millionen nieder.

Trotz dieser Abschlachtungen aber blieb die Drom-Oberfläche von

unruhevollen, geschwätzigen und hastig arbeitenden Menschen derartig

angefüllt, daß sie sich wie der Umkreis eines Ameisenhaufens ausgenommen

haben mag.

Nebel der Andromeda Das merkwürdige Vermächtnis eines Irdischen · 第 3 / 7 段