Es begann eine Veränderung mit meinem Vater vor sich zu gehen. Wenn er
um vier Uhr zu Tische kam, so schienen die Falten zwischen seinen Brauen
täglich tiefer, und er schob nicht mehr mit einer imposanten Gebärde die
Hand in den Rockaufschlag, sondern zeigte ein gedrücktes, nervöses und
scheues Wesen. Eines Tages sagte er zu mir:
-- »Du bist alt genug, die Sorgen, die meine Gesundheit untergraben, mit
mir zu teilen. Übrigens habe ich die Verpflichtung, Dich mit ihnen
bekannt zu machen, damit Du Dich über Deine künftige Lebenslage keinen
falschen Erwartungen hingiebst. Du weisst, dass die Heiraten Deiner
Schwestern beträchtliche Opfer gefordert haben. Neuerdings hat die Firma
Verluste erlitten, welche geeignet waren, das Vermögen erheblich zu
reduzieren. Ich bin ein alter Mann, fühle mich entmutigt, und glaube
nicht, dass an der Sachlage Wesentliches zu ändern sein wird. Ich bitte
Dich, zu bemerken, dass Du auf Dich selbst gestellt sein wirst ...«
Dies sprach er zwei Monate etwa vor seinem Tode. Eines Tages fand man
ihn gelblich, gelähmt und lallend in dem Armsessel seines
Privatkomptoirs, und eine Woche darauf nahm die ganze Stadt an seinem
Begräbnis teil.
Meine Mutter sass zart und still auf dem Sofa an dem runden Tische im
Wohnzimmer, und ihre Augen waren meist geschlossen. Wenn meine
Schwestern und ich uns um sie bemühten, so nickte sie vielleicht und
lächelte, worauf sie fortfuhr, zu schweigen und regungslos, die Hände im
Schosse gefaltet, mit einem grossen, fremden und traurigen Blick eine
Götterfigur der Tapete zu betrachten. Wenn die Herren in Gehröcken
kamen, um über den Verlauf der Liquidation Bericht zu erstatten, so
nickte sie gleichfalls und schloss aufs neue die Augen.
Sie spielte nicht mehr Chopin, und wenn sie hie und da leise über den
Scheitel strich, so zitterte ihre blasse, zarte und müde Hand. Kaum ein
halbes Jahr nach meines Vaters Tode legte sie sich nieder, und sie
starb, ohne einen Wehelaut, ohne einen Kampf um ihr Leben ...
Nun war das alles zu Ende. Was hielt mich eigentlich am Orte? Die
Geschäfte waren erledigt worden, gehe es gut oder schlecht, es ergab
sich, dass auf mich ein Erbteil von ungefähr hunderttausend Mark
gefallen war, und das genügte, um mich unabhängig zu machen -- von aller
Welt um so mehr, als man mich aus irgend einem gleichgültigen Grunde für
militäruntüchtig erklärt hatte.
Nichts verband mich länger mit den Leuten, zwischen denen ich
aufgewachsen war, deren Blicke mich stets fremder und erstaunter
betrachteten, und deren Weltanschauung zu einseitig war, als dass ich
geneigt gewesen wäre, mich ihr zu fügen. Zugegeben, dass sie mich
richtig kannten, und zwar als ausgemacht unnützlichen Menschen, so
kannte auch ich mich. Aber skeptisch und fatalistisch genug, um -- mit
dem Worte meines Vaters -- meine »Bajazzobegabung« von der heiteren
Seite zu nehmen, und fröhlich gewillt, das Leben auf meine Art zu
geniessen, fehlte mir nichts an Selbstzufriedenheit.
Ich erhob mein kleines Vermögen, und beinahe ohne mich zu verabschieden,
verliess ich die Stadt, um mich vorerst auf Reisen zu begeben.