VI.

Es begann eine Veränderung mit meinem Vater vor sich zu gehen. Wenn er

um vier Uhr zu Tische kam, so schienen die Falten zwischen seinen Brauen

täglich tiefer, und er schob nicht mehr mit einer imposanten Gebärde die

Hand in den Rockaufschlag, sondern zeigte ein gedrücktes, nervöses und

scheues Wesen. Eines Tages sagte er zu mir:

-- »Du bist alt genug, die Sorgen, die meine Gesundheit untergraben, mit

mir zu teilen. Übrigens habe ich die Verpflichtung, Dich mit ihnen

bekannt zu machen, damit Du Dich über Deine künftige Lebenslage keinen

falschen Erwartungen hingiebst. Du weisst, dass die Heiraten Deiner

Schwestern beträchtliche Opfer gefordert haben. Neuerdings hat die Firma

Verluste erlitten, welche geeignet waren, das Vermögen erheblich zu

reduzieren. Ich bin ein alter Mann, fühle mich entmutigt, und glaube

nicht, dass an der Sachlage Wesentliches zu ändern sein wird. Ich bitte

Dich, zu bemerken, dass Du auf Dich selbst gestellt sein wirst ...«

Dies sprach er zwei Monate etwa vor seinem Tode. Eines Tages fand man

ihn gelblich, gelähmt und lallend in dem Armsessel seines

Privatkomptoirs, und eine Woche darauf nahm die ganze Stadt an seinem

Begräbnis teil.

Meine Mutter sass zart und still auf dem Sofa an dem runden Tische im

Wohnzimmer, und ihre Augen waren meist geschlossen. Wenn meine

Schwestern und ich uns um sie bemühten, so nickte sie vielleicht und

lächelte, worauf sie fortfuhr, zu schweigen und regungslos, die Hände im

Schosse gefaltet, mit einem grossen, fremden und traurigen Blick eine

Götterfigur der Tapete zu betrachten. Wenn die Herren in Gehröcken

kamen, um über den Verlauf der Liquidation Bericht zu erstatten, so

nickte sie gleichfalls und schloss aufs neue die Augen.

Sie spielte nicht mehr Chopin, und wenn sie hie und da leise über den

Scheitel strich, so zitterte ihre blasse, zarte und müde Hand. Kaum ein

halbes Jahr nach meines Vaters Tode legte sie sich nieder, und sie

starb, ohne einen Wehelaut, ohne einen Kampf um ihr Leben ...

Nun war das alles zu Ende. Was hielt mich eigentlich am Orte? Die

Geschäfte waren erledigt worden, gehe es gut oder schlecht, es ergab

sich, dass auf mich ein Erbteil von ungefähr hunderttausend Mark

gefallen war, und das genügte, um mich unabhängig zu machen -- von aller

Welt um so mehr, als man mich aus irgend einem gleichgültigen Grunde für

militäruntüchtig erklärt hatte.

Nichts verband mich länger mit den Leuten, zwischen denen ich

aufgewachsen war, deren Blicke mich stets fremder und erstaunter

betrachteten, und deren Weltanschauung zu einseitig war, als dass ich

geneigt gewesen wäre, mich ihr zu fügen. Zugegeben, dass sie mich

richtig kannten, und zwar als ausgemacht unnützlichen Menschen, so

kannte auch ich mich. Aber skeptisch und fatalistisch genug, um -- mit

dem Worte meines Vaters -- meine »Bajazzobegabung« von der heiteren

Seite zu nehmen, und fröhlich gewillt, das Leben auf meine Art zu

geniessen, fehlte mir nichts an Selbstzufriedenheit.

Ich erhob mein kleines Vermögen, und beinahe ohne mich zu verabschieden,

verliess ich die Stadt, um mich vorerst auf Reisen zu begeben.

Der kleine Herr Friedemann: Novellen · 第 34 / 47 题