V.

Die Veränderung war ganz äusserlich, das versteht sich. Mein Interesse

für das grosse Holzgeschäft des Herrn Schlievogt war ungemein

geringfügig, und ich sass auf meinem Drehsessel unter der Gasflamme in

dem engen und dunklen Comptoir so fremd und abwesend wie ehemals auf der

Schulbank. Ich hatte weniger Sorgen nunmehr; darin bestand der

Unterschied.

Herr Schlievogt, ein beleibter Mensch mit rotem Gesicht und grauem,

hartem Schifferbart, kümmerte sich wenig um mich, da er sich meistens in

der Sägemühle aufhielt, die ziemlich weit von Comptoir und Lagerplatz

entfernt lag, und die Angestellten des Geschäftes behandelten mich mit

Respekt. In freundschaftlichem Verkehr stand ich nur mit einem von

ihnen, einem begabten und vergnügten jungen Menschen aus guter Familie,

den ich auf der Schule bereits gekannt hatte, und der übrigens Schilling

hiess. Er moquierte sich gleich mir über alle Welt, legte jedoch

nebenher ein eifriges Interesse für den Holzhandel an den Tag und

verfehlte an keinem Tage, den bestimmten Vorsatz zu äussern, auf irgend

eine Weise ein reicher Mann zu werden.

Ich meinesteils erledigte mechanisch meine notwendigen Angelegenheiten,

um im übrigen auf dem Lagerplatz zwischen den Bretterstapeln und den

Arbeitern umherzuschlendern, durch das hohe Holzgitter den Fluss zu

betrachten, an dem dann und wann ein Güterzug vorüber rollte, und dabei

an eine Theateraufführung oder an ein Konzert zu denken, dem ich

beigewohnt, oder an ein Buch, das ich gelesen.

Ich las viel, las alles, was mir erreichbar war, und meine

Eindrucksfähigkeit war gross. Jede dichterische Persönlichkeit verstand

ich mit dem Gefühl, glaubte in ihr mich selbst zu erkennen und dachte

und empfand so lange in dem Stile eines Buches, bis ein neues seinen

Einfluss auf mich ausgeübt hatte. In meinem Zimmer, in dem ich ehemals

mein Puppentheater aufgebaut hatte, sass ich nun mit einem Buch auf den

Knieen und blickte zu den beiden Vorfahrenbildern empor, um den Tonfall

der Sprache nachzugeniessen, der ich mich hingegeben hatte, während ein

unfruchtbares Chaos von halben Gedanken und Phantasiebildern mich

erfüllte ...

Meine Schwestern hatten sich kurz nacheinander verheiratet, und ich

ging, wenn ich nicht im Geschäft war, oft ins Wohnzimmer hinunter, wo

meine Mutter, die ein wenig kränkelte, und deren Gesicht stets

kindlicher und stiller wurde, nun meistens ganz einsam sass. Wenn sie

mir Chopin vorgespielt und ich ihr einen neuen Einfall von

Harmonien-Verbindung gezeigt hatte, fragte sie mich wohl, ob ich

zufrieden in meinem Berufe und glücklich sei .... Kein Zweifel, dass ich

glücklich war.

Ich war nicht viel älter als zwanzig Jahre, meine Lebenslage war nichts

als provisorisch, und der Gedanke war mir nicht fremd, dass ich ganz und

gar nicht gezwungen sei, mein Leben bei Herrn Schlievogt oder in einem

Holzgeschäfte noch grösseren Stils zu verbringen, dass ich mich eines

Tages frei machen könne, um die giebelige Stadt zu verlassen und

irgendwo in der Welt meinen Neigungen zu leben: gute und

feingeschriebene Romane zu lesen, ins Theater zu gehen, ein wenig Musik

zu machen ... Glücklich? Aber ich speiste vorzüglich, ich ging aufs

beste gekleidet, und früh bereits, wenn ich etwa während meiner

Schulzeit gesehen hatte, wie arme und schlecht gekleidete Kameraden sich

gewohnheitsmässig duckten und mich und meinesgleichen mit einer Art

schmeichlerischer Scheu willig als Herren und Tonangebende anerkannten,

war ich mir mit Heiterkeit bewusst gewesen, dass ich zu den Oberen,

Reichen, Beneideten gehörte, die nun einmal das Recht haben, mit

wohlwollender Verachtung auf die Armen, Unglücklichen und Neider

hinabzublicken. Wie sollte ich nicht glücklich sein? Mochte alles seinen

Gang gehen. Fürs erste hatte es seinen Reiz, sich fremd, überlegen und

heiter unter diesen Verwandten und Bekannten zu bewegen, über deren

Begrenztheit ich mich moquierte, während ich ihnen, aus Lust daran, zu

gefallen, mit gewandter Liebenswürdigkeit begegnete und mich

wohlgefällig in dem unklaren Respekte sonnte, den alle diese Leute vor

meinem Sein und Wesen erkennen liessen, weil sie mit Unsicherheit etwas

Oppositionelles und Extravagantes darin vermuteten.

Der kleine Herr Friedemann: Novellen · 第 33 / 47 题