Die Veränderung war ganz äusserlich, das versteht sich. Mein Interesse
für das grosse Holzgeschäft des Herrn Schlievogt war ungemein
geringfügig, und ich sass auf meinem Drehsessel unter der Gasflamme in
dem engen und dunklen Comptoir so fremd und abwesend wie ehemals auf der
Schulbank. Ich hatte weniger Sorgen nunmehr; darin bestand der
Unterschied.
Herr Schlievogt, ein beleibter Mensch mit rotem Gesicht und grauem,
hartem Schifferbart, kümmerte sich wenig um mich, da er sich meistens in
der Sägemühle aufhielt, die ziemlich weit von Comptoir und Lagerplatz
entfernt lag, und die Angestellten des Geschäftes behandelten mich mit
Respekt. In freundschaftlichem Verkehr stand ich nur mit einem von
ihnen, einem begabten und vergnügten jungen Menschen aus guter Familie,
den ich auf der Schule bereits gekannt hatte, und der übrigens Schilling
hiess. Er moquierte sich gleich mir über alle Welt, legte jedoch
nebenher ein eifriges Interesse für den Holzhandel an den Tag und
verfehlte an keinem Tage, den bestimmten Vorsatz zu äussern, auf irgend
eine Weise ein reicher Mann zu werden.
Ich meinesteils erledigte mechanisch meine notwendigen Angelegenheiten,
um im übrigen auf dem Lagerplatz zwischen den Bretterstapeln und den
Arbeitern umherzuschlendern, durch das hohe Holzgitter den Fluss zu
betrachten, an dem dann und wann ein Güterzug vorüber rollte, und dabei
an eine Theateraufführung oder an ein Konzert zu denken, dem ich
beigewohnt, oder an ein Buch, das ich gelesen.
Ich las viel, las alles, was mir erreichbar war, und meine
Eindrucksfähigkeit war gross. Jede dichterische Persönlichkeit verstand
ich mit dem Gefühl, glaubte in ihr mich selbst zu erkennen und dachte
und empfand so lange in dem Stile eines Buches, bis ein neues seinen
Einfluss auf mich ausgeübt hatte. In meinem Zimmer, in dem ich ehemals
mein Puppentheater aufgebaut hatte, sass ich nun mit einem Buch auf den
Knieen und blickte zu den beiden Vorfahrenbildern empor, um den Tonfall
der Sprache nachzugeniessen, der ich mich hingegeben hatte, während ein
unfruchtbares Chaos von halben Gedanken und Phantasiebildern mich
erfüllte ...
Meine Schwestern hatten sich kurz nacheinander verheiratet, und ich
ging, wenn ich nicht im Geschäft war, oft ins Wohnzimmer hinunter, wo
meine Mutter, die ein wenig kränkelte, und deren Gesicht stets
kindlicher und stiller wurde, nun meistens ganz einsam sass. Wenn sie
mir Chopin vorgespielt und ich ihr einen neuen Einfall von
Harmonien-Verbindung gezeigt hatte, fragte sie mich wohl, ob ich
zufrieden in meinem Berufe und glücklich sei .... Kein Zweifel, dass ich
glücklich war.
Ich war nicht viel älter als zwanzig Jahre, meine Lebenslage war nichts
als provisorisch, und der Gedanke war mir nicht fremd, dass ich ganz und
gar nicht gezwungen sei, mein Leben bei Herrn Schlievogt oder in einem
Holzgeschäfte noch grösseren Stils zu verbringen, dass ich mich eines
Tages frei machen könne, um die giebelige Stadt zu verlassen und
irgendwo in der Welt meinen Neigungen zu leben: gute und
feingeschriebene Romane zu lesen, ins Theater zu gehen, ein wenig Musik
zu machen ... Glücklich? Aber ich speiste vorzüglich, ich ging aufs
beste gekleidet, und früh bereits, wenn ich etwa während meiner
Schulzeit gesehen hatte, wie arme und schlecht gekleidete Kameraden sich
gewohnheitsmässig duckten und mich und meinesgleichen mit einer Art
schmeichlerischer Scheu willig als Herren und Tonangebende anerkannten,
war ich mir mit Heiterkeit bewusst gewesen, dass ich zu den Oberen,
Reichen, Beneideten gehörte, die nun einmal das Recht haben, mit
wohlwollender Verachtung auf die Armen, Unglücklichen und Neider
hinabzublicken. Wie sollte ich nicht glücklich sein? Mochte alles seinen
Gang gehen. Fürs erste hatte es seinen Reiz, sich fremd, überlegen und
heiter unter diesen Verwandten und Bekannten zu bewegen, über deren
Begrenztheit ich mich moquierte, während ich ihnen, aus Lust daran, zu
gefallen, mit gewandter Liebenswürdigkeit begegnete und mich
wohlgefällig in dem unklaren Respekte sonnte, den alle diese Leute vor
meinem Sein und Wesen erkennen liessen, weil sie mit Unsicherheit etwas
Oppositionelles und Extravagantes darin vermuteten.