Ich sprach dies damals gegen Eggers aus, der das Buch eben in seinem

Kunstblatt besprechen wollte, und der, trotz der anfänglichen

unwillkürlichen Opposition gegen meinen vielleicht etwas aufdringlichen

Enthusiasmus, mir bald völlig beistimmte. Und diese Freude an

Ihren Bildern ist noch immer dieselbe, sowie ich das Buch in die

Hand nehme. Auch für meine Jungen, die natürlich im Besitz Ihrer

Münchener Bilderbogen und des gestiefelten Katers sind, ist es eine

unerschöpfliche Fundgrube. Ich erinnere mich lebhaft eines Abends vor

drei Jahren, wo ich zum letzten Mal vor meiner Abreise nach hier mit

Adolph Menzel und Franz Kugler -- mit Letzterem auf Nimmerwiedersehn --

in Berlin auf Eggers’ Zimmer zusammen war. Kugler und Eggers hielten

auf dem Sopha Kunstgespräche; ich an einem andern Tische zeigte Menzel

Ihren Quickborn, den er noch nicht kannte. Das erste Bild, das wir

aufschlugen, waren die „Aanten int Water“. Die im Hintergrunde waren

ihm zu groß; er kritisierte. Bald aber, als wir weiter blätterten („Dat

Moor“ u. A.) wurde der kleine schwarze Mann ganz Feuer und Flamme.

Mehrmals nahm er das Buch und lief damit zu Kugler hin. „Sehn Sie mal!

Tausend ja! Wie das gemacht ist!“ Dies galt auch dem ersten Bild zu

„Peter Kunrad“, was Eggers damals nicht vorzugsweise gefiel. Menzels

Freude an Ihren Bildern kam mir nicht unerwartet; denn Sie haben eine

Verwandtschaft miteinander, -- die große Energie der Anschauung.

Nur zweierlei wünschte ich fort: die Hand an „De hilli Eek“ und die

Teufelsfratze an dem Baum im Moor (S. 177). Das Gespenstische, was wir

aus unserer Stimmung auf die Natur übertragen, dürfte -- so meine ich

-- die Kunst nicht weiter ausdrücken, als daß sie durch die Art der

Darstellung die +Stimmung+ in dem Beschauer zu erzeugen sucht, aus

welcher sich derartige phantastische Anschauungen der natürlichen Dinge

in uns zu bilden pflegen. Doch will ich mich mit dieser Privatmeinung

gern bescheiden.

So seien Sie mir denn noch einmal herzlichst gegrüßt; und möge Ihnen

Zeit und Gelegenheit werden, Ihre Mitlebenden noch öfter durch Werke

von solcher Bedeutung zu erfreuen!

Theodor Storm.“

Zwischen dem Briefschreiber, den das damalige dänische Regiment von

seinem Posten als Amtmann in Husum verdrängt und in preußische Dienste

geführt hatte, und dem Künstler entwickelte sich im Laufe der Jahre

eine Freundschaft, die sich auch auf die beiderseitigen Familien

erstreckte und die auch ihre künstlerische Begleiterscheinung in

Speckters Illustrationen zu Storms „Weihnachtsgeschichte“ gefunden hat.

Auch blieb es nicht aus, das er zu Klaus Groth selbst in Beziehung

trat, der während des Fortschreitens der Arbeit des öfteren nach

Hamburg kam, seine eben fertig gewordenen Gedichte vorlas und seiner

Freude über das Gelingen des gemeinsamen Werkes durch Wort und Schrift

Ausdruck gab.

Wie ist aber auch alles an den Zeichnungen voll echter Empfindsamkeit!

Die Knickwege, durch die Fuhrwerke sich langsam hindurchmühen, die

Dünen, der weite Strand, von einzelnen Wasservögeln bevölkert, das

unendliche Meer und das kleine, intime Dasein der Dorfstraße, um deren

Mulden und Ränder sich die Dorfjugend tummelt. Und Wasser überall,

Wasser in den Lachen, die die Ebbe am Strande zurück läßt, Wasser in

der Luft, Wasser im Meer und Wasser in den tausend kleinen Rinnsalen,

die die Landwege durchfurchen. Und die Menschen, die mit diesem Wasser

aufgewachsen sind, von ihm abhängen und ihm ihre Seele verschrieben

haben, wie sind sie erfaßt!

Der Tagedieb, der unter dem Baumriesen dahinträumt, bunter Festtrubel,

Liebende im Mondschein im schweigenden Anschaun der weißbeglänzten

Leichensteine, Kindheit, die nach den Gestirnen greift und das Alter,

das sich unter der Last der Jahre krümmt. Nachbarn im Meinungsaustausch

beim lauschigen Hauseingang, Weiber beim Tratsch, Sehnsucht der

Verlassenen, Unfall und Verbrechen, bis zum letzten bitteren Ende:

das ganze Menschendasein wird in diesen Bildern vor dem Betrachter

aufgerollt.

Und wie spiegelt sich in Speckters gesamtem Schaffen, nicht bloß im

Menschenbilde, in der Landschaft, sondern auch in den nebensächlichsten

leblosen Gegenständen das Wesen der Umwelt!

Wie ist der Zauber des Innenraums, das Formgeheimnis jener alten

Hauswinkel gebannt, die noch nichts von der banalen Wirklichkeit der

Bauten unserer Zinshaus- und Grundstücksspekulanten kannten! Bald ist

es die Schummrigkeit des Alkovens, bald die spielzeugähnliche Kubik des

kleinen Kramladens, bald die wohlhäbige Räumlichkeit einer Hausflur

oder die ansprechende Sachlichkeit schlichtschönen Hausrats, die einen

ganz klaren Stimmungsreiz auslösen. Und alles mit den geringsten

Mitteln gemacht. Wie vieles mag der häuslichen Umgebung entnommen sein?

Da ist dasselbe einfache Motiv der Wendeltreppe, das wir wiederholt

finden, einmal in „Hannchen und die Küchlein“, dann wieder im

„Katzenbuch“ und in den Fabeln.

Dieser Hauch der Unmittelbarkeit, der über alles ausgegossen ist,

umspielt auch das Kleinstadtleben in Gassen, Hofplätzen und Dachwinkeln.

Mir fällt dabei ein Gedicht von Arno Holz ein, das „Erinnerung“

betitelt ist und zum Teil also lautet:

Rote Dächer

Aus den Schornsteinen, hier und da, Rauch,

Oben, hoch, in sonniger Luft, ab und zu, Tauben.

Es ist Nachmittag.

Aus Mohdrikers Garten her gackert eine Henne,

Die ganze Stadt riecht nach Kaffee.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Nur drüben in Knorrs Regenrinne,

Zwei Spatzen, die sich um einen Strohhalm zanken,

Ein Mann, der sägt,

Und dazwischen, deutlich von der Kirche her,

In kurzen Pausen, regelmäßig, hämmernd,

Der Kupferschmied Thiel.

Wenn ich unten runtersehe,

Sehe ich grade auf Mutters Blumenbrett:

Ein Topf Goldlack, zwei Töpfe Levkoyen, eine Geranie

Und mittendrin, zierlich in einem Zigarrenkistchen

Ein Hümpelchen Reseda.

Wie das riecht?

Bis zu mir rauf!!

So sind die Zeichnungen Otto Speckters. Man fühlt in ihnen ordentlich

die reine klare Luft, in der das gesprochene Wort seinen Widerhall

findet.

Wie kommt’s, daß mir beim Anblick dieser Blätter die Jugendjahre

lebendig werden, daß mich hier oben im schönen bayerischen Land, im

Anblick der Berge, die Sehnsucht nach der alten norddeutschen Heimat

meiner Väter anfällt mit ihrem Strand, ihrer regenschweren Luft und

ihren sausenden Stürmen? Was anders als die Stärke dieser Kunst, die

eben in der Stärke des Naturgefühls wurzelt, die Meisterschaft, mit der

all die Dinge in ihrer Wesenheit gepackt sind.

Freilich ist manches unbeholfen, ein wenig hart und trocken geraten.

Aber ist diese Unbeholfenheit nicht auch ein Stück deutschen Wesens,

diese Gradheit und Echtheit, die sich lieber scheu auf sich selbst

zurückzieht, statt einer leeren Geste, dem hohlen Pathos, lieber

Verhaltenheit in Ausdruck und Bewegung gibt?

Daß seinem ganzen Schaffen der kindliche Zug anhaftet, daß aus diesem

tiefsten Grunde den Kinderbüchern der Preis gebührt, daß diese Seite

seiner Kunst es ausschließt, daß das Tragische und Dämonische in

seiner ganzen Stärke und Kraßheit damit zum Ausdruck gebracht wird,

das sind Einschränkungen, die wohl gemacht werden müssen, aber das

eigentümlich Specktersche nur unterstreichen und dem Liebhaber, der die

Persönlichkeit über alles setzt, kaum als die Feststellung von Mängeln

gelten werden.

Den Urgrund für all sein Schaffen, die Fülle, aus der er schöpfte,

bildete des Künstlers eigenes glückliches Familienleben, das er sich

schuf, nachdem das Elternhaus durch den Tod der Mutter (1842) und

des Vaters (1846) verwaist war. Speckter hatte sich im Jahre 1847

mit der um 17 Jahre jüngeren Auguste Bergeest vermählt, die einer

angesehenen Kaufmannsfamilie entstammte, deren Ahnherr Jahrhunderte

vorher als durch den Religionshader verarmter Sproß eines elsässischen

Adelsgeschlechts nach Hamburg eingewandert war und deren Familien- und

Handelsbeziehungen über See nach England und dem dänischen St. Thomas

reichten.

Dieses Eheleben, dem sieben Kinder erblühten, war voller Sonne, aber

nicht ohne Schatten. Sorgen, nicht gerade ums tägliche Brot, wohl aber

um die Aufrechterhaltung eines großen Hausstandes und eines Geschäftes,

dessen Nutzen von Jahr zu Jahr fragwürdiger wurde, beeinträchtigten die

ersten Jahre des harmonischen Zusammenlebens.

Zwei Schwestern, die weiter im Hause wohnen blieben, mußten mit

versorgt werden. Der alte gleichfalls übernommene Teilhaber Herterich

war allmählich etwas linkisch geworden. Seine Hauptbeschäftigung war

das Kreidekochen, wenn er nicht stundenlang vor seiner Kopie nach

Claude Lorrain saß, an der er bereits zwanzig Jahre lithographiert

hatte und angestrengt darüber nachgrübelte, ob er sie nicht durch

einige Punkte und Striche noch verbessern könnte. Der Specktersche

Familienwitz erfand daher für derartige Beschäftigungen die Bezeichnung

„Clauden“.

Um so unermüdlicher war Otto Speckter in dem Bestreben, das Geschäft

aufrecht zu erhalten und die vielen Pflichten gegenüber der Familie zu

erfüllen.

Um ihm die oft ermüdende eintönige Arbeit zu erleichtern, las die

Gattin ihm dabei vor, wie es früher die Mutter und die Schwestern getan

hatten. Das und die Unterweisungen, die er ihr wiederum im Blumenmalen

gab, befestigte die innige Interessengemeinschaft zwischen den

Eheleuten.

Bescheidene kleine Reisen an der Seite der Frau, die Mappe unter

dem Arm, den Malkasten über die Schulter gehängt, waren die einzige

Erholung, die sich der Rastlose gönnte.

Als der alte Herterich im Jahre 1852 starb, war endlich die Zeit

gekommen, das verhaßte Joch abzuschütteln. Die geschäftlichen

Verhältnisse waren immer unübersichtlicher geworden, und als ein

kaufmännischer Schwager bei Prüfung der Bücher doch einen recht

annehmbaren Jahresgewinn herausrechnete, mußte Speckter ihm entgegnen,

daß er ja die Honorare, die er für seine illustrierten Bücher empfing,

hineinsteckte, um davon mit Mühe und Not die Gehilfen zu bezahlen, für

Leistungen, die wenig oder nichts einbrächten.

Nicht ohne Widerstand der Familie, die im Aufgeben des ererbten

Geschäftes einen Mangel an Pietät erblickte, während die einsichtige

Frau zum Abschluß trieb, wurde der Verkauf durchgesetzt und erst

nachdem dies geschehen und der Umzug mit dem im Laufe der Jahrzehnte

angehäuftem Kram aus dem alten Haus in der Katharinenstraße in eine

neue Wohnung nicht ohne Schwierigkeiten erfolgt war, konnte Speckter

aufatmen und sich nun wirklich als freier Künstler fühlen.

Gerade mit dieser Schicksalswende fiel der Auftrag für die Ausstattung

des „Quickborn“ zusammen. Sie gab dem Künstler die Kraft und Frische,

sich dieser Aufgabe zu entledigen und die Muße, auf einer Studienreise

sich in Land und Leute zu versenken.

Ohne die lästigen Geschäftssorgen waren nun die Tage doch dauernd mit

allerlei Aufträgen ausgefüllt. Die Porträtaufgaben wurden gepflegt,

auch sonstige lithographische Arbeiten künstlerischer Natur, die er für

seinen Geschäftsnachfolger Ritter übernahm.

Zu den schon in der Jugend gefertigten Pathenbriefen gesellten

sich Konfirmationsscheine, die von Velhagen & Klasing in Bielefeld

gelegentlich eines Besuches daselbst am Schlusse einer Reise bestellt

waren.

Die Malerei hatte er nach eigener Aussage bei Bottomley erlernt,

während dieser Freund nach seiner Rückkehr aus Rom in einem unbenützten

Raume des Hauses in der Katharinenstraße auf Ottos Einladung sein

Atelier aufgeschlagen hatte. Sie wurde jetzt auch weiter getrieben.

Zumeist handelte es sich um Tierbilder. Einige Aristokraten und reiche

Bürger ließen ihre Lieblingspferde und Hunde oder sich selbst mit ihrer

Familie in der Ausübung eines Sports malen.

Viele Bewunderer fand auch der mit drei Tierfiguren geschmückte Fuß

eines silbernen Prunkbechers für den Senat, dessen plastisches Vorbild

der des Modellierens völlig Unkundige geschickt aus Wachs formte.

Ferner eine Reihe von Dankadressen, die der Senat den fürstlichen

Spendern gelegentlich der Not der Brandkatastrophe stiftete, und bei

denen Speckter die alte Technik der Buchstabenvergoldung wieder belebte.

Die Münchener Bilderbogen von „Rapunzel“ und dem „Froschkönig“, deren

Storm in seinem Schreiben Erwähnung tat, dürfen nicht vergessen werden.

Es sind große figurenreiche Kompositionen, die in ihrem Aufbau an

Schwinds berühmten Bilderbogen vom „Gestiefelten Kater“ erinnern und

sich wohl auch an diesen anlehnen.

Selbst der Entwurf eines Schüttelbaums für die Militärkapelle wird

erwähnt.

Die Modelle für sein Schaffen bot immer die nächste Umgebung, die

auch ständig der Schauplatz eines bewegten Lebens war, das bei aller

Einfachheit nie dürftig oder einseitig wurde.

Immer ist da ein kleiner Garten, eine große Linde, ein Obstbäumchen,

das den jubelnden Kindern seinen Segen auf die braune Erde schüttelt.

Und immer gibt es Tiere als Hausgenossen. Ein Hund gehört stets zur

selbstverständlichen Vollzähligkeit der Familie. Jahrelang gackern

auf dem kleinen Hof des Stadthauses Hühner. Ein Igel, ein Fuchs geben

zeitweilig Gastrollen. Bald wird ein toter Schwan geschickt, dem man

die Flügel mit Schnüren auseinanderspreizt, bis er zum Entsetzen

der Hausbewohner platzt, bald ist es ein Kater, der vor Wut und

Furcht durch die Stube faucht, dann wieder ein flügellahmer Storch,

dem der Erstgeborene Hans zwischen die Flügel gesetzt wird, so daß

das erschrockene Tier mit dem vor Glück jauchzenden Kind im Zimmer

herumrast und dem vergnügten Vater ein neues Motiv bietet.

Einmal haben Freunde eine junge Ente als Modell geschickt. Sie wird

in einer Wasserbütte im Schlafzimmer untergebracht. Ein mächtiges

Gepolter ruft die Gattin nach oben. Ein morscher Bücherschrank ist

zusammengestürzt, der Boden mit Büchern und Trümmern bedeckt, die Ente

platscht lustig dazwischen herum und im Bett liegt Speckter lachend und

meint, daß er auf die Weise am besten arbeiten könne.

In diesem lustigen Durcheinander wächst eine pausbäckige Kinderschar

heran, die das ganze Glück der Eltern bildet.

Speckter duldet sie mit ihrem Spiel in seinem Arbeitsraum, nimmt auch

selber daran Teil. Es werden große Schlachten geschlagen, die einen

vollen Tag währen, und wobei die Zinnsoldatenheere das ganze Zimmer

beherrschen. Puppentheater wird gespielt, Tierfiguren werden ausgenäht.

Besonders der Älteste, Hans, der schon frühzeitig Begabung zeigt,

ist der Stolz des Vaters. In ihm möchte er unerfüllte Jugendträume

verwirklicht wissen und er hat später noch die Genugtuung, ihn die

Weimarer Akademie beziehen zu sehen.

Außer den Tieren und Kindern muß auch die sonstige häusliche Umgebung

Modelle liefern. Für die zierlichen Landmädchen mit den großen Hüten

im „Quickborn“ hat die langjährige Milchfrau des Hauses als Vorbild

gedient. Der Gärtner Feldmann wurde, in einen Talar gesteckt, für die

Gewandstudie eines Pfarrerbildnisses gebraucht und den Hinzukommenden

zur allgemeinen Belustigung als Pastor Feldmann vorgestellt. Im

Haushalt, in dem Magret, die greise Kinderfrau, einen Ankömmling nach

dem anderen betreute, herrschte ein patriarchalischer Ton. Als Beispiel

dafür mag folgende hübsche Anekdote dienen:

Brunkhorst, das alte Faktotum, versuchte eines Morgens vergeblich vor

seines Herrn Tür, die Stiefel zum Putzen fortzuholen, als vom Lager her

ertönte: „Lat man sien, ick bin noch darin.“ Speckter war von einer

Festlichkeit erst in der Morgenfrühe nach Hause gekommen und hatte sich

in den Kleidern zu kurzem Schlummer ausgestreckt. Denn neben seiner

eifrigen Teilnahme am Spiel der Kinder, half er auch mit Rat und Tat

beim Spiel der Erwachsenen.

So gelegentlich des großen Schillerfestes im Jahre 1859, wo man ihn,

nachdem die Berufenen versagt hatten, herbeiholte, um die lebenden

Bilder zu stellen.

Die von ~Dr.~ Endrulat, dem geistigen Urheber der Feier, verfaßte

Festschrift hat er dann mit Lithographien geschmückt.

Schon Jahre vorher hatte Friedrich Wilhelm IV. den Wunsch geäußert,

bei einem Hoffest den „Gestiefelten Kater“ in lebenden Bildern

vorgeführt zu sehen. Der preußische Gesandte, Minister von Haenlein,

fuhr bei Speckter vor, um ihn dieserhalb zu einer Reise nach Berlin

zu veranlassen, die aber aus Zeitmangel, wohl auch aus Bescheidenheit

unterblieb.

Die Politik spielte in das gesellschaftliche Leben stark hinein und

beschäftigte den Künstler leidenschaftlich und mehr, als in diesen

Seiten gesagt werden kann. Mit Spannung wurden die Ereignisse auf dem

Welttheater verfolgt, die damals alle deutschen Gemüter im Bann hielten.

Der überraschenden Vernichtung der dänischen Kriegsschiffe „Gefion“ und

„Christian VIII.“ im Hafen von Eckernförde folgte die Eröffnung des

Kriegsschauplatzes in unmittelbarster Nähe, als die Kriege von 1864 und

1866 wie prächtige Gewitter mit kurzen schnellen Schlägen daherbrausten.

Schon früher hatte Speckter sein „Politisches Glaubensbekenntnis“

abgelegt, wie er selber sein 1848 herausgegebenes Flugblatt nannte. Es

trat in Bild und Wort für die Einigung der deutschen Stämme und für

das Kaiserreich ein. Das von allegorischen Darstellungen und dem Geäst

eines Eichbaums umrahmte Gedicht stammte von einem Verwandten, Hugo

Hübbe, und begann mit den Worten: „Wir stehn in einem guten Kampf“.

Während es, namentlich in der Familie, vielfach Ablehnung fand, traten

Geibel, Curtius und E. M. Arndt dafür ein.

Geibel gehörte zu den Freunden des Hauses. Zum Polterabend, dem auch

Jacob und Wilhelm Grimm beiwohnten, hatte er dem Brautpaare folgenden

Trinkspruch aus dem Stegreif gewidmet:

Architektura baut das Haus,

Die Malerei schmückt’s lustig aus,

Sculptara stellt mit fleiß’gen Händen

Ihr Bildwerk auf an allen Wänden --

Doch soll’s im Hause wohnlich sein,

So muß Frau Minne erst hinein.

Drum sprech ich’s aus und ruf’ es laut:

„Hoch lebe Bräutigam und Braut!“

Von anderen bekannten Schriftstellern wird noch Hoffmann von

Fallersleben als Gast im Hause Speckter erwähnt.

Zwischen die vielen neuen Aufgaben fiel auch ein Auftrag von Perthes,

für eine Neuausgabe der Fabeln die Bilder abermals, und zwar auf den

Holzstock, zu zeichnen. Speckter, der dies schon vorher für einen

englischen Verlag getan, begrüßte die Aufgabe um so mehr, als er schon

oft seinen Unwillen darüber geäußert hatte, mit welcher Unbekümmertheit

der Verleger seine vielen Neuauflagen mit immer schlechter kopierten

Bildern herunterdrucke. Daß der Künstler von diesen Auflagen, die für

den Verleger ein schönes Geschäft bedeuteten, nichts hatte, verstand

sich nach damaliger Rechtsauffassung von selbst, und so mußte man

in dem neuen Auftrag für die Holzstöcke ein besonders gönnerhaftes

Entgegenkommen erblicken.

Auf Wunsch sandte Perthes ihm von jeder bisherigen Auflage ein

Exemplar, Speckter aber, durch die schlechte Ausführung angeärgert,

steckte sie alle in den Ofen, da sie ihm zu minderwertig erschienen, um

selbst als Geschenk für arme Kinder zu dienen.

Nicht ohne Wichtigkeit für die Beurteilung seines Werkes sind für

den Kenner die Arten der Vervielfältigungstechniken. Die ersten

Fabelausgaben sind in Steinradierung hergestellt. Der zweite Teil der

Fabeln wurde nie von ihm selbst, sondern nach seiner Zeichnung und

Anleitung von Gehilfen ausgeführt. Bei der späteren Holzschnittausgabe

hat er dann beide Teile der Bearbeitung unterzogen.

Das Holzschnittverfahren hatte den technischen Vorzug, daß der

Druck der Bildplatten zugleich mit dem Typendruck erfolgen konnte,

während die lithographischen Abzüge, auf dünnes Papier gedruckt,

Seite für Seite in das Buch eingeklebt werden mußten. Errang so die

bequemere Technik am Ende den Sieg über die umständlichere, so weisen

doch die frühen Ausgaben gegenüber den späteren einen allerdings

unbeabsichtigten Reiz auf, den diese nicht haben.

Die gleichen intimen Züge zeichnen die Radierungen in Rumohrs

„Hundefuchsenstreit“ aus, ebenso die Lithographien zu Andersens Märchen

und die Kupferstiche zum „Gestiefelten Kater“.

1845 versuchte ein Schriftsetzer Krake in Hamburg sich wieder im

Holzschnitt. Speckter vertraute ihm einige Fabelbilder an und brachte

ihn so weit, daß man ihn im Rauhen Hause anstellte, wo er die

Holzstöcke zum Katechismus schnitt. Ihn ersetzten als Nachfolger ein

gewisser Mackwitz und andere. Schuseil schnitt die Illustrationen zum

„Quickborn“.

Während nun die Katechismusbilder, wie das im Charakter des Stoffes

lag, eine mehr lineare Gestaltung erhielten und auch die Bilder zu den

Missionsblättern volksbuchartig kräftig gehalten sind, wurde bei den

Fabeln unwillkürlich versucht, die der Lithographie eigentümlichen

Tonwirkungen auf dem Holzstock nachzuahmen, was den Stil der Bilder

verwischte.

Auch den „Quickborn“ beherrscht jener für die Zeit bezeichnende

Mischstil des Tonschnittes. Immerhin sind diese Blätter von vornherein

in Hinblick auf die technische Ausführung erfunden, mit einer

geschulten und bewußten Handwerklichkeit zu Ende gebracht und weisen

die besonderen Reize auf, die wir ja auch in gleichzeitigen Werken

Menzels oder Dorés zu schätzen wissen, indem wir sie als ein Ergebnis

aus zwei verschiedenen Kunstbemühungen betrachten, des empfindenden

Erfinders und des verständigen Vollenders, deren Wollen und Können sich

in ihnen die Wage hält.

Der Speckter befreundete Kupferstecher Schröder stellte Anfang der

vierziger Jahre nach Beschreibungen Versuche in dieser Technik an,

deren erstes Ergebnis die Bilder zum „Gestiefelten Kater“ waren. Bei

anderen Arbeiten wurde der Stahlstich angewandt, der von England aus

sich der Buchillustration bemächtigte. Zu einem Stahlstecher Gray, der

nach Hamburg übersiedelte, hatte Speckter Beziehungen. Die reizenden

Vollbilder zu „Hannchen und die Küchlein“ sind in Stahl gestochen.

Ihres an englische empfindsame Szenen erinnernden Stils wurde schon

anfangs Erwähnung getan. Technische Reminiszenzen mögen unbewußt in

diese Vorstellungen mit hineinspielen.

Das was uns am Lebenswerk Otto Speckters hauptsächlich interessiert,

ist so eng mit der graphischen Technik verbunden, hat durch diese

erst ihren historisch bestimmten Ausdruck gefunden, daß auch bei der

Zusammenstellung der vorliegenden Auswahl fast ausschließlich nach

diesem Gesichtspunkt verfahren wurde. Handzeichnungen sind bis auf eine

-- „Der Storch mit dem Kind“ -- nicht aufgenommen.

Als Vorbilder für die Wiedergabe wurden, soweit sie erreichbar waren,

die vortrefflichsten Ausgaben herangezogen. So sind bei den Fabeln

teilweise Steinradierungen, teilweise Holzschnitte zugrunde gelegt. Die

alte englische Ausgabe von „~The charmed roe~“ („Brüderchen und

Schwesterchen“) erschien so hart und scharflinig, die noch vorhandenen

Handzeichnungen so wenig in den Einzelheiten ausgeführt, daß der neuen

Ausgabe von 1903 der Vorzug gegeben wurde, die in Lichtdruck eine etwas

vergröberte und dabei weichere Wiedergabe der älteren lithographierten

Blätter enthält.

So sehen wir denn, des Künstlers Gesamtwerk überschauend, wie sich auch

in ihm die große Kurve der europäischen Kunstentwickelung abzeichnet,

in der es mitschwingt. Von den klassisch gebundenen Anfängen, über die

Romantik zum Realismus bis an jene verhängnisvolle Schwelle, hinter

der im verstandesmäßigen Naturalismus, im Historizismus der schon

vorbereitete Auflösungsprozeß seinen Fortgang nimmt, der die Tragik im

Schaffen von Speckters Sohn Hans bestimmt. Daß das Werk Otto Speckters

bereits vorher zum Abschluß kam, sichert ihm die Einheit der Wirkung,

deren seltene Kraft wir an ihm wahrnehmen.

Daß vielerlei Einflüsse der wandelnden Zeit, auch solche technischer

Natur, mit hineinspielen, bestätigt nur die bei aller Freiheit und

Eigenheit im einzelnen bedingte Bindung, den Zwang unter das Gesetz

der großen Weltbewegung, dem alle wahrhafte und menschlich echte Kunst

unterworfen ist. Sie ist es, die den Typus bestimmt.

Die letzten acht Lebensjahre brachten dem Künstler durch eine

schmerzhafte, unheilbare Krankheit, die mit dem Absterben der Zehen

begann und durch gestörten Blutumlauf veranlaßt war, viel Leid. Oft

war er wochen-, ja monatelang an das Schmerzenslager gefesselt.

Dazwischen kamen vom Arzt verordnete Erholungsreisen, die ihn im Jahre

1863 auch zu Fritz Reuter führten. Die beiden humorvollen art- und

stammverwandten Männer fanden sich bald zusammen.

Reuter schrieb damals in Eisenach an seiner „Stromtid“ und mußte, wie

er Speckter gegenüber scherzend bemerkte, darin noch „dree lütte Mätens

verfriegen“.

Man vereinbarte, daß Speckter den „Hanne Nüte“ illustrieren sollte, der

ja mit seinem in die Handlung verwobenen Tierleben dem Künstler einen

besonders geeigneten Stoff bot.

Die in den Jahren der Krankheit entstandenen Bilder erscheinen durch

sie getrübt und ermangeln der Frische der Quickbornillustrationen, mit

denen sie ihrer ganzen Auffassung nach zu einem Vergleich auffordern.

Doch sind auch wieder die Tierszenen äußerst gelungen und atmen einen

possierlichen Humor, der sich in den zierlichen Zeichnungen für die

Geschichte vom „Feldmäuschen und Stadtmäuschen“ wiederholt.

Otto Speckter · 第 2 / 4 段