7. Szene

(v. Tellheim. Paul Werner)

Tellheim

So in Gedanken, Werner?

Werner

Da sind Sie ja! ich wollte eben gehen und Sie in Ihrem neuen

Quartiere besuchen, Herr Major.

Tellheim

Um mir auf den Wirt des alten die Ohren vollzufluchen. Gedenke mir

nicht daran.

Werner

Das hätte ich beiher getan; ja. Aber eigentlich wollte ich mich nur

bei Ihnen bedanken, daß Sie so gut gewesen und mir die hundert

Louisdor aufgehoben. Just hat mir sie wiedergegeben. Es wäre mir

wohl freilich lieb, wenn Sie mir sie noch länger aufheben könnten.

Aber Sie sind in ein neu Quartier gezogen, das weder Sie noch ich

kennen. Wer weiß, wie's da ist. Sie könnten Ihnen da gestohlen

werden, und Sie müßten mir sie ersetzen; da hülfe nichts davor. Also

kann ich's Ihnen freilich nicht zumuten.

Tellheim

(lächelnd). Seit wenn bist du so vorsichtig, Werner?

Werner

Es lernt sich wohl. Man kann heutezutage mit seinem Gelde nicht

vorsichtig genug sein.--Darnach hatte ich noch was an Sie zu bestellen,

Herr Major; von der Rittmeisterin Marloff; ich kam eben von ihr her.

Ihr Mann ist Ihnen ja vierhundert Taler schuldig geblieben; hier

schickt sie Ihnen auf Abschlag hundert Dukaten. Das übrige will sie

künftige Woche schicken. Ich mochte wohl selber Ursache sein, daß sie

die Summe nicht ganz schickt. Denn sie war mir auch ein Taler achtzig

schuldig; und weil sie dachte, ich wäre gekommen, sie zu mahnen--wie's

denn auch wohl wahr war--, so gab sie mir sie und gab sie mir aus dem

Röllchen, das sie für Sie schon zurechtgelegt hatte.--Sie können auch

schon eher Ihre hundert Taler ein acht Tage noch missen als ich meine

paar Groschen.--Da nehmen Sie doch! (Reicht ihm die Rolle Dukaten.)

Tellheim

Werner!

Werner

Nun? Warum sehen Sie mich so starr an?--So nehmen Sie doch, Herr

Major!--

Tellheim

Werner!

Werner

Was fehlt Ihnen? Was ärgert Sie?

Tellheim

(bitter, indem er sich vor die Stirne schlägt und mit dem Fuße

auftritt). Daß es--die vierhundert Taler nicht ganz sind!

Werner

Nun, nun, Herr Major! Haben Sie mich denn nicht verstanden?

Tellheim

Eben weil ich dich verstanden habe!--Daß mich doch die besten Menschen

heut am meisten quälen müssen!

Werner

Was sagen Sie?

Tellheim

Es geht dich nur zur Hälfte an!--Geh, Werner! (Indem er die Hand, mit

der ihm Werner die Dukaten reichet, zurückstößt.)

Werner

Sobald ich das los bin!

Tellheim

Werner, wenn du nun von mir hörst, daß die Marloffin heute ganz früh

selbst bei mir gewesen ist?

Werner

So?

Tellheim

Daß sie mir nichts mehr schuldig ist?

Werner

Wahrhaftig?

Tellheim

Daß sie mich bei Heller und Pfennig bezahlt hat: was wirst du denn

sagen?

Werner

(der sich einen Augenblick besinnt). Ich werde sagen, daß ich gelogen

habe, und daß es eine hundsfött'sche Sache ums Lügen ist, weil man

drüber ertappt werden kann.

Tellheim

Und wirst dich schämen? Aber er, der mich so zu lügen zwingt, was

sollte der? Sollte der sich nicht auch schämen? Sehen Sie, Herr

Major, wenn ich sagte, daß mich Ihr Verfahren nicht verdrösse, so

hätte ich wieder gelogen, und ich will nicht mehr lügen.--

Tellheim

Sei nicht verdrießlich, Werner! Ich erkenne dein Herz und deine Liebe

zu mir. Aber ich brauche dein Geld nicht.

Werner

Sie brauchen es nicht? Und verkaufen lieber und versetzen lieber und

bringen sich lieber in der Leute Mäuler?

Tellheim

Die Leute mögen es immer wissen, daß ich nichts mehr habe. Man muß

nicht reicher scheinen wollen, als man ist.

Werner

Aber warum ärmer?--Wir haben, solange unser Freund hat.

Tellheim

Es ziemt sich nicht, daß ich dein Schuldner bin.

Werner

Ziemt sich nicht?--Wenn an einem heißen Tage, den uns die Sonne und

der Feind heiß machte, sich Ihr Reitknecht mit den Kantinen verloren

hatte, und Sie zu mir kamen und sagten: "Werner, hast du nichts zu

trinken?" und ich Ihnen meine Feldflasche reichte, nicht wahr, Sie

nahmen und tranken?--Ziemte sich das?--Bei meiner armen Seele, wenn

ein Trunk faules Wasser damals nicht oft mehr wert war als alle der

Quark! (Indem er auch den Beutel mit den Louisdoren herauszieht und

ihm beides hinreicht.) Nehmen Sie, lieber Major! Bilden Sie sich ein,

es ist Wasser. Auch das hat Gott für alle geschaffen.

Tellheim

Du marterst mich; du hörst es ja, ich will dein Schuldner nicht sein.

Werner

Erst ziemte es sich nicht; nun wollen Sie nicht? Ja, das ist was

anders. (Etwas ärgerlich.) Sie wollen mein Schuldner nicht sein?

Wenn Sie es denn aber schon wären, Herr Major? Oder sind Sie dem

Manne nichts schuldig, der einmal den Hieb auffing, der Ihnen den Kopf

spalten sollte, und ein andermal den Arm vom Rumpfe hieb, der eben

losdrücken und Ihnen die Kugel durch die Brust jagen wollte?--Was

können Sie diesem Manne mehr schuldig werden? Oder hat es mit meinem

Halse weniger zu sagen als mit meinem Beutel?--Wenn das vornehm

gedacht ist, bei meiner armen Seele, so ist es auch sehr abgeschmackt

gedacht!

Tellheim

Mit wem sprichst du so, Werner? Wir sind allein; jetzt darf ich es

sagen; wenn uns ein Dritter hörte, so wäre es Windbeutelei. Ich

bekenne es mit Vergnügen, daß ich dir zweimal mein Leben zu danken

habe. Aber, Freund, woran fehlte mir es, daß ich bei Gelegenheit

nicht ebensoviel für dich würde getan haben? He!

Werner

Nur an der Gelegenheit! Wer hat daran gezweifelt, Herr Major? Habe

ich Sie nicht hundertmal für den gemeinsten Soldaten, wenn er ins

Gedränge gekommen war, Ihr Leben wagen sehen?

Tellheim

Also!

Werner

Aber--

Tellheim

Warum verstehst du mich nicht recht? Ich sage: es ziemt sich nicht,

daß ich dein Schuldner bin; ich will dein Schuldner nicht sein.

Nämlich in den Umständen nicht, in welchen ich mich jetzt befinde.

Werner

So, so! Sie wollen es versparen bis auf bessre Zeiten; Sie wollen ein

andermal Geld von mir borgen, wenn Sie keines brauchen, wenn Sie

selbst welches haben und ich vielleicht keines.

Tellheim

Man muß nicht borgen, wenn man nicht widerzugeben weiß.

Werner

Einem Manne wie Sie kann es nicht immer fehlen.

Tellheim

Du kennst die Welt!--Am wenigsten muß man sodann von einem borgen, der

sein Geld selbst braucht.

Werner

O ja, so einer bin ich! Wozu braucht' ich's denn?--Wo man einen

Wachtmeister nötig hat, gibt man ihm auch zu leben.

Tellheim

Du brauchst es, mehr als Wachtmeister zu werden, dich auf einer Bahn

weiterzubringen, auf der ohne Geld auch der Würdigste zurückbleiben

kann.

Werner

Mehr als Wachtmeister zu werden? Daran denke ich nicht. Ich bin ein

guter Wachtmeister und dürfte leicht ein schlechter Rittmeister und

sicherlich noch ein schlechtrer General werden. Die Erfahrung hat man.

Tellheim

Mache nicht, daß ich etwas Unrechtes von dir denken muß, Werner! Ich

habe es nicht gern gehört, was mir Just gesagt hat. Du hast dein Gut

verkauft und willst wieder herumschwärmen. Laß mich nicht von dir

glauben, daß du nicht sowohl das Metier als die wilde, liederliche

Lebensart liebest, die unglücklicherweise damit verbunden ist. Man

muß Soldat sein für sein Land oder aus Liebe zu der Sache, für die

gefochten wird. Ohne Absicht heute hier, morgen da dienen, heißt wie

ein Fleischerknecht reisen, weiter nichts.

Werner

Nun ja doch, Herr Major, ich will Ihnen folgen. Sie wissen besser,

was sich gehört. Ich will bei Ihnen bleiben.--Aber, lieber Major,

nehmen Sie doch auch derweile mein Geld. Heut oder morgen muß Ihre

Sache aus sein. Sie müssen Geld die Menge bekommen. Sie sollen mir

es sodann mit Interessen wiedergeben. Ich tu es ja nur der Interessen

wegen.

Tellheim

Schweig davon!

Werner

Bei meiner armen Seele, ich tu es nur der Interessen wegen!--Wenn ich

manchmal dachte: Wie wird es mit dir aufs Alter werden? wenn du

zuschanden gehauen bist? wenn du nichts haben wirst? wenn du wirst

betteln gehen müssen? so dachte ich wieder: Nein, du wirst nicht

betteln gehn; du wirst zum Major Tellheim gehn; der wird seinen

letzten Pfennig mit dir teilen; der wird dich zu Tode füttern; bei dem

wirst du als ein ehrlicher Kerl sterben können.

Tellheim

(indem er Werners Hand ergreift). Und, Kamerad, das denkst du nicht

noch?

Werner

Nein, das denk ich nicht mehr.--Wer von mir nichts nehmen will, wenn

er's bedarf, und ich's habe, der will mir auch nichts geben, wenn er's

hat, und ich's bedarf.--Schon gut! (Will gehen.)

Tellheim

Mensch, mache mich nicht rasend! Wo willst du hin? (Hält ihn zurück.)

Wenn ich dich nun auf meine Ehre versichere, daß ich noch Geld habe;

wenn ich dir auf meine Ehre verspreche, daß ich dir es sagen will,

wenn ich keines mehr habe; daß du der erste und einzige sein sollst,

bei dem ich mir etwas borgen will:--bist du dann zufrieden?

Werner

Muß ich nicht?--Geben Sie mir die Hand darauf, Herr Major.

Tellheim

Da, Paul!--Und nun genug davon. Ich kam hieher, um ein gewisses

Mädchen zu sprechen--

Minna von Barnhelm · 第 32 / 63 题