(v. Tellheim. Paul Werner)
Tellheim
So in Gedanken, Werner?
Werner
Da sind Sie ja! ich wollte eben gehen und Sie in Ihrem neuen
Quartiere besuchen, Herr Major.
Tellheim
Um mir auf den Wirt des alten die Ohren vollzufluchen. Gedenke mir
nicht daran.
Werner
Das hätte ich beiher getan; ja. Aber eigentlich wollte ich mich nur
bei Ihnen bedanken, daß Sie so gut gewesen und mir die hundert
Louisdor aufgehoben. Just hat mir sie wiedergegeben. Es wäre mir
wohl freilich lieb, wenn Sie mir sie noch länger aufheben könnten.
Aber Sie sind in ein neu Quartier gezogen, das weder Sie noch ich
kennen. Wer weiß, wie's da ist. Sie könnten Ihnen da gestohlen
werden, und Sie müßten mir sie ersetzen; da hülfe nichts davor. Also
kann ich's Ihnen freilich nicht zumuten.
Tellheim
(lächelnd). Seit wenn bist du so vorsichtig, Werner?
Werner
Es lernt sich wohl. Man kann heutezutage mit seinem Gelde nicht
vorsichtig genug sein.--Darnach hatte ich noch was an Sie zu bestellen,
Herr Major; von der Rittmeisterin Marloff; ich kam eben von ihr her.
Ihr Mann ist Ihnen ja vierhundert Taler schuldig geblieben; hier
schickt sie Ihnen auf Abschlag hundert Dukaten. Das übrige will sie
künftige Woche schicken. Ich mochte wohl selber Ursache sein, daß sie
die Summe nicht ganz schickt. Denn sie war mir auch ein Taler achtzig
schuldig; und weil sie dachte, ich wäre gekommen, sie zu mahnen--wie's
denn auch wohl wahr war--, so gab sie mir sie und gab sie mir aus dem
Röllchen, das sie für Sie schon zurechtgelegt hatte.--Sie können auch
schon eher Ihre hundert Taler ein acht Tage noch missen als ich meine
paar Groschen.--Da nehmen Sie doch! (Reicht ihm die Rolle Dukaten.)
Tellheim
Werner!
Werner
Nun? Warum sehen Sie mich so starr an?--So nehmen Sie doch, Herr
Major!--
Tellheim
Werner!
Werner
Was fehlt Ihnen? Was ärgert Sie?
Tellheim
(bitter, indem er sich vor die Stirne schlägt und mit dem Fuße
auftritt). Daß es--die vierhundert Taler nicht ganz sind!
Werner
Nun, nun, Herr Major! Haben Sie mich denn nicht verstanden?
Tellheim
Eben weil ich dich verstanden habe!--Daß mich doch die besten Menschen
heut am meisten quälen müssen!
Werner
Was sagen Sie?
Tellheim
Es geht dich nur zur Hälfte an!--Geh, Werner! (Indem er die Hand, mit
der ihm Werner die Dukaten reichet, zurückstößt.)
Werner
Sobald ich das los bin!
Tellheim
Werner, wenn du nun von mir hörst, daß die Marloffin heute ganz früh
selbst bei mir gewesen ist?
Werner
So?
Tellheim
Daß sie mir nichts mehr schuldig ist?
Werner
Wahrhaftig?
Tellheim
Daß sie mich bei Heller und Pfennig bezahlt hat: was wirst du denn
sagen?
Werner
(der sich einen Augenblick besinnt). Ich werde sagen, daß ich gelogen
habe, und daß es eine hundsfött'sche Sache ums Lügen ist, weil man
drüber ertappt werden kann.
Tellheim
Und wirst dich schämen? Aber er, der mich so zu lügen zwingt, was
sollte der? Sollte der sich nicht auch schämen? Sehen Sie, Herr
Major, wenn ich sagte, daß mich Ihr Verfahren nicht verdrösse, so
hätte ich wieder gelogen, und ich will nicht mehr lügen.--
Tellheim
Sei nicht verdrießlich, Werner! Ich erkenne dein Herz und deine Liebe
zu mir. Aber ich brauche dein Geld nicht.
Werner
Sie brauchen es nicht? Und verkaufen lieber und versetzen lieber und
bringen sich lieber in der Leute Mäuler?
Tellheim
Die Leute mögen es immer wissen, daß ich nichts mehr habe. Man muß
nicht reicher scheinen wollen, als man ist.
Werner
Aber warum ärmer?--Wir haben, solange unser Freund hat.
Tellheim
Es ziemt sich nicht, daß ich dein Schuldner bin.
Werner
Ziemt sich nicht?--Wenn an einem heißen Tage, den uns die Sonne und
der Feind heiß machte, sich Ihr Reitknecht mit den Kantinen verloren
hatte, und Sie zu mir kamen und sagten: "Werner, hast du nichts zu
trinken?" und ich Ihnen meine Feldflasche reichte, nicht wahr, Sie
nahmen und tranken?--Ziemte sich das?--Bei meiner armen Seele, wenn
ein Trunk faules Wasser damals nicht oft mehr wert war als alle der
Quark! (Indem er auch den Beutel mit den Louisdoren herauszieht und
ihm beides hinreicht.) Nehmen Sie, lieber Major! Bilden Sie sich ein,
es ist Wasser. Auch das hat Gott für alle geschaffen.
Tellheim
Du marterst mich; du hörst es ja, ich will dein Schuldner nicht sein.
Werner
Erst ziemte es sich nicht; nun wollen Sie nicht? Ja, das ist was
anders. (Etwas ärgerlich.) Sie wollen mein Schuldner nicht sein?
Wenn Sie es denn aber schon wären, Herr Major? Oder sind Sie dem
Manne nichts schuldig, der einmal den Hieb auffing, der Ihnen den Kopf
spalten sollte, und ein andermal den Arm vom Rumpfe hieb, der eben
losdrücken und Ihnen die Kugel durch die Brust jagen wollte?--Was
können Sie diesem Manne mehr schuldig werden? Oder hat es mit meinem
Halse weniger zu sagen als mit meinem Beutel?--Wenn das vornehm
gedacht ist, bei meiner armen Seele, so ist es auch sehr abgeschmackt
gedacht!
Tellheim
Mit wem sprichst du so, Werner? Wir sind allein; jetzt darf ich es
sagen; wenn uns ein Dritter hörte, so wäre es Windbeutelei. Ich
bekenne es mit Vergnügen, daß ich dir zweimal mein Leben zu danken
habe. Aber, Freund, woran fehlte mir es, daß ich bei Gelegenheit
nicht ebensoviel für dich würde getan haben? He!
Werner
Nur an der Gelegenheit! Wer hat daran gezweifelt, Herr Major? Habe
ich Sie nicht hundertmal für den gemeinsten Soldaten, wenn er ins
Gedränge gekommen war, Ihr Leben wagen sehen?
Tellheim
Also!
Werner
Aber--
Tellheim
Warum verstehst du mich nicht recht? Ich sage: es ziemt sich nicht,
daß ich dein Schuldner bin; ich will dein Schuldner nicht sein.
Nämlich in den Umständen nicht, in welchen ich mich jetzt befinde.
Werner
So, so! Sie wollen es versparen bis auf bessre Zeiten; Sie wollen ein
andermal Geld von mir borgen, wenn Sie keines brauchen, wenn Sie
selbst welches haben und ich vielleicht keines.
Tellheim
Man muß nicht borgen, wenn man nicht widerzugeben weiß.
Werner
Einem Manne wie Sie kann es nicht immer fehlen.
Tellheim
Du kennst die Welt!--Am wenigsten muß man sodann von einem borgen, der
sein Geld selbst braucht.
Werner
O ja, so einer bin ich! Wozu braucht' ich's denn?--Wo man einen
Wachtmeister nötig hat, gibt man ihm auch zu leben.
Tellheim
Du brauchst es, mehr als Wachtmeister zu werden, dich auf einer Bahn
weiterzubringen, auf der ohne Geld auch der Würdigste zurückbleiben
kann.
Werner
Mehr als Wachtmeister zu werden? Daran denke ich nicht. Ich bin ein
guter Wachtmeister und dürfte leicht ein schlechter Rittmeister und
sicherlich noch ein schlechtrer General werden. Die Erfahrung hat man.
Tellheim
Mache nicht, daß ich etwas Unrechtes von dir denken muß, Werner! Ich
habe es nicht gern gehört, was mir Just gesagt hat. Du hast dein Gut
verkauft und willst wieder herumschwärmen. Laß mich nicht von dir
glauben, daß du nicht sowohl das Metier als die wilde, liederliche
Lebensart liebest, die unglücklicherweise damit verbunden ist. Man
muß Soldat sein für sein Land oder aus Liebe zu der Sache, für die
gefochten wird. Ohne Absicht heute hier, morgen da dienen, heißt wie
ein Fleischerknecht reisen, weiter nichts.
Werner
Nun ja doch, Herr Major, ich will Ihnen folgen. Sie wissen besser,
was sich gehört. Ich will bei Ihnen bleiben.--Aber, lieber Major,
nehmen Sie doch auch derweile mein Geld. Heut oder morgen muß Ihre
Sache aus sein. Sie müssen Geld die Menge bekommen. Sie sollen mir
es sodann mit Interessen wiedergeben. Ich tu es ja nur der Interessen
wegen.
Tellheim
Schweig davon!
Werner
Bei meiner armen Seele, ich tu es nur der Interessen wegen!--Wenn ich
manchmal dachte: Wie wird es mit dir aufs Alter werden? wenn du
zuschanden gehauen bist? wenn du nichts haben wirst? wenn du wirst
betteln gehen müssen? so dachte ich wieder: Nein, du wirst nicht
betteln gehn; du wirst zum Major Tellheim gehn; der wird seinen
letzten Pfennig mit dir teilen; der wird dich zu Tode füttern; bei dem
wirst du als ein ehrlicher Kerl sterben können.
Tellheim
(indem er Werners Hand ergreift). Und, Kamerad, das denkst du nicht
noch?
Werner
Nein, das denk ich nicht mehr.--Wer von mir nichts nehmen will, wenn
er's bedarf, und ich's habe, der will mir auch nichts geben, wenn er's
hat, und ich's bedarf.--Schon gut! (Will gehen.)
Tellheim
Mensch, mache mich nicht rasend! Wo willst du hin? (Hält ihn zurück.)
Wenn ich dich nun auf meine Ehre versichere, daß ich noch Geld habe;
wenn ich dir auf meine Ehre verspreche, daß ich dir es sagen will,
wenn ich keines mehr habe; daß du der erste und einzige sein sollst,
bei dem ich mir etwas borgen will:--bist du dann zufrieden?
Werner
Muß ich nicht?--Geben Sie mir die Hand darauf, Herr Major.
Tellheim
Da, Paul!--Und nun genug davon. Ich kam hieher, um ein gewisses
Mädchen zu sprechen--