6. Umrißzeichnung und erster Ton.

Nachdem das Papier aufgespannt worden, was ich beim Malen im Zimmer

unbedingt empfehle, und nachdem es absolut trocken geworden ist,

gilt es, das Darzustellende zu zeichnen. Die Zeichnung, welche sich

lediglich auf Umrisse ohne Schatten beschränkt, ist hierbei von solcher

Wichtigkeit, daß ich mich etwas umständlicher darüber zu verbreiten

für nothwendig erachte, umsomehr, als Manche oberflächlich darüber

hinwegeilen, in der Meinung, unter dem Malen würde sich alles finden

und manches Undeutliche oder Unrichtige ließe sich noch verbessern,

was aber in vielen Fällen zu Enttäuschungen führt. Eine korrekte

Zeichnung dagegen erspart vieles Unangenehme und läßt eine weit

sicherere Pinselführung zu, wodurch die Töne hell und klar bleiben.

Die Umrißlinien zeichne man leicht, aber doch immer so sorgfältig,

daß unbestimmte, vage Deutungen vermieden werden, sofern solche der

Gegenstand an und für sich nicht schon mit sich bringt. Wolken zeichne

man als sehr veränderliche Gegenstände nur äußerst leicht oder noch

besser gar nicht, sondern gebe sie erst mit dem Pinsel. Die Ferne,

Gebirg etc. ist ebenfalls nur leicht und zart zu geben, aber doch

korrekt und mit nicht zu geraden Strichen. Ferne Gegenstände zeichne

man stets nur in der allgemeinen Form, ohne Detail, wie z. B. bei

Gebirg die Silhouette genügt. Beim Zeichnen von Bäumen hat man sich

ebenfalls +bestimmter+ Umrißlinien zu enthalten und letztere sehr

flüchtig zu geben, da die Ausladungen, wie überhaupt die äußeren Formen

der Laubtheile eine eigenthümliche, durchaus freie, ungezwungene

Pinselführung erfordern, welche sich, ohne das Gemälde zu schädigen,

nicht an eine streng vorgeschriebene Linie binden läßt. Stämme und

Aeste, soweit solche sichtbar, wie Gegenstände des Vordergrundes

erfordern schon größere Berücksichtigung des Details. Besonders große

Aufmerksamkeit bedingen aber architektonische Entwürfe, namentlich die

Fenster, Thüren, Schornsteine, Giebel, sowie etwaige ornamentale Theile.

Stets vermeide man jedoch die Bleistiftstriche zu stark zu markiren;

auch reibe man nicht allzuviel mit Gummi, da ein zu starker Gebrauch

des letzteren die Textur des Papieres angreift.

Nachdem eine korrekte Zeichnung hergestellt ist, bereitet man in einem

nicht zu flachen Porzellannäpfchen einen flüssigen blassen Ton von

~Yellow Ochre~, welchem man etwas ~Brown Madder~ zusetzt. Von diesem

Ton, welcher eine schwache Orangefarbe besitzen muß, bereite man eine

hinreichende Quantität, nehme dann einen breiten, flachen Pinsel

und übergehe das ganze Bild mit diesem Ton. Das Brett bringe man in

geneigte Lage, damit die Farbe nach unten zu fließen geneigt ist, halte

den Pinsel stets gefüllt und führe solchen in leichten Strichen über

die Fläche.

Das Bild erhält diesen Unterton aus dem Grunde, weil das weiße

Papier in den hellsten Lichtern, besonders in denen der Luft, etwas

roh wirkt. Es bleibt aber zu beachten, daß obiger Ton nur für helle

Tagesbeleuchtung und sonnige Effekte geeignet ist, während bei

Abendbildern oder düsteren Stimmungen ~Brown Madder~ vorherrschen

muß. Statt der angegebenen Mischung lassen sich auch ebensogut ~Mars~

und ~Neutral Orange~ verwenden, welchem letzteren man für düstere

Stimmung etwas ~Brown Madder~ zusetzt. Nachdem dieser Ton vollständig

aufgetrocknet ist, ja nicht früher, übergeht man das Bild sanft mit

flachem Pinsel und reinem Wasser, wodurch alle nicht in das Papier

gedrungene Farbe entfernt wird. Man sehe darauf, daß dieser erste

Ton sich vom weißen Papier nur schwach abhebe, außer bei Darstellung

intensiv gefärbter Abendhimmel, wo er um mehrere Grade farbiger sein

darf, da ein zu starker Orangeton bei normaler Beleuchtung das Blau der

Luft vollständig zerstören würde. Häufigere Praxis wird indessen, wie

überall so auch hier, der beste Lehrmeister sein.

+Anmerkung.+ Beim Malen nach der Natur verliere man keine Zeit mit

Untermalen, wo es nicht gerade wünschenswerth oder unbedingt nöthig

erscheint, wie z. B. bei Abendhimmeln.

Handbuch der Aquarellmalerei Nach dem heutigen Standpunkte und mit vorzüglicher Anwendung auf Landschaft und Architektur nebst einem Anhange über Holzmalerei · 第 79 / 150 题