In den letzten Decennien ist kein Zweig der bildenden Kunst in so
ausgiebiger Weise gefördert worden, wie die Aquarellmalerei. Die
neueste Ausbildung derselben ist vorwiegend den Künstlern Englands,
in zweiter Linie denen Belgiens und Frankreichs zu verdanken, wobei
zu bemerken ist, daß das Aquarell seit langer Zeit schon in England
sich besonderer Pflege erfreut und es dort zum guten Ton gehört,
in diesem Kunstzweige einige Kenntniß, beziehungsweise Fertigkeit,
sich anzueignen. Erheblichen Antheil an dieser Förderung beansprucht
indessen die dortige Produktion werthvoller neuer, und was besonders
zu betonen ist, sehr +haltbarer+ Farben, wie nicht minder die
stets fortgeschrittene Herstellung der sonstigen Materialien, wie
vorzugsweise die des Papiers.
Die Bilder, welche noch vor nicht sehr langer Zeit in Deutschland
Aquarelle genannt wurden, hatten wenig Anspruch darauf, als Malereien
im eigentlichen Sinne des Wortes zu gelten. In den meisten Fällen waren
es in den Schatten getuschte oder mit Neutraltinte behandelte, mit
leichten Farbentönen angelegte Zeichnungen. Die Zeichnung war Haupt-,
die Farbenwirkung Nebensache, und selbst wo kräftigere Farbenwirkung
angestrebt wurde, scheiterte das Bild an den Veränderungen, welche die
früheren, theilweise wenig haltbaren Farbenstoffe, die meist Anwendung
fanden, oft schon nach sehr kurzer Zeit erlitten. Daher das heutige
matte, verfärbte Aussehen dieser Classe von Gemälden.
Ganz verschieden verhalten sich die heutigen englischen,
beziehungsweise nach englischer Art gemalten Aquarelle, Gemälde,
welche lediglich durch die +Farbe+ wirken und in Bezug auf glanzvolle
Darstellung der Luft und Tiefe der Farben nicht selten den Oelmalereien
ebenbürtig zur Seite stehen, dabei in der Farbe +dauerhaft+ sind.
Die Technik des Aquarells ist in hohem Grade für die Darstellung der
verschiedensten Stimmungen der Atmosphäre nach Wetter, Beleuchtung,
Tages- oder Jahreszeit geeignet und kann nach dieser Seite hin sich
ohne Ueberhebung mit der Oelmalerei messen, indem die sanftesten
Stimmungen wie die großartigsten und drohendsten Effekte in Licht und
Luft wirkungsvoll zum Ausdruck gebracht werden können.
In großem Maaße hierdurch bedingt ist die Aquarellmalerei daher ganz
vorzüglich für die Darstellung der Landschaft und Architektur geeignet.
In zweiter Linie leistet sie auch im Genre und Stillleben Erfreuliches
und in bescheideneren Dimensionen läßt sie sich auch auf das Portrait
anwenden. Sehr empfehlenswerth ist sie schließlich für Thier- und
Blumenstücke.
Die Vortheile, welche die Aquarellmalerei vor anderen Malweisen voraus
hat, sind folgende:
1. Das Aquarell verändert seine Farbe nicht, vorausgesetzt, daß es nach
neueren Prinzipien und mit den in diesem Buche besprochenen Farben
gemalt worden ist.
2. Luft- und Lichteffekte lassen sich weit naturwahrer darstellen wie
in der Oelmalerei, indem das gekörnte Papier durch die transparenten
Farbentöne durchshimmert, wodurch man eher +in+ die Luft oder Ferne,
als +auf+ dieselbe zu blicken vermeint. In diesem Punkte hat das
Aquarell sogar einen bestimmten Vorzug, indem bei dem Oelbilde die
hellsten Lichter in Luft und Ferne stets impastirt, d. h. mit dicker,
undurchsichtiger Farbe aufgetragen sind. Wo im Aquarell Luft und Ferne
nicht getreu der Natur wiederspiegeln, da liegt die Schuld durchaus
nicht an unzulänglichen Mitteln der Darstellung, sondern vielmehr an
der Ungeschicklichkeit des Darstellers.
3. Die Schnelligkeit der Arbeit, da man nur kurze Pausen zu machen
nöthig hat, indem das nasse Papier in den Fällen, wo man nicht weiter
arbeiten kann, sehr rasch trocknet.
4. Unterbrechungen der Arbeit können mit unerheblichen Ausnahmen
jederzeit eintreten.
5. Mit dem Aquarellpinsel läßt sich weit leichter und sicherer
zeichnen, als es die Oelfarbe ermöglicht.
6. Das Malen nach der Natur ist bei der leichten Tragbarkeit der
Materialien ungemein erleichtert.
7. Zu warme Farbentöne können durch Lasuren sehr leicht herabgestimmt
und zu kalte erhöht werden.
Den aufgezählten Vortheilen stehen jedoch einige manchmal
recht fühlbare Nachtheile entgegen, welche sich indessen durch
Geschicklichkeit und namentlich durch reifliche Ueberlegung vor Beginn
der Arbeit überwinden lassen.
In erster Linie ist hier die schwierige Behandlung einer an Farben und
Wolkenbildungen reichen Atmosphäre zu nennen. Große Veränderungen, wie
in der Oelmalerei, lassen sich hier nicht leicht vornehmen und öftere
Waschungen mit dem Schwamm zerstören die körnige Textur des Papiers
und geben demselben ein wolliges, die Wirkung der Luft im höchsten
Grade beeinträchtigendes Ansehen. Es ist deßhalb gerathen, bei Lüften
dieser Art vorher reiflich den Gang der Arbeit zu überlegen. Ist die
Darstellung der Luft geglückt, dann ist sehr Viel gewonnen.
In zweiter Linie steht die Aquarellmalerei in der Behandlung des
Vordergrundes entschieden gegen die Oelmalerei zurück. Sie kann hier
weder die Kraft und Tiefe der letzteren, noch deren hier leicht
darstellbares Detail erreichen. Aus diesem Grunde wird die +getreue+
Wiedergabe der Gegenstände im Vordergrund, besonders der Bäume, des
Pflanzen- und Graswuchses im Aquarell auch nur selten angestrebt.
Indessen aber gibt es dennoch Künstler, z. B. Birket Foster u.
A., welche ungeachtet der äußerst mühseligen und zeitraubenden
Arbeit in genauer Darstellung der Einzelnheiten des Vordergrundes
ganz Erstaunliches geleistet haben. Ob dies jedoch wünschens- oder
nachahmungswerth sei, möge dahin gestellt bleiben und da die wenigsten
Dilettanten Künstler sind, so möchte ich rathen, es hier bei einer
allgemeineren Darstellung und breiteren Behandlung bewenden zu lassen,
welche in Charakter und Ausdruck immerhin sehr hoch stehen kann.