Wer das Verlangen haben sollte, seine Freunde in einer anderen Stadt zu
besuchen oder sich auch nur den Ort selbst anzusehen, erhält von seinem
Syphogranten und Traniboren mit Leichtigkeit die Erlaubnis dazu, wenn er
irgendwie abkömmlich ist. Man schickt dann eine gewisse Anzahl Urlauber
zusammen ab und gibt ihnen ein Schreiben des Bürgermeisters mit, in dem
die Reisegenehmigung bestätigt und der Tag der Rückkehr vorgeschrieben
ist. Die Reisenden bekommen einen Wagen mit einem staatlichen Sklaven
gestellt, der das Ochsengespann führen und besorgen muß; wenn sie aber
nicht gerade Frauen bei sich haben, weisen sie den Wagen als lästig und
hinderlich zurück. Obgleich sie auf der ganzen Reise nichts mit sich
führen, fehlt es ihnen doch an nichts; sie sind ja überall zu Hause.
Sollten sie sich irgendwo länger als einen Tag aufhalten, so übt jeder
daselbst sein Gewerbe aus und wird von seinen Handwerksgenossen aufs
freundlichste behandelt.
Wenn sich aber jemand außerhalb seines Wohnbezirks eigenmächtig
herumtreiben und ohne amtlichen Urlaubsschein aufgegriffen werden
sollte, so betrachtet man ihn als Ausreißer, bringt ihn mit Schimpf und
Schande in die Stadt zurück und züchtigt ihn streng; im
Wiederholungsfalle büßt er mit dem Verlust seiner Freiheit. Wenn aber
jemanden die Lust anwandeln sollte, auf seinen heimatlichen Fluren
spazierenzugehen, so hindert ihn niemand daran, vorausgesetzt, daß er
die Erlaubnis seines Hausvaters und die Einwilligung seiner Frau hat.
Wohin er aber auch aufs Land kommt, nirgends gibt man ihm etwas zu
essen, ehe er nicht das dort vor dem Mittags- oder Abendessen übliche
Arbeitspensum erledigt hat; unter dieser Bedingung kann er ganz nach
Belieben innerhalb des Gebietes seiner Stadt spazierengehen. Wird er
sich doch auf diese Weise der Stadt ebenso nützlich machen, als wenn er
sich in ihr selber aufhielte.
Ihr seht schon, in Utopien gibt es nirgends eine Möglichkeit zum
Müßiggang oder einen Vorwand zur Trägheit. Keine Weinschenken, keine
Bierhäuser, nirgends ein Bordell, keine Gelegenheit zur Verführung,
keine Schlupfwinkel, keine Stätten der Liederlichkeit; jeder ist
vielmehr den Blicken der Allgemeinheit ausgesetzt, die ihn entweder zur
gewohnten Arbeit zwingt oder ihm nur ein ehrbares Vergnügen gestattet.
Diese Lebensführung des Volkes hat notwendig einen Überfluß an jeglichem
Lebensbedarf zur Folge, und da alle gleichmäßig daran teilhaben, ist es
ganz natürlich, daß es Arme oder gar Bettler überhaupt nicht geben kann.
Im Senat von Mentiranum, wo sich, wie erwähnt, alljährlich drei
Abgeordnete aus jeder Stadt einfinden, stellt man zunächst fest, wovon
es in den einzelnen Bezirken einen Überschuß gibt und worin irgendwo der
Ertrag zu gering gewesen ist. Dann gleicht man alsbald den Mangel der
einen Bezirke durch den Überfluß der anderen aus, und zwar geschieht
das unentgeltlich, ohne daß die Geber von den Empfängern eine
Entschädigung erhalten. Dafür aber, daß eine Stadt irgendeiner anderen
aus ihren Beständen ohne Gegenforderung liefert, erhält sie auch wieder,
was sie braucht, von einer Stadt, der sie nichts gegeben hat. So bildet
die ganze Insel gleichsam eine einzige Familie.
Nachdem aber die Utopier sich selbst zur Genüge mit Vorräten versorgt
haben, was nach ihrer Ansicht erst dann der Fall ist, wenn sie wegen der
Unsicherheit des Ertrags im darauffolgenden Jahre für einen Zeitraum von
zwei Jahren vorgesorgt haben, führen sie aus dem Überschuß eine große
Menge Getreide, Honig, Wolle, Leinen, Holz, Scharlach- und Purpurfarben,
Felle, Wachs, Seife, Leder sowie außerdem Vieh in andere Länder aus. Von
dem allen schenken sie ein Siebentel den Armen des betreffenden Landes,
den Rest aber verkaufen sie zu mäßigem Preise. Dieser Handel bringt
ihnen nicht nur diejenigen Waren ins Land, an denen es ihnen fehlt --
das ist aber fast nichts weiter als Eisen --, sondern außerdem eine
große Menge Silber und Gold. Weil sie das schon lange so halten, haben
sie an diesen Metallen überall einen unglaublich großen Überfluß. Daher
legen sie jetzt auch nicht sonderlich viel Gewicht darauf, ob sie gegen
bar oder auf Kredit verkaufen und den bei weitem größten Teil ihrer
Forderungen als Außenstände haben. Doch lehnen sie bei der Ausstellung
von Schuldscheinen die Bürgschaft von Privatpersonen regelmäßig ab und
verlangen immer auf Grund formell ausgestellter Scheine die Bürgschaft
der Stadt. Diese zieht dann am Zahltage den Betrag von den
Privatschuldnern ein, legt ihn in die Stadtkasse und hat bis zu seiner
Anforderung durch die Utopier den Zinsgenuß. Diese verlangen aber
niemals den größten Teil zurück; nach ihrer Ansicht ist es nämlich eine
Ungerechtigkeit, anderen etwas wegzunehmen, was für sie von Nutzen ist,
ihnen selbst aber keinen Nutzen bringt. Wenn sie dagegen
erforderlichenfalls einen Teil des betreffenden Geldes einem anderen
Volke leihen wollen, so verlangen sie es dann erst zurück oder auch,
wenn sie selbst Krieg führen müssen. Für diesen einen Zweck nämlich
heben sie jenen gesamten Schatz, den sie im Lande haben, auf, um an ihm
in äußerster oder plötzlicher Gefahr einen Rückhalt zu haben, vor allem
aber, um damit für unmäßig hohen Sold ausländische Soldaten anzuwerben;
denn diese setzen sie lieber der Gefahr aus als ihre eigenen Bürger.
Außerdem wissen sie, daß in der Regel die Feinde selber mit viel Geld
sich kaufen und gegeneinander hetzen lassen, sei es durch Verrat oder
auch durch Entzweiung. Aus diesem Grunde sorgen die Utopier für einen
Staatsschatz von unermeßlichem Werte. Er ist aber in ihren Augen kein
eigentlicher Schatz; sie halten es damit vielmehr so, daß ich mich in
der Tat schäme, es zu erzählen, weil ich fürchten muß, man wird meinen
Worten nicht glauben. Und meine Befürchtung ist um so berechtigter, je
mehr ich mir bewußt bin, wie schwer man mich selbst dazu hätte bringen
können, es einem anderen zu glauben, wenn ich es nicht persönlich erlebt
hätte. Es kann ja gar nicht anders sein, als daß etwas um so weniger
Glauben findet, je mehr es von den Bräuchen der Zuhörer abweicht. Da
freilich auch die übrigen Einrichtungen der Utopier so wesentlich
anders als die unsrigen sind, wird sich ein kluger Beurteiler der Dinge
vielleicht weniger wundern, wenn sie auch Gold und Silber auf eine Weise
benutzen, die mehr ihrem eigenen als unserem Brauche entspricht. Da die
Utopier nämlich selber kein Geld verwenden, sondern es nur für einen
Fall aufsparen, der ebensogut eintreten wie nicht eintreten kann, so
schätzt niemand von ihnen Gold und Silber, woraus das Geld gemacht wird,
höher, als es ihrem natürlichen Werte angemessen ist. Wer sieht da
nicht, wie weit dort Gold und Silber unter dem Eisen stehen! Und in der
Tat ist Eisen für die Menschheit ebenso lebensnotwendig wie Wasser und
Feuer, während weder Gold noch Silber von Natur einen Vorzug besitzt,
den wir nicht mit Leichtigkeit entbehren könnten; nur halten es die
Menschen in ihrer Torheit wegen seines seltenen Vorkommens für so
besonders wertvoll. Und dabei hat doch im Gegenteil die Natur, wie eine
überaus gütige Mutter, uns gerade ihre besten Gaben offen und frei vor
Augen gestellt, wie die Luft, das Wasser und die Erde selbst, das
Nichtige und Unnütze dagegen sehr weit entrückt. Würde nun Gold und
Silber bei den Utopiern in irgendeinem Turme versteckt, so könnte der
törichte Argwohn der großen Masse den Bürgermeister und den Senat
verdächtigen, sie wollten das Volk auf hinterlistige Weise betrügen, um
selber irgendwelchen Vorteil daraus zu ziehen. Wenn sie ferner Schalen
und andere derartige Schmiedearbeiten aus Gold und Silber herstellen
ließen, so könnte einmal der Fall eintreten, daß man sie wieder
einschmelzen und zur Soldzahlung an die Truppen verwenden müßte, und
natürlich würden dann die Besitzer der Gegenstände, das sehen sie ein,
sich nur ungern wieder entreißen lassen, woran sie allmählich Freude
gefunden haben. Um es zu alledem nicht kommen zu lassen, haben sich die
Utopier ein Mittel ausgedacht, das mit ihren übrigen Einrichtungen
ebenso übereinstimmt, wie es von den unsrigen stark abweicht, da ja bei
uns Gold so hoch geschätzt und so sorgfältig aufbewahrt wird, und das
deshalb nur denen, die es aus Erfahrung kennen, glaubhaft erscheint.
Während sie nämlich zum Essen und Trinken nur Gefäße aus Ton und Glas
benutzen, die zwar sehr hübsch aussehen, aber trotzdem billig sind,
fertigen sie aus Gold und Silber nicht bloß für die Gemeinschaftshallen,
sondern auch für die Privathäuser allenthalben Nachtgeschirre und
sonstige zu ganz gewöhnlichem Gebrauch bestimmte Gefäße an. Außerdem
stellen sie aus denselben Metallen Ketten und starke Fußfesseln zur
Bestrafung der Sklaven her, und schließlich hängen von den Ohren derer,
die durch irgendein Verbrechen ihre Ehre verloren haben, goldene Ringe
herab; man steckt ihnen goldene Ringe an die Finger, hängt ihnen eine
goldene Halskette um und legt einen goldenen Reif um ihren Kopf. So
sorgen die Utopier mit allen Mitteln dafür, daß Gold und Silber bei
ihnen in Verruf kommt, und so erklärt es sich auch, daß in Utopien bei
einer sich etwa nötig machenden Ablieferung alles Goldes und Silbers,
dessen gewaltsame Wegnahme den anderen Völkern fast ebensolche Schmerzen
bereitet, als wenn man ihnen die Eingeweide auseinanderrisse, niemand
glauben würde, auch nur einen Heller einzubüßen.
Außerdem sammeln die Utopier an den Küsten Perlen, in gewissen Felsen
sogar Diamanten und Karfunkel. Doch suchen sie nicht danach, sondern
nur, was sie zufällig finden, schleifen sie. Damit putzen sie ihre
kleinen Kinder. In ihren ersten Lebensjahren prahlen diese gern mit
solchem Schmuck und sind stolz darauf; sobald sie aber ein wenig älter
werden und merken, daß sich nur Kinder mit derartigem Tand abgeben,
legen sie diesen Schmuck ab, und zwar ohne besondere Ermahnung von
seiten ihrer Eltern, sondern einfach, weil sie sich seiner schämen,
genau so wie bei uns die Kinder, wenn sie erst größer werden, von ihren
Nüssen, Knöpfen und Puppen nichts mehr wissen wollen.
Wie stark aber diese Lebensgewohnheiten der Utopier, die von denen der
übrigen Völker so sehr abweichen, ihr ganzes Empfinden verändern, ist
mir niemals so klar zum Bewußtsein gekommen wie bei einer Gesandtschaft
der Anemolier. Diese kam nach Amaurotum, als ich gerade dort war, und da
wichtige Fragen zur Verhandlung standen, waren schon vor ihr jene früher
erwähnten drei Abgeordneten aus jeder Stadt eingetroffen. Nun waren
allen Gesandten der Nachbarvölker, die schon früher dorthin gekommen
waren, die Sitten der Utopier bekannt. Sie wußten, daß prunkvolle
Kleidung dort durchaus nicht angesehen war, daß man Seide geradezu
verachtete und daß Goldschmuck sogar in üblen Ruf brachte. Deshalb
hatten sie sich daran gewöhnt, in möglichst bescheidener Kleidung zu
erscheinen. Die Anemolier aber wohnten weiter entfernt von den Utopiern
und hatten deshalb weniger Verkehr mit ihnen unterhalten. Als sie nun
hörten, die Utopier trügen alle die gleiche grobe Tracht, waren sie
überzeugt, sie trieben deshalb keinen Aufwand, weil es ihnen an den
nötigen Mitteln dazu fehle, und beschlossen daher, mehr eitel als klug,
prächtig wie Götter herausgeputzt aufzutreten und die Augen der
armseligen Utopier durch den Glanz ihrer prunkvollen Kleidung zu
blenden. So zogen denn die drei Gesandten an der Spitze eines Gefolges
von dreihundert Mann in die Stadt ein, alle in bunter, die meisten in
seidener Kleidung, die Gesandten selbst -- sie gehörten nämlich daheim
zum Adel -- in golddurchwirkten Gewändern, mit großen Halsketten und
Ohrringen aus Gold, an den Fingern goldene Ringe, die Filzkappen mit
Bändern geschmückt, die von Perlen und Edelsteinen funkelten, kurz, mit
all den Dingen geputzt, die bei den Utopiern Strafen für Sklaven oder
Schandmale Ehrloser oder Spielzeug kleiner Kinder sind. Und so lohnte es
sich der Mühe zu sehen, wie den Anemoliern der Kamm schwoll, als sie
ihren Prunk mit der Kleidung der Utopier verglichen; die Bevölkerung war
nämlich in Menge auf die Straßen geströmt. Anderseits aber machte es
nicht weniger Spaß zu beobachten, wie gründlich sie sich in ihrer
Hoffnung und Erwartung getäuscht sahen und wie wenig sie den Eindruck
machten, mit dem sie gerechnet hatten. Denn in den Augen aller Utopier,
nur einige ganz wenige ausgenommen, die bei irgendeiner passenden
Gelegenheit ins Ausland gekommen waren, war jener ganze glänzende
Aufwand eine Schmach. Sie grüßten gerade die Niedrigsten an Stelle ihrer
Herren mit Ehrerbietung, die Gesandten selbst aber hielten sie wegen
ihrer goldenen Ketten für Sklaven und ließen sie vorübergehen, ohne
ihnen überhaupt eine Ehrenbezeigung zu erweisen. Ja, auch die Knaben
hättest du sehen sollen, die ihre Edelsteine und Perlen schon längst
weggeworfen hatten. Beim Anblick der Edelsteine an den Filzkappen der
Gesandten riefen und stießen sie ihre Mütter an und sagten: »Sieh doch,
Mutter, was für ein großer Schelm da noch die Perlen und Edelsteinchen
trägt, als wenn er ein kleines Kind wäre!« Und die Mutter erwiderte
gleichfalls ganz ernsthaft: »Sei still, mein Junge! Das wird einer von
den Narren der Gesandten sein.« Andere wieder bemängelten die goldenen
Ketten: sie seien zu nichts zu brauchen, weil sie so dünn seien, daß der
Sklave sie mit Leichtigkeit zerbrechen könne; anderseits wieder seien
sie so locker, daß er sie, wenn er Lust habe, abschütteln und
ungehindert und frei ausreißen könne, wohin er wolle.
Die Gesandten hatten sich erst ein paar Tage in Amaurotum aufgehalten
und schon eine Unmenge Gold in niedrigster Verwendung gesehen; auch
hatten sie gemerkt, daß das Gold hier ebenso gering wie bei ihnen daheim
hochgeschätzt wurde; außerdem sahen sie in den Ketten und Fußfesseln
eines einzigen Sklaven, der flüchtig geworden war, mehr Gold und Silber
zusammen verarbeitet, als die gesamte Ausstattung der drei Gesandten
wert war. Da ließen sie die Flügel hängen und legten beschämt jenen
ganzen Aufputz ab, mit dem sie sich in so anmaßender Weise gebrüstet
hatten, vor allem aber, nachdem sie durch vertrautere Unterhaltung mit
den Utopiern ihre Sitten und Anschauungen kennengelernt hatten. Sind
doch diese ganz verwundert darüber, wie einem Menschen das unsichere
Gefunkel eines dürftigen Juwels oder Edelsteinchens überhaupt Freude
machen kann, während er irgendeinen Stern und schließlich die Sonne
selbst anschauen darf, und wie jemand so albern sein kann, daß er sich
selber wegen eines Gewebes aus feinerer Wolle vornehmer dünkt, wenn
diese Wolle selbst, mag der Faden auch noch so fein sein, früher einmal
auf dem Rücken eines Schafes gesessen hat und inzwischen doch auch
nichts anderes als Wolle gewesen ist. Ebenso wundern sich die Utopier
darüber, daß das Gold, das seiner Natur nach so unnütz ist, jetzt
überall in der Welt so hoch geschätzt wird, daß der Mensch selbst, durch
den und vor allem zu dessen Nutzen es diesen Wert erlangt hat, viel
weniger gilt als das Gold selber, und zwar so viel weniger, daß
irgendein Dämlack, geistlos wie ein Holzklotz und ebenso schlecht wie
dumm, trotzdem eine Menge kluger und braver Diener hat, allein deshalb,
weil er zufällig einen großen Haufen Goldstücke sein eigen nennt. Wenn
nun irgendeine Fügung des Geschicks oder ein Trick der Gesetze, der,
ebenso wie das Schicksal, das Unterste zu oberst kehrt, dieses Gold dem
Herrn des Hauses nimmt und es dem allerschlimmsten Taugenichts seines
Gesindes zukommen läßt, so würde jener ohne Zweifel bald darauf wie ein
Anhängsel und eine Zugabe seiner Münzen unter die Dienerschaft seines
ehemaligen Dieners geraten. Und noch mehr ist man erstaunt, ja geradezu
empört über das unsinnige Gebaren der Leute, die jene Reichen, denen sie
nichts schuldig und denen sie nicht verpflichtet sind, aus keinem
anderen Grunde, als weil sie reich sind, wie Götter anbeten, und zwar
auch dann, wenn sie ihren schmutzigen Geiz zu genau kennen, um nicht mit
tödlicher Sicherheit zu wissen, daß sie bei deren Lebzeiten von dem
großen Geldhaufen auch nicht einen roten Heller bekommen.
Diese und andere derartige Ansichten der Utopier sind das Ergebnis teils
ihrer Erziehung in einem Staate, dessen Einrichtungen von den Torheiten
der geschilderten Art weit entfernt sind, teils ihrer Beschäftigung mit
Wissenschaft und Literatur. Allerdings sind in jeder Stadt nur wenige
von den anderen Arbeiten befreit, um sich ausschließlich der Ausbildung
ihres Geistes zu widmen, nämlich diejenigen, bei denen man von Kind auf
hervorragende Anlagen, ausgezeichnete Begabung und Neigung zu
wissenschaftlicher Beschäftigung beobachtet hat. Trotzdem aber genießen
alle Kinder Unterricht, und ein guter Teil des Volkes, Männer und
Frauen, beschäftigt sich das ganze Leben hindurch in den erwähnten
arbeitsfreien Stunden mit den Wissenschaften.
Der Unterricht wird in der Landessprache erteilt; sie verfügt nämlich
über einen reichen Wortschatz, zeichnet sich durch Wohllaut aus und ist
wie keine andere zur Wiedergabe von Gedanken geeignet. In annähernd
derselben Art, jedoch überall auf verschiedene Weise etwas zu ihrem
Nachteil verändert, ist sie über einen großen Strich jenes Erdteils
verbreitet.
Von allen unseren Philosophen, deren Namen in dieser uns bekannten Welt
berühmt sind, war den Utopiern vor unserer Ankunft auch nicht ein
einziger, nicht einmal gerüchtweise, bekannt geworden; und doch haben
sie in Musik, Dialektik, Arithmetik und Geometrie etwa dieselben
Entdeckungen gemacht wie unsere alten Meister. Wenn sie aber auch die
Alten beinahe in allem erreicht haben, so sind sie allerdings hinter den
Erfindungen der modernen Dialektiker weit zurückgeblieben; sie haben
nämlich auch nicht eine einzige der in der »Kleinen Logik« so
scharfsinnig ausgedachten Regeln über Restriktion, Amplifikation und
Supposition erfunden, die hierzulande allenthalben schon die Kinder
auswendig lernen. Wie sie ferner keineswegs den »zweiten Intentionen«
nachzuforschen vermochten, so war auch nicht einer von ihnen imstande,
den sogenannten »Menschen überhaupt« zu sehen, der doch, wie ihr wißt,
ein wahrer Koloß und größer als jeder Riese ist und auf den wir damals
auch noch mit den Fingern gezeigt haben.
Dagegen kennen sie ganz genau den Lauf der Gestirne und die Bewegung der
Himmelskreise. Ja, sie haben sich auch Instrumente von verschiedener
Gestalt mit Kunst und Geschick ausgedacht, mit deren Hilfe sie die
Bewegungen und Stellungen der Sonne, des Mondes und ebenso der übrigen
bei ihnen sichtbaren Gestirne aufs genaueste erfaßt haben. Aber von
Gunst und Mißgunst der Planeten und von jenem ganzen Schwindel der
Prophezeiung aus den Sternen lassen sie sich nicht einmal etwas träumen.
Regen, Wind und die übrigen Wetterveränderungen sagen sie aus gewissen
Anzeichen voraus, die sie aus langer Erfahrung kennen. Über die Ursachen
all dieser Erscheinungen aber, über Ebbe und Flut sowie über den
Salzgehalt des Meeres und schließlich über den Ursprung und die Natur
des Himmels und der Erde lehren sie zum Teil dasselbe wie unsere alten
Philosophen. Wie diese aber schon untereinander verschiedener Meinung
sind, so stimmen auch die Utopier mit ihren neuen Erklärungen für die
Naturerscheinungen mit ihnen allen zum Teil nicht überein, sind aber
auch untereinander nicht in jeder Beziehung derselben Ansicht.
In der Moralphilosophie behandeln die Utopier dieselben Fragen wie wir.
Sie stellen Erörterungen an über die Güter des Geistes und des Körpers
sowie über die äußeren Güter, ferner ob diese alle oder nur die Gaben
des Geistes als Güter bezeichnet werden dürfen; auch untersuchen sie das
Wesen der Tugend und der Lust. Aber die erste und wichtigste aller
Streitfragen ist die, worin wohl die Glückseligkeit des Menschen
besteht, ob in _einem_ Dinge oder in mehreren. In diesem Punkte aber
neigen sie, wie es scheint, mehr als billig zu der Ansicht derer, die
für das Vergnügen eintreten, worin sie entweder das menschliche Glück
überhaupt oder doch wenigstens seinen wesentlichsten Bestandteil
erblicken. Und worüber man sich noch mehr wundern muß, sie stützen ihre
so sinnenfreudige Ansicht auch mit Beweisgründen, die sie ihrer Religion
entnehmen, einer ernsten und strengen, ja fast düsteren und harten
Lehre. Wenn sie nämlich über die Glückseligkeit verhandeln, so verbinden
sie stets gewisse Grundsätze ihrer Religion mit der Philosophie, die mit
Vernunftgründen arbeitet; denn ohne diese Grundsätze ist die Vernunft
nach Ansicht der Utopier zu ungenügend und zu schwach, um für sich
allein die wahre Glückseligkeit zu erforschen.
Diese Grundsätze sind folgende: Die Seele ist unsterblich und durch die
Güte Gottes zur Glückseligkeit geschaffen; für unsere Tugenden und
guten Werke erwarten uns nach diesem Leben Belohnungen, für unsere
Missetaten aber Strafen. Diese Anschauungen sind zwar religiöser Natur,
aber nach Ansicht der Utopier führt schon die Vernunft dazu, an sie zu
glauben und sie zu billigen. Nach Beseitigung dieser Grundsätze, so
erklären sie ohne jedes Bedenken, wird niemand so töricht sein zu
meinen, er dürfe dem Vergnügen nicht auf jede Weise, auf rechte und
unrechte, nachjagen. Nur müsse man sich, so erklären sie weiter, davor
hüten, ein größeres Vergnügen durch ein kleineres beeinträchtigen zu
lassen oder einem Vergnügen mit schmerzhaften Rückwirkungen nachzugehen.
Denn den dornenvollen und beschwerlichen Pfad der Tugend zu wandeln und
dabei nicht bloß auf des Lebens Annehmlichkeiten zu verzichten, sondern
auch den Schmerz freiwillig zu ertragen, und zwar ohne Aussicht auf
irgendwelchen Gewinn -- was könnte nämlich wohl auch der Gewinn sein,
wenn man nach dem Tode nichts erreichen soll, nachdem man dieses ganze
Leben freudlos, also jämmerlich, zugebracht hat? -- das ist in den Augen
der Utopier das Sinnloseste, was es geben kann. Nun liegt aber nach
ihrer Meinung das Glück nicht in jeder Art von Vergnügen, sondern nur in
einem rechtschaffenen und ehrbaren; zu diesem nämlich, als zu dem
höchsten Gut, zieht, so sagen sie, die Tugend selbst unsere Natur hin,
während nach Ansicht der Gegenpartei einzig und allein die Tugend unser
Glück bedingt. Die Tugend besteht nämlich, wie die Utopier meinen, in
einem naturgemäßen Leben, sofern uns Gott dazu geschaffen hat;
naturgemäß aber lebt der, der in allem, was er begehrt und meidet, den
Geboten der Vernunft gehorcht. Die Vernunft entfacht ferner im Menschen
vor allem anderen die ehrfurchtsvolle Liebe zur göttlichen Majestät, und
dieser verdanken wir es ja, daß wir sind und an der Glückseligkeit
teilnehmen dürfen. Sodann mahnt uns die Tugend und regt uns dazu an, ein
möglichst sorgenfreies und frohes Leben zu führen und allen unseren
Mitmenschen, entsprechend unserer natürlichen Gemeinschaft mit ihnen,
zur Erreichung des gleichen Zieles zu verhelfen. Denn noch nie ist
jemand ein so finsterer und strenger Anhänger der Tugend und
entschiedener Feind des Vergnügens gewesen, daß er von dir
Anstrengungen, Nachtwachen und Kasteiungen verlangte, ohne nicht
gleichzeitig dir aufzugeben, die Not und das Ungemach anderer nach
Kräften zu lindern, und ohne es nicht im Namen der Menschlichkeit für
lobenswert zu halten, daß ein Mensch dem anderen Heil und Trost spendet.
Wenn nun die höchste Menschlichkeit darin besteht -- und keine Tugend
ist dem Menschen eigentümlicher --, den Kummer der Mitmenschen zu
lindern, ihre Traurigkeit zu beheben und in ihr Leben wieder die Freude,
das heißt das Vergnügen, zu bringen, wie sollte da nicht die Natur einen
jeden anspornen, die gleiche Wohltat auch sich selber zuteil werden zu
lassen? Denn entweder ist ein angenehmes, das heißt dem Vergnügen
gewidmetes Leben verwerflich, dann darfst du nicht bloß niemandem zu
einem Vergnügen verhelfen, sondern mußt es sogar von allen nach
Möglichkeit fernhalten, da es ihnen ja schädlich ist und den Tod bringt.
Oder aber, wenn du anderen ein Vergnügen als etwas Gutes nicht bloß
verschaffen darfst, sondern sogar verschaffen sollst, warum dann nicht
vor allem dir selbst, dem du doch nicht weniger als anderen gewogen sein
solltest? Denn wenn die Natur dich zur Güte gegen andere mahnt, verlangt
sie doch nicht gleichzeitig von dir schonungslose Strenge gegen dich
selbst.
Ein angenehmes Leben also, das heißt eben das Vergnügen, sagen die
Utopier, stellt uns die Natur selbst gleichsam als Ziel aller unserer
Handlungen hin, und ein Leben nach ihrer Vorschrift ist in ihren Augen
Tugend. Die Natur aber ruft auch die Menschen auf, sich gegenseitig zu
einem Leben in größter Fröhlichkeit zu verhelfen. Und das tut sie
sicherlich mit Fug und Recht; denn keiner ist so erhaben über das
allgemeine Menschenschicksal, daß die Natur für ihn allein sorgen müßte,
sie, die alle, die sie durch die Gleichheit der Gestalt zu einer
Gemeinschaft zusammenfaßt, in gleicher Weise hegt und pflegt. Und eben
darum heißt sie dich auch immer wieder darauf achten, auf deinen eigenen
Vorteil nicht so bedacht zu sein, daß du anderen dabei schadest.
Deshalb dürfen auch nach Ansicht der Utopier nicht bloß die Verträge
zwischen Privatpersonen nicht verletzt werden, sondern auch die
öffentlichen Bestimmungen über die Teilung der Lebensgüter, das heißt
der materiellen Grundlage des Vergnügens, Bestimmungen, die entweder ein
guter Fürst auf gesetzlichem Wege erlassen oder die ein Volk auf Grund
einer allgemeinen Übereinkunft getroffen hat, ohne durch Tyrannei in
seiner Willensäußerung beschränkt oder durch Betrug umgarnt zu sein.
Ohne Verletzung dieser Gesetze für dein persönliches Wohlergehen zu
sorgen, erfordert die Klugheit, außerdem das allgemeine Wohl im Auge zu
haben, das Pflichtgefühl; aber darauf auszugehen, einem anderen sein
Vergnügen zu rauben, wofern man nur sein eigenes erjagt, das ist in der
Tat Unrecht. Sich selber dagegen etwas zu nehmen, um es anderen zu dem,
was sie haben, noch dazuzugeben, das eben ist eine Pflicht der
Menschlichkeit und Güte und bringt einem stets mehr Glück wieder ein,
als es einem nimmt. Denn die Wohltaten anderer vergelten als
Gegenleistung das gute Werk, und das bloße Bewußtsein, etwas Gutes getan
zu haben, sowie die Erinnerung an die wohlwollende Liebe derer, denen
man Gutes getan hat, bereiten dem Herzen eine Freude, die größer ist,
als es jenes Vergnügen des Körpers gewesen wäre, auf das man verzichtet
hat. Und endlich vergilt Gott, wovon sich ein gläubiges Gemüt mit
Leichtigkeit aus der Religion überzeugt, ein kurzes und geringes
Vergnügen dereinst mit unermeßlicher und ewig währender Freude. So sind
denn die Utopier nach sorgfältiger Untersuchung und genauer Erwägung der
Sache zu der Ansicht gekommen, daß alle unsere Handlungen, und darunter
auch die tugendhaften selbst, letzten Endes auf das Vergnügen und damit
auf die Glückseligkeit abzielen.
Vergnügen nennen die Utopier jede Bewegung und jeden Zustand des Körpers
und des Geistes, worin wir unter Anleitung der Natur mit Behagen
verweilen. Nicht ohne Grund fügen sie hinzu, daß die Natur es so haben
will. Denn von Natur bereitet alles das Wohlbehagen, was man nicht auf
dem Wege des Unrechts begehrt oder wodurch nichts anderes Angenehmeres
verlorengeht oder was keine Mühe und Arbeit im Gefolge hat; und danach
verlangt nicht bloß das sinnliche Begehren, sondern auch die gesunde
Vernunft. Anderseits aber gibt es Dinge, die die Menschen gegen die
Ordnung der Natur fälschlich als angenehm bezeichnen, und zwar auf Grund
eines ganz törichten Sprachgebrauchs, gerade als ob wir es in der Hand
hätten, mit den Worten auch die Dinge zu ändern. Alle diese Dinge sind
nach Ansicht der Utopier wertlos für die Glückseligkeit, ja sogar ihr im
höchsten Grade hinderlich, und zwar deshalb, weil sie die ganze Seele
des Menschen, in der sie sich einmal festgesetzt haben, mit einer
verkehrten Meinung über das Vergnügen im voraus erfüllen, um für wahre
und reine Freuden nirgends Platz zu lassen. Es gibt nämlich sehr viele
Dinge, die zwar ihrer eigentlichen Natur nach durchaus nicht anziehend,
sondern im Gegenteil sogar meist recht unangenehm sind, die aber
trotzdem infolge der törichten Lockung ruchloser Begierden nicht bloß
für die höchsten Genüsse gehalten, sondern auch sogar zu den wichtigsten
Angelegenheiten des Lebens gerechnet werden.
Zu denen, die den falschen Vergnügen dieser Art nachgehen, zählen die
Utopier diejenigen, die sich selber, wie früher erwähnt, um so besser
dünken, je besser sie angezogen sind; dabei irren sie sich in diesem
einen Punkte zweifach. Denn sie sind nicht weniger im Irrtum, wenn sie
ihren Anzug, als wenn sie sich selbst für etwas Besseres halten. Warum
sollte nämlich im Hinblick auf die Brauchbarkeit der Kleidung ein Tuch
aus feinerem Gewebe besser sein als eins aus gröberem? Und doch ist
jenen Leuten der Kamm geschwollen, als ob sie von Natur und nicht durch
einen bloßen Irrtum etwas Besseres wären, und sie meinen, sie gewännen
auch dadurch etwas an Wert. Deshalb beanspruchen sie auch, gleich als
sei das ihr gutes Recht, für ihren eleganteren Anzug eine
Ehrenbezeigung, auf die sie in einfacherer Kleidung gar nicht wagen
würden zu hoffen, und sind unwillig, wenn sie beim Vorübergehen nicht
weiter beachtet werden. Aber ist nicht gerade auch dieses Verlangen nach
eitlen und nutzlosen Ehrenbezeigungen ebenso unvernünftig? Denn wie kann
wohl der entblößte Scheitel oder das gebeugte Knie eines anderen ein
natürliches und wahres Vergnügen bereiten? Wird das vielleicht einen
Schmerz in deinen eigenen Knien heilen? Oder wird es das hitzige Fieber
in deinem eigenen Kopfe lindern? In der Vorstellung eines solchen
Scheinvergnügens schmeicheln sie sich und klatschen sie sich Beifall,
weil sie zufällig von Vorfahren abstammen, von denen eine lange Reihe
für reich gegolten hat -- einen anderen Adel gibt es ja heutzutage
nicht --, für reich besonders an Landgütern, und sie dünken sich nicht
um ein Haar weniger vornehm, wenn ihnen auch ihre Vorfahren von ihrem
Reichtum nichts hinterlassen oder wenn sie ihr Erbe selber verpraßt
haben.
Zu den Leuten dieser Art rechnen die Utopier auch die schon erwähnten
Liebhaber von Gemmen und Edelsteinen, und sie kommen sich gewissermaßen
wie Götter vor, wenn sie einmal einen ausnehmend wertvollen Stein
erwerben, zumal wenn er von der zu ihrer Zeit und in ihrem Lande
besonders geschätzten Art ist; denn nicht überall und nicht zu jeder
Zeit behalten die gleichen Arten ihren Wert. Sie kaufen aber einen
Edelstein nur ohne Goldfassung und Umhüllung, und auch dann nur, wenn
der Verkäufer einen Eid und Bürgschaft dafür leistet, daß die Gemme und
der Juwel echt sind; solche Angst haben sie, daß der Augenschein sie
täuschen könnte. Warum aber sollte dir, der du den Edelstein nur
betrachten willst, ein künstlicher weniger Vergnügen machen, den dein
Auge von einem echten nicht zu unterscheiden vermag? Beide müßten
eigentlich den gleichen Wert haben, für dich, bei Gott, genau so wie für
einen Blinden.
Was soll man ferner von denen sagen, die überflüssige Schätze
aufbewahren, nicht um sich über die Verwendung des Haufens Geld, sondern
nur über seinen Anblick zu freuen? Genießen sie etwa eine echte Freude,
oder narrt sie nicht vielmehr nur ein Scheinvergnügen? Oder wie steht es
mit denen, die den entgegengesetzten Fehler begehen und das Gold, das
sie niemals verwenden, ja vielleicht auch niemals wieder zu Gesicht
bekommen werden, vergraben und aus Angst vor seinem Verlust es wirklich
verlieren? Denn verlierst du dein Gold nicht, wenn du es der Verwendung
durch dich selbst und vielleicht durch die Menschen überhaupt entziehst
und der Erde zurückgibst? Und doch bist du ausgelassen froh darüber, daß
du deinen Schatz versteckt hast, als brauchtest du nun keine Sorge mehr
zu haben. Sollte dir aber jemand den Schatz stehlen, ohne daß du etwas
von diesem Diebstahl merkst, und solltest du zehn Jahre danach sterben,
was macht es dir da in dem ganzen Zeitraum von zehn Jahren, um den du
den Verlust deines Geldes überlebt hast, aus, ob es gestohlen oder noch
vorhanden war? Sicherlich hast du in beiden Fällen den gleichen Nutzen
davon gehabt.
Zu diesen so unpassenden Freuden rechnen die Utopier auch die der
Glücksspieler, deren unsinniges Gebaren ihnen nur vom Hörensagen, nicht
aus Erfahrung bekannt ist, und außerdem die der Jäger und Vogelsteller.
Denn was ist das für ein Vergnügen, so sagen sie, die Würfel auf das
Spielbrett zu werfen? Und dabei tut man das so oft, daß schon aus der
häufigen Wiederholung ein Überdruß entstehen könnte, wenn wirklich ein
Vergnügen damit verbunden wäre. Oder wie könnte es angenehm sein und
nicht vielmehr Widerwillen erregen, das Gebell und Geheul der Hunde zu
hören? Oder inwiefern macht es mehr Vergnügen, wenn ein Hund einem Hasen
als wenn er einem anderen Hunde nachjagt? Denn in beiden Fällen handelt
es sich doch um den gleichen Vorgang: es wird gelaufen -- wenn dir das
Laufen Freude machen sollte. Wenn dich aber die Aussicht auf Mord
fesselt oder wenn du auf die Zerfleischung wartest, die sich vor deinen
Augen abspielen soll, so müßte es doch eher dein Mitleid erregen, wenn
du mit ansehen mußt, wie das arme Häslein von dem Hunde zerrissen wird,
der Schwache von dem Stärkeren, der Scheue und Furchtsame von dem
Wilden, der Harmlose schließlich von dem Grausamen. Die Utopier haben
deshalb dieses ganze Geschäft des Jagens als eine der Freien unwürdige
Beschäftigung den Metzgern zugewiesen, deren Handwerk sie, wie oben
erwähnt, von Sklaven ausüben lassen. Ihrer Anschauung nach ist nämlich
die Jagd die niedrigste Verrichtung dieses Handwerks, die übrigen sind
in ihren Augen nützlicher und ehrbarer, weil sie die Tiere weit mehr
schonen und nur aus Notwendigkeit töten, während der Jäger einzig und
allein im Morden und Zerfleischen des armen Tieres sein Vergnügen sucht.
Dieses Lustgefühl beim Anblick des Mordens hat nach Ansicht der Utopier
sogar beim Morden der Tiere seinen Ursprung in einer grausamen
Gemütsstimmung oder artet schließlich infolge ständiger Wiederholung des
so rohen Vergnügens in Grausamkeit aus. Diese und alle sonstigen Genüsse
derart -- es gibt nämlich deren unzählige -- hält zwar die große Masse
der Menschen für Vergnügen, die Utopier dagegen erklären rund heraus,
mit dem wahren Vergnügen habe das alles gar nichts zu tun, da ihm von
Natur alles Erfreuliche fehle. Denn wenn es auch für gewöhnlich den Sinn
mit Wohlbehagen erfüllt, was ja die Aufgabe des Vergnügens zu sein
scheint, so gehen die Utopier doch nicht von ihrer Meinung ab. Der Grund
dafür ist nämlich nicht die Natur der Sache selbst, sondern die üble
Gewohnheit der Menschen. Sie ist schuld daran, daß man Bitteres als süß
hinnimmt, genau so wie schwangere Frauen, deren Geschmack gestört ist,
Pech und Talg für süßer als Honig halten. Aber das Urteil eines
einzelnen, das durch Krankheit oder Gewöhnung getrübt ist, kann die
Natur nicht ändern, die des Vergnügens ebensowenig wie die anderer
Dinge.
Von den nach ihrer Ansicht echten Vergnügen unterscheiden die Utopier
verschiedene Arten, und zwar weisen sie die einen der Seele und die
anderen dem Leibe zu. Zu den Vergnügen der Seele zählen sie die geistige
Betätigung sowie das Wohlbehagen, das die Betrachtung der Wahrheit
hervorruft. Dazu kommt das angenehme Bewußtsein eines untadeligen
Lebenswandels und die sichere Hoffnung auf die Glückseligkeit nach dem
Tode. Die körperliche Lust zerfällt in zwei Arten. Die erste ist die,
die unsere Sinne mit einem deutlichen Wohlbehagen erfüllt. Das geschieht
zum Teil durch die Erneuerung derjenigen Bestandteile unseres Körpers,
die durch die Wärmeerzeugung in unserem Inneren verbraucht sind -- diese
führt uns nämlich Essen und Trinken wieder zu --, zum Teil auch durch
Ausscheidung der in unserem Körper überflüssigen Stoffe. Das wird
erreicht durch Reinigung der Eingeweide von den Exkrementen oder durch
Zeugung von Kindern oder wenn das Jucken eines Körperteils durch Reiben
oder Kratzen gelindert wird. Bisweilen aber entsteht auch ein Vergnügen,
das unserem Körper weder etwas zuführt, wonach die Organe verlangen,
noch diese von etwas Lästigem befreit. Es ist aber eine Lustempfindung,
die unsere Sinne trotzdem mit einer Art geheimer Gewalt, aber in einer
deutlich sichtbaren Erregung zu kitzeln, anzuregen und an sich zu ziehen
vermag; ein solches Vergnügen bereitet die Musik. Die zweite Art des
körperlichen Vergnügens erblicken die Utopier in einem ruhigen und
gleichmäßigen Zustand des Körpers, das heißt also in der durch keinerlei
Unbehagen gestörten Gesundheit des einzelnen. Diese ruft ja, falls kein
Schmerz sie beeinträchtigt, schon an und für sich Wohlbehagen hervor,
selbst wenn keine von außen kommende Lust auf den Körper einwirken
sollte. Zwar tritt sie weniger hervor und reizt die Sinne weniger als
jene ungestüme Lust an Essen und Trinken; nichtsdestoweniger jedoch
gilt sie vielen in Utopien als das größte, fast allen aber als ein
großes Vergnügen und gleichsam als die Grundlage und der Grundstein
aller Vergnügen. Denn sie allein macht unser Leben ruhig und lebenswert,
und ohne sie ist bei keinem und nirgends noch Raum für irgendein
Vergnügen. Denn auch wenn man gar keine Schmerzen hat, dabei aber nicht
gesund ist, so ist doch dieser Zustand in den Augen der Utopier kein
Vergnügen, sondern Stumpfheit. Schon längst gilt bei ihnen die Lehre der
Philosophen nicht mehr, die da meinten, man dürfe eine beständige und
ungestörte Gesundheit deshalb nicht für ein Vergnügen halten, weil das
Vorhandensein eines solchen nur infolge einer Erregung von außen her zu
merken sei; auch diese Frage ist nämlich eifrig bei den Utopiern
erörtert worden. Vielmehr sind sie jetzt im Gegenteil fast alle darin
einig, daß die Gesundheit sogar ganz besonders als ein Vergnügen
anzusehen ist. Da nämlich mit der Krankheit, so sagen sie, der Schmerz
verbunden ist, der der unversöhnliche Feind des Vergnügens ist, ebenso
wie die Krankheit der Feind der Gesundheit, warum sollte dann nicht
anderseits mit einer ungestörten Gesundheit das Vergnügen verbunden
sein? Dabei ist es nach ihrer Ansicht ohne Belang, ob man die Krankheit
selber als Schmerz oder den Schmerz nur als Begleiterscheinung der
Krankheit bezeichnet; die Wirkung sei ja in beiden Fällen gleich stark.
Mag nun die Gesundheit entweder ein Vergnügen an und für sich oder nur
seine notwendige Ursache sein, wie das Feuer die Ursache der Hitze ist,
ohne Zweifel ist die Wirkung in beiden Fällen die, daß ein Mensch, der
sich einer eisernen Gesundheit erfreut, ein Vergnügen empfinden muß.
Außerdem, so sagen sie, wenn wir essen, was geschieht da anderes, als
daß die Gesundheit, die allmählich erschüttert worden war, im Bunde mit
der Speise gegen den Hunger ankämpft? Während der betreffende Mensch
selbst dabei wieder erstarkt und seine gewohnte Kraft wiedererlangt,
bereitet ihm die Gesundheit jenes Vergnügen, das uns so erquickt. Wird
nun aber die Gesundheit, die sich schon während des Kampfes freut, nicht
erst recht froh sein, wenn sie den Sieg errungen hat? Ist sie endlich
wieder glücklich im Besitze ihrer alten Stärke, um die allein sie den
ganzen Kampf geführt hat, wird sie dann etwa gefühllos werden und ihr
Glück nicht erkennen und keinen großen Wert darauf legen? Daß man
nämlich sagt, man könne die Gesundheit nicht empfinden, ist nach Meinung
der Utopier ganz falsch. Wer empfindet denn nicht, so sagen sie, wenn er
nicht gerade schläft, daß er gesund ist, außer dem, der es eben nicht
ist? Wer liegt in so festen Banden des Stumpfsinns oder der Lethargie,
daß er nicht zugeben sollte, die Gesundheit bereite ihm Freude und
Genuß? Was ist aber Genuß anderes als eine andere Bezeichnung für
Vergnügen?
Nach alledem schätzen die Utopier besonders die geistigen Vergnügen; sie
halten sie nämlich für die ersten und wesentlichsten von allen, und in
der Hauptsache entstehen sie nach ihrer Meinung aus der Übung der Tugend
und dem Bewußtsein eines rechtschaffenen Lebenswandels. Unter den
körperlichen Vergnügen stellen sie die Gesundheit an erste Stelle; denn
die Annehmlichkeit des Essens und Trinkens und alle anderen
Ergötzlichkeiten der Art betrachten sie zwar als erstrebenswert, aber
nur um der Gesundheit willen. Solcherlei nämlich sei nicht an und für
sich erfreulich, sondern nur insofern, als es einer sich heimlich
einschleichenden Krankheit entgegenwirke. Wie deshalb der Verständige
eher Krankheiten vorbeugen als nach Arznei verlangen und lieber die
Schmerzen beseitigen als zu Trostmitteln greifen müsse, so sei es
besser, man habe diese Art Vergnügen gar nicht nötig, als daß man darin
ein Linderungsmittel erblicke. Sollte wirklich jemand in dieser Art
Vergnügen sein Glück sehen, so müsse er notwendig zugeben, er werde dann
erst am glücklichsten sein, wenn ihm ein Leben in beständigem Hunger,
Durst, Jucken, Essen, Trinken, Kratzen und Reiben beschieden sei. Daß
ein solches Leben aber nicht bloß häßlich, sondern auch jämmerlich wäre,
sieht jeder ein. Diese Genüsse sind in der Tat die niedrigsten, weil sie
keineswegs reiner Natur sind; denn immer sind sie von den
entgegengesetzten Schmerzen begleitet. So ist mit dem Genuß des Essens
der Hunger verbunden, und zwar in einem recht ungleichen Verhältnis.
Denn der Schmerz ist nicht nur heftiger, sondern hält auch länger an, da
er ja eher als das Vergnügen entsteht und erst zusammen mit ihm vergeht.
Vergnügen dieser Art also sind nach Ansicht der Utopier nicht zu
schätzen, soweit sie nicht zum Leben notwendig sind. Doch haben sie auch
an ihnen ihre Freude und erkennen dankbar die Liebe der Mutter Natur an,
die ihre Kinder mit den verlockendsten Lustgefühlen zu den für sie immer
wieder lebensnotwendigen Verrichtungen anspornt. Wie würde uns nämlich
unser Leben anekeln, wenn wir ebenso wie die übrigen Krankheiten, die
uns seltener befallen, auch diese täglichen Erkrankungen an Hunger und
Durst durch Gifte und bittere Arzneien bekämpfen müßten! Was dagegen
Schönheit, Stärke und Gewandtheit anlangt, so hegen und pflegen die
Utopier sie mit Vorliebe als eigentliche und willkommene Gaben der
Natur. Als eine Art angenehme Würze des Lebens schätzen sie auch
diejenigen Genüsse, die uns Auge, Ohr und Nase vermitteln und die die
Natur ausschließlich für den Menschen, und zwar in besonderer Weise,
geschaffen hat; denn keine andere Gattung von Lebewesen hat ein Auge für
die Schönheit des Weltgebäudes oder wird irgendwie von Wohlgerüchen
angenehm berührt, soweit sie nicht ihre Nahrung danach unterscheiden,
oder hat ein Gehör für die verschiedenen Abstände harmonischer und
dissonierender Töne. Bei allen diesen Genüssen aber sehen die Utopier
darauf, daß nicht ein kleinerer einem größeren im Wege ist und daß
niemals ein Vergnügen den Schmerz im Gefolge hat, was, wie sie meinen,
notwendig bei einem nicht ehrbaren Vergnügen der Fall ist. Den Reiz der
Schönheit dagegen zu verachten, die Kräfte zu schwächen, die
Beweglichkeit zu Trägheit werden zu lassen, seinen Körper durch Fasten
zu erschöpfen, seiner Gesundheit Gewalt anzutun und auch sonst von den
Lockungen der Natur nichts wissen zu wollen, es sei denn, daß man sein
Glück nur deshalb nicht wahrnimmt, um desto eifriger für das Wohl seiner
Mitmenschen oder für das des Staates besorgt zu sein -- eine Mühe, für
die man als Entschädigung eine größere Freude von Gott erwartet --,
aber sich zu kasteien, ohne jemandem zu nützen, sondern lediglich um
eines nichtigen Schattens von Tugend willen oder um Mißgeschick, das
einem aber vielleicht niemals widerfährt, leichter zu ertragen: das ist,
so meinen die Utopier, ganz widersinnig, eine Grausamkeit gegen sich
selbst und der bitterste Undank gegen die Natur; denn dadurch verzichtet
man auf alle ihre Wohltaten, gleich als ob man es verschmähte, ihr
irgendwie zu Dank verpflichtet zu sein.
Das ist die Ansicht der Utopier über die Tugend und das Vergnügen, und,
wie sie glauben, kann man keine finden, mit der menschliche Vernunft der
Wahrheit näher kommt, es müßte denn sein, daß eine vom Himmel gesandte
Religion einem Menschen noch frömmere Gedanken eingibt. Ob sie damit
recht oder unrecht haben, können wir aus Mangel an Zeit nicht genau
untersuchen, auch ist das gar nicht nötig; denn wir haben es ja nur
unternommen, von ihren Einrichtungen zu erzählen, nicht aber diese in
Schutz zu nehmen. Wie es sich aber auch mit den angeführten Grundsätzen
der Utopier verhalten mag, davon bin ich fest überzeugt: nirgends ist
das Volk tüchtiger, und nirgends ist der Staat glücklicher als in
Utopien.
Die Utopier sind körperlich gewandt und rüstig; auch besitzen sie mehr
Kräfte, als ihre Statur erwarten läßt; doch ist diese nicht
unansehnlich. Der Boden ist zwar nicht überall fruchtbar und das Klima
nicht besonders gesund, aber sie härten sich gegen die Witterung durch
eine mäßige Lebensweise so sehr ab und verbessern die Beschaffenheit des
zu bestellenden Landes mit solchem Eifer, daß nirgends in der Welt der
Ertrag an Feldfrucht und Vieh reicher ist und nirgends die Menschen
langlebiger und widerstandsfähiger gegen Krankheiten sind. Deshalb kann
man in Utopien die Landleute nicht nur die üblichen Arbeiten verrichten
sehen, wie sie die von Natur geringere Fruchtbarkeit des Bodens durch
Kunst und Fleiß steigern, sondern man kann auch beobachten, wie irgendwo
ein Wald vollständig ausgerodet und anderswo wieder angepflanzt wird.
Dabei gibt nicht die Rücksicht auf den Ertrag, sondern auf den Transport
den Ausschlag; das Holz soll sich nämlich in größerer Nähe des Meeres
oder der Flüsse oder der Städte selbst befinden, weil sein Transport von
weither auf dem Landwege beschwerlicher ist als der des Getreides. Die
Utopier sind ein gewandtes, witziges und kunstfertiges Volk. Es genießt
gern seine Muße, besitzt aber auch nötigenfalls genügend Ausdauer in
körperlicher Arbeit. Sonst ist es in der Tat keineswegs arbeitswütig,
doch kennt es keine Ermüdung, wenn es sich um geistige Interessen
handelt.
Als wir den Utopiern von der griechischen Literatur und Wissenschaft
erzählten -- über die Lateiner sprachen wir nicht, weil von ihnen, wie
wir meinten, höchstens die Historiker und Dichter ihren lebhaften
Beifall finden würden --, staunten wir, mit welchem Eifer sie darauf
bestanden, unter unserer Anleitung Griechisch gründlich lernen zu
dürfen. So begannen wir denn mit dem Unterricht, anfangs mehr deshalb,
um nicht den Anschein zu erwecken, als wollten wir uns nicht der Mühe
unterziehen, als weil wir mit irgendeinem Erfolg gerechnet hätten.
Sobald wir aber ein kleines Stück vorangekommen waren, ließ uns ihr
Fleiß erkennen, daß wir unseren Eifer nicht umsonst aufwenden würden;
denn die Utopier begannen, die Buchstaben so mühelos nachzuschreiben,
die Worte so geläufig auszusprechen, so schnell sich einzuprägen und so
getreu zu wiederholen, daß es uns wie ein Wunder vorkam. Allerdings
gehörten die Leute, die nicht bloß aus freien Stücken und aus
Begeisterung, sondern auch auf Grund einer Verfügung des Senats das
Studium des Griechischen begannen, zu den erlesensten Geistern der
Gebildeten und standen in reifem Alter. Und so hatten sie denn noch vor
Ablauf von drei Jahren in ihrer sprachlichen Ausbildung keine Lücken
mehr und konnten gute Schriftsteller, abgesehen von Schwierigkeiten
infolge einer fehlerhaften Textstelle, ohne Anstoß lesen und verstehen.
Wie ich wenigstens vermute, eigneten sie sich die Kenntnis der
griechischen Sprache auch wegen ihrer teilweisen Verwandtschaft mit der
Landessprache leichter an. Ich nehme nämlich an, die Utopier stammen von
den Griechen ab; denn in ihrer fast persisch klingenden Sprache haben
sich noch in den Orts- und Amtsnamen Spuren des Griechischen erhalten.
Im Begriff, meine vierte Seereise nach Utopien anzutreten, nahm ich an
Stelle von Waren einen ziemlich großen Packen Bücher mit an Bord, weil
ich fest entschlossen war, lieber gar nicht statt nach kurzer Zeit schon
heimzukehren. So besitzen denn die Utopier folgendes von mir: die
meisten Werke Platos, mehrere Schriften des Aristoteles, sodann
Theophrasts Buch über die Pflanzen, das aber leider an mehreren Stellen
lückenhaft ist. Während der Seefahrt hatte ich nämlich auf das Buch
weniger Obacht gegeben, und so hatte sich eine Meerkatze seiner
bemächtigt und, ausgelassen und spielig, hier und da ein paar Blätter
herausgerissen und zerfetzt. Von den Grammatikern haben sie nur den
Lascaris; den Theodorus habe ich nämlich gar nicht mitgenommen, ebenso
kein Wörterbuch, außer Hesych und Dioscorides. Plutarchs kleine
Schriften haben sie sehr gern, und auch Lucians Witz und Anmut fesseln
sie. Von den Dichtern besitzen sie Aristophanes, Homer und Euripides,
ferner Sophocles in den kleinen Typen des Aldus, von den Historikern
Thucydides, Herodot sowie Herodian. Sogar aus dem Gebiet der Medizin
hatte mein Reisegefährte Tricius Apinatus etwas mitgebracht, nämlich
einige kleine Schriften des Hippocrates und die Mikrotechne Galens.
Gerade auf diese beiden Bücher legen die Utopier großen Wert; denn wenn
sie die Heilkunde auch wohl weniger als alle anderen Völker brauchen, so
steht sie doch nirgends in größerer Achtung, und zwar schon deshalb,
weil man in Utopien ihre Kenntnis zu den schönsten und nützlichsten
Teilen der Philosophie rechnet. Mit ihrer Hilfe erforscht man nämlich
die Geheimnisse der Natur, und man glaubt, nicht bloß einen wunderbaren
Genuß davon zu haben, sondern auch die höchste Gunst des Schöpfers und
Werkmeisters der Natur zu gewinnen. Man ist ja der Meinung, er habe nach
Art der übrigen Künstler den sehenswerten Mechanismus dieser Welt für
den Menschen zur Betrachtung ausgestellt und ihn allein in seinem
Inneren für eine so gewaltige Schöpfung aufnahmefähig gemacht, und
deshalb sei ihm ein wißbegieriger und achtsamer Betrachter und
Bewunderer seines Werkes lieber als einer, der ein so erhabenes und
wundervolles Schauspiel stumpf und unerschüttert nicht beachtet.
So sind denn die Utopier infolge ihrer wissenschaftlichen Ausbildung
erstaunlich begabt für technische Erfindungen, die etwas dazu beitragen,
das Leben angenehm und bequem zu machen. Zwei Erfindungen jedoch
verdanken sie uns, die Buchdruckerkunst und die Herstellung des Papiers,
aber doch nicht uns allein, sondern zu einem guten Teile auch sich
selber. Als wir ihnen nämlich die Bücher zeigten, die Aldus auf Papier
gedruckt hatte, und ihnen von dem zur Papierfabrikation notwendigen
Material und von den Druckverfahren mehr bloß etwas erzählten, statt
ihnen die Sache zu erklären -- keiner von uns besaß nämlich in einer der
beiden Künste praktische Erfahrung --, errieten sie sogleich äußerst
scharfsinnig das Verfahren, und, während sie bis dahin nur auf Häuten,
Rinde und Papyrusbast schrieben, versuchten sie nunmehr sofort, Papier
herzustellen und zu drucken. Im Anfang wollte es ihnen nicht so recht
gelingen, aber durch häufigere Versuche kamen sie bald dahinter und
brachten es dann in beiden Künsten so weit, daß es keinen Mangel an
Exemplaren griechischer Autoren geben könnte, wenn anders Handschriften
vorhanden wären. Zur Zeit aber steht den Utopiern nichts weiter zur
Verfügung, als was ich erwähnt habe; das aber haben sie bereits in
vielen tausend Exemplaren durch den Druck vervielfältigt.
Wer aus Schaulust nach Utopien kommt, wird mit offenen Armen
aufgenommen, wenn er sich durch eine besondere Begabung oder durch
Kenntnis vieler Länder auszeichnet, die er sich auf langen Reisen im
Ausland erworben hat, und wenn sich seine Aufnahme dadurch empfiehlt.
Aus diesem Grunde war den Utopiern auch unsere Landung willkommen; denn
sie hören gern von dem Geschehen überall in der Welt. Zu Handelszwecken
dagegen kommen Fremde nicht gerade häufig hin. Was sollte man denn auch
dort einführen außer Eisen oder Gold und Silber, das aber jeder doch
lieber mit heimbringen möchte? Was sie aber aus ihrem eigenen Lande
auszuführen haben, das verschiffen sie auf Grund reiflicher Überlegung
lieber selber, als daß sie es von anderen holen lassen, einmal, um die
Völker des Auslands ringsum genauer kennenzulernen, und sodann, um nicht
ihrer nautischen Übung und Erfahrung verlustig zu gehen.