Vorige. Arabella kommt jammernd.
Arabella. Mögen sie mich umbringen, was hab' ich auch jetzt noch zu
verlieren?--Habt Erbarmen, ihr Männer--Hier verließ ich meine gnädige
Frau, und nirgends find' ich sie wieder.
Fiesco (tritt ihr näher mit leiser bebender Stimme). Leonore heißt
deine gnädige Frau?
Arabella (froh). O daß Sie da sind, mein liebster, guter, gnädiger
Herr!--Zürnen Sie nicht über uns, wir konnten sie nicht mehr
zurückhalten.
Fiesco (zürnt sie dumpfig an). Du Verhaßte! von was nicht?
Arabella. Daß sie nicht nachsprang-Fiesco (heftiger). Schweig!
wohin sprang?
Arabella. Ins Gedränge-Fiesco (wüthend). Daß deine Zunge zum
Krokodil würde--Ihre Kleider?
Arabella. Ein scharlachner Mantel-Fiesco (rasend gegen sie taumelnd).
Geh in den neunten Kreis der Hölle!--der Mantel?
Arabella. Lag hier am Boden-Einige Verschworne (murmelnd). Gianettino
ward hier ermordet-Fiesco (todesmatt zurückwankend zu Arabella). Deine
Frau ist gefunden. (Arabella geht angstvoll. Fiesco sucht mit
verdrehten Augen im ganzen Kreis herum, darauf mit leiser, schwebender
Stimme, die stufenweis bis zum Toben steigt.) Wahr ist's--wahr--und
ich das Stichblatt des unendlichen Bubenstücks. (Viehisch um sich
hauend.) Tretet zurück, ihr menschlichen Gesichter--Ah, (mit frechem
Zähnblecken gen Himmel) hätt' ich nur seinen Weltbau zwischen diesen
Zähnen--Ich fühle mich aufgelegt, die ganze Natur in ein grinsendes
Scheusal zu zerkratzen, bis sie aussieht wie mein Schmerz--(Zu den
Andern, die bebend herumstehen.) Mensch!--wie es jetzt dasteht, das
erbärmliche Geschlecht, sich segnet und selig preist, daß es nicht ist
wie ich--Nicht wie ich! (In hohles Beben hinabgefallen.) Ich allein
habe den Streich--(Rascher, wilder.) Ich? Warum ich? Warum nicht mit
mir auch diese? Warum soll sich mein Schmerz am Schmerz eines
Mitgeschöpfs nicht stumpf reiben dürfen?
Calcagno (furchtsam). Mein theurer Herzog-Fiesco (dringt auf ihn ein
mit gräßlicher Freude). Ah, willkommen! Hier, Gott sei Dank! ist
Einer, den auch dieser Donner quetschte! (Indem er den Calcagno
wüthend in seine Arme drückt.) Bruder Zerschmettert! Wohl bekomm die
Verdammniß! Sie ist todt! Du hat sie auch geliebt! (Er zwingt ihn
an den Leichnam und drückt ihm den Kopf dagegen.) Verzweifle! Sie
ist todt! (Den stieren Blick in einen Winkel geheftet.) Ah, daß ich
stünde am Thor der Verdammniß, hinunterschauen dürfte mein Aug auf
die mancherlei Folterschrauben der sinnreichen Hölle, saugen mein Ohr
zerknirschter Sünder Gewinsel--Könnt' ich sie sehen, meine Qual, wer
weiß, ich trüge sie vielleicht? (Mit Schauern zur Leiche gehend.)
Mein Weib liegt hier ermordet--Nein, das will wenig sagen
(Nachdrücklicher.) Ich, der Bube, habe mein Weib ermordet--O pfui, so
etwas kann die Hölle kaum kitzeln--Erst wirbelt sie mich künstlich
auf der Freude letztes glättestes Schwindeldach, schwätzt mich bis an
die Schwelle des Himmels--und dann hinunter--dann--o könnte mein Odem
die Pest unter Seelen blasen--dann--dann ermord' ich mein Weib--Nein,
ihr Witz ist noch feiner--dann übereilen sich (verächtlich) zwei
Augen, und (mir schrecklichem Nachdruck) ich--ermorde--mein Weib!
(Beißend lächelnd.) Das ist das Meisterstück!
(Alle Verschwornen hängen gerührt an ihren Waffen. Einige wischen
Thränen aus den Augen. Pause.)
Fiesco (erschöpft und stiller, indem er im Zirkel herumblickt).
Schluchzt hier Jemand?--Ja, bei Gott, die einen Fürsten würgten,
weinen. (In stillen Schmerz geschmolzen.) Redet! Weint ihr über
diesen Hochverrath des Todes, oder weint ihr über meines Geistes
Memmenfall? (In ernster, rührender Stellung vor der Todten
verweilend.) Wo in warme Thränen felsenharte Mörder schmelzen, flucht
Fiescos Verzweiflung! (Sinkt weinend an ihr nieder.) Leonore,
vergib--Reue zürnt man dem Himmel nicht ab! (Weich mit Wehmuth.)
Jahre voraus, Leonore, genoß ich das Fest jener Stunde, wo ich den
Genuesern ihre Herzogin brächte--Wie lieblich verschämt sah ich schon
deine Wangen erröthen, deinen Busen wie fürstlich schön unter dem
Silberflor schwellen, wie angenehm deine lispelnde Stimme der
Entzückung versagen (Lebhafter.) Ha! wie berauschend wallte mir schon
der stolze Zuruf zu Ohren, wie spiegelte sich meiner Liebe Triumph im
versinkenden Neide!--Leonore--die Stund' ist gekommen--Genuas Herzog
ist dein Fiesco--und Genuas schlechtester Bettler besinnt sich, seine
Verachtung an meine Qual und meinen Scharlach zu tauschen--(Rührender.)
Eine Gattin theilt seinen Gram--mit wem kann ich meine Herrlichkeit
theilen? (Er weint heftiger und verbirgt sein Gesicht an der Leiche.
Rührung auf allen Gesichtern.)
Calcagno. Es war eine treffliche Dame.
Zibo. Daß man doch ja den Trauerfall dem Volk noch verschweige. Er
nähme den Unsrigen den Muth und gäb' ihn den Feinden.
Fiesco (steht gefaßt und fest auf). Höret, Genueser!--die Vorsehung,
versteh' ich ihren Wink, schlug mir diese Wunde nur, mein Herz für
die nahe Größe zu prüfen.--Es war die gewagteste Probe--jetzt fürcht'
ich weder Qual, noch Entzücken mehr. Kommt! Genua erwarte mich,
sagt ihr?--Ich will Genua einen Fürsten schenken, wie ihn noch kein
Europäer sah--Kommt!--dieser unglücklichen Fürstin will ich eine
Todtenfeier halten, daß das Leben seine Anbeter verlieren und die
Verwesung wie eine Braut glänzen soll--Jetzt folgt eurem Herzog!
(Gehen ab unter Fahnenmarsch.)