Julia. Fiesco im Gespräch.
Julia (sehr zerstört). Hören Sie auf, Graf! Ihre Galanterieen
fallen nicht mehr in achtlose Ohren, aber in ein siedendes Blut--Wo
bin ich? Hier ist Niemand als die verführerische Nacht. Wohin haben
Sie mein verwahrlostes Herz geplaudert?
Fiesco. Wo die verzagte Leidenschaft kühner wird, und Wallungen
freier mit Wallungen reden.
Julia. Halt ein, Fiesco. Bei Allem, was heilig ist, nicht weiter!
Wäre die Nacht nicht so dichte, du würdest meine flammrothen Wangen
sehen und dich erbarmen.
Fiesco. Weit gefehlt, Julia! Eben dann würde meine Empfindung die
Feuerfahne der deinigen gewahr und lief' desto muthiger über. (Er
küßt ihr heftig die Hand.)
Julia. Mensch, dein Gesicht brennt fiebrisch, wie dein Gespräch.
Weh, auch aus dem meinigen, ich fühl's, schlägt wildes, frevelndes
Feuer. Laß uns das Licht suchen, ich bitte. Die aufgewiegelten
Sinne könnten den gefährlichen Wink dieser Finsterniß merken. Geh!
diese gährenden Rebellen könnten hinter dem Rücken des verschämten
Tages ihre gottlosen Künste treiben. Geh unter Menschen, ich
beschwöre dich.
Fiesco (zudringlicher). Wie ohne Noth besorgt, meine Liebe! Wird je
die Gebieterin ihren Sklaven fürchten?
Julia. Über euch Männer und den ewigen Widerspruch! Als wenn ihr
nicht die gefährlichsten Sieger wäret, wenn ihr euch unsrer
Eigenliebe gefangen gebt. Soll ich dir Alles gestehen, Fiesco? daß
nur mein Laster meine Tugend bewahrte? nur mein Stolz deine Künste
verlachte? nur bis hieher meine Grundsätze Stand hielten? Du
verzweifelst an deiner List und nimmst deine Zuflucht zu Julias Blut.
Hier verlassen sie mich.
Fiesco (leichtfertig dreist). Und was verlorst du bei diesem
Verluste?
Julia (aufgeregt und mit Hitze). Wenn ich den Schlüssel zu meinem
weiblichen Heiligthum an dich vertändle, womit du mich schamroth
machst, wenn du willst? Was hab' ich weniger zu verlieren, als
Alles? Willst du mehr wissen, Spötter? Das Bekenntniß willst du
noch haben, daß die ganze geheime Weisheit unsers Geschlechts nur
eine armselige Vorkehrung ist, unsere tödtliche Seite zu entsetzen,
die doch zuletzt allein von euren Schwüren belagert wird, die (ich
gesteh' es erröthend ein) so gern erobert sein möchte, so oft beim
ersten Seitenblick der Tugend den Feind verrätherisch empfängt?--daß
alle unsere weiblichen Künste einzig für dieses wehrlose Stichblatt
fechten, wie auf dem Schach alle Officiere den wehrlosen König
bedecken? Überrumpelst du diesen--Matt! und wird getrost das ganze
Brett durcheinander. (Nach einer Pause mit Ernst.) Du hast das
Gemäld' unsrer prahlerischen Armuth--Sei großmüthig!
Fiesco. Und doch, Julia--Wo besser als in meiner unendlichen
Leidenschaft kannst du diesen Schatz niederlegen?
Julia. Gewiß nirgends besser, und nirgends schlimmer--Höre, Fiesco,
wie lang wird diese Unendlichkeit währen?--Ach! schon zu unglücklich
hab' ich gespielt, daß ich nicht auch mein Letztes noch setzen
sollte--Dich zu fangen, Fiesco, muthete ich dreist meinen Reizen zu;
und ich mißtraue ihnen die Allmacht, dich festzuhalten--Pfui doch,
was red' ich da? (Sie tritt zurück und hält die Hände vors Gesicht.)
Fiesco. Zwei Sünden in einem Athem. Das Mißtrauen in meinen Geschmack,
oder das Majestätsverbrechen gegen deine Liebenswürdigkeit--was von
beiden ist schwerer zu vergeben?
Julia (matt, unterliegend, mit beweglichem Ton). Lügen sind nur die
Waffen der Hölle--die bracht Fiesco nicht mehr, seine Julia zu fällen.
(Sie fällt erschöpft in einen Sopha, nach einer Pause feierlich.)
Höre, laß dir noch ein Wörtchen sagen, Fiesco--Wir sind Heldinnen,
wenn wir unsere Tugend noch sicher wissen:--wenn wir sie vertheidigen,
Kinder; (ihm starr und wild unter die Augen) Furien, wenn wir sie
rächen--Höre. Wenn du mich kalt würgtest, Fiesco?
Fiesco (nimmt einen aufgebrachten Ton an). Kalt? kalt?--Nun, bei
Gott! was fordert denn die unersättliche Eitelkeit des Weibs, wenn es
einen Mann vor sich kriechen sieht und noch zweifelt? Ha, er erwacht
wieder, ich fühle, (den Ton in Kälte verändert) noch zu rechter Zeit
gehen mir die Augen auf--Was war's, das ich eben erbetteln
wollte?--Die kleinste Erniedrigung eines Mannes ist gegen die höchste
Gunst eines Weibs weggeworfen! (Zu ihr mit tiefer, frostiger
Verbeugung.) Fassen Sie Muth, Madame! Jetzt sind Sie sicher.
Julia (bestürzt). Graf? Welche Anwandlung!
Fiesco (äußerst gleichgültig). Nein, Madame! Sie haben vollkommen
recht, wir Beide haben die Ehre nur einmal auf dem Spiel. (Mit einem
höflichen Handkuß.) Ich habe das Vergnügen, Ihnen bei der
Gesellschaft meinen Respect zu bezeugen. (Er will schnell fort.)
Julia (ihm nach, reißt ihn zurück). Bleib! Bist du rasend? Bleib! Muß
ich es denn sagen--heraussagen, was das ganze Männervolk auf den
Knieen--in Thränen--auf der Folterbank meinem Stolz nicht abdringen
sollte?--Weh! auch dies dichte Dunkel ist zu licht, diese Feuersbrunst
zu bergen, die das Geständniß auf meinen Wangen macht--Fiesco--O, ich
bohre durchs Herz meines ganzen Geschlechts--mein ganzes Geschlecht
wird mich ewig hassen--Ich bete dich an, Fiesco! (Fällt vor ihm
nieder.)
Fiesco (weicht drei Schritte zurück, läßt sie liegen und lacht
triumphierend auf). Das bedaur' ich, Signora. (Er zieht die Glocke,
hebt die Tapete auf und führt Leonoren hervor.) Hier ist meine
Gemahlin--ein göttliches Weib! (Er fällt Leonoren in den Arm.)
Julia (springt schreiend vom Boden). Ah! unerhört betrogen!