Zwölfter Auftritt

Julia. Fiesco im Gespräch.

Julia (sehr zerstört). Hören Sie auf, Graf! Ihre Galanterieen

fallen nicht mehr in achtlose Ohren, aber in ein siedendes Blut--Wo

bin ich? Hier ist Niemand als die verführerische Nacht. Wohin haben

Sie mein verwahrlostes Herz geplaudert?

Fiesco. Wo die verzagte Leidenschaft kühner wird, und Wallungen

freier mit Wallungen reden.

Julia. Halt ein, Fiesco. Bei Allem, was heilig ist, nicht weiter!

Wäre die Nacht nicht so dichte, du würdest meine flammrothen Wangen

sehen und dich erbarmen.

Fiesco. Weit gefehlt, Julia! Eben dann würde meine Empfindung die

Feuerfahne der deinigen gewahr und lief' desto muthiger über. (Er

küßt ihr heftig die Hand.)

Julia. Mensch, dein Gesicht brennt fiebrisch, wie dein Gespräch.

Weh, auch aus dem meinigen, ich fühl's, schlägt wildes, frevelndes

Feuer. Laß uns das Licht suchen, ich bitte. Die aufgewiegelten

Sinne könnten den gefährlichen Wink dieser Finsterniß merken. Geh!

diese gährenden Rebellen könnten hinter dem Rücken des verschämten

Tages ihre gottlosen Künste treiben. Geh unter Menschen, ich

beschwöre dich.

Fiesco (zudringlicher). Wie ohne Noth besorgt, meine Liebe! Wird je

die Gebieterin ihren Sklaven fürchten?

Julia. Über euch Männer und den ewigen Widerspruch! Als wenn ihr

nicht die gefährlichsten Sieger wäret, wenn ihr euch unsrer

Eigenliebe gefangen gebt. Soll ich dir Alles gestehen, Fiesco? daß

nur mein Laster meine Tugend bewahrte? nur mein Stolz deine Künste

verlachte? nur bis hieher meine Grundsätze Stand hielten? Du

verzweifelst an deiner List und nimmst deine Zuflucht zu Julias Blut.

Hier verlassen sie mich.

Fiesco (leichtfertig dreist). Und was verlorst du bei diesem

Verluste?

Julia (aufgeregt und mit Hitze). Wenn ich den Schlüssel zu meinem

weiblichen Heiligthum an dich vertändle, womit du mich schamroth

machst, wenn du willst? Was hab' ich weniger zu verlieren, als

Alles? Willst du mehr wissen, Spötter? Das Bekenntniß willst du

noch haben, daß die ganze geheime Weisheit unsers Geschlechts nur

eine armselige Vorkehrung ist, unsere tödtliche Seite zu entsetzen,

die doch zuletzt allein von euren Schwüren belagert wird, die (ich

gesteh' es erröthend ein) so gern erobert sein möchte, so oft beim

ersten Seitenblick der Tugend den Feind verrätherisch empfängt?--daß

alle unsere weiblichen Künste einzig für dieses wehrlose Stichblatt

fechten, wie auf dem Schach alle Officiere den wehrlosen König

bedecken? Überrumpelst du diesen--Matt! und wird getrost das ganze

Brett durcheinander. (Nach einer Pause mit Ernst.) Du hast das

Gemäld' unsrer prahlerischen Armuth--Sei großmüthig!

Fiesco. Und doch, Julia--Wo besser als in meiner unendlichen

Leidenschaft kannst du diesen Schatz niederlegen?

Julia. Gewiß nirgends besser, und nirgends schlimmer--Höre, Fiesco,

wie lang wird diese Unendlichkeit währen?--Ach! schon zu unglücklich

hab' ich gespielt, daß ich nicht auch mein Letztes noch setzen

sollte--Dich zu fangen, Fiesco, muthete ich dreist meinen Reizen zu;

und ich mißtraue ihnen die Allmacht, dich festzuhalten--Pfui doch,

was red' ich da? (Sie tritt zurück und hält die Hände vors Gesicht.)

Fiesco. Zwei Sünden in einem Athem. Das Mißtrauen in meinen Geschmack,

oder das Majestätsverbrechen gegen deine Liebenswürdigkeit--was von

beiden ist schwerer zu vergeben?

Julia (matt, unterliegend, mit beweglichem Ton). Lügen sind nur die

Waffen der Hölle--die bracht Fiesco nicht mehr, seine Julia zu fällen.

(Sie fällt erschöpft in einen Sopha, nach einer Pause feierlich.)

Höre, laß dir noch ein Wörtchen sagen, Fiesco--Wir sind Heldinnen,

wenn wir unsere Tugend noch sicher wissen:--wenn wir sie vertheidigen,

Kinder; (ihm starr und wild unter die Augen) Furien, wenn wir sie

rächen--Höre. Wenn du mich kalt würgtest, Fiesco?

Fiesco (nimmt einen aufgebrachten Ton an). Kalt? kalt?--Nun, bei

Gott! was fordert denn die unersättliche Eitelkeit des Weibs, wenn es

einen Mann vor sich kriechen sieht und noch zweifelt? Ha, er erwacht

wieder, ich fühle, (den Ton in Kälte verändert) noch zu rechter Zeit

gehen mir die Augen auf--Was war's, das ich eben erbetteln

wollte?--Die kleinste Erniedrigung eines Mannes ist gegen die höchste

Gunst eines Weibs weggeworfen! (Zu ihr mit tiefer, frostiger

Verbeugung.) Fassen Sie Muth, Madame! Jetzt sind Sie sicher.

Julia (bestürzt). Graf? Welche Anwandlung!

Fiesco (äußerst gleichgültig). Nein, Madame! Sie haben vollkommen

recht, wir Beide haben die Ehre nur einmal auf dem Spiel. (Mit einem

höflichen Handkuß.) Ich habe das Vergnügen, Ihnen bei der

Gesellschaft meinen Respect zu bezeugen. (Er will schnell fort.)

Julia (ihm nach, reißt ihn zurück). Bleib! Bist du rasend? Bleib! Muß

ich es denn sagen--heraussagen, was das ganze Männervolk auf den

Knieen--in Thränen--auf der Folterbank meinem Stolz nicht abdringen

sollte?--Weh! auch dies dichte Dunkel ist zu licht, diese Feuersbrunst

zu bergen, die das Geständniß auf meinen Wangen macht--Fiesco--O, ich

bohre durchs Herz meines ganzen Geschlechts--mein ganzes Geschlecht

wird mich ewig hassen--Ich bete dich an, Fiesco! (Fällt vor ihm

nieder.)

Fiesco (weicht drei Schritte zurück, läßt sie liegen und lacht

triumphierend auf). Das bedaur' ich, Signora. (Er zieht die Glocke,

hebt die Tapete auf und führt Leonoren hervor.) Hier ist meine

Gemahlin--ein göttliches Weib! (Er fällt Leonoren in den Arm.)

Julia (springt schreiend vom Boden). Ah! unerhört betrogen!

Die Verschwörung des Fiesco zu Genua: Ein republikanisches Trauerspiel · 第 82 / 105 题