Voriger. Verrina. Romano mit einem Tableau. Sacco. Bourgognino.
Calcagno. Alle verneigen sich.
Fiesco (ihnen entgegen, voll Heiterkeit). Willkommen, meine würdigen
Freunde! Welche wichtige Angelegenheit führt Sie so vollzählig zu
mir--Du auch da, theurer Bruder Verrina? Ich würde bald verlernt
haben, dich zu kennen, wären meine Gedanken nicht fleißiger um dich,
als meine Augen. War's nicht seit dem letzten Ball, daß ich meinen
Verrina entbehrte?
Verrina. Zähl' ihm nicht nach, Fiesco. Schwere Lasten haben indeß
sein graues Haar gebeugt. Doch genug hievon.
Fiesco. Nicht genug für die wißbegierige Liebe. Du wirst mir mehr
sagen müssen, wenn wir allein sind. (Zu Bourgognino.) Willkommen,
junger Held! Unsre Bekanntschaft ist noch grün, aber meine
Freundschaft ist zeitig. Haben Sie Ihre Meinung von mir verbessert?
Bourgognino. Ich bin auf dem Wege.
Fiesco. Verrina, man sagt mir, daß dieser junge Cavalier dein
Tochtermann werden soll. Nimm meinen ganzen Beifall zu dieser Wahl.
Ich hab' ihn nur einmal gesprochen, und doch würd' ich stolz sein,
wenn er der meinige wäre.
Verrina. Dieses Urtheil macht mich eitel auf meine Tochter.
Fiesco (zu den Andern). Sacco? Calcagno?--Lauter seltne
Erscheinungen in meinen Zimmern. Beinahe möchte ich mich meiner
Dienstfertigkeit schämen, wenn Genuas edelste Zierden sie
vorübergehen--Und hier begrüße ich einen fünften Gast, mir zwar fremd,
doch empfohlen genug durch diesen würdigen Zirkel.
Romano. Es ist ein Maler schlechtweg, gnädiger Herr, Romano mit
Namen, der sich vom Diebstahl an der Natur ernährt, kein Wappen hat,
als seinen Pinsel, und nun gegenwärtig ist, (mit einer tiefen
Verbeugung) die große Linie zu einem Brutuskopfe zu finden.
Fiesco. Ihre Hand, Romano. Ihre Meisterin ist eine Verwandte meines
Hauses. Ich liebe sie brüderlich. Kunst ist die rechte Hand der
Natur. Diese hat nur Geschöpfe, jene hat Menschen gemacht. Was
malen Sie aber, Romano?
Romano. Scenen aus dem nervigten Alterthum. Zu Florenz steht mein
sterbender Hercules, meine Kleopatra zu Venedig, der wüthende Ajax zu
Rom, wo die Helden der Vorwelt--im Vatican wieder auferstehen.
Fiesco. Und was ist wirklich Ihres Pinsels Beschäftigung?
Romano. Er ist weggeworfen, gnädiger Herr. Das Licht des Genies
bekam weniger Fett, als das Licht des Lebens. Über einen gewissen
Punkt hinaus brennt nur die papierne Krone. Hier ist meine letzte
Arbeit.
Fiesco (aufgeräumt). Sie könnte nicht erwünschter gekommen sein.
Ich bin heute ganz ungewöhnlich heiter, mein ganzes Wesen feiert eine
gewisse heroische Ruhe, ganz offen für die schöne Natur. Stellen Sie
Ihr Tableau auf. Ich will mir ein rechtes Fest daraus bereiten.
Tretet herum, meine Freunde. Wir wollen uns ganz dem Künstler
schenken. Stellen Sie Ihr Tableau auf.
Verrina (winkt den Andern). Nun merket auf, Genueser!
Romano (stellt das Gemälde zurecht). Das Licht muß von der Seite
spielen. Ziehen Sie jenen Vorhang auf. Diesen lassen Sie fallen.
Gut. (Er tritt auf die Seite.) Es ist die Geschichte der Virginia
und des Appius Claudius.
(Lange ausdrucksvolle Pause, worin alle die Malerei betrachten.)
Verrina (in Begeisterung). Spritz zu, eisgrauer Vater!--Zuckst du,
Tyrann?--Wie so bleich steht ihr Klötze Römer--ihm nach, Römer--das
Schlachtmesser blinkt--Mir nach, Klötze Genueser--Nieder mit Doria!
Nieder! nieder! (Er haut gegen das Gemälde.)
Fiesco (lächelnd zum Maler.) Fordern Sie mehr Beifall? Ihre Kunst
macht diesen alten Mann zum bartlosen Träumer.
Verrina (erschöpft). Wo bin ich? Wo sind sie hingekommen? Weg, wie
Blasen? Du hier, Fiesco? Der Tyrann lebt noch, Fiesco?
Fiesco. Siehst du? Über vielem Sehen hast du die Augen vergessen.
Diesen Römerkopf findest du bewundernswerth? Weg mit ihm! Hier das
Mädchen blick' an! Dieser Ausdruck, wie weich, wie weiblich! Welche
Anmuth auch aus den welkenden Lippen? Welche Wollust im
verlöschenden Blick?--Unnachahmlich! göttlich, Romano!--Und noch die
weiße, blendende Brust, wie angenehm noch von des Athems letzten
Wellen gehoben! Mehr solche Nymphen, Romano, so will ich vor Ihren
Phantasieen knieen und der Natur einen Scheidebrief schreiben.
Bourgognino. Verrina, ist das deine gehoffte herrliche Wirkung?
Verrina. Fasse Muth, Sohn. Gott verwarf den Arm des Fiesco, er muß
auf den unsrigen rechnen.
Fiesco (zum Maler). Ja, es ist Ihre letzte Arbeit, Romano. Ihr
Markt ist erschöpft. Sie rühren keinen Pinsel mehr an. Doch über
des Künstlers Bewunderung vergess' ich das Werk zu verschlingen. Ich
könnte hier stehen und hingaffen und ein Erdbeben überhören. Nehmen
Sie Ihr Gemälde weg. Sollt' ich Ihnen diesen Virginiakopf bezahlen,
müßt' ich Genua in Versatz geben. Nehmen Sie weg.
Romano. Mit Ehre bezahlt sich der Künstler. Ich schenke es Ihnen.
(Er will hinaus.)
Fiesco. Eine kleine Geduld, Romano. (Er geht mit majestätischem
Schritt im Zimmer und scheint über etwas Großes zu denken. Zuweilen
betrachtet er die Andern fliegend und scharf, endlich nimmt er den
Maler bei der Hand, führt ihn vor das Gemälde.) Tritt her, Maler!
(Äußerst stolz und mit Würde.) So trotzig stehst du da, weil du
Leben auf todten Tüchern heuchelst und große Thaten mit kleinem
Aufwand verewigst. Du prahlst mit Poetenhitze, der Phantasie
marklosem Marionettenspiel, ohne Herz, ohne thatenerwärmende Kraft;
stürzest Tyrannen auf Leinwand;--bist selbst ein elender Sklave?
Machst Republiken mit einem Pinsel frei;--kannst deine eignen Ketten
nicht brechen? (Voll und befehlend.) Geh! Deine Arbeit ist
Gaukelwerk--der Schein weiche der That--(Mit Größe, indem er das
Tableau umwirft.) Ich habe gethan, was du--nur maltest. (Alle
erschüttert. Romano trägt sein Tableau mit Bestürzung fort.)