Zweiter Auftritt

Vorige. Julia.

Julia (affectiert hereintretend). Der Graf bot mir sein Palais an,

den Zug nach dem Rathhaus zu sehen. Die Zeit wird mir lang werden.

Eh die Chocolade gemacht ist, Madame, unterhalten Sie mich. (Bella

entfernt sich, kommt sogleich wieder.)

Leonore. Befehlen Sie, daß ich Gesellschaft hieher bitte?

Julia. Abgeschmackt. Als wenn ich die hier suchen müßte? Sie

werden mich zerstreuen, Madame. (Auf und ab, sich den Hof machend.)

Wenn Sie das können, Madame--denn ich habe nichts zu versäumen.

Arabella (boshaft). Desto mehr dieser kostbare Mohr, Signora. Wie

grausam, bedenken Sie! die Perspectivchen der jungen Stutzer um diese

schöne Prise zu bringen? Ah! und das blitzende Spiel der Perlen, das

Einem die Augen bald wund brennt.--Beim großmächtigen Gott! haben Sie

nicht das ganze Meer ausgeplündert?

Julia (vor einem Spiegel). Das ist Ihr wohl eine Seltenheit,

Mamsell? Aber höre Sie, Mamsell, hat Sie Ihrer Herrschaft auch die

Zunge verdingt? Scharmant, Madame! Ihre Gäste durch Domestiken

becomplimentieren zu lassen.

Leonore. Es ist mein Unglück, Signora, daß meine Laune mir das

Vergnügen Ihrer Gegenwart schmälert.

Julia. Eine gräßliche Unart ist das, die Sie schwerfällig und albern

macht. Rasch! lebhaft und witzig! Das ist der Weg nicht, Ihren Mann

anzufesseln.

Leonore. Ich weiß nur einen, Gräfin. Lassen Sie den Ihrigen immer

ein sympathetisches Mittel bleiben.

Julia (ohne darauf achten zu wollen). Und, wie Sie sich tragen,

Madame! Pfui doch! Auch auf Ihren Körper wenden Sie mehr. Nehmen

Sie zur Kunst Ihre Zuflucht, wo die Natur an Ihnen Stiefmutter war.

Einen Firniß auf diese Wangen, woraus die mißfärbige Leidenschaft

kränkelt. Armes Geschöpf! So wird Ihr Gesichtchen nie einen Käufer

finden.

Leonore (munter zu Bella). Wünsche mir Glück, Mädchen. Unmöglich

hab' ich meinen Fiesco verloren, oder ich habe nichts an ihm verloren.

(Man bringt Chocolade, Bella gießt ein.)

Julia. Von Verlieren murmeln Sie etwas? Aber mein Gott! wie kam

Ihnen auch der tragische Einfall, den Fiesco zu nehmen?--Warum auf

diese Höhe, mein Kind, wo Sie nothwendig gesehen werden müssen?

verglichen werden müssen?--Auf Ehre, mein Schatz, das war ein Schelm

oder ein Dummkopf, der Sie dem Fiesco kuppelte. (Mitleidig ihre Hand

ergreifend.) Gutes Thierchen, der Mann, der in den Assembleen des

guten Tons gelitten wird, konnte nie deine Partie sein. (Sie nimmt

eine Tasse.)

Leonore (lächelnd auf Arabellen). Oder er würde in diesen Häusern

des guten Tons nicht gelitten sein wollen.

Julia. Der Graf hat Person--Welt--Geschmack. Der Graf war so

glücklich, Connaissancen von Rang zu machen. Der Graf hat

Temperament, Feuer. Nun reißt er sich warm aus dem delicatesten

Zirkel. Er kommt nach Hause. Die Ehfrau bewillkommt ihn mit einer

Werkeltagszärtlichkeit, löscht seine Gluth in einem feuchten,

frostigen Kuß, schneidet ihm ihre Caressen wirthschaftlich, wie einem

Kostgänger, vor. Der arme Ehmann! Dort lacht ihm ein blühendes

Ideal--hier ekelt ihn eine grämliche Empfindsamkeit an. Signora, um

Gotteswillen! wird er nicht den Verstand verlieren, oder was wird er

wählen?

Leonore (bringt ihr eine Tasse). Sie, Madame, wenn er ihn verloren

hat.

Julia. Gut. Dieser Biß sei in dein eigenes Herz gegangen. Zittre

um diesen Spott, aber eh du zitterst, erröthe.

Leonore. Kennen Sie das Ding auch, Signora? Doch warum nicht? Es

ist ja ein Toilettenpfiff.

Julia. Man sehe doch! Erzürnen muß man das Würmchen, will man ihm

ein Fünkchen Mutterwitz abjagen. Gut für jetzt. Es war Scherz,

Madame. Geben Sie mir Ihre Hand zur Versöhnung.

Leonore (gibt ihr die Hand mit vielsagendem Blick). Imperiali!--vor

meinem Zorn haben Sie Ruhe.

Julia. Großmüthig, allerdings! Doch sollt' ich's nicht auch sein

können, Gräfin? (Langsam und lauernd.) Wenn ich den Schatten einer

Person bei mir führe, muß es nicht folgen, daß das Original mir werth

ist? Oder was meinen Sie?

Leonore (roth und verwirrt). Was sagen Sie? Ich hoffe, dieser

Schluß ist zu rasch.

Julia. Das denk' ich selbst. Das Herz ruft nie die Sinne zu Hilfe.

Wahre Empfindung wird sich nie hinter Schmuckwerk verschanzen.

Leonore. Großer Gott! Wie kommen Sie zu dieser Wahrheit?

Julia. Mitleid, bloßes Mitleid--Denn sehen Sie, so ist es auch

umgekehrt wahr--und Sie haben Ihren Fiesco noch. (Sie gibt ihr ihre

Silhouette und lacht boshaft auf.)

Leonore (mit auffahrender Erbitterung). Mein Schattenriß? Ihnen?

(Wirft sich schmerzvoll in einen Sessel.) O der heillose Mann!

Julia (frohlockend). Hab' ich vergolten? hab' ich? Nun, Madame,

keinen Nadelstich mehr in Bereitschaft? (Laut in die Scene.) Den

Wagen vor! Mein Gewerb ist bestellt. (Zu Leonoren, der sie das Kinn

streicht.) Trösten Sie sich, mein Kind. Er gab mir die Silhouette im

Wahnwitz. (Ab.)

Die Verschwörung des Fiesco zu Genua: Ein republikanisches Trauerspiel · 第 25 / 105 题