»Jetzt haben wir's! Ja! Der arme Teufel! Jetzt fallt mir alles wieder
ein. Und zwei Madln hat man wegtragen müssen. Net? Auf eine kann ich
mich ganz gut bsinnen. So a kleine. Mit lustige Äugerln.« Er sah ins
Leere, ernst, doch ruhig. »Ja, Schwester, so geht's! Junge, lustige
Leut! Und laufen der süßen Freud nach. Und gahlings is d' Nacht da. Und
alls hat an End.« Mit raschem Griff umklammerte er die Hand des Mädels.
»Schwester! Solang er noch schnaufen därf, der Mensch, muß er sich
anhalten an der lieben Freud -- 's kunnt allweil die letzte sein.«
Die Heilung des Bruders erkennend, sprang Modei auf und hob unter Weinen
und Lachen die Arme. »Vergelts Gott! Jesus! Vergelts Gott! Tausendmal
Vergelts Gott!«
»Schwester?« Verwundert guckte Lenzl an ihr hinauf. »Was hast denn?«
Flink erhob er sich.
Erschüttert und in Freude klammerte sie den Arm um seinen Hals. »Dös
mußt ja doch selber spüren --«
»Was?«
»Dein Verstand is wieder licht. Dös merk ich, Bruder -- dös muß ich doch
merken --«
»Verstand? Und merken? Was?« In drolligem Mißtrauen sah er die Schwester
an und begann zu lachen. »O du Schlaucherl! Spannst a bißl ebbes? Gelt,
von die _ganz_ Dummen bin ich keiner. Und heut -- Schwester -- allweil
glaub ich, heut bin ich einer von die _ganz_ Gscheiden gwesen. Und wie's
mir eingfallen is in der Fruh, da hab ich a Freud ghabt -- ich kann
dir's gar net sagen!« Wieder das muntere Lachen. »Ah, _der_ hat gschaut
-- wie ich so gsprungen bin auf der Straßen. Und allweil: Jesus, Maria,
Jesus, Maria! Und derschrocken is er -- aaah, dös is ihm gsund! Da
schmeckt ihm nacher d' Freud um so besser.«
In Modei, als sie den Bruder so unverständlich reden hörte, erwachte die
Sorge wieder. »Lenzl? _Was_ denn? _Was_ denn?«
»Öha, langsam!« scherzte er. »Net gar so pressieren! A bißl Geduld mußt
allweil haben.« Schmunzelnd guckte Lenzl zum Steig hinüber. »Aber lang
wird's nimmer dauern. Da kunnt ich wetten drauf.« Er sah die Schwester
an und zwinkerte lustig mit den Augen. »A Mordstrumm Weg hab ich machen
müssen. Und hungern tut mich. Seit der Fruh hab ich nimmer aufs Essen
denkt. Hast net a Bröckl für mich?«
Halb noch ratlos, zwischen Sorge und Freude, sprang Modei über die
Stufen hinauf. »Aber freilich, ja! Gleich koch ich dir ebbes auf. Und 's
Allerbeste, was ich hab.« Sie raffte ein paar Scheite Brennholz zwischen
die Hände und verschwand im Dunkel der Hüttentür.
Der Alte lachte. »Und an Trunk muß ich haben. An festen. Wie Fuier is
mir der Durst im Hals.« Er ging zum Brunnen. »Da drunt im Faller Tal, da
hat's a Hitz ghabt zum Verschmachten.« Er trank am Brunnenstrahl. Dann
guckte er sinnend in den Wasserspiegel des Troges. »So ebbes Gspaßigs!
Da schaut an alts und a lustigs Gsicht aus'm Wasser aussi. Mit weißgraue
Haar und mit schieche Falten. Und wie ich 's letztmal einigschaut hab,
da hab ich zwei junge, traurige Augen ghabt. -- Ah na! So kann's net
sein! -- Bin _ich_ amal _jung_ gwesen? -- Es kommt mir so für, als wär
ich schon alt auf d' Welt kommen? Und hätt a Ruh ghabt vor allem, was
für junge Leut a Plag is.« Versunken in Gedanken, immer murmelnd, ging
er zur Hütte, blieb stehen, sah zu den Stauden des Waldsaums hinüber und
wurde unruhig.
Da drüben wand sich der Jäger Hies aus den Büschen heraus, mit Bergstock
und Büchse, den Kopf gebeugt, immer zur Erde spähend. Von seiner
munteren Art war nichts an ihm zu gewahren. Eine eiserne Härte war in
seinem Gesicht, in jeder Bewegung, die er machte. Und immer näher kam er
den Hüttenstufen.
Lenzl richtete sich auf und tat ein paar flinke Sprünge gegen den Jäger.
»Hies!«
Der Jagdgehilf zuckte mit dem schwarzbärtigen Kopf in die Höhe. »Ah so,
du bist da? Grüß dich Gott!«