»Was hat s' denn für a Krankheit?«
»Die gleiche wie du. Bloß a bißl anders.«
»Geh, du Narr du!« Der Jäger lachte. »Ich? Und krank? Ah na! Gsund bin
ich allweil.«
»Grad von der Gsundheit kommen die ärgsten Leiden.«
»Aber Lenzl! _Hat's_ dich heut schon wieder?«
Leis lachte der Alte. »Wie gscheider einer wird, um so leichter glauben
die andern, daß er a Narr is.« Er spähte zur Hüttentür hinüber. »Lus
auf, ich weiß dir was Neus.« Unter hetzendem Geflüster erzählte er von
der Botschaft, die Blasi durch den Doktermartl hatte ausrichten lassen.
In Erregung lauschte Friedl und hörte mit Freude, wie Modei den
Botengänger abgefertigt hatte. Zögernd fragte er: »Hat d' Schwester
gweint?«
»Net an einzigs Zahrl!« In Lenzls Augen brannte eine wilde Freude. »Es
macht sich, Friedl, es macht sich! Und alle miteinander halten wir
Stuhlfest, du und d' Schwester, und ich und 's Lisei. Und Balken
spreißen wir eini untern Tanzboden. Und nachher --« Sein verstörter
Blick suchte im Leeren. »Was hab ich denn sagen wollen? Steh ich schon
lang bei dir vor der Hütten da? Es kommt mir so für, als tät's hundert
Jahr her sein, derzeit wir gredt haben mitanand!« Den Kopf schüttelnd,
ging er davon und murmelte: »Gspaßig, was unserm Herrgott für Sachen
einfallen!« Müd, wie ein an allen Gliedern Zerbrochener, stieg er gegen
den Berghang hinauf, über den schon die ersten Schatten des Abends
fielen.
Modei trat aus der Tür. Sie hatte die Arbeitsschürze abgelegt und eine
weiße umgebunden; über dem Mieder trug sie eine kurze, offene Jacke. In
der einen Hand hielt sie einen blauen Leinenrock, in der anderen ein
altes Zigarrenkistchen, das angefüllt war mit allerlei Nähzeug.
»Was is denn?« fragte der Jäger. »Willst dich gar noch zur Nahterei
hocken? Siehst ja fast nix mehr.«
»A halbs Stündl tut's es schon noch. Untertags hab ich kei' Zeit.« Modei
setzte sich auf die Steinbank, nahm den blauen Rock übers Knie, stellte
das Kistchen neben sich und unterzog einen langen, klaffenden Riß einer
aufmerksamen Betrachtung. »Und ich möcht mei' Sach allweil sauber
beinand haben. Geh, setz dich her da! D' Nahterei macht sich leichter,
wann man a bißl plauscht dazu. Heut mußt dich auch net so tummeln mit'm
Fortgehn, heut hast an guten Heimweg, der Himmel is klar, und der Mond
wird da sein, vor's Nacht is.«
»Ich geh heut gar nimmer ummi in d' Jagdhütten«, sagte Friedl, während
er sich neben Modei auf die Bank niederließ.
»Wo gehst denn nacher hin?«
»Heim, nach Fall abi.«
»Morgen kommst aber wieder auffi?«
»Na! Von morgen an hab ich d' Aufsicht im Rauchenberg, und an andrer
Jagdghilf, wahrscheinlich der Hies, kommt auf vierzehn Täg in den Bezirk
da.«
Modei hob das Gesicht. »Geh! Kommst nacher du vierzehn Täg lang gar
nimmer da her?«
»Der Dienst halt! Was kannst da machen!«
Modei beugte sich seufzend über ihre Arbeit; achtsam schnitt sie mit
einer plumpen Schere aus dem Rock an der Stelle des Risses ein großes
Viereck heraus und säbelte ein ebenso geformtes, etwas größeres Stück
aus einer alten, löcherigen Schürze, die schon öfters zu ähnlichen
Reparaturen Stoff hatte hergeben müssen. Während sie das Leinenstück mit
Stecknadeln über die Lücke des Rockes heftete, sprach sie vor sich hin:
»Es is mir gar net recht, daß ich dich solang nimmer sehen soll. Ich hab
mich ganz gwöhnt dran, daß d' jeden Abend da bist.«
Dem Jäger fing das Herz zu hämmern an, und auf seinen Lippen lagen
hundert Fragen; mit Gewalt zwang er sie zurück und hielt schweigend den
Blick auf die emsigen Finger gerichtet, die in die Nadel den blauen
Faden zogen, einen Knopf an das Ende flochten und dann eifrig zu
sticheln begannen. So guckte er lange zu. Dann sagte er: »D' Nahterei
muß a schwere Sach sein!«
»Können muß man's halt.«
»Freilich, ja. Wann ich a Nadel einfadeln will, brauch ich allweil a
halbe Stund dazu. So a Nadel, so a feine, is a Ludersteuferl!« Weil
Modei ein bißchen lachte, rückte er mutig näher. »Wann ich jetzt
vierzehn Täg nimmer komm, tut's dir auch wirklich a bißl ahnd nach mir?«
»Gwiß, Friedl! Du bist allweil gleich gut aufglegt und unterhaltsam. So
bist gegen alle Leut. Aber es kommt mir so für, als wärst du's gegen
mich noch a bißl mehr wie zu die andern. Bist a guter Mensch!«
»Gut?« Er lächelte. »Ich weiß schon, d' Leut sagen so: a guter Mensch --
und da meinen s': a Rindvieh.«
»Geh! Na!«
»Aber glaub mir's, Madl: 's richtige Gutsein is grad so a schwere Arbet
wie d' Nahterei. Oft schon in der Nacht bin ich gsessen mit brennheiße
Augen. Und hab gstritten mit'm Unmutsteufel in mir. Gut sein _müssen_,
weil man net anders kann, dös is a Gwicht, an unkommods. Aber gut sein
mögen und 's Gutsein derzwingen, dös macht eim 's Leben besser.« Friedl
stellte die Nähschachtel, die zwischen ihm und Modei stand, auf die
andere Seite und rückte näher. »Wann ich gut bin, weiß ich allweil,
warum.«
Ein kurzes Schweigen.
»Friedl?«
»Was?«
»Bist gut zu mir? Und weißt, warum?«
»Ja. Weil d' es verdienst. Und weil ich mir denk, du kunnst a bißl
Freundschäftlichkeit grad jetzt gut brauchen.«
Das Mädel hob die Augen. »Brauchen?« Das hatte strengen, fast erregten
Klang. »Warum?«
Friedl hätte viel darum gegeben, wenn er das unvorsichtige Wort wieder
ungesprochen hätte machen können. Verlegen sah er in Modeis Augen. »No
ja --«
»Du?« Ihre Stimme zitterte. »Du weißt was?«
»Alles!«
»Von wem?«
»Augen hab ich ja selber. Und --«
»Der Lenzl? Gelt?« In Zorn war Modei aufgesprungen. Wortlos kramte sie
ihr Nähzeug zusammen. Als sie sah, daß ihr Friedl den Weg zur Tür
vertrat, schob sie das Kistchen wieder auf die Bank, setzte sich und
nähte schweigend weiter.
»Deswegen mußt dich net alterieren!« sagte Friedl und stellte die
Schachtel fort. »Ich mein' dir's gut! Und bei mir is a heimlichs Wörtl
aufghoben. Da brauchst dich net fürchten.«
»Fürchten?« Sie unterbrach die Arbeit nicht. »Ah na! 's Fürchten hab ich
verlernt. Glauben und Fürchten is allweil an Einzigs. Verliert man 's
Strumpfbandl, nacher rutscht der Strumpf halt auch. Die letzten Wochen
haben fest grissen an mir. Den ganzen Tag so allein! Und alles allweil
einiwürgen! Vielleicht is's grad gut für mich, daß d' alles weißt. Da
hab ich doch wen, mit dem ich reden kann.« Die Stimme erlosch ihr. Sie
drehte das Gesicht auf die Seite, wollte einfädeln und fragte mit
erwürgtem Laut: »Wo is denn d' Schachtel schon wieder!«