Die Patientin begann obstinat zu werden. »Na, na, na, dös tu ich net.
Hint aussi fehlt mir gar nix. Da bin ich gsund.«
»Umdrahn, sag ich! Der Dokter muß _alls_ beaugenscheinigen.« Martl
wirbelte die Alte energisch herum und legte das Ohr an ihren Rücken,
tief unten, wo er schon anfängt, anders zu heißen. Und während die Alte
sich in steigendem Schreck bekreuzigte, staunte der Medikus:
»Herrgottsakra, da drin rumpelt's wie in der Kaffeemühl!« Kopfschüttelnd
richtete er sich auf. »Da kenn ich mich noch allweil net aus. Wärst a
Kuh, so wüßt ich schon lang, wie ich dran bin mit dir. Aber 's
Menschliche hat seine Hakerln. Tu mir amal dein' Zustand a noch bißl
diffanieren!«
»Mein, es tut mich halt gar nix freuen!« trenzte die Alte wie ein Kind,
das nah am Weinen ist. »Bald tut's mich frieren, bald muß ich schwitzen.
Und allweil betrüben mich so gspaßige Traurigkeiten. Allweil tu ich
ebbes mängeln und weiß net, was. Und so viel harte Nächt schickt mir der
liebe Gott! Ich sag dir's, Martl: oft liegt's mir wie a paar Zentner auf
der Magengrub. Und allweil muß ich von die Mannsbilder träumen.«
»Ah sooooo?« Weil die zwei andern lachten, zürnte der weise Mann: »Dös
is fein gar nix zum Lustigsein! Dös is a _gfahrlicher_ Zustand!«
»Jöises, jöises, jöises!« Unter Tränen streckte Punkl die Zunge wieder
heraus.
Da sagte Lenzl mit wunderlich schrillen Lauten: »Ich kunnt dir schon
sagen, was dir fehlt! Hungerleiden is hart. Bloß ich kann's. Die andern
sterben dran.« Seine Augen irrten, während er mit der Hand die Stirne
rieb. »Was hab ich denn sagen wollen?« Er sah die Alte an und konnte
lachen.
»Ös zwei! Gehts a bißl auf d' Seiten!« befahl der Doktermartl. »Jetzt
muß ich mit der Punkl medazinisch reden.«
»Ui jegerl!« Kichernd zog Monika den Lenzl zum Stall hinüber. Und Punkl
fragte in Angst: »Was is denn? Was is denn? Is dös ebbes Ansteckets?
Oder muß ich ebba schon _bald_ sterben?«
Martl wollte reden, blieb stumm und besann sich.
»Malefiz noch amal, wie mach ich denn jetzt dös?«
»_Was_ hast gsagt?«
Er brüllte der Alten ins Ohr: »Mit dir laßt sich 's Medazinische schwer
verhandeln. Weil man schreien muß, daß d' Leut alles hören.«
»Muß ich sterben?« wimmerte Punkl. »Muß ich sterben?«
Ohne ihre Klage zu beachten, rief Martl zum Stall hinüber: »Ös zwei!
Halts enk d' Ohrwascheln a bißl zu!« Gleich steckten die beiden ihre
Zeigefinger als Stöpsel in die Ohren.
»Martele, liebs Martele, so sag mir doch um Gotts willen: muß ich
sterben?«
»Ah na! Du kannst hundert Jahr alt werden. Aber plagen wird's dich noch
bis an dein tugendhäftiges Lebensende. Dös is a Naturgsetz.«
Um der hundert Jahre willen wagte die Alte ein bißchen aufzuatmen. »Was
hab ich denn nacher für a Leiden?«
Mit Löwenstimme verkündete der Isartaler Äskulap: »D'
Altjungfernkrankheit hast! Da hat sich 's verhaltene Geblüt auf d'
Nerviatur gschlagen. Und dös wumselt und rumpelt a so in dir.
Naturgsetz! Da kannst nix machen. D' Unschuld is ebbes Schöns. Aber wann
s' gar z' lang dauert, hat s' ihre Mucken. Da säuerlt s' in eim Menschen
wie 's Bier im überständigen Faßl!«
»Gelt, ja? Gelt, ja?« pflichtete Punkl in heißem Eifer bei. »Oft schon
hab ich mir denkt: ich hätte net so fest bleiben sollen vor a zwanzg a
dreißg Jahr. Jetzt hab ich den Schaden. Jöises, jöises! Aber da wird man
ja doch um Gotts willen noch helfen können?«
»Bei _dir_?« Nach kurzer Betrachtung der Patientin erklärte Martl
entschieden und im reinsten Hochdeutsch: »_Nein!_« Dann rief er zum
Stall hinüber: »So, ös zwei, kommts wieder her da!«
Nachdenklich kraute Punkl sich hinter den Ohren und murmelte vor sich
hin: »Da muß ich mich a bißl umschaun -- daß ich mei' Gsundheit wieder
find.«
»Grüß Gott beinander!« klang die Stimme Friedls, der über den Hang des
Steiges herauftauchte. Ihm voraus lief Bürschl, der winselnd in der
Hüttenstube verschwand.
Von allen wurde Friedl begrüßt. »Schau, schau«, sagte Monika, als sie
ihm die Hand reichte, »bist schon wieder da? Seit vierzehn Täg is ja der
Modei ihr Hütten 's reine Pirschhäusl! Da geht der Jager aus und ein wie
der Pfarr in der Sakristei.«
»Sei net neidisch!« fiel der Doktermartl ein. »Du wirst auch dein'
trosthaften Kapuziner haben!«
Lachend versetzte ihm das Mädel einen Puff und ging zum Brunnen.
Der Jäger stieg zur Hüttentür hinauf. Als er an Lenzl vorbeikam, fragte
er leis: »Wie geht's ihr denn?«
»Gut!« flüsterte Lenzl, während Friedl Gewehr und Bergstock neben der
Tür an die Hüttenwand lehnte. »Modei, geh, komm aussi, es is wer da!«
»Ja«, klang die Stimme der Sennerin aus der Hütte, »der Bürschl hat
sein' Herrn schon bei mir angmeldt.« Modei trat unter die Tür und
reichte dem Jäger die Hand. »Grüß dich Gott! Wie geht's dir denn?«