Vorspiel

Eine stille, kalte Dezembernacht lag über dem Bergdorfe Lenggries. Die

beschneiten Berge schnitten scharf in das tiefe Nachtblau des Himmels,

aus dem die Sterne mit ruhigem Glanz herunterblickten in das lange,

schmale Tal. Dick lag der Schnee auf Flur und Weg, auf den starrenden

Ästen der Bäume und auf den breiten Dächern der Häuser, hinter deren

kleinen Fenstern das letzte Licht schon vor Stunden erloschen war.

Nur die Wellen der Isar, deren raschen Lauf auch die eisige Winternacht

nicht zum Stocken brachte, sprachen mit ihrem eintönigen Rauschen ein

Wort in die alles umfangende Stille; und zwischendrein noch klang von

Zeit zu Zeit der Anschlag eines Hundes, dem die Vergeßlichkeit oder das

harte Herz seines Herrn die Tür verschlossen hatte, und der nun aus

seiner fröstelnden Ruhe unter der Hausbank auffuhr, wenn vor dem

Hofgatter die Tritte des Nachtwächters im Schnee vorüberknirschten.

Langsam machte der Mann dieses einsamen Geschäftes seine Runde im Dorf,

eine hagere, noch junge Gestalt, eingehüllt in einen weitfaltigen, bis

auf die Erde reichenden Mantel, dessen Pelzkragen aufgeschlagen war;

eine dicke Pudelmütze war tief über den Kopf gezogen, so daß zwischen

Mantel und Mütze nur der starke, eisbehauchte Schnurrbart hervorlugte.

Die Hände des nächtlichen Wanderers staken in einem Schliefer aus

Fuchspelz. Mit dem Quereisen in den Ellbogen eingehakt, hing unter dem

rechten Arm der hellebardenähnliche »Wachterspieß«, dessen Holzschaft

lautlos nachschleifte im fußtiefen Schnee.

Plötzlich hielt der Wächter inne in seiner Wanderung. Vor ihm stand ein

kleines Haus, dessen Giebelseite bis dicht an die Straße reichte, von

der es durch einen schmalen eingezäunten Raum getrennt wurde. Wenn man

sich ein wenig streckte, konnte man mit der Hand über den Zaun bis ans

Fenster greifen. So tat der Einsame, und zweimal klirrte unter einem

schwachen Klopfen das letzte der drei Fenster. Nach einer Minute klopfte

er wieder, etwas stärker. Wieder wartete er, klopfte von neuem und immer

wieder. Hinter dem eisblumenbedeckten Fenster wollte nichts lebendig

werden.

»Heut hört's wieder amal gar nix, dös Teufelsmadl!« brummte der Wächter,

während er zusammenschauerte und mit den Lippen schnaubte, daß ihm die

Eistropfen vom Schnurrbart flogen. Eine Weile besann er sich, ob er

gehen oder bleiben sollte. Dann schlug er mit der ganzen Hand an die

Scheibe, die bei dieser groben Mißhandlung so heftig klirrte, daß auch

ein stocktauber Schläfer hätte erwachen müssen. Und wirklich, in der

Stube ließ sich ein Geräusch vernehmen, als würde ein Stuhl gerückt;

gleich darauf zitterte die Fensterscheibe, öffnete sich um ein paar

Fingerbreiten, und durch den Spalt fragte eine gedämpfte Mädchenstimme:

»Was is denn? Was für einer is denn schon wieder da?«

»Ich bin's, der Veri!« klang leis die Stimme des Wächters. »Geh,

Punkerl, mach a bißl auf! Ich muß schier sterben vor Kält und Langweil.«

»Was hast gsagt?«

Veri neigte den Oberkörper so weit als möglich über den Zaun. »Daß ich a

bißl fensterln möcht bei dir!«

»Was dir net einfallt!« lautete die unwillige Antwort des Mädels. »Es

scheint, du bist noch net gscheid auf deine dreißg Jahr? Meinst, ich

stell mich bei so einer Kälten im Hemmed daher ans offene Fenster?«

»Kannst ja in a Rock einischlupfen.«

»Ah na! Gut Nacht! 's warme Bett is mir lieber.«

Das Fenster schloß sich, und alles war still.

»So, so? An andersmal mag _ich_ halt nimmer. Weißt was? Steig mir am

Buckel auffi!« Diese Worte schienen den Ärger des Abgeblitzten

beschwichtigt zu haben. Gleichmütig, als wäre nichts Kränkendes

geschehen, schritt er wieder die Straße dahin.

Die Langweile machte ihn gähnen. In der ersten Hälfte der Nachtwache

hatte er von Stunde zu Stunde auf den Glockenschlag passen können, um

seinen Wächterspruch in die Nacht hineinzusingen. Das letzte seiner

Lieder war längst erledigt:

»Ös Mannder und Weibsleut, laßts enk sagen,

Die Glock am Turm hat zwei Uhr gschlagen!

Bewahrt das Feuer, bewahrt das Licht,

Daß enk an Leib und Seel kein Schaden gschicht!«

Nun war ihm auch sein Gesangsvergnügen genommen, weil ihm von dieser

Stunde an die Gemeindevorschrift das Absingen des Wächterspruches

untersagte. Ein nächtliches Unheil, das um zwei Uhr morgens noch nicht

geschehen ist, kann warten, bis es Tag wird und bis sich die Bauern den

Schlaf aus den Augen reiben. So schritt der Wächter seines Weges, sich

damit unterhaltend, daß er von den Stangen der die Straße geleitenden

Zäune mit dem Schaft seines Spießes den Schnee wegstreifte. Von dem

vielstündigen Umherwandern ermüdet, setzte er sich auf einen der dicken

Holzpflöcke, die an Stellen, wo von der Straße ein Fußpfad durch die

Gärten führt, zum leichteren Übersteigen der Zäune dienen.

Veri machte sich's bequem, scharrte von dem Fleck, wo seine Füße

standen, den Schnee fort und betrachtete das ihm gegenüberliegende

Gehöft des Meierbauern. Es war ein hölzernes Haus: Wohnraum, Stallung

und Scheune in ein Ganzes zusammengebaut und alles überdeckt von dem

langgestreckten, weit über die Holzmauern vorspringenden Schindeldach,

über dem sich der Schnee mit fester Decke gelagert hatte. Es war kein

großer, reicher Bauernhof, aber Veri wäre glücklich gewesen, sich im

Besitz eines solchen Gütls zu wissen; vielleicht wäre dann das

verfrorene Punkerl vor einer halben Stunde weniger empfindsam gegen die

Kälte gewesen.

Beim Meierhofer ging Veri häufig ein und aus, als Freund und »Spezi« des

fünfundzwanzigjährigen Lenzl, der mit den Eltern und seinem dreijährigen

Stiefschwesterchen Modei[1], einem Kind aus zweiter Ehe, hier wohnte. Es

war ein bißchen Neid gegen Lenzl, was Veri empfand, als er sich dachte,

wie hübsch es wäre, wenn er mit Punkerl, nein, mit einem anderen,

mildherzigeren und warmblütigeren Mädel durch diese schmale, niedere

Haustür einziehen könnte als Mann und Frau. Er dachte sich mit einem

jungen, fröhlichen Weiberl in die geräumige Wohnstube, die mit der Küche

den Raum zu ebener Erde einnahm; die große Bodenkammer, die über dem

Stalle lag, an der Langseite ein Dachfenster hatte und den beiden alten

Leuten als Schlafraum diente, erschien ihm in seinen Träumen von Glück

und bettwarmer Liebe als die gemütlichste Ehestube; für die kleine

Kammer, deren einziges Fenster nach der vorderen Giebelseite ging und in

welcher Lenzl mit dem Schwesterchen schlief, hätte sich im Lauf der Zeit

wohl auch eine passende Verwendung gefunden, meinte Veri. Und nun gar

der schöne Stall mit den acht Kühen! Und die große Scheune, dick

vollgepfropft mit dem besten Heu!

[1] Maria.

Aber Veri war ein armer, heimatloser Bauernknecht, der, um sich ein paar

Kreuzer zu verdienen, jede Nacht für irgendeinen faulen und schläfrigen

Burschen die von Haus zu Haus wechselnde Nachtwache übernahm. Ein

Seufzer hob seine Brust, während sein Blick über das stille Gehöft

glitt. Da bemerkte er auf dem Dach eine schwarze, schneelose Fläche, die

ihm früher nicht aufgefallen war. Je schärfer er hinsah, desto

deutlicher kam es ihm vor, als würde dieser Fleck immer größer; nun

schwand auch an anderen Stellen der Schnee, und es klang dabei wie das

Klatschen fallender Tropfen.

Kam Tauwetter? Veri hauchte kräftig in die Luft. Als er im Dämmerschein

des Schneelichtes den feinen Eisstaub gewahrte, zu dem sein Atem in der

Kälten gerann, schüttelte er nachdenklich den Kopf und sah wieder hinauf

zu den rätselhaften Flecken, die sich erweitert hatten und schon

hinaufreichten bis zur Schneide des Daches. Nun war es ihm, als

kräuselten sich da oben kleine, weiße Dampfwölkchen in die Luft; nun kam

es dicker, nun grau, nun in schwarzen Wolken -- nun barst das Dach, und

eine funkensprühende Feuergarbe schoß gegen den Himmel.

»Feuerjo! Feuerjo!«

Gellend hallte der Schreckensruf in die Nacht.

Veri stürzte auf das Haus zu und sprengte das verschlossene

Gartenpförtchen. In hallenden Schlägen fuhr der Schaft seines Spießes

gegen die verriegelte Haustür. Nichts regte sich da drinnen; nur im

Stall war es unruhig; dort rasselten die Ketten, und dumpf brüllten die

Kühe durcheinander. Immer wieder schlug Veri gegen die Tür und schrie

den Feuerruf. Da war es ihm, als hätte er im Haus ein Poltern und Rufen

vernommen; hastig sprang er auf die Straße hinaus, und in keuchendem

Laufe rannte er hinunter durch das Dorf, vorüber an den Häusern, deren

Fenster sich zu erleuchten begannen.

»Feuerjo! Feuerjo!«

Die Fenster klirrten, die Türen wurden aufgerissen. »Jesus, Mar' und

Joseph!« klang es. »Wo brennt's?« Und der Schreckensruf des Wächters

fand in hundert Kehlen ein kreischendes Echo. Wenige Minuten, und das

stille Dorf war Leben und Aufruhr. Lärmend liefen die Leute zum

Unglückshaus.

Der ganze Dachstuhl war schon umwirbelt von Flammen, die das brennende

Heu und Stroh in dicken Bündeln mit sich hinaufrissen in die Lüfte und

einen sprühenden Funkenregen niedergossen über die Nachbarhöfe. Und

immer noch standen die Türen geschlossen. Aus der Stallung klang ein

Poltern, Klirren, Stampfen und Brüllen, daß es zum Erbarmen war. Und

immer noch standen die Türen geschlossen.

»Wo is der Bauer, die Bäuerin? Wo is der Lenzl?« scholl es um das

brennende Haus. »Heiliger Herrgott! Helfts! Um Gotteswillen, helfts!

Schlagts alle Türen und Fenster ein!«

»Da her, Mannder, da her!« schrie im Hintergrund des Gartens eine

Stimme. »Da liegen zwei Zaunpfosten, da können wir d' Haustür

einschlagen!«

Wer in der Nähe stand, griff zu, die Balken wurden herbeigetragen,

dröhnend schlugen sie gegen die Haustür. Einige Sekunden noch, und

krachend flog die Tür in den Flur zurück. Ein paar der Mutigsten

versuchten einzudringen. Eine stickende Rauchwolke schlug ihnen

entgegen, und im Dunkel des Flures leuchtete das vom Luftzug ermunterte

Feuer. Alles da drinnen war altes, hundertjähriges Holz, an das die

Flamme nur zu rühren brauchte, um Nahrung zu finden.

Ein Jammern ging durch das Gedräng der Leute; die Weiber fingen zu beten

an, und vom Kirchturm klang das schrille Wimmern der Feuerglocke.

Plötzlich hörte man laute Hilferufe von der Giebelseite des Hauses. Die

Leute rannten dieser Stimme nach.

»Heilige Maria! Helfts! Helfts! Mein Vater verbrennt und d' Mutter!« An

dem kleinen Fenster der Giebelkammer stand Lenzl, in den Armen das

Schwesterchen, dessen herzzerreißendes Geschrei sich in die Hilferufe

des Bruders mischte. Über seinem Kopfe qualmte der Rauch durch das

Fenster, stieg an der Holzwand in die Höh und verschwand in den Flammen

des Firstes. Eine wilde Aufregung bemächtigte sich der Leute, die zu dem

grauenvollen Bild hinaufsahen. »Lenzl, spring aussi!« rief ein Bauer.

»Bringts Leitern!« schrie ein zweiter. Ein dritter: »Tragts Betten her,

daß er draufspringen kann!« Ein anderer wies auf einen großen, mit

Brettern überdeckten Heuhaufen, der im Hof eines Nachbars stand. Männer

und Burschen sprangen hinzu, rissen die Bretter fort und schleppten das

Heu herbei, das sie unter dem Fenster auf die Erde warfen, während die

anderen zu Lenzl hinaufschrien: »Spring, Bub! Jesus, Maria! Spring!«

Lenzl schien nicht zu sehen, was unten vorging. Mit erwürgter Stimme

schrie er immer hinein in die Tiefe des Hauses: »Vater! Mutter! Vater!

Mutter!«

Da scholl aus dem Innern des Hauses ein dumpfes Krachen. Hoch schlugen

über dem Dach die Flammen auf und leckten über den First gegen die Wände

des Giebels. Es war höchste Zeit für die beiden Menschen dort oben am

Fenster. Der ausströmende Rauch zeigte schon eine rote Färbung, die vom

Feuer im Innern herrühren mußte. Und immer noch wollte Lenzl nicht

springen. Das schreiende Kind an seine Brust gedrückt, neigte er nur

manchmal den Oberkörper heraus über die Fensterbrüstung, wenn der Rauch

stärker anschwoll. Dann klangen wieder seine Jammerrufe: »Vater!

Mutter!«

»Er springt net! Und verbrennt mitsamt dem Kind!« flüsterte einer der

Bauern dem Pfarrer zu. »Ich bitt Ihnen, rufen S' auffi zu ihm, daß der

Vater und d' Mutter schon heraußen sind.«

»Seid ruhig«, gebot der Pfarrer den Leuten, »damit er mich hören kann!«

Dann hob er die Stimme: »Lenzl! Spring herunter! Dein Vater und deine

Mutter sind nicht mehr im Haus!« Ein wilder Freudenschrei gellte droben

von den Lippen des Burschen; hastig schwang er sich auf die

Fensterbrüstung und sprang herunter in das aufgeschüttete Heu, das über

ihm zusammenschlug. Alles drängte auf den Heuhaufen zu, aus dem sich

Lenzl herauswühlte. Das Hemd und die kurze Lederhose war alles, was er

am Leibe trug, und an der Brust hielt er das Kind umklammert,

eingewickelt in eine Lodenjoppe.

»Wo is der Vater? Wo is d' Mutter?« fragte er mit bebender Stimme,

zitternd an allen Gliedern. Er hörte keine Antwort von den Leuten, die

still und bleich den Geretteten umstanden. »Wo is der Vater? Wo is d'

Mutter?« schrie Lenzl wieder. Ein Schauer rieselte über seine Gestalt.

Da trat der Pfarrer auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Schulter:

»Fasse Mut! Wir alle sind sterbliche Menschen. Der Tod ist nur ein

Übergang zu besserem Leben. Dort oben im Himmel wohnt ein Gott --« Er

konnte seine Trostrede nicht zu Ende bringen. Mit weitgeöffneten,

verglasten Augen hatte ihm Lenzl auf die Lippen gestiert. Nun fuhr er

auf, stieß mit harter Faust den Tröster von sich und schrie: »Ich will

kein' Herrgott jetzt! Ich will den Vater haben! Und d' Mutter!« Scheu

wichen die Leute vor ihm zurück, als er mit taumelnden Knien auf sie

zuwankte. Er irrte durch Garten und Gehöft, im Kreis um das brennende

Haus. Jedem Menschen spähte er ins Gesicht. »Vater! Mutter!« klang immer

wieder sein Schrei. Und wenn das Kind in seinen Armen zu wimmern begann,

neigte er das Gesicht zu ihm und flüsterte: »Sei stad, liebs Modei, sei

stad! Ich find ihn schon, mein' Vater! Und dei' Mutter! Sei stad, sei

stad!«

Er fand sie nicht.

Gewaltsam mußte man ihm den Weg zur Haustür verlegen, aus der schon die

Flammen lohten. Mit geballter Faust schlug er auf die Burschen ein, die

ihm den Zugang verwehrten, dann wankte er nach der Giebelseite des

Hauses, trat wie ein Irrsinniger auf den Pfarrer zu und schrie ihm ins

Gesicht: »Anglogen hast mich, Pfarrer! Sag mir's, du! Was für a Herrgott

is denn der deinig? Einer, der d' Leut verbrennt? Mein Vater und d'

Mutter --« Seine Worte verloren sich in ein schweres Stöhnen.

Da drängte sich durch den Kreis der Leute eine alte Bäuerin und faßte

den Schluchzenden am Arm. »Komm, Lenzl! Dein Schwesterl kunnt verkranken

in der Kält.«

Lenzl starrte in das vom Feuerschein gerötete Gesicht der Alten. »Grüß

dich, Godl! Bist auch da? Weißt es schon?« Tränen erstickten seine

Stimme. »Der Vater und d' Mutter --«

Es waren nicht übermäßig kluge Worte, die das alte Weibl in Lenzls Ohr

flüsterte, aber es waren Worte, die aus einem fühlenden Herzen kamen.

Lenzl hörte nur den warmen Klang dieser Worte, nicht ihren Sinn. Seine

Kraft war zerbrochen. Willenlos folgte er der Alten, die ihn mit sich

fortzog, hinaus aus dem Hofraum, ein Stück entlang die Straße und durch

die niedere Tür ihres kleinen Hauses. Als sie mit ihm in die enge, vom

Abend her noch wohldurchwärmte Stube trat, die von dem durchs Fenster

hereinfallenden Feuerschein und von einer kleinen, auf dem Tische

stehenden Öllampe rötlich erleuchtet war, stieg ein achtjähriger Knabe

von der Fensterbank. »Grüß Gott, Ahnl«, sagte er schüchtern, »wo is denn

der Vater und d' Mutter?«

»Draußen sind s' und helfen löschen. Geh zu, Friederl, hol a paar Kissen

aussi aus der Kammer, und warme Decken! Geh, tummel dich!« Der Bub warf

einen scheuen Blick auf Lenzl und auf das klagende Kind, dann sprang er

davon und verschwand in der Kammertür.

Nun nahm die Alte das Kind aus den Armen des Burschen, der wie

geistesabwesend vor sich hinstarrte, und zog ihn zum Tisch. »Geh, setz

dich a bißl nieder!« Sie drückte ihn auf die in das Mauerwerk

eingelassene Bank; willenlos ließ Lenzl alles mit sich geschehen; dann

kreuzte er die Arme über dem Tisch, und stöhnend vergrub er das Gesicht.

Mit zitternder Hand fuhr ihm die Alte ein paarmal über das kurze,

struppige Haar.

Da kam der kleine Bub. Er trug zwei große weiße Bettkissen und schleifte

eine wollene Decke hinter sich her. Mit der freien Hand ergriff die Alte

die beiden Kissen und legte sie, jedes ein wenig aufschüttelnd, über die

niedere Lehne des neben dem Ofen stehenden Ledersofas. Dann wickelte sie

das Kind aus der Joppe heraus, legte es in die Kissen, zog ihm das

Hemdchen glatt, breitete ihm über die nackten Füße die Joppe und darüber

die doppeltgefaltete Decke. Als sie das Kind noch auf dem Arm getragen,

war es schon eingeschlafen, und regungslos lag nun das Köpfchen mit den

heißroten Wangen in den Kissen; die halb geöffneten Lippen zitterten

unter stockenden Atemzügen, und von Zeit zu Zeit flog ein Zucken über

die geschlossenen Lider.

Während die Alte sich in Sorge über das Kind beugte, fühlte sie ein

leises Zupfen am Rock. Als sie aufsah, hingen die großen Augen des Buben

angstvoll an ihrem Gesicht. »Ahnl, was is denn?« fragte er scheu die

Großmutter. »Is denn 's kleine Maderl krank?«

»Gott soll's verhüten!« lautete die flüsternde Antwort. »Geh, Friederl,

bet a Vaterunser! Dem armen Kindl is der Vater und d' Mutter verbrennt.«

Die Tränen schossen dem Buben in die Augen, und erschrocken faltete er

die Händchen über der Sofalehne.

Die Alte ging zum Tisch hinüber. Lenzl rührte sich nicht, als sie

halblaut seinen Namen rief. Sie glaubte, daß auch ihn nach Aufregung,

Schmerz und Ermattung der Schlaf überkommen hätte. Leise schlich sie

durch die Stube und kauerte sich beim Ofen nieder, um das Feuer

anzuschüren. Während sie langsam, jedes Geräusch vermeidend, die kurzen,

dürren Holzscheite unter dem Ofen hervorzog, murmelte sie einen

Feuersegen und bekreuzigte sich. Von draußen leuchtete noch immer mit

wechselnder Helle die Lohe des brennenden Hauses in die Stube.

Friederl hatte, als die Großmutter hinter dem Ofen verschwunden war, die

Hände unter das Kissen geschoben. Immer betrachtete er das schlafende

Mäderl. Jetzt kam die eine Hand wieder zum Vorschein und glitt über das

Kissen, bis sie das Kind berührte. Ein Zittern überflog die schmächtige

Gestalt des Buben; nun neigte er das Gesicht und küßte schüchtern die

heiße Wange des Kindes.

Da scholl von draußen ein dumpfes Krachen, begleitet von

hundertstimmigem Geschrei. In der Stube zitterte der Boden, und die

Fenster klirrten.

Lenzl fuhr auf und blickte verstört um sich.

Da fiel ihm der Feuerschein in die Augen. »Heilige Maria!« schrie er.

»Vater! Mutter! Es brennt!« Dann sprang er zur Tür und stürzte hinaus.

»Wo brennt's denn? Jesus, wo brennt's denn?« scholl von draußen seine

Stimme.

»Lenzl!« jammerte die Alte, während sie sich aufrichtete und dem

Burschen nachrannte. »Lenzl!« schrie sie über die Straße hinaus. »Lenzl,

wo bist denn?« Sie sah und hörte nichts mehr von dem Burschen. So

schnell, als ihre alten Füße sie zu tragen vermochten, lief sie hinüber

zur Brandstätte.

In sich zusammengestürzt lag das Haus; glühend, glimmend und rauchend

kreuzten sich auf der Erde die eingesunkenen Balken und Sparren; nur auf

der Stelle, wo der Stall gewesen, prasselte noch eine helle, gelbe

Flamme, und zugleich mit ihr wehte ein dicker Dampf und ein widerlicher

Fettgeruch in die Lüfte. Vor dem Gluthaufen, im Hofe, stand die

Feuerspritze des Dorfes und sandte stoßweise ihren dünnen Wasserstrahl

zwischen das eingestürzte Gebälk. In zwei langen Reihen standen die

Leute bis hinunter an die Isar, und die leeren und wiedergefüllten

Wassereimer wanderten durch hundert Hände hin und zurück. Diese Arbeit

ging schon träge vonstatten; das verschüttete Wasser hatte in der

scharfen Kälte die Hände der Leute starr gemacht; auch sahen sie ein,

daß hier nichts mehr zu retten und für die Nachbarhäuser ein Schutz

nimmer nötig war. Die einen und anderen waren schon aus der Reihe

getreten, die Hände reibend und behauchend oder die Arme um die Brust

schlagend.

Bei allen Gruppen, überall hatte die Alte nach Lenzl gefragt; niemand

konnte ihr Bescheid geben, niemand hatte den Burschen gesehen.

»Mich sollt's gar net wundern«, sagte ein Bauer, »wann der arme Kerl

mitten eini gsprungen wär ins Fuier oder am End gar in d' Isar. Vater

und Mutter verlieren! Und so a schöns Anwesen! Dös is kein Spaß. Mich

dauert er schon recht, der Lenzl!«

»Und erst die armen Küh!« jammerte ein anderer. »Die dauern mich am

meisten. So viel dumm is so a Viech. Wann's brennt und man macht ihm d'

Stalltür auf, meinst, es lauft aussi? Na! Erst recht rennt's mitten eini

ins Fuier!«

* * * * *

»Jesus! Da is der Lenzl!« scholl die Stimme der Alten aus einer Ecke des

Gartens. Die beiden Bauern und mit ihnen noch ein paar andere liefen der

Stimme nach. Lang ausgestreckt, die Arme gespreizt und unbeweglich, lag

Lenzl mit Brust und Gesicht im Schnee. Wie es schien, hatte er den Zaun

überklettern wollen und einen bösen Sturz getan. An seiner Seite kniete

die Alte, rief seinen Namen und schüttelte seine Schulter. Und bettelte:

»Mannder, so helfts mir doch a bißl! Und hebts ihn auf! Und tragts ihn

ummi zu mir! Ich fürcht, ich fürcht --«

Vier Männer hoben den Lenzl auf und folgten mit ihrer Last der Alten.

Eine Schar von Neugierigen geleitete den Zug; ein Teil von ihnen kehrte

auf halbem Wege wieder um, denn die Leute mußten nun auch daran denken,

die ausgefrorenen Glieder zu wärmen und an die Arbeit zu gehen, die der

Morgen brachte.

Längst schon hatte sich das Dunkel des Himmels abgetönt in das fahle

Grau des werdenden Wintertages, und über die Spitzen der Berge fiel das

erste Frührot.

Als die Alte mit den Männern, die den Ohnmächtigen trugen, in die Stube

trat, fand sie den kleinen Friedl vor dem Sofa auf den Knien liegen.

Sein Kopf ruhte auf den Kissen, und schlummernd hielt er ein Händchen

des Kindes an seinen Mund gehuschelt.

Das Öllicht auf dem Tische mußte eben erst erloschen sein; von dem

rußigen Dochte stieg noch ein dünner Qualmfaden gegen die Stubendecke.

Wer von Lenggries an der Isar aufwärts wandert, um über Hinterriß und

das Plumserjoch hinabzupilgern an den blaugrünen Achensee, der hat

voraus zwei gute Stunden zu marschieren, um die erste Haltstation, den

Weiler Fall, zu erreichen. Eng eingezwängt zwischen ragende Berge und

bespült von den kalten Wassern der Isar und Dürrach, die hier

zusammenfließen, liegt dieser schöne Fleck Erde in stillem Frieden. Hier

ist nur wenig Platz für Sommergäste; ein kleines Bauernhaus zuvorderst

an der Straße, dann das Wirtshaus, das den Köhlern und Flößern zur

Herberge dient, dahinter das langgestreckte Forsthaus mit den grünen

Fensterläden und dem braungemalten Altan, das neue weiß getünchte

Stationshaus der Grenzwache, eine kleine rußige Schmiede und einige

Köhlerhütten, das war um 1880 der ganze Häuserbestand von Fall.

Im Hochsommer, zur Zeit der Schulferien, sah man wohl von Tag zu Tag ein

paar Touristen, selten einen Wagen. Die Stille des Ortes wurde nur

unterbrochen durch das dumpfe Poltern der Holzstämme, die, von den

Hebeln der Flößer getrieben, hinabrollten über die steilen Ufer der

Lagerplätze und mit lautem Klatsch in das Wasser schlugen. Hier und da

durchhallte ein krachender Schuß das kleine Tal, wenn der Förster oder

einer der Jagdgehilfen seine Büchse probierte. Am lautesten war es, wenn

des Abends die Schatten niederstiegen über die Berge; dann füllte sich

die geräumige Gaststube des Wirtshauses mit Köhlern und Flößern, die

Jagdgehilfen kehrten zu und die Holzknechte, die in den benachbarten

Bergen arbeiteten. Durch die offenen Fenster schollen dann vergnügte

Lieder hinaus in die Abendluft, die Zither klang, verstärkt durch die

schnarrenden Töne einer Gitarre oder einer Mundharmonika, und der

Fußboden dröhnte unter dem Stampftakte des Schuhplattltanzes. Dazwischen

tönte lautes Gelächter über ein gelungenes Schnaderhüpfel, über

irgendeinen derben Witz oder über den mißlungenen Sprung eines Tänzers,

der es vergebens versuchte, im Tanz den schwerbeschuhten Fuß bis an die

Stubendecke zu schlagen. Das Wirtstöchterchen und die Kellnerin hatten

dann vollauf zu tun mit Tanzen und Einschenken, und erst in später Nacht

endete die laute Fröhlichkeit, wenn entweder das Bier ausging oder wenn

die Gäste sich daran erinnerten, daß die frühe Morgenstunde sie wieder

zur Arbeit rief.

So war's im Sommer. Im Winter liegt hier alles eingeschneit; oft reicht

der Schnee bis hoch an die Fenster, zum großen Leidwesen der

Jagdgehilfen, die sich dann mit schwerer Müh einen gangbaren Weg bis zur

Tür des Wirtshauses ausschaufeln müssen. Nur die Isar bleibt auch in

solcher Zeit noch munter und lebendig. Jahraus, jahrein, durch Sommer

und Winter, rauscht das eintönige Lied ihres hurtigen Wellenlaufes.

Früher, vor Jahren, suchte sie nicht so gemütlich ihren Weg. Da grollte,

brauste und toste sie in ihrem steinernen Bette, warf an den starrenden

Felsen ihre lauten, weißen Wellen auf, mit wilder Gewalt zwängte sie

ihre Wassermassen durch die einengenden Steinklötze der beiden Ufer und

stürzte sie dann hinab, schäumend und wirbelnd, über drei

aufeinanderfolgende Fälle. Da hatten die Flößer schwere Not, wenn sie

mit ihren zerbrechlichen Fahrzeugen diese Stelle passieren mußten, und

mancher verlor mit seinem Floße auch das Leben. Die meisten Schiffer

zogen es vor, eine Strecke oberhalb der Fälle ans Land zu steigen, die

steuerlosen Flöße an den Felsen der Flußenge zerschellen zu lassen und

dann weiter unten im Strom die einzeln dahertreibenden Stämme wieder

aufzufangen. Die Klugheit der neuen Zeit hat sich auch hier betätigt.

Pulver und Dynamit haben die »Steine des Anstoßes« zertrümmert, und

ungefährdet passieren jetzt die Flöße die einst so gefürchtete Stelle

der Isar.

Hier in Fall, ganz zuvorderst an der Straße, die von Lenggries

einherzieht, steht ein kleines, freundliches Bauernhaus. Der ebenerdige

Stock, der einen nicht übermäßig geräumigen Stall und eine Futterkammer

umfaßt, ist aus Felsstücken aufgeführt und lehnt sich mit seiner

Rückwand gegen einen Hügel, in dem Winkel, den die Straße mit dem Strom

bildet, wo sie vom Ufer sich abzweigt gegen das Wirtshaus. Über dem

Unterstock erhebt sich der aus Balken gefügte Oberstock, der die

Wohnräume umfaßt: neben Flur und Küche eine Wohnstube und zwei Kammern.

Darüber spannt sich, weit vorspringend über den Giebel, das mit schweren

Steinen belegte Schindeldach. In seinem Schatten hängen drei Scheiben an

der Giebelwand. Der kleine weiße Holzzapfen, den jede in ihrem

durchschossenen Zentrum trägt, verkündet, wie gut der Herr dieses Hauses

die Büchse zu handhaben weiß. Unter diesen Scheiben und zwischen den

beiden Fenstern des Giebels führt in das Innere des Hauses eine niedere

Tür, zu der sich vom Hügel her eine kleine Holzbrücke spannt.

Es ist ein heißer Augusttag. Die Sonne brennt vom Himmel herab und

zeichnet mit dunklen Schatten die Umrisse des vorspringenden Daches auf

die Holzwand des Hauses.

Auf der Brücke vor der Tür steht ein schlankgewachsener Bursch in der

Tracht der Jagdgehilfen: schwergenagelte Schuhe an den nackten Füßen,

dickwollene weiße Wadenstrümpfe, die kurze gemslederne Hose, ein

blaugestreiftes Leinenhemd, an der Brust offen und nur zusammengehalten

von einem leichtgeschwungenen schwarzen Halstuch, die graue Joppe mit

dem grünen Aufschlag, der als Dienstzeichen das goldgestickte Eichenlaub

trägt, der Bergsack auf dem Rücken, und auf dem Kopf der kleine, runde

Filzhut mit dem nickenden Gemsbart. Das Gewand des Burschen ist

abgetragen und verwittert; die Büchse, die er hinter dem Rücken trägt,

ist neu und blank, und die Stahlläufe blitzen in der Sonne.

Die nachlässige, vornübergebeugte Haltung des Oberkörpers läßt kaum

vermuten, welch kraftvolle und sehnige Gestalt in diesem verblichenen

Gewande steckt. Das Gesicht ist sonnverbrannt, ist dunkler als der

leichtgekrauste, rötlichblonde Bart, der es umrahmt. Es redet eine

stille, gewinnende Sprache; die klaren, lichtblauen Augen sind es, die

dem Gesicht diesen freundlichen Ausdruck verleihen.

In der einen Faust hält der Jäger den langen Bergstock, während er mit

der anderen die Hand einer alten Frau umspannt, die unter der Türe

steht. »Pfüet dich Gott, Mutter! In vierzehn Täg bin ich wieder daheim

vom Berg. Und sorg dich net!«

»Pfüe Gott halt, Friedl! Und gib mir a bißl acht beim Steigen!«

»Ja, ja!«

»Und was ich noch sagen will --« Die Mutter zog ihn näher an sich. »Wann

droben in d' Näh von der Modei ihrer Hütten kommst, geh lieber dran

vorbei!«

»Mutter, da bin ich, wie d' Mucken sind! Allweil zieht's mich wieder

eini ins Licht, und ich weiß doch, wie's brennt!« Friedls Stimme klang

gedrückt, und ein Schatten von Schwermut huschte über seine Augen.

Die Mutter legte ihm die Hände auf die Schultern. »Geh! So a Mannsbild

wie du! Und so an unsinnige Narretei! Schau, ich setz den Fall, 's Madl

kunnt dich gern haben, so wär's doch allweil nix mit enk zwei. Du weißt

schon, wegen was! -- Jetzt geh! Sonst kunnt der Herr Förstner schelten,

weil dich so lang verhaltst. Pfüet dich Gott, mein Bub!« Dabei schob sie

ihn über die Brücke und durch die niedere Zauntür, die sie hinter ihm

ins Schloß drückte.

Ohne ein Wort der Erwiderung hatte Friedl das mit sich geschehen lassen

und stieg nun, den Blick zu Boden gerichtet, über den Hügel hinab zur

Straße.

Er mußte sich beim Förster abmelden, bevor er auf die Berge stieg, um

nach den paar Ruhetagen, die er genossen hatte, dort oben seinen

vierzehntägigen Aufsichtsdienst wieder anzutreten. Der Weg zum Förster

führte am Wirtshaus vorüber. Vor der Tür, auf einer erhöhten

Backsteinterrasse, stand im Schatten der aus dem Giebel vorspringenden

Holzaltane ein Tisch. Hier saß ein junger Mann; während er mit beiden

Händen den vor ihm stehenden Bierkrug umspannte, lauschte er aufmerksam

den Worten des neben ihm sitzenden Wirtes, der seine Rede mit lebhaften

Armbewegungen begleitete.

Der Wirt -- von allen, die bei ihm aus und ein gingen, kurzweg »Vater

Riesch« genannt -- verkörperte mit seiner breiten, gedrungenen Gestalt

und dem verschmitzten Faltengesicht, in den langen Schlotterhosen, dem

weißen Hemd und der offenen Weste den landläufigen Typus der

Hochlandswirte; auch der große Kropf fehlte nicht, dem ein braunseidenes

Halstuch zur bequemen Schlinge diente. Sein Zuhörer trug ein Gewand, das

der Tracht eines Jagdgehilfen glich; es war verwittert und abgetragen,

zeigte aber doch eine bessere Art und einen feineren Schnitt. Die

nackten Knie waren wohl auch gebräunt und von mancher Narbe durchrissen,

aber die Stirne war weiß, und der wohlgepflegte blonde Bart wie die

goldene Brille vor den blauen Augen verriet den Städter. Der Förster und

die Jagdgehilfen nannten ihn »Herr Doktor«. Sein Vater, der einst

Oberförster gewesen, amtete seit einigen Jahren in der Residenz als

Forstrat; den Sohn zog es mit jedem Sommer in die Berge, und gerne saß

er mit Flößern und Holzknechten beisammen, plauderte und sang mit ihnen

in ihrer Art und Sprache, oder zog, das Gewehr auf dem Rücken, mit einem

der Jagdgehilfen hinauf ins Gemsrevier, wo er an Ausdauer und Handhabung

der Büchse keinem gelernten Hochlandsjäger nachstand, oder er saß, wie

eben jetzt, mit dem Wirte hinter dem Bierkrug und ließ sich alte

Geschichten von Jägern und Wildschützen erzählen.

So eifrig waren die beiden in Schwatzen und Lauschen vertieft, daß sie

den Jäger nicht bemerkten, bevor er nicht dem Doktor auf die Schulter

klopfte mit den Worten: »Sie sind ja schon ganz blau! Was hat er Ihnen

denn schon wieder für a grausige Gschicht aufbunden, der Vater Riesch?«

»Gehst net weiter, du Kalfakter!« schalt der Wirt. »Willst mir leicht

gar mein' besten Kunden abspenstig machen? Da, trink lieber, is

gscheider!«

Friedl faßte den Krug, den der Wirt ihm geboten hatte, und tat einen

festen Zug.

»Gehst du in Dienst? Wohin?« fragte der Doktor.

Friedl setzte den Krug auf den Tisch. »Zur Lärchkoglhütten muß ich heut

auffi. Was is? Nix mit? Im Luderergwänd wär a guter Gamsstand. Ich

mein', da schauet was aussi, wann wir morgen durchsteigen möchten.«

»Oho! Gleich bin ich fertig!« rief der Doktor erfreut, sprang auf,

steckte die auf dem Tisch liegende Zigarrentasche zu sich, auf deren

Leder in Silber der Name des Eigentümers, Benno Harlander, eingepreßt

war, bot dem Wirt einen hastigen Gruß und rannte zum Forsthaus hinüber.

»Pressiert net so!« rief ihm Friedl nach. »Ich muß sowieso noch beim

Herrn Förstner fürsprechen!«

Benno war bereits in der Tür des Forsthauses verschwunden. Den Krug, den

er auf dem Tisch hatte stehenlassen, zog der Wirt an sich und

untersuchte ihn auf seinen Inhalt. »Hat wirklich wieder 's ganze Bier

vergessen!« brummte er. »Is dös a Herr! Grad reden därfst von eim Gams,

nacher is er schon in der Höh. Geh zu, Friedl, trink's aus, wär schad um

dös gute Bier.«

»Muß net so arg gut sein, sonst tätst es selber abischlücken.«

»Red net lang, trink!«

Friedl leerte den Krug und setzte ihn auf den Tisch, daß der Deckel

klappte. »So! Vergelts Gott! Und pfüet dich Gott!«

»Halt a bißl!« rief der Wirt und faßte den Jäger an der Joppe. »Was ich

sagen will -- a Neuigkeit, ja! Weißt es schon? Der Huisenblasi is

dagwesen, a Stündl mag's her sein.«

Friedls Gesicht wurde hart. »So? Ich hätt gmeint, der Weg nach Fall wär

ihm a bißl verleidet worden, seit er Isarwasser hat schlucken müssen,

der Lump!«

Der Wirt zuckte die Achseln. »So einer vergißt leicht! Er wird sich halt

denken, daß daheraußen in Fall die Hirschen und die Gams a bißl gar

z'viel geschont werden, und da meint er wohl, er kunnt dem abhelfen, daß

in der nächsten Brunft die Hirschen wieder dutzendweis auf meiner Wiesen

schreien.«

Friedl lachte kurz und rückte den Hut aufs Ohr. »Es scheint, der Blasi

hat Langweil nach seinem Bruder, der in Fall den letzten Schnaufer

gmacht hat? Wann er wieder zuspricht, der Blasi, kannst ihm ausrichten,

daß ihm z'helfen wär. Adjes!« Kurz wandte Friedl sich ab und ging auf

das Forsthaus zu.

»Oho, oho!« brummte der Wirt. »Meintwegen derschieß ihn heut oder

morgen! Is grad a reicher Tagdieb weniger auf der Welt.«

Als Friedl in den Flur des Forsthauses trat, kam ihm Benno bereits

entgegen, Rucksack und Büchse hinter den Schultern und den Bergstock in

der Hand. Noch ein kurzer Plausch mit dem Förster. Dann wanderten die

beiden über die Wiesen hinaus.

Durch junge Pflanzungen zog der schmale Weg, näherte sich der zur Isar

hinabrauschenden Dürrach und führte über den langgezogenen Rammsteg, an

dem zur Zeit des Tauwassers und der Regengüsse das vom Berge

niedergeflößte Scheitholz aufgefangen wird. Enge und hohe Stufen leiten

von hier aus hinauf über die Höhe, die zur linken Seite der Dürrach

steil emporsteigt; droben führt ein bequemes Sträßchen bergan, immer die

vielzerrissene Schlucht begleitend, in deren dunkler Tiefe das

Bergwasser rauscht.

»Gelt, Friedl, der große, saubere Bursch, der vorhin drunten im

Wirtshaus war, das ist der Blasi?«

Friedl nickte.

»Was ist denn das mit dem Blasi eigentlich?«

»A Lump is er, a gottvergessener! A Lump, der mir alles gstohlen hat,

was --« Mitten im Worte brach Friedl ab, und als Benno zu ihm aufsah,

flog eine dunkle Röte über das Gesicht des Jägers, der die gesprochenen

Worte zu bereuen schien. Benno merkte, daß er mit jenem Namen eine wunde

Stelle im Herzen des Jägers berührt hatte, und schwieg, so gern er auch

weiter gefragt hätte. Wortlos schritten die beiden eine Weile

nebeneinander her. Dann sagte Friedl: »A Wildschütz is er, der Blasi!

Oder is wenigstens einer gwesen, bis ihn 's End von seim Bruder

abgschreckt hat.«

»Wieso das?«

Der Jäger streifte mit forschendem Blick das Gesicht seines Begleiters.

»Geh, Friedl, wirst dich doch vor mir nicht scheuen!« mahnte Benno. »Ich

bin selber ein halber Jäger, in meinem Herzen ein ganzer.«

»Ich war net dabei bei der selbigen Geschicht«, begann Friedl nach

kurzem Zögern, wobei er seine Stimme zum Flüstern dämpfte, »und weiß

halt alles bloß vom Erzählen her. Zu der Zeit, wo der Vater Riesch, der

jetzt drunten 's Wirtshaus hat, noch der Förstner war, da is in

Lenggries a Bauer gwesen, >beim Huisen< heißt man's auf seim Haus. Der

Bauer is noch allweil draußt -- aber selbigsmal hat er _zwei_ Söhn

ghabt, den Toni und den Blasi. Der Toni war a Wildschütz, der's grob

trieben hat. Glauben S', der wär zfrieden gwesen, wann er für sich

allein an Gamsbock hätt stehlen können? Ah na, gleich fünf oder sechs

Burschen hat er noch mitgnommen, und auch sein' jüngern Brudern, den

Blasi, hat er verführt. Und da haben s' ganze Treibjagden angstellt auf

die Berg droben, heut im Bayrischen und morgen im Tirolerischen, und

alle Revier haben s' unsicher gemacht auf zehn Stund in der Gegend, und

schockweis haben dö Lumpen 's Wild auf die Flöß abigführt nach Tölz und

München. Amal, da hat's ihnen fehlgschlagen. Da is dem Förstner gsteckt

worden, daß die Huisenbuben drüben im Tirolerischen jagern und

wahrscheinlich am andern Tag auf der Isar daherkommen mit'm Floß. Und am

andern Tag auf d' Nacht war an der gfahrlichsten Stell von der Isar und

handbreit unter'm Wasser a Drahtseil gspannt, und in die Stauden drin

sind d' Jager gstanden auf der Paß! A Nacht war's, so stockfinster, daß

man kaum drei Schritt weit sehen hat können. Bis lang nach Mitternacht

haben d' Jager paßt. Da hat's Käuzl grufen. Einer von die Jager war

weiter oben auf der Paß, und wann er ebbes hört am Wasser, so war's

verabredt, nacher sollt er den Käuzlruf nachmachen. Der tut's -- a paar

Augenblick dauert's -- nacher macht's im Wasser an Krach, wie wann a

Floß anrennt und ausanandreißt. D'Jager pulvern eini in d' Nacht, a paar

Schrei werden laut, und alles war stad, mäuserlstad. Grad 's Wasser hast

noch rauschen hören.«

»Und?« fragte Benno, als Friedl keine Miene machte, weiterzusprechen.

»Wer außer die Huisenbuben dabei war, hat man nie erfahren. Abgangen is

keiner von die Burschen, und daß einer krank gwesen wär von dem Tag an,

da hat man nix ghört davon. Der Huisenblasi aber, so haben d' Leut

verzählt, wär in der selben Nacht zum Rauchentaler kommen, der a Stund

unterhalb Fall an der Isar sein Haus hat, und hätt bei ihm Einlaß

begehrt, weil er nimmer weiter kunnt. Tropfnaß wär er gwesen am ganzen

Leib, hat's gheißen. Er selber hat nacher überall rumgredt, als hätt er

an Kuhhandel in Tirol drin ghabt, und am Heimweg wär er so viel müd

gwesen, hätt beim Marschieren allweil halber gschlafen und wär über die

Böschung abikugelt ins Wasser. Glaubt hat ihm dö Gschicht freilich

keiner, um so weniger, als man zwei Tag später bei der Sägmühl unterhalb

Lenggries sein' Brudern, den Toni, tot aus'm Wasser zogen hat, und an

drei Zentner schweren Hirsch dazu, der mit'm Gweih im Toni seim Janker

einghakelt war.«

»Und du? Warst du damals schon in Fall?«

»Ah na! Ich war zur selben Zeit Jager beim Herzog von Nassau, der hinter

Lenggries dös schöne Schloß hat. Aber wissen S', die Burschen vom Ort

haben damals an argen Haß auf alles gworfen, was Jager gheißen hat. Drum

war für mich kein Bleiben nimmer in Lenggries. Da is noch dazu kommen,

daß im selben Jahr mein Ahnl und mein Vater gstorben sind. So hat halt

d' Mutter unser Häusl in Lenggries verkauft und hat sich nach Fall

verzogen, weil mein Herzog so gnädig war und hat mir's erwirkt, daß ich

in' königlichen Dienst hab eintreten därfen. Ja, und so bin ich halt

jetzt in Fall.«

Die beiden hatten während dieses Gespräches die Stelle erreicht, an

welcher rechts vom Sträßchen der Fußweg abzweigt, der hinabführt zum

Dürrachsteg und drüben hinauf zu den Almen und zur Jagdhütte. Stufen

leiten hinunter über eine kleine Lichtung, von der aus man ein gutes

Stück des gegenüberliegenden Berghanges überschauen kann. Hoch oben auf

dem Berge sah Benno eine breite Almfläche liegen, in deren Mitte das

sonnbeglänzte Dach einer Sennhütte blinkte.

»Was ist das für eine Hütte?« fragte er.

»Dö Hütten da droben? -- Dös is d' Hütten von der Modei!« Friedl machte

flinkere Schritte.

»Die Modei? Das ist doch das hübsche junge Mädel, bei dem wir neulich

einkehrten? Ich hätte die Alm von hier aus nicht erkannt, weil wir

neulich auf der anderen Seite, gegen den Grottenbach zu, abgestiegen

sind.« Benno hatte den Steg erreicht. Mit einem lauten Ausruf der

Überraschung blieb er stehen und schaute, über das Geländer gebeugt,

hinunter in die Tiefe der Schlucht. Ihre Ränder waren breit

auseinandergespannt, und auf vorgeschobenen Erdpolstern schwankte in

dicken und langen Bündeln das Berggras über den steil abfallenden

Wänden. Die am Saum des Absturzes aufragenden Fichten waren aus ihrer

senkrechten Stellung geraten und neigten ihre Wipfel der Schlucht

entgegen, als wollten auch sie neugierig hinunterblicken in die Tiefe.

Je mehr die Schlucht sich senkte, um so näher traten die Wände

zueinander, und weil von beiden Seiten massige Felsklötze nach der Mitte

zu hervorsprangen, bildete die Schlucht ein zerklüftetes Zickzack.

Überall sah man Reste von geflößtem Holz; in den Felsspalten lagen

Scheitstücke eingeklemmt, und dicke, rindenlose Baumstämme kreuzten sich

zwischen den Wänden. Unter ihnen floß das Wasser der Dürrach, bald

niederrauschend über kleine Fälle, bald tiefe, stille Kessel bildend,

bald wieder hinplätschernd über leicht geneigte Kiesgründe. Im Schatten

der Felswände lag das Wasser mit smaragdgrüner Farbe; an einer Stelle

nur, wo bei einer Wendung der Schlucht das Sonnenlicht hell hereinbrach,

war das Wasser durchsichtig wie Glas, und da sah man auf dem Grund die

Forellen spielen, die manchmal nach einer Mücke heraussprangen über den

glatten Spiegel.

Friedl war schon ein Stück voraus den Berg hinaufgestiegen; Benno konnte

sich nicht losreißen von dem schönen Bild, in dessen Betrachtung er

versunken war.

»Herr Dokter!« mahnte die Stimme des Jägers. »Wir haben noch an weiten

Weg, und der Tag dauert net ewig.«

Einen Blick noch warf Benno in die Tiefe, dann folgte er dem Jäger. Eine

gute Stunde stiegen sie empor mit gleichmäßigem Schritt. Kein Wort wurde

gesprochen, und außer dem eintönigen Klappen der Schuhe, dem Einsetzen

der Bergstöcke an beschwerlicheren Stellen und dem Kollern der kleinen

Steine, die sich unter ihren Tritten lösten, hörte man nur die tiefen

Atemzüge der beiden Steiger.

Sie hatten eine jener weit ausbiegenden Felskanten umgangen, die von der

Höhe des Grates niederliefen über den ganzen Berg, als Friedl plötzlich

innehielt und die Büchse von der Schulter riß. »Wer da? Reden, oder --«

»Oho!« klang eine tiefe Baßstimme, und lachend, so daß man trotz der

Entfernung die weißen Zähne unter dem schwarzen Schnurrbart blinken sah,

trat Hies, der zweite Jagdgehilf der Wartei, aus dem Dickicht heraus.

»Ich glaub, du wärst imstand und tätst mich als Wildschütz

niederpulvern?« Während er seine Büchse, die er in der Hand getragen,

über die Schulter hängte, stieg er den Hang herunter: eine hagere,

knochige, nicht übergroße Gestalt in einem Gewand, dessen Farben durch

Zeit, Wetter und Felsen in ein gleichmäßiges Grau zusammengestimmt

waren. Der schwarze buschige Vollbart, der ihm bis über die Mitte der

Brust herunterhing, ließ ihn älter aussehen, als er war; auf vierzig

Jahre hätte man ihn schätzen können, und doch stand er fast im gleichen

Alter mit Friedl.

Überall war Hies beliebt als lustiger Sänger und Zitherschläger, und

gerne saß alt und jung an seiner Seite, wenn er vom Kriege gegen

Frankreich erzählte, den er als junger Bursch mitgemacht hatte.

Nun trat er zu den beiden auf den Steig. »Grüß Gott, Herr Dokter! Und

grüß dich, Friedl! Wann mir jetzt der Schrecken d' Stimm verschlagen

hätt, ich glaub, du hättst mir eins auffibrennt auf'n Pelz, daß ich an

Purzlbaum hätt machen können wie a Schneehas. Aber hast schon recht, daß

a bißl scharf aufmerkst. Heut hab ich den Neunnägl wieder gspürt.«

Friedl hob den Kopf.

»Ja! Drüben wieder, am alten Fleck! Es waren bloß drei oder vier

Trittspuren, aber ganz gnau hab ich's gmerkt, daß er's gwesen sein muß

und kein andrer. Weißt was! Es ist noch Zeit bis auf d' Nacht, machst

halt den kleinen Umweg über der Modei ihr Hütten und fragst so nebenbei,

ob 's Madl kein' gsehen hat. Vielleicht kannst ebbes erfahren.«

Friedl rückte den Hut in den Nacken und fuhr sich mit der Hand über die

Stirne. »No ja, muß ich halt auffi und nachschauen! Da bleibt nix anders

übrig.« Er wandte sich an Benno. »Herr Dokter, jetzt müssen S' Ihnen den

Umweg gfallen lassen.«

»Macht nichts!« Benno lachte. »Bei der Modei haben wir ein gutes

Einkehren. Pfüet dich, Hies! Mach nur, daß du flink hinunterkommst.

Drunten haben sie frisch angezapft.«

»Dös is recht! Da leg ich mich eini mit alle zwei Knie!«

Benno und Friedl stiegen weiter bergan. Hies stand noch, und während er

den Schuhriemen, der sich gelockert hatte, fester band, hörte er Benno

fragen: »Du, Friedl, wer ist denn der Neunnägel?«

Hies lachte vor sich hin. »Da wird er umsonst fragen, der Herr Dokter!

Dös möcht ich auch schon lang wissen: wer der Neunnägel is!« Nun folgte

er dem Pfade bergabwärts und sang im Niedersteigen mit halblauter

Stimme:

»Da drunten im Tal,

Wo d' Isar tut gehn,

Da weiß ich a Häusl,

Im Garten tut's stehn.

Und drin in dem Häusl,

Mein Eid, es is wahr,

Da haust a jungs Madl

Mit schwarzbraune Haar.

Und d' Sonn, dö geht unter,

Und d' Stern, dö gehn auf,

Da klopf ich ans Fensterl:

Liebs Herzl, mach auf!«

»Zu was brauchst denn du dös viele Wasser? He! Punkl! Hörst heut schon

wieder nix?« rief auf der Grottenalm die Modei durch das kleine

Hüttenfenster einer alten Sennerin zu, die am Brunnen stand und Wasser

schöpfte. Mit der Schulter lehnte das junge Mädel am Fensterrahmen,

während es sich mit der blauen, groben Leinenschürze die Hände

trocknete. Es war eine schlanke, schmuck gewachsene Gestalt in

ärmlicher, aber sauber gehaltener Kleidung; der dunkelbraune Rock

reichte kaum handbreit über das Knie und ließ noch die grünen

Wadenstrümpfe sehen; ein schwarzes Tuchleibchen umspannte die Brust; das

Hemd von ungebleichter Leinwand reichte hoch an den Hals und ließ nur

die Arme nackt. Das Gesicht hatte wenig Farbe; wie Schwermut lag es in

den großen, dunklen Augen, und ein schmerzlicher Zug war um den Mund

geschnitten; die Stirne war hoch, und darüber lagen, schwer und schwarz,

drei durcheinandergewundene dicke Flechten.

»Punkl! Punkl!« rief Modei wieder. »Hörst denn heut gar nix?«

»Ah, Modei, du bist's!« klang es von draußen mit einer heiseren

Altstimme. »Machst schon bald Feierabend?«

»Ja! Geh, kehr a bißl zu, eh nach deiner Hütten auffisteigst!«

Ein tiefer, mehr drollig als schmerzhaft klingender Seufzer. »Heut hab

ich wieder an schiechen Tag. Alls tut mir weh, der Kopf und der Buckl

und d' Füß und alls. Aber was ich sagen will --« die Stimme kam näher,

»weißt es schon? Der alte Veri, mit dem ich vor a zwanzg a dreißg Jahr

schiergar a kleins Liebschaftl angfangt hätt, der is jetzt in der Monika

ihrer Hütten droben als Hüter eingstanden. So viel hat er mir zugsetzt!

Vor a zwanzg a dreißg Jahr. So viel zugsetzt. Aber net an einzigs

Ruckerl hat mei' Unschuld gmacht. Fest bin ich blieben. Fest wie an

Eisenstangerl. Und jetzt kommt er als Hüter da auffi. Sag mir nur grad,

was sagst jetzt du zu so einer Neuigkeit? Ja, ja, schau, so kommt man

halt wieder zamm.« Die Alte trat an das offene Fenster heran und reichte

Modei die Hand.

Ein müdes Lächeln kräuselte die Lippen des Mädels. »No, da wirst dich

aber gwiß recht freuen drüber! Ob man früher oder spater zammkommt --

wann nur überhaupt amal --«

»Was?« Punkl hob die hohle Hand hinter das linke Ohr. »Was hast gsagt?«

»Daß dich freuen wirst!«

»Heuen? Ah na, drunten sind s' schon lang fertig mit'm Heuen.« Die Alte

verschwand vom Fenster und erschien auf der Türschwelle, eine kleine,

komisch unförmliche Gestalt, weiblich nur in der oberen Hälfte, in der

tieferen Halbscheid ein sonderbares Mannsbild. Die Röcke waren wulstig

in die blauzwilchene Arbeitshose hineingestopft, so daß die Punkl um die

Mitte herum aussah wie ein nach abwärts gerutschter Riesenkropf. Nach

unten hin wurde sie in den trichterförmigen Hosenschäften immer mägerer.

Fromm bekreuzigte sie das braune, von wunderlichen Fältchen

durchschnittene Spitzmausgesicht. »Lieber, gnädiger Vater im Himmel

droben, segne meinen Eingang!«

»Du? Punkl?« sagte Modei, seltsam erregt. »Tut's dich net reuen?«

»Wie? Wo? Wer?« fragte die Alte flink, mit dem mißtrauischen Blick der

Schwerhörigen.

»Ob's dich net reuen tut?« schrie ihr Modei ins Ohr.

»Reuen? Was?«

»Daß fest blieben bist? Vor a zwanzg a dreißg Jahr.«

Nachdenklich studierte die Alte und fing zu nicken an. »Ja ja, a bißl

tut's mich schon reuen, ja! Aber 's Frieren hab ich halt net derlitten.

Dös Luder, dös damische, is allweil bei der Nachtwachterei zu mir ans

Fenster kommen, im Winter, weißt, wann's a söllene Kälten ghabt hat, daß

man scheppern hat müssen im Hemmed. Ah na, ah na! Da is mir 's warme

Bett allweil lieber gwesen. No ja, und spaternaus, wie's a bißl

gwarmelet hat, da hat sich gar kei' Glegenheit nimmer geben.« Ein

meckerndes Lachen. »Jetzt daucht mir, 's alte Sprüchl kunnt wahr sein:

Nimmt er ihm nix, der Mensch, so hat er nix.« Gähnend guckte die Alte in

der Sennstube herum.

Modei war zum Herd getreten. Verloren sagte sie vor sich hin: »Und

nimmst dir ebbes, so wird's a Gwicht und du mußt tragen dran, bis d' müd

bist an Leib und Seel.« Sie begann mit einer Sandbürste die hölzernen

Milchgeschirre zu säubern, umfunkelt von der roten Abendsonne, die einen

Strahl hereinwarf durch das kleine Fenster.

Die Stirn in Falten ziehend, guckte Punkl um sich her, als hätte sie ein

geheimnisvolles Rätsel dieser Stube zu lösen. »Ich weiß net, wie dös

kummt: bei dir in der Stuben schaut's allweil nett und freundlich aus.

Und bei mir droben in der Hütten is allweil a Saustall, daß eim grausen

kunnt. Oft muß ich selber sagen: Pfui Teufel!«

Das schien die junge Sennerin nicht gehört zu haben. Zerstreut und müde

redete sie bei rastloser Arbeit: »Heut is er hart gwesen, der Tag. Die

Blässin, unser beste Kuh, is a bißl marod. Ich hab schon Botschaft

abisagen lassen, daß der Doktermartl auffikommt. Und unser Geißbock, der

Muckerl, muß sich verstiegen haben. Der Lenzl sucht ihn schon den

dritten Tag. Allweil hat man a Sorg auf der Seel, bald mit eim Menschen

und bald mit'm Viech. 's Leben is hart.«

Wieder gähnte die Alte und trommelte mit der Hand auf ihren kreisrund

geöffneten Schnabel. »Jetzt hab ich gmeint, bei dir gibt's an

Unterhaltung. Derzeit wurstelst du am Herd umanand und redst kein

Wörtl!«

»Was?« Modei mußte lachen, trat auf Punkl zu und rief ihr ins Ohr: »Ich

hab ja die ganze Zeit allweil gredt!«

Verwundert sah die Alte drein. »Ah geh! Kein Wörtl net hab ich ghört. Es

is mir bloß allweil so gwesen, wie wann a Brünndl rauscht.«

»Heut hast wieder an schlechten Tag mit die Ohrwascheln.«

Draußen ein schwerer Schritt. Friedl trat in die Stube. »Grüß Gott

beinand! Is verlaubt, daß man zukehrt?«

»Nur eini, nur eini!« kicherte Punkl. »Wo Weiberleut schnaufen, is a

Jager a lieber Gast. Und gar a söllener, wie du einer bist.« Sie hatte

Friedl am Arm gefaßt und ihn mitten in die Stube gezogen; nun hob sie

sich auf die Fußspitzen, um den kleinen Strauß frischgepflückter

Almrosen betrachten zu können, den Friedl auf dem Hut stecken hatte.

»Du! Den Buschen, den auf deim Hütl hast, den mußt der Sennerin

schenken! Dös is Brauch auf der Alm.«

»Gern auch noch!« Friedl nahm den Strauß vom Hut. »Da hast ihn, Modei!«

Die Alte schnitt ein langes Gesicht und brummte mißmutig: »No also! Alt

sein heißt allweil: hint dran sein.«

Modei, ohne die Blumen zu nehmen, wandte sich zum Herd. »Ich dank dir

schön für den guten Willen. Aber da heroben in der Einöd kunnt ich mit

deim Sträußl kein' Staat machen.«

»Wie? Was? Nimmst es ebba gar net?« zeterte Punkl. »O du Schlauche du!

Gelt, ja? An eim Buschen, den a Jager tragt, is allweil a bißl a

Wildblut dran. Und 's Blut hat a sintipadetische Kraft. 's Blut, sagen

s', hat Einwirkung auf d' Herzmuschkelatur. Gelt, tust Angst haben vor

der Einwirkung?«

»Ah na!« sagte Modei ruhig. »Vor so was fürcht ich mich net. Da is ebbes

gut dafür. Gib her!« Sie nahm die roten Blumen aus Friedls Hand und

steckte sie an die Brust.

Mit schwermütigem Blick hing Friedl an der Gestalt des Mädels. Dann ging

er schweigend zur Tür, wo er das Gewehr an einen Holznagel hängte und

den Bergstock in die Ecke stellte. »Was is denn«, sprach er die Alte an,

als er zum Herd zurückkehrte, »warum bist denn auf amal so stad? Was hat

dir denn d' Red verschlagen?«

»Was hast gsagt? Wen hab ich gschlagen?«

Friedl, ein Lachen erzwingend, ließ sich auf eine Bank nieder. »Hörst

heut schon wieder nix? Mit dir is a Kreuz.«

»Kein Wunder, wann eim's Kreuz weh tut. A Sennerin hat a schlechte

Liegerstatt. Dös schlagt sich aufs Kreuz. Jaaa! Aber allweil kann man

von Glück sagen, solang man noch eins hat, a Kreuz. Sunst müßt der

Mensch sei' Schattenseiten in der Schling tragen.«

Wieder lachte Friedl und streckte die Beine. »Heut tut mir 's Rasten

gut!«

»Hast schon an weiten Weg gmacht?« fragte Modei.

»Ah nah, grad a paar Stund bin ich auf die Füß.«

»Dank schön«, fiel Punkl ein, »mit meine Füß geht's gottlob noch allweil

gut!«

»Aber mit'm Ghör«, schrie Friedl, »gelt, da laßt's a bißl aus!«

»Ah bewahr! Hören tu ich ganz gut, aber halt bloß auf einer Seit. Auf

der anderen muß mir ebbes zugwachsen sein!«

»Da bist net amal schlecht dran! Wann man dir zu eim Ohr ebbes

einischreit, kann's zum andern nimmer aussi.«

Modei war hinter der niederen Kammertür verschwunden; nun kam sie mit

einer Schüssel voll Milch und reichte sie dem Jäger. »Mußt halt

verliebnehmen mit dem, was ich hab!«

Mit bitterem Lächeln hob er das Gesicht zu ihr. »Ich bin keiner von die

Ungnügsamen.« Er sah in ihre Augen und erschrak. »Madl?« fragte er in

Sorge. »A bißl blasselen tust. Was hast denn?«

»Ich? Nix.« Modei ging zum Herd und nahm die Arbeit wieder auf.

Lachend puffte Punkl den Jäger mit dem Ellbogen an die Schulter. »Wärst

bei mir einkehrt, da hättst an Schmarren kriegt. Schwimmen hätt er

müssen im Schmalz.«

»Daherinn gefallt's mir auch bei der magern Milli.« Friedl zog seinen

Blechlöffel aus der Tasche und begann zu essen. »So a Hüttl! So ebbes

Liebs und Saubers!« Lachend sah er auf. »Is schon wahr, in dö alte

Hütten bin ich ganz verliebt.«

Über das Gesicht der Alten huschte das Grinsen einer holden Freude.

Verschämt begann sie mit der Schürze zu spielen. »Geh weiter! Jesses!

Freilich ja, dreißg Jahrln wann ich jünger wär!« Sie guckte an sich

hinunter. »Und ausschauen tu ich, o mein, o mein!« In dem Bestreben,

etwas weiblicher zu erscheinen, streifte sie flink die blaue Zwilchhose

hinunter und schüttelte die Röcke. »Ja, a fünfazwanzg, bloß a zwanzg

Jahrln jünger! Und a gute Glegenheit! Da kunnt ich net einstehn dafür,

ob ich festbleiben tät. Freilich, 's Unschuldskranzerl is ebbes wert.

Aber du gfallst mir! An Burschen, wie du einer bist, gibt's kein'

zweiten nimmer. So viel gute Eigenschäften hast, daß ich vierazwanzg

Finger haben müßt zum Aufzählen.«

Ein kurzes Lachen klang vom Herd herüber. »Geh, lob ihn net gar a so!

Andere Buben sind auch noch ebbes wert!«

»Waaaas hast gsagt?« fuhr die Alte wütend auf. »Ah na, so ebbes därfst

fein von mir net glauben! A bißl alt bin ich freilich. Aber

sittenbestrebsam bin ich leider Gottes noch allweil gwesen.«

»Drah dich um, Punkl!« rief Friedl lachend. »Dösmal hast auf der

falschen Seiten ghört!«

»Was hast gsagt? Ah na! So ebbes laß ich mir net gfallen!«

Friedl zog sie am Arm zu sich herunter und schrie ihr ins Ohr: »D' Modei

hat 's Allerbeste gredt von dir. An Ausbund von aller Tugend hat s' dich

gheißen. Is schon wahr! Dir hat's der Landrichter zuprotokolliert, daß

d' amal von sechs weiße Jungfern tragen wirst, wann d' auffifluderst ins

Himmelreich.«

Die Alte wurde dunkelrot vor Ärger. »So? So?« schrie sie auf die junge

Sennerin ein. »Freilich, wann du amal stirbst, da mußt dich z'erst für

dein Kind um an Vatern umschauen. Damit ein' hast, der dir's letzte

Hemmed zahlt!« Sie fuhr zur Tür hinaus, und eine Weile noch klang ihre

scheltende Stimme herein in die Stube.

Bleich, an allen Gliedern zitternd, lehnte Modei an der Herdwand. Und

als das Schelten und Kreischen da draußen verhallte, schlug sie den Arm

vor die Augen, und ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte ihre Brust.

Auch aus Friedls Gesicht wich alle Farbe, als er die Folgen seines

harmlos gemeinten Spaßes erkannte. »Himmel Herrgott --« knirschte er vor

sich hin. Ratlos stellte er die Milchschüssel fort, ging auf Modei zu

und versuchte ihr den Arm vom Gesicht zu ziehen. »Geh, tu dich net

kränken, weil die narrische Nocken im Zorn ebbes Unguts daherplauscht

hat! Schau, in eim Viertelstündl weiß dö alte Hex ja nimmer, was ihr

übers Radl glaufen is.«

Ruhig befreite Modei ihren Arm. Dann sagte sie, schon wieder bei der

Arbeit: »Was hast aber auch mit so einer unsinnigen Red daherkommen

müssen!«

»Ich hab mir nix Unrechts denkt dabei.« Friedl setzte sich wieder auf

die Bank, hob die Milchschüssel auf die Knie, zog ein Stück Brot aus der

Joppentasche und brach es in kleine Stücke, die er in die Milch warf und

mit dem Löffel herausaß. Es schien ihm nicht zu schmecken. Und das Essen

mußte für ihn eine harte Arbeit sein. Ein ums andre Mal fuhr er sich mit

dem Ärmel über die Stirn. Dabei spähte er immer zu Modei hinüber, die

zwischen Herd und Kammer hin und her ging, um die gespülten

Milchgeschirre zu verwahren. Und plötzlich fragte er: »Wie geht's denn

deim Büberl?«

»Ich dank schön, gut!«

»Is a liebs Kindl! Wie ich 's letztmal draußen war in Lenggries, hab

ich's gsehen. Gsund und rund wie an Apfel. Und 's ganze Köpfl voll

braune Schneckerln. Wie alt wird's denn schon sein?«

»Auf d' Fasnacht wird's zwei Jahr.«

Friedl nickte. »D' Almkinder kommen allweil um d' Fasnacht rum auf d'

Welt. 's Fruhjahr auf der Alm _hat_ halt so ebbes. Da muß der Mensch

nachgeben.« Eine Weile schwieg er. »'s Büberl wird wohl gut aufghoben

sein bei dö Leut, die's in Pfleg haben?«

»Da muß ich glauben dran.« Das war ein schwerer Seufzer. »Viel zahlen

kann ich net. Vater und Mutter hab ich nimmer. Heimat hab ich auch

keine. Bei der Arbeit auf der Alm kann ich 's Kind net haben. Was will

ich denn machen?« Müder Kummer sprach aus ihren Augen, als sie nun

schweigend stand und zum Fenster hinausblickte.

Friedl erhob sich. »Madl! Schau, mei' Mutter hat drunt in Fall ihr

kleins Häusl, in dem s' allein umanandwurstelt. Viel Plag macht ihr dös

bißl Hauswesen net. Und da hat s' allweil Zeitlang. Wie wär's, Modei,

wann ihr dein Büberl in Pfleg geben tätst? D' Mutter hätt a damische

Freud damit.«

Schweratmend ließ Modei die Hände fallen und stand unbeweglich.

Mit zerdrückter Stimme sagte Friedl: »Was die Kösten anbelangt -- mein,

was braucht denn so a Schnaberl, so a kleins? D' Mutter tät's wegen der

Freud. A Kindl is allweil 's Liebste, was man haben kann. -- Modei? Was

meinst?«

Langsam hatte Modei das Gesicht gewandt und sah dem Jäger lang in die

Augen. Ein leichtes Rot stieg ihr in die Wangen. Dann schüttelte sie den

Kopf mit dem leisen Wort: »Ich dank dir schön!«

Der Jäger von Fall · 第 5 / 63 题