So mannigfach wie das Licht in der unbelebten und belebten Welt sich
wirksam erweist, so vielfach ist auch sein Einfluß auf den Menschen.
Durch zwei Pforten tritt das Licht in den Körper ein, durch die Augen-
und durch die Hautpforte. In der Bahn des Sehnerven werden quantitativ
und qualitativ verschiedene Sinneseindrücke zum Gehirn geleitet und
durch Vermittlung der Psyche, der Stoffwechsel, die Atmung, das
Gefäßsystem beeinflußt, von den Hautnerven aus wird der Lichtreiz zu den
nervösen Zentralorganen geleitet und von dort den Muskeln und Drüsen
mitgeteilt. Da aber das Hautorgan für Licht durchgängig ist, so äußert
es auch direkte Tiefenwirkung. Das Licht ist also einerseits wie die
Kälte oder Hitze des Wassers ein ~Bewegungsreiz~, der bei dem
Abhängigkeitsverhältnis der inneren Organe von dem Hautorgan von der
Oberfläche aus reflektorisch das Innere des Körpers trifft und
beherrscht, andererseits ein direkter örtlicher Reiz für die getroffenen
in der Tiefe gelegenen Gewebe. Auf diesem Wege ruft das Licht bestimmte
Veränderungen in den Organen hervor, wird aber auch selbst verändert.
Die Haut ist bekanntlich mit einem ungemein großen Blutgefäßnetz begabt.
Dieses wird durch den Lichtreiz stark erweitert und die Haut so
chronisch gerötet. Mit der starken ~Durchblutung des Hautorgans~
erfahren nicht nur die inneren Organe eine erhebliche Entlastung,
sondern das Hautorgan tritt in den Zustand erhöhter Funktionstätigkeit,
es atmet stärker, scheidet stärker aus etc. Ist die Belichtung eine sehr
intensive auf längere Zeit, so entzündet sich die Haut leicht und zeigt
die Erscheinungen des ~Sonnenbrandes~. Die Haut ist stark gerötet,
schmerzt und zeigt schließlich Blasenbildung, nach drei bis vier Tagen
beginnt sie sich zu schälen, die rote Farbe wird bräunlich. Die neue
Haut ist nicht abnorm lichtempfindlich.
Wirkt das Licht allmählicher, so ~bräunt~ sich langsam die Haut entweder
umschrieben in der Form der Sommersprossen oder allgemein. Der Vorgang
der Bräunung beruht auf der Wirksamkeit der chemischen Lichtstrahlen und
ist eine Schutzvorrichtung gegen das Zuviel der Lichtnahrung, denn der
Hautfarbstoff (Pigment) verschluckt die chemischen Lichtstrahlen. Je
stärker der Mensch gebräunt ist, um so weniger hat er unter der
Lichtwirkung zu leiden. Daher finden wir auch die Menschen, je näher sie
am Aequator wohnen, stärker gebräunt, weil sie des Lichtschutzes
benötigen. Je länger und je intensiver das Licht auf die Haut wirkt, um
so dunkler wird das Braun derselben. Die Dunkelfärbung ist aber Ursache,
daß größere ~Wärmemengen~ in den Körper eintreten können. Die
Ueberhitzung wird durch stärkere Schweiße ausgeglichen. Die Kleidung
kann die Hautbräunung nicht ersetzen, denn helle Kleider bieten dem
~Lichte~ zu wenig Widerstand, dunkle Kleider saugen zu viel ~Wärme~ auf.
Wie das direkte Sonnenlicht, so wirkt auch das elektrische Bogenlicht
und ferner das reflektierte Licht, wie die Erscheinung des
Gletscherbrandes beweist.
Auf dem Wege ins Innere des Körpers begegnet das Licht einem Hindernis,
dem Blutorgan, welches die chemischen Strahlen zum Teil verschluckt.
Trotzdem dringt noch ein genügend großer Lichtvorrat in den
Organismus ein, um wirksam zu werden. Der ~Blutfarbstoff der roten
Blutscheiben~ vermehrt sich unter Lichtwirkung und der Zellen- und
~Gesamtstoffwechsel~ wird erhöht. Quinckes Versuche bewiesen, daß durch
Belichtung der Aufbau und der Abbau der Stoffe schneller und ausgiebiger
erfolgt, als im Dunkel. Ferner wurde nachgewiesen, daß beim nackten,
belichteten Körper der Stoffwechsel schneller ist, als beim bekleideten
und zwar um so rascher, je mehr direktes Sonnenlicht den Körper trifft.
Also auch in dieser Beziehung beweist sich die Bekleidung als ein
Hindernis für den natürlichen Ablauf der Körperfunktionen auf
Lichtwirkung.
Eine sehr augenfällige Wirkung des Lichts ist die ~Beeinflussung des
Wachstums~. Haare und Nägel wachsen im Lichte schneller als im Dunkeln.
Das Wachstum der Kinder bleibt in sommerarmen Monaten fast gänzlich
stehen, Bewohner von lichtarmen Kellerwohnungen und von lichtarmen,
tiefgelegenen Gebirgstälern bleiben in der Entwicklung zurück.
Nicht minder deutlich ist die ~Einwirkung des Lichts~ auf die ~Psyche~.
Wie gedrückt ist die Stimmung der meisten Menschen bei bewölktem Himmel,
wie reizvoll und belebt erscheint uns die Natur, und wie kraftvoll
fühlen wir uns selbst, sobald nur ein heller Sonnenstrahl durch die
Wolken bricht! Kein Wunder, daß die Mehrzahl der Selbstmorde in den
lichtarmen Monaten passieren! Nur kranke Menschen sind lichtscheu,
gesunde Menschen haben ein hohes Lichtbedürfnis.
Die Macht des Lichtes wird uns recht erkennbar, wenn wir die Kraft und
Schönheit derjenigen Völkerrassen vergleichen, welche unbekleidet dem
Lichte und der Luft ausgesetzt sind, wie Neger und Indianer, mit dem
kranken und unschönen Aussehen der Eskimos.
Rechnen wir zu allen angeführten Lichtwirkungen noch die Wärmewirkungen
des direkten und diffusen Sonnenlichtes, so müssen wir die Sonne als die
größte Wohltäterin der Menschheit erkennen.
Als solche erweist sich dieselbe nicht nur dem gesunden, sondern ganz
besonders auch dem ~kranken Menschen~ gegenüber.