Die ~Ordnungsübungen~ imponieren zwar dem Auge, sind aber zeitraubend
und belasten als Gedächtnisübung zu sehr das Gehirn, welches ohnehin bei
den heutigen Ansprüchen an unserem Schul- und Berufsleben schon stark
beansprucht wird. Die notwendige stärkere Ausarbeitung des Körpers aber
fällt bei den Ordnungsübungen fast ganz fort. Sie sind also nur für die
noch durch keine geistige Arbeit in Anspruch genommenen Kinder und den
Spielschulen zu empfehlen, oder da, wo ein sogenannter Drill
wünschenswert ist.
Bei den ~Freiübungen~ unterscheidet man solche mit und ohne Fortbewegung
des Körpers und solche, welche unbewaffnet oder bewaffnet mit Keulen,
Hanteln oder Stäben ausgeführt werden. Die Bewaffnung hat den Zweck, die
Uebung schwerer, schwungreicher und energischer zu machen, sie als eine
Widerstands- oder Förderungsbewegung zu charakterisieren. Die
Freiübungen sind für das Atmungs- und Herztraining, für die Schulung des
Willens, für den Ausgleich fehlerhafter Körperhaltungen, für den
individuellen und systematischen Aufbau von Körperkraft, für Erzielung
von Anmut und architektonischer Schönheit und in der Schulung der
Gelenkigkeit von ungeheurem Wert, zumal sie wenig Platz und wenig
Handhaben benötigen und deshalb für die Hausgymnastik unersetzbar. Eine
vorzügliche Schule für Lunge und Herz sind die Freiübungen mit
Ortsbewegung, das Gehen und Laufen. Der ~militärische Marsch~ kräftigt
die Muskeln der Beine und des Rückens, vergrößert die Schrittweite und
erhöht die Ausdauer namentlich wenn er im sogenannten ~Beugegang~
ausgeführt wird, d. h. wenn mit der ganzen Fußsohle aufgetreten, mit
gebeugten Knieen und mit nach vorn geneigtem Oberkörper marschiert
wird. Der ~Parademarsch~ hat weniger Wert für die Gesundheit, als für
den Drill. Der ~Kunstgang~ ist hygienisch wenig ausnutzbar.
Der ~Lauf~ bringt je nach der Art der Ausführung einen verschiedenen
Nutzen. Der ~Schnellauf~ stellt hohe Anforderungen an die Herzkraft und
sollte entsprechend dem großen Bewegungsbedürfnis der wachsenden Jugend
derselben überlassen bleiben. Bei dem noch im Wachstum begriffenen
Körper entwickelt sich das Herz relativ stärker als die übrigen Organe,
es gebraucht also auch einen größeren Wachstumsreiz durch die Bewegung,
das Gefäßrohr ist vermöge seiner Jugendlichkeit elastischer, kann sich
deshalb besser den gesteigerten Anforderungen anpassen. Für den
erwachsenen Körper hat der ~Dauerlauf~ größeren hygienischen Wert, zumal
wenn die Dauer der Leistung nur eine allmähliche und systematische
Steigerung erfährt und mit gebeugten Knieen gelaufen wird.
Die ~Turnspiele~ teilt man ein in ~Ball~- und ~Laufspiele~. Barlauf,
„Fürchtet euch nicht vor dem schwarzen Mann”, Dritten abschlagen,
Lawn-Tennis, Vierball, Schleuderball, Fußball, Cricket etc. sind solche
Spiele, welche mit den hygienischen Vorteilen des Laufens noch die
Uebung der Geschicklichkeit, der Dispositionsfähigkeit und des
Charakters verbinden und auch die Ausbildung der oberen Extremität
befördern. Alle Turnspiele sind besonders für die kalte Jahreszeit
geeignet und erfahrungsgemäß eine vorzügliche Erholung von geistiger
Ermattung. So hoch zu schätzen nun aber auch die Turnspiele sind, so
machen sie Freiübungen und Gerätturnen doch nicht unentbehrlich.
[Abbildung: Tafel VII.