II. Teil.

Wert einiger besonderer Arten der Bewegung.

Haben wir nun erfahren, wie Leibesübungen auf alle Teile des Körpers und

Geistes wirken, so müssen wir uns einige Sonderheiten derselben

vergegenwärtigen, um sie individuell und zu bestimmten Zwecken erweitern

zu können.

Denn Bewegungen dienen nicht allein dem Zwecke des Gesundwerdens und

Gesundbleibens, sondern können zur ~Selbstzucht~ benutzt werden, wie

dies in der sogenannten ~pädagogischen~ Gymnastik geschieht, wo man

bestrebt ist, den Körper dem eigenen Willen zu unterwerfen. Oder man

kann die Bewegungen benutzen, um einen fremden Willen unter den eigenen

zu beugen, wie dies z. B. beim Schießen, Fechten etc. in der

~militärischen Gymnastik~ statt hat. Schließlich kann man Bewegungen

~ästhetisch~ benutzen, um sein Denken und Fühlen körperlich zu

veranschaulichen.

Wir können nun unsere Bewegungen so einrichten, daß wir uns dabei ganz

gleichgültig (passiv) verhalten und unsere Glieder von einem zweiten

Menschen oder einer Maschine bewegen lassen. Dann spricht man von einer

~Passivbewegung~. (Fig. 8 und 9.)

Oder wir können unsere Glieder selbsttätig bewegen, dann spricht man von

einer ~Aktivbewegung~.

Diese Aktivbewegungen kann man sehr verschiedenartig gestalten. Man kann

z. B. einen Widerstand einschieben. Beugt man den Arm im

Ellenbogengelenk, während ein anderer Mensch diese Beugung zu verhindern

sucht, so muß man dessen Kraft beim Widerstand überwinden. Hält man den

Arm in der Beuge, ein zweiter Mensch streckt mit stärkerer Kraft

denselben, so daß man nun entsprechend der eigenen Kraft nachgeben muß,

so fügt man sich dem Widerstand. In dem ersten Falle spricht man von

einer aktiv duplizierten, im zweiten von einer passiv duplizierten

~Widerstandsbewegung~. (Fig. 10, 14, 14^a^, 15.)

Der Widerstand kann in der verschiedensten Weise gegeben sein,

z. B. durch menschliche Gegenkraft beim Ringen, durch maschinelle

in der Heilgymnastik, durch Gewichte beim Hanteln oder in der

Schwergewichtsathletik etc.

Wenn man den Widerstand aus dem eigenen Ich, dem eigenen Willen heraus

schafft, so spricht man von einer ~Selbsthemmungsbewegung~. (Fig. 11.)

Geht man z. B. denselben Weg, den man gewöhnt ist in fünf Minuten

zurückzulegen, ~absichtlich~ unter Beanspruchung der völligen

~Aufmerksamkeit~ in zwanzig Minuten, so ist man genötigt, den Schritt um

das vierfache zu verlangsamen. Man wird seine ganze Willenskraft und

Aufmerksamkeit darauf richten müssen, die Schritte so zu hemmen, daß man

nicht ungleichmäßig ausschreitet oder stehen bleibt oder schneller wird,

als man sich vorgesetzt hat.

Geht man diesen Weg bergan oder mit einem Menschen am Arm, welcher

gewohnheitsgemäß langsam ausschreitet, so wird einem die ~Bremsarbeit~

leichter fallen als unbelastet und ungehindert. Die langsamste und am

wenigst belastete Selbsthemmungsbewegung erfordert die höchste Arbeit.

[Abbildung: Fig. 13. Keulenschwingen, eine Förderungsbewegung.]

In gewissem Gegensatz zur Selbsthemmungsbewegung steht die sogenannte

~Förderungsbewegung~. (Fig. 12, 13, 14^a^.) Diese Bewegung hat keinen

Widerstand zu überwinden und geschieht ~rhythmisch~ und ~automatisch~

ohne jede Anstrengung körperlicher oder geistiger Art. Sitzt man z. B.

im Schaukelstuhl und wiegt sich in demselben hin und her, so bedarf es

nur des ersten Anstoßes, dann schwingt der Körper im Stuhle hin und her,

ohne daß man die Muskeln in Bewegung setzen oder das Gehirn durch den

Aufmerksamkeitsakt in Anspruch zu nehmen braucht. Eine derartige

Bewegung ist auch das ~Gehen in der Ebene~, denn das Körpergewicht

stellt hier die Schwungmasse vor, welche den Körper rhytmisch und

automatisch fortbewegt. Und gerade der ~Rhythmus der Bewegung~ ist dabei

das fördernde Moment, man denke nur, wie leicht man beim Marsche

ausschreitet, den man nach dem Rhythmus einer Musikkapelle etc.

ausführt, wie leicht man nach den Klängen der Musik tanzt.

[Abbildung: Fig. 14 ^a^. Widerstands- und Förderungsbewegung des

Holzsägens.]

Diese ~reine~ Förderungsbewegung kann man zu einer sogenannten

~belasteten~ Förderungsbewegung machen, wenn man ihr einen ~Widerstand~

entgegensetzt.

[Abbildung: Tafel IV.

Fig. 12. Vorderarm-Beugen und Strecken als Förderungsbewegung.

Körperpflege durch Gymnastik, Licht und Luft · 第 30 / 72 题