Wert einiger besonderer Arten der Bewegung.
Haben wir nun erfahren, wie Leibesübungen auf alle Teile des Körpers und
Geistes wirken, so müssen wir uns einige Sonderheiten derselben
vergegenwärtigen, um sie individuell und zu bestimmten Zwecken erweitern
zu können.
Denn Bewegungen dienen nicht allein dem Zwecke des Gesundwerdens und
Gesundbleibens, sondern können zur ~Selbstzucht~ benutzt werden, wie
dies in der sogenannten ~pädagogischen~ Gymnastik geschieht, wo man
bestrebt ist, den Körper dem eigenen Willen zu unterwerfen. Oder man
kann die Bewegungen benutzen, um einen fremden Willen unter den eigenen
zu beugen, wie dies z. B. beim Schießen, Fechten etc. in der
~militärischen Gymnastik~ statt hat. Schließlich kann man Bewegungen
~ästhetisch~ benutzen, um sein Denken und Fühlen körperlich zu
veranschaulichen.
Wir können nun unsere Bewegungen so einrichten, daß wir uns dabei ganz
gleichgültig (passiv) verhalten und unsere Glieder von einem zweiten
Menschen oder einer Maschine bewegen lassen. Dann spricht man von einer
~Passivbewegung~. (Fig. 8 und 9.)
Oder wir können unsere Glieder selbsttätig bewegen, dann spricht man von
einer ~Aktivbewegung~.
Diese Aktivbewegungen kann man sehr verschiedenartig gestalten. Man kann
z. B. einen Widerstand einschieben. Beugt man den Arm im
Ellenbogengelenk, während ein anderer Mensch diese Beugung zu verhindern
sucht, so muß man dessen Kraft beim Widerstand überwinden. Hält man den
Arm in der Beuge, ein zweiter Mensch streckt mit stärkerer Kraft
denselben, so daß man nun entsprechend der eigenen Kraft nachgeben muß,
so fügt man sich dem Widerstand. In dem ersten Falle spricht man von
einer aktiv duplizierten, im zweiten von einer passiv duplizierten
~Widerstandsbewegung~. (Fig. 10, 14, 14^a^, 15.)
Der Widerstand kann in der verschiedensten Weise gegeben sein,
z. B. durch menschliche Gegenkraft beim Ringen, durch maschinelle
in der Heilgymnastik, durch Gewichte beim Hanteln oder in der
Schwergewichtsathletik etc.
Wenn man den Widerstand aus dem eigenen Ich, dem eigenen Willen heraus
schafft, so spricht man von einer ~Selbsthemmungsbewegung~. (Fig. 11.)
Geht man z. B. denselben Weg, den man gewöhnt ist in fünf Minuten
zurückzulegen, ~absichtlich~ unter Beanspruchung der völligen
~Aufmerksamkeit~ in zwanzig Minuten, so ist man genötigt, den Schritt um
das vierfache zu verlangsamen. Man wird seine ganze Willenskraft und
Aufmerksamkeit darauf richten müssen, die Schritte so zu hemmen, daß man
nicht ungleichmäßig ausschreitet oder stehen bleibt oder schneller wird,
als man sich vorgesetzt hat.
Geht man diesen Weg bergan oder mit einem Menschen am Arm, welcher
gewohnheitsgemäß langsam ausschreitet, so wird einem die ~Bremsarbeit~
leichter fallen als unbelastet und ungehindert. Die langsamste und am
wenigst belastete Selbsthemmungsbewegung erfordert die höchste Arbeit.
[Abbildung: Fig. 13. Keulenschwingen, eine Förderungsbewegung.]
In gewissem Gegensatz zur Selbsthemmungsbewegung steht die sogenannte
~Förderungsbewegung~. (Fig. 12, 13, 14^a^.) Diese Bewegung hat keinen
Widerstand zu überwinden und geschieht ~rhythmisch~ und ~automatisch~
ohne jede Anstrengung körperlicher oder geistiger Art. Sitzt man z. B.
im Schaukelstuhl und wiegt sich in demselben hin und her, so bedarf es
nur des ersten Anstoßes, dann schwingt der Körper im Stuhle hin und her,
ohne daß man die Muskeln in Bewegung setzen oder das Gehirn durch den
Aufmerksamkeitsakt in Anspruch zu nehmen braucht. Eine derartige
Bewegung ist auch das ~Gehen in der Ebene~, denn das Körpergewicht
stellt hier die Schwungmasse vor, welche den Körper rhytmisch und
automatisch fortbewegt. Und gerade der ~Rhythmus der Bewegung~ ist dabei
das fördernde Moment, man denke nur, wie leicht man beim Marsche
ausschreitet, den man nach dem Rhythmus einer Musikkapelle etc.
ausführt, wie leicht man nach den Klängen der Musik tanzt.
[Abbildung: Fig. 14 ^a^. Widerstands- und Förderungsbewegung des
Holzsägens.]
Diese ~reine~ Förderungsbewegung kann man zu einer sogenannten
~belasteten~ Förderungsbewegung machen, wenn man ihr einen ~Widerstand~
entgegensetzt.
[Abbildung: Tafel IV.
Fig. 12. Vorderarm-Beugen und Strecken als Förderungsbewegung.