Nicht minder groß sind die Wirkungen der Leibesübungen auf die ~Atmung~.
Dieselbe geht bekanntlich in den Lungen vor sich und zwar in der Weise,
daß durch den Muskelzug der Rippenheber und Zwischenrippenmuskeln die
Rippen gehoben werden, dadurch der Brustraum von vorn nach hinten und
von rechts nach links hin erweitert wird; durch die Tätigkeit des
Zwerchfells wird die Höhe des Brustraums vergrößert. Die Lungen, welche
den Brustwänden dicht anliegen, müssen dem erweiternden Zuge der
Brustwände folgen, dadurch wird Luft hineingesogen, und die Lungen
werden erweitert. Erschlaffen die Einatmungsmuskeln, so wirken die
Elastizität und Schwere des Brustkorbes auf die Elastizität der Lungen,
drücken die Lungen damit zusammen und bringen die in denselben
befindliche Luft zum Entweichen.
~Diese Atmungsmechanik können wir durch unseren Willen verflachen oder
vertiefen, verlangsamen oder beschleunigen~, jedoch nur innerhalb
gewisser Grenzen. Gewöhnlich vollzieht sich der Atmungsprozeß
unwillkürlich wie die Herzarbeit und reguliert sich ~automatisch~ nach
dem Atmungsbedürfnis des Körpers.
Bei der gewöhnlichen ruhigen Atmung erneuern wir nun bloß etwa ²/₆ bis
¹/₇ derjenigen Luftmenge, die wir bei tiefster Ein- und Ausatmung
umsetzen können, nämlich nur 500 ^ccm^ = ½ Liter.
Wir machen bei ruhiger Atmung etwa 15 Atemzüge, setzen also 7½ Liter
Luft um, bei tiefster Ein- und Ausatmung ist der Umsatz 7mal so groß,
also 52½ Liter. Wird nun aber, wie dies ja bei Leibesübungen stets der
Fall ist, die Zahl der Atemzüge vermehrt, sagen wir bis auf 45 in der
Minute, so erhalten wir einen Luftumsatz in den Lungen von 3 × 52½ =
157½ Liter. Dieser Luftumsatz in den Lungen besteht nun darin, daß das
Lungenblut Sauerstoff aus der Luft aufnimmt; ~die Lunge ist also ein
Magen, bestimmt zur Aufnahme der wichtigsten Lebensnahrung, des
Sauerstoffs~.
~Ferner erweist sich die Lunge als ein wichtiges Ausscheidungsorgan~,
denn sie gibt an die Atmosphäre Kohlensäure und Wasserdampf ab. Vermöge
ihrer Fähigkeit, das Verbrennungsgas der Kohlensäure abzugeben, ~wird
die Lunge eines der wichtigsten Organe zur Entgiftung des Körpers~, denn
die Kohlensäure ist ja einer der Ermüdungs- und Schlackenstoffe, der den
Körper in kurzer Zeit vergiftet.
Durch ihre Fähigkeit ~Wasserdampf~ zu verdunsten aber kann die Lunge die
Körpergewebe trocken legen, eine Eigenschaft, die von immenser Bedeutung
ist, wenn man bedenkt, daß damit der größte Bestandteil des Körpers, das
Körperwasser, welches ca. 65% des Körpergewichts ausmacht, wesentlich
angegriffen, reduziert werden kann.
~Die Lunge ist demnach ein bedeutender Drainageapparat des Körpers~.
Bedenkt man weiter, daß die Ausatmungsluft wärmer ist als die
Einatmungsluft, daß Körperwasser nur durch Erhöhung der Temperatur
verdampfen kann, daß also durch den Verdampfungsprozeß jedesmal eine
bestimmte ~Wärmemenge~ des Körpers ~verbraucht~ wird, so ist deutlich,
welchen Wert die ~Lungentätigkeit als Abkühlungsapparat des Körpers
hat~.
Nun denke man sich, daß die Lungenmaschine als
Herz-Kreislauf-Regulierapparat, als Sauerstoffmagen, als
Entgiftungsvorrichtung, als Drainageapparat und schließlich als
Kühlvorrichtung durch Leibesübung statt ihrer gewohnten Arbeit von 7½
Liter Luftumsatz in der Minute 157½ Liter stofflich umsetzt, dann kann
man sich ein ungefähres Bild von dem kolossalen Einfluß eines
vernünftigen Lungentrainings auf den Körper machen, und wird umsomehr
einsehen, daß dieser Einfluß durch ein vernünftiges Vorgehen reguliert
werden muß.
Weiter mache ich aufmerksam auf die Wirkung einer ausgiebigen
~Tiefatmung~.
Da die Lungen durch den Luftkanal des Nasenrachenraums und der Luftröhre
mit der Außenluft in Verbindung stehen, so ist der Druck der Binnenluft
der Lungen, gleich dem Atmosphärendruck, also = 760 ^mm^ ^Hg^ (^Hg^ =
Quecksilber, als Abkürzung des lateinischen Wortes Hydrargyrum). Wird
während der Einatmung der Brustraum durch Muskelarbeit weiter, so muß
die elastische Spannungskraft und die Schwere des Brustkorbes überwunden
werden. Je größer diese Widerstände sind, d. h. je tiefer eingeatmet
wird, desto mehr Arbeit wird geleistet, denn die elastische Kraft, die
bei der Einatmung zu überwinden ist, wächst durch tiefste Inspiration
von 7 auf 9-30 ^mm^ ^Hg^. Es wird durch Tiefatmung also eine immense
~Kraft~ ~auf~gespeichert, welche bei der Ausatmung zur Geltung kommt,
indem sie bei Erschlaffung der Einatmungsmuskeln die Lungen zurückzieht.
Je ~weiter~ die Lungenbläschen geöffnet werden, um so ~geringer~, und je
~enger~ diese Lufträume werden, desto ~größer~ wird der Druck sein, den
die Binnenluft ausübt. Die Lungen ziehen nun entsprechend dieser ihrer
elastischen Kraft an den Brustwandungen und an den im Brustraum
gelegenen Hohlorganen. ~Diese Kraft nennt man Saug- oder
Aspirationskraft der Lungen~. Der Gesamtinhalt des Brustraumes, d. i.
Rippen- und Mittelraum mit Herz- und großen Gefäßen steht demnach,
abgesehen von den Lungen selbst, unter einem Druck, welcher gleich ist
dem Atmosphärendruck vermindert um denjenigen Druck, welcher der
Saugkraft der Lungen entspricht; derselbe ist als der Binnenbrustdruck
bezeichnet worden. Derselbe wird also normaler Weise von der Saugkraft
resp. von den elastischen Kräften der Lunge reguliert. ~Je stärker
dieselbe zur Geltung kommt, wie bei tiefster Inspiration, desto
geringer ist der Binnenbrustdruck~.
Bei ruhiger Atmung ist der elastische Zug der Lungen bei Atmungsstellung
9 ^mm^ ^Hg.^, demnach der Binnenbrustdruck = 760 - 9 = 751 ^mm^ ^Hg.^
Bei ruhiger Ausatmung ist der elastische Zug = 7 ^mm^ ^Hg.^, der
Binnenbrustdruck = 760 - 7 = 753 ^mm^ ^Hg.^
Bei ruhiger Atmung ist daher der auf die im Brustraum gelegenen
Gefäße lastende Druck kleiner, als der auf die außerhalb desselben
gelegenen einwirkende. Nach ~Munk~ muß daher eine Aufsaugung des
Blutes aus den außerhalb des Brustraumes gelegenen Blutgefäßen
stattfinden und damit die ~Blutbewegung beschleunigt werden~. Und
diese Blutstrombeschleunigung muß um so ~größer~ sein, je geringer
der Binnenbrustdruck, d. h. je ~tiefer die Atmung~ ist.
Die Beschleunigung des Blutstroms macht sich zunächst im
~Pfortaderkreislauf~ bemerkbar. Aus den kleinsten Auflösungen der
Schlagadern, den sogenannten Haargefäßen (Kapillaren) des Magens, der
Milz und des Darmrohrs gehen Blutadern (Venen) hervor und sammeln sich
zum sogenannten Pfortaderstamm, der in der Leber von neuem ein
Kapillarsystem bildet, aus welchem die Lebervenen entstehen, die in die
untere Hohlvene einmünden. Letztere führt das verbrauchte Blut dem
Herzen zur Regeneration zu. Durch die kapillare Strombettbildung in der
Leber ist die Blutbewegung daselbst eine verlangsamte und erst durch die
geschilderte Saugkraft wird sie wieder beschleunigt. Dazu kommt die
unterstützende aktive Kraft der Bauchpresse bei der Tiefatmung, d. i.
der ~Herabstieg des wichtigsten Atmungsmuskels, des Zwerchfells~,
welches Brust- und Bauchhöhle voneinander scheidet und die
~Bauchmuskeltätigkeit~, welche beide zusammengenommen von oben und von
vorn ebenso wie den gesamten Bauchinhalt auch die Leber zusammenpressen.
~Die Tiefatmung wird also zu einem willkürlich zu gebrauchenden
Massageapparat der Leber, der Därme, der Nieren und aller übrigen
Baucheingeweide~.
Die Beförderung der Verdauung, der Harnabsonderung, des Stoffwechsels
etc. sind unmittelbare und notwendige Folgen.
Derselben Einwirkung aber unterliegt auch der Brustgang des
Lymphgefäßsystems (^ductus thoracicus^), so daß der ~Lymphstrom vom Darm
und den Extremitäten her beschleunigt wird~.
In gleicher Weise sucht der negative intrathoracische Druck die
Wandungen der Herzhöhlen voneinander zu entfernen; er fördert also
die Füllung derselben während ihrer Erschlaffung (diastolische
Füllung). Im Röntgenbilde kann man bei starker Herabsetzung des
Binnenraumbrustdruckes die Vergrößerung des Herzens beobachten.
Ferner begünstigt die Saugkraft der Lungen auch ~den kleinen oder
Lungen-Kreislauf~. In der lufthaltigen Lunge sind die Blutgefäße weiter
als in der luftleeren, und wird nun bei der Einatmung der
Binnenbrustdruck stärker negativ, so äußert er seinen gefäßerweiternden
Einfluß mehr auf die dünnwandigen Venen als auf die starren Arterien.
~Auf diese Weise erfährt der Lungenkreislauf eine inspiratorische
Beschleunigung~; dadurch wird während der Inspiration der linken
Herzkammer mehr sauerstoffreiches Blut zugeführt als bei der Expiration
und der ~Herzmuskel~ selbst ~besser ernährt~.
Durch die ~Tiefatmung aber werden alle genannten Wirkungen stärker als
bei ruhiger Atmung~ und durch systematische vernünftige Atemgymnastik
resp. Leibeszucht wachsen: