4. Wirkung der Leibesübungen auf die Atmungsorgane.

Nicht minder groß sind die Wirkungen der Leibesübungen auf die ~Atmung~.

Dieselbe geht bekanntlich in den Lungen vor sich und zwar in der Weise,

daß durch den Muskelzug der Rippenheber und Zwischenrippenmuskeln die

Rippen gehoben werden, dadurch der Brustraum von vorn nach hinten und

von rechts nach links hin erweitert wird; durch die Tätigkeit des

Zwerchfells wird die Höhe des Brustraums vergrößert. Die Lungen, welche

den Brustwänden dicht anliegen, müssen dem erweiternden Zuge der

Brustwände folgen, dadurch wird Luft hineingesogen, und die Lungen

werden erweitert. Erschlaffen die Einatmungsmuskeln, so wirken die

Elastizität und Schwere des Brustkorbes auf die Elastizität der Lungen,

drücken die Lungen damit zusammen und bringen die in denselben

befindliche Luft zum Entweichen.

~Diese Atmungsmechanik können wir durch unseren Willen verflachen oder

vertiefen, verlangsamen oder beschleunigen~, jedoch nur innerhalb

gewisser Grenzen. Gewöhnlich vollzieht sich der Atmungsprozeß

unwillkürlich wie die Herzarbeit und reguliert sich ~automatisch~ nach

dem Atmungsbedürfnis des Körpers.

Bei der gewöhnlichen ruhigen Atmung erneuern wir nun bloß etwa ²/₆ bis

¹/₇ derjenigen Luftmenge, die wir bei tiefster Ein- und Ausatmung

umsetzen können, nämlich nur 500 ^ccm^ = ½ Liter.

Wir machen bei ruhiger Atmung etwa 15 Atemzüge, setzen also 7½ Liter

Luft um, bei tiefster Ein- und Ausatmung ist der Umsatz 7mal so groß,

also 52½ Liter. Wird nun aber, wie dies ja bei Leibesübungen stets der

Fall ist, die Zahl der Atemzüge vermehrt, sagen wir bis auf 45 in der

Minute, so erhalten wir einen Luftumsatz in den Lungen von 3 × 52½ =

157½ Liter. Dieser Luftumsatz in den Lungen besteht nun darin, daß das

Lungenblut Sauerstoff aus der Luft aufnimmt; ~die Lunge ist also ein

Magen, bestimmt zur Aufnahme der wichtigsten Lebensnahrung, des

Sauerstoffs~.

~Ferner erweist sich die Lunge als ein wichtiges Ausscheidungsorgan~,

denn sie gibt an die Atmosphäre Kohlensäure und Wasserdampf ab. Vermöge

ihrer Fähigkeit, das Verbrennungsgas der Kohlensäure abzugeben, ~wird

die Lunge eines der wichtigsten Organe zur Entgiftung des Körpers~, denn

die Kohlensäure ist ja einer der Ermüdungs- und Schlackenstoffe, der den

Körper in kurzer Zeit vergiftet.

Durch ihre Fähigkeit ~Wasserdampf~ zu verdunsten aber kann die Lunge die

Körpergewebe trocken legen, eine Eigenschaft, die von immenser Bedeutung

ist, wenn man bedenkt, daß damit der größte Bestandteil des Körpers, das

Körperwasser, welches ca. 65% des Körpergewichts ausmacht, wesentlich

angegriffen, reduziert werden kann.

~Die Lunge ist demnach ein bedeutender Drainageapparat des Körpers~.

Bedenkt man weiter, daß die Ausatmungsluft wärmer ist als die

Einatmungsluft, daß Körperwasser nur durch Erhöhung der Temperatur

verdampfen kann, daß also durch den Verdampfungsprozeß jedesmal eine

bestimmte ~Wärmemenge~ des Körpers ~verbraucht~ wird, so ist deutlich,

welchen Wert die ~Lungentätigkeit als Abkühlungsapparat des Körpers

hat~.

Nun denke man sich, daß die Lungenmaschine als

Herz-Kreislauf-Regulierapparat, als Sauerstoffmagen, als

Entgiftungsvorrichtung, als Drainageapparat und schließlich als

Kühlvorrichtung durch Leibesübung statt ihrer gewohnten Arbeit von 7½

Liter Luftumsatz in der Minute 157½ Liter stofflich umsetzt, dann kann

man sich ein ungefähres Bild von dem kolossalen Einfluß eines

vernünftigen Lungentrainings auf den Körper machen, und wird umsomehr

einsehen, daß dieser Einfluß durch ein vernünftiges Vorgehen reguliert

werden muß.

Weiter mache ich aufmerksam auf die Wirkung einer ausgiebigen

~Tiefatmung~.

Da die Lungen durch den Luftkanal des Nasenrachenraums und der Luftröhre

mit der Außenluft in Verbindung stehen, so ist der Druck der Binnenluft

der Lungen, gleich dem Atmosphärendruck, also = 760 ^mm^ ^Hg^ (^Hg^ =

Quecksilber, als Abkürzung des lateinischen Wortes Hydrargyrum). Wird

während der Einatmung der Brustraum durch Muskelarbeit weiter, so muß

die elastische Spannungskraft und die Schwere des Brustkorbes überwunden

werden. Je größer diese Widerstände sind, d. h. je tiefer eingeatmet

wird, desto mehr Arbeit wird geleistet, denn die elastische Kraft, die

bei der Einatmung zu überwinden ist, wächst durch tiefste Inspiration

von 7 auf 9-30 ^mm^ ^Hg^. Es wird durch Tiefatmung also eine immense

~Kraft~ ~auf~gespeichert, welche bei der Ausatmung zur Geltung kommt,

indem sie bei Erschlaffung der Einatmungsmuskeln die Lungen zurückzieht.

Je ~weiter~ die Lungenbläschen geöffnet werden, um so ~geringer~, und je

~enger~ diese Lufträume werden, desto ~größer~ wird der Druck sein, den

die Binnenluft ausübt. Die Lungen ziehen nun entsprechend dieser ihrer

elastischen Kraft an den Brustwandungen und an den im Brustraum

gelegenen Hohlorganen. ~Diese Kraft nennt man Saug- oder

Aspirationskraft der Lungen~. Der Gesamtinhalt des Brustraumes, d. i.

Rippen- und Mittelraum mit Herz- und großen Gefäßen steht demnach,

abgesehen von den Lungen selbst, unter einem Druck, welcher gleich ist

dem Atmosphärendruck vermindert um denjenigen Druck, welcher der

Saugkraft der Lungen entspricht; derselbe ist als der Binnenbrustdruck

bezeichnet worden. Derselbe wird also normaler Weise von der Saugkraft

resp. von den elastischen Kräften der Lunge reguliert. ~Je stärker

dieselbe zur Geltung kommt, wie bei tiefster Inspiration, desto

geringer ist der Binnenbrustdruck~.

Bei ruhiger Atmung ist der elastische Zug der Lungen bei Atmungsstellung

9 ^mm^ ^Hg.^, demnach der Binnenbrustdruck = 760 - 9 = 751 ^mm^ ^Hg.^

Bei ruhiger Ausatmung ist der elastische Zug = 7 ^mm^ ^Hg.^, der

Binnenbrustdruck = 760 - 7 = 753 ^mm^ ^Hg.^

Bei ruhiger Atmung ist daher der auf die im Brustraum gelegenen

Gefäße lastende Druck kleiner, als der auf die außerhalb desselben

gelegenen einwirkende. Nach ~Munk~ muß daher eine Aufsaugung des

Blutes aus den außerhalb des Brustraumes gelegenen Blutgefäßen

stattfinden und damit die ~Blutbewegung beschleunigt werden~. Und

diese Blutstrombeschleunigung muß um so ~größer~ sein, je geringer

der Binnenbrustdruck, d. h. je ~tiefer die Atmung~ ist.

Die Beschleunigung des Blutstroms macht sich zunächst im

~Pfortaderkreislauf~ bemerkbar. Aus den kleinsten Auflösungen der

Schlagadern, den sogenannten Haargefäßen (Kapillaren) des Magens, der

Milz und des Darmrohrs gehen Blutadern (Venen) hervor und sammeln sich

zum sogenannten Pfortaderstamm, der in der Leber von neuem ein

Kapillarsystem bildet, aus welchem die Lebervenen entstehen, die in die

untere Hohlvene einmünden. Letztere führt das verbrauchte Blut dem

Herzen zur Regeneration zu. Durch die kapillare Strombettbildung in der

Leber ist die Blutbewegung daselbst eine verlangsamte und erst durch die

geschilderte Saugkraft wird sie wieder beschleunigt. Dazu kommt die

unterstützende aktive Kraft der Bauchpresse bei der Tiefatmung, d. i.

der ~Herabstieg des wichtigsten Atmungsmuskels, des Zwerchfells~,

welches Brust- und Bauchhöhle voneinander scheidet und die

~Bauchmuskeltätigkeit~, welche beide zusammengenommen von oben und von

vorn ebenso wie den gesamten Bauchinhalt auch die Leber zusammenpressen.

~Die Tiefatmung wird also zu einem willkürlich zu gebrauchenden

Massageapparat der Leber, der Därme, der Nieren und aller übrigen

Baucheingeweide~.

Die Beförderung der Verdauung, der Harnabsonderung, des Stoffwechsels

etc. sind unmittelbare und notwendige Folgen.

Derselben Einwirkung aber unterliegt auch der Brustgang des

Lymphgefäßsystems (^ductus thoracicus^), so daß der ~Lymphstrom vom Darm

und den Extremitäten her beschleunigt wird~.

In gleicher Weise sucht der negative intrathoracische Druck die

Wandungen der Herzhöhlen voneinander zu entfernen; er fördert also

die Füllung derselben während ihrer Erschlaffung (diastolische

Füllung). Im Röntgenbilde kann man bei starker Herabsetzung des

Binnenraumbrustdruckes die Vergrößerung des Herzens beobachten.

Ferner begünstigt die Saugkraft der Lungen auch ~den kleinen oder

Lungen-Kreislauf~. In der lufthaltigen Lunge sind die Blutgefäße weiter

als in der luftleeren, und wird nun bei der Einatmung der

Binnenbrustdruck stärker negativ, so äußert er seinen gefäßerweiternden

Einfluß mehr auf die dünnwandigen Venen als auf die starren Arterien.

~Auf diese Weise erfährt der Lungenkreislauf eine inspiratorische

Beschleunigung~; dadurch wird während der Inspiration der linken

Herzkammer mehr sauerstoffreiches Blut zugeführt als bei der Expiration

und der ~Herzmuskel~ selbst ~besser ernährt~.

Durch die ~Tiefatmung aber werden alle genannten Wirkungen stärker als

bei ruhiger Atmung~ und durch systematische vernünftige Atemgymnastik

resp. Leibeszucht wachsen:

Körperpflege durch Gymnastik, Licht und Luft · 第 18 / 72 题