1. Wirkung der Leibesübung auf die Muskeln.

Wir wissen, daß ein Muskel, den wir durch einen Verband bewegungslos

machen, an Muskelfleisch verliert; wir wissen ferner, daß, wenn wir eine

Muskelgruppe besonders stark gebrauchen, dieselbe an Muskelsubstanz

zunimmt z. B. die Wadenmuskulatur des Bergsteigers, die Oberarme der

Schmiede, die Vorderarmmuskulatur der Klavierspieler.

~Dieser Dickenzunahme entspricht die höchste Einzelleistung der

Muskeln~, die durch ~Uebung~ erreicht wird. Gleichzeitig wird aber durch

Uebung eine gewisse Unermüdlichkeit der Muskeln erzielt. Fixiert man z.

B. den Oberarm und läßt nun den Vorderarm Gewichte heben und notiert die

Hubhöhen auf einem rotierenden Zylinder, so findet man, daß die

Höchstleistung nur kurze Zeit geleistet werden kann; damit nun die

Hubhöhe gleich groß bleibt, muß die Belastung stetig vermindert werden,

bis schließlich die kleinste Belastung erreicht wird, bei welcher die

Muskeln stundenlang in demselben Tempo fortarbeiten können. Dieser

~Unermüdbarkeitswert~ wächst durch Uebung ebenso stark wie der Wert der

höchsten Einzelleistung. Und zwar steigt die Tagesleistung (in

Kilogrammeter[1]) ausgedrückt auf das 2½fache. Muskelreize bringen den

Muskel in Tätigkeit; sie wirken wie der Funke, der die im Schießpulver

enthaltenen Spannkräfte zur Explosion frei macht. Oder wie der

Lichtreiz, der unter Explosion, Chlor und Wasserstoff zu Chlorknallgas

vereinigt. Der ~normale physiologische Reiz~, der im täglichen Leben

unsere Bewegungen veranlaßt, ist der ~Willensreiz~. Auch dieser wird

durch Uebung größer, deshalb muß auch die Aeußerung des geübten Willens

eine mächtigere und ausdauerndere sein. In gleicher Weise erzeugen

mechanische, chemische, thermische, elektrische und physiologische Reize

aus den chemischen Spannkräften des Muskels ~Wärme und Arbeit~, d. h. er

verwandelt chemische in physikalische Kräfte. Dabei verändert der Muskel

seine Gestalt, er wird ~kürzer~ und ~dicker~ und zwar desto mehr, je

stärker der wirkende Reiz ist. Entsprechend dem lebhafteren Stoffwechsel

sind die ~Blutgefäße etwas erweitert~. Man darf sich das Festerwerden

des Muskels nicht etwa so vorstellen, als ob er durch Zusammenziehung

den Inhalt seiner Blutgefäße wie einen Schwamm auspreßt. Denn der Muskel

besteht ja zu ¾ aus Wasser, einer Flüssigkeit, die fast gar nicht

zusammengedrückt werden kann. ~Die Gestaltsveränderung der Muskeln ist

aber nicht nur eine augenblickliche, sondern zeigt sich bei dauernder

Uebung in der Muskelmodellierung~, d. h. in der dauernden Dickenzunahme

des Muskelfleisches und in dem Sichtbarwerden der einzelnen

Muskelabschnitte, ihrer Ursprungs- und Ansatzpunkte.

[1] Kilogrammeter ist dasjenige Maß der Arbeit, welches angibt, daß

ein Kilogramm ein Meter hoch gehoben wird.

Wichtig ist auch die ~Elastizitätseigenschaft~ der Muskeln; denn da

dieselben in etwas gedehntem Zustande am Skelett befestigt sind, so

suchen sie vermöge ihrer Elastizität zum natürlichen Zustande

zurückzukehren, pressen also die Gelenkenden mit einer gewissen Kraft

zusammen, ~verleihen demnach den Gelenken ihre Festigkeit~ und haben

dadurch die Fähigkeit einander entgegenzuwirken.

~Je stärker ein Muskel vor seiner Tätigkeit gedehnt wird, um so mehr

Kraft entwickelt er~.

Wollen wir demnach kräftige Bewegungen ausführen, so müssen wir zu

denselben ausholen. Wir dehnen zuvor den großen Brustmuskel, indem wir

den Arm etwas nach hinten nehmen, wenn wir den ~Wurf~ mächtig gestalten

wollen. Soll die Wurfbewegung zart und abgemessen sein, so brauchen wir

die der Zusammenziehung vorangehende Vorbereitung der Muskeldehnung

nicht.

Ein ~Springer~ kann, sofern er wirksam springen soll, nicht aus dem

Stande springen, denn der das Körpergewicht emporfedernde große

Streckmuskel des Oberschenkels ist bei gestreckter Haltung des

Standsprunges zusammengezogen. Um ihn zu dehnen, macht man zuvor die

Kniebeuge.

Je härter die Speise ist, die man zu ~beißen~ hat, desto weiter schiebt

man sie nach hinten zwischen die Backenzähne um die Kaumuskeln zu dehnen

und ihre Tätigkeit wirksamer zu gestalten. Um eine weiche Nahrung zu

bearbeiten braucht man die Schneidezähne, so daß man den Mund kaum

öffnen und die Kaumuskeln nur wenig zu dehnen braucht.

Daraus folgt, daß man bei vernünftiger Leibesschulung die Muskeln zur

Erzielung von Höchst-Leistungen so erziehen muß, daß sie mit

Leichtigkeit die volle Dehnungsweite ausnutzen können, man aber auch da,

wo es auf die größte Entfaltung von Kraft nicht ankommt, vielleicht zum

Zwecke einer Dauer- oder Schnelligkeitsleistung sich durch Einschränkung

der Dehnungsweite Reservekraft erhält. Auch das „Federn” des Körpers,

das er beim Sprung aus größerer Höhe gebraucht, ist nur bei einer

bestimmten Muskelelastizität denkbar.

Alle Bewegungen, die wir für gewöhnlich ausführen, sind ~anhaltende

Zusammenziehungen~.

Eine ununterbrochene Arbeit können die Muskeln indeß nicht leisten, weil

sie ~ermüden~. Diese Ermüdung äußert sich zunächst in einem Gefühl der

Schwäche, welches sich allmählig zum Schmerzgefühl steigert; das Gesicht

wird rot, Schweiß bricht aus und es treten Mitbewegungen auf, bis

schließlich trotz größter Willensanstrengung die Muskeln vollkommen

arbeitsunfähig werden und den Dienst versagen. Noch mehrere Tage nach

einer derartigen Muskelleistung kann der Muskel schmerzhafte

Nachempfindungen äußern, wie wir sie bei dem sogenannten „~Turnfieber~”

beobachten. Ein durchgeübter, d. h. trainierter Muskel dagegen zeigt

solche Uebermüdungserscheinungen nicht mehr.

Bekanntlich ist auch der ruhende Muskel im steten ~Stoffwechsel~

begriffen. Er entnimmt dem Nahrungssafte des zuströmenden Blutes, um dem

Körper die nötige Wärme und Kraft zu übermitteln, Nährsubstanzen und

Sauerstoff und gibt Kohlensäure ab. Und zwar nimmt er mehr Sauerstoff

auf, als er Kohlensäure abgibt; ~wir haben also im Muskel einen

Sauerstoffspeicher~. Aber dieser Sauerstoffumsatz ist beim ~tätigen~

Muskel ein wesentlich höherer; denn der Sauerstoffverbrauch und die

Kohlensäureabgabe sind bis zum fünffachen gesteigert. Dabei ist, wie

bekannte Forscher gezeigt haben, der Sauerstoffgehalt des Körperblutes

der Schlagadern noch größer und der Kohlensäuregehalt desselben noch

kleiner als beim ~untätigen~ Muskel.

Der Muskel hat also trotz des erhöhten Sauerstoffverbrauches durch

seine Tätigkeit noch mehr Sauerstoff aufgespeichert als im Ruhezustande.

Diese Vergrößerung des Sauerstoffspeichers erreicht der Muskel dadurch,

daß er durch Erweiterung seiner Blutgefäße das Blutreservoir so stark

vergrößert, daß eine 3-5mal so große Blutmenge den Muskel durchströmt,

ferner dadurch, daß mit zunehmender Muskeltätigkeit auch die Atmung

vertieft und beschleunigt wird, so daß durch die Lungen während der

Arbeit bis zum 4-5fachen mehr Sauerstoff aufgenommen wird als in der

Ruhe.

~Aber nicht nur die Aufnahme und Verarbeitung der wichtigsten

Lebensspeise, nämlich des Sauerstoffs werden durch die Muskeltätigkeit

erhöht, sondern auch alle übrigen Muskelbestandteile~.

So nimmt die Menge der im Wasser löslichen Muskelstoffe durch Tätigkeit

ab, während die Menge der im Alkohol löslichen zunimmt; ferner ändert

der Muskel durch Tätigkeit seine chemische Reaktion, denn die neutrale

Reaktion des ruhenden Muskels wird beim tätigen durch Bildung ~von

Fleischmilchsäure sauer~.

Durch Muskeltätigkeit wird nämlich der Körper- und Muskel-Süßstoff

verbraucht, indem derselbe erst in Zucker und dann in Milchsäure

verbrannt wird. Als stoffliche Ursachen der Ermüdung des Muskels haben

wir bisher folgende Endprodukte des chemischen Umsatzes kennen gelernt:

1. Die Vermehrung der Kohlensäure, von der wir wissen, daß sie, wenn sie

sich im Blute übermäßig anhäuft, zum giftigen Gase wird;

Körperpflege durch Gymnastik, Licht und Luft · 第 9 / 72 题