In der Stille der Nacht lenkte der Lord sein getreues Weltschiff in
rascher Fahrt über Flüsse, Gebirge und Seen. Der Vollmond beleuchtete
die Landschaft und Flitmore kannte sich darin aus.
Endlich hatte er seinen Landungsplatz gefunden und die Sannah senkte
sich auf eine grüne Wiese herab.
Der Engländer sah auf die Uhr.
»Noch vier Stunden bis Sonnenaufgang,« murmelte er. »So will ich denn
auch noch einen Schlaf tun, um recht frisch zu sein, wenn uns ein
schöner Morgen aufleuchtet.«
Er weckte John. »Halte du diese Nacht vollends Wache. Wir befinden uns
bereits auf festem Erdboden und es wird nichts vorkommen. Sobald die
Sonne aufgeht, weckst du zuerst mich, dann die andern.« So sprechend
legte er sich zur Ruhe.
John öffnete die Lucke des Südpolzimmers und sah hinaus. Er war doch
neugierig, wo man sich befand. Seinen Herrn hatte er nicht fragen mögen,
da dieser von selber nichts gesagt hatte.
Was war das für eine Landschaft? Merkwürdig bekannt kam sie Rieger vor.
Aber England war das nicht, noch weniger Deutschland; es konnte nichts
andres als Afrika sein!
Da wiegten schlanke Palmen ihre Wedel in der Vollmondnacht, dort
dämmerten dichte Bananenhaine und nicht ferne glitzerte der Spiegel
eines Sees, an dessen linkem Ufer im Osten eine Hochgebirgslandschaft
aufragte.
»Das ist sozusagen nichts andres als der Albert-Edward-Njansa,« sprach
John zu sich selbst, »und dieses Dach in der Nähe zwischen den
Baumwipfeln dürfte die Farm des alten Herrn Piet Rijn sein. Nein! Das
wäre sozusagen eine Überraschung für meine Lady Mietje und auch für den
Herrn Professor und dann erst für die Familie des Herrn Rijn und
Fräulein Helene -- ach nein! Frau Rijn muß man ja jetzt sagen, Frau
Hendrik Rijn! Und für ihren Herrn Gemahl, den lieben Herrn Hendrik! Wenn
das wäre! Und die tapfere Zwergprinzessin ist ja wohl auch bei ihnen.
Nein! Wie ich mich freuen würde, die kleine schöne Tipekitanga wieder
einmal zu sehen!«
Er mußte sich überzeugen und begab sich in das nächste Gemach, das jetzt
nordwärts schaute. Richtig! Da ragte die Gletscherkuppe des Ruwenzori
gewaltig empor und glänzte im Mondlicht.
Kein Zweifel! Man befand sich unmittelbar in der Besitzung des Buren
Piet Rijn an den Ufern des Albert-Edward-Sees! John lächelte vor sich
hin; das war ein feiner Gedanke seines Herrn, seinen Schwiegervater
aufzusuchen.
In der Farm Piet Rijns regte es sich zu derselben Zeit. Eine junge
blühende Frau hatte sich von ihrem Lager erhoben und schaute zum Fenster
hinaus.
Sie rieb sich die Augen: was war das für eine ungeheure Kugel, die über
die Baumwipfel im Osten emporragte? Wie glitzerte die gewölbte
Oberfläche im Mondschein?
Die junge Dame war Sannah, die Tochter des Farmers Piet Rijn, die zur
Zeit mit ihrem Gemahl, Doktor Otto Leusohn, einem deutschen Arzt, der
sich in Ostafrika niedergelassen hatte, zu Besuch auf der väterlichen
Farm weilte.
Sie huschte an das Bett ihres Gatten und weckte ihn mit einem Kuß.
»Otto,« sagte sie, »ich hatte einen so merkwürdigen Traum, als ob eine
große, große Kugel durch die Luft daherkäme, und, denke dir, wer
herausstieg?«
»Nun?«
»Meine Schwester Mietje und unser Schwager Charles Flitmore!«
»Ein schöner Traum in der Tat,« sagte Leusohn lachend, da er gleich
völlig munter geworden war, wie es sich für einen Arzt ziemt. »Und nun
glaubst du wohl, er werde sich noch diese Nacht erfüllen?«
»Ich weiß nicht! Aber wie ich zum Fenster hinausschaue, sehe ich die
Kugel meines Traumes über die Baumwipfel ragen.«
»Das wäre!« rief Leusohn erstaunt und sprang aus dem Bett. Ein Blick
durch das Fenster überzeugte ihn, daß da allerdings etwas Fremdes und
Merkwürdiges ganz in der Nähe lagerte.
»Wollen wir hingehen und sehen, was es ist?« fragte Sannah.
»Ich bin dabei!« erwiderte ihr Mann.
Während seine junge Frau sich eiligst ankleidete, klopfte er an die
dünne Bretterwand, die das Schlafgemach vom Nachbarzimmer trennte.
»Was ist los?« fragte dort eine schlaftrunkene Stimme.
»Ich weiß nicht,« antwortete Leusohn; »aber jedenfalls hat sich etwas
ganz Seltsames zugetragen. Sannah und ich wollen der Sache auf den Grund
gehen, willst du uns nicht begleiten, Hendrik.«
»Selbstverständlich!« rief dieser zurück. »Ich mache mich gleich
fertig.«
»Und ich gehe natürlich auch mit euch,« rief eine helle Frauenstimme aus
dem Nebengemach. Das war Leusohns Schwester Helene, die Gemahlin Hendrik
Rijns.
Als Hendrik und Helene vollständig angekleidet waren und ihr
Schlafzimmer verließen, kam ihnen im Vorgemach eine schlanke
Mädchengestalt entgegen.
Es war eine auffallend hübsche, wohlgewachsene kleine Negerin von
lichter Hautfarbe und mit prächtigen blitzenden Augen. In Wahrheit war
sie kein kleines Mädchen mehr, wie es auf den ersten Blick scheinen
mochte, sondern eine ausgewachsene Dame, aber aus dem Geschlecht der
Zwerge. Trotz ihrer vornehmen Geburt, denn sie war eine königliche
Prinzessin, diente sie Helene als getreue Kammerzofe und Mädchen für
alles, namentlich auch als Begleiterin auf Jagdausflügen; gab es doch
keine so treffliche Jägerin mehr in ganz Afrika wie das liebliche
Zwergfräulein.
»Ihr wollt in die Nacht hinaus?« fragte die Kleine. »Tipekitanga wird
mit euch gehen.«
»Das ist recht, du treue Seele,« lobte Helene Rijn und streichelte ihr
die zarte Wange.
Jetzt erschien auch Doktor Leusohn mit seiner Gattin, die von ihrer
Dienerin Amina, einer auffallend hübschen Somalinegerin, begleitet
wurde.
Sannah begrüßte ihren Bruder Hendrik und ihre Schwägerin Helene mit
einem Kuß; auch Otto Leusohn küßte seine liebe Schwester und seinen
Schwager herzlich, dann erzählte er den Traum seiner Frau und die
wunderbare Erscheinung, die man vom Fenster aus beobachten konnte.
Währenddessen hatten sie sich schon ins Freie begeben und eilten in der
Richtung dahin, in der man zu der rätselhaften Kugel gelangen mußte.
Als sie aus dem Ölpalmenwäldchen hinaustraten auf die freie Grassteppe,
standen sie staunend still; vor ihnen ragte der dunkle Koloß, eine
ungeheure schwarze Kugel. Der Mond war untergegangen und so sah die
dunkle Masse finster und drohend aus, als könnte sie im nächsten
Augenblick daherrollen und die Menschlein zu ihren Füßen zermalmen.
»Die Kugel meines Traumes!« rief Sannah.
»Deinem Traume nach müßte sich aber Mietje in ihrem Innern befinden,«
sagte Leusohn.
»Da oben schaut ja ein Mann heraus,« rief nun Helene.
Die dunkle Gestalt, die sich aus einer Lucke der Sphäre herausbeugte,
ließ nun auch ihre Stimme vernehmen:
»Wenn ich mir gestatten darf, Sie an Ihrer mir immer noch wohlbekannter
Weise in lieblichster Erinnerung befindlichen Stimme erkennen zu dürfen
und Sie mir dieses nicht für übel aufzunehmen belieben, so wären ja
dieses Sie, Fräulein Helene oder vielmehr, weil ich mich darin immer
wieder verspreche, Frau Rijn und Herr Hendrik, sowie Fräulein Sannah
oder sozusagen jetzt Frau Doktor Leusohn mit ihrem wertesten Herrn
Gemahl?«
Helene lachte hell auf. »Nein! Solche Redensarten führt kein Mensch auf
der Welt,« sagte sie, »als einzig und allein Johann Rieger, Lord
Flitmores edler Diener.«
»Oho!« rief Leusohn. »Dann hast du doch wohl einen prophetischen Traum
gehabt, liebe Sannah! Wenn John da Auslug hält, dann dürften Schwager
Charles und Mietje auch nicht ferne sein.«
»Nein, diese Freude!« jubelte John. »Aber entschuldigen Sie, wenn ich
meine bescheidene Persönlichkeit für einen Augenblick zurückzuziehen in
die Lage mich versetzt fühlen muß, indem daß die Sonne bereits ihren
Aufgang hält, wo ich verpflichtet bin, meinen gnädigen Lord zu wecken.«
John verschwand und drunten plauderten die jungen Menschen ganz
aufgeregt und glücklich durcheinander: was war das für ein wunderbarer
Bau, und wie konnte Flitmore mit ihm von England nach Afrika reisen?
Aber die Hauptsache war: er war gekommen und Mietje mit ihm, ein
unerwarteter und gar so lieber Besuch!
Zehn Minuten später beleuchtete schon die aufgehende Sonne das
Weltschiff, als Flitmore und Mietje in der Lucke erschienen.
»Hurrah!« rief Leusohn: »Da sind sie ja!«
»Hurrah!« antwortete der Lord: »Und ihr habt uns entdeckt? Willkommen,
Schwager Otto, willkommen, Schwager Hendrik! Willkommen, meine lieben
Schwägerinnen Helene und Sannah: die große Sannah kam, euch zu grüßen.«
»Nein, daß ihr auch gerade hier seid, Sannah und Otto!« jubelte Mietje
herab: »Das ist gar zu schön! Und da ist ja auch unsre Zwergprinzessin
und die treue Amina!«
»Jambo, jambo!« riefen die beiden Negermädchen frohlockend hinauf.
Inzwischen hatte John die Strickleiter befestigt und der Lord und seine
Gattin beeilten sich hinabzusteigen. Gleich hinter ihnen erschien
Professor Schultze.
Mietje und Sannah flogen einander in die Arme; Flitmore küßte herzlich
seine Schwäger und Schwägerinnen und sogar die kleine Zwergprinzessin,
die solcher Ehre wohl wert war. Ebenso innig begrüßte Lady Flitmore, als
sie sich aus der Schwester Armen herausgefunden, ihren Bruder Hendrik
und dessen Gattin, sowie den Doktor, ihren Schwager, und alsdann
Tipekitanga und Amina.
Inzwischen hatte auch der Professor sich der Gruppe genähert und wurde
mit kräftigem Händeschütteln von den alten lieben Bekannten begrüßt, mit
denen er einst auf afrikanischem Boden so manches Abenteuer erlebt
hatte.
Heinz und Heliastra waren mittlerweile ebenfalls der Sannah entstiegen.
Sie waren hier noch unbekannt und blieben etwas abseits stehen; doch
wurden sie bald bemerkt und hohes Staunen erfüllte Hendrik und Leusohn
und deren Gattinnen, als sie die wunderliebliche Gestalt und das in
überirdischer Schönheit strahlende Gesicht des fremden Mädchens
erschauten.
Sie verstummten und fühlten sich von einem seltsamen Zauber gefangen
genommen, der von dem engelgleichen Wesen ausging, das von einem
schneeweißen, zarten Gewebe umflossen vor ihnen stand. Sie bewunderten
diese blendende Erscheinung mit wahrer Andacht und frommer Scheu: sie
erschien wie ein Geschöpf aus einer andern vollkommeneren Welt, denn wie
konnte die Erde solche himmlische Reize hervorbringen? Und sie hatten
recht mit dieser Ahnung: Heliastra kam ja wirklich aus höheren Sphären.
Aber neben diesem Gefühl ehrfürchtiger Bewunderung wallte zugleich in
aller Herzen eine beseligende Liebe zu der Fremden auf: sie fühlten sich
ganz wunderbar zu ihr hingezogen. Die Reinheit, Milde und herzgewinnende
Freundlichkeit, die aus diesem lieblichen, rosenschimmernden Antlitz
lachte, vor allem aber aus den großen Augen, deren zartes Blau auf Erden
nicht seinesgleichen hatte, mußten ja alle Seelen gefangen nehmen.
Heliastra ihrerseits schaute mit liebendem Wohlgefallen auf die Gruppe,
ihr Herzchen klopfte vor freudiger Aufregung und wogte besonders ihren
neuen irdischen Schwestern entgegen. Wie schön und wie lieb sahen sie
aus, wenn sie auch nicht so ätherisch waren wie Glessiblora und die
andern Mädchen Edens! Selbst ihre dunkelfarbigen Erdenschwestern, die
feingliederige Tipekitanga und die rundliche Amina kamen ihr reizend
vor.
»Wer ist dies himmlische Geschöpf?« stammelte endlich Sannah mit
fliegenden Pulsen.
»In Wahrheit ein himmlisches Geschöpf!« sagte Mietje: »Denn wir haben
sie aus der himmlischen Welt der Fixsterne geholt. Und wie lieb und edel
sie ist, werdet ihr bald selber erfahren.«
»Aus der himmlischen Welt der Fixsterne?« rief Helene ratlos. Was
sollten diese rätselhaften Worte bedeuten? Und doch! sie fühlte, daß ein
überirdisches Geheimnis allein der Wahrheit entsprechen konnte; denn daß
auf ein irdisches Wesen eine solche Anmut ausgegossen sein könnte,
schien ihr je länger je mehr völlig undenkbar.
»Es ist so,« bestätigte der Lord: »Heliastra ist ein Gast aus den
himmelweiten Fernen der Fixsternwelt. Wie das alles zusammenhängt,
werden wir euch hernach erklären. Nun aber will sie unsre arme Erde als
ihre Heimat betrachten: eine edle Sehnsucht zog sie zu uns herab und die
Liebe ihres Herzens zu unserm edlen Freund Heinz Friedung, der ein Los
gezogen hat, wie es noch keinem Sterblichen zuteil wurde, außer etwa
mir, der ich eine Mietje Rijn zur Gattin gewann.«
»Frevler!« rief Lady Flitmore und legte ihre kleine Hand auf des Lords
Mund: »Wie kannst du es wagen, mich mit einer Heliastra zu vergleichen!«
»Das ist Heinz Friedung, der mit Ihnen Australien bereiste?« wandte sich
nun Doktor Leusohn an Schultze.
»Gewiß! Eine Seele von einem Menschen und ein Held! Niemand hätte ich
ein solch goldenes Glück so freudig gegönnt, wie gerade ihm.«
»Herzlich willkommen!« rief Leusohn und umarmte den jungen Mann, der ihm
aus des Professors Briefen längst bekannt und lieb war; ebenso stürmisch
begrüßte Hendrik den neuen Freund, worauf auch Sannah und Helene ihm die
Hand schüttelten.
Dann eilten die jungen Frauen auf Heliastra zu; doch hielt sie immer
noch eine andächtige Scheu zurück, der Holden eine Zärtlichkeit zu
erweisen, zu der sie ihr Herz trieb. Sie fühlten sich unwürdig so hoher
Gunst und streckten ihr zaghaft die Hand entgegen.
Heliastra aber schlang lächelnd ihre Elfenarme nach einander um Sannahs
und Helenes Hals und drückte warm ihre feinen Rosenlippen auf ihren
Mund. »Seid ihr nicht meine lieben Schwestern?« fragte sie dann
errötend.
»Wenn wir es sein dürfen, mit Stolz und Freude!« erwiderte Helene und
Sannah fügte hinzu: »Ich glaube, ich werde niemand so lieb haben können,
wie dich, ausgenommen natürlich meinen lieben Mann.«
»Ja, mein lieber Heinz geht auch bei mir allen andern vor,« sagte
Heliastra mit einem zärtlichen Blick auf ihren Gatten: »Aber dann sollt
gleich ihr kommen. O, ich habe so viel Liebe, es reicht für euch und die
ganze Welt!«
Das ganze Gespräch wurde auf deutsch geführt, das Heliastra bereits
fließend sprach, und das aus ihrem Munde wie himmlische Musik und
Glockengeläute klang.
Dann ging sie leichtfüßig auf Tipekitanga und Amina zu, die scheu
bewundernd beiseite standen, umarmte und küßte auch sie und sprach: »Ihr
seid doch auch meine lieben Schwestern von der Erde?«
Amina war ganz stumm vor Glück und großer Verlegenheit, zugleich aber
hob sich ihr Herz in seligem Stolz.
Tipekitanga aber sah die himmlische Schwester mit einem strahlenden
Blicke an und flüsterte nur: »O, liebe, liebe Herrin!«
Hierauf reichte Heliastra Hendrik und Leusohn das durchsichtige Händchen
mit warmer Herzlichkeit; die Männer aber wagten nicht, fest zuzugreifen,
so zart erschien ihnen diese Elfenhand, auf die sie einen ehrerbietigen
Kuß drückten.
Da aber plötzlich wurde es in der Höhe laut und der Zauberbann, den
Heliastras Erscheinung ausübte, wurde für eine Weile gebrochen.
»O, schnöde Erde! O, jämmerliche, erbärmliche Menschheit!« grollte es
herab. »Also da sind wir wieder gelandet auf dem armseligsten aller
Planeten? Und da unten begrüßen sie sich und kein Mensch denkt an mich,
Kapitän Hugo von Münchhausen, den berühmten Abu Baten, Pascha seiner
Königlichen Hoheit des Khedive von Ägypten! Mich, mich lassen sie die
Begrüßungsszene verschlafen! Mich, die gewichtigste Persönlichkeit von
allen, behandeln sie als eine zu vernachlässigende Größe? Komm,
Heliastra, du Engelskind aus einer bessern Welt! Laß uns mit einander
diesen undankbaren Erdboden wieder verlassen und zurückkehren in die
seligen Sphären!«
»Halloh! Münchhausen, unser herrlicher Kapitän, der schreckliche Abu
Baten!« rief es unten durcheinander.
Dieser stürmische Jubel versöhnte den zürnenden Koloß und er turnte mit
erheiternder Gewandtheit die Strickleiter herab.
Als er keuchend den Erdboden erreichte, umringten ihn die Freunde und
Freundinnen und grüßten ihn mit solch herzlicher Freude, daß er
erklärte: »Na Kinder! Wenn ihr mich denn doch so gern habt, so will ich
mich, wenn auch schweren Herzens, entschließen, wieder diesen heillosen
Planeten zu bevölkern!«
Nun erst kam auch der bescheidene John herab, gefolgt von den
Schimpansen Dick und Bobs, und auch er wurde aufs freundlichste
willkommen geheißen.
»Ah! Da steht ja auch unsre herrliche Zwergprinzessin!« rief
Münchhausen: »Komm an mein Herz, liebes Mädchen, fliege in meine Arme,
reizende Tipekitanga! Dein alter Onkel sehnt sich danach, dich an seine
treue Brust zu drücken!«
»Halt, halt!« lachte Leusohn, als der Kapitän wirklich Miene machte, die
zarte Gestalt zu umarmen: »Sie würden ja unsre kleine Heldin erdrücken
und erwürgen. Für solch zerbrechliche Wesen sind Ihre Liebkosungen denn
doch zu gefährlich.«
»Sie haben recht, wie immer, weiser Doktor,« sagte Münchhausen und ließ
die Arme wieder sinken. »Na, dann gib mir dein Patschhändchen,
vortrefflichstes aller Prinzeßchen!« Und er drückte ihr vorsichtig die
kleine Hand.
Nun erschien auf einmal Piet Rijn, der greise Bure, auf der Bildfläche,
gefolgt von seinen übrigen Söhnen Frans, Klaas und Danie.
Frans hatte von der Farm aus das Weltschiff in der Morgensonne strahlen
sehen, und da bald bemerkt wurde, daß Hendrik und Leusohn mit ihren
Frauen und deren Dienerinnen ausgeflogen waren, beschloß der würdige
Alte, nachzusehen, was dort drüben los sei.
Hocherfreut umarmte er seine Tochter Mietje und seinen Schwiegersohn,
den Lord, begrüßte herzlich den Professor und ebenso Heinz und
Münchhausen, die Flitmore ihm vorstellte. Von letzterem besonders hatte
er ja durch seine Söhne, sowie Sannah, Helene und Leusohn des Rühmlichen
genug erfahren. Ebenso freudig bewegt begrüßten die Brüder Mietje, den
Lord und dessen Gefährten. Auch John wurde nicht vergessen.
Mit hoher Bewunderung wurde auch die Perle der Gesellschaft, Heliastra,
willkommen geheißen, dann begab man sich gemeinsam nach dem Wohnhause
der Familie Rijn.
Unterwegs schimpfte Münchhausen: »Nein, es ist doch ein wahres Elend auf
dieser Erde! Wie leichtfüßig war ich doch auf dem Planeten Eden! Ach!
Wenn ich an dieses Hüpfen und Schweben denke! Und jetzt? Eine Schinderei
ist es, solch einen stattlichen Leib, wie ich ihn besitze, schwerfällig
über den Erdboden zu schleppen!«
Auch Heliastra hatte bemerkt, daß es sich auf Erden nicht so leicht
wandelte, wie in ihrer heimischen Welt. Sie machte einen Versuch, sich
wie dort in die Lüfte zu erheben, aber damit war es hier nichts! Mit
einer leisen, bedauernden Enttäuschung in der Stimme sagte sie zu ihrem
Gatten: »Heinz, hier kann ich nicht mehr fliegen!«
»Wenn nur unsere Seelen fliegen!« erwiderte er tröstend.
Doch Heliastras heiteres Gemüt überwand rasch die Enttäuschung. Zu was
wollte sie fliegen, wenn es ihrem Heinz doch versagt war? Und sie
schwebte so leichtfüßig über den Erdboden, dahin, wie kein Menschenkind
es vermochte.
»Wie eine Elfe!« dachte Sannah.
Helene und Sannah eilten nun voraus in die Farm, um mit Aminas und
Tipekitangas Hilfe einen tüchtigen Morgenimbiß zu bereiten, zu dem John
noch Früchte und Konserven von Eden aus der Sannah holen mußte, die
hohes Staunen erregten und den unkundigen Erdenkindern einen nie
geahnten Genuß bereiteten.
Inzwischen wurde lebhaft geplaudert und zunächst in aller Kürze von der
wundersamen Weltfahrt berichtet.
Wie ein Märchen klangen diese Berichte, und Leusohn meinte: »Wenn uns
Kapitän Münchhausen das alles erzählte, so wüßte ich ja, wo ich daran
bin; so aber kenne ich mich wahrhaftig nicht mehr aus! Und das alles
soll wirkliche, selbsterlebte Wahrheit sein und kein wunderbarer Traum?«
»Hast du schon solche Früchte und Baumzweige gesehen und gekostet?«
fragte Helene ihren zweifelnden Bruder. »Gibt es Milch und Honig, Butter
und Fruchtsäfte auf der weiten Erde, wie diese paradiesischen Genüsse,
die uns aus einer fernen Welt gebracht und aufgetischt worden sind?«
»Und vor allem,« fügte Sannah hinzu, als ihr Gatte seiner Schwester
daraufhin nichts zu erwidern wußte, »ist dieses engelgleiche Wesen,
Heliastra, nicht ein augenscheinlicher Beweis für die Wahrheit alles
dessen, was unsere staunenden Ohren vernehmen?«
»Ihr habt recht, meine Lieben,« gab nun der Doktor zu, »und wenn ich
mich überzeugt habe, daß ich das alles nicht selber träume, dann muß ich
es ja schließlich glauben. In der Tat zweifle ich lebhaft, ob nicht
selbst unseres Kapitäns großartige Phantasie zu schwach wäre, solche
Wunder auszudenken.«
»Oho!« verwahrte sich Münchhausen. »Warten Sie ab, bis _ich_ zu erzählen
beginne, etwa von den sechsbeinigen Marsmenschen und dergleichen!«
»Und mir zu Ehren hast du dein märchenhaftes Fahrzeug »Sannah«
geheißen?« fragte Leusohns Gattin ihren Schwager Flitmore.
»Gewiß! Und sie hat dir Ehre gemacht; sie hat sich treu und zuverlässig
erwiesen,« lautete die Antwort.
Tipekitanga aber strahlte vor Stolz und Glück, als sie erfuhr, daß auch
sie einer so außerordentlichen Ehrung gewürdigt worden war, und daß ein
kleiner, aber an Wundern und zauberischen Reizen reicher Weltkörper
ihren Namen erhalten hatte. Ebenso stolz war Amina, daß ein Komet nach
ihr benannt worden war.
Mehrere Wochen blieben unsere Freunde auf Piet Rijns Farm, glücklich
inmitten ihrer Lieben, dann nahmen sie Abschied, doch nicht auf immer.
Sie bestiegen noch einmal die Sannah; Münchhausen wurde in Adelaide
abgesetzt; Professor Schultze, Heinz und Heliastra verließen endgültig
das Weltschiff, als es Berlin erreichte.
Kurz darauf landete Lord Flitmore mit Mietje und John nebst den treuen
Schimpansen vor seinem Schloß in England, um zunächst hier zu verweilen,
später aber die Sannah zu einer neuen Weltfahrt praktischer auszurüsten
unter Benutzung aller Erfahrungen, die auf ihrer ersten Reise gemacht
worden waren, die er nur als eine Probefahrt ansah.
Ein nochmaliger Besuch des Planeten Eden war für den Lord und Mietje vor
allem eine ausgemachte Sache; dies waren sie schon Heinz und Heliastra
schuldig, denen sie versprochen hatten, sie in ein paar Jahren dorthin
mitzunehmen, damit die Tochter Edens ihren Eltern und Geschwistern
berichten könne von dem segensreichen Wirken ihrer erbarmenden Liebe auf
der fernen Erdenwelt.
Im übrigen war Lord Flitmore entschlossen, noch mehrere Weltschiffe nach
dem Muster der Sannah zu bauen, um einen regen Verkehr der Erde mit den
Planeten und der Fixsternwelt anzubahnen.
Bei der nächsten Reise würde also vermutlich gleich eine wohlbemannte
Flotte von der Erde in den Weltraum sich erheben, und das schönste und
am vollkommensten ausgestattete dieser Weltschiffe sollte auch den
schönsten und würdigsten Namen tragen, den Namen »_Heliastra_«.
Nachweise.
Als Quellen für die astronomischen Tatsachen, die in die Erzählung
verflochten sind, dienten mir hauptsächlich: