Lord Flitmore stellte die Fliehkraft und Parallelkraft vollständig ab.
Die Eigengeschwindigkeit der Sannah war noch so ungeheuer, daß die
Anziehungskraft der nahen Sonne nicht genügte, um sie in ihrem Laufe
aufzuhalten, noch weniger natürlich die Anziehungskraft Merkurs.
Es war daher zu befürchten, daß das Weltschiff das irdische Sonnensystem
wieder verlassen könnte; doch hoffte der Lord, dadurch, daß er alle
Triebkräfte abstellte, so viel zu erreichen, daß die Anziehung durch die
Sonne und das ganze Planetensystem die Fahrgeschwindigkeit derart hemme,
daß sie bei Kreuzung der Erdbahn soweit verringert sein könnte, um ein
Sinken der Sannah auf die Erde zu ermöglichen.
Leider war dies jedoch nicht der Fall; auch war die Erde auf ihrer Bahn
viel zu weit von der Stelle entfernt, wo unsre Freunde diese Bahn
durchschnitten, um eine Einwirkung auf das Fahrzeug ausüben zu können.
Erst die Nähe des Mars zeigte die gewünschte Wirkung: die Fahrt
verlangsamte sich merklich.
Dennoch ging es auch über die Marsbahn hinaus dem Jupiter zu.
Als Flitmore merkte, daß nun die Eigengeschwindigkeit der Sannah so weit
geschwächt war, daß dieser mächtigste der Planeten sie anzog, stellte er
die Fliehkraft wieder ein mit dem Erfolg, daß das Weltschiff nun, von
Jupiter abgestoßen, zurückgeschleudert wurde.
Wieder ging es am Mars vorbei und auch hier wirkte die Fliehkraft in der
Weise, daß die Sannah im Bogen an dem Planeten vorbeieilte und sich
wieder der Erdbahn näherte. Diesmal trat auch der günstige Umstand ein,
daß die Erde in Verfolgung ihrer Bahn auf die Stelle zueilte, an welcher
unsre Freunde diese schneiden mußten.
»Jetzt oder nie!« sagte Flitmore und unterbrach aufs neue den
Zentrifugalstrom, damit die Erde womöglich das Weltschiff zu sich
herabzwingen möchte.
Heliastra betrachtete mit freudiger Neugier die im Sonnenglanze
leuchtende Weltkugel, das Land ihrer Sehnsucht, ihrer erbarmenden Liebe.
In schräger Richtung stürzte die Sannah abwärts, der heimatlichen Erde
zu, und man konnte bereits mit bloßem Auge die Meere und Küsten, Gebirge
und größeren Flüsse unterscheiden.
Heinz begab sich mit seiner holden Gattin auf die Oberfläche des
Fahrzeugs hinaus und sie sahen auf die Kugel hinab, die sich zu ihren
Füßen ausdehnte. Um besser Ausschau halten zu können, stiegen sie, sich
an der Rampe festhaltend, hinab und setzten sich in eine Art
Beobachtungskorb, den Flitmore neuerdings für solche Zwecke neben dem
Eingang zum Südpolzimmer angebracht hatte.
»Was sind das für hohe Berge?« fragte Heliastra. »Und wie kommt es, daß
ihre Gipfel so weiß erscheinen wie Milch und blitzen wie Diamanten?«
»Das ist das Himalayagebirge, die höchste Bergkette unsrer Erde; seine
Spitzen sind bedeckt mit ewigem Schnee und Eis, denn in solchen Höhen
ist es bei uns sehr kalt, so daß das Wasser und die Niederschläge fest
werden und diese dir unbekannten Kristalle bilden, die wir Eis und
Schnee nennen.«
»O, wie schön blau leuchten eure Meere!« rief Heliastra entzückt. »Ganz
wie bei uns! Und wie wunderbar grün sind alle diese Länder. Habt ihr
keine so schrecklichen Wüsten wie unser Planet?«
»Wüsten haben wir auch; siehst du diese rötlichen und grauen Flecken
rechts und links hinter den Gebirgszügen? Das sind die mongolische Wüste
im großen Chinesischen Reich und die Steppen des Sirdarja im
südwestlichen Sibirien. Und dort hinten in weiter Ferne könntest du die
Eiswüsten der Nordpolarländer glitzern sehen, wenn wir uns auf der
andern Seite befänden. Aber allerdings besteht euer Weltkörper, bis auf
den paradiesischen mittleren Gürtel, aus einer einzigen öden, kahlen
Felswüste, die ausgedehnter ist als die ganze Oberfläche unserer Erde.
Darin haben wir doch etwas vor euch voraus, unsere Wüsten erstrecken
sich auf verhältnismäßig kleine Gebiete.«
»Da arbeitet ihr gewiß auch emsig an ihrer Fruchtbarmachung wie wir?«
»Durch Erbohrung von Quellen wird allerdings einiges in dieser Richtung
versucht, doch sind wir weit davon entfernt, so Gewaltiges zu leisten,
wie deine Brüder dort oben.«
Heliastra sah nach dem südlichen Himmel.
»Ich sehe meine Heimat!« sagte sie. »Ein kleiner Stern. Ich sehe auch
ihren Rosenmond, ein winziges Pünktchen! Wenn du meine Augen hättest,
könntest du sie auch erblicken. Wie weit, wie weit sind wir von dort.
Aber Gottes Welt umfaßt unsere Erde, die ihr Eden nanntet, wie die eure;
es ist doch ein einziges großes Gottesreich und da reist man von einem
Land zum andern.«
»Hast du kein Heimweh?« fragte Heinz teilnahmvoll.
»Heimweh bei dir?« frug das Elfenkind zurück, und lachend strahlten ihn
die Blauaugen an. »Nein! Bei dir wird immer meine Heimat sein, und wie
freue ich mich doch auf die Welt, wo ich soviel mehr tun kann in
helfender und tröstender Liebe, als es in unserm schmerzlosen Lande
möglich wäre.«
»Du bist ein Engel!« rief Heinz und küßte die Anschmiegende beseligt.
»Was ist dort für eine große Insel?« fragte die Holde nun wieder.
»Das ist Australien,« erklärte ihr Gatte. »Siehst du, auch dort kannst
du eine ausgedehnte Wüste erkennen; da wäre ich selbst einmal beinahe
verdurstet und elend ums Leben gekommen, wenn mich nicht Gott im letzten
Augenblick zum rettenden Wasser hätte gelangen lassen.«
»Du Ärmster,« sagte Heliastra und ihre Augen leuchteten ihn an voll
himmlischen Mitleids.
»Und das große Land dort drüben ist Afrika,« fuhr Heinz fort. »Dort
leben meine Brüder und meine Schwester Sannah. Aber schau, vor uns
tauchen die Eisgebirge des Südpols auf! Wir kommen der Erde immer näher.
Ich fürchte, wir landen im Eismeer!«
Das war allerdings zu besorgen; denn dorthin führte ihr schräger Sturz
die Sannah.
»Herein!« rief Flitmore durch die Lucke den beiden zu. »Der Aufenthalt
dort draußen wird gefährlich. Ich muß von jetzt ab abwechselnd meinen
Fliehstrom ein- und ausschalten, auch mit der Parallelkraft arbeiten,
damit wir uns einen günstigen Landungsplatz aussuchen können, und da
könntet ihr einmal aus eurem Mastkorb geschleudert werden.«
Gehorsam begab sich das junge Ehepaar hinein ins Südpolzimmer und die
Lucke wurde geschlossen.
Auf der Erde wurde es Abend. Die Heimkehrenden nahmen eine letzte
Nachtmahlzeit in der Sannah zu sich, dann beorderte sie Flitmore zur
Ruhe.
Er selber wollte diese Nacht wachen und die Landung bei günstiger
Gelegenheit bewerkstelligen. Er hatte dabei einen besonderen Plan, eine
Überraschung für alle; wie er hoffte, eine freudige Überraschung auch
für andere Erdenwesen, die ihm lieb waren.