43. Im Hause des Gastfreunds.

Für heute wurde nicht in die Stadt hinabgestiegen oder vielmehr

geschwebt; denn Gabokols Wohnung war gleichsam ein Landhaus, das auf

einer Stufe des Bergrandes sich erhob, der sich ins Tal hinabsenkte.

Das Haus stand in einem Garten von unerhörter Pracht und Lieblichkeit.

Jetzt erst sahen unsre Freunde den ganzen Reichtum an Formen und Farben,

den die Blumen, Gesträuche und Schlingpflanzen Edens aufwiesen.

Auch die fremdartigen Gemüse hielten sie anfangs für Zierpflanzen, bis

ihnen späterhin die Hausfrau alles erklärte.

Ganz entzückend war der Geflügelhof; denn Fasanen, Pfauen und Perlhühner

reichten mit ihren Farben und Zeichnungen weit nicht heran an die

verschiedenen Arten eierlegender Haushühner, Enten und Gänse, die hier

wimmelten. Auch die Eier dieser Vögel Edens übertrafen an Wohlgeschmack

weit diejenigen ihrer irdischen Basen und erschienen überdies gefärbt

wie leuchtende Ostereier oder gesprenkelt wie die schönsten Eier der

Singvögel auf Erden.

Heinz, der immer rascher und tiefer in die eigentümlichen Geheimnisse

der Sprache Edens eindrang, machte stets den Dolmetscher; aber schon

begannen auch die andern alle dies und jenes zu verstehen, nachdem sie

einmal darauf aufmerksam gemacht worden waren, daß die natürliche

Lautverwandtschaft den besten Schlüssel liefere. Merkwürdigerweise war

es John, der bei weitem am raschesten auffaßte, jedenfalls weil er sich

am unbefangensten dem angeborenen Sprachinstinkt überließ.

Gabokol versicherte einmal über das andre, wie er sich freue und die

Seinigen sich freuen würden, die lieben Gäste aus einer andern Welt

beherbergen zu dürfen. Er werde jedem ein eigenes Zimmer anweisen; denn

hier sei man so sehr gewohnt, Gäste zu beherbergen, je öfter und je mehr

desto lieber, -- so daß jedes Haus zu drei Vierteilen aus Gastzimmern zu

bestehen pflege.

Eine Haustüre war nicht vorhanden; man stieg, wie bei allen Häusern

Edens, durch das Dach ein; da die Villa einstöckig war, gelang allen der

etwas hohe Sprung. Gabokol und Fliorot schwebten voran.

»Ma!« rief Gabokol, als sie das Innere der Wohnung betraten.

Alsbald erschien eine Lichtgestalt, ein Wesen von einem Zauber der

Anmut, Jugendfrische und Schönheit, wie niemand bisher ähnliches

geschaut, abgesehen von Schultze, der sich von seiner Morgenwache her

einer noch weit lieblicheren Erscheinung erinnerte.

Aber schon die Hausfrau, die unsern Freunden entgegenschwebte, bewies,

daß auch auf Eden das weibliche Geschlecht das schönere war, so

vollkommen sich auch die männliche Schönheit darstellen mochte.

»Bleodila«, stellte Gabokol seine Gattin vor, mit Betonung des O des

klangvollen Namens, den Heinz als »die Blühende« übersetzte, entschieden

ein Name, der dieser Frauenblume angemessen war.

Bleodila war sehr erfreut, fremde Gäste bei sich zu schauen, und führte

sie in die Wohnstube, deren Wände aus Bergkristall bestanden und mit

Edelsteinen in künstlerischen Blumenmustern verziert waren.

Hier wurden unsre Freunde eingeladen, in bequemen Sesseln aus buntem,

durchsichtigen Binsengeflecht sich niederzulassen.

Für das Gewicht plumper Erdenmenschen waren diese zarten Geflechte zwar

nicht berechnet; doch erwiesen sie sich als so zäh, daß sie sogar

Münchhausens Last aushielten, ohne zusammenzubrechen.

Der Kapitän benützte in der Folge immer den gleichen Sessel, den größten

und stärksten natürlich. Die kugelige Form, die selbige Sitzgelegenheit

infolgedessen annahm und die von ihrer ursprünglichen und allen auf Eden

üblichen Formen seltsam abwich, machte den Lehnstuhl seinen Besitzern zu

einem dauernden Andenken an den Besuch des dicken Kapitäns.

Als die Gäste Platz genommen, rief die jugendfrische Hausmutter ihre

älteste Tochter herein; es herrschte die Sitte in Eden, die Hausgenossen

nicht schockweise, sondern einzeln, in angemessenen Pausen den Gästen

vorzustellen.

Die kleine Fee, die nun erschien und die zwanzig Jahre zählte, war von

einem blaßrosa Kleide umflort und ihr braunes Haar ringelte sich in

seidenen Wellen über den Rücken hinab.

[Illustration: Elfenerscheinung.]

Unsre Freunde fragten sich bei ihrem Anblick, ob es denn möglich sei,

daß sich immer noch größere Schönheit und zartere Lieblichkeit

offenbare, denn zuvor hatten sie gemeint, die Frau des Hauses stelle den

Höhepunkt aller überhaupt möglichen Reize dar; nun aber fanden sie

dieselbe durch ihre Tochter noch weit übertroffen.

Nur Schultze wußte, daß es auf diesem Planeten noch entzückendere

Lieblichkeit gab, als sogar Glessiblora sie offenbarte.

Den Namen dieses taufrischen Mädchens, Glessiblora, mit dem Ton auf dem

I der zweiten Silbe, dolmetschte Heinz mit »Glanzblume«.

Erst eine Viertelstunde später wurde auch Heliastra, die Jüngste,

gerufen.

»Sie ist erst siebzehn und ein kleiner Schelm, ein lustiger Kobold,«

erklärte der Vater, ehe sie erschien, und Heinz übersetzte ihren Namen

mit »Flimmersternchen«, wörtlich »Hellstern«

Von ferne vernahm man schon das silberne Lachen der Nahenden; denn mit

nichts konnte der Wohllaut dieser hellen Stimme füglich verglichen

werden, wenn nicht mit dem Klang silberner Glöckchen.

Und nun erschien Heliastra in der Öffnung, welche die Tür vertrat; denn

eigentliche, verschließbare Türen gab es in Eden nicht.

Unter dem Eingang hemmte sie den schwebenden Schritt, und wie sie so

dastand, umwallt von goldglänzendem Haar, im dunklen Türrahmen, da

erschien sie wahrlich wie ein heller, flimmernder Stern.

Unsre Freunde schauten alle nach der siebzehnjährigen Elfe hin: solch

ein wunderliebliches Gesichtchen, solch ein Blau der lieben, lustigen

Augen, solch durchsichtige Blütenweiße der Haut, von duftigem

Rosenschimmer durchhaucht, kurz, einen solchen Schmelz der Schönheit,

Anmut und Jugend hatten sie nicht nur niemals erschaut, sondern wären

auch nie imstande gewesen, sich derart vollkommene Reize in der

Phantasie auszumalen.

Nur allein wieder Schultze hatte schon ähnliches gesehen, ja nicht nur

ähnliches: er erkannte in Heliastra sofort die holdselige Erscheinung,

die ihn bei seiner Morgenwache begrüßte, als er halb eingenickt war und

nicht recht wußte, ob er schlief oder wachte.

Die Kleine hatte ihn ebenfalls erkannt. Nachdem sie die fremden Gäste

ohne Befangenheit gemustert und besonders Heinz Friedungs bewundernde

Blicke durch ein bezauberndes Lächeln und freundliches Zunicken erwidert

hatte, schwebte sie direkt auf den Professor zu und machte vor ihm eine

tiefe Verbeugung, dann lachte sie ihm hell ins Gesicht.

»Heliastra!« rief Bleodila mit sanfter Zurechtweisung ihrer Jüngsten zu.

»O Ma,« erwiderte diese: »Wir kennen uns schon; als ich heute Morgen Pa

und Fliorot zur Schmiede begleitete, flog ich ein wenig umher und fand

das Lager der Fremden; dieser würdige Herr hielt Wache davor; ich

glaubte aber, er schlafe und wollte mich nähern, da sah er mich so groß

an, daß ich erschrak und forthuschte, allein ich glaube, er war noch

viel mehr erschrocken.« Und sie lachte wieder ihr herzerquickendes

Lachen.

Als Heliastra merkte, daß Heinz ihre Sprache verstand, begann sie eine

lebhafte Unterhaltung mit ihm und fragte ihn neugierig aus über die

Welt, von der die Fremdlinge kamen. Wenn der junge Mann dann wieder ein

Wort recht verketzerte, lachte sie mit einer Unwiderstehlichkeit, die

auf die ganze Gesellschaft ansteckend wirkte.

»Ich kann mir nicht helfen,« sagte sie, wie sich entschuldigend, zu

Heinz. »Es macht mir gar zu großes Vergnügen, welch sonderbare Worte du

oft gebrauchst oder wie seltsam du andere aussprichst und veränderst. Es

ist ja erstaunlich, wie du unsere Sprache reden kannst, die du heute zum

erstenmal hörst, so gescheite Männer gibt es bei uns gar nicht; aber ich

bitte dich, lerne nur ja nicht ganz richtig sprechen, du würdest mich um

ein gar zu großes Vergnügen bringen.«

Heinz mußte nun auf Gabokols Bitte erklären, wie er überhaupt dazu

gekommen war, sich mit den Edeniten verständigen zu können.

Selbst die Mädchen folgten mit gespanntem Interesse und völligem

Verständnis seinen Auseinandersetzungen über die Gesetze der Entstehung

der menschlichen Sprache.

Gabokol drückte ihm zum Schluß seine hohe Bewunderung aus und bat ihn,

einen Vortrag über diesen Gegenstand in der Hauptstadt zu halten. »Du

wirst dadurch bei uns ein berühmter Mann werden, denn unsre Gelehrten

haben wohl herausgefunden, daß alle Sprachen unsres Planeten

ursprünglich miteinander verwandt sind, aber über die Anfänge der

Sprache überhaupt haben sie sich vergeblich den Kopf zerbrochen und sind

zu der Ansicht gekommen, das sei ein für den menschlichen Verstand

unlösbares Rätsel.

Nun denke dir, welches Licht deine neue Erkenntnis verbreiten wird,

welchen Dienst du unsrer Wissenschaft leistest und welchen neuen Anstoß

du ihr gibst. Und einen großen Respekt wird man hier bekommen vor dem so

viel größeren Scharfsinn der Erdenbewohner.«

Heinz lächelte, versprach aber, den Vortrag zu halten, sobald er die

Sprache des Landes genügend beherrsche.

Nun trugen die Töchter des Hauses das Mittagsmahl auf, zur großen

Befriedigung des Kapitäns.

Unsre Freunde lernten hiebei neue, ungeahnte Genüsse kennen, nämlich die

herrlichen Gemüse Edens und die ganz vorzüglichen Mehlspeisen und

Backwaren, die verrieten, daß die Edeniten Getreidesorten besaßen, die

verschiedenartige Mehle lieferten und zwar ungleich köstlichere als die

Erde sie kennt.

Fleischgenuß war hier unbekannt: niemals wäre jemand auch nur der

Gedanke gekommen, ein Tier gewaltsam zu töten oder gar einen Tierleib zu

verzehren. Allerdings, bei der unerschöpflichen Auswahl an auserlesenen

Speisen wäre es Torheit gewesen, noch Fleischkost einzuführen, die

wahrscheinlich den Edeniten gar nicht zuträglich gewesen wäre,

keinesfalls aber zur Verbesserung des Speisezettels hätte beitragen

können.

Keiner unserer Freunde vermißte Fisch, Geflügel und Braten, so viel

wohlschmeckender erschienen allen die Gerichte Edens in ihrer

unendlichen Abwechslung.

Eier, Milch, Butter, Käse und Honig waren die einzigen Speisen, die dem

Tierreich entnommen wurden, und auch sie übertrafen alles Irdische;

namentlich gab es die verschiedensten Arten von Eiern, von Honig und von

Milch, und aus den verschiedenen köstlichen Milcharten wurden auch die

verschiedensten Arten von Butter und Käsen hergestellt, von denen jede

ihre besonderen unnachahmlichen Vorzüge aufwies.

Die Getränke bestanden teils aus Wasser, das auch in verschiedenen

Zusammensetzungen dem Erdboden entsprudelte, teils aus süßen und herben

Fruchtsäften, die nichts Berauschendes an sich hatten und doch die

Gemüter erhoben und die Stimmung verklärten, die Phantasie anregten und

belebten, weit mehr als die alkoholischen Getränke der Erde.

Die Folge auch des reichlichsten Genusses dieser Edenweine war niemals

eine ungute, im Gegenteil, Kraft und Körperfrische sowie die geistige

Regsamkeit wurden stets durch sie gehoben.

Wunderwelten Wie Lord Flitmore eine seltsame Reise zu den Planeten unternimmt und durch einen Kometen in die Fixsternwelt entführt wird · 第 49 / 70 题