Unsere Freunde richteten nun ihr Augenmerk wieder auf den Mond, der sein
weißes Licht aufs neue durch das große Deckenfenster sandte; denn Sannah
hatte inzwischen eine zweite Umdrehung vollendet.
Er erschien nun als eine ungeheure Kugel, so nah, wie er durch das
stärkste irdische Fernrohr nicht gesehen werden kann.
»Wir stürzen geradewegs auf ihn zu!« rief Lady Flitmore nicht ohne
Besorgnis.
»Beruhige dich, Mietje,« tröstete ihr Gatte: »Die Fliehkraft gestattet
nicht, daß wir an seiner Oberfläche zerschellen, er muß uns abstoßen,
ehe wir ihm nahe kommen. Wenn wir übrigens wollten, könnten wir ihm
einen Besuch abstatten: ich brauchte nur den Strom abzustellen.«
»Ich stimme nicht dafür,« erklärte Münchhausen: »Er sieht durchaus nicht
einladend aus, dieser Sehnsuchtstraum der Poeten.«
»Und ob wir dort atmen könnten,« meinte Schultze: »Er soll ja keine
Atmosphäre besitzen.«
»Was das betrifft,« entgegnete der Lord, »so halte ich vorerst an meiner
vorhin geäußerten Meinung fest, daß jeder Weltkörper seine Lufthülle
besitzt.«
»Doch hat man nie mit Sicherheit Dämmerungserscheinungen auf ihm
beobachten können,« warf der Professor ein.
»Das beweist gar nichts,« widersprach Flitmore hartnäckig: »Erstens
wollen mehrere Astronomen Dämmerungserscheinungen auf dem Mond erkannt
haben; zweitens gibt es in reiner Luft, wie Tyndall nachwies, überhaupt
keine Dämmerungserscheinungen, diese rühren vielmehr von kleinen
Partikelchen in der Atmosphäre her; so kennen zum Beispiel auch
tropische Länder auf der Erde keine Dämmerung, und die Luft wollen Sie
ihnen doch nicht absprechen? Daß der Mond keine Wolkenbildungen zeigt,
beweist bloß den Wassermangel auf seiner Oberfläche. Andrerseits
erscheint oft ein Stern vor der Mondscheibe, ehe er hinter derselben
verschwindet, was sich am leichtesten durch die atmosphärische
Lichtbrechung erklären läßt.«
Einladend sah allerdings die Mondlandschaft nicht gerade aus, wie der
Kapitän sehr richtig bemerkt hatte: alles erschien starr, öde und tot,
ohne eine Spur von Pflanzenwuchs und Wasserläufen. Aber hochinteressant
erschien der Anblick und fesselte denn auch die Augen der Beobachter.
Die Gebirge erhoben sich zu ungeheurer Höhe über ihre Umgebung und
überall zeigten sich die dem Monde eigentümlichen Ringkrater mit ihren
himmelhohen steilen Rändern. Einzelne Erhebungen mochten eine absolute
Höhe von 10000 Metern erreichen.
Besondere Aufmerksamkeit wandten der Professor und der Lord dem Krater
Linné zu, der von Lohrmann als ein Schacht von zehn Kilometer
Durchmesser beschrieben und von Beer und Mädler als solcher mit
besonderer Deutlichkeit beobachtet wurde, 1866 aber plötzlich
verschwand. An seiner Stelle erschien später ein kleines Kraterchen, das
auch die beiden Beobachter der Sannah erblickten.
Gerne hätten sie auch den Doppelkrater Messier betrachtet, der sich
ebenfalls in merkwürdiger Weise verändert haben soll: bei nicht weniger
als 300 Beobachtungen von 1829 bis 1837 waren beide Krater rund und
einander gleich; heutzutage zeigt der eine Krater eine elliptische Form
und die Zwischenwand der beiden Schlünde ist durchbrochen.
Man glaubt auch hie und da ein wogendes Nebelmeer in diesem Krater
gesehen zu haben, vielleicht Rauchwolken. Für unsere Freunde war der
Messier unsichtbar, weil das Mare foecunditatis, wo er sich befindet, in
dunkle Nacht gehüllt war.
Von mehreren Kratern sah man helle Strahlen ausgehen. Namentlich zeigte
sich diese merkwürdige Erscheinung an dem großartigsten Ringgebirge des
Mondes, dem Tycho, von welchem mehrere hundert getrennte Streifen bis zu
1200 Kilometer Länge ausstrahlten.
Schultze glaubte in diesen rätselhaften Gebilden erstarrte Lavaströme zu
erkennen mit glatter glänzender Oberfläche. Dafür spricht der Umstand,
daß sie nur bei voller Beleuchtung durch die Sonne sichtbar sind.
Flitmore dagegen wies darauf hin, daß die Strahlen meist erst in einiger
Entfernung von den Kraterwällen begannen und dann über Ebenen, Krater,
Berge und Täler ununterbrochen hinwegliefen, um dann plötzlich am Fuße
irgendeiner Erhebung zu enden oder sich allmählich in einer Ebene zu
verlieren. Das stimmte doch nicht recht zu der Theorie der Lavaströme.
Dagegen erkannten beide Forscher deutlich das Wesen der rätselhaften
Rillen, die teils gerade, teils gekrümmt, bald vereinzelt, bald sich
verzweigend oder einander schneidend, sich in den Ebenen und um die
Berge herum zeigten, manchmal auch einen Berg durchbrechend. Sie
erwiesen sich als mehr oder weniger breite klaffende Sprünge in der
Mondoberfläche.
[Illustration: Mondandschaft.]
Mehr als einmal wurden auch Neubildungen auf dem Monde beobachtet, und
unsere Freunde hatten das Glück, eine solche unter ihren Augen entstehen
zu sehen: in der großen Ebene des Mare imbrium tat sich auf einmal der
Boden auf, Rauch und Glut brach hervor und es bildete sich binnen
weniger Minuten ein Krater, von dem aus ein Schlamm- oder Lavastrom sich
in die Umgebung ergoß.
»Schade, daß die Astronomen auf der Erde den neuen Vulkan nicht sehen
können,« meinte Flitmore bedauernd: »Er ist zu klein für ihre
Instrumente.«
»Wir haben den Vorgang beobachtet, das genügt!« triumphierte Schultze.
»Ja,« mischte sich Heinz darein; »Falls wir je wieder die Erde erreichen
und Kunde von diesem Vorgang dorthin bringen können.«
»Damit wäre ein alter Streit entschieden,« sagte der Professor, »wenn
man uns nämlich Glauben schenkt, was immerhin sehr zweifelhaft bleibt.«
»Was für merkwürdige Farben!« bemerkte nun Lady Flitmore und wies auf
die Gegend des Oceanus procellarum hin.
In der Tat zeigten sich dort ausgedehnte Flecken von hellgrüner und
gelblicher Färbung.
»Sollte da am Ende dennoch Pflanzenwuchs vorhanden sein?« wagte Heinz zu
vermuten.
»Achtung, meine Herren!« rief jetzt der Lord: »Wir werden nun einen
Anblick bekommen, den kein irdisches Auge noch genossen hat. Bekanntlich
kehrt der Mond der Erde stets nur ein und dieselbe Seite zu, weil er
sich genau in der gleichen Zeit um seine Axe wie um die Erde dreht. Nur
infolge seiner Libration, das heißt seiner geringen Axenschwankung,
sehen wir bald auf der einen, bald auf der andern Seite einen kleinen
Teil der von uns abgekehrten Hälfte.
Nun ist der Moment gekommen, wo wir am Erdtrabanten vorbeifliegen und
seine rätselhafte Rückseite zu Gesicht bekommen werden, und zwar aus
verhältnismäßiger Nähe; denn wir sind ihm bis auf 10000 Kilometer
nahegekommen, während er 400000 Kilometer von der Erde entfernt ist.«
Alle waren aufs höchste gespannt auf den Anblick, den die geheimnisvolle
Rückseite des Mondes ihnen gewähren würde, obgleich Schultze meinte, sie
werde nicht viel verschieden sein von dem, was man bisher geschaut.
Zur Beobachtung mußte ein andres Zimmer aufgesucht werden, da infolge
der Umdrehung der Sannah der Mond für das Zimmer, in welchem sich die
Gesellschaft befand, gerade unterging.
Der Lord beschloß, sich dem Monde noch weiter zu nähern, damit alle
Einzelheiten der zu erwartenden Erscheinungen mit voller Deutlichkeit
beobachtet werden könnten. Er stellte daher den Zentrifugalstrom ab und
mit rasender Geschwindigkeit stürzte die Sannah dem Monde zu.
Das nächste, was entdeckt wurde, war die Fortsetzung der farbigen
Flecke, die sich durch das Teleskop nun deutlich als grüne Matten und
dürre Grassteppen erkennen ließen.
»Was ist das?« rief Lady Flitmore auf einmal erschreckt aus.
Durch das Fenster fiel ein leuchtender Schein.
Der Lord sah auf und eilte dann mit einem Satz an die Stromschaltung, um
die Fliehkraft wieder in Tätigkeit zu setzen.
»Was war's?« fragte Heinz.
»Wir sind in die Mondatmosphäre eingedrungen,« erklärte der Engländer,
»und bei der Geschwindigkeit unsres Sturzes begannen die Metallränder
der Fenstereinfassung trotz des Flintglasschutzes zu glühen; doch die
Gefahr ist beseitigt; wir erheben uns bereits wieder über die
Atmosphäre.«
»Sie ist also vorhanden, diese vielbezweifelte Mondluft,« sagte
Schultze.
»Daran ist nicht mehr zu zweifeln; aber sehen Sie!« erwiderte Flitmore.
Die Mondoberfläche war kaum noch hundert Kilometer entfernt; so hoch
erhob sich der dichtere Teil ihrer atmosphärischen Hülle. Und nun
zeigten sich Landschaftsbilder von entzückender Pracht.
Auch hier herrschten die sonderbaren Ringgebirge vor; aber sie waren
bewaldet.
Die Entfernung gestattete nicht, mit bloßem Auge die Natur dieser Wälder
zu erkennen, das Fernrohr jedoch offenbarte ganz eigentümliche
Baumformen, wie sie auf der Erde kaum zu finden sind. Die meisten dieser
Gewächse glichen ungeheuren Grasbüscheln auf hohen Stämmen, so daß sie
palmenartig aussahen; doch hatten die Bäume nur selten eine eigentliche
Krone; meist waren es wagrechte Äste, die ihr buschiges Ende nach allen
Seiten hin ausstreckten.
Riesenfarnen und Nadelbäume von demselben eigentümlichen Bau waren an
andern Stellen zu sehen; die Wedel standen wagrecht von den Stämmen ab
und neigten sich zum Teil nach unten, so daß unter dem Stamm kein
Schatten zu finden sein konnte, abgesehen vom spärlichen Schatten des
Stammes selber und seines Astholzes; in ziemlicher Entfernung erst umgab
den Baum ein Kreis von schattigen Stellen.
In den Ringkratern leuchteten häufig kleinere oder größere Seen;
Wasserfälle und Bäche stürzten die steilen Bergwände herab, größere
Flußläufe und Meere waren jedoch nicht zu sehen: die Bäche ergossen sich
in kleine Binnenseen oder versandeten in der Ebene; vielfach schienen
auch Sümpfe die Niederungen zu bedecken.
Von lebenden Wesen war nichts zu entdecken und Schultze sprach die
Vermutung aus, daß eine Tier- und Vogelwelt jedenfalls vorhanden sein
dürfte, allein wahrscheinlich nur in einer geringen Anzahl von
Exemplaren von bescheidenster Größe, so daß auf solche Entfernung nichts
davon zu erkennen sei.
Wolkenbildungen schienen auch auf dieser Seite des Mondes überhaupt
nicht vorzukommen, was bei dem Mangel an bedeutenderen Wasserflächen
nicht gerade verwunderlich war. Dagegen stiegen da und dort
Nebelschleier auf, die dazu dienen mochten, das Land zu befeuchten und
die Quellen zu speisen.
Leider war der größte Teil der Mondscheibe auf dieser Seite in Nacht
gehüllt, so daß es unbekannt blieb, ob nicht noch unbekannte Wunder,
vielleicht gar Spuren menschenähnlicher Geschöpfe in den verborgenen
Gegenden zu schauen gewesen wären.
»Einen langen Tag und eine lange Nacht haben die etwaigen Mondbewohner,«
sagte Schultze. »Sie währen 14¾ unsrer Erdentage; um so kürzer ist ihr
Jahr, denn es dauert eben nur einen Tag und eine Nacht, im ganzen 29½
Erdentage.
Auf dieser Seite des Mondes wird die Erde niemals geschaut, während sie
auf der andern, jedenfalls unbelebten und unbewohnbaren Seite des Mondes
unbeweglich am Himmel steht, ohne jemals auf- oder unterzugehen oder
ihre Lage zu verändern. Sie erscheint dreizehnmal größer als uns auf
Erden der Mond erscheint und macht innerhalb 24 Stunden alle Mondphasen
durch. Welch herrlichen Anblick und welch strahlendes Licht gewährt sie
dort, wo wahrscheinlich niemand sie zu bewundern vermag!«
Lord Flitmore beschloß, von nun ab die Fahrt in die Welträume aufs
äußerste zu beschleunigen und stellte den vollen Zentrifugalstrom ein;
dann wurde eine Mahlzeit eingenommen, die John als Allerweltskünstler
inzwischen bereitet hatte.
Da die Weltallreisenden dringendes Ruhebedürfnis verspürten, wurde
beschlossen, daß sich nun jeder in sein eigenes Schlafgemach
zurückziehen solle, um einige Stunden des Schlafes zu pflegen.
Bei den zahlreichen Räumen, die Lord Flitmores Sannah enthielt, hatte
nämlich jeder ein besonderes und sehr geräumiges Schlafzimmer zur
Verfügung.
Zuvor aber wurde der Wachdienst geregelt.
Es wurde allgemein anerkannt, daß eine ständige Wache unerläßlich sei,
einmal weil bei einer Fahrt von solch rasender Geschwindigkeit, wie sie
jetzt ausgeführt wurde, unbekannte Gefahren jederzeit drohten; sodann
weil besonders interessante Erscheinungen sich bieten konnten, die sich
niemand gerne hätte entgehen lassen mögen.
Die Schlafzeit wurde auf 8 Stunden festgesetzt, und da Mietje darauf
bestand, ihren Wachdienst gleich den Männern zu versehen, wurde jede
»Nacht«, wenn man die Zeit des Schlafes so nennen wollte, in drei Wachen
eingeteilt, so daß auf jeden alle 48 Stunden eine Wache von etwa 2¾
Stunden kam; gewiß keine übermäßige Leistung, da er hernach schlafen
konnte, so lange es ihm behagte.
Der jeweilige Wachhabende hatte die Runde durch alle Beobachtungszimmer
zwei- oder dreimal zu machen, um alle Himmelsrichtungen zu beobachten.
Sah er eine Gefahr oder etwas besonders Merkwürdiges, so war er
verpflichtet, das elektrische Läutwerk erklingen zu lassen, das in allen
Gemächern zugleich ertönte und von jedem Zimmer aus durch den Druck auf
einen Knopf in Tätigkeit gesetzt werden konnte.