4. Die Fahrt ins Leere.

Es war eine helle Nacht, wenngleich der Mond nur die Hälfte seines

beleuchteten Angesichts zeigte, als die kühne Reisegesellschaft ihre

abenteuerliche Fahrt antrat. Flitmore ließ noch einige letzte

Vorratskisten und Gebrauchsgegenstände in der Sannah verstauen. Auch die

von ihm erfundene und in Afrika erprobte Nährmaschine nahm er für alle

Fälle mit. In Kolben und Metallgefäßen verwahrte er die chemischen

Stoffe, aus denen er mittels der Maschine Tabletten von hohem Nährwert

erzeugen konnte. Dies hatte den Vorzug, daß in kleinen Behältern, die

nur sehr wenig Raum einnahmen, die Mittel zur Verköstigung auf viele

Monate mitgenommen werden konnten. Überdies vermochte er mit seiner

Maschine bei einer Landung aus jedem Erdreich, das die für den

Pflanzenwuchs nötigen Bestandteile enthielt, diese Bestandteile

auszusondern und zu verarbeiten, genau wie es die Pflanzen tun, die Mehl

und genießbare Früchte erzeugen. Wozu aber die Halme, Gesträuche und

Bäume Monate oder wenigstens Wochen benötigen, das brachte die

Nährmaschine in wenigen Stunden zuwege. So schloß diese geniale

Erfindung eine Hungersnot aus, auch wenn die reichen Lebensmittelvorräte

erschöpft werden sollten, im Falle die Reise sich über alle Erwartungen

hinaus verlängern würde.

Besonders wichtig war dem Lord auch sein photographischer Apparat, mit

dem er nach dem neuesten Verfahren Lichtbilder in natürlichen Farben

herzustellen verstand.

Heinz trug seine geliebte Violine in ihrem Kasten bei sich: er war ein

Meister im Geigenspiel und die Zartheit und Gefühlsinnigkeit seines

Strichs übertraf selbst das, was man von berühmten Virtuosen zu hören

gewohnt ist. Überdies blies er gelegentlich auch Piston mit ebensolch

vollendeter Meisterschaft.

Flitmore selber war ein begeisterter Kenner und Freund der Musik. Er

spielte nicht weniger als drei Instrumente mit gleicher Fertigkeit, das

Klavier, das Cello und die Posaune.

Da Lady Flitmore auf dem Klavier Vorzügliches leistete, John Rieger, der

Diener, Flöte blies und selbst Kapitän Münchhausen nicht unmusikalisch

war, konnte man hoffen, in der Sannah Konzerte aufzuführen, die sich

überall hätten hören lassen dürfen.

Der Lord hatte daher nicht versäumt, für solche willkommene

Veranstaltungen in der Sannah ein eigenes, glänzend ausgestattetes

Musikzimmer einzurichten, das sogar einen Flügel enthielt, dazu Blas-

und Streichinstrumente aller Art, ein ganzes Orchester. Für die nötigen

Noten und Partituren war selbstverständlich reichlich gesorgt: da sollte

keine Langeweile aufkommen!

Alle waren vor der Eingangspforte der Sannah versammelt, zum Einsteigen

bereit, als Flitmores treuer Diener John noch als Letzter erschien, und

zwar begleitet von zwei kräftigen Affen, die der Lord den erstaunten

Gefährten folgendermaßen vorstellte:

»Sie sehen hier zwei dienstbare Geister, die Schimpansen Dick und Bobs.

Der erstere verdankt seinen Namen einem schlechten Wortspiel, da er in

der Tat etwas fettleibig ist, also in deutscher Sprache als »Dick«

bezeichnet werden kann; der zweite hat eine auffallende Ähnlichkeit mit

Lord Roberts, dem Feldmarschall, den wir bekanntlich »Bobs« heißen.

Die Tiere sind äußerst intelligent und gelehrig und sind vorzüglich

eindressiert auf das Treiben der Maschine zur Speisung des elektrischen

Akkumulators. Sie mögen uns ferner von Nutzen sein, wenn das Schicksal

uns auf einen Weltkörper verschlagen sollte, der mit Pflanzenwuchs

gesegnet wäre. Da wir in solchem Fall gewärtig sein müssen, lauter uns

völlig unbekannte Früchte dort vorzufinden, werden uns die Schimpansen

davor bewahren, irgend etwas Giftiges oder Schädliches zu genießen; denn

darin ist ihr Instinkt untrüglich.«

Mit vor Erwartung klopfenden Herzen betraten unsre Freunde die unterste

Kammer der Sannah, die eher ein Saal zu nennen war, wie alle ihre Räume.

Nun mußte es sich bald zeigen, ob eine Erhebung in den unendlichen Raum

möglich sei. Und wenn es geschah, -- was würden ihrer für

Überraschungen, für Gefahren dort warten?

»Charles«, sagte Mietje zu ihrem Gatten: »Ich will mich in das oberste

Stockwerk begeben und unsre Annäherung an den Mond beobachten.«

»Vortrefflich«, stimmte Flitmore ihr zu: »Wollen Sie vielleicht so

freundlich sein, meine Frau zu begleiten, Heinz? Wir wollen unterdessen

betrachten, wie die Erde aussieht, während wir uns von ihr entfernen.

Wenn da nichts mehr zu sehen ist, kommen wir auch nach oben, und das

wird bald der Fall sein; denn nach meinen Berechnungen werden wir

schnell die Geschwindigkeit des Lichts erreichen, 300000 Kilometer in

der Sekunde.«

»Na, na!« rief der Professor zweifelnd.

»Steigen Sie die Treppe hinauf, Sie alter Zweifler«, sagte der Lord;

»wie Sie sehen, befindet sich Okular und Spiegel des Teleskops dort oben

in der Nähe der Decke. Es ist dies freilich etwas unbequem für den

Beobachter, aber was wollte ich machen, wo es gilt nach unten Ausschau

zu halten.«

»Wissen Sie auch, was oben und unten ist?« rief Heinz, der eben durch

die obere Luke in der Decke das Gemach verließ, dem Lord herab.

Niemand begriff, was er damit meinte; aber der Gedanke, der dem jungen

Gelehrten soeben aufgeblitzt war und ihn zu dieser merkwürdigen Frage

gebracht hatte, hatte seine volle Berechtigung, wie die Zurückbleibenden

binnen Kurzem erfahren sollten.

Heinz hatte inzwischen die Luke hinter sich verschlossen und stieg mit

Lady Flitmore weiter hinan von Stockwerk zu Stockwerk, bis die 14 drei

Meter hohen Treppen überwunden waren und sie im obersten Saal anlangten.

Flitmore verschloß während dieser Zeit den Eingang zum untersten Raume

hermetisch und überzeugte sich, ob alles in Ordnung und nichts vergessen

worden sei.

Der Professor saß bereits auf dem obersten Absatz der Stiege am Okular

des Fernrohrs.

»Nun denn, in Gottes Namen und im Vertrauen auf des Allmächtigen

Schutz!« rief der Lord feierlich: »Meine Herren, ich schließe den

Strom.«

Da geschah etwas völlig Unerwartetes.

Mietje und Heinz vernahmen in diesem Augenblick ein dumpfes Geräusch,

das sich durch das ganze Fahrzeug fortpflanzte.

»Was bedeutet das?« fragte die Dame.

»Es purzelt alles durcheinander«, sagte Heinz lachend: »die Herren

lernen jetzt oben und unten aus praktischer Erfahrung unterscheiden, sie

sind jedenfalls alle herabgestürzt.«

»Wieso?« frug Mietje erschrocken: »Hat mein Mann den Eingang nicht

rechtzeitig verschlossen? Unmöglich! Sie meinen doch nicht, daß sie

herausgestürzt sind, während die Sannah sich erhob?«

»Nein, nein! Überhaupt bei der guten Auspolsterung der Räume hat

es keine Gefahr, und was wir vernommen haben, ist nur das

Durcheinanderpoltern der Kisten und Ballen in den unteren

Vorratskammern; denn aus den gummibelegten Sälen kann kein Ton bis zu

uns dringen.«

Die Lady schüttelte den Kopf; sie begriff nicht recht und dachte nur,

die Abfahrt sei mit einem starken Ruck erfolgt, der dort unten einiges

durcheinandergeworfen habe. Freilich, ganz unerklärlich blieb es dann

immer noch, daß hier oben auch nicht die geringste Erschütterung zu

spüren gewesen war.

Was war geschehen?

Die Männer dort unten waren sich selbst nicht klar darüber, während das

Ereignis sich mit einer erschreckenden Plötzlichkeit abspielte.

Dem Professor auf seinem Sitz am Plafond war es plötzlich, als habe er

einen Purzelbaum gemacht und stehe nun auf dem Kopf; und doch hatte er

sich nicht geregt.

Im gleichen Augenblick kollerten Lord Flitmore und sein Diener die

Treppe herauf oder vielmehr herunter, wie es nun aussah, und kamen auf

Schultze zu liegen.

Wie eine Bombe platzte gleichzeitig Münchhausen herab, glücklicherweise

in einiger Entfernung, so daß seine Leibesfülle keinen der andern traf,

sonst hätte es ein Unglück gegeben.

Dank seinem Fettpolster und dem Guttaperchaüberzug der Decke nahm er bei

dem Sturz aus drei Meter Höhe keinen Schaden.

Sämtliche Möbel des Zimmers stürzten ebenfalls herab und kamen zum Teil

auf die zappelnden Männer zu liegen und über alles hinweg turnten die

erschreckten Schimpansen.

»Da hört sich aber doch alle Wissenschaft auf!« grollte Schultze, als

Flitmore und John die glücklicherweise so gummiweichen Sessel von sich

abgewälzt hatten und den Professor von der Last ihrer eigenen Körper

befreiten.

[Illustration: Besichtigung des Weltschiffs.]

Alle drei richteten sich auf und Schultze stellte mit Befriedigung fest,

daß keiner verletzt war.

Dann sah er sich um.

»Weiß der Kuckuck!« rief er, »wir stehen auf dem Plafond. Wahrhaftig,

die Decke ist zum Fußboden und der Fußboden zur Decke geworden. Schauen

Sie doch: die Treppe hängt verkehrt herab und das Teleskop ist nach oben

gerichtet. Da! Sehen Sie! Die Erde schwebt über uns, ah! herrlich!«

In der Tat bot die mondbeschienene Erde einen prächtigen Anblick; sie

entfernte sich mit rasender Geschwindigkeit und schon sah man durch das

große Fenster die Umrisse der britischen Inseln wie auf einer Landkarte

sich aus dem weißglänzenden Meer erheben.

»Na! So helfen Sie doch mir erst auf die Beine«, rief Münchhausen

unwirsch, während er sich vergeblich bemühte, den großen Kautschuktisch

von sich zu wälzen, der seinen Bauch beschwerte.

Lachend befreiten ihn Schultze und John und richteten ihn dann mit

großer Anstrengung auf.

»Ich hab's!« rief in diesem Augenblick der Lord. »Nein! daß ich auch das

nicht in Rechnung zog! Wahrhaftig, Heinz Friedung beschämt uns alle. Hat

er uns nicht noch zugerufen: »Wissen Sie auch, was oben und unten ist?«

Er allein hat die Folgen geahnt, die aus der Loslösung von der

Anziehungskraft der Erde sich ergeben mußten.«

»Schafskopf, der ich bin!« rief Schultze und glaubte im Augenblick

selber an die Richtigkeit seiner Behauptung: »Das ist ja sonnenklar!

Stößt die Erde uns ab, so ist auch die Richtung nach der Erde für uns

nicht mehr unten, sondern oben! Lord, entweder müssen Sie die

Einrichtung Ihrer sämtlichen Zimmer völlig umändern oder Sie müssen

zusehen, ob Sie ihre ganze Sannah zu einer Umdrehung veranlassen können,

sonst stehen Ihre sämtlichen Stiegen auf dem Kopf.«

»Das ist meine geringste Sorge«, erwiderte Flitmore. »Die Treppen sind

leiterartig und leicht gebaut, bestehen aus Aluminium und lassen sich

aushaken. Wir können sie ohne große Mühe umdrehen; aber ich sorge, ob

Mietje und Heinz keinen Schaden nahmen, und wie wird es in meinem

chemischen Laboratium aussehen! Die Röhren und Gläser alle in Scherben.

Schade! Ein Glück, daß die elektrischen Glühbirnen an den Wänden und

nicht an den Plafonds angebracht waren, sonst ragten sie jetzt aus dem

Fußboden empor und wären durch die stürzenden Möbel zertrümmert worden.«

Es wurde beschlossen, zunächst nach der Lady und Heinz zu sehen.

Die Deckenluken waren nun zu Falltüren im Fußboden geworden und die

Treppen, die zu Aufstieg berechnet waren, galt es nun hinabzuklettern.

Hiezu mußten sie erst ausgehängt und umgedreht werden, eine Arbeit, die

zwar Mühe kostete, aber doch gelang.

Bei dem Abstieg jedoch kamen neue Überraschungen: die Decken und

Fußböden der Zimmer erschienen durchaus nicht eben noch wagrecht: sie

zeigten bedenkliche Neigungen und Steigungen. Als die ersten fünfzehn

Meter überwunden waren, hörte der Abstieg überhaupt auf: von da ab waren

Decke und Fußboden der Zimmer nicht einfach vertauscht, sondern zu

Seitenwänden geworden; die Decken- und Fußbodenluken waren hier einfache

Türen und es bedurfte gar keiner Treppe mehr, um sie zu erreichen.

Anfangs zeigten sich die neuen Fußböden, die bisher Zimmerwand gewesen

waren, nach unten geneigt, im späteren Verlauf jedoch wurden sie mehr

und mehr zu ansteigenden schiefen Ebenen und zuletzt schien auf einmal

wieder alles in Ordnung, man konnte die folgenden Treppen belassen, wie

sie waren, und statt des Abstiegs begann nun ein Aufstieg zu den letzten

fünf Zimmern. -- Kapitän Münchhausen schüttelte den Kopf, während er

keuchend seine Leibesfülle die Treppen emporschleppte: »Ihre Sannah ist

rein verhext, Lord!« rief er: »Ich komme aus diesen Verhältnissen nicht

mehr draus.«

»Sonderbar, in der Tat, sonderbar«, gestand Flitmore.

»Nein! Ganz natürlich,« belehrte der Professor überlegen; denn sein

fleißiges Nachdenken hatte ihn des Rätsels Lösung finden lassen. »Unsre

Sannah ist sozusagen selbständig geworden, ein von der Anziehungskraft

der Erde emanzipiertes Frauenzimmer, ganz modern! Sie hat nun ihre

eigene Zentripetalkraft und ihr Mittelpunkt ist für uns fortan jederzeit

unten und ihre Oberfläche überall oben. Sie ist ein Planet für sich oder

sagen wir ein Planetoid; sie ist in die Reihe der Weltkörper

eingetreten, großartig, was?«

»Sie haben recht, Professor!« stimmte Flitmore zu. »Und, sehen Sie, in

diesen oberen Räumen ist alles in Ordnung geblieben, nur daß sich Decke

und Fußboden gegen den Mittelpunkt neigen. Ein Glück, daß mein

chemisches Laboratorium sich hier befindet. Da ist kein Stück

beschädigt, nur etwas zusammengerutscht sind die Sachen, alles gegen die

Mitte hin. Wir müssen zusehen, wie wir uns mit dieser Lage der Dinge

zurechtfinden und uns so bequem als möglich einrichten. Es ist

wahrhaftig fatal, daß ich diese Folgerungen in meine Berechnungen nicht

einbezogen habe, sonst hätte ich Fußböden und Decken sämtlich als

konzentrische Kugeln angeordnet und so allein wäre unter den obwaltenden

Verhältnissen alles topfeben. Jetzt ist die Sache durch und durch

verpfuscht.«

»Na, schadet nichts, lieber Lord!« tröstete der Kapitän: »Große

Unannehmlichkeiten entstehen uns daraus nicht, nur einige Arbeit, bis

Sie in Ihrer Schreinerei die Hobelbank vom Plafond abgeschraubt haben

und in der Schmiede den Amboß von der Wand, bis schließlich alles in die

gebührende Lage zurückversetzt ist.«

Oben angekommen, fanden sie Mietje und Heinz vergnügt beieinander. Heinz

hatte der Lady inzwischen den Vorgang erklärt, wie er sich ihn ganz

richtig bedacht hatte, und beide freuten sich, daß alles ohne Schaden

für die andern abgelaufen war.

Wunderwelten Wie Lord Flitmore eine seltsame Reise zu den Planeten unternimmt und durch einen Kometen in die Fixsternwelt entführt wird · 第 9 / 70 题