Helene. »und werde nur Dich allein Zeit meines Lebens lieben.«

Loth. »und werde nur Dich allein Zeit meines Lebens lieben,« und das ist

wahr, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin.

Helene (freudig). Das hab ich nicht gesagt.

Loth. Aber ich. (Küsse.) ...

Helene (summt ganz leise). Du, Du liegst mir im Her--zen ....

Loth. Jetzt sollst Du auch beichten.

Helene. Alles, was Du willst.

Loth. Beichte! Bin ich der erste?

Helene. Nein.

Loth. Wer?

Helene (übermüthig herauslachend). Koahl-Willem.

Loth (lachend). Wer noch?

Helene. Ach nein! weiter ist es wirklich Keiner. Du mußt mir glauben ...

Wirklich nicht. Warum sollte ich denn lügen ...?

Loth. Also doch noch Jemand?

Helene (heftig). Bitte, bitte, bitte, bitte, frag' mich jetzt nicht

darum. (Versteckt das Gesicht in den Händen, weint scheinbar ganz

unvermittelt.)

Loth. Aber ..... aber Lenchen! ich dringe ja durchaus nicht in Dich.

Helene. Später! alles, alles später.

Loth. Wie gesagt, Liebste ....

Helene. S' war Jemand -- mußt Du wissen -- den ich, ... weil ... weil er

unter schlechten mir weniger schlecht vorkam. Jetzt ist das ganz anders.

(Weinend an Loth's Halse, stürmisch.) Ach, wenn ich doch gar nicht mehr

von Dir fort müßte! Am liebsten ginge ich gleich auf der Stelle mit Dir.

Loth. Du hast es wohl sehr schlimm hier im Hause?

Helene. Ach, Du! -- Es ist ganz entsetzlich, wie es hier zugeht; ein

Leben wie -- das ..... wie das liebe Vieh, -- ich wäre darin umgekommen

ohne Dich -- mich schaudert's!

Loth. Ich glaube, es würde dich beruhigen, wenn Du mir alles offen

sagtest, Liebste!

Helene. Ja freilich! aber -- ich bring's nicht über mich. Jetzt nicht

..... jetzt noch nicht! -- Ich fürcht' mich förmlich.

Loth. Du warst in der Pension?

Helene. Die Mutter hat es bestimmt -- auf dem Sterbebett noch.

Loth. Auch Deine Schwester war ....?

Helene. Nein! -- die war immer zu Hause ... Und als ich dann nun vor

vier Jahren wiederkam, da fand ich -- einen Vater -- der .... eine

Stiefmutter -- die .... eine Schwester ... rath mal, was ich meine!

Loth. Deine Stiefmutter ist zänkisch. -- Nicht? -- Vielleicht

eifersüchtig? -- lieblos?

Helene. Der Vater ....?

Loth. Nun! -- der wird aller Wahrscheinlichkeit nach in ihr Horn blasen.

-- Tyrannisirt sie ihn vielleicht?

Helene. Wenn's _weiter_ nichts wär ... Nein! ... es ist zu entsetzlich!

-- Du kannst nicht darauf kommen -- daß .... daß _der_ -- mein Vater

.... daß es mein Vater war -- den -- Du ....

Loth. Weine nur nicht, Lenchen! .... siehst Du -- nun möcht ich beinah

ernstlich darauf dringen, daß Du mir ...

Helene. Nein! es geht nicht! Ich habe noch nicht die Kraft -- es -- Dir

....

Loth. Du reibst Dich auf, so.

Helene. Ich schäme mich zu bodenlos! -- Du ... Du wirst mich fortstoßen,

fortjagen ....! Es ist über alle Begriffe .... Ekelhaft ist es!

Loth. Lenchen, Du kennst mich nicht -- sonst würd'st Du mir so etwas

nicht zutrauen. -- Fortstoßen! fortjagen! Komme ich Dir denn wirklich so

brutal vor?

Helene. Schwager Hoffmann sagte: Du würdest -- kaltblütig .... Ach nein!

nein! nein! das thust Du doch nicht! gelt? -- Du schreitest nicht über

mich weg? thu es nicht!! -- Ich weiß nicht -- was -- dann noch aus --

mir werden sollte.

Loth. Ja, aber das ist ja Unsinn! Ich hätte ja gar keinen Grund dazu.

Helene. Also Du hältst es doch für möglich?!

Loth. Nein! -- eben _nicht_.

Helene. Aber wenn Du Dir einen Grund ausdenken kannst.

Loth. Es gäbe allerdings Gründe, aber -- die stehen nicht in Frage.

Helene. Und solche Gründe?

Loth. Nur, wer mich zum Verräther meiner selbst machen wollte, über den

müßte ich hinweggehen.

Helene. Das will ich gewiß nicht -- aber ich werde halt das Gefühl nicht

los.

Loth. Was für ein Gefühl, Liebste?

Helene. Es kommt vielleicht daher: ich bin so dumm! -- Ich hab' gar

nichts in mir. Ich weiß nicht mal, was das ist, Grundsätze. -- Gelt? das

ist doch schrecklich. Ich lieb' Dich nur so einfach! -- aber Du bist so

gut, so groß -- und hast so viel in Dir. Ich habe solche Angst, Du

könntest doch noch mal merken -- wenn ich was Dummes sage -- oder mache

-- daß es doch nicht geht, .... daß ich doch viel zu einfältig für Dich

bin .... Ich bin wirklich schlecht und dumm wie Bohnenstroh.

Loth. Was soll ich dazu sagen?! Du bist mir alles in allem! Alles in

allem bist Du mir! Mehr weiß ich nicht.

Helene. Und gesund bin ich ja auch .....

Loth. Sag' mal! sind Deine Eltern gesund?

Helene. Ja, das wohl! das heißt: die Mutter ist am Kindbettfieber

gestorben. Vater ist noch gesund; er muß sogar eine sehr starke Natur

haben. Aber ....

Loth. Na! -- siehst Du; also ...

Helene. Und wenn die Eltern nun nicht gesund wären --?

Loth (küßt Helene). Sie sind's ja doch, Lenchen.

Helene. Aber wenn sie es nicht wären --?

_Frau Krause_ stößt ein Wohnhausfenster auf und ruft in den Hof.

Frau Krause. Ihr Madel! Ihr Maa..del!!

Liese (aus dem Kuhstall). Frau Krausen!?

Frau Krause. Renn' zur Müllern! S' giht luus!

Liese. Wa--a, zur Hebomme Millern, meen' Se?

Vor Sonnenaufgang: Soziales Drama · 第 17 / 24 题