II.

Nur der Kosak schrie auf -- _menschlicher_ Weise gedenkbar: selbst in der

eigenen Wuth noch erschrocken über das -- Kriegsglück, daß er statt des

Feindes, das Kind durchbohrt. Aber es war ein Schuß gefallen; denn der

bedachte, absichtlich handelnde Franzose hatte sich gleich wieder auf ein

Knie gerafft, richtig den Augenblick ergriffen, sicher gezielt und sicher

getroffen, und der Kosak lag am Boden. Niemand konnte erkennen, daß er ein

alter Mann mit silberweißem Barte war, kaum daß er ein Mensch sei, wenn es

nicht die übrige Gestalt noch hätte schließen lassen; denn über Augen und

Gesicht floß lichtrothes Blut von der Stirn, unter der rothen vierlappigen

Mütze hervor, und überfloß den breiten Bart, als sei er aus blühendem

Fuchsschwanz künstlich gemacht; und die gerötheten Zähne im Munde

klapperten vor Schmerz oder Wuth; denn er war gleichsam nur ein

blautuchener Schlauch voll deutscher Beute.

Die indeß genahten Franzosen hatten mit einer Salve der reitenden

Artillerie die Kosaken wie sechsbeinige Hasen aus dem Dorfe gebürschet. Man

hörte in der Ferne nur schreien und reiten, und sah wieder die Straße

brennen. Im Dorfe aber und in Johannes Hofe war es still. Der Franzose

hatte den Schimmel am Zaume aufgegriffen, und an der Linde angehangen,

stand ruhig, putzte seine Flinte rein, und ladete sie wieder, während er

mit finstern Seitenblicken zu dem Kosaken auf die Erde zwischen den Zähnen

murmelte: Moskowiter! Ismaeliter! Esauwiter! -- Da liegst Du -- und Ich

nicht! -- Du bist mein -- und Ich nicht Dein!

Wecker war in heiliger Entrüstung indeß bei dem alten Frommholz vorüber,

herausgeschritten, und in Bezug auf den in seinem Blute schwimmenden

Asiaten sprach er mit innigem Bedauern und herzlichem Wohlmeinen zu dem

Franzosen: Kain! Kain! Kain! o fliehe! fliehe! -- Du hast Deinen Bruder

erschlagen! Wir wollen unsere Augen indeß zudrücken, daß wir nicht wissen,

wohin Du geflohen!

Und so drückte er seine Augen zu, und stand mit geröthetem Angesicht

harrend. Da er aber nur ein verwundertes Lachen hörte, schlug er die Augen

wieder auf, sah den Lachenden mit Erstaunen an, und frug ihn, ganz irr' an

sich und der Welt: Nun so sagt: Wer hat Euch das Recht gegeben, den Mann zu

erschlagen?

Ihr seid verrückt! entgegnete der Franzose.

Das habe ich schon von Andern gehört! entgegnete Wecker; aber, mein Freund

-- -- denn auch Ihr seid noch mein Freund -- aber auch so ein Ungeheurer,

wie ich, kann fragen; also ernstliche Antwort: Wer hat Euch das Recht

gegeben, geliehen, geschenkt oder vermeint zu geben, zu leihen, zu

schenken!

Das Beispiel! närrischer Mensch. Die Trommel, der Feldwebel, der erste

Kanonenschuß, das Wort »Marsch!« Kein Mensch hat es uns eigentlich laut

gesagt.

An der verschämten Art haben sie wohl gethan! sprach Wecker mit einiger

Freude; aber _gemeint_ haben sie es doch!

Und das recht redlich! Die Hohen befehlen, die Kleinen thun, die Alten thun

es vor, die Jungen nach.

O Volk, du heiliger Affe! »sacra simia,« wie auch Horaz den verfluchten

Hunger nennt; aber kennt Ihr nicht aus dem Vorschreibe-Versbüchlein das

Symbolum? Daniel! Wo bist Du? Bete doch dem Herrn Todtschläger den Vers

vor: »_Flieh, wenn Du -- --_« Da er aber den Daniel nicht gewahrte,

dictirte er gleichsam die Zeilen dem Manne in die Feder oder _in die

Flinte_ -- wie er bemerkte -- und sprach laut und warnend:

Flieh, wenn Du Böses siehst,

Und thu' es niemals nach!

Du bist so strafbar sonst,

Als der es erst verbrach!

Der Franzose aber hatte einen _großen_ russischen Hund, Peter, oder der

große Peter gerufen, mitgebracht; und der Hund nun beroch den Kosaken; und

hungrig, wie Peter sein mochte, leckte er ihm endlich das warme Blut vom

Gesicht und aus den Augenhöhlen -- und der Kosak stöhnte, schlug die Augen

auf und erblickte seinen Schimmel, der sich von der Linde los gemacht, und

mit gesenktem Kopfe neben seinem gefallenen Herrn, Freund und Vater stand.

Und der Kosak schloß die Augen wieder.

Der kleine Gotthelf aber frug Weckern: Meister Wecker! Ist das ein

Centaure?

Ja, mein Söhnchen, mein Gotthelfchen! erwiederte er. Gott helfe ihm! Es ist

ein solcher guter, armer Teufel, wie einst ein gewisser Pferde- und

Menschendoctor, Chiron benannt! Ist dieser hier nicht so lange todt wie

Jener, so wird er es doch bald so lange werden. Aber die Todten holen sich

wohl nicht ein? Indeß, so weit her sind sie Beide, und unser Gast wohl noch

weiter her, der daher gekommen, um unsere Erde zu kosten, und statt um ein

drei Ellen hohes Federbett, nur um ein drei Ellen tiefes Wurmlager bittet,

ja nicht einmal bittet -- so gut ist der liebe, alte Mensch; mein Gotthelf,

mein Gotthelf. O, helfe doch Gott allen Menschen!

So sprach er in heißer Entrüstung und mit zum Himmel gestreckten Händen,

und er schickte sich an, dem armen Alten beizustehen, und wo möglich noch

Hülfe zu leisten, da er doch noch ein Lebenszeichen von sich gegeben -- als

Christel laut aufschrie.

Jetzt erst war sie herausgetreten; jetzt erst hatte die Mutter ihr Kind

gesehen. Es lag auf dem Rasen neben der Thüre, und als es die Mutter

erblickte, streckte es beide Händchen nach ihr. Der alte Mann hätte sein

Enkeltöchterchen vielleicht sogleich hineingetragen, wenn er nicht

befürchtet, dem Kinde durch eine Wendung oder durch das Nachschleppen der

langen, schweren Lanze, an der es steckte, weh oder weher in seiner Brust

zu thun; und so hatte er es nur ruhig hingelegt, und sich selbst auf die

Bank gesetzt, wo er kraftlos und athemlos saß. Die Mutter bedeckte die

Augen vor ihrem Kinde mit ihren Händen. Sie hatte gesehen . . . Alles mit

einem Blick . . : es lebte noch! Es blutete nicht! Denn der Speer verschloß

seine Wunde zugleich! Aber das holde Gesicht des Kindes war blaß, und die

rosenrothen Wangen auf Zeit der Erde oder des Himmels dahin! Der Blick aus

den schönen blauen, Hülfe bittenden Augen in ihre Mutterseele hatte ihr

schweigend gesagt: sie sei des Kindes Mutter nicht mehr! Die liebe Kleine

sei ihr auf einmal vom Herzen gefallen, so fremd geworden, und werde ihr

bald so unkenntlich und so unergründlich sein, wie -- Erde, und immer

ferner, weit, fern, unerreichlich fern, und doch so nahe, so fest, so recht

innig im Herzen, wie der durchbohrende, schmerzliche Speer in der kleinen

Brust des Kindes. Ihre volle Mutterliebe stand auf einmal an einem grausen

Abgrund still, wie ein gefrorner Wasserfall -- und nur in der Tiefe schlich

noch ein kleiner, zusammengedrängter, warmer Quell unter der eisigen Decke,

das ewige schöne Gefühl: sie liebe noch! und jetzt erst unaussprechlich,

unausweinbar, und zerflöße sie selber zu Thränen. Der blaue Himmel war ihr

sonst nur die herrliche, gleichsam unsichtbare Decke über die Erde gewesen;

die Erde selbst aber nur das weite, breite Haus für die Menschen, und die

Sonne das stille Geleucht zu den Geschäften und Sorgen und Mühen aller

solcher treuen Mütter wie sie, solcher redlichen Väter wie ihr Johannes,

und solcher von Liebe der Aeltern gedeihender Kinder wie ihre! Jetzt war

ihr die Erde kein fester Boden mehr; denn er schwand unter ihren Füßen

hinweg, _als habe sie auf falschem, nichtigem Gewölk gestanden; sie

taumelte_ und hielt sich an die Pfosten der Thür. Und so war auch der

Regenbogen über ihr nur ein Schatten; und die Sonne -- dem Regenbogen

gegenüber -- war ihr nur ein grauses Gespenst, ein Gesicht ohne Augen, ein

kahler, liebloser, lebloser Scheitel ohne Haar -- sie hatte vergessen, daß

es eine Welt gab, und ein Leben; denn _dieses_ ihr Kind war hin! Und ihr

Mutterherz empfand in dieser ihrer Noth keine andern Kinder mehr, sie waren

ihr alle gestorben -- und _sie schrie laut und durchdringend._ Dadurch

hatte sie sich selbst aufgeweckt; sie blickte schüchtern und ängstlich und

neugierig umher, ob es wahr sei, was sie geträumt -- und als sie nun

wiederum sah, es ist wahr . . . . es bleibt und bleibt wahr . . . . da

strömte Eifer zu retten über sie; sie kniete hin und wollte dem Kinde den

Speer aus der Brust reißen mit schneller, schonungsloser und schonender

Hand.

Der französische Soldat aber sprang hastig hinzu, und wehrte ihr mit den

Worten: Junge Frau, thut das nicht! Sonst verblutet sich erst das Kind. Es

kann noch leben, bis ein verständiger Arzt kommt, der das vernünftig macht!

_Johannes_ lief auf das Wort sogleich in das Dorf nach dem Dorfbarbier.

Seht, sprach der Soldat weiter, und riß seine breite, weiße, mit Haaren

männlich geschmückte, schöne, hohe Brust auf, ich bin mitten hindurch

geschossen, und lebe und kann schreien wie Einer: »Es lebe der Kaiser!« --

Mein Gehirn ist abgedeckt worden durch einen mich dumm zu machen meinenden

Säbelhieb eines albernen Russen, aber, Gott sei Dank, ich bin noch so klug

-- wie ein Franzose! -- Eine Kanonenkugel ist mir quer an den Augen vorüber

gesauset, und hat sich unterstanden mir das Nasenbein verstellen zu wollen

-- aber seht, meine Nase ist noch musterhaft und der feinste Riecher! Und

so schwach ich sehe, so sehe ich doch -- aus Uebung den Feind, er sei

_blau, grün, weiß_ oder _roth_, wenn Ihr das versteht, liebe junge Frau!

Ich muß denken -- es ist Herbst auf immer für mich geworden, oder

Abenddämmerung zwischen Hund und Wolf, oder die Frau Erde hat ihr

Schleierkleid für mich angezogen -- also sie hat mich ausgezeichnet durch

ihre besondere Gunst.

Er sah sie bei diesen Worten an, und mußte zu ihr mitleidig lächeln, so

freundlich sprach ihn das schöne, blasse, ängstliche Muttergesicht der

Christel an, und er war eigen sanft und mild gegen sie, wie gegen eine

frühere liebe Bekannte. Und das war sie auch wirklich. _Christel war seine

Schwester._ Aber als er aus dem Vaterhause gezogen, war sie noch ein ganz

kleines Jüngferchen gewesen; und er erkannte sie nicht, weil sie groß,

ausgebildet, verändert durch ihre Reife, und verwandelt in ihrem Wesen

durch ihr schreckliches Leid jetzt vor ihm stand; und nicht im Vaterhause,

sondern im Hause eines fremden, ihm unbekannten Mannes, und als Mutter von

erd- und weltfremden Kindern. _Christel_ aber erkannte ihren Bruder

_Stephan_ nicht, weil sie sich nur seiner angehenden Jünglingsgestalt und

obendrein nur dunkel erinnerte, er aber jetzt ein gebräuntes,

bartverwachsenes Gesicht hatte, dem wohlgeheilte Wunden dennoch eine

Entfremdung für sie gegeben; und der Mann schien ihr Bruder nicht, _der aus

einem sanften Knaben_ jetzt kriegverwildert vor ihr stand, auf die frühere

Gutmüthigkeit jetzt rauh, roh und hart erschien, groß und älter geworden,

wie sie ihn nie gesehen. Hätte er sie erkannt, dann hätte sie das Bild

ihrer Erinnerung von ihm mit seiner gegenwärtigen kriegerischen Gestalt

vertauschen müssen; aber ihn hinderte vorzüglich die Unwahrscheinlichkeit:

sie könne es seyn, daran; und in ihrer reinen, liebenden Seele wurde jede

mögliche Ahnung durch den Gedanken niedergedrückt: _Das_ ist ein Mörder --

_der_ hat einen Mann erschlagen -- _der_ kann dein Bruder nicht sein! Und

dennoch sah sie ihm in die mild auf sie gerichteten Augen, und frug nach

seinem Namen.

_St. Etienne_ heiße ich, antwortete er nicht ganz unbefangen, weil er sich

durch und durch französisch gemacht hatte; und darauf schlug sie die Augen

nieder und seufzte tief, als habe sie keine Ursache dazu, die sie wüßte;

und ihr Anblick war wunderbar, bis sie sich über ihr Kind hinbeugte, und

ihre Gedanken vergingen in heiligem Mutterschmerz. Aber sie hatte in

Wahrheit ihren Bruder doch wiedergesehen. _Und so hatte sie das Geschick

auf eine zwar unverstandene, doch heilige Weise geheim und zart getröstet_

-- und sie konnte weinen! Und das Kind hielt sich fest an dem Hals der

weinenden Mutter geklammert.

Wecker aber hatte sich herzugekehrt, seine Augen waren immer größer

geworden, sein Mund offener, sein langes, blasses Gesicht immer länger,

seine Hände immer krampfhafter von ihm gestreckt, und zitternd gehalten,

bis er nun die beiden stillen, theuern Wesen sah, seinen Nacken beugte und

leise zu dem Kinde sprach:

Wie freundlich thust du dich doch zu,

Und greifst mit beiden Armen

Nach aller Welt, in Lieb' und Ruh

Uns ewig zu umarmen!

Denn ich war Dir auch gut, Clementine, ob Du gleich noch nicht _schulfähig_

warst! Nur _Aepfel-_ und _Birnenfähig_, die ich Dir brachte. O, mein Kind!

--

Der Kosak hatte sich mühsam aufgesetzt, und starrte vor sich ihn, als ob er

zusähe. Und so gab Wecker ihm gleichfalls seinen Vers: »Hast Du noch etwas

einzuwenden, Du armer Teufel! Ei komm' her, versuch' es ob Du was kannst

enden; laß hören, was ist Dein Begehr? Doch Trotz Dir, Du verfluchter

Geist, daß Du mich von dem Kreuze reißst!« -- »Pfeif, pfeif, Du tückische

Sirene, und locke, Du vertrackte Welt! Ja, mach' es noch einmal so schöne,

und preise, was Dir wohl gefällt: bei einem, der sich hier befindet, da

kommst Du Narre viel zu blind!« -- Er schämte sich aber, da der alte Mann,

auf der That bestraft, wieder umsank; beugte sich zu Christeln, rührte sie

an der Schulter an, und sagte ihr, während Thränen aus seinen Augen

tropften:

»Wer hätte bei den Mördern

Die Unschuld doch gesucht?

Den Segen zu befördern

Wirst du von Gott verflucht.

Die _Dich_ zu Boden treten,

Woher _Dir_ weh geschieht.

Für diese willst Du beten;

Mehr Rache weißt Du nicht.«

Diese Worte erweichten Christel vollends. Und nun wußte sie nicht, was sie

dem Kinde vor seinem Tode _noch schleunig sagen, Liebes thun, vorsprechen

oder versprechen sollte,_ um es über die böse Stunde hinweg zu bringen,

oder nur die Augenblicke noch zu benutzen.

Kennst Du mich denn? mein liebes Kind! frug sie leise und hold, so hold sie

es vermochte. Und die kleine Clementine lächelte nur, und drohte ihr mit

dem Finger. Und dennoch frug sie, um es noch einmal zu hören: Nun wer bin

ich denn?

»Nun meine liebe Mutter!«

Nun so habe mich einmal recht lieb! einmal (_»nur noch einmal«_ vermochte

sie nicht zu sagen). Und das Kind drückte sie, daß es zitterte, und küßte

sie wieder und frug dann: »Mutter, aber was weinst Du denn gar so sehr!«

Und die Mutter antwortete ihr, sich bezwingend: Darum, daß Du nicht

aufstehen kannst, nicht herumspringen, daß Dir die Brust wohl weh thut?

»Ach, es ist nur so wenig Luft geworden, und gar so heiß ist es, Mutter.

Gieb mir nur mein Brodchen -- ich will auch heute wieder ohne Dich

einschlafen!«

Die Mutter schloß die Augen über das Wort, und gab ihr das Brodchen und

sagte ihr dann: Sei nur noch ruhig und gelassen, bis der Vater wieder

kommt. Wenn Du hübsch fromm bist, sollst Du auch ein ganz neues weißes

Kleid kriegen, neue grüne Schuhe, und in Deine Härchen einen Kranz von den

schönen Astern, die Du nicht hast pflücken sollen, und auch nicht angerührt

hast, mein folgsames Kind!

Da sie aber den Todtenkranz gemeint, so konnte sie nicht weiter sprechen,

wandte sich ab, und schüttete schnell ihre Thränen aus.

»Mutter, lachst Du? Ja, ich freue mich auch!« Und das Kind lachte, klaschte

in die Hände, und die Mutter lachte mit ihr, unaussprechliches, sanftes und

heiliges Lachen.

Das Kind hatte aber bei der Erschütterung der kleinen Brust große Schmerzen

empfunden, und sagte auf einmal: »Mutter, ich werde sterben. Lebe wohl, und

grüße den Vater. Sage dem heiligen Christkind, es soll mir bei Euch nicht

bescheren, sondern gleich oben -- Du weißt schon: wo!«

Der Mutter war fast unerträglich im Herzen, und es kam jener Ernst über

sie, _wo der Schmerz ein freundlicher Wahn wird,_ und die Gedanken die

Pforten der Heimath der Menschen aufthun, _und die Welt zum schönen

Mährchen wird._ Und so sprach sie mit verschlossenen Augen: Nun so gehe in

Gottes Namen von uns, mein liebes, liebes Kind! Sage dem großen Vater: wir

hätten Dich in seinem Namen lieb gehabt, beinahe wie er selber Dich lieb

hat; oder beinahe wie wir ihn lieben -- ich hätte Dich immer sanft am

Morgen mit einem Kusse geweckt, mit einem Kusse seist Du eingeschlafen im

Mondschein oder wenn draußen die Sterne standen -- -- -- sage ihm: ich

hätte Dich immer sauber und warm gekleidet, Dich auf meinem Schooße

getränkt und gespeiset, und Dir von seinem Sohne erzählt, und von ihm

selbst, der die schönen Blumen Dir gemacht hat, an jedem Morgen neue! Sage

ihm, wir würden Dich sanft in seine Erde senken, und er möchte Dich mir da

bewahren, wie einen großen Schatz -- und darinnen schlafe Du ruhig, bis ich

komme, und mich zu Dir lege. --

»Du kommst doch gewiß?« frug die Kleine.

-- Gewiß, Gewiß! Das dauert nicht lange! antwortete die Mutter.

»Aber in die Erde!«

-- Habe ich Dir denn nicht gesagt, daß der liebe Gott auch _in_ der Erde

ist! Denn Du weißt ja, die andern Sträucher und Blumen können die Blumen

nicht machen, und machen sie nicht -- und doch hast Du immer welche am

Morgen gefunden, die er verborgen Dir aus der Erde heraus gesteckt: frisch,

fertig und voller Geruch! Also kommst Du da zu ihm, Du liebe Blume, Du mein

Herz!

»Aber der Vater soll auch nachkommen zu Bett, und Brüder und Schwestern!«

-- Wir kommen! Wir kommen! sprachen sie alle, und reichten ihr die Hände,

daß sie sie nicht alle fassen konnte. Und so schloß sie die Augen und

lächelte sehr. Die Mutter beugte sich über sie und schwieg, so, lange,

während die Abendglocke geläutet ward vom Thurme, weil die Sonne zu Rüste

ging und zu Golde ward, und zerschmolz.

Indeß war das Kind gestorben. Und als die Mutter merkte, daß es

ausgezittert hatte an ihrem Halse, da entfloh sie und warf sich im Garten

in das Gras unter die Bäume -- aber durch das so eben geschehende Wunder

der Natur war es der armen Mutter: ein weiches smaragdenes Bett, und der

Schirm des Baumes über ihr: ein von der untergehenden Sonne purpurn und

golden leuchtender Baldachin; und der Herbstwind fuhr eilig, doch sanft,

von der Abendröthe daher und streute falbe Blätter leis über sie nieder,

und breitete den Hall der Abendglocke wie himmlischen Duft weit über ihr

Gefild aus, und bewegte die blauen Astern, die zum Todtenkranz für das Kind

bereit standen -- und diese schauerten und nickten mit ihren schönen

Engelsgesichtern.

Wecker aber sagte langsam zum alten Frommholz: Vater! Großvater! noch immer

kaum glaublicher Großvater von einer kleinen Todten! Beweiset nun Eure

Zimmermannskunst an dem Kinde; faßt Euch ein Herz; nehmt den Fuchsschwanz

und sägt die Länge des unschuldigen Spießes von beiden Seiten ab, sonst muß

der Todtengräber ein unmöglich tiefes oder langes Loch machen! Geht, alter

Vater, geht! Braucht Euer _rechtschaffenes_ Handwerkszeug einmal _dazu!_

Die schönen grünen sonnigen Hügel auf Erden dienen ja auch zu kleinen

grünen Hügeln für Todte! Der Herr hat die schöne Erde also _auch dazu_

bestimmt! Seid nicht dagegen, Großvater! und laßt die Sachen sein, was sie

sind, weil sie Gott dazu bestimmt; ob ich Euch gleich sage, daß ich es

nicht begreife, wenn so ein Acker schöner weißumblühter und mit gelben

Blumen geschmückter Frühlingserde zu solchem Jammer dienen soll! Aber ich

mag hinsehen wie ich will: die großen Hügel bleiben grün unter dem blauen

Himmel, und die kleinen Todten-Hügel bleiben bunt von gelben und rothen

Blumen, die duften und wehen; und die liebe, _wahrscheinlich unverständige_

Sonne wärmt sogar darauf und beleuchtet sie recht. _Närrisch, aber wahr!_

Alter _Frommholz_ -- seid einmal von Holze und fromm dabei, so wird es sich

sägen mit Gottes Hülfe! Und dann seid hübsch _ehrlich_ -- gebt die eiserne

Spitze und den rothen Schaft seinem Herrn wieder! Die 5 Zoll Holz aber die

dazwischen fehlen, die wird sich das Kind schon verdient und bezahlt haben

-- durch seine zwei schönen, blauen, zugemachten Aeuglein. Zwei Augen

zumachen, ist das schwerste Werk der armen Menschen, geschweige der

Reichen! Selbst der kleinen Kinder, geschweige der Großen!

Zu den Kindern aber sprach er: Mein Daniel! geh und setze Dich still dort

neben die Mutter! Denn damals als Du aus Mangel an Holz erfroren warst, da

bekam sie gleichsam statt Deiner die kleine Osternachttochter Clementine;

jetzt, da das Kind durch ganz überflüssiges Holz umgekommen, nun geh Du

wieder hin, daß sie Dich habe statt jener, besonders da ich Dich erweckt

habe mit einem Strohwisch, als so viel ich Apotheker-Spezerei zur Hand

hatte. Und wenn sie Dich ansieht, dann sage nur, Wecker hat mich erweckt,

und ist ein bloßer Schulmeister! Jener ist aber der hohe Patron der Schule

der großen Menschenkinder, der hat gar andere Mittel die Kinder

aufzuwecken, als bloße Strohwische; und alle Apotheken sind bloße

Mördergruben gegen seine Offizin mit Lebensbalsam, der alle Frühjahre schon

die todten Blumen erweckt, daß sie riechen, daß wir sie riechen und

kostbar! Gehe, geh. -- Sophiechen, geh Du auch hin; Du bist ein Mädchen,

die Mutter muß also sehen, wenn hinter ihrem Mutterauge die Mutterseele

nicht am trauerschwarzen Staar leidet, daß sie noch ein Töchterchen hat!

Und willst Du, so magst Du auch den Kern-Vers von _Johann Menzer_ beten und

sprechen: »Nun ist nur noch der Tod zurücke; jedoch er hat mir wenig an:

mein Jesus bricht ihm das Genicke, so ist's um seine Macht gethan: weil er

mir Christum nur nicht frißt, so weiß ich gar wohl wie mir ist.« Gehe, geh.

-- Und Du, Gotthelf, gehe auch, und setze Dich hin, und sprich weiter

nichts, als: Liebe Mutter, _Gotthelf_ ist da! Und, liebe Mutter, Du hast

mir sonst immer gesagt: »Wenn Du _der Mutter_ folgst und das thust und das

annimmst von ihr, was _sie_ will, so ist _Dir_ gleich wohl, mein Kind; nun,

liebe Mutter, nimm Du auch einmal das an, was _der Vater_ will -- so wird

Dir auch gleich wohl sein! Gehe, geh.«

Und als Wecker sah, daß die Kinder langsam zur Mutter schlichen, da ging er

selbst aus dem Gehöft auf den Kirchthurm -- um frische Luft zu schöpfen.

St. Etienne aber machte sich an das Aussuchen und Ausplündern des Kosaken,

des Don Tauro, wie er ihn nannte, oder an das Beutemachen. Aber das erste

Wort des Aufgerüttelten, sich wieder Besinnenden und Hülfe Flehenden war:

-- -- »Mutter! -- -- Schnaps!« --

Die Osternacht. Zweite Abtheilung · 第 4 / 18 题