Nun wird die gute Zeit wohl aus sein! sprach Christel, mit gesenktem
Köpfchen zur Erde sehend und ihre Hände gefaltet.
Vater, die Straße brennt! rief Daniel, durch das Thor in den Hof springend.
Ach, daß _die_ nur brennte, nicht auch unser liebes Zahlbach, und Häuser,
Gehöfte, Dörfer und Kirchen im Lande! erwiederte ihm Johannes und nahm ihn
an die Hand. Wo erst die Pferde Rauch machen, da machen die Menschen dann
Feuer und Elend.
Was für Menschen? frug Wecker, fast erhaben darein sehend, und mit dem Ohre
wie vom Himmel auf eine Antwort horchend. Aber, mein Daniel, fuhr er mit
belehrender Geberde fort, die da kommen, _das_ sind gar wundersame
Menschen, Cento- oder Milletauren aus Taurien, mit vier Pferdebeinen und
Pferdeschwänzen, und mit zwei Köpfen -- einem Pferdekopf, der sehr klug
ist, und Hafer frißt, auch grüne Saat und Dachschoben von den Strohhütten
und liebes Brod von den Tischen -- und einem Menschenkopf mit einem Bart
wie ein Ziegenbock, und mit zwei Händen, wovon die eine so lang ist, wie
ein Spieß, und von Holze, und ganz vorn der eine Finger daran von Eisen! --
Cavallerie, von Cavallo, nicht von Cavalier! wie euer alter Vater Frommholz
sagt, Johannes!
Ach, scherzt doch nicht, Wecker! bat Christel. Mir ist wie vor einem
Gewitter, das still heraufzieht.
-- Und vorüber! meinte Wecker. Ist am Himmel nur Eine Wolke von heute früh
nur, oder von gestern, von vor dem Jahre, von vor hundert oder tausend
Jahren zu sehen! -- seht hinauf, mit euren lieben feuchten Aeuglein, liebe
Christel: Alle sind weg! Verflogen, verregnet, verdonnert, verstoben -- und
der alte Himmel ist hell! Und kommen auch neue Wolken, so wird der Schwarm,
so groß und barbarisch er ist, auch vorüberziehen, und die Erde wird wieder
rein sein -- wie nach der Sündfluth, Der arme Noah! Der litt einmal! Es ist
auch ein Elend, viele, viele, ja alle andere Menschen umkommen zu sehen,
und selbst feuer- und wasserfest und wohlverpicht in seiner Arche zu
sitzen, und Tauben und Raben hinaus zu lassen, um zu wissen, ob die Erde
wieder gangbar ist? -- Und hätte ich nachher den Regenbogen gesehen, so
hätte ich gesagt: Verzeih' mir's Gott! er gefreut mich nicht; -- es sind
gar zu viel Menschen ersoffen, denen er -- Frieden bedeutet! Das sind nur
die Thränen von allen den Leuten, die zum Himmel geweint haben, aller der
desperaten Sünder! Darum lieber selbst etwas mitleiden, etwas mitweinen,
ein paar Glieder von den Seinigen oder von seinem Leibe miteinbüßen, wenn
ganze Korporationen in und am corpore -- dem corpus delicti -- leiden, das
ist in bösen Zeiten ein wahrer Trost! Das macht uns zu Mitmenschen,
Mitkönigen und Mitbauern, je nachdem wir nun dies oder das sind, liebe
Christel. Die Kinder Gottes _leiden!_ Von jeher, und noch wie lange, weiß
Niemand! Und _die Herren_ denken: haben sie _so_ lange gelitten, mögen die
paar Millionen auch noch ein paar tausend Unglücke weiter leiden. Denn
_sie_ bleiben es doch. Aber -- Wecker bleibt Wecker!
Ach, Ihr meint es rechtschaffen, mit uns und der ganzen Welt! sprach
Christel.
Das wollt' ich nur wissen! erwiederte er weich, da sich oben am Himmel ein
Regenbogen aufbaute. Glaubt nur, Kinder, für einen _Rechtschaffenen_ ist
das ganze Himmelszelt, so groß es ist, nur eine Hütte! _Er_ ist viel
größer, viel leichter als die Bläue, viel fester in seinem Kerne, und lebt
und schwebt mitten darin und doch hoch darüber -- wie euer alter Vater,
Johannes, da droben als Zimmermann an dem Kirchthurme hängt, wie ein
Grünspecht mit seiner grünen Jacke, und hackt! Seht nur, jetzt hackt er die
Axt fest, und sieht sich um über die Gegend nach _Britzenheim_ zu, und
sieht den Schwarm der Feinde kommen, davon wir nur erst noch den Staub
erblicken, nicht die Herren Staubmacher, zu Staubmacher und zu Staubwerder
selbst!
Jetzt blieben alle eine Weile still, denn es fiel ein Kanonenschuß von der
_Klubbistenschanze_ vor der, nur eine Viertelstunde von Zahlbach entfernten
Festung Mainz; und als er verdonnert, und in den Thälern verhallt war,
sahen sie sich an, Wecker aber fuhr fort: Kinder, das war seit langer Zeit
der erste! Die blauröckigen Kinder drin werden wach, und schau . . . sie
haben den Staub auch gesehen! Aber um hinauf zu dem alten Großvater
Frommholz auf den Thurm zu kommen, seht nur, er läßt die Axt eingehackt und
kriecht zum Loche hinein! Er wird herunter kommen, und uns _berichten_
. . . oder kommt er bloß zum Abendessen? Das wäre besser! Aber dabei bleibe
ich: Jetzt in der allgemeinen Noth marschirte ich mit keinem lieben Vieh,
je einem Männlein oder Fräulein, und mit meiner seligen Frau, mit Söhnen
und Töchtern und sündlosen Anverwandten, auch wenn ich welche hätte, doch
nicht in die aufgethane Arche, und lebte darin in Freuden, und
wohlverpicht! Denn das erlebe ich, daß auch mein Sohn _Friedrich Wecker_,
der wohlgerathene Tambour, aber mißrathene Schulmeister, ohne Arme oder
ohne Beine -- ad lubitum der Herren Feinde, aus Rußland oder aus
Deutschland angewackelt kommt -- oder nur von _Hanau_, wo man unserem
Hochverehrten den Weg verlegt hat, die Breite und nicht die Länge.
Verkehrt! Denn von der Seite reitet man ein Pferd um. Aber mag er kommen
ohne Trommel, ohne Arm, ohne Zehrpfennig -- er soll mein lieber Sohn sein!
Ich will mich im Geiste seiner Mutter, als meiner lieben Ehehälfte im
Grabe, wovon die andere Hälfte, als nämlich ich, noch über dem Grabe vagirt
-- freuen, und wieder einmal weinen, als ein einsamer Mensch, der gar
Niemanden mehr schelten kann; denn ihr alle, der alte Großvater Frommholz,
Ihr Johannes, Christel und eure Kindlein, ihr seid doch Alle gar zu gut,
und ich habe nichts, als im Herzen euch Dank zu sagen! Aber Mann und Weib
ist _ein_ Leib. Aber was ist ein Wittwer und eine Verklärte? nämlich meine
Ehehälfte. Es ist doch ein närrisches Leben, wenn Einer halb im Grabe liegt
mit schwarz bombasinenem Kleide und cannevassener Haube -- und zugleich
auch halb draußen steht, wie Ich, und als Ich, ganz, gesund, alt, mager und
sechs Fuß hoch, wie ein Weinstock -- ohne eine einzige Rebe, vor dem Winter
eingepackt in einen alten Rock, grob wie eine Matte, und einen Stock im
Leibe, damit die ganze Vogelscheuche nicht einfällt! Darum mein großer
_Friedrich_, komme Du heim, komme _mir_ nur heim, ob ich gleich keine
Heimath habe! Aber ich habe eine Brust und ein Herz, da sollst Du Schlingel
zu Hause sein, weil Du doch einmal darin immer zu Hause gewesen bist --
auch so lange Du entlaufen warst, oder wohlgerathener Landstreicher und
Tambour -- vielleicht . . . Major!
Nun, sprach Christel, das Unglück der Großen ist oft, wenn nicht immer, der
Kleinen Glück; wenn ein Sack -- wie Napoleon, reißt, fallen viel Körner
heraus; und so kommt vielleicht auch mein Bruder, der _Stephan_, wieder,
der mit Gewalt mit angeworben wurde, weil er kein Weib, keine Kinder,
sondern nur . . .
-- -- nur Haus und Hof, Kühe und Kälber, Pferde und Ochsen hatte, fiel
Wecker ein. Freilich, um die war's nicht Schade, ob sie ihn gleich
vielleicht auch gut gekannt und lieb gehabt haben! Aber wer kann alle
Herzensangelegenheiten schonen!
Daniel winkte zu hören, und sprach nach einer langen Pause: Wie sie
gesungen kommen --
-- daß einem das Herz im Leibe lacht und der Magen, meinte Wecker. So in
Fugen singen sie; Einer fällt nach dem Andern ein, der Dritte, der Vierte,
und Alle aus vollem Halse. Und wie es fromm klingt! Das sind gewiß gute
Menschen! Wer singt, ist gut, nämlich so lange er singt, und den Mund
_dazu_ braucht.
-- Horcht! nun pfeifen sie gar! rief Daniel, freute sich, und wollte zum
Thor gehen, um aus dem Gehöfte auf den Weg das Dorf hinauf zu sehen.
Ach, seufzte Christel, was sollen wir thun? Was ist jetzt gut, oder was ist
schlimm von dem, was wir Leute gewohnt sind? Jetzt ist kein Schritt recht
oder gleichgültig, kein Fleisch recht gekocht, kein Huhn gut gebraten,
keine Suppe recht gesalzen! Da lob' ich meinen Johannes und euch Alle! --
Ihr wart immer mit mir zufrieden. Aber _darum_ vernachläßigte ich nichts,
in dem guten Zutrauen auf eure Geduld; sondern je begnügter ihr wart, je
sorgsamer strengte ich mich an, und lauschte und merkte mir gern, was der
Kleinste gern hatte. Nun werde ich nichts recht machen; und ich möchte
wahrhaftig mein _Sophiechen_ oder meine _Clementine_ sein! Heut nur in
unserm Zahlbach! Denn . . . seht nur, wie glücklich sind doch die Kinder!
Wie leben sie überall und immer im Paradiese! Ohne Sorge und Furcht,
glücklich, wenn nur die Mutter lächelt und spricht: Du bist mein liebes
Kind! Seht nur, mein kleines Osternachtkind, die kleine _Clementine_, die
ich der guten gnädigen Frau zum Andenken so genannt -- sie versprach mir
gestern Nacht: ohne mich ganz allein einzuschlafen, wenn ich ihr ein
Brodchen mitbüke; und so konnte ich ungestört backen; jetzt hat sie es dort
bei sich; und da _ihr_ das Schaukeln so gefällt, so denkt sie: dem lieben
Brodchen soll es auch gefallen, und so hat sie es auf den Sitz der Schaukel
_gesetzt_, und schaukelt es mit ihren kleinen Aermchen! Ach mag doch Alles
verloren gehen . . .
. . . Also hübsch langsam! schaltete Wecker ein. Verloren _gehen_, nicht
verloren rennen!
Auch das! fuhr Christel fort; mag heut, schnell, gleich Alles verloren
werden, und hin sein, selber das tägliche Brod, sogar wie es Luther
auslegt, nur nicht . . . nur nicht: Mann und Kinder! Nicht Ein Kind! Weiter
bitte ich Gott um nichts . . .
. . . Um nichts weiter! Ei, meine bescheidene Christel, da bittet Ihr recht
viel, recht grob den lieben Gott! sprach Wecker. Denn, wie ich Euch kenne,
habt Ihr eben nichts weiter, nichts Anderes in Euren Gedanken, in Eurem
Herzen, als den Mann und die Kinder. Ihr wollt also nur geradezu Alles
behalten, was Ihr habt und besitzt; denn die Tausend Gulden von Eurem
Vater, die der alte Herr von Borromäus für Euch am Kaufgelde hat fahren
lassen müssen, und die Ihr ausgeborgt habt für die Kinder, die kümmern Euch
nicht; auch nicht die dreihundert Gulden Lotteriegewinn vom Gevatter Pathen
Leineweber Krieg, die Euch Dorothee wiederbezahlt, weil sie nun mehr hat,
und nichts schuldig sein wollte, das protzige Mädchen, das nicht aus
Fleisch und Blut zu bestehen scheint, sondern aus lauter Ehre
zusammengebacken, und mit Mädchenstolz gesäuert.
Ihr habt nicht ganz Unrecht, . . . _Meister_ Wecker, wie Ihr ohne Schule
nun einmal wollt genannt sein, damit Ihr doch noch etwas wäret oder hießet;
sprach Johannes dazu. Selbst die saubern Geräthschaften, Tische, Stühle,
Schränke, Betten, Gebetten, Kisten und Kasten mit Wäsche und sächsischer
Leinwand, und was wir Alles aus Herrn Paschalis Schiffchen packten, freute
meine gute Christel nur um der Kinder willen; die freuten sich! Aber doch
Sonntags, wenn Alles fein sauber aufgeräumt war, die liebe Sonne in die
blanke Stube schien, und Christel selbst auch sonntäglich in dem lieben
Sonnenschein stand, da gewann ihr die neue Heimath denn doch ein heimliches
Lächeln ab. Das Geld haben wir nicht zum Bauen gebraucht; denn als meinem
Vater seine zweite Frau gestorben war, mit welcher er Alles erheirathet
hatte, da ward ich wieder sein Sohn, da durfte ich wieder zu ihm kommen, da
mußte ich sogar Haus und Garten und Feld von ihm nehmen, zum Zeichen, daß
er heimlich immer mein guter Vater gewesen.
Jetzt kam der alte Frommholz vom Thurme. Die Kinder liefen ihm entgegen,
auch die Kleinste mit ihrem Brodchen, und er mußte sie auf den Arm nehmen.
Der alte Mann nahte und trat zu ihnen. Seine Gestalt war hoch, sein Gesicht
ernst geworden von dem langen Zuschauen der wechselnden Erde, die ihre
schönsten und besten Kinder, die Menschen, wenig zu achten scheint; dennoch
war seine Stellung fest, sein Auge getrost, aber seine Hand vom Alter
mager, von der Sonne braun; und das Kind hatte sein kleines, weißes
Händchen darauf gelegt, wie ein Blüthenästchen auf einen trockenen Ast; und
-- wie eine Rose an ein altes Gemäuer -- lehnte es sein kleines Gesicht
weiß und rosig an das gleichsam wettergraue Gesicht des Alten; und die
_noch nicht_ gefärbten weißlichen Haare der Kleinen mischten sich mit den
_schon wieder_ entfärbten, und nun auch weißen Haaren des Großvaters, die
ihm voll bis auf die Schultern hingen, und er hieß bei Menschen ein
_ehrwürdiger_ alter Mann, entweder weil er die Sonne lange gesehen hatte,
oder sie nicht mehr lange schauen sollte. -- Da will ich die Wahl haben!
meinte der lebenssatte Wecker, wenn die Leute demselben Glück zu dem
schönen Alter wünschten und ihn bewunderten -- wie den eingefallenen Thurm
zu Babel, und die vornehme Nase, die nach Damaskus -- geschaut hat, in
ihrer Jugend.
Nun, Großvater, sagte jetzt Christel, Ihr stellt Euch so ruhig und
schweigsam zu uns! Erzählt uns doch! Rathet uns doch!
Wer kommt denn eigentlich? frug Johannes; unsere große, ganz klein
gewordene Armee?
-- Unser Friedensstifter, Vermittler, Bundruthe unseres Rheinbundes, unser
allergroßmächtigster Kaiser und allezeit Mehrer des Reiches, auch wenn er
ein Stück von seinem Kaisermantel nach dem andern verliert? fragte Wecker.
Was sollen wir thun? frug Johannes; sollen wir hier bleiben, draußen? oder
hineingehen? Kochen, braten oder backen? Und was? Oder sollen wir Alles
stehen und liegen lassen, und ein ruhiges Land aufsuchen?
Kinder, sagte der Alte, heut zu Tage kann man immer auf das
Entgegengesetzte von dem gefaßt sein, was alle Menschen vermuthen und
glauben, selbst die Herren Potentaten. Alles kommt anders und besser, als
selbst der Freiestgesinnte und Beste denkt, und ganz etwas Neues! So kommen
auch jetzt unsere Feinde, die Kosaken, _vor_ unserer Armee, als ihre
Vorreiter, Voresser und Vortrinker. Aber, was Ihr thun sollt, meine Kinder?
-- Nichts! Wenn böse, gefährliche Zeiten kommen, muß Jeder schon das Seine
gethan haben: gelebt, gebaut, geheirathet, gesorgt, verdient und gespart.
Die böse Zeit tritt zum Menschengeschlecht als sein Richter, und spricht:
So wie du gelebt _hast_, so wird dir geschehen; mein Buch ist geschlossen,
deine Rechnung gezogen. Die sieben fetten Kühe müssen die sieben magern
übertragen. Wer die sieben fetten in's Haus geschlachtet hat, der kommt um!
-- Aber, sprach er mit Lächeln, ein ruhiges Land aufsuchen? -- Wo denn?
Jetzt nirgend. Wenn Erndte ist, ist überall Erndte, ein Paar Tage, ein Paar
Wochen später; aber Erndte ist gewiß, gute oder schlechte, wie und was
Jeder gesäet hat. Vielleicht hätten wir sollen mit den verständigen, freien
Würtembergern, den Rhein hinunter, nach Amerika ziehen. Wenn in einem Lande
Herbst wird, ziehen die Lerchen, die Schwalben und Störche von dannen, und
sind unverständige Vögel. Sie nisten über dem Meere nicht, aber der Mensch
baut sich an, und gedeiht überall wohl, wo nur die Erde ist, und nur die
Erde ist sein Vaterhaus und seine gute gleichnährende Mutter überall. Die
große Lehre hat uns Schmach und Schande gelehrt. Uns aber ließ man doch die
vorzüglichste Freiheit -- wegzuziehen, wenn es uns nicht unter dem neuen
Herrn des Landes gefiel; und nur die Freiheit des freien Abzugs mit Weib
und Kindern, kleinen und großen, zu jeder Zeit muß den Menschen bleiben,
wenn sie so durcheinander gewürfelt und hinüber und herüber verspielt und
gewonnen werden, wie bis jetzt anno 1813, als wenn die Unterthanen liebes
Vieh wären, und kein Herz hätten, und zu _Niemand ein Herz haben sollten_.
So wollte man, und _so_ ist den ihr Wille geschehen. Amen!
Amen! Amen! _In Ewigkeit!_ sprach Wecker fromm und gläubig dazu. Der Bauer
Adam Müller hat doch Recht gehabt! Es ist Krieg geworden, 1812, wie in dem
Briefe an den seligen Herrn von Borromäus stand! Vielleicht gehen nun auch
die unschätzbaren schlechten Zeiten an, die er verheißen, und worüber sich
das Landesväterchen so gefreut!
Die Unsrigen rücken aus Mainz dem Feinde entgegen, und wahrscheinlich
begegnen sie hier sich im Dorfe; sagte der Alte erst jetzt. Es kommt darauf
an, wer schneller reitet.
Mein Gott! stöhnte Christel. Wer hätte gedacht, daß man unter einer Festung
Napoleons nicht sicher wohnte!
Sogar er selber nicht mehr, sprach der Alte. Aber wenn Er sogar nicht mehr
sicher ist, so können alle Andern, die nicht solche Männer wie Er sind,
nicht ihren festen Sitz auf hundert Jahre verpachten, ohne daß der Pächter
nicht vor Ablauf der Pachtzeit -- stirbt.
Wecker schüttelte sich und sprach: Mir ist ordentlich als ginge Jemand mit
Geisterschritt in den Wolken, und warnte herab mit dem Finger, und spräche
große Lehren herab; und auf Erden liefen Teufel umher, und hielten den
großen Menschen die Ohren zu, und sprächen: Das da oben ist bloßes
Luftgebrause! Unsinn am Himmel! Wer nicht gehört hat, der darf nicht
folgen. Erlauben Sie also gnädigst, Ihre hochgeehrten Ohren mit dem
weichsten schadlosesten Wachs zu verkleben; es ist gelbes natürliches
Wachs, ohne allen Arsenik! Sehen Sie, ich verschlinge ein Stück davon. --
Und bei den Worten brach Wecker einen Krumen von Clementinens Brodchen, und
verschlang ihn im Eifer.
Der Lärm ist im Dorfe! sprach Christel bestürzt. Riegelt das Thor zu!
Da sprengen sie es ein! und werden erst wüthende Gäste! versetzte der
Greis.
-- Verbergt Euch!
Da holen sie uns hervor mit Flintenkolben und flachen Klingen.
-- Fliehen wir!
Da zünden sie das Haus an, oder richten uns Alles zu Grunde.
-- Kommt in das Haus!
Da kommen sie nach, und erbitterter! Das weiß ich als alter Soldat. Thut,
als kämt Ihr, sie zu begrüßen. Sagt, Ihr wartet auf sie. Laßt Alles offen!
Bleibt, wo Ihr seid; wir sind überall in Gottes Händen! Wer da denkt: Gott
hat ihn nur im Mutterleibe gebildet, und da das Leben gegeben; und nicht
glaubt, daß Gott ihn jeden Augenblick so wunderbar fort bildet, und seinen
Odem ihm leiht, der ist ein Blinder.
Das wollt' ich nur wissen! meinte Wecker.
Wißt, denkt, glaubt es doch auch, Ihr alle meine Lieben; fuhr der Alte
fort, während man kaum vor Geräusch und Geschrei und Geklirr und Gestampf
seine Stimme recht hörte. Wißt Ihr es auch. Die Rosse hat Er geschaffen,
die eisernen Spitzen sind aus seiner Erde, die Menschen sind aus seinem
Paradiese. --
Die Wuth aber ist vom Teufel! schloß Wecker.
Denn von den Feinden, die sich eben im Dorfe einnisten wollten, aber schon
wieder ihre Feinde: französische Infanterie, begegneten, kam ein Kosak in
den Hof gesprengt, der einen Franzosen verfolgte. Der Franzose lief in
einem Zickzack um die schönen Linden, die jetzt schon gelbe Blätter
verstreuten, auf das Haus zu. Alle sprangen nach dem Hause; Wecker mit
Gotthelf, Christel mit Sophiechen, Johannes mit Daniel, und der alte
Großvater Frommholz war mit dem kleinen Osternachtkinde, mit Clementinen,
die er auf dem Arme trug, der Letzte. Das Kind sah über die Achsel des
Großvaters nach dem weißen Pferde, und hielt sein Brodchen hoch und bereit,
es dem fremden Manne zu geben -- da verfehlte der Kosak mit der langen,
rothen, eschenen Lanze seinen Feind, der eine schnelle Wendung machte, und
sich platt mit seinem Gewehr auf die Erde warf, und die eiserne lange
Spitze der rothen Stange fuhr dicht über der Schulter des Großvaters mitten
in die kleine Brust des Kindes, und durch und durch, daß der alte Mann die
Spitze mit seinem rechten Auge erblickte; und er stand wie angewurzelt, wie
mit Feuer begossen von dem Gedanken, was da geschehen sei; und ohne Kraft,
das Schicksal der leichten, aber unglücksschweren Last zu tragen, sank er
auf seine Kniee; vor seinen Augen war gänzliche Nacht, und in der Nacht war
gänzliche Wüste; aber das Kind hielt er noch fest.