„Das macht nichts“, sagte sie. „Sie werden gleich genug Geld haben.“
Ich verstand das nicht und wollte mich aus dem Staube machen, weil ich
glaubte, es sei irgendeine Falle.
Nachdem ich gegessen und eine Flasche Wein vor mir stehen hatte, rief
das Mädchen plötzlich ganz laut durch die Schenke: „Meine Herren, hier
ist ein armer deutscher Seemann, der kein Schiff hat. Möchten Sie ihm
denn nicht etwas geben?“
Ich fühlte, daß ich totenbleich wurde, denn ich dachte jetzt, das sei
die Falle, und man wolle einen Spaß haben dadurch, daß man mir hier eine
Abreibung geben würde, die nicht von schlechten Eltern sei. Aber nichts
dieser Art geschah. Die Leute hörten nur alle auf zu reden und drehten
sich nach mir um. Einer stand auf, kam mit seinem Glas und stieß mit mir
an: „Auf Ihr Wohl, Deutscher!“ Er sagte nicht einmal „Boche“ dabei. Dann
nahm das Mädchen einen Teller und ging rund, und als sie den Teller dann
vor mir ausschüttete, zählte ich siebzehn Franken und einige sechzig
Centimes. Nun konnte ich mein Essen und meinen Wein gut bezahlen, und
als ich mit dem Kohler zwei Tage später wieder nach Barcelona fuhr,
hatte ich sogar noch etwas übrig von den Franken.
Ich glaube nicht daran, daß es irgendeine Feindschaft zwischen Völkern
gäbe, wenn sie nicht künstlich erzeugt und dann tüchtig geschürt würde.
Man sollte eigentlich meinen, daß Menschen vernünftiger seien als Hunde.
Hunde lassen sich manchmal gegen ihresgleichen hetzen, manchmal aber
auch nicht. Menschen dagegen lassen sich immer aufeinander hetzen und
das „Ksch-ksch“ braucht gar nicht einmal geschickt gemacht zu werden. Es
braucht nur überhaupt gemacht zu werden, da gehen sie auch schon
aufeinander los wie blödsinnig geworden ...
Verflucht nochmal, es beißt auch nicht ein einziges Luder an und die
Büchse Blutwurst ist gleich alle. Das kommt davon, wenn man döst und
seine Gedanken woanders hat, statt auf das Geschäft zu achten. Sobald
ich eine Portion beieinander habe, gehe ich raus, mache mir ein Feuer an
und brate die Fische an einem Stock. Es ist einmal etwas andres als die
immer in Öl gebackenen Fische.
Wieder nichts dran und die Wurst abgebissen. Wie lange sitze ich hier?
Sicher schon drei Stunden. Aber Fischen beruhigt die Nerven. Man hat
nicht das Gefühl, daß man seine Zeit verplempert. Es ist nützliche
Arbeit, die man verrichtet: man trägt seinen Teil zur Volksernährung
bei, denn wenn ich die Fische esse, die ich hier jetzt fange, brauche
ich nicht woanders die Nudelsuppe aufessen. Die kann dann gespart
werden, und am Ende des Jahres findet man die gesparte Nudelsuppe in
irgendeiner Statistik wieder, wo die Zeile, in der die gesparte
Nudelsuppe erwähnt ist, mehr kostet als alle weggeschütteten Suppen des
ganzen Landes zusammengenommen.
Ich könnte die Fische aber auch verkaufen gehen. Vielleicht kriege ich
soviel zusammen, daß ich zwei Peseta machen kann. Dann könnte ich wieder
einmal zwei Nächte in einem Bett schlafen.
Siehst du, mein Freundchen, da habe ich dich doch endlich erwischt. Du
bist es, der mir die ganze Blutwurst abgefressen hat. Schwer ist er ja
nicht. Ein halbes Kilo. Ich glaube, nicht ganz. Dreihundertfünfzig
Gramm. Da zappelst du aber schön. Ich kann das nachfühlen. Ich habe auch
schon verschiedene Male so gezappelt, wenn mich ein Cop am Kragen hatte.
Aber es hilft nichts, ich habe Appetit auf Fische.
Ja, das Wasser ist so schön kühl und die Sonne so schön warm. Hier hat
mich auch noch kein Cop am Kragen gehabt. Und ich weiß, wie es tut. Die
dreihundertfünfzig Gramm tun es auch nicht. Wenn du wenigstens ein Kilo
hättest. Und weil du doch angebissen hast und mir die Freude machtest,
mich hier nicht so vergeblich sitzen zu lassen, und weil ich liebe, frei
zu sein, viel mehr liebe, als satt zu essen zu haben, und weil die Sonne
lacht und das Wasser blaut, und weil du ein spanisches Fischlein bist:
Hoppla, wirst nicht erschossen, schwimm wieder lustig los und freue dich
deines munteren Lebens. Lauf nicht gleich einem andern ins Netz. Zieh ab
und grüß dein Mädel.
Da plätschert er und schwimmt er und lacht, daß ich es bis auf die Mauer
höre. Grüß’ dein Mädel! ... Ach schiet ...
„Sie sind mir aber auch ein Fischersmann“, sagt da jemand hinter mir.
Ich drehe mich um und sehe einen Zollbeamten stehen, der mir die ganze
Zeit zugesehen hat und jetzt laut lacht.
„Aber da sind doch mehr Fische drin, das Wasser ist ja nicht so klein“,
sage ich, während ich wieder Blutwurst an den Haken spieße.
„Sicher sind da mehr drin. Das war doch aber ein ganz guter dicker
Fisch.“
„Sicher war er das, er hatte ja meine ganze Büchse Blutwurst im Magen,
da soll er nicht dick sein.“
„Warum fischen Sie denn da überhaupt, wenn Sie so gute Fische wieder
hineinwerfen?“
„Damit, wenn mich heute abend jemand fragen sollte, was ich den ganzen
Tag getan habe, ich sagen kann, ich hätte gefischt.“
„Dann fischen Sie nur weiter“, sagt der Zollbeamte und geht.
Daß Fischen betätigte Philosophie ist, verstehen die wenigsten Menschen.
Es ist doch nicht des Habens wegen, daß man lebt, sondern des Wünschens,
des Wagens, des Spielens wegen, daß man lebt.
Da schon wieder einer. Hätte ich nur den vorigen nicht gehen lassen,
dann wäre nun schon bald eine Portion zusammen. Aber ich werde doch
keine Klassenunterschiede einführen. Den andern habe ich frei gelassen,
nun kann ich doch diesen nicht seiner Dummheit wegen zum Tode
verurteilen. Das heißt, Dummheit verdient eigentlich immer und überall
die Todesstrafe, vorläufig wird sie nur mit Sklaverei bestraft. Wenn ich
wüßte, ich bekäme noch drei solche wie du einer bist, dann müßtest du
hier dran glauben. Ich habe Appetit auf Fische. Aber du bist ein
köstliches kleines lebendiges Wunder, na, gehe schon wieder rein in das
weite Meer. Hoppla, Freiheit ist doch das Größte und Beste am Leben. Ja,
Teufel nochmal, soll ich euch denn allen hier die Hand geben? Schon habe
ich abermals einen in der Hand. Ich weiß genau, wenn ich dich jetzt hier
behalte, beißt kein einziger mehr an, weil sie dann alle wissen, sie
können sich auf mich nicht verlassen. Und mit dir allein kann ich nichts
anfangen. Es würde sich gar nicht lohnen, rauszugehen und ein Feuer
deinetwegen anzuzünden. Wie lange hat das liebe Leben an dir gebaut, um
dich zu dieser unwichtigen Größe zu bringen? Sechs Jahre, vielleicht
sieben. Nun soll ich dich in einer Sekunde mit einem Hieb töten und dein
Leben beenden? Zieh ab, freue dich des blauen Meeres und deiner
Gefährten. Da schwänzelt er lustig vondannen. Gelt, Bürschchen, du
weißt, was Freiheit wert ist, freue dich ihrer, schätze sie und sei
glücklich.
Das ist aber ein recht merkwürdiger Eimer, der da angeschwommen kommt
... Sie macht gerade los und kommt nicht gut ab. Sie schleppt und
schlittert und kratzt am Kai entlang. Offenbar will sie nicht raus, sie
ist wasserscheu. Aber ganz gewiß, man kann sich drauf verlassen, es gibt
auch wasserscheue Schiffe, yes, Sir. Das ist überhaupt der Fehler, der
so oft gemacht wird, daß man den Schiffen die Persönlichkeit abstreitet.
Die haben ihre Persönlichkeit, ihre Launen genau so gut wie ein Mensch.
Diese alte Tante hier hatte eine Persönlichkeit. Das sah ich auf den
ersten Hieb. Mit der war nicht gut Salz lecken.
19
Manches Schiff habe ich gefahren, das wissen die Götter. Und tausend
Schiffe habe ich gesehen, das glaubt mir Thomas. Aber nie vorher habe
ich ein Schiff gesehen, das diesem gleich gewesen wäre. Der ganze
Rahmen, um damit gleich zu beginnen, war nicht nur ein guter Spaß, nein,
der war eine Unmöglichkeit. Wenn man diesen Eimer ansah, zweifelte man,
daß sie je auf dem Wasser schwimmen könnte. Viel eher schon glaubte man,
daß sie ein gutes Transportmittel durch die Wüste Sahara sein müsse und
mit Leichtigkeit die besten Kamele schlagen könnte. Ihre Form war weder
modern noch mittelalterlich. Es wäre ein ganz vergebliches Bemühen
gewesen, sie in irgendeine Periode der Schiffsbaukunst einzureihen. Am
Bug trug sie den Namen „Yorikke“. Aber der Name war so dünn und so
verwaschen, als ob sie sich schämte, so zu heißen. Achtern sollte der
Seevorschrift gemäß ihr Heimatsort zu lesen sein. Aber wo sie her war,
das wollte sie niemand verraten, wahrscheinlich schämte sie sich auch
ihres Wohnortes. Auch ihre Nationalität hielt sie streng geheim,
offenbar war ihr Paß nicht ganz in Ordnung. Jedenfalls war die
Nationalitätsflagge, die auf dem Flaggenstock am Stern auswehte, so
bleich, daß sie für jede Farbe aufnahmefähig war. Außerdem war die
Flagge ganz ausgefranst, als ob sie in allen Seeschlachten der letzten
viertausend Jahre den kämpfenden Flotten vorangeweht hätte.
Welche Farbe ihr Kleid hatte, konnte ich nicht ergründen, obgleich das
ja in mein Spezialfach schlug. Allem Anschein nach zu urteilen, war das
Röckchen einmal, in einer fern zurückliegenden Zeit, schneeweiß gewesen,
weiß wie die Unschuld eines neugeborenen Kindleins. Aber das muß sehr
lange her sein, das muß gewesen sein in dem Jahr, als sich Abraham mit
der Sarah verlobte in Ur in Chaldäa. Die Kanten der Reeling waren einmal
grün gewesen. Auch das war lange, lange her. Seit jenen fernen Tagen
hatte die Yorikke einige hundert neue Anstriche erlebt, wie es ja dem
Laufe der Zeiten entsprach. Aber die Deckarbeiter hatten sich nie die
Mühe gemacht, die alte Farbe abzuklopfen. Wahrscheinlich war ihnen das
untersagt worden. Jedenfalls war der neue Anstrich immer wieder auf den
alten gekommen, dadurch hatte die Yorikke nun einen Umfang erhalten, der
sie doppelt so groß erscheinen ließ, als sie in Wirklichkeit war. Hätte
man sich die Arbeit gemacht, die einzelnen Anstriche sorgfältig
abzupellen, dann hätte man genau feststellen können, welche Art von
Farbe jedes einzelne Jahrhundert verwandte.
Selbstverständlich, um nicht der Übertreibung angeschuldigt zu werden,
hätte man die Farbe nicht nur an dem Außenkleid abpellen dürfen, wo die
Yorikke verhältnismäßig noch am jüngsten war, weil man sie ab und zu in
ein Verschönerungsinstitut geschickt hatte. Nein, man hätte die Farbe an
allen Teilen des Schiffes, insbesondere also an den Inneneinrichtungen
abziehen müssen, um zu erfahren, in welchen Farben die große Festhalle
Nebukadnezars gehalten war, worüber wir ja heute noch im unklaren sind,
was uns sehr viele Sorgen bereitet.
Das Kleid sah zum Höllenerbarmen niederträchtig aus. Da waren große
Flächen, wo die Deckarbeiter es mit einem schönen saftigen
Bolschewistenrot versucht hatten. Dann aber schien der Eigentümer oder
der Kapitän diese Farbe nicht zu lieben, und man malte weiter mit
Adelsblau. Das Rot hatte Geld gekostet, und man ließ es ruhig stehen,
Anstrich war Anstrich, und dem fressenden Salzwasser ist es
gleichgültig, ob es Bolschewistenrot oder Freiheitsgrün zu fressen hat,
die Hauptsache ist, daß Wind und Wogen etwas zu fressen kriegen, sonst
fressen sie das Schiff. Der nächste Besitzer wieder dachte, daß ein
schwarzes Schiff schöner sei und ein fettes Schwarz die mißtrauischen
Augen der Versicherungsgesellschaften besser verkleistern möchte als
irgendeine andre Farbe. Aber nie wagte jemand sich so hoch in die Kosten
zu versteigen, daß er das, was einmal gestrichen war, mit der neuen
Farbe überstrichen hätte, um dem ganzen Kleid eine einheitliche Nuance
zu geben. Nur keine überflüssigen Ausgaben, es war ja ein – halt, das
will ich noch nicht sagen, denn ich weiß es noch nicht. Aber ein alter
Salzwasserfisch riecht frühzeitig, und ich bin ein alter
Salzwasserfisch, wenn es aufs Riechen ankommt.
Wenn nun Yorikke auf Fahrt war oder in einem Hafen lag, reichte die
Farbe nicht mehr, und es wurde mit den Farben weitergemalt, die gerade
noch da waren. Der Skipper schrieb nur immer an: „Farbe gekauft. Farbe
gekauft. Farbe gekauft.“ Niemand kann von seinem Lohn allein leben. Aber
die Farbe wurde nicht gekauft, sondern alles, was da war, wurde
aufgebraucht, ob es braun, grün, violett, zinnober, gelb oder orange
war.
Also so sah die Yorikke von draußen aus. Mir wäre vor Schreck bald die
Angelschnur aus der Hand geflitscht, als ich dieses Meerungeheuer zum
ersten Male sah.
Das kommt aber davon, wenn man den Deckarbeitern im Hafen keinen
Tagesurlaub gibt, aus lauter Geiz. Der Erste Offizier weiß nicht, was er
mit ihnen machen soll, und dann müssen sie anstreichen von morgens um
sieben bis nachmittags um fünf, streichen, streichen, streichen, solange
noch ein Pinselstiel auf der Welt ist und noch eine alte Blechbüchse an
den Rändern eine Schicht verdickter und verkrusteter Farbe hat.
Nun müssen die Deckarbeiter beim Streichen draußen an der Bordwand
hängen an Tauen, oder sie sitzen auf schmalen Brettern, die an Tauen
heruntergelassen werden. Kommt es nun vor, daß der ganze Kasten
plötzlich einen gehörigen Schubs kriegt, sei es durch eine unerwartete
große Welle oder durch das Aufrühren eines großen vorbeifahrenden
Rieseneimers, oder weil beim Gezeitwechsel den Fangtauen nicht richtig
nachgegeben wurde, dann fliegt der Anstreicher mit seiner Todesschaukel
los von der Bordwand. Weil er nun lieber sein Leben retten will als den
Farbeimer, so geht natürlich der Farbeimer über Stag und die bunte Tunke
läuft an der Bordwand herunter. Der Eimer ist zwar gerettet und der Mann
auch, der Eimer hing an einem Tau und der Mann angelte noch rechtzeitig
ein Tau. Aber die Farbe! Aber die Farbe! An der Yorikke konnte man außer
den verschiedenen Farbversuchen noch ganz genau alle Püffe nachzählen,
die das gute Schifflein während des Anstreichens in den letzten zehn
Jahren erlebt hatte. Diese Farbenergüsse zu überstreichen, wäre
Verschwendung gewesen. Es war Farbe, und der Zweck, mit Farbe die
mancherlei Schönheitsfehler der Yorikke zartfühlend zu verdecken, war ja
durch den Puff erfüllt worden. An und für sich war es schon teuer genug,
weil ja nicht alle Farbe bei dieser Gelegenheit auf der Yorikke blieb,
sondern ein Teil im Meer verschwand und der andre Teil auf den Hosen des
Deckarbeiters hängen blieb, wo er ganz überflüssig war. Mit diesen
angestrichenen Hosen, die man jetzt hinstellen kann, ohne daß sie
umfallen, ist das Ereignis keineswegs beendet. Nun kommt erst noch die
Auseinandersetzung mit dem Ersten Offizier, der die Meinung vertritt,
daß die Farbe wertvoller sei als der Mann, und statt an sein unwichtiges
Leben zu denken, hätte er zuerst an die wertvolle Farbe denken sollen.
Deckarbeiter kann er auf dem Straßenpflaster auflesen oder unter dem
Galgen wegholen, aber Farbe kostet Geld, und der Skipper wird ihm einen
Mordsspektakel machen, weil er nun wieder nicht mit dem Farbenbuch und
mit der Rubrik „Farbe gekauft“ zurechtkommt. Häufig endet dieses
Gespräch, nachdem die üblichen Fluchkanonaden alle Munition verschossen
haben, damit, daß der gerettete Deckarbeiter sich seinen Lohn geben
läßt, den Sack vollpfropft, über die Planke geht und dem Schiff
Großfeuer in den Kohlenbunkern wünscht, wenn es fünfzehnhundert Meilen
„off the coast“ ist. Einen verrückten Menschen erkennt man oft schon am
Äußern, am Aussehen seines Gesichts, an der Zusammenstellung seiner
Kleidung. Je verrückter er ist, um so auffallender wird sein Aussehen
sein. Man konnte nicht gut sagen, daß die Yorikke einem vernünftigen
Schiffe, einem geistig normalen Schiffe gleich oder auch nur ähnlich
gesehen hätte. Das wäre eine Beleidigung für alle andern Schiffe der
sieben Meere gewesen. Ihr Aussehen stimmte so vortrefflich mit ihrem
Geist, mit ihrer Seele, mit ihrem Wesen und mit ihrem Betragen überein,
daß man an der geistigen Gesundheit der Yorikke mit Recht zweifeln
mußte. Es war ja nicht nur das äußere Kleid, nicht nur die Farbe. Alles,
was man von dem Boote sehen konnte, stand in vollem, ungetrübtem
Gleichklang mit der Haut und dem Gesicht. Die Lademasten standen wie
dürre Äste fuchtelnd in der Luft. Wenn durch den Schornstein der Länge
nach eine Kugel geschossen worden wäre, auch wenn es nur eine
Revolverkugel gewesen wäre, sie wäre nie am andern Ende herausgekommen.
Aber Rauch geht je auch um Ecken, andernfalls hätte die Yorikke nie
rauchen können. Aus dem Schornstein jedenfalls nicht. Wie die Brücke mit
dem übrigen Schiff in Verbindung stand, konnte ich nicht herausfinden.
Es sah so aus, daß, wenn das Schiff abfuhr, es nach einer Stunde wieder
umkehren mußte, um die Kommandobrücke abzuholen, die im Hafen
zurückgeblieben war; denn der Skipper hätte es von seinem Standort aus
nicht bemerken können, daß das Schiff schon eine Stunde unterwegs war,
und nur wenn der Steward auf die Brücke gegangen wäre, um dem Skipper zu
sagen, daß sein Essen in der Messe sei, hätte man herausgefunden, daß
die Brücke mit dem Skipper drauf nicht mitgekommen war, sondern irgendwo
im letzten Hafen schwebte oder festgeklemmt war.
Als ich nun da auf der Mauer saß, so emsig mit Fischefangen beschäftigt,
und ich sah die Yorikke, da lachte ich, da lachte ich so laut und so
ungeheuerlich, daß die gute Yorikke einen Schreck bekam und um eine
halbe Schiffslänge zurückglitt. Sie wollte nicht raus ins Wasser und
wollte nicht. Sie kratzte und schrammte am Kai, daß es einen Hund
jammern konnte und man Mitleid bekam mit dem beklagenswerten Tantchen,
das da wieder hinausgetrieben werden sollte in die grausame Welt wilder
Mächte und Elemente.
Aber niemand empfand Mitleid mit ihr.
Ich hörte das Knarren und Quietschen der Wintschen und das Hin- und
Herlaufen und wußte, die werden jetzt das Tantchen gründlich vermöbeln
und bös einheizen, und dann muß sie eben doch hopsen. Was kann
schließlich ein alleinstehendes Mädchen gegen so viele rauhe Fäuste auf
die Dauer machen? Sie kann kratzen und beißen, aber sie muß hervor
hinter dem Zaun und muß mit zum Tanz gehen, ob ihr danach zumute ist
oder nicht. Wenn so ein sprödes Dämchen erst einmal die Musik hört, dann
ist sie die Tollste von allen. So war es sicher auch mit der Yorikke.
Erst mal glücklich drin im Wasser, dann würde sie rennen wie ein junger
Teufel, um nur schnell wieder in einem andern Hafen zu sein, wo sie sich
ausruhen kann und von vergangenen Zeiten träumen, als man sie nicht so
herumjagte wie in diesen hastigen Tagen. Sie ist doch schließlich keine
Junge mehr und schon ein wenig schwer auf den Beinen. Wäre sie nicht so
dick angezogen, würde sie sicher auch noch frieren in dem kalten Wasser,
denn das Blut rennt nicht mehr so frisch durch die Adern wie damals als
sie den Begrüßungsfestlichkeiten zusah, die von Cleopatra zu Ehren
Antonius’ veranstaltet wurden.
20
Nach dem Aussehen eines Schiffes kann man genau die Beköstigung und die
Behandlung der Mannschaft beurteilen, sobald man erst einmal eine Weile
Salzwasser gerochen hat. Da bildet sich manch einer ernsthaft ein, daß
er vom Meere, von Schiffen und Seeleuten etwas verstünde, wenn er ein
dutzendmal auf einem Passagierschiff, vielleicht sogar Staatskabine,
über Ozeane gefahren ist. Aber ein Fahrgast lernt weder etwas vom Meer,
noch etwas von einem Schiff und noch viel weniger etwas vom Leben der
Mannschaft. Die Stewards sind keine Mannschaft, und die Offiziere sind
auch keine Mannschaft. Die einen sind nur Kellner und Hausdiener, und
die andern sind nur Beamte mit Pensionsberechtigung.
Der Skipper kommandiert das Schiff, aber er kennt es nicht. Wer auf dem
Kamel reitet und den Ort angibt, wo er hinreiten will, weiß nichts von
dem Kamel. Der Kameltreiber allein kennt das Kamel, zu ihm spricht das
Kamel, und er spricht zu dem Kamel. Er allein kennt seine Sorgen und
seine Schwächen und seine Wünsche.
So ist es auch mit einem Schiff. Der Skipper ist der Kommandant, der
Vorgesetzte, der immer anders will, als das Schiff will. Ihn haßt das
Schiff, wie alle Vorgesetzte und Kommandanten gehaßt werden. Wenn
Kommandanten wirklich einmal geliebt werden, oder es wird gesagt, daß
sie geliebt seien, so werden sie nur darum geliebt, weil man so am
besten mit ihnen und mit ihren Schrullen zurechtkommt.
Aber die Mannschaft ist es, die das Schiff liebt. Die Mannschaft sind
die echten und wahren Kameraden des Schiffes. Sie putzen an dem Schiff
herum, sie streicheln es, sie kosen es, sie küssen es. Die Mannschaft
hat häufig kein andres Heim als das Schiff; der Kommandant hat ein
schönes Haus irgendwo auf dem Lande, er hat seine Frau, er hat seine
Kinder. Es haben auch manche Seeleute eine Frau oder Kinder, aber ihre
Arbeit mit dem Schiff und auf dem Schiff ist so hart und ermüdend, daß
sie nur an das Schiff denken können und die Familie daheim ganz
vergessen, weil sie keine Zeit haben, an Hause zu denken. Denn wenn sie
anfangen wollen, an das Zuhause zu denken, dann beginnen sie gleich zu
schlafen, weil sie zu müde sind.
Das Schiff weiß ganz genau, daß es keinen Schritt gehen könnte, wenn die
Mannschaft nicht wäre. Ohne Skipper kann ein Schiff laufen, ohne
Mannschaft nicht. Der Skipper könnte nicht mal dem Schiff etwas zu essen
geben, weil er nicht versteht, wie er aufschmeißen muß, damit die Feuer
nicht ausgehen und doch die meiste Hitze geben, ohne Verdauungsstörungen
zu erzeugen.
Mit der Mannschaft spricht das Schiff, mit dem Skipper und den
Offizieren nie. Der Mannschaft erzählt das Schiff Märchen und
wunderschöne Geschichten. Alle meine Seegeschichten haben mir die
Schiffe erzählt und keine Menschen. Das Schiff läßt sich auch gern etwas
erzählen von der Mannschaft. Ich habe gehört, daß Schiffe lachten und
kicherten, wenn die Mannschaft Sonntag nachmittags auf Deck saß und sich
Witze erzählte. Ich habe Schiffe weinen sehen, wenn traurige Geschichten
erzählt wurden. Und ich habe ein Schiff bitterlich schluchzen hören,
weil es wußte, daß es auf der nächsten Fahrt untergehen würde. Es kam
auch nie wieder und stand später bei Lloyds auf der Liste „Verschollen“.
Das Schiff ist immer auf seiten der Mannschaft, nie auf seiten des
Skippers. Der Skipper arbeitet nicht für das Schiff, er arbeitet für die
Kompanie. Die Mannschaft weiß häufig gar nicht, zu welcher Kompanie das
Schiff gehört; sie macht sich keine Gedanken darüber. Sie kümmert sich
nur darum, was das Schiff selbst angeht. Wenn die Mannschaft unzufrieden
ist oder rebelliert, rebelliert das Schiff sofort mit. Streikbrecher
haßt das Schiff mehr als den Boden des Meeres; und ich habe ein Schiff
gekannt, das mit einer ganzen Horde von Streikbrechern auf der ersten
Ausfahrt, beinahe noch in Sicht der Küste, glatt auf den Boden ging.
Keiner kam mehr zurück. Es ging lieber selber unter, als von
Streikbrechern begrapscht zu werden. Yes, Sir.
Wird die Mannschaft schlecht beköstigt oder schlecht behandelt, das
Schiff nimmt sofort Partei für die Mannschaft und schreit in jedem Hafen
die Wahrheit so laut hinaus, daß sich der Skipper die Ohren zuhalten muß
und oft genug eine Hafenkommission aus dem Schlafe gescheucht wird und
nicht eher Ruhe findet, bis sie eine Untersuchung angestellt hat. Ich
glaube sicher, daß man mich für ein ganz verfressenes Subjekt hält. Aber
für den Seemann ist ja das einzige, womit er sich außer seiner
Beschäftigung mit dem Schiff befassen kann, das Essen. Andre Freuden hat
er nicht, und hart arbeiten verursacht einen gesunden Hunger. Das Essen
ist ein wichtiger Bestandteil seines Lohnes.
Auf der Yorikke aber, wie sie auch laut genug hinausschrie, wurde der
elendeste Fraß für die Mannschaft gegeben, den eine geizige Kompanie und
ein Skipper, der auf Nebenverdienste sehen mußte, nur herstellen konnte,
um die Mannschaft eben gerade noch am Leben zu erhalten. Wie der Skipper
selbst beschaffen war, verriet Yorikke jedem, der die Sprache eines
Schiffes verstand. Er trank gern, aber nur gute Tropfen; er aß gern,
aber nur gute Dinge; er stahl, wo er nur stehlen konnte; er machte
Nebengeschäfte, mit wem er nur konnte und auf wessen Kosten er nur
konnte. Im übrigen war ihm alles sehr gleichgültig, und er belästigte
die Mannschaft persönlich nur wenig. Er belästigte sie auf dem Umwege
über die Offiziere und die Ingenieure. Die Ingenieure hätten auf
Schiffen, die nicht verrückt waren, sondern normal, nicht einmal als
Öler arbeiten können.
Wie war es nur möglich, daß Yorikke eine Mannschaft bekam und eine
Mannschaft halten konnte? Wie war es möglich, daß sie aus einem
spanischen Hafen, aus diesem gesegneten Lande des Sonnenscheins und der
Freiheit, ausfahren konnte mit voller Mannschaft? Da war ein Geheimnis
verborgen. Sie war doch nicht etwa gar ein –?
Aber vielleicht doch. Vielleicht war sie doch ein Totenschiff. Da! Da
ist es endlich heraus. Ein Totenschiff. Verflucht nochmal, o
Sperlingsschwänze und Fischflossen! Jawohl, sie ist ein Totenschiff.
Aber daß ich das nicht gleich auf den ersten Hieb gemerkt habe. Ich habe
eben gedöst.
Richtig, da ist kein Zweifel mehr.
Aber da war wieder etwas andres herum, daß sie es auch nicht sein
mochte. Da ist ein Geheimnis dahinter. Mich soll doch gleich ein Eisbär
am Hintern kratzen, wenn ich das nicht rauskriege, was mit dem Eimer los
ist.
Sie hatte sich nun doch endlich entschlossen zu gehen, freiwillig und
gutwillig zu gehen. Ich hatte sie unterschätzt. Sie war wasserscheu aus
guten Gründen. Der Skipper war ein Esel, yes, Sir. Yorikke war viel
klüger als ihr Kapitän. Sie brauchte überhaupt keinen Kapitän, das sah
ich jetzt. Sie war wie ein gutes altes Rassepferd, das man allein gehen
lassen muß, wenn es den richtigen Weg gehen soll. Ein Kapitän braucht
nur ein unterstempeltes und unterschriebenes Zeugnis vorzulegen, daß er
ein Examen bestanden hat, und gleich wird ihm ein Eimer anvertraut und
noch dazu ein so delikater wie die Yorikke einer ist. Gebt einem
erfahrenen Deckarbeiter den Lohn, den der Skipper bekommt, und er wird
einen Eimer wie die Yorikke besser über den Froschteich bringen als ein
konzessionierter Kapitän, der nichts weiter tut, als den ganzen Tag
herumzulaufen und darüber nachzudenken, wie und wo er die Kost für die
Mannschaft noch etwas mehr beschneiden könnte, um für die Kompanie und
für seine Tasche noch einen Nickel mehr herauszuschinden.
Strömung und Wind waren gegen Yorikke auf dem Wege, den zu gehen der
Skipper sie zu zwingen suchte. Ein so delikates Weibchen darf man nicht
zwingen, wie und wohin sie gehen soll, dabei kann sie nur auf Abwege
geraten. Der Lotse war nicht zu tadeln. Der Lotse kennt seinen Hafen
gut, aber er kennt nicht das Schiff. Dieser Skipper aber kannte das
Schiff noch viel weniger.
Sie kroch quietschend an dem Kai entlang, und ich mußte jetzt die Beine
hochziehen, sonst hätte sie die mitgenommen. Und so sehr versessen
darauf, meine Beine nach Marokko zu schicken, während ich in Cadiz
blieb, war ich denn doch nicht.
Achtern strampelte sie mit der Quirlflosse, und hier an den Seiten
spuckte und pißte sie wie besessen, als ob sie wer weiß wieviel gesoffen
hätte, und als ob sie es wer weiß wie schwer hätte, auf den Weg zu
kommen, ohne die Laternenpfähle mitzunehmen.
Endlich glückte es dem Skipper, vom Kai klarzukommen. Aber ich war
überzeugt, daß es Yorikke war, die einsah, daß sie sich nun um sich
selber zu bekümmern habe, wenn sie mit heiler Haut davonkommen wollte.
Vielleicht auch wollte sie ihrem Eigentümer ein paar Eimer Farbe sparen.
Je näher sie kam, desto unerträglicher wurde ihr Aussehen. Und es kam
mir der Gedanke, wenn jetzt der Henker hinter mir her wäre mit der
offnen Schlinge, und ich könnte ihm entwischen allein nur dadurch, daß
ich auf der Yorikke anmustere, ich würde die Schlinge vorziehen und zu
dem Henker sagen: „Lieber Freund, nehmen Sie mich und machen Sie ja
recht rasch, damit ich vor dieser Nagelkiste bewahrt bleibe.“ Denn jetzt
sah ich etwas, das schlimmer war als alles, was ich je in dieser
Hinsicht erblickt habe.
21
Auf dem Vordeck standen die Mannschaften, die auf Freiwache waren, und
guckten über die Reeling hinunter auf den Kai, um ja noch mit ihren
Augen alles an fester Erde auf die lange Fahrt mitzunehmen, was sie in
diesen letzten Momenten erhaschen konnten. Ich habe verlumpte,
abgerissene, verkommene, verdreckte, verlauste und verschwärte Seeleute
genug in meinem Leben und in asiatischen und südamerikanischen Häfen in
überreicher Vollkommenheit gesehen, aber solche Mannschaft und noch dazu
eine, die nicht von einem Schiffbruch nach tagelangem Herumirren auf
eine Küste geworfen wird, sondern die sich auf einem hinausfahrenden
Dampfer befindet, je gesehen zu haben, konnte ich mich nicht erinnern.
Daß so etwas denkbar wäre, hätte ich nicht für möglich gehalten. Ich sah
gewiß nicht elegant aus, und wenn ich ehrlich sein soll, ich war dem
Abgerissensein viel näher als dem Nichtzerlumptsein. Doch dieser
Mannschaft gegenüber sah ich aus wie der Scheik eines Chormädchens der
Ziegfeld-Follies in New York. Das war kein Totenschiff. Gott mag mir die
Sünde vergeben. Das waren ja Seeräuber vor ihrer ersten Beute; Piraten,
die seit sechs Monaten von den Kriegsschiffen aller Nationen verfolgt
werden; Buccaneers, die so tief gesunken sind, daß sie keinen andern
Ausweg mehr sehen, als chinesische Gemüse-Dschunken auf dem Meer zu
überfallen und auszurauben.
Heilige Seeschlange, waren die zerlumpt, waren die dreckig! Einer hatte
keine Mütze auf, weil er weder Hut noch Mütze besaß, sondern hatte ein
Stück von einem grünen Unterrock wie einen Turban um den Kopf gewickelt.
Ein andrer hatte, meine Herren! nein, Sie werden es nicht glauben, aber
ich will doch gleich auf einem Auslegerboot als Kesselheizer angemustert
werden, wenn es nicht wahr ist, einer hatte sogar einen Zylinderhut auf.
Stellen Sie sich das vor, ein Seemann mit einem Zylinderhut. Hat die
Welt so etwas je erlebt? Vielleicht war er die letzte halbe Stunde vor
der Ausfahrt noch Schornsteinfeger gewesen. Oder er hatte hier auf dem
Eimer den Schornstein gefegt. Vielleicht war das eine besondere
Anordnung auf der Yorikke, daß der Schornstein nur im Zylinderhut gefegt
werden darf. Ähnliche merkwürdige Anordnungen habe ich auf Schiffen
erlebt. Aber die Yorikke gehörte nicht zu jenen Schiffen, wo man
merkwürdige Anordnungen einführte; die Yorikke war ein Schiff, wo man
mit den Anordnungen, die tausend Jahre alt sind, genug zu tun hat, um
den Eimer in Gang zu halten. Nein, dieser Zylinder war nur darum im
Gebrauch, weil der Mann keine andre Kopfbedeckung hatte, und wenn er sie
gehabt hätte, offenbar Geschmack genug besaß, daß er zu der Frackweste,
die er auf dem Leibe trug, nicht gut eine Tellermütze aufsetzen konnte.
Es schien gar nicht so unmöglich zu sein, daß er von seiner eignen
Hochzeit entsprungen war in jenem verhängnisvollen Augenblick, als es
anfing, ernst zu werden. Und weil er keinen andern Zufluchtsort vor den
Megären fand, er in seiner letzten Not die Yorikke erwischte, wo man ihn
mit offnen Armen willkommen hieß. Hier suchte ihn keine der Megären,
sicher nicht einen, der in Frack und Zylinder der Braut die Hacken
zeigte.
Hätte ich gewußt, daß sie wirklich Seeräuber wären, ich hätte sie
angefleht, mich mitzunehmen zu Ruhm und Gold. Aber wenn man kein
Unterseeboot hat, ist Seeräuberei heute nicht mehr lohnend genug.
Nein, da es keine Seeräuber sind, dann schon lieber den Henker, als hier
gezwungen sein, die Yorikke zu fahren. Das Schiff, das mich von dem
sonnigen Spanien fortlocken kann, das muß schon eins sein, doppelt so
gut wie die Tuscaloosa. Ach, wie lang ist das her. Ob sie noch in New
Orleans zu Hause ist? New Orleans, Jackson Square, Levee und ach – na,
wollen wir mal wieder Blutwurst aufspießen; sobald der bunte Eimer
vorüber ist, werden wir ja vielleicht noch einen Zweipfünder machen.
Wenn nicht, ist es auch gut; dann wollen wir mal sehen, was die
Nudelsuppe macht, oder was es drüben auf dem Holländer zum Abendessen
gibt.
Wie eine Schnecke, die sich überfressen hat, sich aber gleichzeitig
trainieren muß für das nächste Schneckenwettlaufen, so zog Yorikke
vorüber.
Als die Köpfe der Buschräuber gerade über mir waren, rief einer von
ihnen herunter zu mir: „Hey, ain’t ye sailor?“
„Yesser.“
„Want a dschop?“ Auf sein Englisch braucht er sich nichts einzubilden,
aber für enge Familienverhältnisse reicht es aus.
Ob ich Arbeit haben will.
Ei, orgelspielender Grizzlybär, der wird das doch nicht etwa ernst
meinen?
Ob ich Arbeit haben will?
Nun bin ich verloren. Da ist diese Frage, die ich mehr gefürchtet hatte
als die Posaune des Erzengels Michael am Auferstehungstage. Es ist doch
üblich, daß man selbst um Arbeit nachfragen gehen muß. Das ist doch
ewiges unveränderliches Gesetz, solange es nun schon Arbeiter gibt. Und
ich bin nie fragen gegangen, immer aus Angst, es hätte einmal jemand ja
sagen können.
Wie alle Seeleute bin ich abergläubisch. Auf dem Schiff und auf dem Meer
ist man auf Zufälle und also auch auf Aberglauben angewiesen, sonst
hielte man es nicht aus und würde verrückt. Und dieser Aberglaube ist
es, der mich zwingt, ja zu sagen, wenn mich jemand fragt, ob ich Arbeit
haben will. Denn würde ich nein sagen, so würde ich mein Glück
verschwören, würde nie wieder im Leben ein Schiff bekommen und am
allerwenigsten bekommen, wenn ich es so bitter notwendig brauchte.
Manchmal glückt das Erzählen einer Geschichte, aber manchmal glückt es
nicht, und der Mann brüllt „Polizei! Betrüger!“ Wenn man dann nicht
schnell ein Schiff zur Hand hat, glaubt die Polizei jenem Manne, der
keinen Spaß versteht und keine Ideen hat.
Dieser Aberglaube hat mir schon manchen bösen Streich gespielt und mir
Beschäftigungen auf den Hals gebracht, von denen ich nie geglaubt hätte,
daß solche überhaupt in der Welt vorhanden seien. Er war die Ursache,
daß ich Totengräbergehilfe in Guayaquil in Ecuador wurde, und daß ich
auf einem Jahrmarkte in Irland mit meinen eignen Händen helfen mußte,
das Kreuz, an dem unser Herr und Heiland Jesus Christus seinen letzten
irdischen Seufzer aushauchte, splitterweise zu verkaufen. Jeder Splitter
kostete eine halbe Krone, und das Vergrößerungsglas, das die Leute dazu
kaufen mußten, um den Splitter auch zu sehen, kostete eine andre halbe
Krone. Zu solcher Beschäftigung, die mir zweifellos nicht gut
angeschrieben werden wird, kommt man aber, wenn man abergläubisch ist.
Seitdem mir das in Irland zugestoßen ist, habe ich auch nichts mehr drum
gegeben, ein braver und guter Mensch zu bleiben, denn ich wußte, daß ich
nun alles Zukünftige verspielt hatte. Es war ja nicht, daß ich die
Splitter hatte verkaufen helfen. Nein, das war nicht so schlimm, das
wäre mir vielleicht gar als ein Verdienst angerechnet worden. Viel
schlimmer war, daß ich auch geholfen hatte, mit dem Geschäftsinhaber in
einem Hotelzimmer die Splitter aus einem alten Kistendeckel
anzufertigen. Aber auch das wäre noch nicht so unverzeihlich gewesen,
wenn ich nur nicht vor den Leuten meine Seele verschworen hätte, daß ich
die Splitter selbst aus Palästina mitgebracht hätte, wo sie mir ein
alter, zum Christentum bekehrter Araber, in dessen Familienbesitz die
Splitter seit achtzehnhundert Jahren gewesen waren, anvertraut hätte mit
der feierlichen Versicherung, daß ihm Gott im Traume erschienen sei und
ihm anbefohlen habe, diese Splitter nur nach Irland und sonst nirgend
woanders hin gelangen zu lassen. Die in arabischen Zeichen geschriebenen
Dokumente konnten wir vorweisen und auch eine Übersetzung in Englisch,
aus der hervorging, daß in dem Dokumente wirklich das drin stünde, was
wir auf dem Jahrmarkte erzählten. Solche Streiche kann einem der
Aberglaube spielen, yes, Sir.
Hätten wir das eingenommene Geld wenigstens an ein Kloster oder an den
Papst abgeschickt, dann wäre es ja auch nicht so schlimm gewesen und ich
hätte Hoffnung, daß mir vergeben würde. Aber wir verbrauchten das Geld
für uns, und ich war sehr bedacht darauf, daß ich auch meine richtigen
Prozente und Tantiemen bekam. Aber ich war keineswegs ein Betrüger, ich
war nur ein Opfer des Aberglaubens, meines Aberglaubens. Denn die guten
Leute glaubten mir, die waren nicht abergläubisch.
22
So war es ganz natürlich, daß, als ich gefragt wurde, ob ich Arbeit
haben wollte, ich ja sagte. Ich war innerlich gezwungen, ja zu sagen,
und ich konnte diesem Zwange nicht entweichen. Ich bin sicher, daß ich
bleich wurde vor Todesangst, auf diesen Eimer zu müssen.
„A. B.?“ fragte der Mann.
Glück zu, da war die Rettung. Die brauchten einen A. B., und ich war
kein A. B. Ich hütete mich weislich, nun zu sagen: „Plain“, denn im
Notfalle kann ein Deckarbeiter auch am Rade stehen, besonders wenn das
Wetter ruhig ist und keine großen Kursveränderungen sind.