„Mit welchem Schiff?“
„Mit – mit – mit der George Washington.“
„Wann?“
„Das weiß ich so genau nicht mehr.“
„So? Also mit der George Washington sind Sie gekommen. Das ist eine
recht mysteriöse George Washington. Die ist unsers Wissens nie in
Rotterdam gewesen.“
„Dafür kann ich nichts. Ich bin für das Schiff nicht verantwortlich.“
„Sie haben also gar kein Papier, gar keinen Ausweis. Nichts. Rein gar
nichts, womit Sie beweisen können, daß Sie Amerikaner sind?“
„Nein. Aber mein Konsul ...“
Ich schien gute Witze zu machen. Wieder setzte ein Höllengelächter ein.
„I–h–r Konsul.“
Das Ihr zog er so lang, als ob es für ein halbes Jahr reichen sollte.
„Sie haben doch keine Papiere. Was soll denn da I–h–r Konsul mit Ihnen
anfangen?“
„Er wird mir doch Papiere geben!“
„Ihr Konsul? Der amerikanische Konsul? Ein amerikanischer Konsul? In
unserm Jahrhundert nicht. Nicht ohne Papiere. Nicht ohne, daß Sie, sagen
wir mal, in guten Verhältnissen leben. Nicht so einem ’rumtreiber.“
„Aber ich bin doch Amerikaner.“
„Möglich. Aber das müssen Sie I–h–rem Konsul beweisen. Und ohne Papiere
glaubt er es Ihnen nicht. Ohne Papiere glaubt er Ihnen nicht, daß Sie
überhaupt geboren sind. Ich will Ihnen etwas sagen, zu Ihrer Belehrung,
Beamte sind immer Bureaukraten. Auch wir sind Bureaukraten. Die
schlimmsten Bureaukraten aber sind die Bureaukraten, die es erst seit
gestern sind. Und die allerschlimmsten Bureaukraten sind die, die den
Bureaukratismus von den Preußen geerbt haben. Haben Sie verstanden, was
ich meine?“
„Ich glaube ja, mein Herr.“
„Und wenn wir Sie nun dahin bringen, nämlich zu Ihrem Konsul, und Sie
haben keine Papiere, dann übergibt er Sie uns offiziell, und wir werden
Sie nie wieder los. Haben Sie das auch verstanden?“
„Ich denke ja, mein Herr.“
„Was sollen wir denn mit Ihnen machen? Wer ohne Paß aufgegriffen wird,
bekommt sechs Monate Gefängnis und Deportation nach seinem Heimatlande.
Ihr Heimatland wird bestritten, und wir müssen Sie in das
Internierungslager schicken. Wir können Sie doch nicht totschlagen wie
einen Hund. Aber vielleicht kommen solche Gesetze noch heraus. Warum
sollen wir Sie durchfüttern? Wollen Sie nach Deutschland?“
„Ich mag nicht nach Deutschland. Wenn den Deutschen die Rechnung
vorgelegt ...“
„Also nicht nach Deutschland. Das kann ich begreifen. Gut für jetzt.“
Das war ein Beamter, der offenbar viel gedacht oder viel gute Sachen
gelesen hatte.
Er rief jetzt einen Cop herbei und sagte: „Bringen Sie ihn in die Zelle,
geben Sie ihm Frühstück, und gehen Sie eine englische Zeitung und eine
Zeitschrift für ihn kaufen, damit er sich nicht langweilt. Auch ein paar
Zigarren.“
8
Am Spätnachmittag wurde ich wieder vorgeführt, und mir wurde gesagt, ich
möge den beiden Beamten in Zivil folgen. Wir gingen auf den Bahnhof und
fuhren ab. Auf der Station einer kleinen Stadt stiegen wir aus und
gingen in die Polizeiwache der Stadt. Dort saß ich auf der Bank und
wurde von allen Cops, die von Ablösung kamen, betrachtet wie ein Tier im
Zoologischen Garten. Ab und zu sprach man auch mit mir. Als es gegen
zehn Uhr war, sagten zwei Männer zu mir: „Es ist jetzt Zeit. Wir wollen
gehen.“
Wir gingen über Felder und gingen auf Wiesenpfaden. Endlich blieben die
beiden stehen und einer sprach mit verhaltener Stimme: „Gehen Sie dort
in jener Richtung, die ich Ihnen zeige, immer gerade aus. Sie werden
niemand treffen. Wenn Sie aber jemand sehen sollten, so gehen Sie ihm
aus dem Wege oder legen Sie sich hin, bis er vorüber ist. Wenn Sie eine
Zeit gegangen sind, dann kommen Sie zu einer Bahnlinie. Folgen Sie der
Bahnlinie, bis Sie zu der Station kommen. Halten Sie sich dort in der
Nähe auf bis gegen Morgen. Sobald Sie sehen, daß ein Zug zur Abfahrt
fertiggemacht wird, gehen Sie zum Schalter und sagen: ‚Un troisième à
Anvers.‘ Können Sie das behalten?“
„Ja, das kann ich. Es ist sehr leicht.“
„Aber reden Sie sonst kein Wort weiter. Sie bekommen dann Ihre Fahrkarte
und fahren nach Antwerpen. Dort kriegen Sie leicht wieder ein Schiff, wo
man immer Seeleute braucht. Hier haben Sie etwas zum Beißen und auch
noch etwas zum Rauchen. Kaufen Sie nichts, bevor Sie in Antwerpen sind.
Hier sind dreißig belgische Franken.“
Er händigte mir ein Paket Butterbrote ein, einen Papierbeutel mit
Zigarren und eine Schachtel Zündhölzer, damit ich niemand um Feuer
anbetteln brauchte.
„Kommen Sie nie wieder zurück nach Holland. Sie bekommen sechs Monate
Gefängnis und Internierungskamp. Sie sind also hiermit ausdrücklich
verwarnt, vor einem Zeugen. Good-bye und viel Glück.“
Da stand ich in der Nacht auf offnem Felde. Viel Glück!
Eine Strecke ging ich nun in jener Richtung, bis ich überzeugt war, daß
die beiden mich nicht mehr sehen konnten, oder daß sie nun fort waren.
Dann blieb ich stehen und begann zu überlegen.
Nach Belgien? Da gab es lebenslänglich Gefängnis. Zurück nach Holland?
Da gab es nur sechs Monate Gefängnis. Das war schon billiger. Dann kam
noch das Internierungskamp für Paßlose. Hätte ich doch nur gefragt, wie
lange das Internierungskamp dauert. Wahrscheinlich war das
lebenslänglich. Denn aus welchem Grunde sollte es Holland billiger
machen als Belgien?
Ich kam zu dem Entschluß, daß Holland auf alle Fälle billiger war. Es
war auch darum besser, weil ich dort mit der Sprache zurechtkommen
konnte, während ich in Belgien gar nichts reden konnte und noch viel
weniger verstehen.
Nun ging ich erst einmal eine Strecke seitlich fort, ungefähr eine halbe
Stunde lang. Und dann querfeldein zurück nach Holland. Das
Lebenslänglich war doch zu bitter.
Es ging ganz gut. Nur immer tapfer drauf los.
„Halt! Stehen bleiben! Oder es wird geschossen!“ Recht angenehm, wenn
plötzlich aus der Finsternis heraus gerufen wird: „Es wird geschossen.“
Zielen kann der Mann ja nicht und sehen kann er mich auch nicht. Aber
eine nichtgezielte Kugel kann auch treffen. Und das ist schließlich doch
noch schlimmer als lebenslänglich.
„Was machen Sie denn hier?“ Zwei Männer kamen aus der Dunkelheit heraus
und auf mich zu. Einer fragte mich das.
„Ich gehe ein wenig spazieren. Ich kann nicht schlafen.“
„Warum gehen Sie denn gerade hier auf der Grenze spazieren?“
„Die Grenze habe ich nicht gesehen, es ist ja kein Zaun da.“
Zwei grelle Taschenlampen waren auf mich gerichtet, und ich wurde
durchsucht. Was die Menschen nur immer zu durchsuchen haben. Ich glaube,
die suchen überall nach den verlorengegangenen vierzehn Punkten Wilsons.
Ich habe sie jedenfalls nicht in der Tasche.
Als sie nun nichts weiter fanden als die Butterbrote, die dreißig
Franken und die Zigarren, blieb einer bei mir stehen, während der andre
ein Stück des Weges, auf dem ich gekommen war, ableuchten ging.
Wahrscheinlich hoffte er, dort den Weltfrieden zu finden, der in der
ganzen Welt gesucht wird, seitdem unsre Jungens dafür gekämpft und
geblutet haben, daß dieser Krieg der letzte Krieg sei.
„Wo wollen Sie denn hin?“
„Ich will zurück nach Rotterdam.“
„Jetzt? Warum denn gerade um Mitternacht und gerade hier über die Wiese?
Warum gehen Sie denn nicht auf der Straße?“
Als ob man nicht nachts über eine Wiese gehen könnte! Die Leute haben
merkwürdige Ansichten. Und immer haben sie gleich einen Verdacht, daß
man irgendein Verbrechen begangen haben könnte. Ich erzählte nun, daß
ich von Rotterdam käme, und wie ich hierher gekommen sei. Da wurden sie
aber wütend und sagten, ich solle sie nicht zum Narren halten, es sei
ganz klar, daß ich von Belgien käme und mich nach Holland reinschleichen
wolle. Als ich ihnen nun sagte, aber die dreißig Franken bewiesen doch,
daß ich die Wahrheit gesagt hätte, wurden sie noch wütender und sagten,
das sei eben gerade ein Beweis, daß ich sie anlügen wollte. Die Franken
seien ein Beweis, daß ich von Belgien komme, denn in Holland habe man
keine Franken. Nun gar noch zu sagen, daß mir holländische Beamte dieses
Geld gegeben hätten und mich mitten in der Nacht auf ungesetzlichem Wege
abgeschoben hätten, das zwänge sie, mich zu arretieren und mich unter
Anklage der Beamtenbeschimpfung zu stellen. Sie wollten aber noch einmal
Gnade mit mir haben, weil ich offenbar ein armer Schlucker sei, der
nicht die Absicht gehabt habe, zu schmuggeln, und würden mich auf den
richtigen Weg führen, auf den ich wieder zurück nach Antwerpen kommen
könne.
So gut waren diese Leute zu mir.
Jetzt mußte ich doch nach Belgien gehen, da half nichts. Wenn nur das
Lebenslänglich nicht wäre.
Eine Stunde wanderte ich nun in der Richtung nach Belgien.
Ich wurde müde und stolperte vor mich hin. Am liebsten hätte ich mich
hier hingelegt und geschlafen. Ich hielt es aber doch für besser,
weiterzugehen, um aus dem gefährlichen Bereich, wo geschossen werden
darf auf den, der nicht schießen darf, herauszukommen.
Da plötzlich packt mich etwas am Bein. Ich denke, es ist ein Hund. Als
ich aber zufasse, ist es eine Hand. Und da flammt auch schon eine
Taschenlaterne auf. Dieses Ding ist auch eine Erfindung des Satans, man
sieht sie immer erst, wenn sie einem dicht vor Augen ist.
Zwei Mann stehen jetzt auf. Sie haben da in der Wiese gelegen, und ich
bin ihnen so schön richtig mitten in die Arme gelaufen.
„Wo wollen Sie denn hin?“
„Nach Antwerpen.“
Sie sprechen Holländisch oder mehr Flämisch.
„Nach Antwerpen wollen Sie? Jetzt zur Nachtzeit? Warum gehen Sie denn
nicht auf der ordentlichen Straße, wie es anständigen Menschen gebührt?“
Ich erzähle ihnen nun, daß ich nicht aus freiem Willen käme, und sage
ihnen, wie es zugegangen sei, daß ich mich hier herumzudrücken habe.
„Solchen Schwindel können Sie andern erzählen. Nicht uns. So etwas tun
Beamte nicht. Sie haben da in Holland etwas ausgefressen und wollen nun
hier ’rüber. Aber das gibt es nicht. Wollen wir erst einmal die Taschen
durchsuchen, um zu erfahren, warum Sie hier mitten in der Nacht über die
Wiesen gehen und immer auf der Grenze.“
Sie fanden in meinen Taschen und zwischen den Nähten meiner Sachen
nicht, was sie suchten. Ich wollte gern wissen, was die Leute eigentlich
immer suchen und warum sie einem immer die Taschen durchwühlen müssen.
Eine üble Angewohnheit dieser Leute.
„Wir wissen schon, was wir suchen. Da brauchen Sie sich gar keine Sorge
machen.“
Nun bin ich auch nicht klüger. Aber finden tun sie nichts. Ich bin
überzeugt, daß es bis an das Weltende eine Hälfte Menschen geben wird,
die immer die Taschen durchsuchen muß und eine andre Hälfte, die sich
das Durchsuchen der Taschen gefallen lassen muß. Vielleicht geht der
ganze Streit der Menschheit nur darum, wer das Recht hat, die Taschen zu
durchsuchen, und wer die Pflicht hat, sich das gefallen zu lassen und
noch dafür zu bezahlen.
Nachdem das Amtsgeschäft vorüber ist, sagt der eine zu mir: „So, da
drüben ist die Richtung nach Rotterdam, da gehen Sie jetzt immer drauf
los und lassen Sie sich hier ja nicht wieder sehen. Und wenn Sie wieder
einmal Grenzpolizei treffen, dann halten Sie sie nicht für so dumm, wie
Sie uns gehalten haben. Habt ihr denn da drüben in eurem blödsinnigen
Amerika nichts mehr zu essen, daß ihr alle hier herüber kommen müßt, um
uns das bißchen Essen, das wir für unsre Leute brauchen, auch noch
wegzufressen?“
„Ich bin doch aber gar nicht freiwillig hier“, widerspreche ich, und ich
weiß am besten, wie recht ich habe.
„Merkwürdig, das sagt jeder von euch, den wir hier aufgreifen.“
Das ist ja ganz etwas Neues. Da bin ich vielleicht noch nicht einmal der
einzige, der sich hier auf einem fremden Erdteil herumtreiben muß.
„Nun ziehen Sie ab. Und machen Sie keine überflüssigen Umwege mehr. Es
wird bald hell, und dann werden wir Sie gut beobachten. Rotterdam ist
ein guter Platz. Da sind viele Schiffe, die immer jemand brauchen.“ Wie
oft mir das nun schon erzählt worden ist. Es müßte eigentlich durch das
häufige Erzählen nun schon eine wissenschaftliche Wahrheit geworden
sein.
Mit den dreißig Franken konnte ich hier in dem kleinen Städtchen nichts
anfangen, das wäre sicher gleich aufgefallen.
Aber da kam ein Milchwagen, und der nahm mich eine Strecke mit. Und dann
kam ein Lastauto, und das nahm mich eine Strecke mit. Dann kam wieder
ein Bauer, der Schweine zu einer Stadt brachte. So kam ich Meile um
Meile näher nach Rotterdam. Sobald die Menschen nicht zur Polizei
gehören, und sobald sie nicht zur Polizei gerechnet werden wollen,
fangen sie an, sehr liebe Geschöpfe zu werden, die ganz vernünftig
denken und ganz normal fühlen können. Ich erzählte den Leuten ganz treu,
wie es mir ergangen sei, und daß ich keine Papiere hätte. Und sie waren
alle so nett, gaben mir zu essen, gaben mir einen warmen, trockenen
Winkel, um zu schlafen, und gaben mir gute Ratschläge, wie ich der
Polizei am besten aus dem Wege gehen könnte.
Es ist recht sonderbar. Keiner liebt die Polizei. Und man ruft bei einem
Einbruch die Polizei auch nur darum, weil einem nicht erlaubt ist, dem
Einbrecher das Leder selbst zu versohlen und ihm den Raub wieder
abzunehmen.
9
Die dreißig Franken umgewechselt in holländische Gulden gaben nicht viel
her. Aber auf Geld kann man sich ja überhaupt nicht verlassen, wenn man
sonst nichts nebenbei hat.
Das Nebenbei kam an einem Nachmittag, gleich darauf.
Ich strollte am Hafen entlang, und da sah ich zwei Mann daherkommen. Als
sie nahe bei mir waren, schnappte ich etwas von ihrem Geschwätz auf. Es
ist ja so urkomisch, wenn man einen Engländer reden hört. Die Engländer
behaupten immer, wir könnten nicht richtig Englisch sprechen; aber was
die Leute reden, das ist sicher kein Englisch. Das ist überhaupt keine
Sprache. Na, ganz egal. Ich kann sie ja nicht riechen, die Rotköppe.
Aber uns können sie ja auch nicht verdauen. Da gleicht sich das wieder
aus. Das geht nun schon so seit hundertfünfzig und ich weiß nicht
wieviel Jahren.
Nun ist natürlich die ganze Suppe erst recht wieder übergekocht, seit
die große Schweinerei im Gange war.
Da kommt man nun in einen Hafen, wo sie dicke sitzen wie die Brombeeren.
In Australien, oder vielleicht in China oder Japan. Wie es gerade
trifft. Man will einen heben gehen und rutscht in eine Hafenschenke. Da
sitzen sie und stehen sie nun, und kaum hat man ein Wort ’raus, gleich
geht das Vergnügen los: „Eh, Yank.“
Man kümmert sich gar nicht um die Bullköppe, man trinkt seinen Kleinen
und will gehen.
Mit einem Male rasselt es aus einer Ecke: „Who won the war? Wer hat den
Krieg gewonnen, Yank?“
Möchte wissen, was mich das angeht. Ich habe ihn nicht gewonnen, das
weiß ich einmal ganz genau. Und die ihn wirklich gewonnen zu haben
meinen, die haben auch nichts zu lachen und wären froh, wenn niemand
davon überhaupt sprechen möchte.
„He, Yank, who won the war?“
Was soll man nun sagen, wenn man ganz allein ist, und da sind zwei
Dutzend Rotköppe drin? Sagt man: „Wir!“, dann gibt es Senge. Sagt man:
„Die Franzosen!“, dann gibt es Senge. Sagt man: „Ich!“, dann lachen sie,
aber Senge gibt es trotzdem. Sagt man: „The Dominians, Kanada,
Australien, Neuseeland, Südafrika!“ dann gibt es Senge. Sagt man gar
nichts, so heißt das: „Wir Amerikaner!“, und es gibt Senge. Zu sagen:
„Ihr habt ihn gewonnen!“, das wäre eine unverschämte Lüge, und lügen
möchte man nicht. Also gibt es Senge, und da kann man nicht dran vorbei.
So sind die Bullen, und dann heißt es immer noch: die „Vettern von
drüben“. Meine nicht. Da wundern sie sich noch, wenn man sie nicht
riechen kann.
Aber was wollte ich denn machen?
„Auf welchem Eimer seid ihr denn?“ frage ich.
„Na, Yankchen, was machst du denn hier? Wir haben doch gar keinen Yank
hier gesehen.“ Sie fühlen sich, weil sie schon Zimt riechen.
„Ich bin achtern abgekantet und kann jetzt nicht Anker hieven.“
„Keine Versicherungspolice, hä?“
„Erraten.“
„Willst du jetzt wegstauen?“
„Muß. Kiel sitzt auf. Brennt.“
„Wir sind auf einem Schotten.“
„Wo geht ihr denn ’raus jetzt?“ fragte ich.
„Boulogne. Bis dahin können wir dich stauen. Weiter geht’s aber nicht.
Der Bos’n, der Bootsmann, ist ein Hund.“
„Gut, dann mache ich nach Boulogne. Wann ebbt ihr ab?“
„Am besten, du kommst ’rauf um acht. Da ist der Bos’n saufen. Wir stehen
an der Schanze. Wenn ich die Mütze in den Nacken schiebe, ist alles
klar; wenn ich nichts mache, wartest du noch eine Weile. Lauf nicht
soviel gerade vor der Nase herum. Wenn du aber gewischt wirst, läßt du
dir eher das Maul breitschlagen, ehe du sagst, wer dich gelotst hat.
Ehrensache, verstanden?“
Um acht war ich da. Die Mütze wurde in den Nacken geschoben. Der Bos’n
war besoffen und wurde vor Boulogne nicht nüchtern, und da stieg ich aus
und war in Frankreich.
Ich wechselte mein Geld in französische Franken um. Dann ging ich zum
Bahnhof, und da stand der Expreß für Paris. Ich nahm eine Karte für die
erste Station und setzte mich in den Zug.
Die Franzosen sind zu höflich, als daß sie einen während der Fahrt
belästigen würden.
Und da war ich mit einem Male in Paris. Aber da wurden die Karten
kontrolliert, und ich hatte keine für Paris.
Wieder Polizei. Natürlich, wie könnte es auch ohne Polizei gehen? Es
wurde ein grausames Radebrechen. Ich ein paar Brocken Französisch, die
Leute jeder einen Brocken Englisch. Das meiste hatte ich zu erraten. Wo
ich herkäme? Von Boulogne. Wie ich nach Boulogne gekommen sei? Mit einem
Schiff. Wo meine Seemannskarte sei? Habe keine.
„Was, Sie haben keine Seemannskarte?“
Diese Frage würde ich jetzt sogar verstehen, wenn man sie zu mir
Hindostanisch sagte. Denn die Geste und der Tonfall sind so genau die
gleichen, daß man sich nie irren könnte.
„Paß habe ich auch nicht. Ich habe auch keine Identitätskarte. Ich habe
überhaupt keine Papiere. Nie Papiere gehabt.“
Das sage ich gleich in einem Atemzuge. Nun können sie wenigstens diese
Fragen nicht stellen und sich damit die Zeit vertreiben. In der Tat
werden Sie ein wenig verblüfft, weil sie nun ganz aus der Reihe gekommen
sind. Für eine Weile weiß keiner, was er fragen oder sagen soll.
Glücklicherweise bleibt ihnen ja die Fahrkarte, die ich nicht hatte. Und
am nächsten Tage ist wieder ein Verhör. Ich lasse sie ruhig verhören und
reden und fragen. Ich verstehe nichts. Am Schluß wird mir aber klar, daß
ich zehn Tage Gefängnis weghabe wegen Eisenbahnbetrugs oder so etwas
Ähnlichen. Was weiß ich. Es ist mir auch gleichgültig. Aber das war
meine Ankunft in Paris.
Diese Gefängnislaufbahn war recht drollig.
Erster Tag: Einlieferung, Baden, Untersuchung, Wäscheausteilung,
Zellenverteilung. Der erste Tag war vorbei.
Zweiter Tag: Quittieren kommen beim Kassenverwalter über die Summe,
die ich bei meiner Verhaftung im Besitz hatte. Abermalige
Personenfeststellung und Eintragung in dicke Bücher. Nachmittag: Empfang
beim Gefängnisgeistlichen. Er sprach gut Englisch. Behauptete er. Das
muß aber das Englisch gewesen sein, als William der Eroberer noch nicht
in England gelandet war, denn ich verstand von diesem guten Englisch
nicht ein einziges Wort, ließ es mir aber nicht anmerken. Wenn er von
Gott sprach, sagte er immer „Goat“, und ich war der Meinung, er rede von
einer Ziege. Damit ging auch der zweite Tag herum.
Dritter Tag: Vormittags werde ich gefragt, ob ich schon mal
Schürzenbänder angenäht hätte. Ich sagte nein. Nachmittags wurde mir
mitgeteilt, daß ich in die Schürzenabteilung eingereiht würde. Damit
ging der dritte Tag zu Ende.
Vierter Tag: Vormittags wurde mir Schere, Nadel, eine ganze Nähnadel,
Zwirn und ein Fingerhut gegeben. Der Fingerhut paßte nicht. Aber mir
wurde gesagt, einen andern hätten sie nicht. Nachmittags wurde mir
gezeigt, wie ich die Schere, die Nähnadel und den Fingerhut immer
sichtbar auf den Schemel zu legen und den Schemel in die Mitte der Zelle
zu stellen habe, wenn ich die Zelle für den Rundgang verlasse. Außen
neben der Tür wurde ein Plakat angeschlagen mit der Aufschrift: „Besitzt
eine Schere, eine Nähnadel und einen Fingerhut.“ Damit war der vierte
Tag herum.
Fünfter Tag: Sonntag.
Sechster Tag: Vormittags werde ich in die Arbeitshalle geführt.
Nachmittags wird mir ein Platz in der Arbeitshalle angewiesen. Der
sechste Tag ist ’rum.
Siebenter Tag: Vormittags wird mir der Gefangene gezeigt, der mich
lehren soll, wie Schürzenbänder angenäht werden sollen. Nachmittags sagt
mir der Gefangene, ich solle meine Nähnadel schon mal einfädeln. Der
siebente Tag ist ’rum.
Achter Tag: Der Lehrmeister zeigt mir, wie er die Schürzenbänder annäht.
Nachmittags ist Baden und Wiegen. Der achte Tag ist rum.
Neunter Tag: Vormittags muß ich zum Direktor kommen. Mir wird
mitgeteilt, daß morgen meine Zeit um sei, und ich werde gefragt, ob ich
Beschwerden vorzubringen hätte. Dann muß ich meinen Namen ins
Fremdenbuch schreiben. Nachmittags wird mir gezeigt, wie ich ein
Schürzenband anzunähen habe. Der neunte Tag ist ’rum.
Zehnter Tag: Vormittags nähe ich ein Schürzenband an. Mein Lehrmeister
betrachtet sich das angenähte Band einundeinehalbe Stunde und sagt dann,
es sei nicht gut angenäht, er müsse es wieder abtrennen. Nachmittags
nähe ich wieder ein Schürzenband an. Als ich das eine Ende gerade
angenäht habe, werde ich zur Abfertigung gerufen. Ich werde gewogen,
untersucht, bekomme meine Zivilsachen, die ich anziehen darf, und kann
dann im Hof spazierengehen. Der zehnte Tag ist ’rum.
Am nächsten Morgen um sechs werde ich gefragt, ob ich noch Frühstück
haben wolle. Ich sage nein, werde zum Kassenverwalter geführt, wo ich
eine Weile warten muß, weil er noch nicht da ist. Dann kriege ich doch
Frühstück, und endlich kommt der Kassenverwalter, der mir mein Geld
zurückgibt, was ich wieder zu quittieren habe. Dann erhalte ich fünfzehn
Centimes für Arbeitsleistung, war entlassen und konnte gehen. Verdient
hat der französische Staat nicht viel an mir, und ob die Eisenbahn sich
nun einbilden darf, bezahlt zu sein, ist auch noch die Frage. Draußen
wurde ich aber gleich wieder von der Polizei in Empfang genommen.
Ich wurde verwarnt. Innerhalb fünfzehn Tagen hätte ich das Land zu
verlassen, auf demselben Wege, auf dem ich hereingekommen sei. Würde ich
nach Ablauf von fünfzehn Tagen noch innerhalb der Landesgrenzen
gefunden, so würde nach Maßgabe der Gesetze mit mir verfahren werden.
Also mit mir verfahren werden. Was das bedeutete, war mir nicht klar.
Vielleicht hängen oder auf dem Scheiterhaufen schmoren. Warum nicht. In
dieser Zeit der vollendeten Demokratien ist ein Paßloser und damit also
auch ein Nichtwahlberechtigter ein Ketzer. Jede Zeit hat ihre Ketzer,
und jede Zeit hat ihre Inquisition. Heute sind der Paß, das Visum, der
Einwanderungsbann die Dogmen, auf die sich die Unfehlbarkeit des Papstes
stützt, an die man zu glauben hat, oder man muß die verschiedenen Grade
der Folterungen über sich ergehen lassen. Früher waren die Fürsten die
Tyrannen, heute ist der Staat der Tyrann. Das Ende der Tyrannen ist
immer Entthronung und Revolution, ganz gleich, wer der Tyrann ist. Die
Freiheit des Menschen ist zu urwüchsig mit seinem ganzen Dasein und
Wollen verknüpft, als daß der Mensch irgendeine Tyrannei lange ertragen
könnte, selbst wenn die Tyrannei in dem sammetweichen Lügenmantel des
Mitbestimmungsrechtes erscheinen sollte.
„Sie müssen doch aber irgendein Papier haben, lieber Freund“, sagte der
Offizier, der mich verwarnte. „Ohne Papier können Sie gewiß nicht immer
herumlaufen.“
„Ich könnte vielleicht einmal zu meinem Konsul gehen.“
„Zu Ihrem Konsul?“
Der Ton war mir bekannt. Es scheint, daß mein Konsul in der ganzen Welt
bekannt ist.
„Was wollen Sie denn bei Ihrem Konsul? Sie haben doch keine Papiere. Der
glaubt Ihnen keine Silbe, wenn Sie keine Papiere haben. Er gibt nur auf
Papiere etwas. Besser, Sie gehen gar nicht hin, sonst werden wir Sie nie
wieder los und haben Sie für das ganze Leben auf dem Halse.“
Wie sagten die Römer? Die Konsuln sollen darauf bedacht sein, daß der
Republik nichts Übles widerfahre. Und es könnte der Republik sicher sehr
viel Übles widerfahren, wenn die Konsuln nicht verhindern würden, daß
jemand, der keine Papiere hat, sein Heimatland wiedersieht.
„Aber irgendein Papier müßten Sie doch haben. Sie können doch nicht gut
den Rest Ihres Lebens ohne Papiere herumlaufen.“
„Ja, das glaube ich auch, daß ich ein Papier haben müßte.“
„Ich kann Ihnen kein Papier geben. Worauf denn? Alles, was ich Ihnen
geben kann, ist ein Entlassungsschein aus dem Gefängnis. Mit dem Schein
ist nicht viel los. Dann schon besser gar nichts. Und bei jedem andern
Papier kann ich nur einsetzen, der Vorzeiger behauptet, der und der zu
sein und von da und da herzukommen. Ein solches Papier ist aber wertlos,
denn es ist kein Beweis; es sagt nur das aus, was Sie aussagen. Und Sie
können natürlich erzählen, was Sie wollen, ob es wahr ist oder nicht.
Selbst wenn es wahr ist, es muß bewiesen werden können. Es tut mir sehr
leid, ich kann Ihnen nicht helfen. Ich habe Sie amtlich verwarnt, und
Sie müssen das Land verlassen. Gehen Sie doch nach Deutschland. Das ist
auch ein sehr schönes Land.“
Warum sie mich alle nach Deutschland schicken, das möchte ich wissen.
10
Nun blieb ich erst einmal einige Tage in Paris, um abzuwarten, was
geschehen würde. Geschehnisse können einem manchmal besser voranhelfen
als die schönsten Pläne. Ich hatte ja jetzt ein gutes Recht, mir Paris
anzusehen. Meine Fahrkarte war bezahlt, meine Verpflegung im Gefängnis
hatte ich abverdient, so war ich dem französischen Staat nichts mehr
schuldig, und ich durfte sein Pflaster ablaufen.
Wenn man nun so gar nichts zu tun hat, kommt man auf allerlei
überflüssige Gedanken. Einen so überflüssigen Gedanken bekam ich eines
guten Tages, und er führte mich zu meinem Konsul. Daß es ganz
hoffnungslos war, wußte ich im voraus. Aber ich dachte, es schadet doch
nie etwas, wenn man Erfahrungen über Menschen sammelt. Alle Konsuln sind
in dieselbe Form gegossen wie fast alle Beamten. Sie gebrauchen wörtlich
denselben Redeschatz, den sie bei ihren Prüfungen vorweisen mußten, sie
werden würdevoll, ernst, befehlshaberisch, devot, gleichgültig,
gelangweilt, interessiert und tieftraurig bei denselben Gelegenheiten,
und sie werden heiter, lustig, freundlich und geschwätzig bei denselben
Gelegenheiten, ob sie im Dienste Amerikas, Frankreichs, Englands oder
Argentiniens stehen. Zu wissen, genau zu wissen, wann sie eine dieser
Gefühlsäußerungen zu zeigen haben, ist die ganze Weisheit, die ein
solcher Beamter benötigt. Ab und zu vergißt aber jeder Beamte einmal
seine Weisheit und wird für eine halbe Minute Mensch. Dann kennt man ihn
gar nicht wieder, dann fängt er an, die innere Haut nach außen zu
kehren. Der interessanteste Moment aber ist, wenn er plötzlich
empfindet, daß die innere Haut bloßliegt und er sie rasch wieder
verkrustet. Um diesen Moment zu erleben, und um eine Erfahrung reicher
zu werden, ging ich zum Konsul. Die Gefahr bestand, daß er mich
verleugnete, mich der französischen Polizei offiziell übergab und mir
dann die Möglichkeit genommen wurde, frei meiner Wege zu gehen, weil ich
dann unter Polizeiaufsicht geriet und ich über jeden meiner Schritte,
den ich tat oder zu tun gedachte, Rechenschaft abzulegen hatte.
Zuerst konnte ich einmal den ganzen Vormittag warten. Dann wurde
geschlossen. Am Nachmittag kam ich auch nicht an die Reihe. Unsereiner
muß ja immer warten, wohin er auch kommt. Denn wer kein Geld besitzt,
von dem nimmt man an, daß er wenigstens unermeßlich viel Zeit hat. Wer
Geld besitzt, kann es mit Geld abmachen; wer kein Geld zum Hinlegen hat,
muß mit seiner Zeit bezahlen und mit seiner Geduld. Denn wird man gar
aufsässig oder äußert man seine Ungeduld in einer Weise, die unbeliebt
ist, so weiß der Beamte so viele Wege zu gehen, daß man viermal mehr an
Zeit bezahlen muß. So beläßt man es bei der Zeitstrafe, die einem
auferlegt wird.
Es saßen da eine ganze Reihe solcher, die ihre Zeit zu opfern hatten.
Einige saßen schon Tage. Andre waren bereits sechsmal hin und her
geschickt worden, weil dies fehlte und jenes nicht die vorschriftsmäßige
Form oder richtiger Uniform trug.
Da kam eine kleine, unglaublich dicke Dame hereingeschossen. So
unglaublich fett. Es war nicht auszudenken, wie fett sie war. In diesem
Raume, wo die dürren Gestalten wartend auf den Bänken saßen, mit ihren
Hinterköpfen beinahe das an die Wand geheftete Sternenbanner berührend,
dessen Dimension so riesenhaft war, daß es die ganze Wand ausfüllte, in
diesem Raume, wo unschuldige, willige und arbeitsgewohnte Menschen
wartend saßen mit einem Ausdruck auf den Gesichtern, als würden hinter
jenen zahlreichen Türen in diesem Augenblick ihre Todesurteile
unterschrieben, wirkte die fette Dame wie eine niederträchtige
Beleidigung. Sie hatte pechschwarze, ölige, lockige Haare, eine
auffallend krumme Nase und sehr krumme Beine. Ihre braunen Augen standen
so glotzend in dem fetten Teiggesicht, als ob sie im selben Augenblick
aus den Höhlen quellen wollten. Sie war gekleidet in dem Besten, was
Reichtum nur kaufen kann. Sie keuchte und schwitzte, und unter der Last
ihrer Perlenketten, Goldbehänge und Brillantvorstecknadeln schien sie
beinahe zusammenzubrechen. Wenn sie nicht so viele schwere
Platinringe an den Fingern gehabt hätte, wären die Finger sicher
auseinandergeplatzt.
Kaum hatte sie die Tür aufgemacht, da schrie sie schon: „Ich habe meinen
Paß verloren. Wo ist der Mister Konsul? Ich muß gleich einen neuen Paß
haben.“
Ei, sieh da, auch andre Leute können ihren Paß verlieren. Wer hätte das
gedacht? Ich hatte geglaubt, das kann nur einem Seemann zustoßen. Well,
Fanny, du kannst dich freuen, der Mister Konsul wird dir gleich was
erzählen, von wegen neuen Paß. Vielleicht nähst du das andre Ende des
Schürzenbandes an. So unangenehm mir die Dame war, ihres aufdringlichen
Wesens wegen, ich empfand für sie Sympathie, die Sympathie derer, die in
derselben Galeere angeschmiedet sind.
Der Empfangssekretär sprang gleich auf: „Aber gewiß, M’me, nur einen
Augenblick. Bitte!“
Er nahm einen Stuhl und bat unter Verbeugung die Dame, sie möge Platz
nehmen. Er brachte drei Formulare, sprach leise mit der Dame und schrieb
in den Formularen. Die dürren Gestalten hatten die Formulare alle selbst
ausfüllen müssen, manche vier- oder fünfmal, weil sie nicht gut
ausgefüllt waren. Aber die Dame konnte offenbar nicht schreiben, und so
war es nur ein Zeichen von Hilfsbereitschaft, daß der Sekretär ihr diese
kleine Mühe abnahm.
Als die Formulare ausgefüllt waren, sprang er auf und trug sie durch
eine der Türen, hinter denen die Todesurteile unterzeichnet werden.
Er kam sehr rasch zurück und sagte halblaut und sehr höflich zu der
Fetten: „Mr. Grgrgrgs wünscht Sie zu sehen, M’me. Haben Sie drei
Photographien zur Hand?“
Die fette Schwarzhaarige hatte die Photographien zur Hand und gab sie
dem hilfsbereiten Sekretär. Dann verschwand sie hinter der Tür, wo die
Schicksale der Welt entschieden werden.
Nur ganz altmodische Leute glauben heute noch daran, daß die Schicksale
der Menschen im Himmel entschieden werden. Das ist ein beklagenswerter
Irrtum. Die Schicksale der Menschen, die Schicksale von Millionen von
Menschen werden von den amerikanischen Konsuln entschieden, die Sorge
dafür zu tragen haben, daß der Republik kein Schaden widerfahre. Yes,
Sir.
Die Dame war nicht lange in jenem Zimmer der Geheimnisse. Als sie
herauskam, schloß sie ihr Handtäschchen. Sie schloß es mit einem starken
energischen Knipsen. Und das Knipsen schrie gellend: „Gott, wir haben’s
ja dazu, leben und leben lassen.“
Der Sekretär stand sofort auf, kam halb hinter seinem Tisch hervor und
rückte an jenem Stuhl, auf dem die Dame gesessen hatte. Die Dame setzte
sich nur mit einer Kante auf den Stuhl, öffnete ihre Handtasche, kramte
eine Weile herum, nahm ein Puderdöschen hervor und ließ die geöffnete
Tasche auf dem Tisch liegen, während sie sich puderte. Warum sie sich
schon wieder pudern mußte, obgleich sie sich eine Minute vorher gepudert
haben mußte, war nicht ganz klar.
Der Sekretär tastete nun mit seinen Händen auf dem ganzen Tisch herum,
um irgendein Blatt Papier zu suchen, das er weit verlegt haben mußte.
Endlich hatte er das Blatt gefunden, und da die Dame inzwischen auch
wieder aufgepudert war, nahm sie die Tasche an sich, steckte das
Puderdöschen hinein und knipste die Tasche abermals so zu, daß die
Tasche denselben gellenden Schrei ausstieß wie kurz vorher.
Die Dürren auf den Bänken hatten den gellenden Schrei nicht gehört. Sie
alle schienen Auswanderungslustige zu sein, die die Weltsprache des
Knipsens noch nicht verstanden, weil sie nichts zum Knipsen hatten.
Deshalb mußten sie ja auch auf den Bänken sitzen. Deshalb wurde ihnen ja
auch kein Stuhl angeboten unter Verbeugungen. Deshalb mußten sie ja auch
warten, bis sie an die Reihe kamen, genau nach der Nummerfolge.
„Können Sie in einer halben Stunde noch mal hier vorsprechen, M’me oder
sollen wir den Paß zu Ihrem Hotel schicken?“
Höflich ist man auf einem amerikanischen Konsulat.
„Ich komme vorgefahren in einer Stunde. Unterschrieben habe ich den Paß
ja schon drin.“
Die Dame stand auf. Als sie nach einer Stunde wiederkam, saß ich immer
noch da. Aber die fette Dame hatte ihren Paß.
Hier endlich bekam ich meinen Paß. Das wußte ich. Der Sekretär brauchte
ihn mir nicht in mein Hotel schicken, ich würde ihn gleich selber
mitnehmen. Und hatte ich erst wieder einen Paß, so bekam ich auch wieder
ein Schiff, wenn kein heimatliches Schiff, dann sicher ein englisches
oder holländisches oder dänisches. Wenigstens bekam ich wieder Arbeit
und hatte die Aussicht, doch mal ein heimatliches Schiff in irgendeinem
Hafen anzutreffen, wo ein Deckarbeiter gebraucht wurde. Ich konnte ja
nicht nur anstreichen, ich verstand auch Messing zu putzen; denn wenn
man nichts anstreichen kann, dann wird immer Messing geputzt.
Ich war wirklich zu voreilig in meinem Urteil. Die amerikanischen
Konsuln sind besser als ihr Ruf, und was mir die belgische, die
holländische und die französische Polizei über die Konsuln gesagt hatte,
war nichts als nationale Eifersucht.
Endlich kam dann doch der Tag und die Minute, wo meine Nummer fällig war
und ich gerufen wurde. Meine dürren Bankgenossen hatten alle durch eine
andre Tür zu gehen, um den Todesstreich zu empfangen. Ich machte eine
Ausnahme. Ich wurde zu Mr. Grgrgrgs oder wie der Mann heißen mochte,
gerufen. Das war der Mann, den ich in meinem Herzen zu sehen gewünscht
hatte; denn er war der, der die Nöte eines Menschen, dessen Paß
verlorenging, zu würdigen weiß. Wenn mir niemand auf der ganzen weiten
Welt helfen würde, er wird es tun. Er hat der Goldbehangenen geholfen,
um wieviel mehr und rascher wird er mir helfen. Es war ein guter
Gedanke, der mich verleitet hatte, mein Glück doch noch einmal zu
versuchen.
11
Der Konsul ist ein kleiner, hagerer Mann, ausgetrocknet im Dienst.
„Setzen Sie sich“, sagt er und deutet auf einen Stuhl vor seinem
Schreibtisch. „Womit kann ich dienen?“
„Ich möchte einen Paß haben.“
„Haben Sie Ihren Paß verloren?“
„Nicht meinen Paß, aber meine Seemannskarte.“
„Ah so, Sie sind ein Seemann?“
Mit diesem Satz hat er seinen Ton geändert. Und dieser neue Ton, der mit
einem so merkwürdigen Mißtrauen gemischt ist, hält nun eine Weile an und
bestimmt den Charakter unsrer Unterhaltung.
„Ich habe mein Schiff verloren.“
„Wohl betrunken gewesen?“
„Nein. Ich trinke nie einen Tropfen von diesem Gift. Ich bin
knochentrocken.“
„Sie sagten doch, Sie seien Seemann?“
„Das bin ich auch. Mein Schiff ist drei Stunden früher abgefahren als
angesagt war. Sie sollte mit der Flut rausgehen, aber weil sie keine
Ladung hatte, so brauchte sie auf die Flut keine Rücksicht nehmen.“
„Nun sind Ihre Papiere also an Bord geblieben?“
„Ja.“
„Das konnte ich mir denken. Welche Nummer hatte Ihre Karte?“
„Das weiß ich nicht.“
„Wo war sie denn ausgestellt?“
„Das kann ich so genau nicht sagen. Ich habe Küstenschiffe gefahren,
Bostoner, N’Yorker, Balter, Philier, Golfer und sogar Wester. Ich kann
mich nicht mehr erinnern, wo die Karte ausgestellt war.“
„Das konnte ich mir denken.“
„Man guckt sich doch seine Karte nicht jeden Tag an. Ich habe sie nie
angeguckt, solange ich sie hatte.“
„Ja.“
„Sie hat immer in meiner Tasche gesteckt.“
„Naturalisiert?“
„Nein. Im Lande geboren.“
„Registriert worden, die Geburt?“
„Weiß ich nicht, da war ich noch zu klein, als ich geboren wurde.“
„Also nicht registriert.“
„Das weiß ich nicht, habe ich gesagt.“
„Aber ich weiß es.“
„Dann brauchen Sie mich doch nicht fragen, wenn Sie alles wissen.“
„Will ich vielleicht einen Paß haben?“ fragt er darauf.
„Das weiß ich nicht, Sir, ob Sie einen Paß haben wollen.“
„Sie wollen doch einen haben, nicht ich. Und wenn ich Ihnen einen geben
soll, so werden Sie mir doch wohl erlauben müssen, daß ich Fragen an Sie
stelle. Nicht wahr?“
Der Mann hat recht. Die Leute haben immer recht. Das ist auch ganz
leicht für sie. Zuerst machen sie die Gesetze, und dann werden sie
hingestellt, um den Gesetzen das Leben einzuflößen.
„Haben Sie eine feste Adresse drüben?“
„Nein. Ich wohne auf meinen Schiffen oder, wenn ich keine habe, wohne
ich in den Seemannsheimen und Herbergen.“
„Also keine feste Wohnung. Mitglied eines eingetragenen Klubs?“
„Wer, ich? Nein.“
„Eltern?“
„Nein. Gestorben.“
„Verwandte?“
„Dank dem Himmel, nein. Wenn ich welche hätte, würde ich sie
abschwören.“
„Haben Sie gewählt?“
„Nein. Nie.“
„Stehen Sie also auch nicht in den Wähler-Registern.“
„Sicher nicht. Ich würde auch nicht wählen, wenn ich an Land wäre.“
Er sieht mich nun eine ganze Weile an, ziemlich dumm und sehr
ausdruckslos. Die ganze Zeit hat er gelächelt und, wie sein Kollege in
Rotterdam, mit einem Bleistift gespielt. Was würden die Leute nur
machen, wenn es keine Bleistifte mehr gäbe? Aber dann gibt es sicher ein
Lineal, oder einen Löscher, oder die Telephonstrippe, oder die Brille,
oder ein paar Blätter Papier oder Formulare, die man auf- und zufaltet.
Eine Amtsstube hat ja so gut vorgesorgt, daß der Insasse sich nie
langweilt. Gedanken, mit denen er sich beschäftigen kann, hat er nicht;
und wenn er welche bekommt, hört er für gewöhnlich auf, Beamter zu sein
und wird ein umgänglicher Mensch. Könnten die Finger eines Tages nicht
mehr mit den Utensilien spielen, die auf der Inventarliste stehen,
würden sie vielleicht an den Fundamenten spielen und bohren und das
möchte den Fundamenten nicht bekommen.
„Also ich kann Ihnen keinen Paß geben.“
„Warum nicht?“
„Auf was denn? Auf Ihre bloßen Aussagen hin? Das kann ich nicht. Das
darf ich nicht einmal. Ich muß doch Unterlagen vorweisen können. Ich muß
doch Rechenschaft ablegen, auf Grund welcher Beweise ich den Paß
ausgestellt habe. Wie können Sie denn beweisen, daß Sie Amerikaner sind,
daß ich überhaupt verpflichtet bin, mich mit Ihnen hier zu befassen?“
„Aber das können Sie doch hören?“
„Woran? An der Sprache?“
„Natürlich.“
„Das ist kein Beweis. Nehmen Sie hier den Fall Frankreich. Hier leben
Tausende, die Französisch sprechen und keine Franzosen sind. Hier gibt
es Russen, Rumänen, Deutsche, die ein besseres und reineres Französisch
sprechen als der Franzose selbst. Hier sind Tausende, die hier geboren
sind und keine Staatsbürger sind. Anderseits sind drüben
Hunderttausende, die kaum Englisch sprechen können und über deren
amerikanische Staatsbürgerschaft auch nicht der geringste Zweifel
besteht.“
„Aber ich bin doch im Lande geboren.“
„Dann freilich können Sie Bürger sein. Aber auch dann müßten Sie erst
noch beweisen, ob nicht Ihr Vater für Sie eine andre Staatsbürgerschaft
vorbehalten hat, die Sie nicht abgeändert haben, als Sie volljährig
wurden.“
„Meine Urgroßeltern waren schon Amerikaner und deren Eltern auch schon.“
„Beweisen Sie mir das, und ich bin verpflichtet, Ihnen einen Paß
auszustellen, ob ich will oder nicht. Bringen Sie die Urgroßeltern oder
nur die Eltern her. Ich will aber viel näher kommen, beweisen Sie mir,
daß Sie drüben geboren sind.“
„Wie soll ich denn das beweisen, wenn die Geburt nicht registriert
worden ist.“
„Das ist sicher nicht meine Schuld.“
„Vielleicht bestreiten Sie mir gar, daß ich überhaupt geboren bin?“
„Richtig. Das bestreite ich. Die Tatsache, daß Sie hier vor mir stehen,
ist kein Beweis für mich, daß Sie geboren sind. Ich habe es zu glauben.
Wie ich zu glauben habe, daß Sie Amerikaner sind, daß Sie Bürger sind.“
„Also Sie glauben nicht einmal, daß ich geboren bin? Das ist aber doch
die Grenze alles Möglichen.“
Der Konsul lächelte sein schönstes Amtslächeln: „Daß Sie geboren sind,
muß ich ja wohl glauben; denn ich sehe Sie hier mit meinen Augen. Wenn
ich Ihnen nun einen Paß ausstelle und ihn der Regierung daheim damit
rechtfertige, daß ich in meinen Bericht schreibe: Ich habe den Mann
gesehen und glaube, daß er Bürger ist! so kann es leicht geschehen, daß
ich gesackt werde. Denn was ich glaube, will die Regierung daheim nicht
wissen. Sie will nur wissen, was ich bestimmt weiß. Und was ich bestimmt
weiß, muß ich immer beweisen können. Ihre Staatsbürgerschaft und Ihre
Geburt kann ich nicht beweisen.“
Man möchte manchmal bedauern, daß wir noch nicht aus Papiermaché gemacht
sind; denn dann könnte man an dem Stempel sehen, ob man in der Fabrik U.
S. A. oder in der Fabrik Frankreich oder in der Fabrik Spanien
angefertigt worden ist, und den Konsuln wäre die Mühe erspart, ihre
wertvolle Zeit mit so törichten Dingen zu vertrödeln.
Der Konsul hat den Bleistift hingeworfen, ist aufgestanden, geht zur Tür
und ruft einen Namen hinaus. Ein Sekretär kommt herein, und der Konsul
sagt zu ihm: „Sehen Sie mal nach. Wie ist der Name?“ Er wendet sich mir
zu. „Ach ja, es fällt mir schon wieder ein, Gale, richtig. Ja, sehen Sie
also nach, sofort.“
Der Mann läßt die Tür halb offen, und ich sehe, daß er an einem
Schranke, wo Tausende von gelben Karten aufgestapelt sind, das G
heraussucht und nach meinem Namen forscht. Die Karten der Deportierten,
der Unerwünschten, der Pazifisten und der bekannten Anarchisten.
Der Sekretär kommt wieder zurück. Der Konsul, der während der Zeit am
Fenster gestanden hat und hinuntergesehen hat, dreht sich um:
„Na?“
„Ist nicht drin.“
Das wußte ich vorher. Jetzt kriege ich meinen Paß. So schnell nicht. Der
Sekretär ist wieder gegangen und hat die Tür hinter sich zugemacht. Der
Konsul sagt nichts, setzt sich wieder an seinen Schreibtisch, sieht mich
eine Weile an und weiß nicht mehr, was er fragen soll. Seine
Prüfungsaufgaben scheinen nur bis hierher gereicht zu haben. Nun steht
er auf und verläßt das Zimmer. Jedenfalls holt er sich Rat aus einem der
andern heiligen Räume.
Ich habe nichts weiter zu tun und sehe mir die Bilder an der Wand an.
Alles bekannte Gesichter, mein eigner Vater ist mir nicht so vertraut in
seinem Gesicht als diese Gesichter. Washington, Franklin, Grant,
Lincoln. Männer, denen Bureaukratismus so verhaßt war wie einem Hunde
die Katzen. „Das Land soll für immer sein das Land der Freiheit, wo der
Verfolgte und der Gehetzte Zuflucht findet, sofern er guten Willens
ist.“ „Dieses Land soll gehören denen, die es bewohnen.“
Aber freilich, das kann ja nicht so fort gehen bis in alle Ewigkeit.
„Das Land soll gehören denen, die es bewohnen.“ Das puritanische
Gewissen ließ nicht zu, daß kurz und bündig gesagt wurde: „Das Land
gehört uns, den Amerikanern.“ Denn da waren die Indianer, denen das Land
von Gott gegeben war, und Gottes Gesetz hat der Puritaner zu beachten.
„Wo der Verfolgte und der Gehetzte Zuflucht findet.“ Ganz gut, wenn
alle, die da wohnen, Verfolgte und Gehetzte sind aus allen möglichen
Ländern. Und die Nachfahren jener Verfolgten und Gehetzten sperren das
Land ab, das allen Menschen gegeben wurde. Und um die Absperrung ganz
vollkommen zu machen, damit auch nicht eine Maus durchschlüpfen kann,
sperren sie die eignen Söhne ab. Denn es könnte ja unter der Verkleidung
des eignen Sohnes sich der Sohn eines Nachbars einschleichen.
Der Konsul kommt zurück und setzt sich wieder. Er hat eine neue Frage
gefunden.
„Sie können ja vielleicht ein entwichener Sträfling sein oder jemand,
der eines schweren Verbrechens wegen gesucht wird. Und ich würde Ihnen
einen Paß ausstellen auf den von Ihnen genannten Namen und würde Sie
durch den Paß vor der gerechten Verfolgung schützen.“
„Ja, das würden Sie. Ich sehe nun ein, daß mein Kommen ganz und gar
zwecklos war.“
„Es tut mir wirklich leid, Ihnen nicht helfen zu können. Meine
Machtbefugnisse sind nicht weitreichend genug, um Ihnen den Paß oder
irgendein Papier, das Ihnen zur Legitimation dienen könnte,
auszustellen. Sie hätten mit Ihrer Seemannskarte vorsichtiger sein
müssen. Solche Dinge verliert man nicht in dieser Zeit, wo der Paß
notwendiger ist als sonst irgend etwas.“
„Nun möchte ich aber doch gern eins wissen.“
„Ja?“
„Da war hier eine sehr dicke Dame mit vielen Brillantringen, die sie
kaum noch schleppen konnte, die hatte ihren Paß doch auch verloren und
Sie haben ihr sofort einen gegeben. Das hat nur eine halbe Stunde
gedauert.“
„Aber das war doch die Frau Sally Marcus aus New York, werden Sie doch
schon gehört haben den Namen. Das große Bankgeschäft,“ sagte er mit
einer Geste und einer Betonung, als ob er gesagt hätte: Das war doch der
Prince of Wales und nicht ein Seemann, dem das Schiff fortgefahren ist.
Er mußte wohl an meinem Gesichtsausdruck erkennen, daß ich das nicht so
schnell fassen konnte, denn er fügte hinzu: „Sie werden den Namen doch
schon gehört haben? Das große Bankgeschäft in New York?“
Ich zweifelte noch immer und sagte: „Ich glaube aber kaum, daß die Dame
Amerikanerin ist, ich würde viel eher glauben, daß sie in Bukarest
geboren ist.“
„Woher wissen Sie das? Die Frau Marcus ist allerdings in Bukarest
geboren worden. Aber sie ist amerikanischer Bürger.“
„Hatte sie denn ihren Bürgerbrief bei sich?“
„Natürlich nicht. Warum?“
„Woher haben Sie denn dann gewußt, daß sie Bürger ist? Richtig sprechen
hat sie noch nicht gelernt.“
„Da brauche ich keinen Beweis. Der Bankier Marcus ist doch bekannt. Sie
ist doch Luxuskabine auf der Majestic herübergekommen.“
„Jetzt endlich verstehe ich. Ich bin nur in einer Forecastle-Bunk, auf
einem Frachteimer herübergekommen als Deckarbeiter. Und das beweist gar
nichts. Großes Bankgeschäft und Luxuskabine beweist alles.“
„Der Fall liegt eben ganz anders, Mr. Gale. Ich habe Ihnen gesagt, ich
kann nichts für Sie tun. Ich darf nicht einmal etwas für Sie tun.
Papiere darf ich Ihnen nicht geben. Ich persönlich glaube Ihnen, was Sie
mir gesagt haben. Aber wenn die Polizei Sie hierher bringen sollte,
damit wir Sie anerkennen und aufnehmen sollen, leugne ich Sie glatt ab
und bestreite Ihre Staatsangehörigkeit. Ich kann nichts andres tun.“
„Dann kann ich hier einfach untergehen in fremdem Lande.“
„Ich habe nicht die Machtvollkommenheit, Ihnen beizustehen, selbst wenn
ich persönlich gern möchte. Ich werde Ihnen eine Karte für ein Hotel
geben für drei Tage mit voller Verpflegung. Sie dürfen sich nach Ablauf
eine zweite und auch eine dritte holen.“
„Nein, ich danke sehr. Bemühen Sie sich nicht.“
„Vielleicht ist Ihnen besser gedient mit einer Fahrkarte nach der
nächsten größeren Hafenstadt, wo Sie vielleicht ein Schiff bekommen
können, das unter andrer Flagge fährt.“
„Nein, danke. Ich hoffe, meinen Weg allein zu finden.“
„Ja dann –. Good-bye und viel Glück!“
Aber da sind wieder die großen Gegensätze zwischen den amerikanischen
Beamten und den Beamten andrer Länder. Als ich auf der Straße war und
nach einer Uhr blickte, sah ich, daß es fünf Uhr vorbei war. Die
Geschäftsstunden des Konsuls waren um vier Uhr zu Ende; jedoch er hatte
nicht ein einziges Mal irgendein Zeichen von Ungeduld geäußert oder
fühlen lassen, daß seine Zeit längst vorüber war.
Nun erst hatte ich mein Schiff wirklich verloren.
Ade, mein sonniges New Orleans. Good-bye and good luck to ye!
Mädel, mein liebes Mädel in New Orleans, jetzt kannst du warten auf
deinen Jungen; auf dem Jackson Square kannst du sitzen und heulen. Dein
Junge kommt nicht mehr heim. Das Meer hat ihn verschluckt. Gegen Sturm
und Wellen konnte ich kämpfen, mit Farbe und mit harten Fäusten; gegen
Paragraphen, Bleistifte und Papier nicht. Nimm dir beizeiten einen
andern, Liebchen. Verplempere deine rosige Jugend nicht mit Warten auf
den Vaterlandslosen und Nichtgeborenen. Leb’ wohl! Süß waren deine Küsse
und glühend, weil wir keine Heiratslizenz geholt hatten.
Schiet das Mädel. Hoiho! Wind kommt auf. Boys, get all the canvas set.
Alles, was Leinwandfetzen heißt, raus damit und hoch.
12
Express Paris-Limoges. Ich sitze drin und habe keine Karte. Diesmal
wurde kontrolliert. Aber ich verschwand spurlos. Limoges-Toulouse. Ich
sitze drin und habe auch keine Karte.
Was die nur immerfort zu kontrollieren haben. Es muß doch in der Tat zu
viele Eisenbahnschwindler geben, daß so oft kontrolliert wird. Aber die
haben ganz recht, wenn jeder ohne Karte fahren wollte, wer sollte denn
dann die Dividenden bezahlen. Das geht doch nicht. Ich verschwinde
spurlos. Als die Kontrolle vorbei ist, setze ich mich wieder auf meinen
Platz. Plötzlich kommt der Kontrolleur zurück, geht entlang und sieht
mich an. Ich sehe ihn auch an. Ganz dreist. Er geht weiter. Man muß nur
wissen, wie man Kontrolleure anzusehen hat, dann hat man auch schon
gewonnen. Er dreht sich um und kommt auf mich zu.
„Bitte, wo wollten Sie umsteigen?“
Ein ganz gerissener Bursche, dieser Kontrolleur.
Ich verstehe nur das Umsteigen in diesem Augenblick, weil ich die
übrigen Worte erst in Gedanken übersetzen muß. Aber dazu komme ich gar
nicht, denn er sagt gleich darauf: „Bitte, lassen Sie doch mal Ihre
Karte sehen, wenn ich sehr bitten darf.“
Na, Freund, wenn du noch so höflich bist und noch so höflich bittest, es
tut mir sehr leid, ich kann dir deinen Wunsch nicht erfüllen.
„Ich habe es gewußt“, sagt er ganz ruhig und unauffällig. Ich bin
überzeugt, die übrigen Fahrgäste haben gar nicht beachtet, was für eine
Tragödie sich hier abspielt.
Der Mann nimmt sein Notizbuch, schreibt etwas und geht dann weiter.
Vielleicht hat er ein gutes Herz und vergißt mich. Aber in Toulouse auf
dem Bahnhof werde ich schon erwartet. Ohne Blechmusik, aber mit einem
Auto.
Es ist ein sehr gutes Automobil, feuer- und einbruchsicher, und ich kann
während der Fahrt nicht hinausfallen und sehe von meinem Fenster nur
einen Teil der obersten Stockwerke der Häuser, an denen wir
vorübersausen. Es ist ein Spezialauto für Gäste, die man hier
bewillkommnen möchte, denn aller Verkehr hat meinem Auto Platz zu
machen, so daß es unbehindert durchfahren kann. Auf jeden Fall sind die
Autos in Toulouse eine Marke, die ich noch nicht kenne. Weder Ford noch
Dodge Brothers werden hier auf Absatz rechnen können, oder sie müßten
sich den hiesigen Ansprüchen besser anpassen.
Aber ich weiß schon, wo ich landen werde. Wenn mir irgendetwas
merkwürdig vorkommt an den Sitten und Gebräuchen in europäischen
Ländern, dann bin ich immer auf dem Wege zu einer Polizeistation oder
unter den Fittichen von Cops. Ich habe daheim nie in meinem Leben je
etwas mit der Polizei oder mit dem Gericht zu tun gehabt. Hier kann ich
ruhig auf einer Kiste sitzen oder unschuldig im Bett liegen oder über
eine Wiese spazierengehen oder in einem Eisenbahnzuge fahren, immer
lande ich auf einer Polizeistation. Kein Wunder, daß Europa vor die
Hunde geht. Die Leute haben ja gar keine Zeit zu arbeiten, sieben Achtel
ihres Lebens haben sie auf Polizeistationen oder mit Polizisten zu
vergeuden. Darum sind die Leute auch immer so gereizt und machen so gern
Krieg, weil sie sich ewig mit der Polizei herumzanken müssen und die
Polizei sich mit ihnen herumzankt. Wir sollten den europäischen Ländern
keinen Nickel mehr pumpen, sie geben es ja doch bloß aus, um ihre
Polizei noch weiter zu vermehren. Keinen Nickel mehr, no, Sir.
„Von wo kommen Sie?“
Der Hohepriester sitzt wieder vor mir. Sie sind alle gleich. In Belgien,
in Holland, in Paris, in Toulouse. Immer müssen sie fragen, und immer
wollen sie alles wissen. Und selber begeht man immer wieder den großen
Fehler, daß man überhaupt antwortet. Man sollte ganz still sein, gar
nichts sagen und die raten lassen. Dann kämen sie alle bald ins
Irrenhaus, oder sie würden die Folter wieder einführen. Aber würde man
nie antworten, dann würden die Cops ja noch dümmer werden, als sie schon
sind.
Das soll man aber auch erst aushalten, da zu sitzen oder zu stehen und
immerfort gefragt werden und nichts antworten. Das verfluchte Maul redet
ganz von selbst, sobald einem eine Frage entgegengeschleudert wird. Das
macht die lange Gewohnheit. Es ist unerträglich, einen Fragesatz
schwebend in der Luft hängen zu lassen, ohne ihn durch eine Antwort
wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Eine unbeantwortete Frage läßt
einem keine Ruhe, läuft immer hinter einem her, drängt sich in die
Träume und raubt einem die Ruhe zum Arbeiten und zum Denken. Das eine
Wort „Warum?“ mit einem Fragezeichen dahinter ist der Zentralpunkt aller
Kultur, Zivilisation und Entwicklung. Ohne dieses eine Wort sind die
Menschen nichts weiter als Affen, und wenn man den Affen dieses
Zauberwort gibt, werden sie sofort Menschen. Yes, Sir.
„Von wo Sie kommen, will ich wissen!“
Da habe ich nun mal den Versuch gemacht, nicht zu antworten, aber jetzt
halte ich es schon nicht mehr aus. Ich muß ihm etwas erzählen. Soll ich
nun sagen, daß ich von Paris käme? Oder soll ich lieber sagen, ich käme
von Limoges. Wenn ich Limoges sage, machen sie es vielleicht acht Tage
billiger, weil Limoges ja nicht so weit ist wie Paris.
„Ich bin in Limoges eingestiegen.“
„Das ist nicht richtig, Mann, Sie sind in Paris eingestiegen.“
Sieh mal an, wie gut die raten können.
„Nein, ich bin nicht in Paris eingestiegen, sondern nur in Limoges.“
„Aber Sie haben doch hier eine Bahnsteigkarte von Paris in der Tasche.“
Da haben sie also schon wieder meine Taschen durchsucht. Ich habe das
gar nicht gemerkt, weil ich schon so daran gewöhnt bin, daß es mir gar
nicht mehr auffällt.
„Oh, die Bahnsteigkarte habe ich schon lange.“
„Wie lange?“
„Sechs Wochen wenigstens.“
„Das ist aber merkwürdig. Die Karte hat das Datum von gestern
vormittag.“
„Dann ist sie irrtümlicherweise vordatiert worden“, sage ich.
„Offenbar. Also Sie sind in Paris eingestiegen.“
„Aber von Paris bis Limoges habe ich bezahlt.“
„Jedenfalls. Und Sie sind ein so guter Bezahler, daß Sie außer Ihrer
Fahrkarte auch noch die Bahnsteigkarte gekauft haben, die Sie gar nicht
brauchten, wenn Sie eine Fahrkarte hatten. Wenn Sie aber eine Karte bis
Limoges hatten, wo ist dann diese Karte.“
„Die habe ich in Limoges abgegeben,“ antworte ich.
„Dann hätten Sie aber doch eine Bahnsteigkarte von Limoges haben müssen.
Aber lassen wir das. Wollen wir erst einmal die Personalien festhalten.“
Gut, wenn sie nur die Personalien festhalten, das ist mir lieber, als
wenn sie mich mit festhalten.
„Nationalität?“
Eine heikle Frage jetzt. Ich habe so ein Ding nicht mehr, seitdem ich
nicht beweisen kann, daß ich geboren bin. Ich könnte es eigentlich mit
Franzose versuchen. Der Konsul hat mir ja erzählt, daß es Tausende von
Franzosen gäbe, die nicht französisch sprechen können und doch Franzosen
sind, soweit ihre Staatsangehörigkeit in Frage kommt. Glauben wird er es
mir ja sicher nicht. Er wird ja auch Beweise sehen wollen. Wissen möchte
ich nur, für wen es billiger ist, ohne Fahrkarte auf der Eisenbahn zu
fahren, für Franzosen oder für Ausländer? Aber der Ausländer kann ja
denken, in Frankreich brauche man keine Fahrkarten und er habe in gutem
Glauben gehandelt. Geld haben sie in meinen Taschen aber nicht gefunden,
und das ist dann schon verdächtig.
„Ich bin ein Deutscher“, platze ich nun raus; denn mir kam ganz
plötzlich die Idee, daß ich doch mal sehen möchte, was sie mit einem
Boche machen, wenn sie ihn ohne Paß und ohne Fahrkarte in ihrem Lande
finden.
„Also ein Deutscher. Sieh an. Wohl auch noch von Potsdam?“
„Nein, nur von Wien.“
„Das ist Österreich. Aber das ist ja alles dasselbe. Also Deutscher.
Warum haben Sie denn keinen Paß?“
„Den habe ich verloren.“
Nun ging die ganze Reihe wieder herunter. In jedem Lande haben sie genau
dieselben Fragen. Hat einer vom andern abgeschrieben. Erfunden wurden
sie wahrscheinlich in Preußen oder in Rußland, denn alles, was sich um
Einmischung in die Privatverhältnisse eines Menschen handelt, kommt aus
einem der beiden Länder. Da sind die Leute am geduldigsten und lassen
sich alles gefallen, und vor einem blanken Knopf nehmen sie die Mütze
ab. Denn in jenen Ländern ist der blanke Knopf der böse Gott, den man
verehren und anbeten muß, damit er sich nicht rächt.
Zwei Tage später bekam ich vierzehn Tage Gefängnis wegen
Eisenbahnbetrugs. Hätte ich gesagt Amerikaner, so würden sie vielleicht
herausgekriegt haben, daß ich bereits vorbestraft war wegen
Eisenbahnbetrugs, und dann wäre es teurer geworden. Aber meinen Namen
erzählte ich ihnen ja auch nicht. Es hat seine Vorteile, wenn man keinen
Paß und keine Seemannskarte hat, die jemand in den Taschen finden
könnte.
Als die Tage der Vorbereitungen abgelaufen waren, wurde ich der
Arbeitskolonne zugewiesen. Da waren kleine merkwürdige Dinger, die aus
Weißblech gestanzt waren. Wozu die gebraucht wurden, wußte kein Mensch,
nicht einmal die Aufsichtsbeamten wußten es. Manche behaupteten, es sei
ein Teil eines Kinderspielzeugs, andre sagten, es sei ein Teil eines
Panzerschiffes, wieder andre waren überzeugt, daß es zu einem Auto
gehöre, und einige schworen und verwetteten hereingeschmuggelten Tabak,
daß dieser Blechschnipsel ein wichtiges Stück von einem lenkbaren
Luftschiff sei. Ich war der festen Meinung, daß es zu einer
Taucherausrüstung gehören müsse. Wie ich zu dieser Auffassung kam, weiß
ich nicht. Aber die Idee hatte sich in mir festgesetzt, und ich hatte
auch irgendwo einmal gelesen, daß an Taucherausrüstungen eine ganze
Anzahl von Dingen gebraucht würde, die man sonst nirgends gebrauchen
könne.
Von diesen merkwürdigen Blechschnipseln hatte ich immer
hundertvierundvierzig abzuzählen und auf einen Haufen zu legen. Wenn ich
einen Haufen fertig abgezählt und neben mir liegen hatte und einen
andern Haufen anfangen wollte, kam der Aufsichtsbeamte und fragte mich,
ob ich auch ganz genau wüßte, daß dies hundertvierundvierzig
Schnipselchen seien, und ob ich mich auch ja nicht etwa verzählt hätte.
„Ich habe ganz genau gezählt, es sind genau hundertvierundvierzig.“
„Ist das auch ganz bestimmt, kann ich mich ganz bestimmt darauf
verlassen?“
Er sah mich so sorgenvoll an, als er diese Frage an mich stellte, daß
ich aufrichtig zu zweifeln begann, ob das auch wirklich und wahrhaftig
hundertvierundvierzig Schnipselchen seien, und ich sagte, es sei
vielleicht doch besser, ich zähle sie nochmal nach. Darauf sagte der
Beamte, das sollte ich nur tun, es sei auf jeden Fall besser, damit auch
ja kein Irrtum vorkomme; denn wenn sie nicht ganz genau gezählt seien,
so gäbe das eine Mordsschweinerei, und er könnte vielleicht gar seinen
Posten hier verlieren, was ihm sehr unangenehm wäre, weil er drei Kinder
und eine alte Mutter zu versorgen hätte.
Als ich nun das Häufchen das zweite Mal durchgezählt hatte und gefunden
hatte, daß die Summe stimmte, kam gerade wieder der Beamte heran. Ich
sah, daß er sein Gesicht wieder in besorgte Falten legte, und um ihm den
Kummer zu sparen und ihm zu zeigen, wie sehr ich an seinen Sorgen
teilnahm, sagte ich, ehe er Zeit hatte, den Mund aufzutun: „Ich glaube,
ich zähle lieber noch mal nach; ich könnte mich vielleicht doch um einen
oder gar zwei verzählt haben.“
Über sein sorgenvolles Gesicht huschte da ein so verklärtes Lächeln, als
ob ihm jemand erzählt hätte, er bekäme in vier Wochen eine Erbschaft von
fünfzigtausend Franken ausgezahlt.
„Ja, tun Sie das nur, um Gottes willen, zählen Sie lieber nochmal genau
nach. Denn wenn da ein Schnipsel zu viel wäre oder eines zu wenig und
der Herr Direktor würde mich zum Rapport kommandieren, ich weiß nicht,
was ich da täte. Ich würde ganz sicher meinen Posten verlieren, und da
sind die armen Würmer, und meine Frau ist auch nicht ganz wohlauf, und
da ist noch meine alte Mutter. Oh, zählen Sie nur ganz genau
hundertvierundvierzig, genau zwölf Dutzend. Vielleicht zählen Sie die
Schnipselchen überhaupt Dutzendweise, da können Sie sich nicht so leicht
verzählen.“
An dem Tage, als ich entlassen wurde und meine Zeit abgedient hatte,
hatte ich alles in allem drei Häufchen Schnipselchen gezählt. Ich weiß
heute noch nicht, ob ich mich nicht doch vielleicht bei einem verzählt
haben mag. Aber ich hege die stille Hoffnung, daß der treue Beamte und
brave Versorger seiner Familie die drei Häufchen noch einmal zwei Wochen
lang hat nachzählen lassen, so daß ich also nicht die Verantwortung zu
tragen habe, wenn der Mann vielleicht doch zum Rapport kommandiert wird.
Ich bekam vierzig Centimes Arbeitslohn ausbezahlt. Eins ist sicher, wenn
ich noch zweimal ohne Fahrkarte auf einer französischen Bahn fahre und
erwischt werde, muß der französische Staat unweigerlich bankrott machen.
Das hält kein Staat aus, auch wenn er viel günstiger dastände als
Frankreich.
Das möchte ich diesem Staate auch nicht antun, und ich möchte mir auch
nicht nachsagen lassen, daß ich vielleicht gar schuld sei, wenn der
französische Staat seine gepumpten Gelder nicht verzinsen kann.
Darum mußte ich raus aus diesem Lande.
Das heißt, ich will nicht verschweigen, daß es nicht nur meine Sorge um
das Wohlergehen und das geregelte Zinsenbezahlen des französischen
Staates war, was mich veranlaßte, an eine beschleunigte Abreise zu
denken. Bei meiner Entlassung war ich wieder einmal verwarnt worden.
Diesmal sehr ernsthaft. Wäre ich innerhalb vierzehn Tagen nicht raus aus
dem Lande, dann bekäme ich ein Jahr und Deportation nach Deutschland.
Das hätte den armen Staat wieder allerlei gekostet, und ich bekam
aufrichtiges Mitleid mit diesem geplagten Lande.
13
Ich wanderte südlich, auf Pfaden, die so alt sind wie die Geschichte der
europäischen Völker. Ich blieb nun bei meiner neuen Nationalität. Und
wenn mich jemand fragte, sagte ich ganz trocken: „Boche.“ Es nahm mir
niemand übel, ich bekam überall zu essen und überall ein gutes
Nachtquartier, bei jedem Bauern. Es schien, daß ich instinktiv das
Richtige getroffen hatte. Niemand konnte die Amerikaner leiden. Jeder
schimpfte und fluchte auf sie. Sie seien die Räuber, die aus dem Blute
französischer Söhne ihre Dollar gemünzt hätten, und sie seien die
Halsabschneider und Wucherer, die nun aus den Sorgen und Tränen der
übriggebliebenen Väter und Mütter abermals Dollar herausmünzen wollen,
weil sie nie den Rachen vollkriegen könnten, obgleich sie im Golde schon
erstickten. Wenn wir nur einen hier hätten, einen von diesen
amerikanischen Wucherern, wir schlügen ihn mit dem Dreschflegel tot wie
einen alten Hund, weil er wahrhaftig nichts Besseres verdient.
Verflucht nochmal, da habe ich aber Glück gehabt.
„Dagegen die Boches. Gut, wir haben Krieg mit ihnen gehabt, einen
ehrlichen und richtigen Krieg. Wir haben ihnen Elsaß wieder abgenommen.
Da sind sie auch ganz damit einverstanden, das haben sie eingesehen. Nun
aber geht es den armen Teufeln genau so dreckig wie uns. Auch die hat
der amerikanische Hund am Schlafittchen und holt noch den letzten
abgenagten Knochen heraus. Die verhungern ja alle, die armen Boches. Wir
würden ihnen so gern etwas abgeben, aber wir haben ja selber nur noch
das nackte Leben, weil der Teufel von Amerikaner uns schon das Hemd vom
Leibe gezogen hat. Warum ist er überhaupt rübergekommen nach Europa? Uns
zu helfen? Prost Mahlzeit! Um uns den letzten Faden noch vom Leibe zu
ziehen. Denn wir müssen ja alles bezahlen. Wir und die armen Boches.“
„Sieht man ja an Ihnen, wie dreckig es den armen Boches geht. Ganz
verhungert sehen Sie aus. Essen Sie nur tüchtig, langen Sie zu. Nehmen
Sie sich das beste Stück. Wenn es Ihnen nur schmeckt. Wenn sie drüben
alle so verhungert sind wie Sie, dann gute Nacht. Aber wir haben ja
selber nicht viel. Wo wollen Sie denn nun hin? Nach Spanien? Das ist
recht. Das ist vernünftig. Die haben noch etwas mehr als wir. Die haben
keinen Krieg gehabt. Aber die hat ja der Amerikaner auch so reingelegt
mit Kuba und mit den Philippinen. Da sehen Sie es ja schon wieder. Immer
stiehlt er uns arme Europäer aus. Als ob er drüben nicht genug hätte.
Nein, er muß hier stehlen und wuchern kommen. Langen Sie nur tüchtig zu.
Lassen Sie sich durch uns nicht stören, daß wir schon aufhören. Wir
haben ja noch ein bißchen was und können uns wenigstens hin und wieder
mal satt essen. Aber, ihr armen Boches da drüben, euch verhungern ja die
kleinen Würmchen in der Wiege.“
„Und wenn nun gar hier ein armer Teufel sich das Geld zusammengespart
hat und will rüber zu den Amerikanern, um sich ein paar Dollar zu
verdienen, die er seinen Eltern schicken will, da machen sie die Türe
zu, diese Banditen. Erst stehlen sie das Land von den armen Indianern,
und wenn sie es haben, dann lassen sie keinen mehr rein, nur damit sie
ja ganz im Fett ersticken können, die verfluchten Hunde. Als ob sie dem,
der überfährt, was schenken würden. Arbeiten muß er, aber feste. Die
schlechteste Arbeit, die kein Amerikaner anfassen will, die können dann
unsre Jungens machen.“
„Wissen Sie was, Sie könnten eigentlich hier ein paar Wochen ganz gut
arbeiten. Da können Sie sich ordentlich herausfüttern, daß Sie wieder zu
Kräften kommen, denn Spanien ist noch weit. Mon dieu, viel bezahlen
können wir ja nicht, dreißig Franken den Monat, acht Franken die Woche
und die Kost und das Schlafen. Vor dem Kriege war der Lohn nur drei
Franken die Woche, aber es ist ja jetzt alles so sündhaft teuer. Wir
haben auch während des Krieges einen Boche hier gehabt. Einen
Kriegsgefangenen. Er war ein so fleißiger Mann, wir waren alle recht
traurig, als er wieder heim mußte. Sag, Antoine, der Wil’em, der Boche,
der war doch ein sehr fleißiger Mann. Der hat tüchtig gearbeitet. Wir
haben ihn auch alle sehr gern gehabt, und die andern Leute haben auch
immer geredet, daß wir ihn zu gut behandeln, aber wir haben ihm doch
alles gegeben, was wir konnten. Er hat dasselbe Essen gehabt wie wir, da
haben wir keinen Unterschied gemacht ...“
Da arbeitete ich also nun, und ich lernte bald erfahren, daß der Wil’em
wirklich ein tüchtiger Arbeiter gewesen sein muß. Denn ich hörte jeden
Tag ein halbes dutzendmal: „Ich weiß nicht, der Wil’em muß aus einer
ganz andern Gegend gewesen sein als Sie. So können Sie nicht arbeiten
wie der Wil’em. Habe ich nicht recht, Antoine?“
Und Antoine bestätigte: „Ja, er ist sicher aus einer ganz andern Gegend,
denn so kann er nicht arbeiten, wie der Wil’em es konnte. Aber es gibt
wohl auch unter den Boches Unterschiede, genau so wie bei uns.“
Der ewige Vergleich mit dem tüchtigen Wil’em, der sicher mehr von der
Landwirtschaft verstand als ich, und der gewiß auch darum so „tüchtig“
arbeitete, weil er lieber hier bei den Bauersleuten blieb als in das
Internierungslager zurückgeschickt werden oder in Algier Straßen
pflastern wollte, fiel mir bald auf die Nerven. Selbst wenn ich nur halb
soviel gearbeitet hätte, wäre es noch um das Dreifache zuviel gewesen.
So billig bekam der Bauer nie wieder einen Arbeiter. Acht Franken in der
Woche. Andre Bauern hatten zwanzig, fünfundzwanzig, dreißig Franken die
Woche zu zahlen. Ich bekam acht. Ich war ja auch der verhungerte Boche,
der herausgefüttert werden sollte.
Als ich dann abzog, weil ich erklärte, ich müßte nun unbedingt nach
Spanien, ich könne auf keinen Fall mehr länger warten, und vielleicht
käme gar noch die Polizei, die es mir verbieten würde, hier zu arbeiten,
da bekam ich für meine Arbeit von sechs Wochen im ganzen zehn Franken.
Der Bauer sagte mir, daß er nicht mehr Geld habe. Wenn ich vielleicht
nach Neujahr zurückkommen wolle, dann könne er mir den Rest zahlen, weil
er dann das Geld bekäme für die Ernte, aber jetzt habe er weiter kein
Geld. Ich sähe jetzt auch wieder ganz gesund aus, es habe mir doch gut
getan, dieses kräftige Essen, das ich hier bekommen habe, und
totgearbeitet hätte ich mich ja auch nicht, der Wil’em –.
„Ja,“ sagte ich darauf, „der Wil’em war auch aus Westfalen, ich bin aber
aus Südfalen und da braucht man nicht so hart arbeiten, weil alles von
selbst wächst, da ist man so schwere Arbeit nicht gewöhnt.“
„Das ist ja dann ganz verständlich“, sagte der Bauer. „Von Südfalen habe
ich auch schon viel gehört. Das ist doch das Großherzogtum, wo die
vielen Bernsteinbergwerke sind?“
„Richtig,“ sagte ich, „das ist der Landesteil, wo die vielen Hochöfen
sind, in denen der Königsberger Klops geschmolzen wird.“
„Was? Der Königsberger Klops wird aus Eisen gemacht? Ich habe immer
geglaubt, der wird aus gemahlener Steinkohle hergestellt.“
„Das ist der gefälschte. Der wird allerdings aus gemahlener Steinkohle
gemacht“, erwiderte ich. „Da haben Sie durchaus recht, aus gemahlener
Steinkohle mit eingedicktem Schwefelteer. Aber der richtige, der echte
Königsberger Klops, der wird in Hochöfen geschmolzen, der ist viel
härter als der härteste Stahl. Damit haben ja unsre Generale die
Torpedos gefüllt, mit denen sie die Panzerschiffe versenkten. Ich habe
selbst an einem solchen Hochofen gearbeitet.“
„Ihr seid doch schlaue Leute, das muß ich schon sagen“, erwiderte der
Bauer. „Wir haben ja nun den Krieg gewonnen, und das nehmen wir euch
nicht übel. Und der Krieg ist ja jetzt auch vorbei. Warum sollen wir da
noch böse miteinander sein. Dann lassen Sie es sich nur recht gut gehen
in Spanien.“
Gelegentlich will ich doch einen Deutschen fragen, was eigentlich
Königsberger Klops ist. Jeder, den ich gefragt habe, hat mir immer etwas
andres erzählt, aber freilich keiner war ein Deutscher.
14
Die Gegend wurde ziemlich einsam, alles Gebirgsland. Klettern und
Klettern. Die Bauern wurden immer geringer und die Hütten immer
ärmlicher. Wasser reichlich und das Essen knapp und dürftig. Nachts
recht hübsch kalt und selten eine Decke und oft nicht einmal einen Sack.
Der Einmarsch in Sonnenländer ist immer mühselig, das haben nicht nur
einzelne Menschen, sondern ganze Völker erfahren. „Die Grenze ist jetzt
nicht mehr weit“, war mir am Morgen gesagt worden, als ich den Hirten
verließ, in dessen elender Hütte ich geschlafen hatte, und der sein
bißchen Käse, Zwiebeln, Brot und dünnen Wein mit mir geteilt hatte.
Dann war ich auf einer Straße, die an den Bergen hochklomm und wieder
hinunterging in die Täler, nur um abermals hochzuklimmen und wieder
hinunterzuführen.
Und auf dieser Straße kam ich endlich an ein großes hochgewölbtes Tor,
das sehr altertümlich aussah. Zu beiden Seiten des Tores zog sich eine
Mauer hin, die ebenso graugelb und alt aussah wie das Tor. Es schien,
daß diese Mauer ein großes Gut einschlösse. Die Straße führte direkt
unter dem Torbogen her.
Um auf der Straße weiterzukommen, gab es gar keinen andern Weg, als
durch das Tor zu gehen. Ich hoffte, daß die Straße über den Gutshof
führe, an der gegenüberliegenden Seite ein ähnliches Tor sein werde,
durch das man dann wieder auf die Straße komme.
Ich ging drauf los, ging durch das Tor und wanderte geradeaus weiter,
ohne jemand zu sehen.
Plötzlich aber kommen zwei französische Soldaten mit Gewehr und
aufgepflanztem Bajonett aus irgendeinem Winkel hervor, kommen auf mich
zu und fragen mich nach einem Paß. Hier scheinen also sogar die Soldaten
nach der Seemannskarte zu fragen.
Ich erkläre ihnen, daß ich keinen Paß hätte. Dann sagen sie aber, daß
sie nicht meinen Reisepaß sehen wollten, der kümmere sie nicht, sie
möchten lediglich meinen Paß sehen, der vom französischen
Kriegsministerium in Paris ausgefertigt sei und mir das Recht gebe, hier
in den Festungswerken ohne Begleitung herumzulaufen.
„Das habe ich nicht gewußt, daß dies hier Festungswerke sind“, sage ich,
„ich bin immer auf der Straße geblieben und habe geglaubt, das sei der
Weg zur Grenze.“
„Die Straße zur Grenze biegt eine Stunde vorher rechts ab. Da war ein
Schild. Haben Sie das nicht gesehen?“
„Nein. Das Schild habe ich nicht gesehen.“
Ich erinnere mich jetzt, daß ich eine Straße rechts abbiegen sah. Ich
erinnere mich aber auch, daß ich eine ganze Anzahl von Straßen in den
letzten Tagen rechts und links abbiegen sah. Aber ich hielt es für
besser, immer in der geraden Richtung fortzugehen, die nach Süden führt.
Das war für mich die Zielrichtung. Ich habe so viele Schilder gesehen.
Aber was gingen mich denn die Schilder alle an? Wenn sie die Namen eines
Ortes nannten, so wußte ich ja nicht, ob der Ort näher zur Grenze lag
oder weiter. Am Ende wäre ich immer im Kreise herumgelaufen und nie nach
Spanien gekommen, wenn ich allen Schildern nachgelaufen wäre. Eine
Karte, auf der ich die Ortsnamen hätte ablesen können, besaß ich ja
nicht.
„Wir müssen Sie zum wachthabenden Offizier bringen.“ Die beiden Soldaten
nahmen mich in ihre Mitte und führten mich ab.
Der wachthabende Offizier war ein noch junger Mann. Er wurde sehr ernst,
als er hörte, was los sei.
Dann sagte er: „Sie müssen erschossen werden. Innerhalb vierundzwanzig
Stunden. Laut Kriegsgrenzgesetz. Artikel –“, hier nannte er eine Nummer,
die mich nicht interessierte.
Als der junge Offizier das sagte, wurde er ganz bleich und konnte kaum
die Worte hervorbringen. Er mußte sie hervorwürgen.
Ich durfte mich setzen, aber die beiden Soldaten mit aufgepflanztem
Bajonett blieben neben mir stehen. Der junge Offizier nahm einen Bogen
Papier her und versuchte zu schreiben. Aber er war zu aufgeregt und
mußte es sein lassen. Endlich nahm er sich aus seinem silbernen Etui
eine Zigarette. Er wollte sie in den Mund stecken, aber sie fiel ihm
herunter, und ich sah, wie seine Hände zitterten. Um es zu verbergen,
nahm er abermals eine Zigarette heraus und brachte sie nun mit einer
ganz steifen langsamen Armbewegung in den Mund. Das Zündholz ging ihm
dreimal aus. Ehe er das vierte anstrich, fragte er mich: „Rauchen Sie?“
Dann drückte er auf einen Knopf, und es kam eine Ordonnanz, der er den
Befehl gab, zwei Pakete Zigaretten aus der Kantine zu holen, auf seinen
Namen. Ich bekam dann die Zigaretten und durfte rauchen, während die
beiden Soldaten neben mir standen wie Götzenbilder und sich nicht
rührten.
Als sich der Offizier beruhigt hatte, nahm er ein Buch, suchte darin
herum und las einzelne Stellen. Dann nahm er wieder ein andres Buch und
las auch in diesem, verschiedene Stellen aufsuchend und sie mit andern
vergleichend.
Es war merkwürdig. Ich, der ich doch das Opfer war, empfand nicht eine
Spur von Aufregung. Als der Offizier mir sagte, daß ich innerhalb
vierundzwanzig Stunden erschossen werden müsse, machte das auf mich
keinen tieferen Eindruck, als ob er gesagt hätte: „Machen Sie, daß Sie
hier herauskommen, aber schleunigst.“
Es ließ mich kalt wie Pflasterstein.
Im Grunde und ganz ohne Scherz gesprochen, war ich ja schon lange tot.
Ich war nicht geboren, hatte keine Seemannskarte, konnte nie im Leben
einen Paß bekommen, und jeder konnte mit mir machen, was er wollte, denn
ich war ja niemand, war offiziell überhaupt gar nicht auf der Welt,
konnte infolgedessen auch nicht vermißt werden. Wenn mich jemand
erschlug, so war kein Mord verübt worden. Denn ich fehlte nirgends. Ein
Toter kann geschändet, beraubt werden, aber nicht ermordet.
Das freilich sind konstruierte Einbildungen, die gar nicht möglich, ja
sogar ein Zeichen von Wahnsinn wären, wenn es keinen Bureaukratismus,
keine Grenzen, keine Pässe gäbe. Im Zeitalter des Staates sind noch ganz
andre Dinge möglich und können noch ganz andre Dinge aus dem Universum
ausgewischt werden als ein paar Menschen. Die intimsten, die
ursprünglichsten Gesetze der Natur können ausgewischt und abgeleugnet
werden, wenn der Staat seine innere Macht vergrößern und vertiefen will
auf Kosten des einen, des einzelnen, der das Fundament des Universums
ist. Denn das Universum ist aufgebaut aus Individuen, nicht aus Herden.
Es besteht durch das Gegeneinanderwirken von Individuen. Und es bricht
zusammen, wenn die freie Beweglichkeit der einzelnen Individuen
beschränkt wird. Die Individuen sind die Atome des Menschengeschlechts.
Vielleicht auch blieb die angekündigte Erschießung darum ohne jeden
Eindruck auf mich, weil ich das schon einmal durchgekostet hatte und
damals mit allen Grauen, die damit verknüpft sind. Aber Wiederholungen
schwächen ab, selbst wenn es sich um wiederholte Todesurteile handelt.
Einmal davongekommen, kommst du immer davon.
Was auch das Motiv meiner schwachen Empfindung gegenüber der angedrohten
Todesstrafe sein mochte, jedenfalls war es mir ganz ausgelaugter
Kaffeesatz.
„Haben Sie Hunger?“ fragte jetzt der Offizier.
„Aber tüchtig, das können Sie mir glauben“, sagte ich.
Der Offizier wurde über und über rot und fing laut an zu lachen.
„Sie haben Nerven!“ sagte er unter Lachen. „Haben Sie geglaubt, ich
scherze?“
„Womit?“ fragte ich. „Doch nicht etwa mit dem angebotenen Essen? Das
wäre mir gar nicht lieb.“
„Nein,“ antwortete der Leutnant, und er wurde ein wenig ernster, „mit
dem Erschießen.“
„Das habe ich so ernst genommen, wie Sie es meinten. Wortwörtlich. Wenn
das in Ihrem Gesetz steht, dann müssen Sie das auch tun. Aber Sie haben
doch auch gesagt, laut Gesetz innerhalb vierundzwanzig Stunden. Jetzt
ist doch erst eine Viertelstunde um, und Sie denken doch nicht etwa, daß
ich die übrigen dreiundzwanzig und dreiviertel Stunden hungere, nur des
Erschießens wegen. Wenn Sie mich erschießen wollen, können Sie mir auch
etwas Gutes zu essen geben. Das will ich Ihrem Staat denn doch nicht
schenken.“
„Sie sollen was Gutes zu essen haben. Werde ich anordnen. Sonntagsessen
für Offiziere, Doppelportion.“
Da will ich doch sehen, was französische Offiziere Sonntags essen. Mich
zu vernehmen oder mich nach meiner Seemannskarte zu fragen, hielt der
Offizier für nicht nötig. Endlich hatte ich einmal einen Menschen
getroffen, der nichts über meine Privatverhältnisse wissen wollte. Nicht
einmal meine Taschen wurden durchsucht. Aber der Leutnant hatte recht,
wenn das Erschießen feststand, so lohnte es nicht die Mühe, Vernehmungen
zu machen und Taschen durchzuwühlen. Das Resultat war ja immer dasselbe.
Es dauerte eine gute Weile, ehe ich mein Essen bekam. Dann wurde ich in
einen andern Raum geführt, wo ein Tisch stand, der mit einer Tischdecke
bedeckt war, auf der die Gerätschaften in verlockender Weise aufgestellt
waren, die mir das Essen erleichtern und verschönern sollten. Es war nur
für eine Person gedeckt, aber Teller, Gläser, Messer, Gabeln und Löffel
waren in einer solchen Menge vorhanden, daß sie gut für sechs Personen
reichen konnten.
Meine Wachtposten waren inzwischen abgelöst worden; ich hatte zwei neue
bekommen. Einer stand jetzt an der Tür und einer hinter meinem Stuhl.
Beide mit aufgepflanztem Bajonett, Gewehr bei Fuß. Draußen vor den
Fenstern sah ich aber auch noch zwei auf und ab patrouillieren mit
geschultertem Gewehr. Ehrenwachen.
Sie brauchten keine Angst zu haben, sie hätten ruhig Karten spielen
gehen können in die Kantine; denn solange ich nicht das Sonntagsessen
für Offiziere, Doppelportion, innerhalb meines Leders hatte, wäre ich
nicht einen Schritt fortgegangen.
Nach den vielen verschiedenen Messern, Gabeln, Löffelchen, großen
Tellern, kleinen Tellern, Glastellerchen und großen und kleinen Wein-
und Likörgläsern zu urteilen, die vor mir standen, mußte ich ja etwas
erwarten, wovon mich auch eine dreifache Todesstrafe nicht hätte
verscheuchen können. Verglichen mit jenem Napf, in dem ich meine
belgische Henkersmahlzeit vorgesetzt bekommen hatte, stand mir hier kein
Kartoffelsalat mit Leberwurst bevor. Ich hatte nur eine einzige Sorge,
und das war die, ob ich auch alles werde essen können, ob ich nicht etwa
werde irgend etwas liegen lassen müssen, das mir die letzte Stunde
meines Daseins mit den Folterqualen bitterer Reue anfüllen könnte, weil
ich unausgesetzt daran denken müßte, wie es nur möglich war, daß ich
gerade das liegen ließ.
Endlich wurde es ein Uhr und endlich auch einundeinhalb Uhr. Und da tat
sich die Tür auf und das Fest begann.
Zum ersten Male in meinem Leben lernte ich erfahren, was für Barbaren
wir sind, und was für kultivierte Leute die Franzosen sind, und ich
lernte ferner erfahren, daß die Nahrungsmittel des Menschen nicht
gekocht, gebraten, geschmort, geröstet oder gebacken werden dürfen,
sondern daß sie zubereitet werden müssen, und daß dieses Zubereiten eine
Kunst ist, ach nein, keine Kunst, es ist eine Gabe, die einem Begnadeten
und Auserlesenen in die Wiege gelegt wird, wodurch er Genie wird.
Auf der Tuscaloosa war das Essen gut, vorzüglich. Aber nach dem Essen
konnte ich immer sagen, was es gegeben hatte. Das konnte ich hier nicht.
Was es hier gab, und wie es schmeckte, das war wie ein Gedicht, bei dem
man träumt, und bei dem man in Seligkeiten versinkt, und wenn man später
gefragt wird: „Wovon handelte es denn?“ man zu seinem größten Erstaunen
bekennen muß, daß man darauf nicht geachtet habe.
Der Künstler, der dieses Gedicht geschaffen hatte, war fürwahr ein
großer Künstler. Er ließ kein Gefühl der Reue übriggebliebener
Verszeilen wegen in mir zurück. Jedes Gericht war so sorgfältig
abgewogen und abgeschätzt in allen seinen Nähr- und Genußwerten, daß man
kein Gabelspitzchen voll übrigließ, den nächsten Gang mit erhöhtem Genuß
erwartete, und wenn er kam, mit Fanfaren zu begrüßen gedachte. Dieses
Fest dauerte etwa einundeineviertel Stunde oder mehr, es hätte dauern
können vier Stunden lang, und ich hätte nichts übriggelassen. Immer
wieder kam noch ein solcher Bissen, dann noch ein solcher Happen, dann
wieder eine solche kandierte Frucht, dann wieder eine Creme, und nach
jedem Gang wollte man einen weiteren sehen. Als aber dann endlich alles
vorüber war – Schönes geht ja viel schneller zu Ende als Trübes – als
auch alle die Liköre, Weine, Weinchen und Tröpfchen den Weg aller guten
Tropfen gegangen waren, als endlich der Kaffee, süß wie ein Mädel am
ersten Abend, heiß wie sie am siebenten und schwarz wie die Flüche der
Mutter, wenn sie es erfährt, vorüber war, fühlte ich mich aufgefüllt wie
ein Sack, aber ich fühlte mich wohlig und paradiesisch satt mit einer
leisen, zart angedeuteten Sehnsucht auf das Abendessen. Meine Herren!
Das war ein Essen, das nenne ich Kunstwerk. Dafür lasse ich mich jeden
Tag zweimal mit Freuden erschießen.
Ich rauchte eine Importe, aus der ich alle Düfte und Sonnentänze
Westindiens sog. Dann legte ich mich auf das Feldbett, das in dem Raume
stand, und sah den blauen Wolken nach.
Oh, was ist das Leben schön! Wunderschön! So schön, daß man sich mit
einem dankbaren Lächeln auf den Lippen erschießen läßt, ohne durch
Murren oder Wimmern die Harmonie des Lebens zu stören.
15
Einige Stunden waren vergangen, als der Leutnant hereinkam. Ich stand
auf, aber er sagte mir, daß ich nur ruhig liegen bleiben möge, er wolle
mir nur mitteilen, daß der Kommandant nicht erst morgen abend
zurückkommen werde, wie er angesagt hätte, sondern schon morgen früh,
also vor Ablauf meiner vierundzwanzig Stunden. Er habe dadurch die
Möglichkeit, die Angelegenheit dem Kommandeur selbst zu übertragen. –
„Freilich“, fügte er hinzu, „an Ihrem Schicksal ändert das nichts. Das
Kriegsgesetz ist hier sehr eindeutig und läßt keine Lücke offen.“
„Der Krieg ist doch aber vorbei, Mr. Leutnant“, sagte ich.
„Gewiß. Aber wir befinden uns noch im Kriegszustande, und wahrscheinlich
solange, bis alle Verträge endgültig geregelt sind. Unsre Grenzforts
haben ihre Reglements noch nicht um einen Punkt geändert, sie sind zur
Stunde genau noch so, wie sie während der Dauer des Krieges waren. Die
spanische Grenze wird wegen der bedrohlichen Verhältnisse in unsrer
nordafrikanischen Kolonie augenblicklich vom Kriegsministerium als
größere Gefahrzone bezeichnet als unsre östliche Grenze.“
Mich interessierte das sehr wenig, was er mir über Gefahrzonen und
Reglements erzählte. Was kümmerte mich denn die französische Politik.
Mich interessierte nach meinem gesunden Mittagsschlaf ganz etwas andres,
und das wollte ich ihn auch gleich wissen lassen.
Er wollte gehen, sah mich aber noch an und fragte dann lächelnd: „Ich
hoffe, Sie fühlen sich den Umständen angemessen entsprechend wohl. Ist
Ihnen das Essen bekommen?“
„Ja, danke.“
Nein, ich konnte es nicht ungesagt lassen:
„Verzeihen Sie, Herr Leutnant, bekomme ich auch wieder Abendessen?“
„Natürlich. Glauben Sie denn, wir lassen Sie verhungern. Selbst wenn Sie
auch ein Boche sind, verhungern lassen wir Sie doch nicht. In wenigen
Minuten bekommen Sie Ihren Kaffee.“
Ich druckste ein wenig, man möchte doch gegen seinen Gastgeber nicht
unhöflich sein. Aber schiet, was braucht ein zum Tode Verurteilter noch
länger höflich sein.
„Entschuldigen Sie, Herr Leutnant, bekomme ich wieder Offiziersessen.
Doppelportion?“
„Selbstverständlich. Was dachten Sie denn? Das ist in der Verordnung. Es
ist Ihr letzter Tag. Wir werden Sie doch nicht mit einem schlechten
Andenken an unser Fort zu – zum – also hinwegschicken.“
„Seien Sie unbesorgt, Herr Leutnant, ich behalte das Fort in gutem
Andenken. Sie können mich ruhig erschießen. Nur nicht gerade in dem
Augenblick, wo das Offiziersessen, Doppelportion, auf dem Tisch steht.
Das wäre eine barbarische Handlung, die ich Ihnen nie vergessen würde,
und die ich oben auch gleich bei meiner Ankunft melden müßte.“
Eine Weile sah mich der Offizier an, als hätte er mich nicht richtig
verstanden. Es war ja auch nicht so leicht, sich aus meinen Brocken
klarzumachen, was ich meinte. Aber plötzlich begriff er und verstand er.
Und da lachte er so, daß er zum Tisch kommen mußte, um sich
festzuhalten. Die beiden Soldaten hatten wohl etwas verstanden, jedoch
den wahren Sinn nicht begriffen. Sie standen ganz starr da wie Puppen.
Aber von dem Lachen ihres Leutnants wurden sie schließlich doch
angesteckt und lachten mit, ohne zu wissen, worum es ging, und wer die
Kosten dieses Lachens trug. –
Der Kommandeur war sehr früh zurückgekommen, und um sieben Uhr morgens
wurde ich ihm vorgeführt.
„Haben Sie denn die Schilder nicht gesehen?“
„Was für Schilder?“
„Nun, jene Schilder, auf denen geschrieben steht, daß dies hier
militärisches Gebiet ist, und daß, wer innerhalb dieses Gebietes
angetroffen wird, nach Kriegsrecht behandelt wird. Das bedeutet, daß Sie
ohne Gerichtsverhandlung zum Tode verurteilt sind und erschossen
werden.“
„Das weißt ich bereits.“
„Also die Schilder haben Sie nicht gesehen?“
„Nein. Und wenn ich sie gesehen habe, so habe ich nicht darauf geachtet.
Ich kann auch gar nicht lesen, was darauf steht. Lesen kann ich es zwar,
aber nicht verstehen.“
„Sie sind Holländer, nicht wahr?“
„Nein, ich bin ein Boche.“
Wenn ich gesagt hätte, ich bin der Teufel und komme soeben auf direktem
Wege aus der Hölle, um den Kommandanten persönlich abzuholen, er hätte
kein erstaunteres Gesicht machen können.
„Ich habe geglaubt, Sie seien Holländer. Sie sind Offizier in der
deutschen Armee oder sind es wenigstens gewesen, nicht wahr?“
„Nein, ich war nie Soldat in der deutschen Armee.“
„Warum nicht?“
„Ich bin ein C. O., ein Mann, der die ganze Zeit, während der Krieg
dauerte, im Gefängnis saß.“
„Wegen Spionage?“
„Nein, weil die Deutschen glaubten, ich würde den Krieg nicht erlauben.
Und da hatten sie solche Angst, daß sie mich und noch ein halbes Dutzend
Leute, die den Krieg auch nicht erlauben wollten, ins Gefängnis
steckten.“
„Da hätten Sie und das halbe Dutzend Ihrer Mitgefangenen den Krieg also
verhindern können?“
„Wenigstens die Boches glaubten das von mir. Vorher hatte ich nicht
gewußt, daß ich ein so starker Mann bin. Aber dann erfuhr ich es, weil
sie mich ja sonst nicht hätten einsperren brauchen.“
„In welchem Festungsgefängnis haben Sie denn da gesessen?“
„In – in – in Südfalen.“
„In welcher Stadt?“
„In Deutschenburg.“
„Den Ort habe ich nie gehört.“
„Ja, da wird nur wenig davon gesprochen. Das ist eine ganz geheime
Festung, die sogar die Boches selber nicht kennen.“
Der Kommandant wandte sich nun an den Leutnant: „Wußten Sie, daß der
Mann ein Deutscher ist?“
„Jawohl, er hat es mir sofort gesagt.“
„Sofort gesagt, ohne erst Ausflüchte zu machen?“
„Jawohl.“
„Hat er einen photographischen Apparat gehabt, Karten, Bilder,
Zeichnungen, Pläne oder etwas derart?“
„Nein, offen nicht. Ich habe ihn nicht durchsuchen lassen, er war immer
unter Aufsicht und konnte nichts verbergen.“
„Das war richtig. Wir werden sehen, was er hat.“
Nun kamen zwei Korporale, und die durchsuchten mich. Aber sie hatten
kein Glück. Alles, was sie fanden, waren ein paar Franken, ein
zerrissenes Taschentuch, ein kleines Kämmchen und ein Stück Seife. Die
Seife trug ich bei mir als Legitimation, daß ich einer zivilisierten
Rasse angehöre, denn an meinem Äußern hätte man das nicht immer erkennen
können. Und eine Legitimation mußte ich ja schließlich doch wohl haben.
„Schneiden Sie die Seife auf,“ wurde dem Korporal angeordnet. Aber auch
inwendig war nichts andres als Seife. Der Kommandant hatte offenbar
geglaubt, daß innen Schokolade wäre.
Dann mußte ich Stiefel und Strümpfe ausziehen, und die Sohlen meiner
Stiefel wurden durchsucht.
Aber wenn schon alle die vielen Polizisten das nicht gefunden hatten,
was die Leute alle gern von mir haben wollten, und die hatten doch auch
gut verstanden, wie durchsucht werden muß, so fanden es die Korporale
noch viel weniger. Wenn die Leute doch nur sagen wollten, was sie immer
suchen, dann würde ich ihnen ja gern sagen, ob ich es habe oder nicht.
Dann könnten sie sich die Mühe sparen. Freilich dann hätten sie wieder
keine Arbeit.
Es muß ein sehr wertvolles Ding sein, was die in allen Ländern in meinen
Taschen suchen. Vielleicht die Pläne einer verschütteten Goldmine oder
eines versandeten Diamantenfeldes. Der Kommandant hätte sich beinahe
verraten, denn er sprach schon von Plänen; aber rasch fiel ihm ein, daß
er das große tiefe Geheimnis, das nur Cops und Soldaten wissen dürfen,
nicht verraten darf.
„Ich verstehe nur eins nicht,“ wandte sich der Kommandant wieder an den
Leutnant, „wie es möglich war, daß er die Posten an den Außenwerken
passieren konnte, ohne gesehen zu werden und ohne aufgehalten zu
werden?“
„Um diese Stunde ist nur wenig Verkehr auf den zuführenden Straßen. Ich
hatte, dem Befehl des Herrn Kommandanten Folge leistend, für die Zeit
Exerzieren in einem gegenüberliegenden Werk angeordnet, und es blieben
hier nur Patrouillen zurück, die an den Straßen die Zugänge zu
beobachten haben. Er ist dann sicher zwischen zwei Patrouillen
durchgeschlüpft. Wenn ich mir erlauben darf, möchte ich aus dieser
Erfahrung heraus dem Herrn Kommandanten den Vorschlag unterbreiten, die
Übungen nur in drittel Formationsstärke abzuhalten, um die Wachen nicht
zu schwächen.“
„Wir hatten geglaubt, es sei keine Annäherung möglich. Ich hatte mich an
die gegebenen Vorschriften zu halten, deren Lücken ich, wie Sie sich
wohl erinnern, rapportiert habe. Ich habe nun eine starke Stellung,
unsern Entwurf durchzudrücken. Das ist etwas wert. Meinen Sie nicht?“
Was mich das eigentlich anging, welchen Entwurf sie für besser hielten.
Warum sie nur das alles in meiner Gegenwart ausmachten? Aber warum
sollten sie auch ein Blatt vor den Mund nehmen, vor einem Toten?
„Wo kommen Sie denn her?“ fragte mich nun der Kommandant.
„Von Limoges.“
„Wo sind Sie denn über die Grenze gegangen?“
„In Straßburg.“
„In Straßburg? Das liegt doch gar nicht an der Grenze.“
„Ich meine da, wo die amerikanischen Truppen liegen.“
„Sie meinen im Moselgebiet? Dann sind Sie also im Saargebiet
herübergekommen?“
„Ja, das wollte ich sagen. Ich habe Straßburg mit Saarsburg
verwechselt.“
„Was haben Sie denn hier die ganze Zeit in Frankreich gemacht?
Herumgebettelt?“
„Nein. Ich habe gearbeitet. Bei Bauern. Und wenn ich wieder ein wenig
Geld hatte, habe ich mir eine Fahrkarte gekauft und bin wieder ein Stück
weitergefahren, bis ich wieder bei einem Bauern gearbeitet habe und
wieder eine Fahrkarte kaufen konnte.“
„Wo wollten Sie denn jetzt hin?“
„Nach Spanien.“
„Was wollen Sie denn in Spanien?“
„Sehen Sie, Herr Kommandeur, nun kommt bald der Winter, und ich habe
kein Feuerungsmaterial angespart. Da habe ich denn gedacht, ich gehe
besser beizeiten nach Spanien, da ist es auch im Winter schön warm, und
da braucht man kein Feuerungsmaterial, da kann man sich ruhig in die
Sonne setzen und den ganzen Tag Apfelsinen und Weintrauben essen. Die
wachsen da ja wild im Chausseegraben, man braucht sie nur abzupflücken,
und die Leute sind froh, wenn man sie abpflückt, weil das für die
Spanier nur Unkraut ist, das sie nicht haben wollen.“
„Also nach Spanien wollen Sie?“
„Wollte ich. Jetzt geht es ja nicht mehr.“
„Warum?“
„Weil ich doch erschossen werde.“
„Wenn ich Sie jetzt nicht erschießen lasse und Ihnen sage, Sie gehen auf
dem schnellsten Wege zurück nach Deutschland, und Sie können frei gehen
unter der Bedingung, daß Sie sofort nach Deutschland zurückkehren,
würden Sie mir das versprechen?“
„Nein.“
„Nein?“ Er sah den Leutnant merkwürdig an.
„Lieber erschießen. Nach Deutschland gehe ich nicht. Ich bezahle keine
Schulden mit. Aber davon abgesehen. Ich habe mir vorgenommen, daß ich
nach Spanien gehen will, und ich gehe nach Spanien und nirgendwo anders
hin. Wenn ich wohin gehen will, gehe ich da hin. Wenn ich erschossen
werde, kann ich nicht hingehen. Spanien oder den Tod. Nun können Sie mit
mir machen, was Sie wollen.“
Nun lachte der Kommandant, und auch der Leutnant lachte. Und der
Kommandant sagte lachend: „Lieber Junge, das hat Sie gerettet. Ich will
Ihnen nicht sagen, warum, damit es nicht mißbraucht wird. Aber Sie haben
mich davon überzeugt, daß ich Sie frei gehen lassen darf, ohne daß ich
meine Pflicht verletze. Was sagen Sie, Leutnant?“
„Ich halte die Auffassung des Herrn Kommandanten für die allein
richtige, und ich finde nichts, was mein Gewissen oder meine Ehre
belasten könnte.“
Der Kommandant sagte nun: „Sie werden jetzt sofort unter Bedeckung zur
Grenze gebracht und der spanischen Grenzwache übergeben. Ich brauche Sie
wohl nicht noch ausdrücklich darauf aufmerksam zu machen, daß, wenn Sie
je wieder hier in der Nähe, auch wenn es nicht auf rein militärischem
Gebiete ist, gesehen werden sollten, daß dann keine Frage mehr besteht,
in welcher Form sich Ihr Schicksal innerhalb der nächsten zwei Stunden
nach dem Ergreifen gestaltet. Haben Sie genau verstanden, was ich damit
meine?“
„Jawohl, Herr Kommandant.“
„Gut, das ist alles. Sie gehen sofort.“
Ich blieb aber stehen und trat von einem Fuß auf den andern.
„Noch was?“ fragte der Kommandant.
„Darf ich eine Frage an den Herrn Leutnant richten?“
Nicht nur der Kommandant schien zu erstarren, sondern erst recht der
Leutnant. Der Kommandant warf einen Blick auf den Leutnant, als ob er
ihn schon vor dem Kriegsgericht sähe. Er vermutete richtig: der Leutnant
war in der Tat im Bunde mit mir.
„Bitte, richten Sie Ihre Frage an den Herrn Leutnant.“
„Verzeihen der Herr Leutnant, ich habe noch nicht gefrühstückt.“
Der Kommandant und der Leutnant platzten in ein schallendes Gelächter
aus, und der Kommandant brüllte rüber zum Leutnant: „Nun ist wohl kein
Zweifel mehr, daß der Mann unverdächtig ist.“
„Der Zweifel war mir gestern schon geschwunden,“ sagte der Leutnant,
„als ich ihn fragte, ob er Hunger habe.“
„Gut, Sie sollen auch ein Frühstück haben“, sagte der Kommandant noch
immer lachend.
Aber ich hatte noch etwas auf dem Herzen.
„Herr Leutnant, da es doch schon mein letztes Essen, mein Abschiedsessen
ist, darf ich um Offiziersfrühstück, Doppelportion, bitten? Ich möchte
doch das Fort so gern in einem recht guten Andenken behalten.“
Der Kommandant und der Leutnant brüllten vor Lachen, daß das ganze Fort
zu erzittern schien.
Und unter seinem bärenhaften Lachen schrie der Kommandant die Worte
hervor, die er nur mühselig in Reihe halten konnte, weil sie immer
wieder von seinem schreienden, brüllenden Lachen abgehackt wurde: „Das
ist der echte verhungerte Boche, wenn er schon am Ersaufen ist, wenn ihm
schon der Strick um den Hals gelegt ist, will er erst noch essen und
essen und nochmal essen. Diese verfressene Teufelsbrut kriegen wir nie
unter.“
Ich hoffe, daß die Boches für diese gute Meinung, die ich zwei
französischen Offizieren über sie eingeflößt habe, mir ein anständiges
Denkmal errichten werden. Nur nicht in der Siegesallee, dann lieber
nicht. Da würde ich den schlechten Geschmack im Munde nie los, und
unzulängliche Revolutionen würden mir als Gespenster erscheinen.
16
Zwei Mann mit aufgepflanztem Seitengewehr begleiteten mich. So wanderte
ich in das sonnige Spanien ein. Mit allen militärischen Ehren. Die
Soldaten brachten mich zur Grenzwache, und dort wurde ich den spanischen
Grenzbeamten übergeben.
„Papiere hat er keine“, sagte der mich begleitende Korporal. – „Es
aleman?“ fragte der Spanier.
„Si, Senjor,“ sagte ich. „Seien Sie willkommen!“ antwortete darauf der
Spanier, und zu dem Korporal sagte er, es sei gut, er würde mich
hierbehalten. Der Korporal sah nach seiner Uhr und schrieb dann etwas
auf einen Rapportzettel. Dann machten die beiden Soldaten kehrt und
zogen ab. – „Good-bye, France!“
Die Grenze Frankreichs entschwand meinen Blicken.
Der spanische Beamte schleifte mich nun gleich in die Wachtstube, wo ich
von allen Beamten sofort umringt wurde, die mir alle die Hand
schüttelten und mich umarmten. Einer wollte mich sogar auf die Backen
küssen. „Mach Krieg mit dem Amerikaner, und du findest keinen bessern
Freund auf der ganzen Erde als den Spanier!“ Hätten sie gewußt, wer ich
bin, daß ich ihnen Kuba und die Philippinen abgenommen und manches andre
zugefügt habe, würden sie mich zwar nicht erschlagen, und sie würden
mich auch nicht zurückgeschickt haben in jenes Fleckchen, wo ich mich
nie wieder sehen lassen durfte, aber sie wären kühl gewesen wie nasse
Jacken und gleichgültig wie altes Bettstroh.
Erst kriegte ich einmal Wein eingeschenkt, dann gab es Eier und feinen
Käse. Dann gab es zu rauchen und wieder Wein zu trinken und wieder Eier
und feinen Käse, und dann wurde mir gesagt, nun gäbe es bald
Mittagessen. Die Beamten, die draußen im Dienst waren, kamen nach und
nach herein. Und nun ging keiner mehr hinaus. Ganze Schmugglerzüge
hätten jetzt kommen können, das wäre ihnen ganz gleichgültig gewesen.
Hier war ein Deutscher, und dem hatte man zu zeigen, was man von
Deutschland und den Deutschen dachte. Und um das auch ganz genau zu
zeigen, wurde ihm zu Ehren aller Dienst eingestellt.
Äußerlich betrachtet, war ich kein glorreiches Beispiel des so sauberen
und adretten deutschen Landes und seiner so frischgewaschenen und
adretten Bewohner. Seit meine Tuscaloosa abgesegelt war, hatte ich weder
meinen Anzug, noch meine Stiefel, noch meinen Hut gewechselt, und meine
Wäsche sah so aus, wie sie eben aussehen kann, wenn man sie an Bächen
und Flüssen, an denen man vorüberkommt, mit mehr oder weniger Seife mehr
oder weniger sorgfältig wäscht, dann auf einen Strauch hängt, selbst ein
Bad nimmt und endlich so lange wartet, bis die Wäsche wieder trocken
ist, oder bis man sie noch naß anziehen muß, weil es zu regnen anfängt.
Mein Aussehen schien aber der beste Beweis für sie zu sein, daß ich
direkt ohne Aufenthalt von Deutschland kam. So hatten sie sich
vorgestellt, wie ein Deutscher, der den Krieg verloren hat, den die
Amerikaner bis aufs Hemd ausgeplündert und die Engländer ausgehungert
haben, aussehen müsse. Und meine Erscheinung deckte sich mit ihren
Vorstellungen so vollkommen, daß, wenn ich gesagt hätte, ich bin
Amerikaner, sie mich für einen unverschämten Lügner angesehen hätten,
der sie zum Narren halten wolle.
Daß jemand, der direkt ohne Aufenthalt aus Deutschland kommt, einen
entsetzlichen Hunger haben muß, der sich nicht innerhalb fünf Jahre
stillen läßt, war ihnen klar. Beim Mittagessen bekam ich so viel
aufgehäuft, daß ich die fünf Jahre Hungerns ohne Mühe einholen konnte.
Dann brachte einer ein Hemd, einer Stiefel, einer einen Hut, einer ein
halbes Dutzend Strümpfe, einer Taschentücher, einer Kragen, einer
seidene Schlipse, einer eine Hose, einer eine Jacke, und so ging das in
einem fort. Ich mußte alles annehmen und mußte alles, was ich bis jetzt
besessen hatte, fortwerfen.
Nachmittags wurden Karten gespielt. Diese Karten kannte ich nicht, aber
sie lehrten es mich, und ich spielte bald so gut, daß ich ihnen ein
hübsches Sümmchen abgewann, was sie sehr erfreute und sie veranlaßte,
immer weiterzuspielen.
Durch diese Station war noch nie ein Deutscher gekommen, und deshalb
wurde ich als der Vertreter, als der erste echte Vertreter jenes hier so
sehr beliebten Volkes entsprechend gefeiert.
O sonniges Spanien! Das erste Land, das ich traf, wo man nicht nach
meiner Seemannskarte fragte, wo man nicht meinen Namen, mein Alter,
meine Körperlänge, meine Fingerabdrücke wissen wollte. Wo man nicht
meine Taschen durchsuchte, wo man mich nicht bei Nacht zu einer Grenze
schleppte und mich hinausjagte wie einen ausgedienten Hund, wo man nicht
wissen wollte, wieviel Geld ich habe, und wovon ich die letzten Monate
gelebt hätte.
Nein, sie steckten mir die Taschen noch voll, damit endlich einmal
jemand in meinen Taschen etwas finden möge. Den ersten Tag war ich in
der Wache, die erste Nacht mußte ich im Hause des einen Beamten
schlafen, den darauffolgenden Tag wurde ich in seinem Hause verpflegt.
Am Abend wurde ich von einem andern abgeholt. Und nie wollte mich einer
herausgeben, bei jedem sollte ich eine Woche bleiben. Das gab aber der,
der jetzt an der Reihe war, nicht zu. Und als die Reihe herum war und
wieder von vorn anfangen sollte, kamen die Bewohner des ganzen
Grenzörtchens der Reihe nach an und erhoben Anspruch auf mich, und ich
hatte jeden Tag bei einem andern Bürger zuzubringen. Die Konkurrenz, daß
ich von jedem fortgehen sollte mit dem Gefühl, er habe mich bei weitem
besser bewirtet als der Nachbar, zwang mich, eines Nachts die Flucht zu
ergreifen. Ich bin fest davon überzeugt, die Leute alle behaupten heute,
eine solche Undankbarkeit hätten sie nicht von mir erwartet. Aber der
Tod durch Erschießen oder Erhängen war ja ein Lustspiel gegenüber dem
qualvollen Tode, der mich hier erwartete, und dem ich durch nichts
andres als durch eine nächtliche Flucht entgehen konnte. Durch solche
Mißverständnisse werden Menschen verdorben. Ich lebe in ihrer Erinnerung
als jemand, der sicher ein entlaufener Zuchthaussträfling gewesen sein
müsse, weil er sich so heimlich zur Nachtzeit aus dem Staube machte. Es
ist durchaus möglich, wenn wieder ein fremder Mann dorthin kommt,
diesmal vielleicht ein echter Deutscher, daß ihm kaum eine warme Suppe
vorgesetzt wird, oder wenn sie ihm gegeben wird, dann mit hochgezogenen
Augenbrauen und mit einer Miene, die deutlich sagt: Verhungern lassen
wir keinen, und wenn es der Satan selber wäre. Aus Liebe kann nicht nur
Haß werden, sondern, was viel schlimmer ist, aus Liebe kann Sklaverei
werden. Hier war sie Sklaverei mit Totschlag. Nicht einmal auf den Hof
konnte ich gehen, ohne daß mir sofort ein Familienmitglied nachgelaufen
kam mit der besorgten Frage, ob ich auch weiches Papier hätte. Yes, Sir.
Das kann kein Mensch ertragen oder nur ein Paralytiker. Hätte ich eine
Andeutung gemacht, daß ich abreisen wolle, die Leute hätten mich in
Ketten gelegt. Ich denke, daß ein Vernünftiger unter jenen Leuten lebt,
der meine Untat in einem milderen Lichte sehen wird.
17
Sobald es mir in Sevilla zu langweilig wurde, zog ich ab nach Cadiz, und
sobald mir in Cadiz die Luft nicht mehr bekam, wanderte ich wieder nach
Sevilla, und wenn mir in Sevilla die Nächte wieder nicht gefielen,
machte ich mich auf nach Cadiz. Dabei verging der Winter, und meine
Sehnsucht nach New Orleans konnte ich glatt für einen Quarter verkaufen,
ohne daß ich Gewissensbisse empfunden hätte. Warum muß es denn gerade
New Orleans sein?
Ich hatte auch nicht ein winziges Papier mehr in der Tasche als an jenem
weit zurückliegenden Tage, an dem ich in dieses Land eingezogen kam. Und
nie interessierte sich jemals ein Cop um meine Papiere oder um mein
Woher, Wohin oder Wozu. Die hatten andre Sorgen. Paßlose arme Teufel
waren ihre geringste Sorge. Wenn ich kein Schlafgeld für die Herberge
hatte und mich in irgendeine Ecke legte, so lag ich am andern Morgen
genau noch so ruhig und unschuldig da, wie ich mich am Abend hingelegt
hatte. Und hundertmal war der Cop vorbeigewandert, und hundertmal hatte
er gut aufgepaßt, daß mich auch niemand etwa aus Versehen stehlen
möchte. Ich wage gar nicht daran zu denken, was aus andern Ländern wohl
werden würde, wenn ein armer Bursche oder gar eine ganze Familie in
einem Torweg schliefe oder auf einer Bank die Nacht verbrächte, ohne
verhaftet zu werden und wegen Herumtreibens und Obdachlosigkeit im
Gefängnis oder im Arbeitshaus zu verschwinden. Deutschland würde sicher
sofort von einem Erdbeben und England von einer Sintflut vernichtet
werden, wenn der Mann, der es wagt, obdachlos zu sein, nicht verhaftet
und ordentlich verknackst wird. Denn es gibt eine ganze Anzahl von
Ländern, wo obdachlos und mittellos zu sein ein Verbrechen ist; und es
sind zufällig dieselben Länder, wo ein tüchtiger Raubzug, bei dem man
nicht erwischt wird, kein Verbrechen ist, sondern die erste Stufe, um
ein geachteter Bürger zu werden.
Es kam vor, daß ich auf einer Bank lag und ein Cop mich aufweckte, um
mir zu sagen, daß es gleich regnen würde, und daß ich besser täte, unter
jenen Torweg da drüben zu gehen oder in den Schuppen am andern Ende der
Straße, wo Stroh sei, wo ich besser schlafen könnte, und wo es nicht
hineinregne.
Wenn ich hungrig war, ging ich in einen Bäckerladen und sagte dem Manne
oder der Frau, daß ich kein Geld hätte, dafür aber um so mehr Hunger,
und ich bekam Brot. Niemand verekelte mir das Dasein mit der
langweiligen Frage: „Warum arbeiten Sie nicht, Sie sind doch ein starker
gesunder Bursche!“
Das hätten sie als grobe Unhöflichkeit angesehen. Denn wenn ich nicht
arbeitete, so mußte ich wohl meine guten Gründe dafür haben; und diese
Gründe aus mir herauszuforschen, hielten sie für unanständig.
Was gingen da für Schiffe raus! Manchen Tag gleich ein halbes Dutzend.
Sicher war da Arbeit auf dem einen oder dem andern. Aber ich sorgte mich
nicht darum. Ich lief der Arbeit nicht nach. Warum auch? Der spanische
Frühling war da.
Um Arbeit sollte ich mich sorgen? Ich war auf der Welt, ich lebte, ich
war lebendig, ich atmete die Luft. Das Leben war so wundervoll schön,
die Sonne war so golden und so warm, das Land so märchenhaft lieblich,
alle Menschen so freundlich, auch wenn sie in Lumpen gingen, alle Leute
so höflich, und über alles das war so viel echte Freiheit. Kein Wunder,
das Land hatte ja an dem Kriege für die Freiheit und die Demokratie der
Welt nicht teilgenommen. Deshalb hatte der Krieg hier die Freiheit nicht
gewonnen und die Menschen hatten sie nicht verloren.
Es ist so unerhört lächerlich, daß alle die Länder, die von sich
behaupten, sie seien die freisten Länder, in Wahrheit ihren Bewohnern
die geringste Freiheit gewähren und sie das ganze Leben hindurch unter
Vormundschaft halten. Verdächtig ist jedes Land, wo so viel von Freiheit
geredet wird, die angeblich innerhalb seiner Grenzen zu finden sei. Und
wenn ich bei einer Einfahrt in den Hafen eines großen Landes eine
Riesenstatue der Freiheit sehe, so braucht mir niemand zu erzählen, was
hinter der Statue los ist. Wo man so laut schreien muß: Wir sind ein
Volk von freien Menschen! da will man nur die Tatsache verdecken, daß
die Freiheit vor die Hunde gegangen ist, oder daß sie von
Hunderttausenden von Gesetzen, Verordnungen, Verfügungen, Anweisungen,
Reglungen und Polizeiknüppeln so abgenagt worden ist, daß nur noch das
Geschrei, das Fanfarengeschmetter und die Freiheitsgöttinnen
übriggeblieben sind. In Spanien spricht kein Mensch von Freiheit, und in
einem andern Lande, wo man auch nicht von Freiheit spricht, habe ich
einmal das Wort Unfreiheit erwähnen hören. Dieses Wort fiel bei einer
Riesendemonstration. Die Demonstration, an der die ganze Bevölkerung
teilnahm, wo ehrsame Bürger sich nicht fürchteten, hinter den Flaggen
der Kommunisten und Anarchisten zu gehen, und die Kommunisten sich nicht
für zu vornehm hielten, hinter den Flaggen des Heimatlandes zu
marschieren, war ein Protest gegen die Polizei, die versuchte, nach
preußischem Muster eine Art Meldepflicht der Bewohner einzuführen. Das
heißt, sie hatte nur vorgeschlagen, daß jeder Bürger einmal im Jahre
seine Adresse auf der Polizei angeben sollte, seinen Namen, sein Alter
und seinen Beruf. Aber die Bevölkerung witterte sofort den Pferdefuß und
wußte beim ersten Wort, daß dies nur der Anfang der Meldepflicht sei.
Es gibt heute keinen Menschen auf der Erde, der nicht wüßte, was
Deutschland bedeutet. Der Krieg mit England und Amerika war die beste
Reklame für Deutschland und für deutsche Arbeit. Daß Preußen ein Land
ist, wissen nur wenige Menschen auf Erden. Wenn man in Amerika und in
vielen andern Ländern das Wort „Preußen“ hört, ist es nie mit dem Lande
Preußen oder mit seinen Bewohnern verknüpft, sondern es ist ein Synonym
für eine Abwürgung der Freiheit und für polizeiliche Bevormundung.
Als ich in Barcelona war, kam ich eines Tages an einem großen Gebäude
vorbei, und ich hörte Schreien, Heulen und Wimmern von Menschen aus
jenem Gebäude dringen.
„Was ist denn da los?“ fragte ich einen Mann, der gerade vorüberging.
„Das ist das Militärgefängnis“, sagte er mir.
„Aber warum schreien denn die Leute da so herzzerreißend?“
„Die Leute? Aber das sind doch die Kommunisten.“
„Die brauchen doch nicht zu schreien, wenn sie Kommunisten sind.“
„Ja, verstehen Sie denn nicht? Die werden jetzt geprügelt und
gefoltert.“
„Warum denn aber?“
„Das sind doch Kommunisten.“
„Das haben Sie mir nun schon dreimal erzählt.“
„Darum werden sie doch totgeschlagen. Abends werden sie dann
rausgeschafft und vergraben.“
„Sind denn das Verbrecher?“
„Nein, aber Kommunisten.“
„Darum werden sie gefoltert und totgeschlagen?“
„Ja, die wollen alles anders machen. Denen ist das alles nicht gut
genug. Die wollen uns zu Sklaven machen, daß wir nicht mehr tun dürfen,
was wir wollen. Der Staat soll alles allein machen, und wir sollen nur
noch alle Arbeiter des Staates sein. Das wollen wir aber nicht. Wir
wollen arbeiten, wann wir wollen, wie wir wollen, wo wir wollen, und was
wir wollen. Und wenn wir nicht arbeiten, sondern verhungern wollen, so
wollen wir auch nicht, daß sich da jemand hereinmischt. Aber die
Kommunisten wollen sich in unser ganzes Leben hineinmischen, und der
Staat soll alles kommandieren. Ganz recht, daß man sie totschlägt.“
Soll ich darum Spanien verdammen? Ich denke nicht daran. Jedes Zeitalter
und jedes Land, mag es noch so zivilisiert sein, hat seine
Christenverfolgungen, seine Ketzerverbrennungen und Hexenfolterungen. In
Amerika werden die Ketzer nicht besser behandelt als in Spanien. Das
Traurige, das Beklagenswerte, aber echt Menschliche ist, daß diejenigen,
die gestern noch selber die Verfolgten waren, heute die bestialischsten
Verfolger sind. Und unter den bestialischen Verfolgern sind heute auch
schon die Kommunisten. Die Nachdränger, die Weiterdränger werden immer
verfolgt. Der Mann, der vor fünf Jahren in Amerika eingewandert ist und
gestern sein zweites Bürgerpapier erhalten hat, ist heute der Mann, der
am wildesten schreit: „Macht die Grenzen fest zu, laßt niemand mehr
herein.“ Und doch sind sie alle nur Einwanderer und Söhne von
Einwanderern, der Präsident nicht ausgeschlossen ...
Warum soll ich der Arbeit nachlaufen? Da steht man vor dem, der die
Arbeit zu vergeben hat, und wird behandelt wie ein zudringlicher
Bettler. „Ich habe jetzt keine Zeit, kommen Sie später wieder.“ Wenn der
Arbeiter aber einmal sagt: „Ich habe jetzt keine Zeit oder keine Lust,
für Sie zu arbeiten“, dann ist es Revolution, Streik, Rüttelung an den
Fundamenten des Gemeinwohls, und die Polizei kommt und ganze Regimenter
von Miliz rücken an und stellen die Maschinengewehre auf. Fürwahr, es
ist manchmal weniger beschämend, um Brot zu betteln als um Arbeit zu
fragen. Aber kann der Skipper seinen Eimer allein fahren, ohne den
Arbeiter? Kann der Ingenieur seine Lokomotiven allein bauen, ohne den
Arbeiter? Aber der Arbeiter hat mit dem Hute in der Hand um Arbeit zu
betteln, muß dastehen wie ein Hund, der geprügelt werden soll, muß auf
den blöden Witz, den der Arbeitvergebende macht, lachen, obgleich ihm
gar nicht zum Lachen zumute ist, nur um den Skipper oder den Ingenieur,
oder den Meister, oder den Vorarbeiter oder wer immer das Machtwort „Sie
werden eingestellt!“ zu sagen die Befugnis hat, bei guter Laune zu
halten.
Wenn ich so untertänig um Arbeit betteln muß, um sie zu erhalten, kann
ich auch um übriggebliebenes Mittagessen in einem Gasthof betteln. Der
Hotelkoch behandelt mich nicht so wegwerfend, wie mich schon Leute
behandelt haben, bei denen ich um Arbeit nachfragte.
Also wozu der Arbeit nachrennen, wenn die Sonne so golden scheint,
überall ein Platz zum Schlafen ist und alle Menschen freundlich und
höflich sind, kein Polizist etwas von mir erfahren will, und kein Cop
meine Taschen durchsucht nach dem verlorengegangenen Rezept, wie man
biegsames Glas machen könne.
Ich bekam Appetit auf Fisch, und ich dachte, die einfachste Art, Fisch
zu essen, ist, ihn zu haben; und um ihn zu haben, mußte ich ihn fangen.
Brot, Suppe und ein Hemd konnte man sich schon leicht verschaffen; aber
um Angelgerätschaften betteln zu gehen, das schien mir doch zu modern zu
sein. Ich paßte deshalb auf, als ein Passagierschiff ankam und die
Reisenden das Zollhaus verließen. Da bekam ich einen Koffer in die Hand
gedrückt, und als ich diesen Koffer seinem Besitzer im Hotel wieder
ablieferte, bekam ich drei Peseta in die Hand ausbezahlt.
Mit diesem Geld ging ich in einen Laden und kaufte eine Angelschnur und
Haken. Das machte so ziemlich einen Peseta aus. So nebenbei erzählte ich
dem Verkäufer, daß ich ein Seemann sei, der sein Schiff verloren habe.
Da lachte der Verkäufer, wickelte meine Sachen recht sorgfältig in
Papier und überreichte sie mir mit einem „Favor!“ Ich wollte nach meinem
Zahlzettel greifen, aber der Verkäufer lächelte, zerriß mit einer
eleganten Geste den Zettel, warf ihn mit einer andern eleganten Geste
über seine Schulter hinweg, verbeugte sich höflich und sagte: „Ist
bezahlt, danke sehr! Viel Vergnügen beim Fischen, mein Herr.“
Und in diesem Lande sollte ich hinter der Arbeit herlaufen? Dieses Land
sollte ich verlassen? Ich wäre ja nicht wert, daß mich die spanische
Sonne bescheint.
18
Ich saß auf der Kaimauer und hielt meine Schnur ins Wasser. Kein Fisch
biß an, obgleich ich sie so gut mit Blutwurst fütterte, die ich von
einem holländischen Schiff mitgebracht hatte, wo ich zum Abkochen, zum
Essen mit der Mannschaft, gewesen war. Dieses „Abkochen gehen“ auf die
Schiffe, das Mitessen mit der Mannschaft eines Schiffes, das im Hafen
liegt, ist auch nicht immer eine sehr würdige Sache. Der Arbeiter, der
gute Arbeit hat oder wenigstens glaubt, in guter Stellung zu sein, fühlt
sich gegenüber dem Arbeiter, der keine Arbeit hat, zuweilen sehr
überlegen. Und diese Überlegenheit läßt er den Arbeitslosen auch fühlen.
Der Arbeiter ist des Arbeiters größter Teufel.
„Na, ihr Beachcombers, ihr Herumtreiber, habt ihr wieder nischt zu
fressen? Da wollt ihr wohl wieder hier raufkommen auf unsern Kasten, und
da sollen wir euch wohl wieder was zu fressen geben, hä? Aber bloß zwei
dürfen rauf. Ihr macht uns zu viel Schweinerei.“
Da durften wir dann nicht in das Quartier kommen, oft genug. Nein, wir
mußten vor der Tür stehenbleiben. Dann schütteten die Mitproletarier
alles, was sie auf den Tellern übrighatten, und was sie manchmal schon
im Munde gehabt hatten, in die große Blechschüssel, in der die Suppe
geholt worden war, dann schoben sie uns die Schüssel raus, und wir
mußten auf dem Verdeck essen, wo wir auf dem Boden zu hocken hatten.
Wenn wir dann um einen Löffel bitten mußten – ich hatte, durch lange
Erfahrung gewitzigt, immer meinen eignen in der Tasche –, dann sagten
sie, Löffel bekämen wir nicht. Wir fischten dann mit den Fingern in dem
Brei herum. Oder aber sie warfen uns ein paar Löffel zu und warfen sie
so geschickt, daß sie in den Brei fielen, so daß wir sie mit unsern
dreckigen Fingern herausfischen mußten, was den Leuten ein höllisches
Vergnügen zu bereiten schien.
Und diese Mannschaften waren noch nicht die schlimmsten. Da waren
welche, die uns hinunterjagten vom Schiff, weil wir Spitzbubengesindel
seien. Oder andre, die vor unsern Augen die schönsten Schüsseln voll
Fleisch, Gemüse und Kartoffeln ins Meer schütteten und ganze Brote
hinterher warfen, nur um uns zu ärgern. Es war dann zuweilen ganz
lieblich zu erleben, wenn einer oder der andre durch irgendeinen Umstand
entweder entlassen wurde oder achtern abgekantet war, dann mit uns an
der Beach, am Ufer lag, mit uns dann zum Abkochen gehen mußte und dabei
lernte, wie gut es tut, in der Weise von seinen eignen Klassengenossen
behandelt zu werden.
Nicht alle waren so. Ich habe manchen Peseta freiwillig von
Schiffsproleten bekommen, habe ganze Büchsen voll Corned Beef oder
Leberwurst oder Blutwurst bekommen, Büchsen voll Gemüse, ganze Kilo
Kaffee von den Köchen, ganze Brote, Kuchen und Puddings. Einmal zwölf,
sage und wiederhole zwölf gebratene Hühnchen, von denen ich zehn selber
wegwerfen mußte, weil ich sie nicht essen und nicht verwahren konnte,
denn ich hatte ja keinen Eisschrank in meiner Hosentasche. Alles, was
man besitzt auf der Welt, hat man bei sich und hat man an sich.
Wenn man in spanischen, afrikanischen, ägyptischen, indischen,
chinesischen, australischen und südamerikanischen Häfen an der Beach
liegt, lernt man allerlei Menschen kennen und allerlei Methoden, mit
deren Hilfe man sich am Leben erhält. Aber niemand läßt einen mit
solcher Kaltblütigkeit verhungern wie in vielen Fällen der Arbeiter. Und
der Arbeiter der eignen Nationalität ist der schlimmste aller Teufel.
Während ich als Amerikaner von den amerikanischen Schiffen
heruntergejagt wurde von der Mannschaft, habe ich als Deutscher auf
französischen Schiffen wie ein Fürst gelebt. Die Mannschaft lud mich
ausdrücklich ein, zu jedem Frühstück, zu jedem Mittagessen und zu jedem
Abendessen auf dem Schiff zu erscheinen, solange es im Hafen, es war in
Barcelona, läge. Und ich bekam das Beste, was nur ins Quartier kam,
während mir auf deutschen Schiffen Mannschaften gleich auf der
Falltreppe mit einem großen Schild entgegensprangen „Zutritt verboten!“
Die deutschen Schiffe sind die einzigen Schiffe, die ich kenne, die
zuweilen ein großes Schild im Hafen aushängen mit der Inschrift „Zutritt
verboten!“ in deutscher Sprache und in der Sprache des Landes, in dessen
Hafen sie liegen. Yes, Sir.
Als ich in Barcelona lag, wurde mir erzählt, in Marseille lägen viele
amerikanische Schiffe, die keine Mannschaft bekommen könnten, weil zu
viele ausgerückt seien. Die Mannschaft eines Kohlendampfers nahm mich
mit nach Marseille. Aber es war falscher Alarm. Es lag auch nicht ein
einziges amerikanisches Schiff im Hafen, und auf den paar andern, die
dort lagen, war auch nichts zu machen.
Ganz verzweifelt schlich ich durch die Gassen im Hafenviertel. Ich ging
in eine Hafenkneipe, wo viele Seeleute verkehren, um zu sehen, ob ich
nicht vielleicht einen Bekannten treffen möchte, der mir aushelfen
könnte; denn ich hatte keinen Copper in meiner Tasche.
Als ich hineinkam und mich umsah nach einem Stuhl, näherte sich mir die
Kellnerin, ein nettes junges Mädchen, und fragte, was ich trinken wolle.
Ich sagte ihr, ich hätte kein Geld und wolle nur sehen, ob nicht ein
Bekannter drin sei, von dem ich vielleicht etwas bekommen könne. Sie
fragte mich, was ich sei. Ich sagte: „Deutscher Seemann.“