LIED EINES AMERIKANISCHEN SEEMANNS

MÄDEL, HEUL DOCH NICHT SO SEHR,

WART’ AUF MICH AM JACKSON SQUARE

IM SONN’GEN NEW ORLEANS

IM LIEBEN LOUISIANA

MEIN MÄDEL GLAUBT, ICH LIEG IM MEER,

SIE STEHT NICHT MEHR AM JACKSON SQUARE

IM SONN’GEN NEW ORLEANS

IM LIEBEN LOUISIANA

DOCH ICH LIEG NICHT AN EINEM RIFF,

ICH FAHRE AUF DEM TOTENSCHIFF

SO FERN VOM SONN’GEN NEW ORLEANS

SO FERN VOM LIEBEN LOUISIANA

1

Wir hatten eine volle Schiffsladung Baumwolle von New Orleans

’rübergebracht nach Antwerpen mit der S. S. Tuscaloosa.

Sie war ein feines Schiff. Verflucht nochmal, das ist wahr. First rate

steamer, made in U. S. A. Heimatshafen New Orleans. Oh, du sonniges,

lachendes New Orleans, so ungleich den nüchternen Städten der vereisten

Puritaner und verkalkten Kattunhändler des Nordens! Und was für

herrliche Quartiere für die Mannschaft. Endlich einmal ein Schiffbauer,

der den revolutionären Gedanken gehabt hatte, daß die Mannschaft auch

Menschen seien und nicht nur Hände. Alles sauber und nett. Bad und viel

saubere Wäsche und alles moskitodicht. Die Kost war gut und reichlich.

Und es gab immer saubere Teller und geputzte Messer, Gabeln und Löffel.

Da waren Niggerboys, die nichts andres zu tun hatten, als die Quartiere

sauberzuhalten, damit die Mannschaft gesund bliebe und bei guter Laune.

Die Kompanie hatte endlich entdeckt, daß sich eine gutgelaunte

Mannschaft besser bezahlt macht als eine verlotterte.

Zweiter Offizier? No, Sir. Ich war nicht Zweiter Offizier auf diesem

Eimer. Ich war einfacher Deckarbeiter, ganz schlichter Arbeiter. Sehen

Sie, Herr, Matrosen gibt es ja kaum noch, werden auch gar nicht mehr

verlangt. So ein modernes Frachtschiff ist gar kein eigentliches Schiff

mehr. Es ist eine schwimmende Maschine. Und daß eine Maschine Matrosen

zur Bedienung braucht, glauben Sie ja gewiß selbst nicht, auch wenn Sie

sonst nichts von Schiffen verstehen sollten. Arbeiter braucht diese

Maschine und Ingenieure. Sogar der Skipper, der Kapitän, ist heute nur

noch ein Ingenieur. Und selbst der A. B., der am Ruder steht und noch am

längsten als Matrose angesehen werden konnte, ist heute nur noch ein

Maschinist, nichts weiter. Er hat nur die Hebel auszulösen, die der

Rudermaschine die Drehungsrichtung angeben. Die Romantik der

Seegeschichten ist längst vorbei. Ich bin auch der Meinung, daß solche

Romantik nie bestanden hat. Nicht auf den Segelschiffen und nicht auf

der See. Diese Romantik hat immer nur in der Phantasie der Schreiber

jener Seegeschichten bestanden. Jene verlogenen Seegeschichten haben

manchen braven Jungen hinweggelockt zu einem Leben und zu einer

Umgebung, wo er körperlich und seelisch zugrunde gehen mußte, weil er

nichts sonst dafür mitbrachte als seinen Kinderglauben an die

Ehrlichkeit und an die Wahrheitsliebe jener Geschichtenschreiber.

Möglich, daß für Kapitäne und Steuerleute eine Romantik einmal bestanden

hat, für die Mannschaft nie. Die Romantik der Mannschaft ist immer nur

gewesen: Unmenschlich harte Arbeit und eine tierische Behandlung.

Kapitäne und Steuerleute erscheinen in Opern, Romanen und Balladen. Das

Hohelied des Helden, der die Arbeit tat, ist nie gesungen worden. Dieses

Hohelied wäre auch zu brutal gewesen, um das Entzücken derer

wachzurufen, die das Lied gesungen haben wollten. Yes, Sir.

Ich war nur eben gerade schlichter Deckarbeiter, das war alles. Hatte

alle Arbeit zu machen, die vorkam. Richtig gesagt, war ich nur ein

Anstreicher. Die Maschine läuft von selbst. Und da die Arbeiter

beschäftigt werden müssen und andre Arbeit nur in Ausnahmefällen ist,

wenn nicht Laderäume gereinigt werden sollen oder etwas repariert werden

muß, so wird immer angestrichen. Von morgens bis abends, und das hört

nie auf. Da ist immer etwas, das angestrichen werden muß. Eines Tages

wundert man sich dann ganz ernsthaft über dieses ewigwährende

Anstreichen, und man kommt ganz nüchtern zu der Auffassung, daß alle

übrigen Menschen, die nicht zur See fahren, nichts andres tun, als Farbe

anfertigen. Dann empfindet man eine tiefe Dankbarkeit gegen diese

Menschen, weil, wenn sie sich eines Tages weigerten, noch weiter Farbe

zu machen, der Deckarbeiter nicht wüßte, was er tun soll, und der Erste

Offizier, unter dessen Kommando die Deckarbeiter stehen, in Verzweiflung

geriete, weil er nicht wüßte, was er nun den Deckhands kommandieren

soll. Sie können doch ihr Geld nicht umsonst bekommen. No, Sir.

Der Lohn war ja nicht gerade hoch. Das könnte ich nicht behaupten. Aber

wenn ich fünfundzwanzig Jahre lang keinen Cent ausgäbe, jede Monatsheuer

sorgfältig auf die andre legte, nie ohne Arbeit wäre während der ganzen

Zeit, dann könnte ich nach Ablauf jener fünfundzwanzig Jahre

unermüdlichen Arbeitens und Sparens mich zwar nicht zur Ruhe setzen,

könnte aber nach weiteren fünfundzwanzig Jahren Arbeitens und Sparens

mich mit einigem Stolz zur untersten Schicht der Mittelklasse zählen. Zu

jener Schicht, die sagen darf: Gott sei gelobt, ich habe einen kleinen

Notpfennig auf die Seite gelegt für Regentage. Und da diese Volksschicht

jene gepriesene Schicht ist, die den Staat in seinen Fundamenten erhält,

so würde ich dann ein wertvolles Mitglied der menschlichen Gesellschaft

genannt werden können. Dieses Ziel erreichen zu können, ist fünfzig

Jahre Sparens und Arbeitens wert. Das Jenseits hat man sich dann

gesichert und das Diesseits für andre.

Ich machte mir nichts daraus, mir die Stadt anzusehen. Ich mag Antwerpen

nicht leiden. Da treiben sich so viele schlechte Seeleute und ähnliche

Elemente herum. Yes, Sir.

Aber die Dinge im Leben spielen sich nicht so einfach ab. Sie nehmen nur

selten Rücksicht auf das, was man leiden mag und was nicht. Es sind

nicht die Felsen, die den Lauf und den Charakter der Welt bestimmen,

sondern die kleinen Steinchen und Körnchen.

Wir hatten keine Ladung bekommen, und wir sollten in Ballast heimgehen.

Die ganze Mannschaft war in die Stadt gegangen am letzten Abend vor der

Heimfahrt. Ich war ganz allein im Forecastle. Des Lesens war ich müde,

des Schlafens war ich müde, und ich wußte nicht, was ich mit mir

anfangen sollte. Wir hatten um zwölf heute schon Feierabend gemacht,

weil dann bereits die Wachen für die Fahrt verteilt wurden. Das war auch

der Grund, warum alle in die Stadt gegangen waren, um noch einen Kleinen

mitzunehmen, den wir zu Hause nicht haben konnten wegen der gesegneten

Prohibition.

Bald lief ich zur Reeling, um ins Wasser zu spucken, bald wieder lief

ich in die Quartiere. Von dem ewigen Anstarren der leeren Quartiere und

dem ewigen Herunterglotzen auf die langweiligen Hafenanlagen, Speicher,

Stapelhäuser, auf die öden Kontorlöcher mit ihren trüben Fenstern,

hinter denen man nichts sah als Briefordner und Haufen von beschriebenen

Geschäftspapieren und Frachtbriefen, wurde mir ganz erbärmlich zumute.

Es war so unsagbar trostlos. Es ging auf den Abend zu, und es war kaum

eine Menschenseele in diesem Teil des Hafens zu sehen.

Es überkam mich eine ganz dumme Sehnsucht nach dem Gefühl, festen Boden,

Erde unter meinen Füßen zu haben, eine Sehnsucht nach einer Straße und

nach Menschen, die schwatzend durch die Straße schlendern. Das war es:

Ich wollte eine Straße sehen, just eine Straße, nichts weiter. Eine

Straße, die nicht von Wasser umgeben ist, eine Straße, die nicht

schwankt, die ganz fest steht. Ich wollte meinen Augen ein kleines

Geschenk machen, ihnen den Anblick einer Straße gönnen.

„Da hätten Sie früher kommen sollen,“ sagte der Offizier, „ich gebe

jetzt kein Geld.“

„Ich brauche aber unbedingt zwanzig Dollar Vorschuß.“

„Fünf können Sie haben, nicht einen Cent mehr.“

„Mit einem Fünfer kann ich gar nichts anfangen. Ich muß zwanzig haben,

sonst bin ich morgen krank. Wer soll denn dann vielleicht die Galley

anstreichen? Vielleicht wissen Sie das? Ich muß zwanzig haben.“

„Zehn. Aber das ist nun mein letztes Wort. Zehn oder überhaupt nichts.

Ich bin gar nicht verpflichtet, Ihnen auch nur einen Nickel zu geben.“

„Gut, geben Sie zehn. Das ist zwar ein ganz gemeiner Geiz, der hier an

mir verübt wird, aber wir müssen uns ja alles gefallen lassen, das ist

man nun schon gewöhnt.“

„Unterschreiben Sie die Quittung. Wir werden es morgen in die Listen

übertragen. Dazu habe ich jetzt keine Lust.“

Da hatte ich meinen Zehner. Ich wollte ja überhaupt nur zehn haben.

Hätte ich aber gesagt zehn, so würde er auf keinen Fall mehr als fünf

gegeben haben, und mehr als zehn konnte ich nicht gebrauchen, weil ich

nicht mehr ausgeben wollte; denn was man einmal in der Tasche hat, kehrt

nicht mehr heim, wenn man erst in die Stadt geht.

„Betrinken Sie sich nicht. Das ist hier ein ganz böser Platz“, sagte der

Offizier, als er die Quittung an sich nahm.

Das war eine unerhörte Beleidigung. Der Skipper, die Offiziere und die

Ingenieure betranken sich zweimal des Tages, solange wir nun schon hier

lagen, aber mir wird gepredigt, mich nicht zu betrinken. Ich dachte gar

nicht daran. Warum auch? Es ist so dumm und so unvernünftig.

„Nein,“ gab ich zur Antwort, „ich nehme niemals einen Tropfen von diesem

Gift. Ich weiß, was ich meinem Lande selbst in der Fremde schuldig bin.

Yes, Sir. Ich bin Abstinenzler, knochentrocken. Können sich drauf

verlassen, das bin ich. Ich glaube an die heilige Prohibition.“ Raus war

ich und runter vom Eimer.

2

Es war eine lange schöne Sommerdämmerung. Ich schlurkste zufrieden mit

der Welt durch die Straßen und konnte mir nicht denken, daß irgendjemand

auf der Welt sei, dem diese Welt nicht gefallen möchte. Ich sah mir die

Schaufenster an, und ich sah mir die Leute an, denen ich begegnete.

Hübsche Mädels, verflucht nochmal, alles, was recht ist. Manche freilich

beachteten mich gar nicht; die aber, die mich anlachten, waren gerade

die hübschesten. Und wie nett sie lachen konnten! Dann kam ich zu einem

Hause, dessen Front schön vergoldet war. Es sah so lustig aus, das ganze

Haus und die Vergoldung. Die Türen waren weit offen und sagten: „Komm

nur rein, Freund, just für eine kleine Weile, setz’ dich, mach dir’s

bequem und vergiß deine Sorgen.“

Ich hatte überhaupt keine Sorgen, aber es war doch drollig, daß jemand

zu einem sagte, man möge die Sorgen vergessen. Das war so lieb. Und

drinnen, in dem Hause, da waren schon eine ganze Menge Leute, und die

waren alle so lustig, hatten ihre Sorgen vergessen, sangen und lachten,

und da war so eine vergnügte Musik. Nur um zu sehen, ob das Haus drinnen

ebenso vergoldet sei wie draußen, ging ich hinein und setzte mich auf

einen Stuhl. Sofort kam ein Bursche, lachte mich an und setzte mir eine

Flasche und ein Glas gerade vor die Nase. Man mußte es mir wohl an der

Nasenspitze ansehen, denn er sagte sofort in Englisch:

„Bedienen Sie sich, mon ami, und seien Sie vergnügt wie alle die übrigen

hier.“

Nur fröhliche Gesichter rundherum, und wochenlang hat man nichts weiter

vor Augen gehabt als Wasser und stinkende Farbe. Und so war ich halt

vergnügt, und von jenem Augenblick an konnte ich mich auf nichts

Bestimmtes mehr besinnen. Ich tadele nicht jenen freundlichen Burschen,

wohl aber die Prohibition, die uns so schwach gegenüber Versuchungen

macht. Gesetze machen immer schwach, weil es einem in der Natur liegt,

Gesetze zu übertreten, die andre gemacht haben.

Die ganze Zeit hindurch war ein ganz drolliger Nebel immer um mich

herum, und spät in der Nacht fand ich mich in dem Zimmer eines hübschen

lachenden Mädchens. Endlich sagte ich zu ihr: „Well, Mademoiselly, wie

spät haben wir es denn?“

„Oh,“ sagte sie mit ihrem hübschen Lachen, „du hübscher Junge –“ Yes,

Gentlemen, ganz gewiß, das sagte die Mademoiselly zu mir, „hübscher

Junge, o du hübscher Junge,“ sagte sie, „nun sei kein Spaßverderber, sei

ein Kavalier, laß eine zarte junge Dame nicht allein um Mitternacht. Da

können vielleicht Einbrecher in der Nähe sein, und ich bin so

schrecklich furchtsam, die Einbrecher könnten mich vielleicht gar

ermorden.“

Na, ich kenne doch die Pflicht eines rotblütigen amerikanischen Jungen

unter solchen Umständen, wenn er ersucht wird, einer hilflosen schwachen

Dame beizustehen. Von meinem ersten Atemzuge an ist mir gepredigt

worden: Benimm dich anständig in Gegenwart von Damen, und wenn dich eine

Dame um etwas bittet, dann hast du zu flitzen und es zu tun, und wenn es

dich das Leben kosten sollte.

Gut, am Morgen, sehr früh, sauste ich raus zum Hafen. Aber da war keine

Tuscaloosa zu sehen. Der Platz, wo sie gelegen hatte, war leer. Sie war

heimgegangen nach dem sonnigen New Orleans, heimgegangen, ohne mich

mitzunehmen.

Ich habe Kinder gesehen, die sich verlaufen hatten, und denen die Mutter

abhanden gekommen war; ich habe Leute gesehen, denen ihr Häuschen

abgebrannt oder von Wasserfluten fortgeschwemmt war, und ich habe Tiere

gesehen, denen ihr Gefährte abgeschossen oder weggefangen war. Das alles

war sehr traurig. Aber das traurigste aller Dinge ist ein Seemann in

fremdem Lande, dem soeben sein Schiff fortgefahren ist, ohne ihn

mitzunehmen. Der Seemann, der zurückgeblieben ist. Der Seemann, der

übriggeblieben ist.

Es ist nicht das fremde Land, das seine Seele bedrückt, und das ihn

weinen macht wie ein kleines Kind. Er ist fremde Länder gewöhnt. Er ist

oft freiwillig zurückgeblieben und hat oft abgezeichnet, abgemustert aus

Gründen irgendwelcher Art. Da fühlt er sich nicht traurig oder bedrückt.

Aber wenn das Schiff, das seine Heimat ist, wegfährt, ohne ihn

mitzunehmen, dann kommt zu dem Gefühl der Heimatlosigkeit das tötende

Gefühl des Überflüssigseins. Das Schiff hat nicht auf ihn gewartet, es

kann ohne ihn fertig werden, es braucht ihn nicht. Ein alter Nagel, der

irgendwo herausfällt und zurückbleibt, kann dem Schiff zum Verhängnis

werden, der Seemann, der sich gestern noch so wichtig dünkte für das

Wohl und für das Wandern des Schiffes, ist heute weniger wert als jener

alte Nagel. Der Nagel könnte nicht entbehrt werden, der Seemann, der

übriggebliebene, wird nicht vermißt, die Kompanie spart seinen Lohn. Ein

Seemann ohne Schiff, ein Seemann, der nicht zu einem Schiff gehört, ist

weniger als der Dreck auf der Gasse. Er gehört nirgends hin, niemand

will etwas mit ihm zu tun haben. Wenn er jetzt da ins Meer springt und

ersäuft wie eine Katze, niemand vermißt ihn, niemand wird nach ihm

suchen. „Ein Unbekannter, offenbar ein Seemann“, das ist alles, was von

ihm gesagt wird.

Das ist ja recht lieblich, dachte ich, und jener Welle des Verzagtseins

gab ich rasch ordentlich eins auf den Kamm, so daß sie sich davonmachte.

Mache das Beste aus dem Schlechten, und das Schlechte verschwindet im

Augenblick.

Gosh, schiet den ollen Eimer, da sind andre Schiffe in der Welt, die

Ozeane sind ja so groß und so weit. Kommt ein andres, ein besseres.

Wieviel Schiffe gibt es auf der Welt? Sicher eine halbe Million. Davon

wird doch eines einmal einen Deckarbeiter gebrauchen können. Und

Antwerpen ist ein großer Hafen, da kommen sicher alle diese halbe

Million Schiffe einmal her, irgendwann und irgendeinmal sicher. Muß man

nur Geduld haben. Ich kann doch nicht erwarten, daß gleich da drüben

schon so ein Kasten liegt und der Kapitän in Todesangst schreit:

„Herr Deckarbeiter, kommen Sie schnell rauf zu mir, ich brauche einen

Deckarbeiter, gehen Sie nicht zum Nachbar, ich flehe Sie an.“

So sehr kümmerte ich mich auch wahrhaftig nicht um die treulose

Tuscaloosa. Wer hätte das von diesem schönen Weibsbild gedacht? Aber so

sind sie, alle, alle. Und sie hatte so saubere Quartiere und ein so

gutes Essen. Jetzt haben sie gerade Breakfast, diese verfluchten

Halunken, und essen meine Portion Ham and Eggs mit. Wenn sie wenigstens

nicht der Slim kriegen wollte, denn diesem Hund von einem Bob gönne ich

sie nicht. Aber der wird ja gleich der erste sein, der meine Sachen

durchstöbert und sich das Beste heraussucht, ehe sie abgeschlossen

werden. Diese Banditen werden die Sachen überhaupt nicht abschließen

lassen, sie werden sie glatt unter sich verteilen und sagen, ich hätte

nichts gehabt, diese Banditen, diese niederträchtigen. Dem Slim ist ja

auch nicht zu trauen, er hat mir so schon immer die Toilettenseife

gestohlen, weil er sich mit der Kernseife nicht waschen wollte, dieser

geschniegelte Broadwayhengst. Yes, Sir, das machte der Slim, Sie hätten

das nicht von ihm geglaubt, wenn Sie ihn gesehen hätten.

Wahrhaftig nicht, so sehr kümmerte ich mich nicht um den davongelaufenen

Kasten. Aber was mich ernsthaft bekümmerte, war, ich hatte nicht einen

roten Cent in meiner Tasche. Jenes hübsche Mädchen hatte mir in der

Nacht erzählt, daß ihre so herzinnig geliebte Mutter schwerkrank sei,

und sie hätte kein Geld, um Arznei und kräftiges Essen zu kaufen. Ich

wollte für den Tod der Mutter nicht verantwortlich sein, deshalb gab ich

dem hübschen Mädchen alles Geld, das ich bei mir hatte. Ich wurde

reichlich belohnt durch die tausend beglückten Danksagungen des

Mädchens. Gibt es irgendetwas in der Welt, das beglückender wäre als die

tausend Danksagungen eines hübschen Mädchens, dessen geliebte Mutter man

soeben vom Tode errettet hat? No, Sir.

3

Ich setzte mich auf eine große Kiste, die da lag, und folgte der

Tuscaloosa auf ihrem Wege über das Meer. Ich hoffte und wünschte, daß

sie auf einen Felsen aufbrennen möchte und so gezwungen wäre,

zurückzukommen oder wenigstens die Mannschaft auszubooten und

zurückzuschicken. Aber sie ging den Felsenriffen schön aus dem Wege,

denn ich sah sie nicht zurückkommen. Jedenfalls wünschte ich ihr von

Herzen alle Unglücksfälle und Schiffbrüche, die einem Schiffe nur

begegnen können. Was ich mir aber am deutlichsten ausmalte, das war, daß

sie Seeräubern in die Hände fiele, die das ganze Schiff von oben bis

unten ausplündern und dem Biest Bob die ganzen Sachen wieder abnehmen

würden, die er sich ja nun inzwischen wohl angeeignet haben wird, und

daß sie ihm eins so mächtig auf seine grinsende Fratze hauten, daß ihm

sein Grinsen und Sticheln für sein ganzes Leben verginge.

Gerade als ich mich anschickte, ein wenig einzudröseln und von jenem

hübschen Mädchen zu träumen, klopfte mir jemand auf die Schulter und

weckte mich auf. Er begann sofort so rasend schnell auf mich einzureden,

daß mir ganz schwindlig wurde.

Ich wurde wütend und sagte ärgerlich: „Oh rats, lassen Sie mich in Ruh;

ich mag Ihr Gequassel nicht. Außerdem verstehe ich nicht ein einziges

Wort von Ihrem Geklatter. Scheren Sie sich zum Teufel.“

„Sie sind Engländer, nicht wahr?“ fragte er nun in Englisch.

„No, Yank.“

„Aha, also Amerikaner.“

„Yes, und nun lassen Sie mich ungeschoren und machen Sie, daß Sie

fortkommen. Ich will mit Ihnen nichts zu tun haben.“

„Aber ich mit Ihnen, ich bin von der Polizei.“

„Da haben Sie aber Glück, lieber Freund, guter Posten“, sagte ich

darauf. „Was ist denn los? Geht es Ihnen dreckig oder was haben Sie

sonst für Sorgen?“

„Seemann?“ fragte er weiter.

„Yes, old man. Haben Sie vielleicht einen Posten für mich?“

„Von welchem Schiff?“

„Tuscaloosa von New Orleans.“

„Ist rausgegangen um drei Uhr morgens.“

„Ich brauche Sie nicht, damit mir das erzählt wird. Haben Sie keinen

besseren Witz auf Lager? Der ist schon sehr alt und stinkt.“

„Wo haben Sie Ihre Papiere?“ – „Was für Papiere?“

„Ihre Seemannskarte.“

Ei, Schokoladencreme mit Appelsauce! Meine Seemannskarte? Die steckte in

meiner Jacke, und die Jacke war in meinem Kleidersack und mein

Kleidersack lag mollig unter meiner Bunk in der Tuscaloosa, und die

Tuscaloosa war – ja, wo konnte sie jetzt sein? Wenn ich nur wüßte, was

sie heute für Breakfast bekommen haben! Den Speck hat der Nigger sicher

wieder anbrennen lassen, na, ich will ihm mal etwas erzählen, wenn ich

die Galley streichen komme.

„Na, Ihre Seemannskarte. Verstehen doch, was ich meine.“

„Meine Seemannskarte. Wenn Sie die meinen sollten, nämlich meine

Seemannskarte. Da muß ich Ihnen doch die Wahrheit gestehen. Ich habe

keine Seemannskarte.“

„Keine Seemannskarte?“ Das hätte man hören müssen, in welch einem

entgeisterten Ton er das sagte. Ungefähr so, als ob er sagen wollte:

„Was, Sie glauben nicht, daß es Meerwasser gibt?“

Ihm war das unfaßbar, daß ich keine Seemannskarte hatte, und er fragte

es zum dritten Male. Aber während er es diesmal fragte, offenbar rein

mechanisch, hatte er sich von seinem Erstaunen erholt und fügte hinzu:

„Keine andern Papiere? Paß oder Identitätskarte oder etwas Ähnliches?“

„Nein.“ Ich durchsuchte meine Taschen emsig, obgleich ich genau wußte,

daß ich nicht einmal einen leeren Briefumschlag mit meinem Namen bei mir

hatte.

„Kommen Sie mit mir!“ sagte darauf der Mann.

„Wohin kommen?“ fragte ich, denn ich wollte doch wissen, was der Mann

vorhat und auf welches Schiff er mich verschleppen will. Auf ein Rumboot

gehe ich nicht, das kann ich ihm schon jetzt vorher erzählen. Da kriegen

mich keine zehn Pferde mehr rauf.

„Wohin? Das werden Sie gleich sehen.“ Daß der Mann besonders freundlich

gewesen wäre, hätte ich nicht behaupten können, aber die Heuerbase sind

nur dann schietfreundlich, wenn sie für einen Kasten durchaus niemand

kriegen können. Das also schien hier ein ganz wackeres Bötchen zu sein,

auf das er mich bringen wollte. Ich hätte nicht gedacht, daß ich so

schnell wieder auf einen Eimer kommen würde. Glück muß man haben und nur

nicht immer gleich verzagen.

Endlich landeten wir. Wo? Richtig geraten, Sir, in der Polizeistation.

Da wurde ich nun gleich gründlich durchsucht. Als sie mich durch und

durch gesucht hatten und ihnen keine Naht mehr ein Geheimnis war, fragte

mich der Mann ganz trocken: „Keine Waffe? Keine Werkzeuge?“

Na, da hätte ich ihm aber doch so schlankweg eine brennen können. Als ob

ich ein Maschinengewehr in der oberen Hälfte des Nasenloches und eine

Brechstange unter dem Augenlid hätte verstecken können! Aber so sind die

Leute. Wenn sie nichts finden, behaupten sie, man habe es versteckt;

denn daß man das nicht besitze, wonach sie suchen, das können sie nicht

begreifen und lernen sie auch nie begreifen. Damals wußte ich das noch

nicht.

Dann hatte ich mich vor einem Schreibpulte aufzustellen, an dem ein Mann

saß, der mich immer so ansah, als hätte ich seinen Überzieher gestohlen.

Er öffnete ein dickes Buch, in dem viele Photographien waren. Der Mann,

der mich hierher gebracht hatte, spielte den Übersetzer, weil wir uns

sonst nicht hätten verständigen können. Als sie unsre Jungens brauchten,

im Kriege, da haben sie uns verstanden; jetzt ist das längst vorbei, und

da brauchen sie nichts mehr zu wissen.

Der Hohepriester, denn so sah er aus hinter seinem Schreibpult, sah

immer auf die Photographien und dann auf mich, oder genauer, auf mein

Gesicht. Das tat er mehr als hundertmal, und seine Halsmuskeln wurden

nicht müde, so gewohnt war er diese Arbeit. Er hatte viel Zeit, und die

nahm er sich auch ganz unbekümmert. Andre hatten es ja zu bezahlen,

warum sollte er sich da beeilen.

Endlich schüttelte er den Kopf und klappte das Buch zu. Offenbar hatte

er meine Photographie nicht gefunden. Ich konnte mich auch nicht

erinnern, daß ich mich jemals in Antwerpen hätte photographieren lassen.

Schließlich wurde ich hundemüde von diesem langweiligen Geschäft, und

ich sagte: „Jetzt habe ich aber Hunger. Ich habe heute noch kein

Frühstück gehabt.“

„Das ist recht“, sagte der Dolmetscher und führte mich in einen schmalen

Raum. Viel Möbel waren nicht drin, und die, die drin waren, die waren

nicht in einer Kunstwerkstätte angefertigt worden.

Aber was ist denn das mit dem Fenster? Merkwürdig, das Zimmer hier

scheint für gewöhnlich dazu zu dienen, den belgischen Staatsschatz

aufzubewahren. Der Staatsschatz liegt hier sicher, denn es kann ganz

bestimmt niemand von draußen hier herein, durchs Fenster einmal sicher

nicht, no, Sir.

Ich möchte wissen, ob die Leute hier das wirklich Frühstück nennen.

Kaffee mit Brot und Margarine. Sie haben sich von dem Kriege noch nicht

erholt. Oder wurde der Krieg nur darum gemacht, um sich größere

Frühstücke zu verschaffen? Dann haben sie ihn sicherlich nicht gewonnen,

was immer auch die Zeitungen schreiben mögen, denn ein solches Krümchen

müssen sie schon vor dem Kriege Frühstück genannt haben, weil es das

Minimum an Qualität und Quantität ist, das man gerade noch Frühstück

nennen kann, weil man das Stück früh bekommt.

Gegen Mittag wurde ich wieder vor den Hohenpriester gebracht.

„Wünschen Sie nach Frankreich zu gehen?“ Das wurde ich gefragt.

„Nein, ich mag Frankreich nicht, die Franzosen müssen immer setzen und

können nie sitzen. In Europa müssen sie immer besetzen und in Afrika

immer entsetzen. Und dieses Setzen macht mich nervös, sie können

vielleicht sehr schnell Soldaten brauchen und mich, da ich ja keine

Seemannskarte habe, unabsichtlich verwechseln und mich für einen ihrer

Setzer halten. Nein, nach Frankreich gehe ich auf keinen Fall.“

„Wie denken Sie über Deutschland?“

Was die Leute alles von mir wissen wollen!

„Nach Deutschland mag ich auch nicht gehen.“

„Warum? Deutschland ist doch ein recht hübsches Land, da können Sie auch

wieder leicht ein Schiff bekommen.“

„Nein, ich mag die Deutschen nicht. Wenn ihnen die Rechnungen vorgelegt

werden, dann sind sie die Entsetzten, und wenn sie die Rechnungen nicht

bezahlen können, dann sind sie die Besetzten. Und weil ich doch keine

Seemannskarte habe, könnte man mich dort vielleicht auch verwechseln,

und ich müßte mit bezahlen. Soviel kann ich ja als Deckarbeiter nie

verdienen. Da könnte ich nie die unterste Schicht der Mittelklasse

erklimmen und ein wertvolles Mitglied der menschlichen Gesellschaft

werden.“

„Was reden Sie soviel herum? Sagen Sie einfach, ob Sie dahin wollen oder

nicht.“

Ob sie das verstehen, was ich da sage, weiß ich nicht. Aber es scheint,

daß sie viel Zeit haben und froh sind, daß eine Unterhaltung im Gange

ist.

„Also, dann kurz und bündig und abgemacht, Sie gehen nach Holland“, sagt

der Hohepriester und der Dolmetscher erzählt es mir wieder.

„Ich mag aber die Holländer nicht“, erwiderte ich, und ich will nun auch

gleich erzählen warum, als mir gesagt wird: „Ob Sie die Holländer mögen

oder nicht, das geht uns gar nichts an. Machen Sie das mit den

Holländern ab. In Frankreich wären Sie am besten aufgehoben gewesen.

Aber da wollen Sie ja nicht hin. Nach Deutschland wollen Sie auch nicht,

das ist Ihnen auch nicht gut genug, und jetzt gehen Sie einfach nach

Holland. Fertig und Schluß. Eine andre Grenze haben wir nicht.

Ihretwegen können wir uns auch keinen andern Nachbar aussuchen, der

vielleicht Ihre Wertschätzung erwerben könnte, und ins Wasser wollen wir

Sie vorläufig noch nicht schmeißen, das ist die einzige Grenze, die uns

noch bleibt als letzte. Also es geht nach Holland und nun Schluß. Seien

Sie froh, daß Sie so billig davonkommen.“

„Aber meine Herren, Sie sind im Irrtum, ich will gar nicht nach Holland.

Die Holländer sitzen –“

„Ruhig nun. Die Frage ist entschieden. Wieviel Geld haben Sie?“

„Sie haben doch meine Taschen und Nähte alle durchsucht. Wieviel Geld

haben Sie denn gefunden?“ Da soll man nun nicht wütend werden. Sie

durchsuchen einen stundenlang mit Vergrößerungsgläsern, und dann fragen

sie noch ganz scheinheilig, wieviel Geld man habe.

„Wenn Sie nichts gefunden haben, dann habe ich kein Geld“, sage ich.

„Das ist gut. Das ist jetzt alles. Nehmen Sie ihn wieder in die Zelle.“

Der Hohepriester hatte seine Zeremonien beendet.

4

Am späten Nachmittag wurde ich zum Bahnhof gebracht. Zwei Mann, darunter

der Dolmetscher, begleiteten mich. Offenbar dachten sie, ich sei noch

nie in meinem Leben mit der Bahn gefahren, denn ich durfte nichts allein

tun. Einer löste die Fahrkarten, während der andre dicht bei mir stehen

blieb und aufpaßte, damit nicht etwa ein Taschendieb sich die

vergebliche Arbeit machen sollte, noch einmal meine Taschen

durchzusuchen, denn wo einmal die Polizei Taschen durchsucht hat, findet

auch der geschickteste Taschendieb keinen Cooper mehr.

Der Mann, der die Karten gelöst hatte, gab mir aber meine Karte nicht.

Wahrscheinlich dachte er, ich würde sie sofort wieder verkaufen. Sie

begleiteten mich dann sehr höflich auf den Bahnsteig und brachten mich

zu meinem Abteil. Ich glaubte, sie würden sich hier von mir

verabschieden. Aber das taten sie nicht. Sie setzten sich zu mir in das

Abteil, und um mich vor dem Hinausfallen zu bewahren, nahmen sie mich in

ihre Mitte. Ob belgische Polizeibeamte immer so höflich mit Leuten sind,

weiß ich nicht. Ich jedenfalls konnte mich über sie nicht beklagen. Sie

gaben mir dann Zigaretten. Wir rauchten, und der Zug dampfte los. Nach

einer kurzen Fahrt verließen wir den Zug und kamen in ein kleines

Städtchen. Wieder wurde ich zu einer Polizeistation gebracht. Ich hatte

mich auf eine Bank zu setzen in jenem Raum, wo sich alle die

Polizeibeamten aufhielten, die in Reserve waren. Die beiden Leute, mit

denen ich gekommen war, erzählten eine große Geschichte über mich. Die

übrigen Cops, ich meine die übrigen Polizeibeamten, glotzten mich alle

der Reihe nach an, manche interessiert, als ob sie noch nie einen

solchen Mann gesehen hätten, und andre wieder, als hätte ich irgendwo

einen Doppelraubselbstmord verübt.

Gerade diejenigen, die mich in so verhängnisvoller Weise anstarrten, die

mich der Verübung der gräßlichsten Verbrechen, deren Täter man noch

nicht erwischt hatte, fähig hielten, und die mir noch viel schwerere

Verbrechen in Zukunft zutrauten als ich, ihrer untrüglichen Meinung

zufolge, schon verübt habe, flößten mir plötzlich den Gedanken ein, daß

ich hier auf den Henker zu warten habe, der augenscheinlich nicht zu

Hause war und erst gesucht werden mußte.

Da war nichts zu lachen, no, Sir. Es war eine sehr ernste Sache. Man

braucht nur ein wenig darüber nachzudenken. Ich hatte keine

Seemannskarte, ich hatte keinen Paß, ich hatte keinen Identitätsausweis,

ich hatte kein sonstiges Papier, und meine Photographie hatte der

Hohepriester in seinem dicken Buche auch nicht gefunden. Wenn da

wenigstens noch meine Photographie gewesen wäre, dann hätte er doch

gleich gewußt, wer ich bin. Von der Tuscaloosa achtern abgeblieben zu

sein, das konnte jeder erzählen, der sich da herumtrieb. Eine Wohnung

hatte ich nirgendwo auf der Welt. Entweder ein Eimer oder eine

Seemannsherberge. Mitglied irgendeiner Handelskammer war ich auch nicht.

Ich war eben ein Niemand. Na, nun frage ich, warum sollten die armen

Belgier einen Niemand durchfüttern, wo sie doch schon so viele

Niemandskinder durchzufüttern haben, die wenigstens immer noch zur

Hälfte hierher gehören. Ich aber gehörte mit keiner Hälfte hierhin. Ich

war nur eine weitere Ursache, daß sie in Amerika wieder Geld pumpen

mußten. Mich zu hängen, war der kürzeste und einfachste Weg, um mich los

zu werden. Ich konnte es ihnen nicht einmal verdenken. Kein Mensch

kümmerte sich um mich, kein Mensch würde nach mir fragen, meinen Namen

brauchten sie gar nicht einmal in ihre dicken Bücher zu schreiben. Und

hängen würden sie mich, ganz sicher. Sie warteten nur noch auf den

Henker, der das Geschäft versteht, sonst wäre es ja ungesetzlich und ein

Mord.

Wie recht ich hatte. Da war der Beweis. Einer der Cops kam auf mich zu

und gab mir zwei dicke Pakete mit Zigaretten, die letzte Gabe an den

armen Sünder. Dann gab er mir auch noch Zündhölzer, setzte sich zu mir

und radebrechte mit mir, lachte und war freundlich, klopfte mir auf die

Schulter und sagte: „Ist nicht so schlimm, Junge, nehmen Sie es nicht zu

tragisch. Rauchen Sie, damit Ihnen die Zeit nicht lang wird. Wir müssen

warten, bis es finster ist, sonst können wir es nicht gut machen.“ Nicht

tragisch nehmen, wenn man gehängt werden soll. Ist nicht so schlimm. Ich

möchte wissen, ob es mit ihm schon mal versucht worden ist, daß er so

bestimmt sagen kann: Ist nicht so schlimm. Warten, bis es finster ist.

Freilich, bei Tage trauen sie sich nicht so recht, es könnte uns ja

vielleicht jemand begegnen, der mich kennt, und dann wäre der Spaß

verdorben. Aber es hat ja keinen Zweck, den Kopf hängen zu lassen, er

wird bald genug von selber hängen. Und ich rauche erst einmal wie ein

Fabrikschlot, damit sie nicht am Ende gar noch die Zigaretten sparen.

Die Zigaretten schmecken nach gar nichts. Das reine Stroh. Verflucht

nochmal, ich will nicht hängen. Wenn ich nur wüßte, wie ich hier heraus

komme. Aber die sind ja immerfort um mich herum. Und jeder neue, der

abgelöst ist und hereinkommt, glubscht mich an und will von den andern

wissen, wer ich bin, warum ich hier sei, und wann ich gehängt werde. Und

dann grient er übers ganze Gesicht. Ein widerliches Volk. Ich möchte

wissen, warum wir denen geholfen haben.

Später bekam ich mein letztes Essen. Aber solche Geizhälse gibt es auf

der ganzen Erde nicht mehr. Das nennen sie nun eine Henkersmahlzeit:

Kartoffelsalat mit einer Scheibe Leberwurst und ein paar Schnitten Brot

mit Margarine. Zum Heulen ist es. Nein, die Belgier sind keine Guten,

und es fehlte nicht viel, und ich wäre beinahe verwundet worden, als wir

sie aus der Suppe ziehen mußten und unser Geld los wurden. Einer, der

mir die Zigaretten gegeben hatte und mir einzureden versuchte, es sei

nicht so schlimm, gehenkt zu werden, sagte nun: „Sie sind doch ein guter

Americain, sie trinken doch keinen Wein, nicht wahr?“ Und dabei lachte

er mich an. Teufel nochmal, wenn er nicht ein solcher Heuchler wäre mit

seinem Nicht-so-schlimm, man könnte beinahe glauben, daß es auch feine

und nette Belgier gibt.

„Guter Amerikaner? Schiet auf Amerika. Ich trinke Wein, aber feste.“

„Das habe ich mir doch gleich gedacht,“ sagte der Cop schmunzelnd. „Sie

sind echt. Das ist ja alles Alterweiberhumbug mit eurer sogenannten

Prohibition. Laßt euch von Tanten und Betschwestern kommandieren. Mich

geht es ja nichts an. Aber hier bei uns, da haben wir Männer noch die

Hosen an.“

Gosh, da ist endlich einer, der den Pfahl im Fleische sieht. Der Mann

kann nicht verlorengehen, er kann durch dickes Wasser bis auf den Grund

sehen. Schade um den Mann, daß er Cop ist. Aber wenn er nicht Cop wäre,

würde ich wahrscheinlich dieses Riesenglas voll guten Weines, das er

jetzt vor mich hinstellte, nie gesehen haben. Prohibition ist eine

Schande und eine Sünde, Gott sei’s geklagt. Ich bin sicher, daß wir

irgendwann und irgendwo etwas Furchtbares verbrochen haben müssen, weil

uns diese köstliche Gottesgabe genommen wurde.

Gegen zehn Uhr abends sagte der Weinspender zu mir: „So, nun ist es Zeit

für uns, Seemann, kommen Sie mit mir.“

Was hätte es für Sinn, zu schreien: „Ich will nicht gehenkt werden!“

wenn da vierzehn Mann um einen herum sind, und alle vierzehn vertreten

das Gesetz. Das ist eben Schicksal. Zwei Stunden hätte die Tuscaloosa

nur zu warten brauchen. Aber zwei Stunden bin ich nicht wert, hier bin

ich noch viel weniger wert.

Der Gedanke an diese Wertlosigkeit empörte mich aber doch, und ich

sagte: „Ich geh nicht mit. Ich bin Amerikaner, ich werde mich

beschweren.“

„Ha!“ schrie einer höhnisch herüber, „Sie sind kein Amerikaner. Beweisen

Sie es doch. Haben Sie eine Seemannskarte? Haben Sie einen Paß? Nichts

haben Sie. Und wer keinen Paß hat, ist niemand. Mit Ihnen können wir

machen, was uns beliebt. Und das werden wir jetzt, und Sie werden nicht

gefragt. Raus mit dem Burschen.“

Es war nicht nötig, daß ich mir vielleicht erst noch einen Hieb über den

Schädel holte, am Ende war ich ja nur der Dumme. So mußte ich halt

lostrotten.

An meiner linken Seite ging der lustige Mann, der radebrechen konnte,

und an meiner rechten Seite ging ein andrer. Wir verließen das kleine

Städtchen und befanden uns bald auf offnen Feldern.

Es war entsetzlich finster. Der Weg, auf dem wir gingen, war nur ein

holpriger, zerfahrener Landweg, wo man schlecht laufen konnte. Ich hätte

nur gern gewußt, wie lange wir so wandern wollten, bis das traurige Ziel

erreicht war.

Nun verließen wir auch noch diese elende Straße und bogen in einen

Wiesenpfad ein. Eine gute Weile ging es über Wiesen.

Jetzt war es Zeit, abzuhäuten. Aber diese Burschen waren augenscheinlich

Gedankenleser. Gerade als ich einen ausschwingen will, um zuerst einmal

dem einen Nachbar einen sanften Bläser an die Kinnbacken zu haken, packt

mich der Mann am Arm und sagt: „Nun sind wir da. Jetzt haben wir

einander Lebewohl zu sagen.“

Ein entsetzliches Gefühl, wenn man die letzte Minute so klar und trocken

heranschleichen sieht. Nicht einmal schleichen. Sie stand gleich ganz

nüchtern vor mir. Es war mir sehr trocken in der Kehle. Ich hätte gern

einen Schluck Wasser gehabt. Aber nun war ja wohl an Wasser nicht mehr

zu denken. Die paar Augenblicke würde es auch noch ohne Wasser gehen,

das hätten sie mir sicher geantwortet. Ich hätte den Weinspender nicht

für einen solchen Heuchler gehalten. Einen Henker hatte ich mir anders

vorgestellt. Es ist doch ein dreckiges, ein schäbiges Geschäft; als ob

es nicht andre Berufe gäbe. Nein, gerade Henker, Bestie sein, und das

sogar noch als Beruf.

Nie vorher im Leben hatte ich so stark gefühlt, wie wunderschön das

Leben ist. Wunderschön und über alle Maßen köstlich ist sogar das Leben,

wenn man müde und hungrig zum Hafen kommt und erkennt, daß einem das

Schiff weggefahren ist und man zurückgelassen ist ohne Seemannskarte.

Leben ist immer schön, wenn es auch noch so trübe aussieht. Und in einer

so finstern Nacht auf freiem Felde einfach so fortgewischt zu werden,

als wäre man nur gerade ein Wurm –! Hätte ich von den Belgiern nicht

gedacht. Aber schuld daran ist die Prohibition, die einen so schwach

macht gegen Versuchungen. Wenn ich jetzt, gerade jetzt, diesen Mr.

Volstead hier zwischen meinen Fingern hätte! Was muß der Mann für eine

böse Frau gehabt haben, daß er so etwas ausdenken und ausstinken konnte!

Froh bin ich aber doch, daß auf mich diese Millionen Flüche nicht

herabgedonnert werden, die das Leben dieses Mannes belasten.

„Oui, Mister, wir haben Lebewohl zu sagen. Sie mögen ja ein ganz netter

Mensch sein. Augenblicklich haben wir aber gar keine Verwendung für

Sie.“

Deshalb brauchen Sie einen doch aber nicht gleich zu henken.

Er hob seinen Arm. Offenbar, um mir die Schlinge über den Kopf zu werfen

und mich zu erdrosseln; denn die Mühe, einen Galgen aufzubauen, hatten

sie sich nicht gemacht. Das hätte zuviel Ausgaben verursacht.

„Da drüben,“ sagte er nun und zeigte mit ausgestrecktem Arme in die

Richtung, „da drüben, geradenwegs, wo ich hinweise, da ist Holland.

Netherland. Haben Sie doch sicher schon davon gehört?“

„Ja.“

„Jetzt gehen Sie geradenwegs in jene Richtung, die ich Ihnen hier mit

meinem Arme andeute. Ich glaube nicht, daß Sie da jetzt einen

Kontrollbeamten treffen werden. Wir haben uns erkundigt. Sollten Sie

aber jemand sehen, dann gehen Sie ihm sorgfältig aus dem Wege. Nach

einer Stunde Gehens immer in dieser Richtung kommen Sie an die

Eisenbahnlinie. Folgen Sie der Linie noch eine kurze Strecke in

derselben Richtung, dann kommen Sie zur Station. Halten Sie sich da in

der Nähe auf, aber lassen Sie sich nicht sehen. Gegen vier Uhr morgens

kommen dann eine Menge Arbeiter, und dann gehen Sie zum Schalter und

sagen nur ‚Rotterdam derde klasse‘, aber sagen Sie kein einziges Wort

mehr. Hier haben Sie fünf Gulden.“

Er gab mir fünf Geldscheine.

„Und da ist noch ein Happen zu essen für die Nacht. Kaufen Sie nichts

auf der Station. Sie sind bald in Rotterdam. So lange halten Sie es dann

schon aus.“

Nun gab er mir ein kleines Paketchen, in dem allem Anschein nach

Butterbrote waren. Dann bekam ich noch ein Paket Zigaretten und eine

Schachtel Zündhölzer.

Was soll man von diesen Leuten sagen? Sie sind hinausgeschickt, um mich

zu henken, und geben mir noch Geld und Butterbrote, damit ich mich aus

dem Staube machen kann. Sie haben ein zu gutes Herz, mich so kalt

umzubringen. Da soll man nun die Menschen nicht lieben, wenn man so gute

Kerle selbst unter den Polizisten findet, deren Herz durch das ewige

Menschenjagen durch und durch verhärtet ist. Ich schüttelte den beiden

so sehr die Hände, daß sie Angst bekamen, ich wollte die Hände

mitnehmen.

„Machen Sie nicht solchen Spektakel, einer von drüben kann Sie

vielleicht gar hören, und dann ist alles im Dreck. Und das wäre nicht

gut, dann könnten wir wieder von vorn anfangen.“ Der Mann hatte recht.

„Und nun hören Sie gut zu, was ich Ihnen jetzt sage.“ Er sprach

halblaut, bemühte sich aber, mir alles deutlich zu machen dadurch, daß

er das Gesagte mehrfach wiederholte. „Kommen Sie ja nicht nochmal nach

Belgien zurück, das kann ich Ihnen nur sagen. Wenn wir Sie nochmal

innerhalb unsrer Grenzen finden, Sie können sich darauf verlassen, wir

sperren Sie ein auf Lebenszeit. Auf Lebenszeit im Gefängnis. Lieber

Freund, das ist allerlei. Also ich warne Sie ausdrücklich. Wir wissen ja

nicht, wohin mit Ihnen. Sie haben ja keine Seemannskarte.“

„Aber vielleicht hätte ich zum Konsul –“

„Gehen Sie mir mit Ihrem Konsul. Haben Sie eine Seemannskarte? Nein. Na

also. Da pfeffert Sie Ihr Konsul raus, vierkant, und wir haben Sie auf

dem Halse. Sie wissen jetzt Bescheid. Auf Lebenszeit Gefängnis.“

„Ganz bestimmt, meine Herren, ich verspreche es Ihnen. Ich werde nicht

mehr Ihr Land betreten.“ Warum sollte ich auch? Ich hatte ja in Belgien

nichts verloren. Ich war eigentlich froh, daß ich raus kam. Holland ist

viel besser. Die versteht man schon zur Hälfte, während man hier kein

Wort versteht, was die Leute reden, und was sie wollen.

„Gut also. Sie sind nun verwarnt. Nun hüpfen Sie los und seien Sie

vorsichtig. Wenn Sie Tritte hören, legen Sie sich hin bis die Schritte

vorübergegangen sind. Lassen Sie sich nur nicht kriegen, sonst kriegen

wir Sie, und dann geht es Ihnen schlecht. Viel Glück auf die Reise.“

Die schoben ab und ließen mich allein.

Dann, kreuzvergnügt, wanderte ich los. Immer in jener Richtung, die mir

gezeigt worden war.

5

Rotterdam ist eine hübsche Stadt. Wenn man Geld hat. Ich hatte keins,

nicht einmal eine Börse, wo ich es hätte hineinstecken können, wenn ich

welches gehabt hätte.

Da war auch nicht ein einziges Schiff im Hafen, das einen Deckarbeiter

oder einen Ersten Ingenieur gebraucht hätte. Zu jener Zeit war mir das

ganz gleich. Wenn auf einem Schiff ein Erster Ingenieur verlangt worden

wäre, ich hätte den Posten angenommen. Glatt. Ohne mit der Wimper zu

zucken. Der Krach kommt ja erst, wenn das Schiff draußen ist, auf hoher

Fahrt. Und dann können sie einen doch nicht so einfach über Bord feuern.

Anzustreichen gibt es immer etwas, da findet sich dann also schon die

rechte Arbeit. Man ist ja schließlich auch nicht so, daß man nun mit

Mord und Tod auf das Gehalt des Ersten Ingenieurs pocht. Man kann ja

etwas nachlassen. Gosh, in welchem Laden wird nicht auch einmal vom

Preise heruntergehandelt, wenn das Plakat „Feste Preise“ auch noch so

groß gemalt ist?

Krach hätte es sicher gegeben; denn damals konnte ich eine Kurbel nicht

von einem Ventil und eine Bleuelstange nicht von einer Welle

unterscheiden. Das wäre ja beim ersten Signal herausgekommen, wenn der

Skipper hinuntergeklingelt hätte „Totlangsam“, und gleich darauf wäre

der Eimer losgeschossen, als ob er auf Tod und Leben verpflichtet sei,

das „Blue Ribbon“, das Blaue Band, zu gewinnen. Ein Spaß wäre es ja

doch. Aber es lag nicht an mir, daß ich den Spaß nicht ausprobieren

konnte, denn niemand suchte einen Ersten Ingenieur. Es wurde überhaupt

niemand gesucht, auf keinem Schiff. Ich hätte alles angenommen, was

zwischen Kapitän und Küchenjunge ist. Aber nicht einmal ein Kapitän

wurde vermißt.

Nun trieben sich auch schon so viele Seeleute dort herum, die alle auf

ein Schiff warteten. Und nun gar noch eins erwischen, das ’rüber geht

nach den States, das ist schon ganz hoffnungslos. Alle wollen sie auf

einen Kasten, der rüber geht, weil sie dort alle absacken wollen,

achtern raussegeln. Denn alle denken, drüben werden die Leute mit

Rosinen gefüttert, sie brauchen den Schnabel nur hinzuhalten. Schiet.

Und dann liegen sie dort zu Zehntausenden in den Häfen rum und warten

auf ein Schiff, das sie wieder heimbringt, weil eben alles ganz anders

ist, als sie sich gedacht haben. Die goldnen Zeiten sind vorüber, sonst

würde mich niemand als Deckarbeiter auf der Tuscaloosa gefunden haben.

Aber die beiden netten belgischen Cops haben mir einen Tip gegeben: Mein

Konsul. Mein! Die beiden Cops schienen meinen Konsul besser zu kennen

als ich. Merkwürdig. Es ist doch meine Pflicht, ihn besser zu kennen,

denn er ist doch meiner. Er ist ja meinetwegen in der Welt. Er wird ja

meinetwegen bezahlt.

Der Konsul klariert Dutzende von Schiffen aus, da wird er ja auch etwas

wissen über verlangte Deckarbeiter, besonders wenn ich kein Geld habe.

„Wo haben Sie Ihre Seemannskarte?“

„Die habe ich verloren.“

„Haben Sie einen Paß?“

„Nein.“

„Bürgerpapier?“

„Nie gehabt.“

„Ja, was wollen Sie denn dann hier?“

„Ich habe gedacht, daß Sie mein Konsul seien, daß Sie mir helfen

würden.“

Er griente. Sonderbar, daß die Menschen immer grienen, wenn sie einen

den Hieb versetzen wollen.

Und mit diesem Grienen auf den Lippen sagte er: „Ihr Konsul? Das müssen

Sie mir beweisen, lieber Mann, daß ich Ihr Konsul bin.“

„Ich bin doch aber Amerikaner, und Sie sind amerikanischer Konsul.“ Das

war doch ganz richtig.

Aber es schien nicht richtig zu sein, denn er sagte: „Amerikanischer

Konsul, wenn auch augenblicklich noch nicht Erster, bin ich allerdings.

Aber ob Sie Amerikaner sind, das müssen Sie mir erst beweisen. Wo haben

Sie denn Ihre Papiere?“

„Ich habe Ihnen doch bereits gesagt, die habe ich verloren.“

„Verloren. Wie kann man seine Papiere verlieren? Die trägt man doch

stets bei sich, besonders wenn man in einem fremden Lande ist. Sie

können ja nicht einmal beweisen, ob Sie überhaupt auf der Tuscaloosa

waren. Können Sie das beweisen?“

„Nein.“

„Also. Was wollen Sie da hier? Wenn Sie auch auf der Tuscaloosa waren,

selbst wenn es bewiesen werden könnte, daß Sie wirklich drauf waren, so

wäre das noch nicht der geringste Beweis, daß Sie Bürger sind. Auf einem

amerikanischen Schiffe können auch Hottentotten arbeiten. Also, was

wollen Sie hier? Wie kommen Sie überhaupt von Antwerpen ohne Papiere

hierher nach Rotterdam? Das ist doch merkwürdig.“

„Die Polizei hat mich doch –“

„Kommen Sie mir gefälligst nicht noch mal mit einer solchen Erzählung.

Wo ist denn das erhört, daß Staatsbeamte jemand auf diesem

ungesetzlichen Wege über die Grenze in ein fremdes Land schicken? Ohne

Papiere. Sie können mich nicht damit aufziehen, lieber Mann.“

Und das alles sagte er grienend und ewig lächelnd; denn der

amerikanische Beamte hat immer zu lächeln, selbst wenn er ein

Todesurteil verkündet. Das ist seine republikanische Pflicht. Was mich

aber am meisten ärgerte, war, daß er während seiner Rede immer mit dem

Bleistift spielte. Bald kritzelte er damit auf der Tischplatte herum,

bald kratzte er sich damit im Haar, bald trommelte er damit „My Old

Kentucky Home“, und bald tippte er mit dem Bleistift so auf den Tisch,

als ob er mit jedem Tippen ein Wort festnageln wollte.

Ich hätte ihm am liebsten das Tintenfaß ins Gesicht geworfen. Aber ich

mußte Geduld üben, und so sagte ich: „Vielleicht können Sie mir wieder

ein Schiff verschaffen, damit ich heimkomme. Es kann ja sein, daß ein

Skipper um einen Mann zu kurz ist, oder daß einer erkrankt.“

„Ein Schiff? Ohne Papiere ein Schiff? Von mir nicht, da brauchen Sie gar

nicht erst wiederzukommen.“

„Aber wo soll ich denn Papiere herbekommen, wenn Sie mir keine geben?“

fragte ich.

„Was geht mich denn das an, wo Sie Ihre Papiere herkriegen. Ich habe sie

Ihnen doch nicht abgenommen. Oder? Da könnte ja jeder Herumtreiber, der

auf seine Papiere nicht besser acht gibt, kommen und von mir Papiere

verlangen.“

„Well, Sir,“ sagte ich darauf, „ich glaube, es haben auch schon andre

Leute, die nicht Arbeiter sind, ihre Papiere verloren.“

„Richtig. Aber diese Leute haben Geld.“

„Ach so!“ schrie ich laut, „jetzt verstehe ich.“

„Nichts verstehen Sie,“ griente er, „ich meine, dann sind das Leute, die

noch andre Ausweise haben, Leute, bei denen kein Zweifel zulässig ist,

Leute, die ein Zuhause haben, die eine Adresse haben.“

„Was kann ich denn dafür, daß ich keine Villa habe, kein Zuhause und

keine andre Adresse als meinen Arbeitsplatz.“

„Das geht mich nichts an. Sie haben die Papiere verloren. Sehen Sie zu,

wo Sie andre herbekommen. Ich habe mich an meine Bestimmungen zu halten.

Nicht meine Schuld. Haben Sie schon gegessen?“

„Ich habe doch kein Geld, und gebettelt habe ich noch nicht.“

„Warten Sie einen Augenblick.“

Er stand auf und ging in ein andres Zimmer. Nach einigen Minuten kam er

zurück und brachte mir eine Karte.

„Hier haben Sie eine Verpflegungskarte für drei volle Tage im

Seemannshause. Wenn sie abgelaufen ist, können Sie ruhig nochmal

wiederkommen. Versuchen Sie nochmal, vielleicht bekommen Sie ein andres

Schiff, von einer andern Nationalität. Manche nehmen es nicht so genau.

Ich darf Ihnen keine Andeutungen machen. Sie müssen das selbst

herausfinden. Ich bin hier ganz machtlos. Ich bin lediglich ein Diener

des Staates. ’m sorry, old fellow, can’t help it. Good-bye and g’d

luck!“ Möglich, der Mann hat recht. Vielleicht ist er gar nicht so ein

Biest. Warum sollen Menschen denn Biester sein? Ich glaube beinahe, der

Staat ist das Biest. Der Staat, der den Müttern die Söhne nimmt, um sie

den Götzen vorzuwerfen. Dieser Mann ist der Diener des Biestes, wie der

Henker der Diener des Biestes ist. Alles, was der Mann sagte, war

auswendig gelernt. Das hatte er jedenfalls lernen müssen, als er seine

Prüfung ablegte, um Konsul zu werden. Das ging klipp-klapp. Auf jede

meiner Aussagen hatte er eine passende Antwort, die mir sofort das Maul

stopfte. Aber als er fragte: „Haben Sie Hunger? Haben Sie schon

gegessen?“ da wurde er plötzlich Mensch und hörte auf, Biestdiener zu

sein. Hunger haben ist etwas Menschliches. Papiere haben ist etwas

Unmenschliches, etwas Unnatürliches. Darum der Unterschied. Und das ist

die Ursache, warum Menschen immer mehr aufhören, Menschen zu sein, und

anfangen, Figuren aus Papiermaché zu werden. Das Biest kann keine

Menschen brauchen; die machen zu viel Arbeit. Figuren aus Papiermaché

lassen sich besser in Reih’ und Glied stellen und uniformieren, damit

die Diener des Biestes ein bequemeres Leben führen können. Yesser, yes,

Sir.

6

Drei Tage sind nicht immer drei Tage. Es gibt sehr lange drei Tage und

es gibt sehr kurze. Daß drei Tage so kurz sein könnten, wie die drei

Tage, wo ich gut zu essen hatte und ein Bett, würde ich nicht geglaubt

haben. Ich wollte mich gerade das erstemal zum Frühstück hinsetzen, da

waren die drei Tage schon um. Aber selbst wenn sie zehnmal länger

gedauert hätten, zum Konsul gehe ich nicht mehr. Sollte ich mir

vielleicht wieder seine auswendig gelernten Prüfungsantworten anhören?

Etwas Besseres würde er jetzt auch nicht wissen. Ein Schiff konnte er

mir nicht besorgen. Also was hätte es für Zweck gehabt, seine Reden über

mich ergehen zu lassen? Möglich, daß er mir wieder eine Karte gegeben

hätte. Diesmal aber sicher schon mit einer Geste und einer Miene, die

mir das Essen in der Kehle hätte festwürgen lassen, ehe ich überhaupt

den Löffel in die Suppe steckte. Die drei Tage wären noch viel kürzer

geworden als die vorigen.

Der wichtigste Grund war, ich wollte die Kleinigkeit Mensch, die er bei

meinem ersten Besuche gewesen war in dem Augenblick, als er sich um mein

Wohlergehen kümmerte, nicht aus meiner Erinnerung verlieren. Bestimmt

hätte er mir nun die Karte in seiner vollen Überlegenheit als

Biestdiener verabreicht und mit moralverbrämten Reden, daß es diesmal

das letzte Mal sein müsse, daß zu viele kämen, und daß man sich nicht

darauf ausruhen könne, sondern daß man auch selbst etwas dazu tun müsse,

um weiterzukommen. Lieber verrecken, als nochmal dahin gehen.

Oh, du geliebte Schneiderseele, was war ich hungrig! So gottserbärmlich

hungrig. Und so müde durch das Schlafen in Torwegen und Winkeln, immer

gejagt im Halbschlaf von der Nachtpolizei, die in die Torwege und Winkel

hineinleuchtete mit den Taschenlampen. Immer auf der Hut sein, im

Schlafe die Patrouille auf fünfzig Schritte hören müssen, um sich noch

rechtzeitig aus dem Staube zu machen. Denn wenn sie einen erwischen, das

heißt Arbeitshaus.

Und kein Schiff im Hafen, das jemand brauchen könnte. Da sind soviele

hundert Seeleute des eignen Landes auf den Beinen, die ein Schiff

suchen, und die gute Papiere haben. Und keine Arbeit in den Fabriken,

keine Arbeit in irgendeinem Geschäft. Selbst wenn da Arbeit wäre, der

Mann dürfte sie einem gar nicht geben. Haben Sie Papiere? Nein? Schade,

dürfen wir Sie nicht einstellen. Sie sind Ausländer.

Gegen wen sind die Pässe und die Einreisevisen gerichtet? Gegen die

Arbeiter. Gegen wen ist die Beschränkung der Einwanderung in Amerika und

in andern Ländern gerichtet? Gegen die Arbeiter. Und auf wessen

Veranlassung und mit wessen machtvoller Unterstützung sind oft diese

Gesetze, die die Freiheit des Menschen vernichten, ihn zwingen, dort zu

leben, wo er nicht leben will, ihn verhindern, nach jenem Teil der Erde

zu gehen, wo er gern leben möchte, geschaffen worden? Auf Veranlassung

und mit Unterstützung der Arbeiterverbände. Ein Biest im Bieste: Ich

schütze meine Sippe; wer nicht zu meiner Sippe gehört, der mag zugrunde

gehen; geht er zugrunde, um so besser, dann bin ich einen Konkurrenten

los. Yes, Sir.

So hungrig und so müde! Dann kommt die Zeit, wo man nicht mehr darüber

nachdenkt, ob es einen Unterschied macht, die Börse eines andern, der

nicht hungert, mit der eignen Börse, die man nicht hat, zu verwechseln.

Man braucht sie nicht verwechseln, man fängt damit an, ohne es zu

wollen, an die Börse eines Nichthungernden zu denken.

Ein Herr und eine Dame standen vor einem Schaufenster, als ich

vorüberging.

Die Dame sagte: „Sag’ doch bloß mal, Fibby, sind denn diese hübschen

Handtäschchen nicht wirklich ganz reizend?“

Fibby nuschelte etwas, das ebensogut eine Zustimmung wie eine

gegenteilige Meinung sein konnte, es konnte aber auch ganz gut bedeuten:

Laß mich doch in Ruh’ mit deinem Quark!

Die Dame: „Nein, wirklich, die sind zu entzückend, echte altholländische

Kleinkunst.“

„Stimmt,“ sagte Fibby nun trocken, „echt altholländisch, copyright

neunzehnhundertsechsundzwanzig.“

Das war Sphärenmusik für mich. Jetzt war ich überzeugt.

Ich war nun sehr rasch und verlor keine Sekunde weiter. Da lag ja das

blanke Gold vor mir mitten auf der Straße.

Es schien mir, daß Fibby sich über das, was ich ihm erzählte, viel mehr

amüsierte, als was ihm seine Frau oder seine Freundin oder seine – well,

Sir, das geht mich nichts an, in welchem Verwandtschaftsverhältnis die

beiden zueinander standen – ja, jedenfalls amüsierte er sich köstlich

über meine Geschichte. Er lächelte, dann lachte er, und endlich brüllte

er, daß die Leute stehenblieben. Wenn ich es nicht an seinem „Zat so!“

gleich beim ersten Tonfall gehört hätte, wo er herkam, dann hätte es mir

sein unbändiges Lachen verraten. So kann eben nur ein Amerikaner lachen,

jawoll, die können lachen.

„Also, Boy, Sie haben Ihre Geschichte großartig erzählt.“ Da lachte er

auch schon wieder. Ich hatte gedacht, er würde zu weinen anfangen über

meine traurige Geschichte. Na ja, er steckte ja nicht in meiner Haut. Er

sah das alles von der komischen Seite.

„Nun sag’ doch, Flory,“ wandte er sich an seine Begleiterin, „hat denn

das Vöglein, das da aus dem Nest gefallen ist, seine Geschichte nicht

ganz großartig erzählt?“

„Wirklich sehr nett. Wo sind Sie her? Von New Orleans? Das ist ja ganz

entzückend. Da habe ich sogar noch eine Tante wohnen, Fibby. Habe ich

dir nicht von Tante Kitty aus New Orleans schon erzählt, Fibby? Ich

glaube doch. Du weißt doch, die immer jeden Satz anfängt: Als Gra’pa

noch in South Carolina wohnte ...“

Fibby hörte gar nicht hin, was seine Flory sagte; er ließ sie reden, als

ob sie ein Wasserfall sei, an den er sich gewöhnt hatte. Er kramte in

seinen Taschen herum und brachte einen Dollarschein hervor: „Es ist

nicht für Ihre Geschichte selbst, Freundchen, sondern es ist dafür, daß

Sie die Geschichte so meisterhaft erzählt haben. Eine Geschichte, die

nicht wahr ist, gut erzählen zu können, ist eine Gabe, mein Junge. Sie

sind ein Künstler, wissen Sie das? Es ist eigentlich schade um Sie, daß

Sie sich so in der Welt herumtreiben. Sie könnten viel Geld machen,

lieber Freund. Wissen Sie das? Ist er nicht in der Tat ein Künstler,

Flory?“ wandte er sich nun wieder an seine – na, meinetwegen Frau, was

geht’s mich an, die werden ihren Paß schon so haben, wie sie ihn

brauchen. „Aber ja, freilich, Fibby,“ antwortete Flory in Ekstase,

„freilich ist er ein großer Künstler. Weißt du, Fibby, frage ihn doch

gleich mal, ob wir ihn nicht für unsern Gesellschaftsabend haben

könnten. Sicher, da könnten wir die Penningtons übertrumpfen, diese

schäbige Bande.“

Also es ist doch seine Frau.

Fibby zeigte dem Wasserfall nicht die geringste Aufmerksamkeit. Er

lächelte und lachte weiter. Kramte wieder in seinen Taschen herum und

brachte abermals einen Dollarschein ans Tageslicht.

Nun gab er mir beide Scheine und sagte: „Y’see, der eine ist dafür, weil

Sie Ihre Geschichte so meisterhaft erzählt haben, der andre ist dafür,

weil Sie mir eine glänzende Idee für mein Blatt gegeben haben. Ist

fünftausend wert, in meinen Händen; in Ihren nicht einen Nickel. Aber

ich bezahle Ihnen hier einen Nickel mit Gewinnanteil. Vielen Dank für

Ihre Mühe, good-bye und viel Glück.“

Das war das erste Geld, das ich je für das Erzählen einer Geschichte

bekommen hatte. Yes, Sir.

Ich klatterte los zu einer Wechselbank. Für den Dollar ungefähr

zweiundeinenhalben Gulden, für die beiden Dollarnoten also rund fünf

Gulden. Ganz hübsches Sümmchen. Als ich die Noten dort hingegeben hatte,

häufte der Wechsler so ungefähr fünfzig Gulden vor mich hin. Das war

eine Überraschung. Fibby hatte mir zwei Zehner gegeben, und ich hatte –

weil ich ja in seiner Gegenwart die zusammengeknitterten Scheine nicht

neugierig aufmachen wollte – die Scheine für Eindollarnoten gehalten.

Fibby ist eine noble Seele. Wall-Street möge ihn segnen. Es ist ganz

natürlich, daß zwanzig Dollar sehr viel Geld sind. Wenn man sie besitzt.

Wenn man genötigt ist, sie auszugeben, dann lernt man plötzlich, daß

zwanzig Dollar gar nichts sind. Besonders noch, wenn man eine Reihe von

hungrigen Tagen und bettlosen Nächten hinter sich hat. Ehe ich dazu kam,

den Wert des Geldes zu schätzen, war es schon alle. Nur die Leute, die

recht viel Geld haben, kennen den Wert des Geldes, weil sie Zeit haben,

den Wert abzuschätzen. Wie kann man den Wert eines Dinges erkennen

lernen, wenn es einem immer gleich wieder abgenommen wird? Gepredigt

aber wird, daß nur der, der nichts hat, weiß, was ein Cent wert ist.

Daher die Klassengegensätze.

7

Früher als ich geglaubt hatte, kam ein Morgen, der allem Anschein nach

zu urteilen vorläufig der letzte Morgen sein würde, der mich in einem

Bett sah. Ich suchte meine Taschen durch und fand, daß ich gerade noch

genügend Cents hatte, um ein kurzgehaltenes Frühstück möglich zu machen.

Kurzgehaltene Frühstücke finden nicht meinen Beifall. Sie sind immer das

Vorspiel von Mittagessen und Abendmahlzeiten, die nicht erscheinen

werden. Einen Fibby findet man auch nicht jeden Tag. Sollte ich aber

wieder einen antreffen, dann erzähle ich diesmal meine Geschichte so

komisch wie nur möglich, vielleicht weint er dann herzzerbrechend und

bekommt die Gegenidee zu Fibbys Fünftausend-Dollar-Idee. Aus einer Idee

läßt sich immer Geld herausquetschen, ob sie nun zum Weinen ist oder zum

Lachen. Es gibt ebenso viele Menschen, die gern weinen und für die

Möglichkeit, weinen zu können, ein paar Dollar bezahlen, wie es Menschen

gibt, die lieber ihren Lachmuskeln ein Vergnügen gönnen.

– – ein Vergnügen gönn–. Na, was ist denn das nun wieder? Kann man denn

für seinen letzten Gulden Schlafgeld, den man bezahlt hat, nicht einmal

in Ruhe im Bett noch ein wenig dösen, ehe man es für längere Zeit

aufzugeben hat?

„Lassen Sie mich schlafen, verflucht nochmal. Ich habe bezahlt, gestern

abend, ehe ich ’raufging.“ Da soll man nicht wütend werden. In einem

fort wird an die Tür gebumst.

Und gleich klopft es wieder.

„Kreuzdonnerwetter nochmal, haben Sie nicht gehört, wegscheren sollen

Sie sich! Ich will schlafen.“ Wenn die nur die Tür aufmachen möchten,

ich würde ihnen den Stiefel mitten in die Fratze feuern. So ein

nichtswürdiges und impertinentes Gesindel.

„Machen Sie auf. Polizei ist hier. Wir möchten Sie für einen Augenblick

sprechen.“

Ich zweifle ganz ernsthaft daran, daß es überhaupt auf der Welt noch

Menschen gibt, die nicht Polizei sind. Die Polizei ist dafür da, um für

Ruhe zu sorgen, und niemand macht mehr Ruhestörung, niemand belästigt

die Menschen mehr, niemand bringt mehr Leute zum Wahnsinn als die

Polizei. Ganz sicher, niemand hat mehr Unheil auf der Welt angestiftet

als die Polizei, denn die Soldaten sind ja auch nur Polizisten.

„Was wollen Sie denn von mir?“

„Wir möchten Sie nur einmal sprechen.“

„Das könnten Sie auch durch die Tür tun.“

„Wir möchten Sie persönlich sehen. Machen Sie auf, oder wir brechen die

Tür auf.“

Brechen die Tür auf! Und die sollen gegen Einbrecher schützen.

Gut, ich mache auf. Aber kaum habe ich die Tür auch nur einen Ritz auf,

da preßt der eine Bursche schon seinen Fuß dazwischen. Der alte Trick,

auf den sie sich immer wieder etwas einbilden. Das scheint der erste

Trick zu sein, den sie zu lernen haben.

Sie kommen rein. Zwei Mann in Zivilkleidung. Ich sitze auf dem Bettrand

und fange an, mich anzuziehen.

Mit Holländisch werde ich ganz gut fertig. Ich bin auf holländischen

Schiffen gefahren und habe hier nun wieder etwas dazu gelernt. Die

beiden Vögel können aber auch etwas Englisch.

„Sie sind Amerikaner?“

„Ja, ich denke.“

„Zeigen Sie Ihre Seemannskarte.“

Die Seemannskarte scheint der Mittelpunkt des Universums zu sein. Ich

bin sicher, der Krieg ist nur geführt worden, damit man in jedem Lande

nach seiner Seemannskarte oder nach seinem Paß gefragt werden kann. Vor

dem Kriege fragte niemand nach der Seemannskarte oder nach dem Paß, und

die Menschen waren recht glücklich. Aber Kriege, die für die Freiheit,

für die Unabhängigkeit und für die Demokratie geführt werden, sind immer

verdächtig. Verdächtig seit jenem Tage, wo die Preußen ihre

Freiheitskriege gegen Napoleon führten. Wenn Freiheitskriege gewonnen

werden, dann sind die Menschen nach dem Kriege alle Freiheit los, weil

der Krieg die Freiheit gewonnen hat. Yes, Sir.

„Ich habe keine Seemannskarte.“

„Sie ha–a–a–a–ben keine Seemannskarte?“

Diesen entgeisterten Ton habe ich schon einmal gehört, und auch gerade

zu einer Zeit, als ich so hübsch an einem frühen Morgen einduseln

wollte.

„Nein, ich ha–a–a–a–a–be keine, keine, keine Seemannskarte.“

„Dann zeigen Sie Ihren Paß.“

„Ich habe keinen Paß.“

„Keinen Paß?“

„Nein, keinen Paß.“

„Auch keine Identitätskarte der hiesigen Polizeibehörde?“

„Nein, auch keine Identitätskarte der hiesigen Polizeibehörde.“

„Sie wissen doch, daß Sie sich hier in Holland ohne Papiere, die von

unsern Behörden visiert sein müssen, nicht aufhalten dürfen?“

„Das weiß ich nicht.“

„So? Das wissen Sie nicht? Sie haben wohl die letzten Monate und Jahre

auf dem Monde gelebt?“

Die beiden Vögel halten das für einen so guten Witz, daß sie laut

auflachen.

„Ziehen Sie sich an, und kommen Sie mit!“

Wissen möchte ich, ob man hier auch gehenkt wird, wenn man keine

Seemannskarte vorzeigen kann.

„Hat jemand von den Herren nicht vielleicht eine Zigarette?“ frage ich.

„Eine Zigarre können Sie haben, eine Zigarette habe ich nicht. Wir

können unterwegs welche kaufen. Wollen Sie die Zigarre haben?“

„Die Zigarre nehme ich lieber als die Zigarette.“

Während ich mich ankleide und wasche, rauche ich an der Zigarre. Die

beiden setzen sich hin, aber dicht an die Tür. Ich beeile mich nicht

sehr. Aber wenn man auch noch so langsam macht, einmal ist man dann

schließlich doch angekleidet.

Wir zogen ab und landeten wo? Richtig geraten. In einer Polizeistation.

Nun wurde ich erst wieder einmal gründlich durchsucht. Diesmal hatten

sie mehr Glück als ihre Brüder in Antwerpen gehabt hatten. Sie fanden

fünfundvierzig holländische Cents in meinen Taschen. Das Frühstücksgeld.

Das konnte ich ja nun sparen.

„Was? Mehr Geld haben Sie nicht?“

„Nein, mehr Geld habe ich nicht.“

„Wovon haben Sie denn die ganzen Tage hier gelebt?“

„Von dem, was ich jetzt nicht mehr habe.“

„Da hatten Sie also Geld, als Sie hier nach Antwerpen kamen?“

„Ja.“

„Wieviel?“

„Das weiß ich so genau nicht mehr. Hundert Dollar oder so, es können

auch zweihundert gewesen sein.“

„Wo hatten Sie denn das Geld her?“

„Das Geld hatte ich einfach gespart.“

Das war offenbar wieder ein guter Witz; denn die ganze Bande, die da im

Vernehmungszimmer um mich herum versammelt war, platzte heraus vor

Lachen. Aber alle paßten auf, ob der Hohepriester auch lachte. Und als

der anfing, da fingen sie auch an zu lachen, und als der aufhörte, da

hörten sie so plötzlich auf, als wären sie vom Schlage getroffen worden.

„Wie sind Sie denn überhaupt nach Holland gekommen? So ganz ohne Paß. Wo

sind Sie denn da durchgekommen?“

„Ich bin halt so ’reingekommen.“

„Wie, ’reingekommen?“

Der Konsul hat es mir nicht geglaubt, wie ich hereingekommen bin. Die

würden es mir erst recht nicht glauben. Ich kann auch diesen netten

Burschen da aus Belgien nicht den Spaß verderben.

Das Totenschiff · 第 4 / 18 题