[Illustration: Abbildung 9.
Antrieb eines Bratspießes durch erwärmte Luft. (Nach Leonardo da
Vinci.)]
Leonardo da Vinci hat in seinem ~Codex Atlanticus~, ~fol. 253~, des
weiteren auch eine Andeutung gemacht, die ~Dr~. Hermann Grothe[17]
dahin auslegt, daß dort ein Vorschlag gemacht sei, die _Dampfkraft zum
Antrieb einer Barke_ zu benutzen. Von irgendeiner praktischen Anwendung
verlautet nichts.
Im Jahre 1521 gab _Cesare Cesariano_ in Como erschienene Erläuterungen
zu Vitruvs Architectura heraus, in welchen auch die Äolipile besprochen
wird. Es wird hier ausführlich angegeben, daß der Dampf aus der
Äolipile, d. h. einem Dampftopf, der ein Rohr im Deckel besitzt, mit
großer Kraft ausströmt. Aus diesen Angaben hat man den Schluß gezogen,
daß die Äolipile als Kriegswerkzeug zum Schleudern von Geschossen oder
als Spritze benutzt sei[18].
Am 17. Mai 1543 soll _Blasco de Garay_, der in jungen Jahren an der
ersten Entdeckungsfahrt des Christoforo Colombo teilgenommen hatte, im
Hafen von Barcelona dem Kaiser Karl ~V.~ ein Dampfschiff vorgeführt
haben. Die am Anfang des 18. Jahrhunderts erschienene „~Coleccion de
las Viages~“ berichtet hierüber folgendes:
Blasco de Garay beschäftigte sich in seiner freien Zeit mit Mathematik,
Physik, namentlich mit Mechanik, und soll manches schöne Stück erfunden
haben, um das sich niemand kümmerte, als er, bereits ein Greis,
plötzlich mit dem Gedanken hervortrat, man könne mit dem Wasserdampfe
Bewegung erzeugen, und es wäre möglich, damit etwas treiben zu lassen,
z. B. ein Rad; und da das ganze Sinnen Garays sich stets um die
Schiffahrt drehte, so sprach er seine Überzeugung aus, daß es möglich
wäre, ein in ein Schiff eingebautes Schaufelrad durch Dampf in Drehung
zu bringen, so daß das Schiff hierdurch in Bewegung gesetzt werde und
nicht mehr von den Launen des Windes abhängig sei. Anfangs lachte man
über den mehr als siebzigjährigen Greis; als Garay aber nicht müde
wurde, die Regierung wegen seiner Erfindung zu bestürmen, ermahnte ihn
die damals allmächtige spanische Inquisition, von solch unchristlichem
Werk abzustehen, das er doch nur mit Hilfe der Hölle zustande bringen
könne. Es gelang aber Garay dennoch, die Aufmerksamkeit des Kaisers
Karl ~V.~ zu erringen, und dieser gestattete ihm, ein mit dieser
neuen Einrichtung ausgerüstetes Schiff ihm im Hafen von Barcelona
vorzuführen. Und zwar sollte Garay, da des Kaisers Aufenthalt in
Barcelona nur kurz war, mit dem ersten besten Schiff, das in den
Hafen einlief, seine Kunst versuchen. Es war dies die „Trinidad“, ein
Schiff, das unter dem Kapitän Pedro de Scarza stand und soeben von
Sizilien heimkehrte. Der kaiserliche Befehl erregte überall Angst und
Schrecken, denn man war sich darüber klar, daß der Dampf, mit dem das
Schiff in Bewegung gesetzt werden sollte, direkt aus der Hölle bezogen
sei und daß nur mit Teufelskünsten solch ein ungeheuerliches Beginnen
durchgeführt werden könne. Am meisten war der Kapitän des Schiffes
erzürnt und gekränkt, weil er wußte, daß sein schönes Schiff dann für
ewige Zeiten verhext sei und zweifellos einem Unglück entgegengehe.
Jedenfalls sollte es nicht solch unchristlichem Werke dienen. Aber alle
seine Proteste waren vergeblich, des Kaisers Befehl mußte vollzogen
werden, denn Karl ~V.~, der trotz aller übergroßen Frömmigkeit doch
auch für weltliche Sachen ein scharfes Auge besaß, fühlte heraus,
daß in dem Versuche Garays ein großer Gedanke schlummere, und ließ
sich trotz aller von den verschiedensten Seiten auf ihn einstürmenden
Bitten und Proteste nicht abhalten, dem von ihm bewilligten Versuche
beizuwohnen. Wer aber Garay kannte und wußte, daß er sein Leben
hindurch ein gottergebener Christ gewesen war, wußte auch, daß dieser
Mann sich nicht mit der Hölle verbinden werde, und die Nacht vor der
Probefahrt verbrachte Garay auch in dem berühmten Benediktinerstifte
Montserrat bei Barcelona im inbrünstigen Gebete zu Gott um Gelingen
des Unternehmens, sorgte sogar dafür, daß das Wasser, das er zum
Dampferzeugen verwenden wollte, aus den geweihten Wässern des Klosters
entnommen wurde, und ließ es sorgsam nach dem Schiffe transportieren.
Die Vorbereitungen bestanden in folgendem: Garay legte eine Achse
quer über das Verdeck des Schiffes an deren Enden zwei Schaufelräder
angebracht waren, die in das Wasser hineinreichten. Außerdem wurde ein
Kessel auf das Schiff gebracht, mit dem geweihten Wasser gefüllt, und
aus diesem Dampf erzeugt. Über dem Kessel war ein Apparat angebracht,
in dem sich eine Stange auf und ab bewegte, und das Ganze war durch
Riemen mit der Achse bzw. den Rädern verbunden. Eine ungeheure
Zuschauermenge harrte der Dinge, die da kommen sollten. Nachdem der
gesamte Hofstaat und der Kaiser auf einer Tribüne Platz genommen
hatten, begann der Rauch sich aus dem kleinen Rauchfang des Kessels zu
erheben, das Schiff löste sich vom Platze, die Räder drehten sich, und
das Schiff lief trotz des ungünstigen Windes, ja gerade gegen ihn, aus
dem Hafen. Erstaunen und Entsetzen bemächtigten sich aller Zuschauer,
und ein Teil der Schiffsbesatzung sprang über Bord und suchte durch
Schwimmen aus dem Bereich des offenbar verzauberten Schiffes zu
gelangen. Das Schiff lief 8 Seemeilen, wozu es zwei Stunden brauchte
-- der Versuch war glänzend gelungen. Kaiser Karl ~V.~, gleichfalls
überrascht, glaubte, daß es mit ganz natürlichen Dingen zugehe, gab
den Befehl, dem überglücklichen Erfinder 4000 Maravedi auszuzahlen,
und verlieh ihm auf der Stelle den Orden der Taube von Kastilien.
Zugleich aber gab er seinem Großzahlmeister den Befehl, das Schiff
genau zu besehen und dann darüber Bericht zu erstatten. Dieser Bericht
fiel nun aber sehr ungünstig aus. Die Erfindung sei völlig wertlos.
Zwar sei das Schiff acht Meilen in zwei Stunden gelaufen. Dies könne
aber ein gewöhnliches Segelschiff ebenfalls leisten. Dafür berge die
neue Maschine eine Menge von Gefahren in sich. Es sei zu befürchten,
daß Mannschaften und Passagiere verbrüht würden, der Dampfkessel
könne explodieren und größtes Unheil anrichten. Inzwischen wurde auch
von anderer Seite gegen Garays Erfindung angekämpft und der Kaiser
bestürmt, dieses Teufelswerk, das jetzt, da es gelungen war, noch
gefährlicher erschien, nicht zu gestatten. Infolgedessen verbot Karl
~V.~ Garay, den Apparat ferner zu benutzen. Dieser, der sich bereits
dem Ziele seiner Wünsche nahe geglaubt hatte, zertrümmerte im Zorn
seine Maschine, vielleicht auch, um den Argwohn der Inquisitionsbehörde
zu zerstreuen. Diese nämlich rückte dem Erfinder bedenklich näher,
nachdem der Kaiser seine schützende Hand zurückgezogen hatte.
Garay zeigte aber, daß er nie mit dem Teufel ein Bündnis geschlossen
hatte, denn er zog sich hierauf in das Kloster Montserrat zurück, wo
er im Jahre 1555 als vierundachtzigjähriger Greis sein in den letzten
Jahren nur noch dem Gebete und dem Gottesdienst geweihtes Leben
beendete.
Von seiner Erfindung ist nichts zurückgeblieben, und nur in der
Geschichte ist seines Namens und seines Werkes Erwähnung geschehen.
Soweit der Bericht der „~Coleccion de las Viages~“, der so eingehend
er gefaßt ist, dennoch der historischen Unterlage entbehrt. Dies hat
_John Marc Gregor_ in einem am 14. April 1858 in der ~Society of Arts~
in London gehaltenem Vortrage „Über Räder- und Schraubenpropeller“
nachgewiesen. Auf Grund zweier in den Staatsarchiven zu Simancas
aufbewahrten Briefe Blasco de Garays und auf Grund der von ihm
in diesem Archiv sowie in dem Archiv zu Barcelona angestellten
Nachforschungen kam Marc Gregor zu dem Ergebnis, daß es sich bei der
Erfindung Garays um ein _von 40 Mann bewegtes Schaufelrad_ gehandelt
hat, nicht aber um eine Dampfmaschine. Nebenbei möge hier die Bemerkung
Platz finden, daß sich bereits auf vorchristlichen römischen Medaillen
Schiffe, die durch Schaufelräder angetrieben werden, vorfinden. Bei den
Chinesen waren schon seit den ältesten Zeiten Schaufelräder im Gebrauch.
_Cardanus_ (geb. 1501 zu Pavia, gest. 1576 zu Rom) führte in seinem im
Jahre 1553 erschienenen Werke „~De rerum varietate~“ auch die Äolipile
an, die er bezüglich des Ansaugens der Flüssigkeit und des Ausstoßens
des Dampfes verbesserte. Auch er schlug vor, die in den Schornsteinen
aufsteigende warme Luft in der Weise auszunutzen, daß ein Flügelrad in
den lichten Raum der Esse eingebaut und zum Antrieb eines Bratspießes
benutzt werde.
Eine bemerkenswerte, wenngleich überaus unbestimmte Angabe über das
Heben von Wasser mit Hilfe des Feuers macht _Johannes Mathesius_,
Bergpfarrer zu Joachimsthal, in seiner im Jahre 1562 erschienenen
„Berg-Postilla oder Sarepta“. Die diesbezügliche Stelle lautet[19]:
„Ihr Bergleute sollet auch in euren Bergreyen rühmen den guten Mann,
der Berg (Gestein) und Wasser mit dem Wind auf den Platten anrichtet
zu heben, _wie man jetzt auch, doch am Tage, Wasser mit Feuer heben
soll_.“ Leider ist eine nähere Klarlegung dieser Anwendung des Feuers
nicht gegeben.
Im Jahre 1567 machte der Baumeister _Philibert Delorme_ (geb. um 1518
zu Lyon, gest. 1577 zu Paris) den Vorschlag, zur Verhütung des Rauchens
der Schornsteine in diese Äolipilen einzubauen.
Bemerkenswert ist eine Angabe über das Verhältnis zwischen Wasser-
und Dampfmenge, die in dem ohne Nennung des Verfassers (_Bresson_
zugeschriebenen) im Jahre 1569 zu Orleans erschienenen Buche „~L'Art et
science de trouver les eaux~“ enthalten ist und die wörtlich besagt:
„Aus einem Teil Wasser entwickeln sich durch Wärmezufuhr und
Verdampfung 10 Teile Luft (Dampf); im Gegensatz hierzu bildet sich aus
10 Teilen Luft ein Teil Wasser.“
Das Jahr 1570 brachte wiederum einen Vorschlag, die im Schornstein
abziehenden Rauchgase zum Antrieb von Bratspießen zu benutzen. Dieses
Mal ging der Vorschlag von _Bartholemeo Scappi_ aus, der ihn in seinem
Buche ~Opera di M. Bartholemeo Scappi, Venetia 1570~, unter Beifügung
von Kupfertafeln niederlegte.
Im Jahre 1575 erschien eine Übersetzung der Werke Herons von
Alexandrien aus dem Griechischen ins Lateinische von _Frederigo
Commandino_. Dieser starb während der Drucklegung zu Urbino. An seiner
Stelle besorgte dessen Freund _Spaciolus_ die Herausgabe[20].
In demselben Jahre übersetzte Aleotti, Architekt zu Urbino, die
„Druckwerke“ Herons ins Italienische[21].
Im Jahre 1597 erschien zu Leipzig ein Buch, von dem Stuart[22]
berichtet, daß es eine sich drehende Äolipile beschreibe, die zum
Antrieb eines Bratspießes dient. Es würde dieses die erste Quelle sein,
die auf die _motorische_ Ausnutzung der Äolipile deutet.
Von besonderem Interesse ist auch die Beschreibung einer Äolipile, die
_Sir Hugh Plat_ im Jahre 1594 veröffentlicht[23]: „Eine runde Kugel
von Kupfer oder Messing, die durch Verdünnung des Wassers in Luft das
Feuer kräftig anbläst. Mache eine Kugel aus Kupfer oder Messing und
statte sie mit einem Rohr oder Halsstück aus, das oben einen seitlichen
Ansatz und eine kleine Öffnung besitzt. Dann erhitze die Kugel und wirf
sie in kaltes Wasser; sie wird alsdann Wasser in sich hineinsaugen.
Dies wird so oft wiederholt, bis die Kugel mehr als zur Hälfte gefüllt
ist. Dann setze diese über brennende Kohlen. Nun wird man bemerken, daß
ein starkes Gebläse sich gegen die Kohlen richtet, wenn man die Tülle
des Blasebalges entsprechend einstellt. Es steht außer Zweifel, daß man
mit Hilfe dieser Kugel Gold und Silber schmelzen kann. Auch kann man
diese Kugeln so groß machen, daß man mit ihrer Hilfe eine ganze Stunde
lang ohne Unterbrechung blasen kann.“
Man nannte die Äolipilen auch „~philosophical bellows~“, philosophische
Blasebälge. Ihr Prinzip war übrigens in England schon vor den Zeiten
Sir Hugh Plats bekannt. So soll es auf den herrschaftlichen Landsitzen
in Staffordshire üblich gewesen sein, eine „~Jack of Hilton~“ genannte,
etwa einen Fuß hohe hohle Messingfigur aufzustellen, die Feuer spie
und deren Ursprung bis auf die Zeit der Sachsen zurückgeführt wurde.
Sie wurde am Neujahrstage in Tätigkeit gesetzt, und man pflegte die
Neujahrsgans dreimal um diesen Püsterich herumzutreiben, bevor man sie
briet und verzehrte.
Das Jahr 1598 brachte wiederum eine Übersetzung der „Druckwerke“ Herons
ins Italienische, und zwar von _Georgi_[24].
Im Jahre 1601 beschrieb _Battista della Porta_ in seinen ~Pneumaticorum
libri III~ einen Apparat, der hin und wieder als eine Vorrichtung
zum Heben von Wasser mittels Dampfes hingestellt wurde, in Wahrheit
aber nur dazu dienen sollte, festzustellen, in wieviel Teile Luft
sich eine gewisse Menge Wasser auflöst. Porta beschreibt den
Apparat wie folgt[25]: „Man nehme eine gläserne oder zinnerne Kiste
_~BC~_(Abb. 10), deren Boden an einer Stelle mit einem Loch versehen
sei, durch welches der Hals eines Destilliergefäßes ~D~ läuft, welches
ein bis zwei Unzen Wasser enthält. Der Hals sei an den Boden dieser
Kiste eingelötet, so daß das Wasser daselbst nicht heraus kann. Von
dem Boden der Kiste steige eine Röhre ~C~ auf, und diese Röhre sei
hinlänglich vom Boden entfernt, um Wasser durchzulassen. Diese Röhre
muß etwas über die Oberfläche des Deckels emporragen. Man fülle die
Kiste ~B~ durch die Öffnung ~A~ mit Wasser und schließe sie dann zu.
Man setze dann das Gefäß auf das Feuer und erhitze es nach und nach.
Das Wasser in demselben wird sich in Luft verwandeln, wird auf das
Wasser in der Kiste drücken, und dieses Wasser wird auf das Wasser in
der Röhre ~C~ drücken, und dieses wird aus derselben herausfließen.
Man muß so lange mit dem Erhitzen des Wassers in dem Gefäß fortfahren,
bis alles gar ist. Da das Wasser in Luft verwandelt wird, wird diese
Luft immer auf das Wasser in der Kiste drücken, und das Wasser wird
beständig ausfließen. Wenn es einmal bis zum Sieden gekommen ist, mißt
man die Menge Wassers, die aus der Kiste ausgeflossen ist, und so viel
dann an diesem Wasser fehlt, so viel hat sich dann in Luft verwandelt.
[Illustration: Abbildung 10 und 11.