Vorwort

Die Zahl der auf die Geschichte der Dampfmaschine sich beziehenden

Forschungsarbeiten ist außerordentlich groß, entsprechend der hohen

Bedeutung des Gegenstandes. Sämtliche Kulturvölker weisen in ihrer

Literatur mehr oder weniger vollkommene einschlägige Werke auf.

So ist denn die Kenntnis der wesentlichen Abschnitte der Entwicklung

der Dampfmaschine, die sich an die Namen _Heron von Alexandrien_,

_Salomon de Caus_, _Marquis of Worcester_, _Savery_, _Papin_,

_Newcomen_ und _Watt_ anknüpfen, nicht nur Gemeingut der Fachleute,

sondern auch der gebildeten Laien. Nun liegt aber zwischen jenen

gottbegnadeten Bahnbrechern eine lange Reihe von Namen, deren Träger

ebenfalls ein gutes Recht haben, unter denen genannt zu werden, denen

es beschieden war, an dem Ausbau des gewaltigsten Kulturträgers, wenn

auch nicht bahnbrechend, so doch fördernd, mitzuarbeiten.

Der Anspruch, den „Erfinder der Dampfmaschine“ zu den Ihrigen zählen zu

dürfen, wird von verschiedenen Völkern, insbesondere von den Franzosen

und Engländern, erhoben. Ein vergebliches Bemühen, wenn man sich

vergegenwärtigt, wie viele Bausteine mühevoll zusammengefügt werden

mußten, um die Grundlage zu schaffen, auf der James Watt zielbewußt

weiterbauen konnte. Diese Grundlage ist das gemeinsame Ergebnis

erfinderischer und wissenschaftlicher Tätigkeit vieler Geschlechter.

Das Ein- und Auslaßventil, der im Zylinder auf und ab bewegliche

Kolben, die Kurbel, das Sicherheitsventil, der Dampfkessel mit seinen

Speise- und Feuerungsanlagen, sie und noch viele andere mehr oder

weniger wichtige bauliche Einzelheiten mußten geschaffen werden, um die

Dampfkraft sicher und vorteilhaft zu fesseln und auszunutzen.

Nicht minder aber bedurfte es der wissenschaftlichen Vertiefung

der Kenntnis des Wesens des Druckes der Gase und der besonderen

Eigenschaften des Wasserdampfes. So sind denn mit der Entwicklung der

Dampfmaschine auf das engste die Namen _Galileo Galilei_, _Torricelli_,

_Otto von Guericke_, _van Helmont_, _Kratzenstein_, _Hamberger_ usw.

verknüpft. Aus dem Gesagten erklärt sich denn auch zwanglos die

Tatsache, daß die ersten Versuche der Ausnutzung der Dampfkraft sich

im Rahmen des tastenden Versuches vollzogen und erst allmählich,

entsprechend dem Fortschreiten der induktiven Wissenschaften, festen

Boden gewannen.

Die Versuche, den einen oder den anderen Bahnbrecher als den

„Erfinder der Dampfmaschine“ hinzustellen, müssen auch schon um

deswillen als verfehlt bezeichnet werden, weil eine allgemein

befriedigende Umgrenzung des Begriffs „_Maschine_“ trotz des Bemühens

hervorragendster Fachleute bis auf den heutigen Tag noch nicht gefunden

ist. So versteht _Pogge_ in seinem im Jahre 1819 herausgegebenen

technologischen Lexikon unter „Maschinen“ alle diejenigen

Vorrichtungen, wodurch wir vorteilhafte Bewegungen hervorzubringen

imstande sind. Nach _Reuleaux_ ist eine Maschine eine Verbindung von

widerstandsfähigen Körpern, die so eingerichtet ist, daß mittels ihrer

mechanische Naturkräfte genötigt werden können, unter bestimmten

Bewegungen zu wirken. _Brockhaus'_ Konversationslexikon versteht unter

einer Maschine jede Vorrichtung, welche die Übertragung der Wirkung

einer Kraft vermittelt.

Die Dampfmaschine nimmt nun unter allen Erzeugnissen des schaffenden

Menschengeistes insofern eine besondere Stellung ein, als sie sich

von der einfachsten Vorrichtung zu der sinnreichsten Maschine

herausgebildet hat. Mustern wir all die zahlreichen Vorschläge, die im

Laufe der Jahrhunderte für die Ausnutzung der Dampfkraft in Vorschlag

gebracht wurden, so werden wir eine große Anzahl von Einrichtungen

gewahr werden, bei denen wir nicht zu entscheiden wissen, ob wir sie

als Vorrichtungen oder als Maschinen ansprechen sollen. _Demnach

ist in den nachstehenden geschichtlichen Angaben alles dasjenige

wiedergegeben, was für die Benutzung der Dampfkraft zur Erzielung von

Arbeitsleistung vorgeschlagen wurde, einerlei, ob im Einzelfalle der

Name „Maschine“ anwendbar ist oder nicht._

Der Zufall hat es gefügt, daß die um die Wende des 16. und 17.

Jahrhunderts einsetzenden Fortschritte des Dampfmaschinenbaues

zusammenfallen mit dem Beginn des englischen Patentschutzes.

Wenngleich wir sehen werden, daß eine Anzahl bahnbrechender

Dampfmaschinenkonstrukteure auf den Patentschutz verzichtete und daß

die auf Dampfmaschinen erteilten ältesten Patente keinen Einblick in

das eigentliche Wesen der betreffenden Konstruktionen gewähren, so

bieten die vom Jahre 1617 ab zur Verfügung stehenden, im Jahre 1857 bei

George Edward Eyre und William Spottiswoode in London neugedruckten

Urkunden dennoch eine reiche Quelle des Wissenswerten. Dies gilt

insbesondere für die von uns zu behandelnden, unmittelbar vor James

Watt liegenden Jahrzehnte.

Nun befinden sich zwar unter den im Jahre 1871 veröffentlichten

_Auszügen aus den englischen auf Dampfmaschinen bezüglichen Patenten_

auch diejenigen aus den ersten Jahren des Patentschutzes[1]. _Leider

sind diese von verschiedenen Geschichtsforschern anstandslos benutzten

Auszüge aber unvollkommen._ Infolgedessen habe ich mich bereits

im Jahre 1897 der Mühe unterzogen, _sämtliche_ bis auf James Watt

erteilten englischen Patenturkunden daraufhin zu prüfen, ob und

inwieweit sie sich auf die Dampfmaschine beziehen. Das Ergebnis dieser

Forschungen habe ich seinerzeit in „Glasers Annalen für Gewerbe und

Bauwesen“ veröffentlicht und in nachstehendem verwertet.

Wenngleich die Frage: „Wer ist der Erfinder der Dampfmaschine?“

aus den von uns dargelegten Gründen füglich nicht zu beantworten

ist, so ist doch in der Geschichte der Dampfmaschine eine bestimmte

Wendung festzustellen, die sich im Sinne einer vernunftgemäßen und

zielbewußten Ausnutzung der Dampfkraft an die Namen Papin und Savery

knüpft. Nachstehend tritt diese in der Anordnung und Teilung unserer

geschichtlichen Angaben in der Weise in die Erscheinung, daß wir diese

in zwei große Abschnitte zerlegten, deren erster die ältesten Zeiten

bis auf Papin, deren zweiter die Zeit von Papin bis James Watt umfaßt.

Unter allen Förderern der Maschine überwiegt in seinen Erfolgen James

Watt. Die Darlegung dessen, was dieser geleistet hat, würde Bände

füllen und hat tatsächlich Bände gefüllt. In den nachstehenden Angaben

ist nur derjenigen Erfindungen Watts gedacht, die dessen Ruhm in erster

Linie begründet haben: die Verbesserung der atmosphärischen Maschine,

das Planeten- oder Sonnenrad, die Benutzung der Expansion des Dampfes,

die doppeltwirkende Dampfmaschine, das Wattsche Parallelogramm. Dieses

sind die großen Bausteine, die James Watt in das stolze Gebäude, das

zahlreiche gottbegnadete Geister aufzuführen begonnen hatten, als

Schlußsteine einfügte. Von dem 25. April 1769, dem Tage der Erteilung

des ersten Wattschen Patents, schreibt sich die Dampfmaschine in dem

Sinne her, wie das 19. Jahrhundert sie übernahm und zum machtvollsten

Träger des Fortschritts machte.

_Berlin-Wilmersdorf_, April 1913.

$Max Geitel.$

Die Geschichte der Dampfmaschine bis James Watt · 第 21 / 109 题