Endlich sagte Beineberg: »Reiting betrügt uns.«

Törleß fühlte sich gar nicht erstaunt; er nahm es wie etwas

Selbstverständliches auf, daß die Angelegenheit irgendeine solche

Fortsetzung finden mußte; ihm war fast, als hätte er nur darauf

gewartet. Ganz unwillkürlich sagte er: »Ich habe es mir gedacht!«

»So? Gedacht? Aber bemerkt wirst du wohl kaum etwas haben? Das würde

dir gar nicht ähnlich sehen.«

»Allerdings, mir ist nichts aufgefallen; ich habe mich auch weiter

nicht darum gekümmert.«

»Aber dafür habe ich gut achtgegeben; ich traute Reiting vom ersten

Tage an nicht. Du weißt doch, daß mir Basini mein Geld zurückgegeben

hat. Und wovon glaubst du? Aus eigenem? -- Nein.«

»Und du glaubst, daß Reiting seine Hand dabei im Spiele hat?«

»Gewiß.«

Im ersten Augenblicke dachte Törleß nichts anderes, als daß sich nun

auch Reiting in eine solche Sache verwickelt habe.

»Du glaubst also, daß Reiting ebenso wie Basini ...?«

»Wo denkst du hin! Reiting hat einfach von seinem eigenen Gelde das

Nötige gegeben, damit Basini seine Schuld bei mir ablösen könne.«

»Dafür sehe ich aber doch keinen rechten Grund.«

»Das konnte ich auch durch lange Zeit nicht. Jedenfalls wird aber

auch dir aufgefallen sein, daß sich Reiting von allem Anfang an so

kräftig für Basini einsetzte. Du hast ja damals ganz recht gehabt; es

wäre wirklich das natürlichste gewesen, wenn der Kerl hinausgeflogen

wäre. Aber ich habe damals absichtlich nicht für dich gestimmt, weil

ich mir dachte: ich muß doch sehen, was da alles noch mit im Spiele

ist. Ich weiß zwar wirklich nicht genau, ob er damals schon ganz

klare Absichten hatte oder nur zuwarten wollte, nachdem er Basinis ein

für allemal versichert war. Jedenfalls weiß ich, wie es heute steht.«

»Nun?«

»Warte, das ist nicht so rasch erzählt. Du kennst doch die Geschichte,

die vor vier Jahren im Institute stattgefunden hat?«

»Welche Geschichte?«

»Nun, die gewisse!«

»Nur beiläufig. Ich weiß bloß, daß es damals wegen irgend welcher

Schweinereien einen großen Skandal gegeben hat und daß eine ganze

Anzahl deswegen strafweise entlassen werden mußte.«

»Ja, das meine ich. Ich habe näheres darüber einmal auf Urlaub von

einem aus jener Klasse erfahren. Sie haben einen hübschen Burschen

unter sich gehabt, in den viele von ihnen verliebt waren. Das kennst du

ja, denn das kommt alle Jahre vor. Die aber haben damals die Sache

zu weit getrieben.«

»Wieso?«

»Nun, ... wie ...?! Frag doch nicht so dumm! Und dasselbe tut Reiting

mit Basini!«

Törleß verstand, worum es sich zwischen den beiden handelte, und er

fühlte in seiner Kehle ein Würgen, als ob Sand darinnen wäre.

»Das hätte ich nicht von Reiting gedacht.« Er wußte nichts Besseres

zu sagen. Beineberg zuckte die Achseln.

»Er glaubt uns betrügen zu können.«

»Ist er verliebt?«

»Gar keine Spur. So ein Narr ist er nicht. Es unterhält ihn, höchstens

reizt es ihn sinnlich.«

»Und Basini?«

»Der?... Ist dir nicht aufgefallen, wie frech er in der letzten Zeit

geworden ist? Von mir hat er sich kaum mehr etwas sagen lassen. Immer

hieß es nur Reiting und wieder Reiting -- als ob der sein persönlicher

Schutzheiliger wäre. Es ist besser, hat er sich wahrscheinlich

gedacht, von dem einen sich alles gefallen zu lassen als von jedem

etwas. Und Reiting wird ihm versprochen haben ihn zu schützen, wenn er

ihm in allem zu Willen ist. Aber sie sollen sich geirrt haben, und ich

werde es Basini noch austreiben!«

»Wie bist du darauf gekommen?«

»Ich bin ihnen einmal nachgegangen.«

»Wohin?«

»Da nebenan auf den Boden. Reiting hatte von mir den Schlüssel zum

andern Eingang. Ich bin dann hieher, habe vorsichtig das Loch

freigemacht und mich an sie herangeschlichen.«

In die dünne Zwischenwand, welche die Kammer vom Dachboden trennte,

war nämlich ein Durchlaß gebrochen, gerade so breit, daß sich ein

menschlicher Körper hindurchzwängen konnte. Er sollte im Falle einer

Überraschung als Notausgang dienen und war für gewöhnlich durch

eingeschobene Ziegel verschlossen.

Es war eine lange Pause eingetreten, in der man nur das Aufglimmen des

Tabaks vernahm.

Törleß vermochte nichts zu denken; er sah... Er sah hinter seinen

geschlossenen Augen wie mit einem Schlage ein tolles Wirbeln von

Vorgängen, .. Menschen; Menschen in einer grellen Beleuchtung, mit

hellen Lichtern und beweglichen, tief eingegrabenen Schatten;

Gesichter, ... ein Gesicht; ein Lächeln .. einen Augenaufschlag ..

ein Zittern der Haut; er sah Menschen in einer Weise, wie er sie noch

nie gesehen, noch nie gefühlt hatte. Aber er sah sie ohne zu sehen,

ohne Vorstellungen, ohne Bilder; so als ob nur seine Seele sie sähe;

sie waren so deutlich, daß er von ihrer Eindringlichkeit tausendfach

durchbohrt wurde, aber, als ob sie an einer Schwelle Halt machten,

die sie nicht überschreiten konnten, wichen sie zurück, sobald er

nach Worten suchte, um ihrer Herr zu werden.

Er mußte weiter fragen. Seine Stimme vibrierte. »Und ... hast du

gesehen?«

»Ja.«

»Und ... wie war Basini?«

Aber Beineberg schwieg und wieder hörte man nur das unruhige Knistern

der Zigaretten. Erst lange nachher begann Beineberg wieder zu sprechen.

»Ich habe mir die Sache hin und her überlegt und du weißt, daß ich

darin ganz besonders denke. Was zunächst Basini anlangt, meine ich, daß

um ihn in keinem Falle schade wäre. Sei es, daß wir ihn jetzt anzeigen

oder schlagen, oder ihn selbst rein des Vergnügens halber zu Tode

martern würden. Denn ich kann mir nicht vorstellen, daß so ein Mensch

in dem wundervollen Mechanismus der Welt irgend etwas bedeuten soll.

Er erscheint mir nur zufällig, außerhalb der Reihe geschaffen zu sein.

Das heißt -- irgend etwas muß ja auch er bedeuten, aber sicher nur

etwas so Unbestimmtes wie irgendein Wurm oder ein Stein am Wege, von

dem wir nicht wissen, ob wir an ihm vorübergehen oder ihn zertreten

sollen. Und das ist so gut wie nichts. Denn, wenn die Weltseele

will, daß einer ihrer Teile erhalten bleibe, so spricht sie sich

deutlicher aus. Sie sagt dann nein und schafft einen Widerstand, sie

läßt uns an dem Wurm vorübergehen und gibt dem Stein eine so große

Härte, daß wir ihn nicht ohne Werkzeug zerschlagen können. Denn

bevor wir solches holen, hat sie längst die Widerstände einer Menge

kleiner, zäher Bedenken eingeschoben, und überwinden wir diese, so

hatte die Sache eben von vorneherein andere Bedeutung.

Bei einem Menschen legt sie diese Härte in seinen Charakter, in sein

Bewußtsein als Mensch, in sein Verantwortlichkeitsgefühl, ein Teil

der Weltseele zu sein. Verliert nun ein Mensch dieses Bewußtsein, so

verliert er sich selbst. Hat aber ein Mensch sich selbst verloren und

sich aufgegeben, so hat er das Besondere, das Eigentliche verloren,

weswegen ihn die Natur als Mensch geschaffen hat. Und niemals kann man

so sicher sein als in diesem Falle, daß man es mit etwas Unnotwendigem

zu tun habe, mit einer leeren Form, mit etwas, das von der Weltseele

schon längst verlassen wurde.«

Törleß fühlte keinen Widerspruch. Er hörte auch gar nicht mit

Aufmerksamkeit zu. Er hatte bisher noch nie Veranlassung zu solchen

metaphysischen Gedankengängen gehabt, und hatte auch nie darüber

nachgedacht, wieso ein Mensch von Beinebergs Verstande auf derartiges

verfallen könne. Die ganze Frage war überhaupt noch nicht in den

Horizont seines Lebens getreten.

Demgemäß gab er sich auch gar keine Mühe, Beinebergs Ausführungen auf

ihren Sinn zu prüfen; er hörte nur halb auf sie hin.

Er verstand bloß nicht, wie man so breit und weit ausholen könne. In

ihm zitterte alles und die Umsicht, mit der Beineberg seine Gedanken

weiß Gott wo her holte, erschien ihm lächerlich, unangebracht, machte

ihn ungeduldig. Aber Beineberg fuhr gelassen fort. »Mit Reiting

jedoch steht die Sache ganz anders. Auch er hat sich durch das, was er

getan hat, in meine Hand gegeben, aber sein Schicksal ist mir gewiß

nicht so gleichgültig wie das Basinis. Du weißt, seine Mutter hat

kein großes Vermögen; wenn er aus dem Institute ausgeschlossen wird,

ist es daher für ihn mit allen Plänen zu Ende. Von hier aus kann er

es zu etwas bringen, sonst aber dürfte sich wohl wenig Gelegenheit

dazu finden. Und Reiting hat mich nie mögen .. verstehst du?.. er

hat mich gehaßt, .. hat mir früher zu schaden getrachtet, wo er nur

konnte, .. ich glaube, er würde sich heute noch freuen, wenn er mich

los werden könnte. Siehst du jetzt, was ich aus dem Besitz dieses

Geheimnisses alles machen kann?...«

Törleß erschrak. Aber so sonderbar, als ob das Schicksal Reitings ihn

selbst beträfe. Er blickte erschrocken auf Beineberg. Dieser hatte

die Augen bis auf einen kleinen Spalt geschlossen und erschien ihm wie

eine unheimliche, große, ruhig in ihrem Netze lauernde Spinne. Seine

letzten Worte klangen kalt und deutlich wie die Sätze eines Diktats in

Törleß' Ohren.

Er hatte das Vorangegangene nicht verfolgt, hatte nur gewußt: Beineberg

spricht jetzt wieder von seinen Ideen, die doch mit dem Gegebenen gar

nichts zu tun haben, ... und nun wußte er auf einmal nicht, wie es

gekommen war.

Das Gewebe, das doch irgendwo draußen im Abstrakten angeknüpft worden

war, wie er sich erinnerte, mußte sich mit fabelhafter Geschwindigkeit

plötzlich zusammengezogen haben. Denn mit einem Male war es nun

konkret, wirklich, lebendig, und ein Kopf zappelte darin, ... mit

zugeschnürtem Halse.

Er liebte Reiting durchaus nicht, aber er erinnerte sich jetzt

seiner liebenswürdigen, frechen, unbekümmerten Art, mit der er alle

Intrigen anfaßte, und Beineberg erschien ihm dagegen schändlich,

wie er ruhig und grinsend seine vielarmigen, grauen, abscheulichen

Gedankengespinste um jenen zusammenzog.

Unwillkürlich fuhr ihn Törleß an: »Du darfst es nicht gegen ihn

ausnützen.« Es mochte wohl auch sein steter, heimlicher Widerwille

gegen Beineberg mit im Spiele gewesen sein.

Aber Beineberg sagte von selbst, nach kurzem Besinnen: »Wozu auch?!

Um ihn wäre wirklich schade. Mir ist er von jetzt an ohnedies

ungefährlich und er ist doch zu viel wert, um ihn über eine solche

Dummheit stolpern zu lassen.« Damit war dieser Teil der Angelegenheit

erledigt. Aber Beineberg sprach weiter und wandte sich nun wieder

Basinis Schicksal zu.

»Meinst du noch immer, daß wir Basini anzeigen sollen?« Aber Törleß gab

keine Antwort. Er wollte Beineberg sprechen hören, dessen Worte klangen

ihm wie das Hallen von Schritten auf hohlem, untergrabenem Erdreich und

er wollte diesen Zustand auskosten.

Beineberg verfolgte seine Gedanken weiter. »Ich denke, wir behalten

ihn vorderhand für uns und strafen ihn selbst. Denn bestraft muß er

werden -- allein schon wegen seiner Anmaßung. Die vom Institute würden

ihn höchstens entlassen und seinem Onkel einen langen Brief dazu

schreiben; -- du weißt ja beiläufig, wie geschäftsmäßig das geht.

Eure Exzellenz, Ihr Neffe hat sich vergessen, ... irregeleitet ...

geben ihn Ihnen zurück ... hoffen, daß es Ihnen gelingen wird ...

Weg der Besserung ... einstweilen jedoch unter den anderen unmöglich

... usw. Hat denn so ein Fall ein Interesse oder einen Wert für sie?«

»Und was für einen Wert soll er für uns haben?«

»Was für einen Wert? Für dich vielleicht keinen, denn du wirst einmal

Hofrat werden oder Gedichte machen; -- du brauchst das schließlich

nicht, vielleicht hast du sogar Angst davor. Aber ich denke mir mein

Leben anders!«

Törleß horchte diesmal auf.

»Für mich hat Basini einen Wert -- einen sehr großen sogar. Denn

sieh -- du ließest ihn einfach laufen und würdest dich ganz damit

beruhigen, daß er ein schlechter Mensch war.« Törleß unterdrückte

ein Lächeln. »Damit bist du fertig, weil du kein Talent oder kein

Interesse hast, dich selbst an einem solchen Fall zu schulen. Ich

aber habe dieses Interesse. Wenn man meinen Weg vor sich hat, muß man

die Menschen ganz anders auffassen. Deswegen will ich mir Basini

erhalten, um an ihm zu lernen.«

»Wie willst du ihn aber bestrafen?«

Beineberg hielt einen Augenblick mit der Antwort aus, als überlegte er

noch die zu erwartende Wirkung. Dann sagte er vorsichtig und zögernd:

»Du irrst, wenn du glaubst, daß mir so sehr um das Strafen zu tun ist.

Freilich wird man es ja am Ende auch eine Strafe für ihn nennen können,

... aber, um nicht lange Worte zu machen, ich habe etwas anderes im

Sinn, ich will ihn ... nun sagen wir einmal ... quälen ...«

Törleß hütete sich ein Wort zu sagen. Er sah noch durchaus nicht klar,

aber er fühlte, daß dies alles so kam, wie es für ihn -- innerlich

-- kommen mußte. Beineberg, der nicht entnehmen konnte, wie seine Worte

gewirkt hatten, fuhr fort: »... Du brauchst nicht zu erschrecken,

es ist nicht so arg. Denn zunächst auf Basini ist doch, wie ich dir

ausführte, keine Rücksicht zu nehmen. Die Entscheidung, ob wir ihn

quälen oder etwa schonen sollen, ist nur in unserem Bedürfnisse nach

dem einen oder dem anderen zu suchen. In inneren Gründen. Hast du

solche? Das mit Moral, Gesellschaft und so weiter, was du damals

vorgebracht hast, kann natürlich nicht zählen; du hast hoffentlich

selbst nie daran geglaubt. Du bist also vermutlich indifferent. Aber

immerhin kannst du dich ja noch von der ganzen Sache zurückziehen,

falls du nichts aufs Spiel setzen willst.

Mein Weg wird jedoch nicht zurück oder vorbei, sondern mitten

hindurch führen. Das muß so sein. Auch Reiting wird nicht von der

Sache lassen, denn auch für ihn hat es einen besonderen Wert, einen

Menschen ganz in seiner Hand zu haben und sich üben zu können, ihn

wie ein Werkzeug zu behandeln. Er will herrschen und würde _dir_ es

gerade so machen wie Basini, wenn die Gelegenheit zufällig dich

träfe. Für mich handelt es sich jedoch noch um mehr. Fast um eine

Verpflichtung gegen mich selbst; wie soll ich dir nur diesen

Unterschied zwischen uns klar machen? Du weißt, wie sehr Reiting

Napoleon verehrt: halte nun dagegen, daß der Mensch, welcher mir vor

allen gefällt, mehr irgendeinem Philosophen und indischen Heiligen

ähnelt. Reiting würde Basini opfern und nichts als Interesse dabei

empfinden. Er würde ihn moralisch zerschneiden, um zu erfahren,

worauf man sich bei solchen Unternehmungen gefaßt zu machen hat.

Und wie gesagt, dich oder mich gerade so gut wie Basini und ohne

daß es ihm im geringsten nahe ginge. Ich dagegen habe gerade so

gut wie du diese gewisse Empfindung, daß Basini schließlich und

endlich doch auch ein Mensch sei. Auch in mir wird etwas durch eine

begangene Grausamkeit verletzt. Aber gerade darum handelt es sich!

Förmlich um ein Opfer! Siehst du, auch ich bin an zwei Fäden geknüpft.

An diesen einen, unbestimmten, der mich in Widerspruch zu meiner

klaren Überzeugung an eine mitleidige Tatlosigkeit bindet, aber auch

an einen zweiten, der zu meiner Seele hinläuft, zu innersten

Erkenntnissen und mich an den Kosmos fesselt. Solche Menschen wie

Basini, sagte ich dir schon früher, bedeuten nichts -- eine leere,

zufällige Form. Die wahren Menschen sind nur die, welche in sich

selbst eindringen können, kosmische Menschen, welche imstande sind,

sich bis zu ihrem Zusammenhange mit dem großen Weltprozesse zu

versenken. Diese verrichten Wunder mit geschlossenen Augen, weil

sie die gesamte Kraft der Welt zu gebrauchen verstehen, die in ihnen

gerade so ist wie außer ihnen. Aber alle Menschen, die bis dahin dem

zweiten Faden folgten, mußten den ersten vorher zerreißen. Ich habe von

schauerlichen Bußopfern erleuchteter Mönche gelesen, und die Mittel

der indischen Heiligen sind ja auch dir nicht ganz unbekannt. Alle

grausamen Dinge, die dabei geschehen, haben nur den Zweck, die

elenden nach außen gerichteten Begierden abzutöten, welche, ob sie

nun Eitelkeit oder Hunger, Freude oder Mitleid seien, nur von dem Feuer

abziehen, das jeder in sich zu erwecken vermag.

Reiting kennt nur das außen, ich folge dem zweiten Faden. Jetzt

hat er in den Augen aller einen Vorsprung, denn mein Weg ist

langsamer und unsicherer. Aber mit einem Schlage kann ich ihn wie

einen Wurm überholen. Siehst du, man behauptet, die Welt bestünde

aus mechanischen Gesetzen, an denen sich nicht rütteln lasse. Das

ist ganz falsch, das steht nur in den Schulbüchern! Die Außenwelt

ist wohl hartnäckig, und ihre sogenannten Gesetze lassen sich bis zu

einem gewissen Grade nicht beeinflussen, aber es hat doch Menschen

gegeben, denen das gelang. Das steht in heiligen, vielgeprüften

Büchern, von denen die meisten nur nichts wissen. Von dorther weiß

ich, daß es Menschen gegeben hat, die Steine und Luft und Wasser durch

eine bloße Regung ihres Willens bewegen konnten und vor derem

Gebete keine Kraft der Erde fest genug war. Aber auch das sind erst die

äußerlichen Triumphe des Geistes. Denn, wem es _ganz_ gelingt, seine

Seele zu schauen, für den löst sich sein körperliches Leben, das nur

ein zufälliges ist; es steht in den Büchern, daß solche direkt in

ein höheres Reich der Seelen eingingen.«

Beineberg sprach völlig ernsthaft, mit verhaltener Erregung. Törleß

hielt noch immer fast ununterbrochen die Augen geschlossen; er

fühlte Beinebergs Atem zu sich herüberdringen und sog ihn wie ein

beklemmendes Betäubungsmittel ein. Indessen beendete Beineberg

seine Rede:

»Du kannst also sehen, worum es sich mir handelt. Was mir einredet,

Basini laufen zu lassen, ist von niederer, äußerlicher Herkunft. Du

magst dem folgen. Für mich ist es ein Vorurteil, von dem ich los muß,

wie von allem, das von dem Wege zu meinem Innersten ablenkt.

Gerade daß es mir schwer fällt, Basini zu quälen -- ich meine, ihn

zu demütigen, herabzudrücken, von mir zu entfernen -- ist gut. Es

erfordert ein Opfer. Es wird reinigend wirken. Ich bin mir schuldig,

täglich an ihm zu lernen, daß das bloße Menschsein gar nichts bedeutet

-- eine bloße äffende, äußerliche Ähnlichkeit.«

Törleß verstand nicht alles. Er hatte nur wieder die Vorstellung,

daß sich eine unsichtbare Schlinge plötzlich zu einem greifbaren,

tödlichen Knoten zusammengezogen habe. Beinebergs letzte Worte

klangen in ihm nach: »eine bloße äußerliche, äffende Ähnlichkeit,«

wiederholte er sich. Das schien auch auf sein Verhältnis zu Basini

zu passen. Bestand nicht der sonderbare Reiz, den dieser auf ihn

ausübte, in solchen Gesichten? Einfach darin, daß er sich nicht in ihn

hineindenken konnte, und ihn daher stets wie in unbestimmten Bildern

empfand? War nicht, als er sich vorhin Basini vorgestellt hatte,

hinter dessen Gesichte ein zweites, verschwimmendes gestanden? Von

einer greifbaren Ähnlichkeit, die sich doch an nichts anknüpfen ließ?

So kam es, daß Törleß, anstatt daß er über die ganz sonderbaren

Absichten Beinebergs nachgedacht hätte, von den neuen, ungewöhnlichen

Eindrücken halb betäubt, versuchte, über sich selbst klar zu werden.

Er erinnerte sich an den Nachmittag, bevor er von Basinis Vergehen

erfahren hatte. Da waren diese Gesichte eigentlich auch schon

dagewesen. Es hatte sich immer etwas gefunden, womit seine Gedanken

nicht fertig werden konnten. Etwas, das so einfach und so fremd

erschien. Er hatte Bilder gesehen, die doch keine Bilder waren.

Vor jenen Hütten, ja selbst als er mit Beineberg in der Konditorei saß.

Es waren Ähnlichkeiten und unüberbrückbare Unähnlichkeiten zugleich.

Und dieses Spiel, diese geheime, ganz persönliche Perspektive hatte

ihn erregt.

Und nun riß ein Mensch dies an sich. All das war nun in einem Menschen

verkörpert, wirklich geworden. Dadurch ging die ganze Sonderbarkeit

auf diesen Menschen über. Dadurch rückte sie aus der Phantasie ins

Leben und wurde bedrohlich ...

Die Aufregungen hatten Törleß ermüdet, seine Gedanken ketteten sich

nur mehr lose aneinander.

Ihm blieb nur die Erinnerung, daß er diesen Basini nicht loslassen

dürfe, daß dieser bestimmt sei, auch für ihn eine wichtige und bereits

unklar erkannte Rolle zu spielen.

Dazwischen schüttelte er verwundert den Kopf, wenn er an Beinebergs

Worte dachte. Auch der ...?

Er kann doch nicht dasselbe suchen, wie ich, und doch fand gerade er

die richtige Bezeichnung dafür ...

Törleß träumte mehr als er dachte. Er war nicht mehr imstande, sein

psychologisches Problem von Beinebergs Phantastereien zu unterscheiden.

Er hatte schließlich nur das eine Gefühl, daß sich die riesige Schlinge

immer fester um alles zusammenziehe.

Das Gespräch fand keine Fortsetzung. Sie löschten das Licht aus und

schlichen vorsichtig in ihren Schlafsaal zurück.

* * * * *

Die nächsten Tage brachten keine Entscheidung. Es gab in der Schule

viel zu tun, Reiting wich vorsichtig jedem Alleinsein aus und auch

Beineberg ging einer erneuten Aussprache aus dem Wege.

So geschah es, daß sich während dieser Tage, wie ein in seinem Lauf

gehemmter Strom, das Geschehene tiefer in Törleß eingrub und seinen

Gedanken eine unwiderrufliche Richtung gab.

Mit der Absicht, Basini zu entfernen, war es dadurch endgültig

vorüber. Törleß fühlte sich jetzt zum ersten Male voll auf sich selbst

konzentriert und vermochte an gar nichts anderes mehr zu denken. Auch

Bozena war ihm gleichgültig geworden; was er gelegentlich ihrer

empfunden hatte, wurde ihm zu einer phantastischen Erinnerung, an

deren Stelle nun der Ernst getreten war.

Freilich schien dieser Ernst nicht weniger phantastisch zu sein.

* * * * *

Von seinen Gedanken beschäftigt, war Törleß allein im Parke spazieren

gegangen. Es war um die Mittagszeit und die Spätherbstsonne legte

blasse Erinnerungen über Wiesen und Wege. Da Törleß in seiner Unruhe

keine Lust zu weiterem Spaziergange hatte, umschritt er bloß das

Gebäude und warf sich am Fuße der fast fensterlosen Seitenmauer in das

fahle, raschelnde Gras. Über ihm spannte sich der Himmel, ganz in jenem

verblichenen, leidenden Blau, das dem Herbste eigen ist, und kleine,

weiße, geballte Wölkchen hasteten darüber hin.

Törleß lag lang ausgestreckt am Rücken und blinzelte unbestimmt

träumend zwischen den sich entblätternden Kronen zweier vor ihm

stehenden Bäume hindurch.

Er dachte an Beineberg; wie sonderbar doch dieser Mensch war! Seine

Worte würden zu einem zerbröckelnden indischen Tempel gehören, in die

Gesellschaft unheimlicher Götzenbilder und zauberkundiger Schlangen in

tiefen Verstecken; was sollten sie aber am Tage, im Konvikte, im

modernen Europa? Und doch schienen diese Worte, nachdem sie sich ewig

lange, wie ein Weg ohne Ende und Übersicht in tausend Windungen

hingezogen hatten, plötzlich vor einem greifbaren Ziele gestanden zu

sein ...

Und plötzlich bemerkte er -- und es war ihm, als geschähe dies zum

ersten Male -- wie hoch eigentlich der Himmel sei.

Es war wie ein Erschrecken. Gerade über ihm leuchtete ein kleines,

blaues, unsagbar tiefes Loch zwischen den Wolken.

Ihm war, als müßte man da mit einer langen, langen Leiter hineinsteigen

können. Aber je weiter er hineindrang und sich mit den Augen hob,

desto tiefer zog sich der blaue, leuchtende Grund zurück. Und es war

doch, als müßte man ihn einmal erreichen und mit den Blicken ihn

aufhalten können. Dieser Wunsch wurde quälend heftig.

Es war, als ob die aufs äußerste gespannte Sehkraft Blicke wie Pfeile

zwischen die Wolken hineinschleuderte und als ob sie, je weiter sie

auch zielte, immer um ein weniges zu kurz träfe.

Darüber dachte nun Törleß nach; er bemühte sich möglichst ruhig und

vernünftig zu bleiben. »Freilich gibt es kein Ende,« sagte er sich, »es

geht immer weiter, fortwährend weiter, ins Unendliche.« Er hielt die

Augen auf den Himmel gerichtet und sagte sich dies vor, als gälte es

die Kraft einer Beschwörungsformel zu erproben. Aber erfolglos; die

Worte sagten nichts, oder vielmehr sie sagten etwas ganz anderes,

so als ob sie zwar von dem gleichen Gegenstande, aber von einer

anderen, fremden, gleichgültigen Seite desselben redeten.

»Das Unendliche!« Törleß kannte das Wort aus dem Mathematikunterrichte.

Er hatte sich nie etwas Besonderes darunter vorgestellt. Es kehrte

immer wieder; irgend jemand hatte es einst erfunden und seither war es

möglich, so sicher damit zu rechnen, wie nur mit irgend etwas Festem.

Es war, was es gerade in der Rechnung galt; darüber hinaus hatte Törleß

nie etwas gesucht.

Und nun durchzuckte es ihn wie mit einem Schlage, daß an diesem Worte

etwas furchtbar Beunruhigendes hafte. Es kam ihm vor wie ein gezähmter

Begriff, mit dem er täglich seine kleinen Kunststückchen gemacht

hatte, und der nun plötzlich entfesselt worden war. Etwas über den

Verstand Gehendes, Wildes, Vernichtendes schien durch die Arbeit

irgendwelcher Erfinder hineingeschläfert worden zu sein und war nun

plötzlich aufgewacht und wieder furchtbar geworden. Da, in diesem

Himmel, stand es nun lebendig über ihm und drohte und höhnte.

Endlich schloß er die Augen, weil ihn dieser Anblick so sehr quälte.

* * * * *

Als er bald darauf durch einen Windstoß, der durch das welke Gras

raschelte, wieder geweckt wurde, spürte er seinen Körper kaum und von

den Füßen herauf strömte eine angenehme Kühle, die seine Glieder in

einem Zustand süßer Trägheit festhielt. In sein früheres Erschrecken

hatte sich nun etwas Mildes und Müdes gemischt. Noch immer fühlte er

den Himmel riesig und schweigend auf sich herunterstarren, aber er

erinnerte sich nun, wie oft er schon vordem einen solchen Eindruck

empfangen hatte, und wie zwischen Wachen und Träumen ging er alle diese

Erinnerungen durch und fühlte sich in ihre Beziehungen eingesponnen.

Da war zunächst jene Kindheitserinnerung, in der die Bäume so ernst und

schweigend standen wie verzauberte Menschen. Schon damals mußte er es

empfunden haben, was später immer wieder kam. Selbst jene Gedanken

bei Bozena hatten etwas davon an sich gehabt, etwas Besonderes,

etwas Ahnungsvolles, das mehr war als sie besagten. Und jener

Augenblick der Stille im Garten, vor den Fenstern der Konditorei,

bevor sich die dunklen Schleier der Sinnlichkeit niedersenkten, war so

gewesen. Und Beineberg und Reiting waren oft während des Bruchteiles

eines Gedankens zu etwas Fremdem, Unwirklichem geworden; und endlich

Basini? Die Vorstellung dessen, was mit ihm geschah, hatte Törleß

völlig entzweigerissen; sie war bald vernünftig und alltäglich, bald

von jenem bilderdurchzuckten Schweigen, das allen diesen Eindrücken

gemeinsam war, das nach und nach in Törleß' Wahrnehmung gesickert

war und nun mit einem Male beanspruchte, als etwas Wirkliches,

Lebendiges behandelt zu werden; genau so wie vorhin die Vorstellung der

Unendlichkeit.

Törleß fühlte nun, daß es ihn von allen Seiten umschloß. Wie ferne,

dunkle Kräfte hatte es wohl schon seit jeher gedroht, aber er war

instinktiv davor zurückgewichen und hatte es nur zeitweilig mit einem

scheuen Blick gestreift. Nun aber hatte ein Zufall, ein Ereignis seine

Aufmerksamkeit verschärft und darauf gerichtet, und wie auf ein Zeichen

brach es nun von allen Seiten herein; eine ungeheure Verwirrung mit

sich reißend, die jeder Augenblick aufs neue weiter breitete.

Es kam wie eine Tollheit über Törleß, Dinge, Vorgänge und Menschen als

etwas Doppelsinniges zu empfinden. Als etwas, das durch die Kraft

irgendwelcher Erfinder an ein harmloses, erklärendes Wort gefesselt

war, und als etwas ganz Fremdes, das jeden Augenblick sich davon

loszureißen drohte.

Gewiß: es gibt für alles eine einfache, natürliche Erklärung, und

auch Törleß wußte sie, aber zu seinem furchtsamen Erstaunen schien sie

nur eine ganz äußere Hülle fortzureißen, ohne das Innere bloßzulegen,

das Törleß wie mit unnatürlich gewordenen Augen stets noch als zweites

dahinter schimmern sah.

So lag Törleß und war ganz eingesponnen von Erinnerungen, aus denen

wie fremde Blüten seltsame Gedanken wuchsen. Jene Augenblicke, die

keiner vergißt, Situationen, wo der Zusammenhang versagt, der sonst

unser Leben sich lückenlos in unserem Verstande abspiegeln läßt, als

liefen sie parallel und mit gleicher Geschwindigkeit nebeneinander

her -- schlossen sich verwirrend eng aneinander.

Die Erinnerung an das so furchtbar stille, farbentraurige Schweigen

mancher Abende wechselte unvermittelt mit der heißen zitternden Unruhe

eines Sommermittags, die einmal seine Seele glühend, wie mit den

zuckenden Füßen eines huschenden Schwarms schillernder Eidechsen

überlaufen hatte.

Dann fiel ihm plötzlich ein Lächeln jenes kleinen Fürsten ein -- ein

Blick -- eine Bewegung -- damals, als sie innerlich miteinander fertig

wurden -- durch die jener Mensch sich mit einem -- sanften -- Mal aus

allen Beziehungen löste, die Törleß um ihn gesponnen hatte, und in

eine neue, fremde Weite hineinschritt, die sich -- gleichsam in das

Leben einer unbeschreiblichen Sekunde konzentriert -- unversehens

aufgetan hatte. Dann kamen wieder Erinnerungen aus dem Walde --

zwischen den Feldern. Dann ein schweigsames Bild in einem dunkelnden

Zimmer zu Hause, das ihn später an seinen verlorenen Freund plötzlich

erinnert hatte. Worte eines Gedichtes fielen ihm ein ...

Und es gibt auch sonst Dinge, wo zwischen Erleben und Erfassen diese

Unvergleichlichkeit herrscht. Immer aber ist es so, daß das, was wir in

einem Augenblick ungeteilt und ohne Fragen erleben, unverständlich und

verwirrt wird, wenn wir es mit den Ketten der Gedanken zu unserem

bleibenden Besitze fesseln wollen. Und was groß und menschenfremd

aussieht, solange unsere Worte von ferne danach langen, wird einfach

und verliert das Beunruhigende, sobald es in den Tatkreis unseres

Lebens eintritt.

* * * * *

Und so hatten alle diese Erinnerungen auf einmal dasselbe Geheimnis

gemeinsam. Als ob sie zusammengehörten, standen sie alle zum Greifen

deutlich vor ihm.

Sie waren einstens von einem dunklen Gefühl begleitet gewesen, das er

wenig beachtet hatte.

Gerade um dieses bemühte er sich jetzt. Ihm fiel ein, daß er

einstens, als er mit seinem Vater vor einer jener Landschaften

stand, unvermittelt gerufen hatte: o es ist schön -- und verlegen

wurde, als sich sein Vater freute. Denn er hätte ebensogut sagen

mögen: es ist schrecklich traurig. Es war ein Versagen der Worte, das

ihn da quälte, ein halbes Bewußtsein, daß die Worte nur zufällige

Ausflüchte für das Empfundene waren.

Und heute erinnerte er sich des Bildes, erinnerte sich der Worte und

deutlich jenes Gefühles zu lügen, ohne zu wissen, wieso. Sein Auge ging

in der Erinnerung von neuem alles durch. Aber immer wieder kehrte es

ohne Erlösung zurück. Ein Lächeln des Entzückens über den Reichtum der

Einfälle, das er noch immer wie zerstreut festhielt, bekam langsam

einen kaum merklichen schmerzhaften Zug ...

Er hatte das Bedürfnis, rastlos nach einer Brücke, einem Zusammenhange,

einem Vergleich zu suchen -- zwischen sich und dem, was wortlos vor

seinem Geiste stand.

Aber so oft er sich bei einem Gedanken beruhigt hatte, war wieder

dieser unverständliche Einspruch da: Du lügst. Es war, als ob er eine

unaufhörliche Division durchführen müßte, bei der immer wieder ein

hartnäckiger Rest heraussprang, oder als ob er sich fiebernde Finger

wundbemühte, um einen endlosen Knoten zu lösen.

Und endlich ließ er nach. Es schloß sich eng um ihn und die

Erinnerungen wuchsen in unnatürlicher Verzerrung.

Er hatte die Augen wieder auf den Himmel gerichtet. Als könnte er

ihm vielleicht noch durch einen Zufall sein Geheimnis entreißen und

an ihm erraten, was ihn allerorten verwirrte. Aber er wurde müde,

und das Gefühl einer tiefen Einsamkeit schloß sich langsam über ihm

zusammen. Der Himmel schwieg. Und Törleß fühlte, daß er unter diesem

unbewegten, stummen Gewölbe ganz allein sei, er fühlte sich wie ein

kleines lebendes Pünktchen unter dieser riesigen, durchsichtigen Leiche.

Aber es schreckte ihn kaum mehr. Wie ein alter, längst vertrauter

Schmerz hatte es nun auch das letzte Glied ergriffen.

Ihm war, als ob das Licht einen milchigen Schimmer angenommen hätte

und wie ein bleicher kalter Nebel vor seinen Augen tanzte.

Langsam und vorsichtig wandte er den Kopf und sah umher, ob sich denn

wirklich alles verändert habe. Da streifte sein Blick von ungefähr

die graue, fensterlose Mauer, die hinter seinem Haupte stand. Sie

schien sich über ihn gebeugt zu haben und ihn schweigend anzusehen.

Von Zeit zu Zeit kam ein Rieseln herunter, und ein unheimliches Leben

erwachte in der Wand.

So hatte er es oft in dem Versteck belauscht, wenn Beineberg und

Reiting ihre phantastische Welt entrollten, und er hatte sich

darüber gefreut wie über die seltsame Begleitmusik zu einem grotesken

Schauspiel.

Nun aber schien der helle Tag selbst zu einem unergründlichen Versteck

geworden zu sein und das lebendige Schweigen umstand Törleß von allen

Seiten.

Er vermochte nicht den Kopf abzuwenden. Neben ihm, in einem feuchten,

düsteren Winkel wucherte Huflattich und spreitete seine breiten Blätter

zu phantastischen Verstecken den Schnecken und Würmern.

Törleß hörte das Schlagen seines Herzens. Dann kam wieder ein leises,

flüsterndes, versickerndes Rieseln ... Und diese Geräusche waren das

einzig Lebendige in einer zeitlosen schweigenden Welt ................

* * * * *

Am nächsten Tage stand Beineberg mit Reiting, als Törleß zu ihnen trat.

»Ich habe schon mit Reiting gesprochen«, sagte Beineberg, »und alles

vereinbart. Du interessierst dich ja doch nicht recht für solche

Sachen.«

Törleß fühlte etwas wie Zorn und Eifersucht über diese plötzliche

Wendung in sich aufsteigen, wußte aber doch nicht, ob er der

nächtlichen Unterredung vor Reiting erwähnen solle. »Nun, ihr

hättet mich wenigstens dazu rufen können, da ich nun einmal gerade

so gut wie ihr an der Sache beteiligt bin«, meinte er.

»Hätten wir auch getan, lieber Törleß,« beeilte sich Reiting, dem

offenbar diesmal daran lag, keine unnötigen Schwierigkeiten zu

haben, »aber du warst gerade nicht zu finden und wir rechneten auf

deine Zustimmung. Was sagst du übrigens zu Basini?« (Kein Wort der

Entschuldigung, so als ob sich sein eigenes Verhalten von selbst

verstünde.)

»Was ich dazu sage? Nun er ist ein gemeiner Mensch«, antwortete Törleß

verlegen.

»Nicht wahr? Sehr gemein.«

»Aber du läßt dich auch in schöne Dinge ein!« Und Törleß lächelte etwas

erzwungen, denn er schämte sich, daß er Reiting nicht heftiger zürne.

»Ich?« Reiting zuckte mit den Schultern, »was ist weiter dabei? Man

muß alles mitgemacht haben und wenn er nun einmal so dumm und so

niederträchtig ist ....«

»Hast du seither schon mit ihm gesprochen?« mischte sich nun Beineberg

ein.

»Ja, er war gestern am Abend bei mir und bat mich um Geld, da er wieder

Schulden hat, die er nicht zahlen kann.«

»Hast du es ihm schon gegeben?«

»Nein, noch nicht.«

»Das ist sehr gut,« meinte Beineberg, »da haben wir ja gleich die

gesuchte Gelegenheit, ihn zu packen. Du könntest ihn für heute abend

irgendwohin bestellen.«

»Wohin? In die Kammer?«

»Ich denke nein, denn von der hat er vorderhand noch nichts zu wissen.

Aber befiehl ihm, auf den Boden zu kommen, wo du damals mit ihm warst.«

»Für wieviel Uhr?«

»Sagen wir ... elf.«

»Gut. -- Willst du noch etwas spazieren gehen?«

»Ja. Törleß wird wohl noch zu tun haben, was?«

Törleß hatte zwar nichts mehr zu arbeiten, aber er fühlte, daß die

beiden noch etwas miteinander gemein hatten, das sie ihm verheimlichen

wollten. Er ärgerte sich über seine Steifheit, die ihn abhielt, sich

dazwischen zu drängen.

So sah er ihnen eifersüchtig nach und stellte sich alles mögliche vor,

was sie vielleicht heimlich verabreden könnten.

Dabei fiel ihm auf, welche Harmlosigkeit und Liebenswürdigkeit in dem

aufrechten, biegsamen Gange Reitings lag; -- gerade so wie in seinen

Worten. Und dem entgegen versuchte er sich ihn vorzustellen, wie er an

jenem Abende gewesen sein mußte; das Innerliche, Seelische davon. Das

mußte wie ein langes, langsames Sinken zweier ineinander verbissener

Seelen gewesen sein und dann eine Tiefe wie in einem unterirdischen

Reich; -- dazwischen ein Augenblick, in dem die Geräusche der Welt,

oben, weit oben, lautlos wurden und verlöschten.

Kann denn ein Mensch nach etwas derartigem wieder so vergnügt und

leicht sein? Sicher bedeutete es ihm nicht soviel. Törleß hätte ihn

so gerne gefragt. Und statt dessen hatte er ihn nun in einer kindischen

Scheu diesem spinnenhaften Beineberg überlassen!

* * * * *

Um dreiviertel elf Uhr sah Törleß, daß Beineberg und Reiting aus ihren

Betten schlüpften und zog sich gleichfalls an.

»Pst! -- so warte doch. Das fällt ja auf, wenn wir alle drei zugleich

weggehen.«

Törleß versteckte sich wieder unter seiner Decke.

Auf dem Gange vereinigten sie sich dann und stiegen mit der gewohnten

Vorsicht den Bodenaufgang hinan.

»Wo ist Basini?« fragte Törleß.

»Er kommt von der anderen Seite; Reiting hat ihm den Schlüssel dazu

gegeben.«

Sie blieben die ganze Zeit über im Dunkeln. Erst oben, vor der großen,

eisernen Türe, zündete Beineberg seine kleine Blendlaterne an.

Das Schloß leistete Widerstand. Es saß durch eine jahrelange Ruhe fest

und wollte dem Nachschlüssel nicht gehorchen. Endlich schlug es mit

einem harten Laut zurück; der schwere Flügel rieb widerstrebend im

Roste der Angeln und gab zögernd nach.

Aus dem Bodenraume schlug eine warme, abgestandene Luft heraus, wie

die kleiner Treibhäuser.

Beineberg schloß die Türe wieder zu.

Sie stiegen die kleine hölzerne Treppe hinab und kauerten sich neben

einem mächtigen Querbalken nieder.

Zu ihrer Seite standen riesige Wasserbottiche, welche bei dem Ausbruche

eines Brandes den Löscharbeiten dienen sollten. Das Wasser darin war

offenbar schon lange nicht erneuert worden und verbreitete einen

süßlichen Geruch.

Überhaupt war die ganze Umgebung äußerst beklemmend: Die Hitze unter

dem Dach, die schlechte Luft und das Gewirre der mächtigen Balken, die

teils nach oben zu sich im Dunkel verloren, teils in einem gespenstigen

Netzwerk am Boden hinkrochen.

Beineberg blendete die Laterne ab und sie saßen, ohne ein Wort zu

reden, regungslos in der Finsternis -- durch lange Minuten.

Da knarrte am entgegengesetzten Ende im Dunkeln die Tür. Leise und

zögernd. Das war ein Geräusch, welches das Herz bis zum Halse hinauf

klopfen machte, wie der erste Laut der sich nähernden Beute.

Es folgten einige unsichere Schritte; das Anschlagen eines Fußes gegen

erdröhnendes Holz; ein mattes Geräusch, wie von dem Aufschlagen eines

Körpers ... Stille ... Dann wieder zaghafte Schritte ... Warten ...

Ein leiser menschlicher Laut ... »Reiting?«

Da zog Beineberg die Kappe von der Blendlaterne und warf einen breiten

Strahl gegen den Ort, woher die Stimme kam.

Einige mächtige Balken leuchteten mit scharfen Schatten auf, weiterhin

sah man nichts als einen Kegel tanzenden Staubes.

Aber die Schritte wurden bestimmter und kamen näher.

Da schlug -- ganz nahe -- wieder ein Fuß gegen das Holz und im nächsten

Augenblicke tauchte in der breiten Basis des Lichtkegels das -- in der

zweifelhaften Beleuchtung aschfahle -- Gesicht Basinis auf.

* * * * *

Basini lächelte. Lieblich, süßlich. Starr festgehalten, wie das Lächeln

eines Bildes, hob es sich aus dem Rahmen des Lichtes heraus.

Törleß saß an seinen Balken gepreßt und fühlte das Zittern seiner

Augenmuskeln.

Nun zählte Beineberg die Schandtaten Basinis auf; gleichmäßig, mit

heiseren Worten.

Dann die Frage: »Du schämst dich also gar nicht?« Dann ein Blick

auf Reiting, der zu sagen schien: »Nun ist es wohl schon an der Zeit,

daß du mir hilfst.« Und in dem Augenblicke gab ihm Reiting einen

Faustschlag ins Gesicht, so daß er nach rückwärts taumelte, über

einen Balken stolperte, stürzte. Beineberg und Reiting sprangen ihm

nach.

Die Laterne war umgekippt und ihr Licht floß verständnislos und träge

zu Törleß' Füßen über den Boden hin ...

Törleß unterschied aus den Geräuschen, daß sie Basini die Kleider

vom Leibe zogen und ihn mit etwas Dünnem, Geschmeidigem peitschten.

Sie hatten dies alles offenbar schon vorbereitet gehabt. Er hörte das

Wimmern und die halblauten Klagerufe Basinis, der unausgesetzt um

Schonung flehte; schließlich vernahm er nur noch ein Stöhnen, wie ein

unterdrücktes Geheul, und dazwischen halblaute Schimpfworte und die

heißen leidenschaftlichen Atemstöße Beinebergs.

Er hatte sich nicht vom Platze gerührt. Gleich anfangs hatte ihn wohl

eine viehische Lust mit hinzuspringen und zuzuschlagen gepackt, aber

das Gefühl, daß er zu spät kommen und überflüssig sein würde, hielt ihn

zurück. Über seinen Gliedern lag mit schwerer Hand eine Lähmung.

Scheinbar gleichgültig sah er vor sich hin zu Boden. Er spannte

sein Gehör nicht an, um den Geräuschen zu folgen, und er fühlte sein

Herz nicht rascher schlagen als sonst. Mit den Augen folgte er dem

Lichte, das sich zu seinen Füßen in einer Lache ergoß. Staubflocken

leuchteten auf und ein kleines häßliches Spinnengewebe. Weiterhin

sickerte der Schein in die Fugen zwischen den Balken und erstickte in

einem staubigen, schmutzigen Dämmern.

Törleß wäre auch eine Stunde lang so sitzen geblieben, ohne es zu

fühlen. Er dachte an nichts und war doch innerlich vollauf beschäftigt.

Dabei beobachtete er sich selbst. Aber so, als ob er eigentlich ins

Leere sähe und sich selbst nur wie in einem undeutlichen Schimmer von

der Seite her erfaßte. Nun rückte aus diesem Unklaren -- von der

Seite her -- langsam, aber immer sichtlicher ein Verlangen ins

deutliche Bewußtsein.

Irgend etwas ließ Törleß darüber lächeln. Dann war wieder das Verlangen

stärker. Es zog ihn von seinem Sitze hinunter -- auf die Knie; auf

den Boden. Es trieb ihn, seinen Leib gegen die Dielen zu pressen;

er fühlte, wie seine Augen groß werden würden wie die eines Fisches,

er fühlte durch den nackten Leib hindurch sein Herz gegen das Holz

schlagen.

Nun war wirklich eine mächtige Aufregung in Törleß und er mußte sich

an seinem Balken festhalten, um sich gegen den Schwindel zu sichern,

der ihn hinabzog.

Auf seiner Stirne standen Schweißperlen und er fragte sich ängstlich,

was dies alles zu bedeuten habe?

Aus seiner Gleichgültigkeit aufgeschreckt, horchte er nun auch wieder

durch das Dunkel zu den dreien hinüber.

Es war dort still geworden; nur Basini klagte leise vor sich hin,

während er nach seinen Kleidern tastete.

Törleß fühlte sich durch diese klagenden Laute angenehm berührt. Wie

mit Spinnenfüßen lief ihm ein Schauer den Rücken hinauf und hinunter;

dann saß es zwischen den Schulterblättern fest und zog mit feinen

Krallen seine Kopfhaut nach hinten. Zu seinem Befremden erkannte

Törleß, daß er sich in einem Zustande geschlechtlicher Erregung befand.

Er dachte zurück und ohne sich zu erinnern, wann dieser eingetreten

sei, wußte er doch, daß er schon das eigentümliche Verlangen sich

gegen den Boden zu drücken begleitet hatte. Er schämte sich dessen;

aber es hatte ihm wie eine mächtige Blutwelle daherflutend den Kopf

benommen.

Beineberg und Reiting kamen zurückgetastet und setzten sich schweigend

neben ihn. Beineberg blickte auf die Lampe.

In diesem Augenblicke zog es Törleß wieder hinunter. Es ging von

den Augen aus -- das fühlte er nun -- von den Augen aus wie eine

hypnotische Starre zum Gehirn. Es war eine Frage, ja eine ... nein,

eine Verzweiflung ... o es war ihm ja bekannt ... die Mauer, jener

Gastgarten, die niederen Hütten, jene Kindheitserinnerung ... dasselbe!

dasselbe! Er sah auf Beineberg. »Fühlt denn der nichts?« dachte er.

Aber Beineberg bückte sich und wollte die Lampe aufheben. Törleß

hielt seinen Arm zurück. »Ist das nicht wie ein Auge?« sagte er und

wies auf den über den Boden fließenden Lichtschein.

»Willst du vielleicht jetzt poetisch werden?«

»Nein. Aber sagst du nicht selbst, daß es mit den Augen eine eigene

Bewandtnis hat? Aus ihnen wirkt -- denk doch nur an deine hypnotischen

Lieblingsideen -- mitunter eine Kraft, die in keinem Physikunterricht

ihren Platz hat; -- sicher ist auch, daß man einen Menschen oft weit

besser aus seinen Augen errät, als aus seinen Worten....«

»Nun -- und?«

»Mir ist dieses Licht wie ein Auge. Zu einer fremden Welt. Mir ist,

als sollte ich etwas erraten. Aber ich kann nicht. Ich möchte es in

mich hinein trinken....«

»Nun -- du fängst doch an poetisch zu werden.«

»Nein, es ist mir ernst. Ich bin ganz verzweifelt. So sieh doch nur

hin und du wirst es auch fühlen. Ein Bedürfnis, sich in dieser Lache

zu wälzen, -- auf allen vieren, ganz nah in die staubigen Winkel zu

kriechen, als ob man es so erraten könnte....«

»Mein Lieber, das sind Spielereien, Empfindeleien. Laß jetzt gefälligst

solche Sachen.«

Beineberg bückte sich vollends und stellte die Lampe wieder auf ihren

Platz. Törleß empfand aber Schadenfreude. Er fühlte, daß er diese

Ereignisse mit einem Sinne mehr in sich aufnahm als seine Gefährten.

Er wartete nun auf das Wiedererscheinen Basinis und fühlte mit einem

heimlichen Schauer, daß sich seine Kopfhaut abermals unter den feinen

Krallen anspannte.

Er wußte es ja schon ganz genau, daß für ihn etwas aufgespart war, das

immer wieder und in immer kürzeren Zwischenräumen ihn mahnte; eine

Empfindung, die für die anderen unverständlich war, für sein Leben

aber offenbar große Wichtigkeit haben mußte.

Nur was diese Sinnlichkeit dabei zu bedeuten hatte, wußte er nicht,

aber er erinnerte sich, daß sie eigentlich schon jedesmal dabei gewesen

war, wenn die Ereignisse angefangen hatten, nur ihm sonderbar zu

erscheinen, und ihn quälten, weil er hiefür keinen Grund wußte.

Und er nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit ernstlich hierüber

nachzudenken. Einstweilen gab er sich ganz dem aufregenden Schauer

hin, der Basinis Wiedererscheinen voranging.

Beineberg hatte die Lampe aufgerichtet und wieder schnitten die

Strahlen einen Kreis in das Dunkel, wie einen leeren Rahmen.

Und mit einem Male war Basinis Antlitz wieder darinnen; genau so wie

zum ersten Male; mit demselben starr festgehaltenen, süßlichen Lächeln;

als ob in der Zwischenzeit nichts geschehen wäre; nur über Oberlippe,

Mund und Kinn zeichneten langsame Blutstropfen einen roten, wie ein

Wurm sich windenden Weg.

* * * * *

»Dort setze dich nieder!« Reiting wies auf den mächtigen Balken. Basini

gehorchte. Reiting hub zu sprechen an: »Du hast wahrscheinlich schon

geglaubt, daß du fein heraus bist; was? Du hast wohl geglaubt, ich

werde dir helfen? Nun, da hast du dich getäuscht. Was ich mit dir tat,

war nur, um zu sehen, wie weit deine Niedrigkeit geht.«

Basini machte eine abwehrende Bewegung. Reiting drohte wieder, auf ihn

zu springen. Da sagte Basini: »Aber ich bitte euch um Gottes willen,

ich konnte nicht anders.«

»Schweig!« schrie Reiting, »deine Ausreden haben wir satt. Wir wissen

nun ein für allemal, wie wir mit dir daran sind und werden uns danach

richten ...«

Es trat ein kurzes Schweigen ein. Da sagte plötzlich Törleß leise, fast

freundlich: »Sag doch, ich bin ein Dieb.«

Basini machte große, fast erschrockene Augen; Beineberg lachte

beifällig.

Aber Basini schwieg. Da gab ihm Beineberg einen Stoß in die Rippen und

schrie ihn an:

»Hörst du nicht, du sollst sagen, daß du ein Dieb bist! Sofort wirst

du es sagen!«

Abermals trat eine kurze, kaum wägbare Stille ein; dann sagte Basini

leise, in einem Atem und mit möglichst harmloser Betonung: »Ich bin

ein Dieb.«

Beineberg und Reiting lachten vergnügt zu Törleß hinüber: »Das war

ein guter Einfall von dir, Kleiner,« und zu Basini: »Und jetzt wirst

du sofort noch sagen: 'Ich bin ein Tier ein diebisches Tier, _euer_

diebisches, schweinisches Tier!'«

Und Basini sagte es, ohne auszusetzen und mit geschlossenen Augen.

Aber Törleß hatte sich schon wieder ins Dunkel zurückgelehnt. Ihm

ekelte vor der Szene und er schämte sich, daß er seinen Einfall den

anderen preisgegeben hatte.

* * * * *

Während des Mathematikunterrichtes war Törleß plötzlich ein Einfall

gekommen.

Er hatte schon während der letzten Tage den Unterricht in der Schule

mit besonderem Interesse verfolgt gehabt, denn er dachte sich: »Wenn

dies wirklich die Vorbereitung für das Leben sein soll, wie sie sagen,

so muß sich doch auch etwas von dem angedeutet finden, was ich suche.«

Gerade an die Mathematik hatte er dabei gedacht; noch von jenen

Gedanken an das Unendliche her.

Und richtig war es ihm mitten im Unterrichte heiß in den Kopf

geschossen. Gleich nach Beendigung der Stunde setzte er sich zu

Beineberg als dem einzigen, mit dem er über etwas derartiges sprechen

konnte.

»Du, hast du das vorhin ganz verstanden?«

»Was?«

»Die Geschichte mit den imaginären Zahlen?«

»Ja. Das ist doch gar nicht so schwer. Man muß nur festhalten, daß die

Quadratwurzel aus negativ Eins die Rechnungseinheit ist.«

»Das ist es aber gerade. Die gibt es doch gar nicht. Jede Zahl, ob sie

nun positiv ist oder negativ, gibt zum Quadrat erhoben etwas Positives.

Es kann daher gar keine wirkliche Zahl geben, welche die Quadratwurzel

von etwas Negativem wäre.«

»Ganz recht; aber warum sollte man nicht trotzdem versuchen, auch bei

einer negativen Zahl die Operation des Quadratwurzelziehens anzuwenden?

Natürlich kann dies dann keinen wirklichen Wert ergeben und man nennt

doch auch deswegen das Resultat nur ein imaginäres. Es ist so, wie

wenn man sagen würde: hier saß sonst immer jemand, stellen wir ihm

also auch heute einen Stuhl hin; und selbst, wenn er inzwischen

gestorben wäre, so tuen wir doch, als ob er käme.«

»Wie kann man aber, wenn man bestimmt, ganz mathematisch bestimmt weiß,

daß es unmöglich ist?«

»So tut man eben trotzdem, als ob dem nicht so wäre. Es wird wohl

irgendeinen Erfolg haben. Was ist es denn schließlich anderes mit

den irrationalen Zahlen? Eine Division, die nie zu Ende kommt, ein

Bruch, dessen Wert nie und nie und nie herauskommt, wenn du auch noch

so lange rechnest? Und was kannst du dir darunter denken, daß sich

parallele Linien im Unendlichen schneiden sollen? Ich glaube, wenn

man allzu gewissenhaft wäre, so gäbe es keine Mathematik.«

»Darin hast du recht. Wenn man es sich so vorstellt, ist es eigenartig

genug. Aber das merkwürdige ist ja gerade, daß man trotzdem mit solchen

imaginären oder sonstwie unmöglichen Werten ganz wirklich rechnen

kann, und zum Schlusse ein greifbares Resultat vorhanden ist!«

»Nun, die imaginären Faktoren müssen sich zu diesem Zwecke im Laufe

der Rechnung gegenseitig aufheben.«

»Ja, ja; alles, was du sagst, weiß ich auch. Aber bleibt nicht

trotzdem etwas ganz Sonderbares an der Sache haften? Wie soll ich das

ausdrücken? Denk doch nur einmal so daran: In solch einer Rechnung

sind am Anfang ganz solide Zahlen, die Meter oder Gewichte, oder irgend

etwas anderes Greifbares darstellen können und wenigstens wirkliche

Zahlen sind. Am Ende der Rechnung stehen ebensolche. Aber diese

beiden hängen miteinander durch etwas zusammen, das es gar nicht gibt.

Ist das nicht wie eine Brücke, von der nur Anfangs- und Endpfeiler

vorhanden sind und die man dennoch so sicher überschreitet, als ob sie

ganz dastünde? Für mich hat so eine Rechnung etwas Schwindliges; als

ob es ein Stück des Weges weiß Gott wohin ginge. Das eigentlich

Unheimliche ist mir aber die Kraft, die in solch einer Rechnung

steckt und einen so festhält, daß man doch wieder richtig landet.«

Beineberg grinste: »Du sprichst ja beinahe schon so wie unser Pfaffe:

... Du siehst einen Apfel -- das sind die Lichtschwingungen und das Auge

und so weiter -- -- und du streckst die Hand aus, um ihn zu stehlen --

das sind die Muskeln und die Nerven, die diese in Bewegung setzen. --

Aber zwischen den beiden liegt etwas und bringt eins aus dem andern

hervor -- und das ist die unsterbliche Seele, die dabei gesündigt

hat ...; ja -- ja -- keine eurer Handlungen ist erklärlich ohne die

Seele, die auf euch spielt wie auf den Tasten eines Klaviers ...« Und er

ahmte den Stimmfall nach, mit dem der Katechet dieses alte Gleichnis

vorzubringen pflegte. -- Ȇbrigens interessiert mich diese ganze

Geschichte wenig.«

»Ich dachte, gerade dich müßte sie interessieren. Ich wenigstens mußte

gleich an dich denken, weil das -- wenn es wirklich so unerklärlich ist

-- doch fast eine Bestätigung für deinen Glauben wäre.«

»Warum sollte es nicht unerklärlich sein? Ich halte es für ganz

wohl möglich, daß hier die Erfinder der Mathematik über ihre eigenen

Füße gestolpert sind. Denn warum sollte das, was jenseits unseres

Verstandes liegt, sich nicht einen solchen Spaß mit eben diesem

Verstande erlaubt haben? Aber ich gib mich damit nicht ab, denn diese

Dinge führen doch zu nichts.«

* * * * *

Noch am selben Tage hatte Törleß den Lehrer der Mathematik gebeten, ihn

besuchen zu dürfen, um sich über einige Stellen des letzten Vortrages

Aufklärung zu holen.

Den nächsten Tag, während der Mittagspause, stieg er nun die Treppe

zu der kleinen Professorswohnung hinan.

Er hatte jetzt einen ganz neuen Respekt vor der Mathematik, da sie

ihm nun einmal aus einer toten Lernaufgabe unversehens etwas sehr

Lebendiges geworden zu sein schien. Und von diesem Respekte aus empfand

er eine Art Neid gegen den Professor, dem alle diese Beziehungen

vertraut sein mußten und der ihre Kenntnis stets bei sich trug, wie den

Schlüssel eines versperrten Gartens. Überdies wurde Törleß aber auch

von einer, allerdings ein wenig zaghaften Neugierde angetrieben.

Er war noch nie in dem Zimmer eines erwachsenen jungen Mannes gewesen

und es kitzelte ihn zu erfahren, wie denn das Leben eines solchen

anderen, wissenden und doch ruhigen Menschen aussehe, wenigstens so

weit man aus den äußeren, umgebenden Dingen darauf schließen kann.

Er war sonst seinen Lehrern gegenüber scheu und zurückhaltend und

glaubte, daß er sich deswegen nicht ihrer besonderen Zuneigung erfreue.

Seine Bitte erschien ihm daher, während er jetzt erregt vor der Türe

innehielt, als ein Wagnis, bei dem es sich weniger darum handelte,

eine Aufklärung zu erhalten, -- denn ganz im stillen zweifelte er

schon jetzt daran, -- als daß er einen Blick -- gewissermaßen hinter

den Professor und in dessen tägliches Konkubinat mit der Mathematik

hinein -- tun könne.

Man führte ihn in das Arbeitszimmer. Es war ein länglicher

einfenstriger Raum; ein mit Tintenflecken übertropfter Schreibtisch

stand in der Nähe des Fensters und an der Wand ein Sofa, das mit einem

gerippten, grünen, kratzigen Stoffe überzogen war und Quasten hatte.

Oberhalb dieses Sofas hingen eine ausgeblichene Studentenmütze und

eine Anzahl brauner, nachgedunkelter Photographien in Visiteformat

aus der Universitätszeit. Auf dem ovalen Tische mit den X-füßen,

deren graziös sein sollende Schnörkel wie eine mißglückte Artigkeit

wirkten, lag eine Pfeife und blättriger, großgeschnittener Tabak.

Das ganze Zimmer hatte davon einen Geruch nach billigem Knaster.

Kaum hatte Törleß diese Eindrücke in sich aufgenommen und ein gewisses

Mißbehagen in sich konstatiert, wie bei der Berührung mit etwas

Unappetitlichem, als sein Lehrer eintrat.

Er war ein junger Mann von höchstens dreißig Jahren; blond, nervös und

ein ganz tüchtiger Mathematiker, welcher der Akademie schon einige

wichtige Abhandlungen eingereicht hatte.

Er setzte sich sofort an seinen Schreibtisch, kramte ein wenig in

den umherliegenden Papieren, (Törleß kam es später vor, daß er sich

geradenwegs dorthin gerettet hatte), putzte seinen Klemmer mit dem

Taschentuche, schlug ein Bein über das andere und sah Törleß erwartend

an.

Dieser hatte nun auch ihn zu mustern begonnen. Er bemerkte ein Paar

grober weißer Wollsocken und darüber, daß die Bänder der Unterhose von

der Wichse der Zugstiefel schwarz gescheuert waren.

Dagegen sah das Taschentuch weiß und geziert hervor und die Krawatte

war zwar genäht, aber dafür prächtig buntscheckig wie eine Palette.

Törleß fühlte sich unwillkürlich durch diese kleinen Beobachtungen

weiter abgestoßen; er vermochte kaum mehr zu hoffen, daß dieser Mensch

wirklich im Besitze bedeutungsvoller Erkenntnisse sei, wenn doch

offenbar an seiner Person und ganzen Umgebung nicht das geringste

davon zu merken war. Er hatte sich im stillen das Arbeitszimmer eines

Mathematikers ganz anders vorgestellt; mit irgendwelchem Ausdrucke

für die fürchterlichen Dinge, die darin gedacht wurden. Das Gewöhnliche

verletzte ihn; er übertrug es auf die Mathematik, und sein Respekt

begann einem mißtrauischen Widerstreben zu weichen.

Da nun auch der Professor ungeduldig auf seinem Platze hin und her

rückte und nicht wußte, wie er das lange Schweigen und die musternden

Blicke deuten solle, lag zwischen den beiden Menschen schon in diesem

Augenblicke die Atmosphäre eines Mißverständnisses.

»Nun wollen wir ... wollen Sie ... ich bin gerne bereit Ihnen Auskunft

zu erteilen«, begann der Professor.

Törleß trug seine Einwendungen vor und bemühte sich, deren Bedeutung

für ihn auseinanderzusetzen. Aber ihm war, als müßte er durch

einen dicken, trüben Nebel hindurch sprechen und seine besten Worte

erstickten schon in der Kehle.

Der Professor lächelte, hüstelte einstweilen, sagte: »Sie gestatten«

und zündete sich eine Zigarette an, rauchte sie in hastigen Zügen; das

Papier -- was Törleß alles zwischendurch bemerkte und gewöhnlich fand

-- lief fett an und bog sich jedesmal knisternd ein; der Professor nahm

den Klemmer von der Nase, setzte ihn wieder auf, nickte mit dem

Kopfe, .. schließlich ließ er Törleß gar nicht zu Ende kommen. »Es

freut mich, ja mein lieber Törleß, es freut mich wirklich sehr,«

unterbrach er ihn, »Ihre Bedenken zeigen von Ernst, von eigenem

Nachdenken, von ... hm ... aber es ist gar nicht so leicht, Ihnen

die gewünschte Aufklärung zu geben, ... Sie dürfen mich da nicht

mißverstehen.

Sehen Sie, Sie sprachen von dem Eingreifen transzendenter, hm ja ...

transzendent nennt man das, -- Faktoren ...

Nun weiß ich ja allerdings nicht, wie Sie hierüber fühlen; mit dem

Übersinnlichen, jenseits der strengen Grenzen des Verstandes Liegenden,

ist es eine ganz eigene Sache. Ich bin eigentlich nicht recht

befugt, da einzugreifen, es gehört nicht zu meinem Gegenstande; man

kann so und so darüber denken, und ich möchte durchaus vermeiden,

gegen irgend jemanden zu polemisieren ... Was aber die Mathematik

anlangt,« und hiebei betonte er das Wort Mathematik, als ob er eine

verhängnisvolle Tür ein für allemal zuschlagen wollte, »was also die

Mathematik anlangt, ist es ganz gewiß, daß hier auch ein natürlicher

und nur mathematischer Zusammenhang besteht.

Nur müßte ich, -- um streng wissenschaftlich zu sein, --

Voraussetzungen machen, die Sie kaum noch verstehen dürften, auch

fehlt uns die Zeit dazu.

Wissen Sie, ich gebe ja gerne zu, daß zum Beispiel diese imaginären,

diese gar nicht wirklich existierenden Zahlwerte, ha ha, gar keine

kleine Nuß für einen jungen Studenten sind. Sie müssen sich damit

zufrieden geben, daß solche mathematische Begriffe eben rein

mathematische Denknotwendigkeiten sind. Überlegen Sie nur: auf der

elementaren Stufe des Unterrichts, auf der sie sich noch befinden,

hält es sehr schwer, für vieles, das man berühren muß, die richtige

Erklärung zu geben. Zum Glück fühlen es die wenigsten, wenn aber

einer, wie Sie heute, -- doch wie gesagt, es hat mich sehr gefreut, --

nun wirklich kommt, so kann man nur sagen: Lieber Freund, du mußt

einfach glauben; wenn du einmal zehnmal soviel Mathematik können wirst

als jetzt, so wirst du verstehen, aber einstweilen: glauben!

Es geht nicht anders, lieber Törleß, die Mathematik ist eine ganze Welt

für sich und man muß reichlich lange in ihr gelebt haben, um alles

zu fühlen, was in ihr notwendig ist.«

Törleß war froh, als der Professor schwieg. Seit er die Tür zufallen

gehört hatte, war ihm, daß sich die Worte immer weiter und weiter

entfernten, ... nach der anderen, gleichgültigen Seite hin, wo alle

richtigen und doch nichts besagenden Erklärungen liegen.

Aber er war von dem Schwall der Worte und dem Mißlingen betäubt und

verstand nicht gleich, daß er nun aufstehen solle.

Da suchte der Professor, um es endgültig zu erledigen, nach einem

letzten, überzeugenden Argumente.

Auf einem kleinen Tischchen lag ein Renommierband Kant. Den nahm

der Professor und zeigte ihn Törleß. »Sehen Sie dieses Buch, das ist

Philosophie, es enthält die Bestimmungsstücke unseres Handelns. Und

wenn Sie dem auf den Grund fühlen könnten, so würden Sie auf lauter

solche Denknotwendigkeiten stoßen, die eben alles bestimmen, ohne

daß sie selbst so ohneweiters einzusehen wären. Es ist ganz ähnlich wie

mit dem in der Mathematik. Und dennoch handeln wir fortwährend danach:

Da haben Sie gleich den Beweis dafür, wie wichtig solche Dinge sind.

Aber«, lächelte er, als er sah, daß Törleß richtig das Buch aufschlug

und darinnen blätterte, »lassen Sie es doch jetzt noch. Ich wollte Ihnen

nur ein Beispiel geben, an das Sie sich später einmal erinnern können;

vorläufig dürfte es wohl noch zu schwer für Sie sein.«

* * * * *

Den ganzen Rest des Tages über befand sich Törleß in einem bewegten

Zustande.

Der Umstand, daß er Kant in der Hand gehabt hatte, -- dieser ganz

zufällige Umstand, dem er im Augenblicke wenig Beachtung geschenkt

hatte, -- wirkte mächtig in ihm nach. Der Name Kants war ihm vom

Hörensagen wohl bekannt und hatte für ihn den Kurswert, den er

allgemein in der sich mit den Geisteswissenschaften nur von ferne

befassenden Gesellschaft hat -- als letztes Wort der Philosophie. Und

diese Autorität war sogar mit ein Grund gewesen, daß sich Törleß

bisher so wenig mit ernsten Büchern beschäftigt hatte. Sehr junge

Menschen pflegen sich ja, wenn einmal die Periode überwunden ist, in

der sie Kutscher, Gärtner oder Zuckerbäcker werden wollten, mit der

Phantasie das Gebiet ihrer Lebensaufgaben zunächst dort abzustecken,

wo sich ihrem Ehrgeize die meiste Möglichkeit, Auszeichnendes zu

leisten, darzubieten scheint. Wenn sie sagen, sie wollen Arzt werden,

so haben sie sicher einmal irgendwo ein hübsches und gefülltes

Wartezimmer gesehen, oder einen Glasschrank mit unheimlichen

chirurgischen Instrumenten, oder ähnliches; sprechen sie von der

diplomatischen Laufbahn, so denken sie an den Glanz und die Vornehmheit

internationaler Salons, kurz sie wählen ihren Beruf nach dem Milieu,

in dem sie sich am liebsten sehen möchten, und nach der Pose, in

der sie sich am besten gefallen.

Nun war vor Törleß der Name Kant nie anders als gelegentlich und mit

einer Miene ausgesprochen worden, wie der eines unheimlichen Heiligen.

Und Törleß konnte gar nichts anderes denken, als daß von Kant die

Probleme der Philosophie endgültig gelöst seien, und diese seither

eine zwecklose Beschäftigung bleibe, wie er ja auch glaubte, daß es

sich nach Schiller und Goethe nicht mehr lohne zu dichten.

Zu Hause standen diese Bücher in dem Schranke mit den grünen Scheiben

in Papas Arbeitszimmer und Törleß wußte, daß dieser nie geöffnet wurde,

außer um ihn einem Besuch zu zeigen. Er war wie das Heiligtum einer

Gottheit, der man nicht gerne naht, und die man nur verehrt, weil man

froh ist, daß man sich dank ihrer Existenz um gewisse Dinge nicht

mehr zu kümmern braucht.

Dieses schiefe Verhältnis zu Philosophie und Literatur hatte später

auf Törleß' weitere Entwicklung jenen unglücklichen Einfluß ausgeübt,

dem er manche traurige Stunde zu danken hatte. Denn sein Ehrgeiz

wurde hiedurch von seinen eigentlichen Gegenständen abgedrängt und

geriet, während er, seines Zieles beraubt, nach einem neuen suchte, --

unter den brutalen und entschlossenen Einfluß seiner Gefährten. Seine

Neigungen kehrten nur noch gelegentlich und verschämt zurück und

hinterließen jedesmal das Bewußtsein, etwas Unnützes und Lächerliches

getan zu haben. Sie waren aber doch so stark, daß es ihm nicht gelang,

sich ihrer ganz zu entledigen, und dieser beständige Kampf war es, der

sein Wesen der festen Linien und des aufrechten Ganges beraubte.

Mit dem heutigen Tage schien jedoch dieses Verhältnis in eine neue

Phase getreten zu sein. Die Gedanken, um derentwillen er heute

vergeblich Aufklärung gesucht hatte, waren nicht mehr die wurzellosen

Verkettungen einer spielenden Einbildungskraft, vielmehr wühlten sie

ihn auf, ließen ihn nicht los, und mit seinem ganzen Körper fühlte

er, daß hinter ihnen ein Stück seines Lebens poche. Dies war für Törleß

etwas ganz Neues. In seinem Inneren war eine Bestimmtheit, die er

sonst nicht an sich gekannt hatte. Es war beinahe träumerisch,

geheimnisvoll. Das mußte sich wohl unter den Einflüssen der letzten

Zeit in aller Stille entwickelt haben und pochte nun plötzlich mit

gebieterischem Finger an. Ihm war zumute wie einer Mutter, die zum

ersten Male die herrischen Bewegungen ihrer Leibesfrucht fühlt.

Es wurde ein wundervoll genußreicher Nachmittag.

Törleß holte aus seiner Lade alle seine poetischen Versuche hervor, die

er dort verwahrt hatte. Er setzte sich mit ihnen zum Ofen und blieb

ganz allein und ungesehen hinter dem mächtigen Schirme. Ein Heft nach

dem anderen blätterte er durch, dann zerriß er es ganz langsam in

lauter kleine Stücke und warf diese einzeln, immer wieder die feine

Rührung des Abschieds verkostend, ins Feuer.

Er wollte damit alles Gepäck von früher hinter sich werfen, gleich als

gelte es jetzt -- von nichts beschwert -- alle Aufmerksamkeit auf die

Schritte zu richten, die nach vorwärts zu tun seien.

Endlich stand er auf und trat unter die anderen. Er fühlte sich frei

von allen ängstlichen Seitenblicken. Was er getan hatte, war eigentlich

nur ganz instinktiv geschehen; nichts bot ihm eine Sicherheit, daß

er wirklich von nun an ein Neuer werde sein können, als das bloße

Dasein jenes Impulses. »Morgen,« sagte er sich, »morgen werde ich alles

sorgfältig revidieren und ich werde schon Klarheit gewinnen.«

Er ging im Saale umher, zwischen den einzelnen Bänken, sah in die

geöffneten Hefte, auf die in dem grellen Weiß beim Schreiben geschäftig

hin und her hastenden Finger, deren jeder seinen kleinen, braunen

Schatten hinter sich herzog, -- er sah dem zu wie einer, der plötzlich

aufgewacht ist, mit Augen, denen alles von ernsterer Bedeutung zu

sein schien.

* * * * *

Aber schon der nächste Tag brachte eine arge Enttäuschung. Törleß

hatte sich nämlich gleich am Morgen die Reklamausgabe jenes Bandes

gekauft, den er bei seinem Professor gesehen hatte, und benützte die

erste Pause, um mit dem Lesen zu beginnen. Aber vor lauter Klammern

und Fußnoten verstand er kein Wort und wenn er gewissenhaft mit den

Augen den Sätzen folgte, war ihm, als drehe eine alte, knöcherne Hand

ihm das Gehirn in Schraubenwindungen aus dem Kopfe.

Als er nach etwa einer halben Stunde erschöpft aufhörte, war er nur

bis zur zweiten Seite gelangt und Schweiß stand auf seiner Stirne.

Aber dann biß er die Zähne aufeinander und las nochmals eine Seite

weiter, bis die Pause zu Ende war.

Abends aber mochte er das Buch schon nicht mehr anrühren. Angst? Ekel?

-- er wußte nicht recht. Nur das eine quälte ihn brennend deutlich,

daß der Professor, dieser Mensch, der nach so wenig aussah, das Buch

ganz offen im Zimmer liegen hatte, als sei es für ihn eine tägliche

Unterhaltung.

In dieser Stimmung traf ihn Beineberg.

»Nun Törleß, wie war's gestern beim Professor?« Sie saßen allein in

einer Fensternische und hatten den breiten Kleiderständer, auf dem

die vielen Mäntel hingen, vorgeschoben, so daß von der Klasse nur

ein auf- und abschwellendes Summen und der Widerschein der Lampen

an der Decke zu ihnen drang. Törleß spielte zerstreut mit einem vor

ihm hängenden Mantel.

»Schläfst du denn? Er wird dir doch wohl irgend etwas geantwortet

haben? Ich kann mir's übrigens denken, er wird nicht schlecht in

Verlegenheit gekommen sein, nicht?«

»Warum?«

»Nun auf eine so dumme Frage wird er wohl nicht gefaßt gewesen sein.«

»Die Frage war gar nicht dumm; ich bin sie noch immer nicht los.«

»Ich meine es ja auch nicht so schlimm; nur für ihn wird sie dumm

gewesen sein. Die lernen ihre Sachen gerade so auswendig wie der Pfaffe

seinen Katechismus, und wenn man sie ein wenig außer der Reihe fragt,

kommen sie immer in Verlegenheit.«

»Ach verlegen war der nicht um die Antwort. Er hat mich sogar nicht

einmal ausreden lassen, so schnell hat er sie bei der Hand gehabt.«

»Und wie hat er die Geschichte erklärt?«

»Eigentlich gar nicht. Er hat gesagt, das könne ich jetzt noch nicht

einsehen, das seien Denknotwendigkeiten, die erst demjenigen klar

werden, der sich bereits eingehender mit diesen Dingen befaßt hat.«

»Das ist ja der Schwindel! Einem Menschen, der nichts wie vernünftig

ist, vermögen sie ihre Geschichten nicht vorzuerzählen. Erst wenn

er zehn Jahre hindurch mürbe gemacht wurde, geht es. Bis dahin hat

er nämlich tausende Male auf diesen Grundlagen gerechnet und große

Gebäude aufgeführt, die immer bis aufs letzte stimmten; er glaubt dann

einfach an die Sache, wie der Katholik an die Offenbarung, sie hat

sich immer so schön fest bewährt ... ist es dann eine Kunst einem

solchen Menschen den Beweis aufzureden? Im Gegenteil, niemand wäre

imstande ihm einzureden, daß sein Gebäude zwar steht, der einzelne

Baustein aber zu Luft zerrinnt, wenn man ihn fassen will!«

Törleß fühlte sich durch die Übertreibung Beinebergs unangenehm berührt.

»So arg, wie du's hinstellst, wird es wohl nicht sein. Ich habe nie

gezweifelt, daß die Mathematik recht hat, -- schließlich lehrt's doch

auch der Erfolg, -- mir war vielmehr nur das sonderbar, daß die Sache

mitunter so gegen den Verstand geht; und möglich wäre es immerhin, daß

das nur scheinbar ist.«

»Nun du kannst ja die zehn Jahre abwarten, vielleicht hast du dann

den richtig präparierten Verstand.... Aber ich habe auch darüber

nachgedacht, seit wir letzthin davon sprachen, und ich bin ganz fest

davon überzeugt, daß die Sache einen Haken hat. Übrigens hast du damals

auch ganz anders gesprochen als heute.«

»O nein. Mir ist es ja auch heute noch bedenklich, nur will ich es

nicht gleich so übertreiben wie du. _Sonderbar_ finde ich das Ganze

auch. Die Vorstellung des Irrationalen, des Imaginären, der Linien,

die parallel sind und sich im Unendlichen -- also doch irgendwo --

schneiden, regt mich auf. Wenn ich darüber nachdenke, bin ich betäubt,

wie vor den Kopf geschlagen.« Törleß lehnte sich vor, ganz in den

Schatten hinein, und seine Stimme umschleierte sich leise beim

Sprechen. »In meinem Kopfe war vordem alles so klar und deutlich

geordnet; nun aber ist mir, als seien meine Gedanken wie Wolken, und

wenn ich an die bestimmten Stellen komme, so ist es wie eine Lücke

dazwischen, durch die man in eine unendliche, unbestimmbare Weite

sieht. Die Mathematik wird schon recht haben; aber was ist es mit

meinem Kopfe und was mit all den anderen? Fühlen die das gar nicht?

Wie malt es sich in ihnen ab? Gar nicht?«

»Ich denke, du konntest es an deinem Professor sehen. Du, -- wenn du

auf so etwas kommst, schaust dich sofort um und fragst, wie stimmt

das jetzt zu allem übrigen in mir? _Die_ haben sich einen Weg in

tausend Schneckengängen durch ihr Gehirn gebohrt und sie sehen bloß

bis zur nächsten Ecke zurück, ob der Faden noch hält, den sie hinter

sich herspinnen. Deswegen bringst du sie mit deiner Art zu fragen

in Verlegenheit. Von denen findet keiner den Weg zurück. Wie kannst

du übrigens behaupten, daß ich übertreibe? Diese Erwachsenen und

ganz Gescheiten haben sich da vollständig in ein Netz eingesponnen,

eine Masche stützt die andere, so daß das Ganze Wunder wie natürlich

aussieht; wo aber die erste Masche steckt, durch die alles gehalten

wird, weiß kein Mensch.

Wir zwei haben noch nie so ernst darüber gesprochen, schließlich

macht man über solche Dinge nicht gern viel Worte, aber du kannst

jetzt sehen, wie schwach die Ansicht ist, mit der sich die Leute

über die Welt begnügen. Täuschung ist sie, Schwindel ist sie,

Schwachköpfigkeit! Blutarmut! Denn ihr Verstand reicht gerade so weit,

um ihre wissenschaftliche Erklärung aus dem Kopf herauszudenken,

draußen erfriert sie aber, verstehst du? Ha ha! Alle diese Spitzen,

diese äußersten, von denen uns die Professoren erzählen, sie seien

so fein, daß wir sie jetzt noch nicht anzurühren vermögen, sind tot

-- erfroren, -- verstehst du? Nach allen Seiten starren diese

bewunderten Eisspitzen und kein Mensch vermag mit ihnen etwas

anzufangen, so leblos sind sie!«

Törleß hatte sich längst wieder zurückgelehnt. Beinebergs heißer Atem

fing sich in den Mänteln und erhitzte den Winkel. Und wie immer in

der Erregung, wirkte Beineberg peinlich auf Törleß. Jetzt gar, wo

er sich vorschob, so nahe heran, daß seine Augen unbeweglich, wie

zwei grünliche Steine vor Törleß standen, während die Hände mit einer

eigentümlich häßlichen Behendigkeit im Helldunkel hin und her zuckten.

»Alles ist unsicher, was sie behaupten. Alles geht natürlich zu,

sagen sie; -- wenn ein Stein fällt, so sei das die Schwerkraft, warum

soll es aber nicht ein Wille Gottes sein und warum soll derjenige,

der ihm wohlgefällig ist, nicht einmal davon entbunden sein, das Los

des Steines zu teilen? Doch wozu erzähle ich dir solches?! Du wirst

doch immer halb bleiben! Ein wenig Sonderbares ausfindig machen, ein

wenig den Kopf schütteln, ein wenig sich entsetzen -- das liegt dir:

darüber traust du dich aber nicht hinaus. Übrigens ist das nicht mein

Schade.«

»Der meine etwa? So sicher sind denn doch wohl auch deine Behauptungen

nicht.«

»Wie kannst du das sagen! Sie sind überhaupt das einzig Sichere. Wozu

soll ich mich übrigens mit dir darüber zanken?! Du wirst es schon

noch sehen, mein lieber Törleß; ich möchte sogar wetten, daß du dich

noch einmal ganz verflucht dafür interessieren wirst, was es damit

für Bewandtnis hat. Beispielsweise, wenn es mit Basini so kommt, wie

ich ....«

»Laß das, bitte« unterbrach ihn Törleß, »ich möchte das gerade jetzt

nicht da hineinmengen.«

»O, warum nicht?«

»Nun so. Ich will einfach nicht. Es ist mir unangenehm. Basini und dies

sind für mich zweierlei; und zweierlei pflege ich nicht im selben Topf

zu kochen.«

Beineberg verzog es bei dieser ungewohnten Entschiedenheit, ja Grobheit

seines jüngeren Kameraden vor Ärger den Mund. Aber Törleß fühlte, daß

die bloße Nennung Basinis seine ganze Sicherheit untergraben hatte,

und um dies zu verbergen, redete er sich in Ärger. »Überhaupt

behauptest du Dinge mit einer Sicherheit, die geradezu verrückt

ist. Glaubst du denn nicht, daß deine Theorien gerade so auf Sand

gebaut sein können, wie die anderen? Das sind ja noch viel verbohrtere

Schneckengänge, die noch weit mehr guten Willen voraussetzen.«

Merkwürdigerweise wurde Beineberg nicht böse; er lächelte nur -- zwar

ein wenig verzerrt und seine Augen funkelten doppelt so unruhig -- und

sagte in einem fort: »Du wirst schon sehen, du wirst schon sehen ...«

»Was werde ich denn sehen? Und meinetwegen, so werde ich es halt sehen;

aber es interessiert mich blutwenig, Beineberg! Du verstehst mich

nicht. Du weißt gar nicht, was mich interessiert. Wenn mich die

Mathematik quält und wenn mich --« doch er überlegte sich's noch

schnell und sagte nichts von Basini, »wenn mich die Mathematik

quält, so suche ich dahinter ganz etwas anderes als du, gar nichts

Übernatürliches, gerade das Natürliche suche ich -- verstehst du?

gar nichts außer mir -- in mir suche ich etwas: in mir! etwas

Natürliches! Das ich aber trotzdem nicht verstehe! Das empfindest

du aber gerade so wenig wie der von der Mathematik .... ach laß mich

mit deiner Spekulation für jetzt in Ruhe!«

Törleß zitterte vor Aufregung, als er aufstand.

Und Beineberg wiederholte in einem fort: »nun wir werden ja sehen,

werden ja sehen ...«

* * * * *

Als Törleß abends im Bette lag, fand er keinen Schlaf. Die

Viertelstunden schlichen wie Krankenschwestern von seinem Lager,

seine Füße waren eiskalt, und die Decke drückte ihn anstatt ihn zu

wärmen.

In dem Schlafsaale hörte man nur das ruhige und gleichmäßige Atmen der

Zöglinge, die nach der Arbeit des Unterrichtes, des Turnens und des

Laufens im Freien ihren gesunden, tierischen Schlaf gefunden hatten.

Törleß horchte auf die Atemzüge der Schlafenden. Das war Beinebergs,

das Reitings, das Basinis Atem; welcher? Er wußte es nicht; aber einer

von den vielen, gleichmäßigen, gleichruhigen, gleichsicheren, die wie

ein mechanisches Werk sich hoben und senkten.

Einer der leinenen Vorhänge hatte sich nur bis zur halben Höhe

herunterrollen lassen; darunter leuchtete die helle Nacht herein und

zeichnete ein fahles, unbewegliches Viereck auf den Fußboden. Die

Schnur hatte sich oben gespießt oder war ausgesprungen und hing in

häßlichen Windungen herunter, während ihr Schatten auf dem Boden

wie ein Wurm durch das helle Viereck kroch.

Dies alles war von einer beängstigenden, grotesken Häßlichkeit.

Törleß versuchte an etwas Angenehmes zu denken. Beineberg fiel ihm

ein. Hatte er ihn nicht heute übertrumpft? Seiner Überlegenheit einen

Stoß versetzt? War es ihm nicht heute zum erstenmal gelungen, seine

Besonderheit gegen den anderen zu wahren? So hervorzuheben, daß dieser

den unendlichen Unterschied an Feinheit der Empfindlichkeit fühlen

konnte, der ihrer beiden Auffassungen voneinander trennte? Hat er

denn noch etwas zu erwidern gewußt? Ja oder nein?..

Aber dieses: ja oder nein? schwoll in seinem Kopfe an wie aufsteigende

Blasen und zerplatzte, und ja oder nein?... ja oder nein? schwoll

es immer und immer wieder an, unaufhörlich, in einem stampfenden

Rhythmus, wie das Rollen eines Eisenbahnzuges, wie das Nicken von

Blumen an zu hohen Stengeln, wie das Klopfen eines Hammers, das man

durch viele dünne Wände hindurch in einem stillen Hause hört ...

Dieses aufdringliche, selbstgefällige ja oder nein? widerte Törleß

an. Seine Freude war unecht, es hopste so lächerlich.

Und schließlich, als er auffuhr, schien es sein eigener Kopf zu

sein, der da nickte, auf den Schultern rollte, oder im Takte auf und

niederschlug ...

Endlich schwieg alles in Törleß. Vor seinen Augen war nur eine weite,

schwarze Fläche, die sich kreisrund nach allen Seiten hin ausdehnte.

Da kamen ... weit vom Rande her ... zwei kleine, wackelnde Figürchen --

quer über den Tisch. Das waren offenbar seine Eltern. Aber so klein,

daß er für sie nichts empfinden konnte.

Auf der anderen Seite verschwanden sie wieder.

Dann kamen wieder zwei; -- doch halt, da lief einer von rückwärts

an ihnen vorbei -- mit Schritten, die doppelt so lang waren als sein

Körper -- und schon war er hinter die Kante getaucht; war es nicht

Beineberg gewesen? -- Nun die zwei, der eine von ihnen war ja doch

der Mathematikprofessor? Törleß erkannte ihn an dem Sacktüchlein, das

kokett aus der Tasche schaute. Aber der andere? Der mit dem sehr,

sehr dicken Buch unter dem Arm, das halb so hoch war als er selbst?

Der sich kaum damit schleppen konnte?... Bei jedem dritten Schritte

blieben sie stehen und legten das Buch auf die Erde. Und Törleß hörte

die piepsige Stimme seines Lehrers sagen: Wenn dem so sein soll,

finden wir das richtige auf Seite zwölf, Seite zwölf verweist uns

weiter an Seite zweiundfünfzig, dann gilt aber auch das, was auf

Seite einunddreißig bemerkt wurde, und unter dieser Voraussetzung

... Dabei standen sie über das Buch gebückt und griffen mit den Händen

hinein, daß die Blätter stoben. Nach einer Weile richteten sie sich

wieder auf, und der andere streichelte fünf- oder sechsmal die Wangen

des Professors. Dann kamen abermals ein paar Schritte nach vorwärts

und Törleß hörte von neuem die Stimme, genau so, wie wenn sie im

Mathematikunterricht einen Bandwurm von Beweis abfingerte. Solange,

bis der andere wieder den Professor streichelte.

Dieser andere ...? Törleß zog die Brauen zusammen, um besser zu

sehen. Trug er nicht einen Zopf? Und etwas altertümliche Kleidung?

Sehr altertümliche? Seidene Kniehosen sogar? War das nicht ...? O!

Und Törleß wachte mit einem Schrei auf: Kant!

Im nächsten Augenblicke lächelte er; es war ganz still umher, die

Atemzüge der Schlafenden waren leise geworden. Auch er hatte

geschlafen. Und in seinem Bette war es einstweilen warm geworden.

Er dehnte sich behaglich unter der Decke entlang.

»Ich habe also von Kant geträumt,« dachte er, »warum nicht länger?

Vielleicht hätte er mir doch etwas ausgeplaudert.« Er erinnerte sich

nämlich, wie er einstens, in Geschichte nicht vorbereitet, während der

ganzen Nacht so lebhaft von den betreffenden Personen und Ereignissen

geträumt hatte, daß er am nächsten Tag davon erzählen konnte, als

wäre er selbst mit dabei gewesen, und die Prüfung mit Auszeichnung

bestand. Und nun fiel ihm auch Beineberg wieder ein, Beineberg und

Kant -- das gestrige Gespräch.

Langsam zog sich der Traum von Törleß zurück -- langsam, wie eine

seidene Decke, die über die Haut eines nackten Körpers hinuntergleitet,

ohne ein Ende zu nehmen.

Aber doch wich sein Lächeln bald wieder einer sonderbaren Unruhe. War

er denn in seinen Gedanken auch nur um einen Schritt wirklich weiter

gekommen? Konnte er denn auch nur _etwas_ aus diesem Buche ersehen,

das die Lösung aller Rätsel enthalten sollte? Und sein Sieg? Gewiß,

es war nur seine unerwartete Lebhaftigkeit gewesen, die Beineberg zum

Schweigen gebracht hatte ...

Abermals bemächtigte sich eine tiefe Unlust und förmlich körperliche

Übelkeit seiner. So lag er Minuten lang, vom Ekel ganz ausgehöhlt.

Dann aber trat plötzlich wieder die Empfindung in sein Bewußtsein,

wie sein Körper an allen Stellen von der milden, lauwarmen Leinwand des

Bettes berührt wurde. Behutsam, ganz langsam und behutsam drehte

Törleß den Kopf. Richtig, dort lag noch das fahle Viereck auf dem

Estrich -- mit ein wenig verschobenen Seiten zwar, aber noch kroch

auch jener gewundene Schatten hindurch. Ihm war, als liege dort eine

Gefahr gekettet, die er aus seinem Bette heraus, wie durch Gitterstäbe

geschützt, mit der Ruhe der Sicherheit betrachten könne.

In seiner Haut, rings um den ganzen Körper herum, erwachte dabei ein

Gefühl, das plötzlich zu einem Erinnerungsbilde wurde. Als er ganz

klein war -- ja, ja, das war's, -- als er noch Kleidchen trug und

noch nicht in die Schule ging, hatte er Zeiten, da in ihm eine ganz

unaussprechliche Sehnsucht war, ein Mäderl zu sein. Und auch diese

Sehnsucht saß nicht im Kopfe -- o nein -- auch nicht im Herzen -- sie

kitzelte im ganzen Körper und jagte rings unter der Haut umher. Ja

es gab Augenblicke, wo er sich so lebhaft als kleines Mädchen fühlte,

daß er glaubte, es könne gar nicht anders sein. Denn er wußte damals

nichts von der Bedeutung körperlicher Unterschiede und er verstand

es nicht, warum man ihm von allen Seiten sagte, er müsse nun wohl

für immer ein Knabe bleiben. Und wenn man ihn fragte, warum er denn

glaube, lieber ein Mäderl zu sein, so fühlte er, daß sich das gar

nicht sagen lasse ...

Heute spürte er zum ersten Male wieder etwas Ähnliches. Wieder nur so

rings unter der Haut umher.

Etwas, das Körper und Seele zugleich zu sein schien. Ein Jagen und

Hasten, das sich tausendfältig, wie mit samtenen Fühlfäden von

Schmetterlingen an seinem Körper stieß. Und zugleich jenes Trotzen,

mit dem kleine Mädchen flüchten, wenn sie fühlen, daß sie von den

Erwachsenen ohnedies nicht verstanden werden, die Arroganz, mit

der sie dann über die Erwachsenen kichern, diese furchtsame, stets

wie zu schnellem Davonlaufen bereite Arroganz, die fühlt, daß sie sich

jeden Augenblick in irgendein furchtbar tiefes Versteck in dem kleinen

Körper zurückziehen könne ...

Törleß lachte leise vor sich hin und abermals dehnte er sich behaglich

die Decke entlang.

Dieses wutzlige kleine Männchen, von dem er geträumt hatte, wie gierig

es die Seiten unter den Fingern jagte! Und das Viereck dort unten? Ha,

ha. Ob so gescheite Männchen wohl je in ihrem Leben so etwas bemerkt

haben? Er kam sich unendlich gesichert gegen diese gescheiten Menschen

vor und zum ersten Male fühlte er, daß er in seiner Sinnlichkeit --

denn daß es diese sei, wußte er nun schon lange -- etwas hatte,

das ihm keiner zu nehmen vermochte, das auch keiner nachzumachen

vermochte, etwas, das ihn wie eine höchste, versteckteste Mauer gegen

alle fremde Klugheit schützte.

Ob so gescheite Männchen wohl je in ihrem Leben, spann er dies weiter,

unter einer einsamen Mauer gelegen und bei jedem Rieseln hinter dem

Mörtel erschrocken sind, als ob etwas Totes da Worte suche, um zu

ihnen zu sprechen? Ob sie wohl je so die Musik, die der Wind in den

herbstlichen Blättern anfacht, gefühlt haben, -- so durch und durch

gefühlt haben, daß dahinter plötzlich ein Schreck stand, ... der sich

langsam, langsam in eine Sinnlichkeit verwandelte? Aber in eine so

merkwürdige Sinnlichkeit, die mehr wie ein Flüchten und dann wie ein

Auslachen ist. O, es ist leicht gescheit zu sein, wenn man alle diese

Fragen nicht kennt ...

Dazwischen aber schien immer wieder das kleine Männchen riesig zu

wachsen, mit einem unerbittlich strengen Gesicht, und jedesmal zuckte

es wie ein elektrischer Schlag schmerzhaft von Törleß' Gehirn durch

den Körper. Der ganze Schmerz darüber, daß er noch immer vor einem

verschlossenen Tore stehen müsse, das eben, was noch im Augenblick

vorher die warmen Schläge seines Blutes weggedrängt hatten, -- erwachte

dann wieder und eine wortlose Klage flutete durch Törleß' Seele, wie

das Heulen eines Hundes, das über die weiten, nächtlichen Felder

zittert.

So schlief er ein. Noch im Halbschlaf blickte er ein paarmal zu dem

Fleck beim Fenster hinüber, so wie man mechanisch nach einem haltenden

Seile greift, um zu fühlen, ob es noch gespannt sei. Dann tauchte

unklar der Vorsatz auf, daß er morgen nochmals ganz genau über

sich nachdenken werde -- am besten mit Feder und Papier -- dann,

ganz zuletzt, war nur die angenehme, laue Wärme -- wie ein Bad und

eine sinnliche Regung -- die ihm aber als solche gar nicht mehr zu

Bewußtsein kam, sondern in irgendeiner durchaus unerkennbaren, aber

sehr nachdrücklichen Weise mit Basini verknüpft war.

Dann schlief er fest und traumlos.

* * * * *

Und doch war dies das erste, womit er am nächsten Tage aufwachte. Nun

hätte er gar zu gerne gewußt, was es eigentlich war, das er da zum

Schlusse von Basini halb gedacht und halb geträumt hatte, aber er war

nicht imstande sich darauf noch zu besinnen.

So blieb nur eine zärtliche Stimmung davon zurück, wie sie um die

Weihnachtszeit in einem Hause herrscht, wo die Kinder wissen, daß

die Geschenke schon da sind, aber noch dort hinter der geheimnisvollen

Tür versperrt, durch deren Fugen man nur hie und da einen Strahl vom

Lichterglanze dringen sieht.

Am Abend blieb Törleß in der Klasse; Beineberg und Reiting waren

irgendwohin verschwunden, wahrscheinlich in die Kammer am Dachboden;

Basini saß vorne auf seinem Platze, den Kopf mit beiden Händen über

ein Buch gestützt.

Törleß hatte sich ein Heft gekauft und richtete sorgfältig Feder und

Tinte zurecht. Dann schrieb er auf die erste Seite, nach einigem

Zögern: =De natura hominum=; er glaubte den lateinischen Titel dem

philosophischen Gegenstande schuldig zu sein. Dann zog er einen großen,

kunstvollen Schnörkel um die Überschrift und lehnte sich in seinen

Stuhl zurück, um zu warten, bis diese trockne.

Aber dies war schon lange geschehen und er hatte noch immer nicht

wieder zur Feder gegriffen. Etwas hielt ihn unbeweglich fest. Es war

die hypnotische Stimmung der großen, heißen Lampen, der tierischen

Wärme, die von dieser Masse von Menschen ausging. Er war immer

empfänglich für diesen Zustand gewesen, der sich bei ihm bis zu

körperlichem Fiebergefühle steigern konnte, das stets mit einer

außerordentlichen Empfindlichkeit des Geistes verbunden war. So auch

heute. Er hatte sich längst schon untertags zurechtgelegt, was er

eigentlich notieren wolle: die ganze Reihe jener gewissen bisherigen

Erfahrungen von dem Abend bei Bozena an bis zu jener unbestimmten

Sinnlichkeit, die sich die letzten Male bei ihm eingestellt hatte.

Wenn dann alles geordnet, Faktum für Faktum aufgezeichnet sein werde,

hoffte er, werde sich auch die richtige, verstandesgesetzmäßige

Fassung von selbst ergeben, wie die Form einer umhüllenden Linie aus

dem wirren Bilde sich hundertfältig schneidender Kurven heraustritt.

Und mehr wollte er nicht. Aber es war ihm bisher wie einem Fischer

ergangen, der zwar am Zucken des Netzes fühlt, daß ihm eine schwere

Beute ins Garn gegangen ist, aber trotz aller Anstrengungen nicht

vermag, sie ans Licht zu heben.

Und nun begann Törleß doch noch zu schreiben, -- aber hastig und ohne

mehr auf die Form zu achten. »Ich fühle«, notierte er, »etwas in mir

und weiß nicht recht, was es ist.« Rasch strich er aber die Zeile

wieder durch und schrieb an ihrer Stelle: »Ich muß krank sein --

wahnsinnig!« Hier überlief ihn ein Schauer, denn dieses Wort empfindet

sich angenehm pathetisch. »Wahnsinnig, -- oder was ist es sonst, daß

mich Dinge befremden, die den anderen alltäglich erscheinen? Daß

mich dieses Befremden quält? Daß mir dieses Befremden unzüchtige

Gefühle« -- er wählte absichtlich dieses Wort voll biblischer

Salbung, weil ihn dunkler und voller dünkte, -- »erregt? Ich bin dem

früher gegenübergestanden wie jeder junge Mann, wie alle meine

Kameraden ...« Da stockte er aber. »Ist das denn auch wahr?« dachte

er sich; »bei Bozena zum Beispiel war es doch schon so eigen; wann

hat es also eigentlich angefangen?... Egal,« dachte er, »einmal

jedenfalls.« Aber er ließ doch den Satz unvollendet.

»Welche Dinge sind es, die mich befremden? Die unscheinbarsten.

Meistens leblose Sachen. Was befremdet mich an ihnen? Ein Etwas,

das ich nicht kenne. Aber das ist es ja eben! Woher nehme ich dieses

»Etwas«? Ich empfinde sein Dasein; es wirkt auf mich; so, als ob es

sprechen wollte. Ich bin in der Aufregung eines Menschen, der einem

Gelähmten die Worte von den Verzerrungen des Mundes ablesen soll und es

nicht zuwege bringt. So, als ob ich einen Sinn mehr hätte als die

anderen, aber einen nicht fertig entwickelten, einen Sinn, der da ist,

sich bemerkbar macht, aber nicht funktioniert. Die Welt ist für mich

voll lautloser Stimmen: bin ich daher ein Seher oder ein Halluzinierter?

Aber nicht nur das Leblose wirkt so auf mich; nein, was mich viel mehr

in Zweifel stürzt, auch die Menschen. Vor einem gewissen Zeitpunkt

sah ich sie, wie sie sich selbst sehen. Beineberg und Reiting zum

Beispiel, -- sie haben ihre Kammer, eine ganz gewöhnliche, verborgene

Bodenkammer, weil es ihnen Spaß macht, einen solchen Rückzugsort zu

besitzen. Das eine tun sie, weil sie auf den zornig sind, das andere,

weil sie dem Einflusse jenes zweiten bei den Kameraden vorbeugen

wollen. Lauter verständliche klare Gründe. Heute aber erscheinen

sie mir manchmal, als hätte ich einen Traum, und sie seien Figuren

darin. Nicht ihre Worte, nicht ihre Handlungen allein, nein, alles

an ihnen, verbunden mit ihrer körperlichen Nähe, wirkt mitunter so

auf mich, wie es die leblosen Dinge tuen. Und doch höre ich sie

nebenbei immer wieder genau so sprechen wie früher, sehe, daß ihre

Handlungen und ihre Worte sich noch immer genau nach denselben

Formen aneinanderreihen ... das will mich unaufhörlich belehren, daß

gar nichts Außerordentliches vorgehe und ebenso unaufhörlich lehnt

sich doch in mir etwas dagegen auf. Diese Veränderung begann, wenn ich

mich genau erinnere, mit Basinis ...«

Hier sah Törleß unwillkürlich zu diesem hinüber.

Basini saß noch immer über sein Buch gestützt und schien zu lernen.

Wie er ihn so da sitzen sah, schwiegen in Törleß die Gedanken, und

er hatte Gelegenheit, die reizvollen Qualen, die er eben beschrieb,

wieder am Werke zu fühlen. Denn so wie ihm zu Bewußtsein kam, wie

ruhig und harmlos Basini vor ihm sitze, durch gar nichts von den andern

rechts und links unterschieden, wurden die Erniedrigungen in ihm

lebendig, die Basini erlitten hatte. Wurden in ihm lebendig: -- das

heißt, daß er gar nicht daran dachte, mit jener gewissen Jovialität,

die die moralische Überlegung im Gefolge hat, sich zu sagen, daß es in

jedem Menschen liege, nach erduldeten Erniedrigungen möglichst schnell

wenigstens nach der äußeren Haltung des Unbefangenen wieder zu

trachten, sondern daß sich sofort in ihm etwas regte, wie eine

wahnsinnig kreiselnde Bewegung, die augenblicklich das Bild Basinis

zu den unglaublichsten Verrenkungen zusammenbog, dann wieder in

nie gesehenen Verzerrungen auseinanderriß, so daß ihm selbst davor

schwindelte. Dies waren allerdings nur Vergleiche, die er nachher

erfand. Im Augenblicke selbst hatte er nur das Gefühl, daß etwas in ihm

wie ein toller Kreisel aus der zusammengeschnürten Brust zum Kopfe

hinaufwirble, das Gefühl seines Schwindels. Dazwischen hinein sprangen

wie stiebende Farbenpunkte Gefühle, die er zu den verschiedenen Zeiten

von Basini empfangen hatte.

Eigentlich war es ja immer nur ein und dasselbe Gefühl gewesen. Und

ganz eigentlich überhaupt kein Gefühl, sondern mehr ein Erbeben ganz

tief am Grunde, das gar keine merklichen Wellen warf und vor dem

doch die ganze Seele so verhalten mächtig erzitterte, daß die Wellen

selbst der stürmischsten Gefühle daneben wie harmlose Kräuselungen der

Oberfläche erschienen.

Wenn ihm dieses eine Gefühl zu verschiedenen Zeiten dennoch verschieden

zu Bewußtsein gekommen war, so hatte dies darin seinen Grund, daß er

zur Ausdeutung dieser Woge, die den ganzen Organismus überflutete,

nur über die Bilder verfügte, welche davon in seine Sinne fielen, --

so wie wenn von einer unendlich sich in die Finsternis hinein

erstreckenden Dünung nur einzelne losgelöste Teilchen an den Felsen

eines beleuchteten Ufers in die Höhe spritzen, um gleich darauf

hilflos aus dem Kreise des Lichtes wieder zu versinken.

Diese Impressionen waren daher unbeständig, wechselnd, von einem

Bewußtsein ihrer Zufälligkeit begleitet. Nie konnte Törleß sie

festhalten, denn, wie er genauer zusah, fühlte er, daß diese

Repräsentanten an der Oberfläche in gar keinem Verhältnis zu der

Wucht der dunklen ungehobenen Masse standen, die zu vertreten sie

vorgaben.

Nie »sah« er Basini irgendwie in körperlicher Plastik und Lebendigkeit

irgendeiner Pose, nie hatte er eine wirkliche Vision: immer nur

die Illusion einer solchen, gewissermaßen nur die Vision seiner

Visionen. Denn immer war es in ihm, als sei soeben ein Bild über

die geheimnisvolle Fläche gehuscht, und nie gelang es ihm, im

Augenblicke des Vorganges selbst, diesen zu erhaschen. Daher war

beständig eine rastlose Unruhe in ihm, wie man sie vor einem

Kinematographen empfindet, wenn man neben der Illusion des Ganzen

doch eine vage Wahrnehmung nicht loswerden kann, daß hinter dem Bilde,

das man empfängt, hunderte von -- für sich betrachtet ganz anderen --

Bildern vorbeihuschen.

Wo aber in ihm diese illusionierende -- und doch stets um ein unmeßbar

Kleines zu wenig illusionierende -- Kraft eigentlich zu suchen sei,

wußte er nicht. Er ahnte nur dunkel, daß sie mit jener rätselhaften

Eigenschaft seiner Seele zusammenhänge, auch von den leblosen Dingen,

den bloßen Gegenständen mitunter wie von hundert schweigenden,

fragenden Augen überfallen zu werden.

Törleß saß also ganz still und starr, sah unaufhörlich zu Basini

hinüber und war ganz in dem tollen Wirbeln seines Inneren befangen.

Und immer wieder tauchte daraus die eine Frage auf: Was ist das für

eine besondere Eigenschaft, die ich besitze? Allmählich sah er

weder Basini mehr, noch die heiß glosenden Lampen, noch fühlte er

die tierische Wärme ringsumher, noch das Summen und Brausen, das aus

einer Menge von Menschen, selbst wenn sie nur flüstern, aufsteigt. Wie

eine heiße, dunkel glühende Masse schwang das alles ununterschieden

im Kreise um ihn. Nur in den Ohren fühlte er ein Brennen und in den

Fingerspitzen eine eisige Kälte. Er befand sich in jenem Zustande

eines mehr seelischen als körperlichen Fiebers, den er sehr liebte.

Immer mehr wuchs diese Stimmung, der auch zärtliche Regungen

beigemengt waren, an. In diesem Zustande hatte er sich früher gerne

jenen Erinnerungen hingegeben, welche das Weib hinterläßt, wenn

sein warmer Atem zum ersten Male an solch einer jungen Seele

vorbeistreift. Und auch heute erwachte in ihm jene müde Wärme. Da:

eine Erinnerung ... Es war auf einer Reise ... in einer kleinen

italienischen Stadt ... er wohnte mit seinen Eltern in einem

Gasthofe nicht weit vom Theater. Jeden Abend gaben sie dort

dieselbe Oper und jeden Abend hörte er jedes Wort und jeden Ton

herüber. Aber er war der Sprache nicht mächtig. Und jeden Abend saß er

dennoch am offenen Fenster und hörte zu. Auf diese Weise verliebte

er sich in eine der Schauspielerinnen, ohne sie je gesehen zu haben. Er

war nie vom Theater so ergriffen worden wie damals; er empfand die

Leidenschaft der Melodien wie Flügelschläge großer dunkler Vögel, als

ob er die Linien fühlen könnte, die ihr Flug in seiner Seele zog. Es

waren keine menschlichen Leidenschaften mehr, die er hörte, nein, es

waren Leidenschaften, die aus den Menschen entflohen, wie aus zu

engen und zu alltäglichen Käfigen. Nie konnte er in dieser Erregung an

die Personen denken, welche dort drüben -- unsichtbar -- jene

Leidenschaften agierten; versuchte er sie sich vorzustellen, so

schossen augenblicks dunkle Flammen vor seinen Augen auf oder

unerhört gigantische Dimensionen, so wie in der Finsternis die

menschlichen Körper wachsen und menschliche Augen wie die Spiegel

tiefer Brunnen leuchten. Diese düstere Flamme, diese Augen im

Dunkel, diese schwarzen Flügelschläge liebte er damals unter dem

Namen jener ihm unbekannten Schauspielerin.

Und wer hatte die Oper geschaffen? Er wußte es nicht. Vielleicht war

der Text ein fader, sentimentaler Liebesroman. Hatte sein Schöpfer

gefühlt, daß er unter den Tönen zu etwas anderem wurde?

Ein Gedanke preßte Törleß am ganzen Körper zusammen. Sind auch die

Erwachsenen so? Ist die Welt so? Ist es ein allgemeines Gesetz, daß

etwas in uns ist, das stärker, größer, schöner, leidenschaftlicher,

dunkler ist als wir? Worüber wir so wenig Macht haben, daß wir nur

ziellos tausend Samenkörner streuen können, bis aus einem plötzlich

eine Saat wie eine dunkle Flamme schießt, die weit über uns

hinauswächst?... Und in jedem Nerv seines Körpers bebte ein

ungeduldiges Ja als Antwort.

Törleß sah mit glänzenden Augen um sich. Noch immer waren die Lampen,

die Wärme, das Licht, die emsigen Menschen da. Aber er kam sich unter

all dem wie ein Auserwählter vor. Wie ein Heiliger, der himmlische

Gesichte hat -- denn von der Intuition großer Künstler wußte er nichts.

Hastig, mit der Geschwindigkeit der Angst, griff er nach der Feder und

notierte sich einige Zeilen über seine Entdeckung; noch einmal schien

es in seinem Innern weithin wie ein Licht zu sprühen, -- -- -- -- --

dann brach ein aschgrauer Regen über seine Augen und der bunte Glanz

in seinem Geiste erlosch.

* * * * *

... Aber die Episode mit Kant war nahezu gänzlich überwunden. Bei

Tage dachte Törleß überhaupt nicht mehr daran; die Überzeugung,

daß er selbst schon nahe der Lösung seiner Rätsel stehe, war viel zu

lebhaft in ihm, als daß er sich noch um die Wege eines anderen

bekümmert hätte. Seit dem letzten Abend war ihm, er habe den Griff

zu der Türe, die hinüberführe, schon in der Hand gefühlt, nur sei

er ihm wieder entglitten. Da er aber eingesehen hatte, daß er auf

die Hülfe philosophischer Bücher verzichten müsse, und auch kein

rechtes Vertrauen zu ihnen hatte, stand er ziemlich ratlos da, wie

er ihn wiedergewinnen wolle. Er machte einige Male Versuche in seinen

Aufzeichnungen fortzufahren, allein die geschriebenen Worte blieben

tot, eine Reihe von grämlichen, längst bekannten Fragezeichen, ohne

daß jener Augenblick wieder erwacht wäre, in dem er zwischen ihnen

hindurch wie in ein von zitternden Kerzenflammen erhelltes Gewölbe

geblickt hatte.

Daher beschloß er, so oft als möglich, immer und immer wieder die

Situationen zu suchen, welche jenen für ihn so eigentümlichen Gehalt in

sich trugen; und besonders häufig ruhte sein Blick auf Basini, wenn

dieser, sich unbeobachtet glaubend, harmlos unter den anderen sich

bewegte. »Einmal«, dachte sich Törleß, »wird es schon wieder lebendig

werden und dann vielleicht lebhafter und klarer als bisher.« Und

er wurde ganz beruhigt durch diesen Gedanken, daß man sich solchen

Dingen gegenüber einfach in einem finsteren Raume befinde und einem

nichts übrig bleibe, als, wenn man die richtige Stelle wieder unter

den Fingern verloren hat, nochmals und nochmals aufs Geratewohl die

dunklen Wände abzutasten.

In den Nächten jedoch verfärbte sich dieser Gedanke ein wenig. Es

überkam ihn da doch eine gewisse Beschämung darüber, daß er sich an

seinem ursprünglichen Vorsatze, aus dem Buche, das ihm sein Lehrer

gezeigt hatte, sich die vielleicht doch darin enthaltene Erklärung

zu holen, so vorbeigedrückt hatte. Er lag dann ruhig und horchte zu

Basini hinüber, dessen geschändeter Körper friedlich wie die aller

anderen atmete. Er lag ruhig, wie ein Jäger auf dem Anstande, mit dem

Gefühle, daß die also verwartete Zeit ihren Lohn schon noch bringen

werde. Sowie aber der Gedanke an das Buch auftauchte, nagte ein

feinzahniger Zweifel an dieser Ruhe, eine Ahnung, daß er Unnützes

tue, ein zögerndes Geständnis einer erlittenen Niederlage.

Sobald dieses unklare Gefühl sich geltend machte, verlor seine

Aufmerksamkeit das Behagliche, mit dem man der Entwicklung eines

wissenschaftlichen Experimentes zusieht. Ein körperlicher Einfluß

schien dann von Basini auszugehen, ein Reiz, wie wenn man in der Nähe

eines Weibes schläft, von dem man jeden Augenblick die Decke wegziehen

kann. Ein Kitzel im Gehirn, der von dem Bewußtsein ausgeht, daß man

nur die Hand auszustrecken brauche. Das, was junge Paare häufig zu

Ausschweifungen treibt, die weit über ihr sinnliches Bedürfnis

hinausgehen.

* * * * *

Je nach der Lebhaftigkeit, mit der ihm einfiel, daß sein Unterfangen

ihm vielleicht lächerlich erscheinen müßte, wenn er das alles wüßte,

was Kant, was sein Professor, was alle die wissen, welche mit ihren

Studien fertig sind, je nach der Stärke dieser Erschütterung waren

die sinnlichen Antriebe schwächer oder stärker, welche trotz der

Stille des allgemeinen Schlafes seine Augen heiß und offen hielten.

Ja zeitweilig loderten sie so mächtig in ihm empor, daß sie jeden

anderen Gedanken erstickten. Wenn er sich in diesen Augenblicken

halb willig, halb verzweifelt ihren Einflüsterungen hingab, so ging

es ihm nur, wie es allen Menschen geht, die ja auch nie so sehr zu

einer tollen, ausschweifenden, so sehr die Seele zerreißenden, mit

wollüstiger Absicht zerreißenden, Sinnlichkeit neigen, als dann,

wenn sie einen Mißerfolg erlitten haben, der das Gleichgewicht ihres

Selbstbewußtseins erschüttert. -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Wenn er dann nach Mitternacht endlich in unruhigem Schlummer lag,

schien ihm einige Male, daß jemand aus der Gegend um Reitings oder

Beinebergs Bett aufstand, seinen Mantel nahm und zu Basini hintrat.

Dann verließen sie den Saal.... ... Aber es konnte auch eine

Einbildung gewesen sein. -- -- -- -- -- --

* * * * *

Es kamen zwei Feiertage; da sie auf einen Montag und Dienstag fielen,

ließ der Direktor den Zöglingen schon den Samstag frei und es gab

viertägige Ferien. Für Törleß war dies jedoch zu wenig, um die weite

Reise nach Hause machen zu können; er hatte deswegen gehofft, daß

wenigstens seine Eltern ihn besuchen würden, allein sein Vater wurde

durch dringende Geschäfte im Ministerium festgehalten und die Mutter

fühlte sich unwohl, so daß sie sich nicht allein den Anstrengungen der

Reise aussetzen konnte.

Erst als Törleß den Brief erhielt, in dem ihm seine Eltern absagten

und viele zärtliche Tröstungen hinzufügten, fühlte er, daß es ihm

so eigentlich ganz recht sei. Er hätte es beinahe als eine Störung

empfunden, -- zumindest hätte es ihn arg verwirrt, -- wenn er seinen

Eltern im jetzigen Zeitpunkte hätte gegenübertreten müssen.

Viele Zöglinge erhielten Einladungen auf naheliegende Besitzungen.

Auch Dschjusch, dessen Eltern eine Tagreise im Wagen von der kleinen

Stadt entfernt ein schönes Gut besaßen, nahm Urlaub und Beineberg,

Reiting, Hofmeier begleiteten ihn. Auch Basini war von Dschjusch

eingeladen worden, allein Reiting hatte ihm befohlen abzulehnen.

Törleß schützte vor, daß er nicht wisse, ob seine Eltern nicht doch

noch kommen würden; er fühlte sich absolut nicht zu harmlos heiteren

Festlichkeiten und Unterhaltungen gelaunt.

Samstag mittag schon lag das große Haus schweigend und nahezu verlassen

da.

Wenn Törleß durch die Gänge schritt, so widerhallte es von einem Ende

zum andern; kein Mensch bekümmerte sich um ihn, denn auch die

meisten Lehrer waren zur Jagd oder sonst irgendwohin gefahren. Nur

bei den Mahlzeiten, die jetzt in einem kleinen Zimmer neben dem

verlassenen Speisesaale serviert wurden, sahen sich die wenigen

zurückgebliebenen Zöglinge; nach Tisch zerstreuten sich ihre Schritte

wieder in der weiten Flucht der Gänge und Zimmer, das Schweigen des

Hauses verschlang sie gleichsam, und sie führten in der Zwischenzeit

ein Leben, nicht mehr beachtet, als das der Spinnen und Tausendfüßer

in Keller und Boden.

Von Törleß' Klasse waren nur er und Basini zurückgeblieben, einige

andere ausgenommen, welche in den Krankenzimmern lagen. Beim Abschied

hatte Törleß noch einige heimliche Worte mit Reiting gewechselt, welche

sich auf Basini bezogen. Reiting fürchtete nämlich, daß Basini die

Gelegenheit benützen könnte, um bei einem der Lehrer Schutz zu suchen,

und er legte Törleß ans Herz, ihn sorgsam zu überwachen.

Es bedurfte dessen jedoch gar nicht, um Törleß' Aufmerksamkeit auf

Basini zu sammeln.

Kaum hatte sich die Unruhe der vorfahrenden Wagen, der koffertragenden

Diener, der mit Scherzen voneinander Abschied nehmenden Zöglinge aus

dem Hause verloren, als das Bewußtsein seines Alleinseins mit Basini

herrisch von Törleß Besitz ergriff.

Das war nach dem ersten Mittagmahle. Basini saß vorne auf seinem Platze

und schrieb an einem Briefe; Törleß hatte sich in die hinterste Ecke

des Zimmers gesetzt und versuchte zu lesen.

Es war zum ersten Male wieder das gewisse Buch und Törleß hatte

sich die Situation sorgsam so ausgedacht gehabt: Vorne saß Basini,

rückwärts er, mit den Augen ihn festhaltend, sich in ihn hineinbohrend.

Und so wollte er lesen. Nach jeder Seite sich tiefer in Basini

hineinsenkend. So mußte es gehen; so mußte er die Wahrheiten finden,

ohne das Leben, das lebendige, komplizierte, fragwürdige Leben, aus den

Händen zu verlieren ...

Aber es ging nicht. Wie immer, wenn er sich etwas allzu sorgfältig

vorher ausdachte. Es war zu wenig unvermittelt und die Stimmung

erlahmte rasch zu einer zähen, breiigen Langeweile, die sich eklig

an jeden der viel zu absichtlich immer wieder erneuten Versuche klebte.

Törleß warf wütend das Buch zur Erde. Basini sah sich erschreckt um,

fuhr aber gleich wieder hastig fort zu schreiben.

So krochen die Stunden der Dämmerung zu. Törleß saß ganz stumpfsinnig.

Das einzige, was sich aus einem dumpfen, surrenden, brummenden

Allgemeingefühle heraus in sein Bewußtsein hob, war das Ticken seiner

Taschenuhr. Wie ein kleines Schwänzchen wackelte es hinter dem

trägen Leib der Stunden her. Im Zimmer wurde es verschwommen ...

Basini konnte doch längst nicht mehr schreiben ... »Ah, wahrscheinlich

traut er sich nicht Licht zu machen«, dachte sich Törleß. Saß er

aber überhaupt noch auf seinem Platze? Törleß hatte in die kahle,

dämmerige Landschaft hinausgesehen und mußte sein Auge erst an das

Dunkel des Zimmers gewöhnen. Doch. Dort, der unbewegliche Schatten, das

wird er wohl sein. Ach, er seufzt ja sogar -- einmal, ... zweimal ...

oder schläft er am Ende?

Ein Diener kam und zündete die Lampen an. Basini fuhr auf und rieb

sich die Augen. Dann nahm er ein Buch aus der Lade und schien lernen

zu wollen.

Törleß brannte es auf den Lippen ihn anzusprechen, und um dem

vorzubeugen, verließ er hastig das Zimmer.

* * * * *

In der Nacht hätte Törleß beinahe Basini überfallen. Solch eine

mörderische Sinnlichkeit war in ihm nach der Pein des gedankenlosen,

stumpfsinnigen Tages erwacht. Zum Glück erlöste ihn noch rechtzeitig

der Schlaf.

Der nächste Tag verging. Er hatte nichts als die gleiche

Unfruchtbarkeit der Stille gebracht. Das Schweigen -- die Erwartung

überreizten Törleß, -- die beständige Aufmerksamkeit verzehrte alle

geistigen Kräfte, so daß er zu jedem Gedanken unfähig blieb.

Zerschlagen, enttäuscht, bis zu den ärgsten Zweifeln mit sich

unzufrieden, legte er sich frühzeitig zu Bett.

Er lag schon lange in einem ruhelosen, erhitzten Halbschlafe, als er

Basini kommen hörte.

Ohne sich zu regen, folgte er mit den Augen der dunklen Gestalt, die

an seinem Bette vorbeischritt; er hörte das Geräusch, welches durch

das Lösen der Kleidung verursacht wurde; dann das Knistern der über

den Körper gezogenen Decke.

Törleß hielt den Atem an, dennoch vermochte er nichts mehr zu hören.

Und doch verließ ihn nicht das Gefühl, daß Basini nicht schlafe,

sondern ebenso angestrengt wie er durch das Dunkel horche.

So vergingen Viertelstunden -- Stunden. Hie und da nur durch das leise

Geräusch der sich im Bette bewegenden Körper unterbrochen.

Törleß befand sich in einem eigentümlichen Zustande, der ihn wach

erhielt. Gestern waren es sinnliche Bilder der Einbildungskraft

gewesen, in denen er gefiebert hatte. Erst ganz zum Schlusse hatten

sie eine Wendung zu Basini genommen, gleichsam sich unter der

unerbittlichen Hand des Schlafes, der sie verlöschte, zum letzten Male

aufgebäumt, und er hatte gerade daran nur eine ganz dunkle Erinnerung.

Heute aber war es von Anfang an nichts als ein triebhafter Wunsch

aufzustehen und zu Basini hinüber zu gehen. Solange er das Gefühl

gehabt hatte, daß Basini wache und zu ihm herüber horche, war es kaum

auszuhalten gewesen; und jetzt, da dieser doch wohl schon schlief,

lag erst recht ein grausamer Kitzel darin, den Schlafenden wie eine

Beute zu überfallen.

Törleß spürte schon die Bewegungen des Sichaufrichtens und aus dem

Bette Steigens in allen Muskeln zucken. Trotzdem vermochte er aber

noch nicht seine Reglosigkeit abzuschütteln.

»Was soll ich denn eigentlich bei ihm?« fragte er sich in seiner

Angst fast laut. Und er mußte sich gestehen, daß die Grausamkeit

und Sinnlichkeit in ihm gar kein rechtes Ziel hatte. Er wäre in

Verlegenheit gekommen, wenn er sich wirklich auf Basini gestürzt

hätte. Er wollte ihn doch nicht prügeln? Gott bewahre! Und in welcher

Weise sollte sich denn seine sinnliche Erregung an ihm befriedigen?

Er empfand unwillkürlich einen Abscheu, als er an die verschiedenen

kleinen Knabenlaster dachte. Sich vor einem anderen Menschen so

bloßstellen? Nie!...

In dem Maße aber, als dieser Abscheu wuchs, wurde auch der Antrieb

stärker, zu Basini hinüber zu gehen. Schließlich war Törleß ganz

von der Unsinnigkeit eines solchen Unterfangens durchdrungen, aber

ein förmlich physischer Zwang schien ihn wie an einem Seile aus dem

Bette zu ziehen. Und während alle Bilder aus seinem Kopfe wichen

und er sich unaufhörlich sagte, daß es jetzt wohl am besten wäre,

den Schlaf zu suchen, richtete er sich mechanisch von seinem Lager

auf. Ganz langsam -- er fühlte ordentlich, wie dieser seelische Zwang

nur Schritt für Schritt gegen die Widerstände Boden gewann -- richtete

er sich auf. Erst einen Arm ... dann stützte er den Oberkörper auf,

dann schob er ein Knie unter der Decke hervor ... dann ... doch

plötzlich eilte er mit bloßen Füßen auf den Zehen zu Basini hinüber

und setzte sich auf den Rand des Bettes.

Basini schlief.

Er sah ganz so aus, als ob er angenehm träumte.

Törleß war noch immer nicht Herr seiner Handlungen. Einen Augenblick

saß er still und starrte dem Schlafenden ins Gesicht. Jene kurzen,

abgerissenen, gleichsam nur den Situationsbefund konstatierenden

Gedanken zuckten durch sein Gehirn, die man hat, wenn man ein

Gleichgewicht verliert, stürzt oder wenn einem ein Gegenstand aus den

Händen gerissen wird. Und ohne Besinnen faßte er Basini an der

Schulter und rüttelte ihn wach.

Der Schläfer reckte sich einige Male träge, dann fuhr er auf und

blickte Törleß mit schlafblöden Augen an.

Törleß erschrak; er war völlig verwirrt; seine Handlung kam ihm zum

ersten Male zur Besinnung, und er wußte nicht, was er nun weiter tun

solle. Er schämte sich furchtbar. Sein Herz klopfte hörbar. Worte der

Erklärung, Ausreden drängten sich auf seine Zunge. Er wollte Basini

fragen, ob er keine Streichhölzchen habe, ob er ihm nicht sagen könne,

wie viel Uhr es sei ...

Basini glotzte ihn noch immer ohne Verständnis an.

Schon zog Törleß, ohne ein Wort hervorgebracht zu haben, den Arm

zurück, schon glitt er von dem Bette herunter, um lautlos in das

seine zurückzuschleichen, -- da schien Basini die Situation erfaßt

zu haben und richtete sich mit einem Rucke auf.

Törleß blieb unschlüssig am Bettende stehen. Basini sah ihn noch

einmal mit einem fragenden, prüfenden Blicke an, dann stieg er vollends

aus dem Bette, schlüpfte in Mantel und Hausschuhe und ging mit

schlurfenden Schritten voran.

Törleß wurde es mit einem Schlage klar, daß dies nicht zum erstenmal

geschehe.

Im Vorbeigehen nahm er die Schlüssel zur Kammer, die er unter seinem

Kopfkissen versteckt gehabt hatte, mit. -- -- -- -- -- -- -- --

Basini schritt geradenwegs zur Bodenkammer voraus. Er schien mit dem

Wege, den man ihm damals doch noch verheimlicht hatte, inzwischen

genau bekannt geworden zu sein. Er hielt die Kiste fest, als Törleß

daraufstieg, er räumte die Kulissen zur Seite, umsichtig, mit diskreten

Bewegungen, wie ein geschulter Lakai.

Törleß sperrte auf und sie traten ein. Er stand mit dem Rücken zu

Basini und zündete die kleine Lampe an.

Als er sich umdrehte, stand Basini nackt vor ihm.

Unwillkürlich trat er einen Schritt zurück. Der plötzliche Anblick

dieses nackten, schneeweißen Körpers, hinter dem das Rot der Wände zu

Blut wurde, blendete und bestürzte ihn. Basini war schön gebaut; an

seinem Leibe fehlte fast jede Spur männlicher Formen, er war von einer

keuschen, schlanken Magerkeit, wie der eines jungen Mädchens. Und

Törleß fühlte das Bild dieser Nacktheit wie heiße, weiße Flammen in

seinen Nerven auflodern. Er konnte sich der Macht dieser Schönheit

nicht entziehen. Er hatte vorher nicht gewußt, was Schönheit sei.

Denn was war ihm in seinem Alter Kunst, was kannte er schließlich

davon?! Ist sie doch bis zu einem gewissen Alter jedem in freier

Luft aufgewachsenen Menschen unverständlich und langweilig!

Hier aber war sie auf den Wegen der Sinnlichkeit zu ihm gekommen.

Heimlich, überfallend. Ein betörender warmer Atem strömte aus der

entblößten Haut, eine weiche, lüsterne Schmeichelei. Und doch war

etwas daran, das zum Händefalten feierlich und bezwingend war.

Aber nach der ersten Überraschung schämte sich Törleß des einen wie

des anderen. »Es ist doch ein Mann!« Der Gedanke empörte ihn, aber ihm

war zumute, als ob ein Mädchen nicht anders sein könnte.

Beschämt herrschte er Basini an: »Was fällt dir denn ein?! Gleich wirst

du wieder ..!!«

Nun schien _dieser_ bestürzt; zögernd und ohne die Augen von Törleß

zu lassen, nahm er den Mantel vom Boden auf.

»Da, setz dich!« wies Törleß Basini an. Dieser gehorchte. Törleß lehnte

mit hinter dem Rücken gekreuzten Händen an der Wand.

»Warum hast du dich ausgezogen? Was wolltest du von mir?«

»Nun ich dachte ...«

Zögern.

»Was dachtest du?«

»Die anderen ...«

»Was die anderen?«

»Beineberg und Reiting ...«

»Was Beineberg und Reiting? Was taten sie? Du mußt mir alles erzählen!

Ich will es so; verstehst du? Obwohl ich es schon von den andern gehört

habe.« Törleß wurde bei dieser unbeholfenen Lüge rot. Basini biß sich

die Lippen.

»Nun, wird's?!«

»Nein, verlange nicht, daß ich erzähle! Bitte, verlange es nicht! Ich

will ja alles tun, was du willst. Aber laß mich nicht erzählen... O,

du hast solch eine besondere Art mich zu quälen ..!« Haß, Angst und

eine flehentliche Bitte kämpften in den Augen Basinis. Törleß lenkte

unwillkürlich ein.

»Ich will dich gar nicht quälen. Ich will dich nur zwingen, selbst die

volle Wahrheit zu sagen. Vielleicht in deinem Interesse.«

»Aber ich habe doch gar nichts getan, was besonderen Erzählens wert

wäre.«

»So? Warum aber hast du dich dann ausgezogen?«

»Sie verlangten es so.«

»Und warum hast du getan, was sie verlangten? Du bist also feig?

Erbärmlich feig?«

»Nein, ich bin nicht feig! Sag das nicht!«

»Wirst du den Mund halten! Wenn du ihre Prügel fürchtest, so könnten

dir die meinen auch nicht schlecht bekommen!«

»Ich fürchte aber gar nicht ihre Prügel.«

»So? Was denn?«

Törleß sprach wieder ruhig. Seine rohe Drohung ärgerte ihn bereits.

Aber unwillkürlich war sie ihm entschlüpft, lediglich weil ihm schien,

daß sich Basini ihm gegenüber mehr herausnehme als gegen die anderen.

»Wenn du dich, wie du sagst, nicht fürchtest, was ist dann mit dir?«

»Sie sagen, wenn ich ihnen zu Willen sei, werde mir nach einiger Zeit

alles verziehen werden.«

»Von ihnen beiden?«

»Nein, überhaupt.«

»Wie können sie das versprechen; ich bin doch auch noch da!«

»Hiefür werden schon sie sorgen, sagen sie!«

Dies gab Törleß einen Schlag. Beinebergs Worte, daß Reiting

gegebenenfalls gegen ihn gerade so handeln würde wie gegen Basini,

fielen ihm ein. Und wenn es wirklich zu einer Intrige gegen ihn käme,

wie sollte er ihr begegnen? Er war den beiden in derlei nicht

gewachsen, wie weit würden sie es treiben können? Wie mit Basini?...

Alles in ihm lehnte sich gegen diesen hämischen Einfall auf.

Minuten verstrichen zwischen ihm und Basini. Er wußte, daß es ihm an

Wagemut und Ausdauer zu derlei Ränken gebrach; aber nur deswegen,

weil er sich zu wenig dafür interessierte, weil er nie seine ganze

Persönlichkeit im Spiele fühlte. Er hatte immer mehr dabei zu verlieren

als zu gewinnen gehabt. Käme dies aber einmal anders, so fühlte er,

daß auch eine ganz andere Zähigkeit und Tapferkeit in ihm sein würde.

Nur wissen müßte man, wann es Zeit sei, alles aufs Spiel zu setzen.

»Haben sie dir näheres gesagt?... wie sie sich das denken?... Das

meinetwegen?«

»Näheres? Nein. Sie sagten nur, daß sie schon sorgen würden.«

Dennoch ... eine Gefahr lag nun da ... irgendwo im Versteck ... und

lauerte auf Törleß ... jeder Schritt konnte in eine Fußangel

fallen, jede Nacht konnte die letzte vor Kämpfen sein. Eine

ungeheure Unsicherheit lag in diesem Gedanken. Das war kein lässiges

Sichtreibenlassen mehr, kein Spielen mit rätselhaften Gesichten, -- das

hatte harte Ecken und war fühlbare Wirklichkeit.

Das Gespräch fing wieder an.

»Und was tun sie mit dir?«

Basini schwieg.

»Wenn es dir mit deiner Besserung ernst ist, mußt du mir alles sagen.«

»Sie lassen mich auskleiden.«

»Ja, ja, das sah ich doch, ... und dann ....«

Eine kleine Weile verstrich und plötzlich sagte Basini:

»Verschiedenes.«

Er sagte es mit einer weibischen, buhlerischen Betonung.

»Du bist also ihre ... Mai...tresse?«

»O nein, ich bin ihr Freund!«

»Wie kannst du dich unterstehen, das zu sagen!«

»Sie sagen es selbst.«

»Was?...«

»Ja, Reiting.«

»So, Reiting?«

»Ja, er ist sehr freundlich zu mir. Meist muß ich mich ausziehen und

ihm etwas aus Geschichtsbüchern vorlesen; von Rom und seinen Kaisern,

von den Borgias, von Timur Chan ... na du weißt schon, lauter solch

blutige, große Sachen. Dann ist er sogar zärtlich gegen mich.

* * * * *

Die Verwirrungen des Zöglings Törleß · 第 2 / 8 题